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Die türkische Außenpolitik unter Erbakan und Erdoğan im Vergleich

Hausarbeit 2015 14 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Erbakans Außenpolitik
1. Die Grundzüge der Außenpolitik von Necmettin Erbakan

III. Erdoğans Außenpolitik: Tendenzen zum Neo-Osmanismus?
1. Der Stratege am Bosporus- Davutoğlus utopische Großmachtvisionen

IV. Gegenüberstellung-Vergleichende Analyse von Erbakan und Erdogan

V. Fazit

Literaturverzeichnis:

I. Einleitung

Gegenwärtig werden wir in den Medien oft mit den Namen der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP und seinem Gründer Recep Tayyip Erdoğan konfrontiert.

Aber wer ist dieser Erdoğan überhaupt und welche außenpolitischen Ziele verfolgt er nun?

Um die heutigen Entwicklungen der Türkei unter der Regierung von Erdogan genauer verstehen zu können, muss man sich auch jedoch mit Necmettin Erbakan auseinandersetzten. Erbakan gilt als Ziehvater von Erdoğan und Begründer der islamistischen Bewegung in der Türkei.

In dieser Form wird nach der Einleitung ein Blick auf die außenpolitischen Positionen, in Bezug auf die Liberalität der Politik von Erbakan und Erdogan geworfen.

Welcher dieser beiden Politiker war eigentlich außenpolitisch liberaler?

Welche Beziehungen pflegten sie zur Europäischen Union?

Welchen außenpolitischen Kurs verfolgten sie nach der Regierungsübernahme?

Was war eigentlich der Grund weshalb Erdogan sich von der Fazilet Partei loslöste und die AKP gründete?

Im Hinblick auf die zuvor formulierten Fragen wird im Rahmen dieser Hausarbeit der Versuch unternommen, die Liberalität der beiden Politiker in Bezug auf die Außenpolitik zu vergleichen und eine vorläufige wissenschaftliche Antwort zu finden.

Die Hausarbeit gliedert sich in drei Teile:

- Erbakans Außenpolitik
- Erdoğans Außenpolitik: Neo-Osmanistische Tendenzen?
- Gegenüberstellung von Erbakan und Erdogan im Hinblick auf die Außenpolitik

Anschließend wird durch ein Fazit Stellung zum Thema genommen und die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst.

Die entsprechenden Literatur- und Quellenangaben werden zum Schluss dieser Hausarbeit aufgelistet.

II. Erbakans Außenpolitik

Im Folgenden werden die Grundzüge der Außenpolitik von Necmettin Erbakan näher erläutert, um dann auf diesen Grundlagen aufbauend, eine umfangreiche Darstellung der Thematik vorzulegen.

1. Die Grundzüge der Außenpolitik von Necmettin Erbakan

Necmettin Erbakan war der erste Politiker, nach der Gründung der Republik Türkei, der eine öffentlich islamisch-konservative Partei gründete und begann eine anti laizistische, pro-islamische Politik zu betreiben. Er gilt als der politische Vater des Islamismus in der modernen Türkei.[1]

Die Parteien, die Erbakan gründete, wurden mehrmals vom türkischen Verfassungsgericht (Anayasa Mahkemesi) für verfassungsfeindlich erklärt und aufgelöst. Trotzdem fand er in konservativen Teilen der Türkei, welche nicht zu unterschätzen sind, großen Zuspruch. Erbakan glaubte, dass die Türkei ihre Bemühungen in die EU aufgenommen zu werden, aufgeben und sich der islamischen Welt zuwenden sollte. Ungeachtet, dass die Parteien, welche Erbakan gegründet hat vom Verfassungsgericht aufgelöst wurden, änderte Erbakan seine Parteipolitik nicht und lehnte die EU stets ab.

Erbakan bezeichnete die EU in jeder Plattform als "Christenclub" ,welcher kein wahres Interesse an der Türkei hätte weshalb bestimmte Lokomotivstaaten der EU die Beitrittsverhandlungen der Türkei aufschieben wollten.[2] [3]

Erbakan brachte den Gedanken auf, dass die islamische Welt unter der Führung der Türkei eine islamische Union, einen islamischen Markt und einen Islambund als Gegenpol zur EU bilden müsse.[4] [5]

Diese Forderung und die internationalen Geschehnisse in den islamischen Ländern, wie beispielsweise der Afghanistan-Krieg oder das arabische Petrol Embargo gegen den Westen, während des Israel-Ägyptischen Krieges in den vergangenen Jahrzehnten, sorgten unteranderem auch dafür, dass der Islamismus auch in der Türkei unter der politischen Führung von Erbakan einen Höhepunkt erreichen konnte.[6]

Erbakan und die Milli-Görüş Bewegung widmete jedoch die größte außenpolitische Aufmerksamkeit dem Zypernkonflikt, der jederzeit zu eskalieren drohte.

Als Erbakan schließlich 1995 mit der Refah Partei die Regierung stellen konnte, änderte er seine Strategie und versuchte liberalere Töne in der Außenpolitik zu treffen.[7] Dadurch versuchte Erbakan systemtreu zu wirken und den Islamismus zunächst gezielt in den Hintergrund zu schieben, um nicht erneut als verfassungsfeindlich eingestuft zu werden.[8] [9]

Doch durch die Besuchsdiplomatie zeigte Erbakan unweigerlich eine klare Stellung.

Seinen ersten Amtsbesuch unternahm er in den Iran, wo Erbakan seinen iranischen Amtskollegen Rafsandschani traf und beide Ministerpräsidenten daraufhin ein Erdöl Abkommen unterzeichneten.

Dieses Treffen wurde insbesondere von der USA stark kritisiert und man warf Ankara vor sich von dem Erdöl der "Mullas" abhängig zu machen.[10]

Der Amtsbesuch im benachbarten Iran wurde ebenfalls von den westlichen Ländern, aber auch in der türkischen Medienlandschaft stark kritisiert. Der zweite darauffolgende Amtsbesuch nach Lybien sollte aber ein außenpolitisches Fiasko in der Geschichte der Türkei werden.

Anders als erwartet musste sich Erbakan in dieser Reise vor der Öffentlichkeit eine "Anklagerede" von Lybischen Staatspräsidenten Muammer al-Gaddafi anhören, in der er Türkei vorwarf, unter großem politischen Einfluss der Amerikaner zu stehen und die Minderheit der Kurden in der Türkei unterdrücke.[11]

Aufgrund dieser diplomatischen Krise mit dem muslimischen Lybien verlor Erbakan außenpolitisch als auch innenpolitisch an Ansehen und zugleich Macht. Die türkischen Medien ließen dieses Ereignis vom 5 Oktober 1996 nicht ruhen und behaupteten sogar, dass das Ende der Ära von Erbakan gekommen sei.[12] Doch wendete sich überraschend das Blatt für Erbakan als die christdemokratischen Regierungschefs der EU in März 1997 unter Vorsitz Helmut Kohls zusammentrafen und deutlich machten, dass die Türkei aus religiösen und kulturellen Gründen nicht in die europäische Zivilisation passen würde.[13] Erbakan war somit in seiner Aussage, dass die EU ein Christenclub sei, teilweise bestätigt worden.[14] Zweifelsohne war diese klare Ansage der EU für die gesamte türkische Bevölkerung aber insbesondere für die Säkularisten, die sich stark zu jeder Zeit für eine europäische Türkei aussprachen ein großer Schock und eine tiefe Enttäuschung.[15]

Dieses Ereignis stärkte Erbakans politisches Dasein wieder.[16]

Doch trotz seiner streng islamischen Haltung warfen ihm einige Kreise, als auch seine eigene Partei vor, "nur zum Schei n" zu handeln.[17]

Die Koalition von Erbakan mit der laizistischen Partei DYP unter Vorsitz von Tansu Ciller wurde bereits damals von der Wählerschaft von Erbakan stark kritisiert.[18] Dass aber während dieser Koalition Erbakan offiziell mit Israel einen Staatsabkommen unterzeichnete, machte ihn teilweise zu einer Zielscheibe der eigenen Wählerschaft. Auch warf man Erbakan vor, dass er aus seiner anti-europäischen Haltung heraus nichts unternommen habe, um das Abkommen zur Zollunion mit der EU zu verhindern.[19]

Necmettin Erbakan versuchte außenpolitisch die junge Türkei auf einen neuen Kurs zu bringen und wie beschrieben vom westlichen Bündnissen loszulösen, was dazu geführt hat, dass diese neue Vorgehensweise von Seiten des "Militärs, Medien und der Bürokratie" scharf kritisiert wurde.[20] Durch diese Kritik bezüglich der neuen Außenpolitik insbesondere vom Militär, welche einen hohen Stellenwert als Wächter der westlich orientierten Türkei inne hat, führte es dazu, dass ein Misstrauensantrag gegen Erbakan im Parlament (TBMM) eingereicht wurde.[21]

[...]


[1] Çakır, Ruşen (2005): Milli Görüş Hareketi, in:Bora, Tanıl/Gültekingil,Murat:İslamcılık, İstanbul:İletişim Verlag, S.544.

[2] Çalmuk, Fehmi (2005): Necmettin Erbakan, in:Bora, Tanıl/Gültekingil,Murat:İslamcılık, İstanbul:İletişim Verlag, S.551.

[3] Vgl. Tibi, Bassam (2005): Mit dem Kopftuch nach Europa: Die Türkei auf dem Weg in die Europäische Union, Darmstadt: Primus Verlag, S. 54-55.

[4] Vgl. Şen, Faruk (2004): Parti Programlarında Milli Görüş,AKP Milli Görüşcü mü?,İstanbul:Nokta Verlag,S. 150.

[5] Vgl. Hale, William (2003): Türk Dış Politikası 1774-2000,İstanbul: Mozaik Verlag, S. 253.

[6] Vgl. Doster, Barış (2013): Milli Görüş ve Dünyada Siyasal İslam´ın Yükseldiği Yıllar, in: Haydar Çakmak (Hrsg.): Liderlerin Dış Politika Felsefesi ve Uygulamaları, İstanbul: Doğu Verlag, S. 99.

[7] Vgl.Tibi, Bassam (1998): Aufbruch am Bosporus: Die Türkei zwischen Europa und dem Islamismus, München: Diana Verlag, S. 29.

[8] Vgl. Doster, S. 104.

[9] Vgl. Tibi, Bosporus, S. 43.

[10] Moser, Brigitte/Weithmann, Michael W (2002): Die Türkei, Nation zwischen Europa und dem Nahen Osten, Regensburg: Verlag Friedrich Pustet, S. 285.

[11] Hale, S. 319.

[12] Vgl. Ebenda, S. 319.

[13] Vgl. Ayata, Ali (2007): Außen-und Sicherheitspolitik der Türkei 1971-2005,Frankfurt am Main: Europäischer Verlag der Wissenschaften, S. 105.

[14] Vgl. Hale, S. 254.

[15] Vgl. Weithmann, S. 295 f.

[16] Vgl. Ebenda, S. 295 f.

[17] Vgl. Doster, S. 98.

[18] Vgl. Ebenda, S. 98.

[19] Vgl. Ebenda, S. 98.

[20] Öztürk, Asiye(2010): Vom Sicherheitsrisiko zum Stabilitätsfaktor? Der Wandel der türkischen Regionalpolitik im "Greater Middle East" unter besonderer Berücksichtigung der Phase nach dem 11.September 2001,Berlin:EB-Verlag, S. 62.

[21] Vgl. Ebenda, S. 88

Details

Seiten
14
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668350236
ISBN (Buch)
9783668350243
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v345090
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Institut für Demokratieforschung
Note
1,3
Schlagworte
Neo-Osmanismus Strategische Tiefe Null-Problem Politik Mutlidimensionale Außenpolitik AKP Regierung Ahmet Davutoğlu

Autor

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