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Die doppelte Anthropologie Maria Montessoris

Seminararbeit 2005 24 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Bild Maria Montessori

Zitat

Einleitung

1 Kindzentrierte Entwicklung
1.1 Immanenter Bauplan
1.2 Sensible Phasen
1.3 Der absorbierende Geist und die Mneme
1.3.1 Intellektuelle Entwicklung
1.3.2 Die Entwicklung der Sozialisation und Enkulturation
1.3.3 Entwicklung der Denk- und Wertungsmuster
1.3.4 Polarisation der Aufmerksamkeit

2 Der Mensch als „Homme moyen“
2.1 Orientierung an Adolphe Quetelet
2.2 Maria Montessori und der mittlere Mensch
2.3 Normalisation

Fazit

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Bild Maria Montessori

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Maria Montessori (1870 – 1952)

Quelle: http://www.montessori-nw.org/Images/photo1.jpg

Zitat

"´Vor allem müssen wir vom einzelnen Menschen abstrahieren, wir dürfen ihn nur als Bruchteil der ganzen Gattung betrachten. Indem wir ihn von seiner Individualität entkleiden, beseitigen wir alles, was zufällig ist; und die individuellen Besonderheiten, die wenig oder gar keinen Einfluss auf die Masse haben, verschwinden von selbst.´"[1]

Lambert Adolphe Jacques Quetelet (*1796 - + 1874)

Einleitung

Maria Montessori gilt als Reformpädagogin, die maßgeblich das Weltbild der Pädagogik beeinflusste und immer noch beeinflusst.

Die Reformpädagogik in der Zeit zwischen 1890 und 1933 bedeutete, vor allem vor dem Ersten Weltkrieg, die Anwendung pädagogischer Reflexion auf die historisch-gesellschaftliche Situation aus der eine Vielfalt unterschiedlicher Ansätze zur Erneuerung der Schule und der Erziehung hervorgingen. Anlässe in Deutschland waren damals der um 1900 abgeschlossene Aufbau eines verschulten, bürokratisierten, selektiven Schulsystems im wilhelminischen Obrigkeitsstaat und der mit der Industrialisierung, Verstädterung und Mobilität einhergehende gesellschaftliche, technische, ökonomische und kulturelle Umbruch. Mit der Modernität reformpädagogischen Denkens und Handelns verbanden sich Vorstellungen von einer entbürokratisierten Schule, von freiheitlich demokratischen Lebensverhältnissen und liberalen, kindorientierten Bildungsidealen.

Beschäftigt man sich näher mit der pädagogischen Anthropologie Maria Montessoris, wird man unweigerlich mit zwei unterschiedlichen Positionen ihrer Anthropologie konfrontiert. Die eine Position ist von einem individuellen Charakter geprägt. Sie behandelt die kindzentrierte Entwicklung des Kindes. Die Entwicklung hin zum Individuum. Die andere Position beschreibt die Entwicklung des Kindes hin zum mittleren Menschen. Hier steht nicht das Kind mit seinen individuellen Eigenschaften im Mittelpunkt sondern der von Adolphe Quetelet errechnette >> homme moyen <<. Es soll deutlich werden, dass Montessoris Fokus aufs Ganze gerichtet ist. Die Bearbeitung dieser beiden Positionen innerhalb der pädagogischen Anthropologie von Maria Montessori stellt den Inhalt dieser Seminarbarbeit dar.

Dabei gehe ich zuerst näher auf die kindzentrierte Betrachtungsweise ein, bevor ich im Punkt zwei den >> homme moyen << näher bearbeite. Um verschiedene Annahmen und Aussagen zu be- bzw. zu entkräften, bediene ich mich zeitweilig Zitaten von der Protagonistin beziehungsweise von den im Literaturverzeichnis aufgeführten Autoren.

Da gerade in der jetzigen Zeit, in der man in der Öffentlichkeit, ganz besonders seit PISA, Reformen in der Pädagogik fordert, werden Änderungsmöglichkeiten und neue Wege gesucht. Bei der Erarbeitung von Reformvorschlägen bedient man sich nicht selten der Forschungsergebnisse namhafter Pädagogen.

Maria Montessori war eine, wenn nicht sogar die Reformpädagogin dieses Jahrhunderts und Grundzüge ihrer Anthropologie dienen bis zum heutigen Tag als Erziehungsgrundlage.

Dass diese Anthropologie jedoch nicht unreflektiert übernommen werden sollte und von zwei ganz unterschiedlichen Positionen dominiert wird, die wiederum mit einer Vielzahl von Problemen behaftet sind, versuche ich in dieser Seminararbeit darzustellen.

1 Kindzentrierte Entwicklung

1.1 Immanenter Bauplan

In der Entwicklungstheorie von Maria Montessori spielt die Biologie einen zentralen Bezugspunkt. Im Zentrum steht dabei ein universeller „Bauplan der Natur“[2]. Diesen benutzt Maria Montessori als Erklärungsschema für jeglichen Entwicklungsprozess, sei er nun im physischen, psychischen oder sozialen Bereich. Um ihre Theorie des immanenten Bauplans besser veranschaulichen zu können greift sie auf eine Keimparabel zurück.

„So wie jede Keimzelle bereits den Bauplan des ganzen Organismus in sich trägt, ohne dass dieser irgendwie feststellbar wäre, so enthält jedes neugeborenen Lebewesen, welcher Gattung immer es angehört, in sich den Bauplan jener psychischen Instinkte und Funktionen, die das Wesen instand setzen soll, (…). Es wäre widersinnig anzunehmen, dass gerade der Mensch, der sich durch die Großartigkeit seines seelischen Lebens von allen anderen Geschöpfen unterscheidet, als einziger keinen Bauplan seelischer Entwicklung in sich tragen sollte (…).[3]

Daher ist M. Montessori auch der Ansicht, dass in gleicher Weise, wie die Keimzelle mit gehorsamer Genauigkeit einen immanenten Bauplan ausführt, gehorcht auch das Kind inneren Direktiven seiner Entwicklung. Es folgt, so Montessori, zunächst völlig unbewusst, gehorsam seinem immanenten Bauplan, der eine klare Struktur aufweist und einen logischen Aufbau in sich birgt. Dieser immanente Bauplan offenbart sich in spontanen Äußerungen des Kindes, das sich spezifisch bestimmten Ausschnitten seiner Umwelt zuwendet. Auf diese Weise sammelt das Kind sinnliche Eindrücke, die durch den, wie Montessori schreibt, absorbierenden Geist aufgenommen werden. Dieser hier aufgeführte absorbierende Geist, wird in einem späteren Zeitpunkt der Arbeit noch näher dokumentiert (siehe Punkt 1.3.).

Eine der Hauptaufgaben des immanenten Bauplans besteht in der Organisation der Eindrücke in einem komplexen Ideensytem[4]. Dieser immanente Bauplan, der in jedem Kind existent ist, ist dafür angelegt die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes zu verwirklichen. Dies geschieht durch eine tätige Auseinandersetzung des Kindes mit ihrer Umwelt.[5] Die Entwicklung des Kindes findet demzufolge nach einem unsichtbaren Plan statt.

Große Bedeutung haben dabei die sensiblen Phasen.

1.2 Sensible Phasen

Der Begriff der sensiblen Phase hat Montessori von dem holländischen Biologen Hugo de Vries nach einem Schlüsselerlebnis mit der Entwicklung der Raupe 1917 übernommen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Hugo de Vries

Quelle: http://www.bib.ulb.ac.be/coursmath/bio/gphoto/vries.jpg

Sensible Phasen sind in der frühen Entwicklung von Lebewesen Zeiten von vorübergehender Dauer. In diesen Zeiten ist eine besondere Empfänglichkeit für den Erwerb bestimmter Fähigkeiten existent, die aber hinterher wieder abklingen. Maria Montessori stellte in bestimmten Lebensabschnitten schöpferische Sensitivitäten fest, durch die wiederum bestimmte Lernprozesse besonders gefördert werden. Diese Lernprozesse können jedoch nur gefördert werden, wenn die Umwelt entsprechende Erfahrungsmöglichkeiten bietet. Wird jedoch eine solche Phase der Empfänglichkeit nicht genutzt und streicht vorbei, kann der Erwerb einer Fähigkeit nie mehr so mühelos und ohne Willenskraft und Anstrengung geschehen. Wird sie aber genutzt, klingt die betreffende Empfänglichkeit wieder ab und es entwickelt sich ein neuer Charakterzug.[6] Noch dazu baut jede Phase auf die vorhergehende auf. Jede Phase ist somit die Phase der folgenden.[7] Diese hier beschrieben Sensibilitäten werden von Montessori auch als spirituelle Kräfte und als einen der vielen geheimnisvollen Faktoren der geistigen Entwicklung bezeichnet.[8]

Die Gegenstände, die das Kind in einer gewissen Entwicklungsphase für sein geistiges Wachstum benötigt, werden vom Kind selbständig und zielstrebig ausgesucht. Dabei weckt der Gegenstand selbst das Interesse und nicht der Erzieher. Die Vervollkommnung der geistigen Organe und das Erreichen einer intellektuellen Reife sind an die wiederholte und andauernde Übung des Individuums gebunden. Montessori ist dabei der Ansicht, dass das Kind seine anfänglich unbeherrschten und unkoordinierten Bewegungen durch Übung unter Kontrolle bekommt, so wie auch die geistige Entwicklung einen lang andauernden Übungsprozess erfordert. Dauer und Intensität mit der sich das Kind dem Gegenstand widmet, wird ausschließlich vom Kinde bestimmt.

Die Natur hat, so meint Montessori, für den Erwerb jeder Art von Können und Wissen, aber auch für die Herausbildung des Charakters, eine bestimmte Zeitspanne mit starken inneren Empfänglichkeiten festgesetzt. Daher fordert Montessori in vielen ihrer Veröffentlichungen und Vorträgen eine pädagogisch – didaktische Orientierung an den sensiblen Entwicklungsphasen des Kindes. Auftretende Lernschwierigkeiten bei Schüler führt sie zurück auf eine Nichtbeachtung der sensiblen Phasen.[9] Montessori unterteilt die Entwicklung des Menschen von der Geburt bis zu seinem 12. Lebensjahr in zwei Phasen. Die erste Phase grenzt sie auf die Lebenspanne zwischen 0 – 6 Jahre ein, wobei sie nochmals in zwei Unterstufen gegliedert wird.

Die folgenden Ausführungen über die Entwicklung des Menschen bis zu seinem 12. Lebensjahr beziehen sich auf:

[...]


[1] Hofer, Christine (2001): Die pädagogische Anthropologie Maria Montessori, - oder: Die Erziehung zum neuen Menschen. Würzburg, Ergon Verlag. S. 73

[2] Fuchs, Brigitta: Maria, Montessori, Ein pädagogisches Porträt, Weinheim und Basel, Beltz 2003. S. 57

[3] a. a. O. S. 57

[4] a. a. O., S. 58

[5] Schaub, Horst und Karl G. Zenke: dtv – Wörterbuch der Pädagogik, digitale Bibliothek Band 65, Berlin 2002, Directmedia, S. 1522

[6] Fuchs, Brigitta: Maria, Montessori, Ein pädagogisches Porträt, Weinheim und Basel, Beltz 200. S. 63

[7] Schaub, Horst und Karl G. Zenke: dtv – Wörterbuch der Pädagogik, digitale Bibliothek Band 65, Berlin 2002, Directmedia, S. 1952.

[8] Fuchs, Brigitta: Maria, Montessori, Ein pädagogisches Porträt, Weinheim und Basel, Beltz 2003. S. 60

[9] Fuchs, Brigitta: Maria, Montessori, Ein pädagogisches Porträt, Weinheim und Basel, Beltz 2003. S. 64

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638347013
ISBN (Buch)
9783638652742
Dateigröße
930 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34501
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
gut
Schlagworte
Anthropologie Maria Montessoris Fröbel Montessori Vergleich

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