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Rechtsradikalismus im Internet. Die Mobilisierungs- und Propagandastrategie einer sozialen Bewegung

Hausarbeit 2015 28 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Methodik

3 Forschungsstand

4 Theoretischer Rahmen: Ressourcenmobilisierung und Framing
4.1 Der Ressourcenmobilisierungs-Ansatz
4.2 Der Framing-Ansatz

5 Rechtsradikale Einstellungsmuster und Bewegungserfolge

6 Rechtsradikale Mobilisierungs- und Propagandastrategien außerhalb des Internets

7 Die NPD im Internet
7.1 Die Internetstrategie der NPD
7.2 Die NPD im Web

8 Weitere rechtsradikale Internetangebote

9 Die Problematik der strafrechtlichen Verfolgung im Internet

10 Rechtsradikalismus im Internet aus Sicht des Ressourcenmobilisierungs- und Framing-Ansatzes

11 Schlussbetrachtung

12 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Die aktuellen Ereignisse rund um das Flüchtlingsthema machen erneut auf die Problematik des Rechtsradikalismus[1] aufmerksam, sowohl im Internet als auch außerhalb des Internets. Der Verfassungsschutzbericht 2014 gibt die Anzahl der politisch motivierten Kriminalität von rechts mit 16.559 Straftaten an, wobei das Personenpotenzial leicht zurückgeht (Bundesamt für Verfassungsschutz 2015: 6-8). Im Vergleich dazu waren es 2001 noch 14.725 Straftaten (Bundesministerium des Inneren 2014). Besonders die NSU-Morde machen die neue Dimension der Schwere der Straftaten deutlich. Einen wichtigen Einflussfaktor für diese Entwicklung bilden die Mobilisierungs- und Propagandamöglichkeiten des Rechtsradikalismus. Durch die zunehmende Verbreitung des Internets in der Bevölkerung entstanden hier neue Möglichkeiten. Diesen Umstand scheint die rechtsradikale Bewegung erkannt zu haben. Die Anzahl entsprechender Angebote im Internet steigt kontinuierlich an. 2013 wurden von jugendschutz.net mehr als 5.500 entsprechende Angebote im Internet identifiziert, wobei davon lediglich 1.628 klassische Websites sind (jugendschutz.net 2014: 19). Die Forschungsfrage dieser Arbeit lautet daher: Welche Strategie nutzt die rechtsradikale Bewegung im Internet zur Mobilisierung und Propaganda und wie erfolgreich ist die gewählte Strategie?

Aufgrund der rasanten Entwicklung des Internets und der erst in diesem Jahrtausend einsetzenden breiten Verfügbarkeit des Internets für die Bevölkerung steht die Forschung im Bereich des Rechtsradikalismus im Internet noch am Anfang. Insbesondere Web 2.0-Angebote[2] wurden bisher wenig untersucht. Die vorliegende Arbeit analysiert diese Angebote sowie klassische Websites und stellt deren Relevanz für die Bewegung dar. Es wird argumentiert, dass die Bewegung im Internet ein umfassendes Netzwerk aufgebaut hat, welches in der Binnenkommunikation zur Stärkung der Bewegung beigetragen hat. In der Außenkommunikation konnte durch die Nutzung des Web 2.0 zwar eine breitere Öffentlichkeit erreicht werden, einen größeren Einfluss auf die Mobilisierungskraft der Bewegung hat das Internet bisher allerdings nicht.

Die Arbeit ist folgendermaßen gegliedert: Nach der Einführung in die Thematik stellt Kapitel zwei die Methodik dar. Kapitel drei rekapituliert den Forschungsstand. Das vierte Kapitel stellt die beiden Theorien der Arbeit dar und bezieht sie auf den Untersuchungsgegenstand. Kapitel fünf gibt einen Einblick in rechtsradikale Einstellungsmuster im Zeitverlauf und zeigt bisherige Erfolge rechtsradikaler Propaganda im Internet sowie zur Mobilisierungskraft der Bewegung. Hierdurch wird eine Einschätzung des Erfolgs der Internetstrategie des Rechtsradikalismus ermöglicht.[3] Das Kapitel sechs untersucht die Mobilisierungs- und Propagandastrategie außerhalb des Internets. Durch eine Gegenüberstellung mit der Untersuchung des Internet werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufgezeigt. Kapitel sieben analysiert die Internetstrategie der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD). Neben der Website des Bundesverbands bildet die Analyse des Web 2.0-Auftritts der NPD den Fokus dieses Abschnitts, wobei die Partei hauptsächlich im Bereich der Social Media aktiv ist. Im achten Kapitel folgt die Untersuchung weiterer rechtsradikaler Internetangebote. Kapitel neun geht auf die Besonderheiten der Strafverfolgung im Internet ein, da sie sich in die beiden genutzten Theorien der Bewegungsforschung integrieren lassen. Das zehnte Kapitel bezieht die empirischen Erkenntnisse der Arbeit auf die verwendeten Theorien. Schließlich zeigt das letzte Kapitel eine Zusammenfassung und Bewertung der Ergebnisse.

2 Methodik

Der Rechtsradikalismus wird im Rahmen dieser Arbeit als soziale Bewegung[4] betrachtet. Entsprechend bilden die Theorien der Bewegungsforschung den theoretischen Zugang. Zwei Theorien bilden die Grundlage der Untersuchung: der Ressourcenmobilisierungs-Ansatz (RM-Ansatz) und der Framing-Ansatz. Sie bieten sich für die Fragestellung an, da sie besonders strategische Elemente untersuchen und gegenseitig ergänzen. Die Bewertung der Bewegungserfolge wird wie folgt operationalisiert: Der Propagandaerfolg der Bewegung wird mittels Umfragen zur Sichtbarkeit rechtsradikaler Internetangebote bewertet. Durch die Analyse rechtsradikaler Einstellungsmuster wird untersucht, ob über die bloße Sichtbarkeit hinaus, Einflüsse der Internetstrategie erkennbar sind. Der Mobilisierungserfolg wird über die Häufigkeit von Protestaktionen und deren Teilnehmeranzahl eingeschätzt. Neben Sekundärliteratur und Bevölkerungsumfragen bildet die Analyse ausgewählter Webangebote die Basis der Untersuchung. Bei der Auswahl der Internetangebote wurde zum einen versucht ein möglichst breites Spektrum abzubilden, zum anderen auf einen möglichst großen Aufwand hinter den Angeboten geachtet. Dies lässt die Bewegung möglicherweise erfolgreicher erscheinen, als sie insgesamt ist, zeigt jedoch die strategischen Kalküle. So wird mit der NPD ein zentraler Akteur der Bewegung untersucht sowie einige weitere Angebote anderer rechtsradikaler Akteure. Da die NPD auf die Einhaltung der Gesetze achten muss, ermöglicht das Hinzuziehen weiterer Angebote eine bessere Analyse in der Breite.

3 Forschungsstand

Wird der Rechtsradikalismus als soziale Bewegung[5] angesehen, rücken Kommunikationsprozesse in den Blick der Forschung. Aufgrund der lockeren Strukturen kann eine Bewegung die Unterstützung durch Mitglieder und Sympathisanten nicht formal erzwingen.[6] Die Binnenkommunikation einer sozialen Bewegung muss daher für eine möglichst dauerhafte Unterstützung sorgen. Dieser prekäre Prozess bedarf einer fortlaufenden Organisation (Rucht 1991: 12). Nach außen sind die Mobilisierung von Bewegungsanhängern sowie öffentliche Aufmerksamkeit die zentralen Ressourcen, um der Erreichung der Bewegungsziele näherzukommen (Rucht 1994b: 339). Für eine soziale Bewegung ist es wichtig, die eigenen Anhänger zu einer höchstmöglichen persönlichen Aktivität für die Bewegung zu motivieren und neutrale Personen zumindest in Sympathisanten zu verwandeln (Rucht 1994a: 85-86).

Das Internet als Vernetzungs- und Kommunikationsmedium scheint nach dieser Sichtweise eine potenziell wichtige Rolle für soziale Bewegungen einzunehmen. Die Erforschung des Internets als strategisches Medium des Rechtsradikalismus begann um die Jahrtausendwende. Die zentralen Fragen sind, ob das Internet eine größere Breitenwirkung ermöglicht und ob das Internet zur Vernetzung der Bewegung beiträgt (Busch 2010: 18-25). Bezogen auf die Vernetzung der Bewegung im Internet kommt Nickolay zu dem Ergebnis, dass im gesamten rechten Lager umfassende Vernetzungen im Internet bestehen, welche zur Konsensmobilisierung beitragen (Nickolay 2000: 340-341). Caiani und Wagemann (2009: 93-94) bestätigen dies mit ihrer Netzwerkanalyse rechtsradikaler Internetseiten. Sie kommen zu dem Schluss, dass in Deutschland eine starke Vernetzung sowie eine hohe Zentralisierung bei geringer Segmentierung bestehen.[7] Als einer der zentralen Akteure im Internet wird die NPD identifiziert. Bezüglich der Vernetzung des Rechtsradikalismus weißt Pfeiffer (2009: 297) jedoch auf die Problematik hin, von Links im Internet auf tatsächliche Vernetzung zu schließen. Für ihn bestehen innerhalb des Rechtsradikalismus trotz der Bemühung um Bündnisse noch immer Rivalitäten.[8] Die Frage, ob die rechtsradikale Internetpropaganda außerhalb des rechten Spektrums Einfluss erlangt, ist nach Nickolay schwer zu analysieren. Er kommt zu der vorsichtigen Einschätzung, dass rechte Internetpropaganda in diesem Bereich wenig Relevanz hat (Nickolay 2000: 341). Eine technologische Verbreitung des Internets und eine damit einhergehende Veränderung der Nutzerstruktur des Internets könnte dies in Zukunft aber ändern (Nickolay 2000: 346). Eine neue Studie zum Rechtsradikalismus im Internet kommt von Caiani und Parenti. Sie vergleichen Rechtsradikalismus im Internet anhand der USA mit fünf europäischen Ländern, darunter Deutschland. Für sie nimmt die Bedeutung des Internets für rechtsradikale Akteure zu. Auch die Rolle des Internets bei der Mobilisierung und Identitätsbildung wird wichtiger (Caiani & Parenti 2013: 141).

Das Internet ist in einem rasanten Entwicklungsprozess, womit sich ebenfalls die Möglichkeiten der Internetnutzung verändern. Daher ist eine regelmäßige Analyse von Nutzen. Besonders die interaktiven Web 2.0-Angebote des Rechtsradikalismus fanden in der bisherigen Forschung wenig Beachtung. Die Arbeit analysiert sie zusammen mit aktuelleren klassischen Websites der Bewegung. Im folgenden Kapitel erfolgt zunächst die Darstellung des theoretischen Rahmens für die Untersuchung.

4 Theoretischer Rahmen: Ressourcenmobilisierung und Framing

Für die Fragestellung dieser Arbeit bilden der RM-Ansatz und der Framing-Ansatz den theoretischen Rahmen.[9] Beide lassen sich im Rahmen dieser Arbeit sinnvoll kombinieren. Framing kann nach Hellmann als Ressource im Sinne des RM-Ansatzes betrachtet werden, wobei der RM-Ansatz eher die „Produktion“ einer Bewegung untersucht, während Framing das „Marketing“ der Bewegung analysiert (Hellmann 1998: 22).

4.1 Der Ressourcenmobilisierungs-Ansatz

Für den RM-Ansatz ist die zentrale Frage, wie aus bloßer Unzufriedenheit Protest entsteht. Unzufriedenheit kann durch eine soziale Bewegung aber auch gezielt geschürt und manipuliert werden (McCarthy & Zald 1977: 1214-1215). Wichtig für den Erfolg oder Misserfolg einer sozialen Bewegung ist die Ansammlung von Ressourcen in Form materieller oder immaterieller Leistungen. Von besonderer Bedeutung ist es, die vorhanden Anhänger zu mobilisieren und außerhalb der Bewegung weitere Unterstützung zu generieren. Um dies zu ermöglichen bedarf es Organisationen innerhalb der Bewegung (McCarthy & Zald 1977: 1216-1220). Zwei Faktoren beeinflussen die Organisationen bei der Sammlung der Ressourcen. Zum einen eine möglichst einfache Möglichkeit für den Einzelnen Ressourcen an die Organisation zu übertragen. Zum anderen, welche technischen Möglichkeiten der Organisation zur Ressourcensammlung zur Verfügung stehen (McCarthy & Zald 1977: 1225). Weiter untersucht der Ansatz, wie es einer Bewegung gelingt, Bewegungsaktionen zu planen und durchzuführen. Insgesamt betont der RM-Ansatz die rationalen, organisierten und strategischen Momente einer Bewegung (Rucht 1994b: 340-343). Die Analyse der formalen Bewegungsorganisationen kann im Rahmen dieser Arbeit nur in Ansätzen erfolgen. Da die zentrale Frage die Möglichkeit zur Mobilisierung von Anhängern und Sympathisanten über das Internet ist und die Bildung von Netzwerkstrukturen den Mobilisierungs- und Aufmerksamkeitserfolg einer sozialen Bewegung beeinflusst, bietet sich der Ansatz für das vorliegende Thema dennoch an (Hellmann 1998: 23).

Auf das Thema bezogen werden die folgenden Ressourcen untersucht: Eine wichtige Ressource ist die Vernetzung und damit die Möglichkeit zur Kommunikation innerhalb der Bewegung. Je besser die Kommunikation funktioniert, desto leichter lassen sich Mitglieder und Sympathisanten über das Internet erreichen. Eine bessere Kommunikation verstärkt ferner das Gruppengefühl. In diesem Zusammenhang analysiert die Arbeit, ob und wie die Bewegung für direktes Engagement wirbt. Die Veröffentlichung von Informationen bildet ebenfalls eine bedeutsame Ressource. Über Informationen können Anhänger der rechtsradikalen Bewegung „Wissen“ erlangen. Dies dient zum einen zur Bildung und Aufrechterhaltung des Gruppengefühls und zur Absicherung gegenüber alternativen Weltbildern. Zum anderen kann dies zur Erzeugung persönlicher Betroffenheit beitragen, was mitunter zu einer stärkeren Bereitschaft führt, sich für die Bewegung zu engagieren. Finanzielle Mittel stellen eine weitere wichtige Ressource dar. Inwiefern die Bewegung über das Internet Finanzmittel sammelt, wird ebenfalls untersucht. Bezogen auf das Web 2.0 ist eine generelle Sichtbarkeit der Inhalte die wichtigste Ressource. Je mehr Menschen ein Angebot betrachten und teilen oder eigene Beiträge verfassen beziehungsweise kommentieren, desto eher entsteht die Auffassung, die entsprechenden Inhalte zeigen eine akzeptierte gesellschaftliche Position. Aufgrund der technischen Beschaffenheit entsprechender Angebote kann ferner ein Schneeballeffekt entstehen, der zu einer immer stärkeren Verbreitung und damit zu einer größeren Sichtbarkeit führen kann.

4.2 Der Framing-Ansatz

Im Gegensatz zum RM-Ansatz untersucht der Framing-Ansatz die Rolle von Deutungsstrategien, welche einen Sachverhalt überhaupt erst als Problem erscheinen lassen. Drei zentrale Aspekte bildet ein frame ab. Der diagnostic frame zeigt die vermeintlichen Problemursachen und Problemverursacher. Prognostic framing zeigt Lösungen des Problems auf und bietet Strategien an. Im motivational framing motiviert der frame schließlich zum Handeln (Benford & Snow 2000: 615-618). Framing-Konzepte betonen die Bedeutung von Ideologien für die Bewegung. Sie dienen dazu subjektive Erfahrungen kollektiv einzuordnen, Wirgefühle zu fördern und Ziele und Strategien zu programmieren (Rucht 1994b: 344).

Der Erfolg eines frames ist mit folgenden Bedingungen verbunden: Zum einen müssen Ansichten, Forderungen und Handeln der Bewegung konsistent sein. Zum anderen bedarf es einer empirisch glaubwürdigen Darstellung des frames. Hierbei hilft ein glaubwürdiger Bewegungssprecher. Ferner ist die Zentralität der Inhalte des frames für die Zielgruppe von Bedeutung und ob der frame an persönliche Erfahrungen sowie kulturelle Muster anknüpfen kann (Benford & Snow 2000: 619-622). Den zielgerichteten Konstruktionsprozess des frames bildet die Theorie durch „frame alignment processes“ ab. Für einen erfolgreichen frame ist demnach eine mögliche Verknüpfung mit bisher unverbunden frames wichtig (frame bridging) und die Betonung handlungsmächtiger Werte (frame amplification). „Frame extension“ zielt auf die Ausweitung des frames auf Bereiche ab, die außerhalb des primären Ziels der Bewegung liegen, jedoch für potenzielle Mitglieder wichtig sind. Schließlich sollte der frame für Veränderungen offen sein (frame transformation) (Benford & Snow 2000: 624-625).

Bezogen auf die Untersuchung des Rechtsradikalismus im Internet analysiert der Framing-Ansatz, die Darstellung der Ideologie sowie die strategische Modellierung des frames zur besseren Verbreitung und Anschlussfähigkeit. Um die bisherigen Erfolge der rechtsradikalen Internetstrategien einschätzen zu können, erfolgt im folgenden Kapitel ein Überblick rechtsradikaler Einstellungsmuster sowie der Mobilisierungs- und Propagandaerfolge der Bewegung.

5 Rechtsradikale Einstellungsmuster und Bewegungserfolge

Die rechtsradikalen Einstellungsmuster werden zunächst anhand des Forschungsprojekts „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ der Universität Bielefeld dargestellt. Das Projekt untersucht die systematische Abwertung anderer Menschen nach bestimmten Merkmalen und erfasst damit eine Grundlage der rechtsradikalen Ideologie. Das Forschungsprojekt hat zwischen 2002 und 2011 repräsentative Befragungen durchgeführt, um die Abwertung von Gruppen durch die Mitte der Gesellschaft zu untersuchen. Im Ergebnis sehen die Forscher die Abwertungsneigungen, die den Rechtsextremismus prägen, um 20 % in der Bevölkerung schwanken.[10] Das Ausmaß der Vorurteile nimmt nach einer politischen Selbsteinschätzung der Befragten von links nach rechts zu. Mit Blick auf die Altersstruktur finden sich Vorurteile eher bei den älteren Befragten, als bei den Jüngeren. Bei subtilen Abwertungen stimmen jedoch vermehrt jüngere Menschen zu. Ebenfalls untersucht das Projekt antidemokratische Meinungsmuster. Hierbei zeigt sich eine große Unterstützung für Autoritarismus und ein mangelndes Vertrauen in die Demokratie. Gefragt wurde beim Autoritarismus unter anderem Folgendes: „Um Recht und Ordnung zu bewahren, sollte man härter gegen Außenseiter und Unruhestifter vorgehen“ (2011 67 % Zustimmung). Bei Demokratiezweifeln wurde unter anderem folgende Aussage getätigt: „Die demokratischen Parteien zerreden alles und lösen die Probleme nicht“ (2011 72 % Zustimmung) (Zick & Küpper 2013: 68-78).

Auch die „Mitte“-Studie der Universität Leipzig kommt 2014 zu ähnlichen Ergebnissen bezüglich rechtsradikaler Einstellungsmuster. So liegt bei der Befragung beispielsweise die Ausländerfeindlichkeit im gesamten Bundesgebiet bei circa 26 %, wobei in den neuen Bundesländern der Wert mit 31,5 % höher ist. Der Antisemitismus erlangt Zustimmungswerte von circa 11 % (Decker u. a. 2014: 35).[11] Im Verlauf zwischen 2002 und 2014 sind die erfassten Werte bezüglich Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus leicht rückläufig beziehungsweise stagnieren, wobei es in den neuen Bundesländern auch steigende Tendenzen gibt. Der Anteil derer, die ein geschlossenes rechtsradikales Weltbild haben, sank der Umfrage zufolge im gesamten Bundesgebiet von 9,7 % in 2002 auf 5,6 % in 2014. Auch hier ist der Verlauf innerhalb der neuen Bundesländer anders. Bis 2012 stieg der Wert auf 15,8 % an und sank bis 2014 auf 7,4 % (Decker u. a. 2014: 43-48).

In Bezug auf Jugendliche kommt die Studie „Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt“ des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen 2009 zu dem Ergebnis, dass 14,4 % der Befragten sehr ausländerfeindlich und 26,2 % eher ausländerfeindlich sind. 3,8 % geben ferner an, Mitglied in einer rechten Gruppe sein (Baier u. a. 2009: 115-116 u. 119).

Die Frage nach den Propagandaerfolgen ist, wie oben angeführt, nicht einfach zu beantworten, dennoch lassen sich Rückschlüsse auf eine mögliche Breitenwirkung finden. Da insbesondere junge Menschen das Ziel rechtsradikaler Gruppierungen sind, lohnt ein Blick auf diese Bevölkerungsgruppe. Die jährlich vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest durchgeführte JIM-Studie untersucht den Umgang Jugendlicher zwischen 12 und 19 Jahren mit Medien und Informationen. Ziel der Untersuchung ist unter anderem die Kontakthäufigkeit mit rechtsradikalen Inhalten aufzuzeigen. 2010 hatten 26 % der Befragten im Internet bereits Kontakt mit entsprechenden Angeboten, wobei die Häufigkeit mit zunehmendem Alter steigt. 2004 lag dieser Wert bei 13 %, 2001 bei 17 % und 2000 bei 10 % (JIM 2010: 53; JIM 2004: 40). 2 % der Befragten berichteten 2010 von einer persönlichen Kontaktaufnahme durch die rechte Szene (JIM 2010: 52).

Um die Mobilisierungserfolge der Bewegung bewerten zu können, wird auf die Studie von Caiani und Parenti zurückgegriffen. Sie untersuchten zwischen 2005 und 2009 mittels der Analyse von Zeitungsartikeln sowohl die Häufigkeit rechtsradikaler Protestaktionen sowie die Anzahl der Teilnehmer. Die Häufigkeit von Aktionen sank demnach zunächst von circa 60 auf circa 20 und stieg zum Ende der Untersuchung auf bis zu 180 an. Die Anzahl der Teilnehmer ging zunächst von circa 11.750 auf circa 3.000 zurück und erreichte 2009 mit circa 13.000 den Höchststand. Die Autoren weisen jedoch auf den sehr kleinen Teilnehmerkreis bei einem Drittel aller Aktionen hin (nicht mehr als 5-6 Teilnehmende im Durchschnitt) (Caiani und Parenti 2013: 115-116).

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das rechtsradikale Potenzial in der Bevölkerung statistisch gesehen zurückgeht, wobei vor allem Jugendliche für rechtsradikale Bestrebungen empfänglich zu sein scheinen. Im Vergleich mit den rechtsradikalen Einstellungsmustern gibt es aber ein Mobilisierungspotenzial, welches rechtsradikale Gruppen bisher nicht nutzen konnten. Auch eine breitere Öffentlichkeit durch die Internetpropaganda hat daran wenig geändert. Mit Blick auf die Mobilisierung der Bewegungsmitglieder scheint es in den letzten Jahren Erfolge zu geben. Welche Rolle das Internet hierbei einnimmt, ist noch zu klären. Da eine Untersuchung der Mobilisierungs- und Propagandastrategie des Rechtsradikalismus im Internet ohne Betrachtung der „Offline-Strukturen“ problematisch ist, erfolgt im folgenden Kapitel zunächst eine Darstellung eben jener.

6 Rechtsradikale Mobilisierungs- und Propagandastrategien außerhalb des Internets

Dominierten in Deutschland über lange Zeit die politischen Parteien des Rechtsradikalismus, veränderte die Bewegung in den letzten Jahren ihre Struktur. 1999 wurden circa 72 % der Rechtsradikalen durch die Parteien organisiert, 2010 waren es noch 38 %. An die Stelle der Parteien traten regionalisierte aktionistische Gruppierungen. Dieser bewegungsförmige Flügel wird von sogenannten „Kameradschaften“ (lokale Ebene) und „Aktionsbüros“ (regionale Ebene) organisiert. Diese sind vor allem an der Mobilisierung Jugendlicher interessiert und präsentieren sich daher jung und dynamisch. Ausdruck findet dies in einer zunehmenden Zahl politischer Aktionen – mitunter wöchentlich und an verschiedenen Orten – und einer „Wortergreifungsstrategie“. Hierbei versuchen sie Aktionen politischer Gegner zu stören oder den Diskurs zu dominieren (Grumke 2013: 33-35).

[...]


[1] Der Begriff des Rechtsradikalismus wird dem des Rechtsextremismus mit wenigen Ausnahmen vorgezogen. Er ist neutraler und erfasst ein breiteres Spektrum von Aktivitäten (Rucht 2002: 75 & Jaschke 2001: 27). Zur Begriffsdebatte siehe Busch 2010: 15-17.

[2] Web 2.0 beschreibt die besonders interaktiven Facetten des Internets. Der Nutzer konsumiert nicht nur, sondern ist aktiv an der Erstellung der Inhalte beteiligt. Teil des Web 2.0 sind Social Media.

[3] Die Faktoren, die zu einer Radikalisierung des Einzelnen führen, sind sehr komplex. Deswegen kann dies nur ein Anhaltspunkt sein. Werner (2009) gibt hierzu einen ersten Einblick.

[4] Eine soziale Bewegung wird definiert „(…) als ein auf gewisse Dauer gestelltes und durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen, welche sozialen Wandel mit Mitteln des Protests – notfalls bis hin zur Gewaltanwendung – herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen“ (Rucht 2002: 77).

[5] Die Frage, ob der Rechtsradikalismus als soziale Bewegung zu betrachten ist, ist in der Forschung ein kontroverses Thema. Siehe dazu die Zusammenfassung verschiedener Position in Rucht 2002: 75.

[6] Einschränkend sei auf den mitunter immensen Druck innerhalb des Rechtsradikalismus, insbesondere gegenüber Aussteigern hingewiesen.

[7] Grundlage der Untersuchung bildet die Analyse von Links zwischen den Webseiten.

[8] Siehe dazu auch Rucht 2002: 80.

[9] Einen Überblick über die anderen Theorien der Bewegungsforschung geben beispielsweise Rucht 1994b: 339-347 und Hellmann 1998: 17-25

[10] Untersucht wurden die Fremden- und Islamfeindlichkeit, der Antisemitismus und der Rassismus.

[11] Die Kategorien wurden in der Studie mit jeweils drei Fragen erfasst und hier zusammengefasst.

Details

Seiten
28
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668345218
ISBN (Buch)
9783668345225
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v344878
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Schlagworte
Rechtsradikalismus Rechtsextremismus soziale Bewegung
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Titel: Rechtsradikalismus im Internet. Die Mobilisierungs- und Propagandastrategie einer sozialen Bewegung