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Schematheorie. Kommunikationswissenschaftliche Theorie des menschlichen Informationsverarbeitungsprozesses

Hausarbeit 2015 11 Seiten

Medien / Kommunikation - Forschung und Studien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Annahmen

3. Einordnung in die Medienwirkungsforschung
a. Wahrnehmung der Realität
b. Zusammenhang mit anderen Modellen
c. Ergebnisse aus der Massenkommunikationsforschung

4. Schema-Prozess-Modelle

5. Schema-Messung

6. Exkurs: Schematheorie in Nachbardisziplinen

7. Ergebniszusammenstellung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Für die hier vorliegende Arbeit habe ich mich detaillierter mit meinem Referatsthema „Schematheorie“ auseinandergesetzt.

Im Folgenden werden die Grundaussagen des kommunikationswissenschaftlichen Konzeptes dargestellt und erörtert. Hierbei verdeutlichen sich die theoretischen Annahmen des Vorhandenseins von Schemata im menschlichen Informations-verarbeitungsprozess, empirische Modelle ihrer Messung werden beschrieben. Außerdem gehen wir diversen Anwendungsgebieten in der von uns fokussierten Massenkommunikation auf die Spur und erlauben uns einen kurzen Einblick ihrer Ausbreitung auf Nachbardisziplinen.

Abgerundet wird die Arbeit von einer anschließenden Ergebniszusammenstellung mit persönlicher Stellungnahme zum beschriebenen Konzept.

Als generelle Orientierung sowie Hauptquelle dient der im Seminar erarbeitete Lehrtext von Michael Schenk aus seinem Buch Medienwirkungsforschung von 2007, S. 279-304, dessen Erläuterungen durch zusätzliche Recherche mit weiteren Informationen ergänzt werden. Da die Basis des Textes auf Schenks Arbeit beruht, werden im Folgenden nur mehr zusätzliche fremde Quellen als solche vermerkt.

2. Theoretische Annahmen

Schemata sind Wissensstrukturen, die die Informationsaufnahme und -verarbeitung des Menschen steuern.

Informationen werden aufgenommen und durch vorhandene Schemata interpretiert. Das Schema bestimmt, wie die Information verstanden und integriert wird.

Bei Kontakt mit neuen Informationen werden im menschlichen Gehirn Bündel von organisiertem Wissen aktiviert, die dazu beitragen, Neues in sinnvollem Kontext in bereits Vorhandenes einzuordnen. Dies geschieht in allen Lagen des täglichen Lebens und ist dadurch sowohl ein kommunikationswissenschaftliches als auch ein soziales Konzept. Schemata unterstützen den Menschen dabei, Informationen zu verstehen, zu erinnern und weiterzuverarbeiten (Wicks 1991: 155ff.).

Laut Schulz ist ein Schema zugleich Struktur, die Organisation im Gedächtnis schafft, Prozessor, der Informationen auswertet und vergleicht sowie Steuerungselement, das Aufmerksamkeit und Wahrnehmung lenkt.

Schemata sind also organisierte Wissensstrukturen, die den gesamten Prozess der Informationsverarbeitung leiten und die Wahrnehmung klassifizieren.

Wir unterscheiden 4 Typen der sozialen Schemata:

1. Personen -Schemata: Kategorisierung anderer Personen
2. Selbst -Schemata: Wie nehme ich mich selbst wahr?
3. Rollen -Schemata: Normen- und Verhaltensmuster, Stereotypen
4. Ereignis -Schemata: Abfolge von Ereignissen in Standardsituationen

In der Massenkommunikation sind Schemata unumgänglich. Z. B. besitzt die Nachrichtenverbreitung den Charakter von Ereignisschemata, da sie standardisiert aufbereitet werden, um uns die Verarbeitung und Kategorisierung zu erleichtern. Desweitern bilden wir Personen-Schemata zu Moderatoren.

Passen neue Informationen nicht zu den vorhandenen Schemata, kommt es zu deren Veränderung. Sie können sich bei jedem neuen Input schrittweise ändern, was als Bookkeeping bezeichnet wird. Die Konversion bezeichnet eine plötzliche, massive Änderung und durch Subtyping entstehen ergänzende Untergruppen innerhalb eines Schemas.

Der Verarbeitungsprozess ist geprägt durch Selektion, Integration sowie Konstruktion (Früh 1991: 74ff.).

3. Einordnung in die Medienwirkungsforschung

a. Wahrnehmung der Realität

Die menschliche Welt drückt sich durch eine symbolische aus. Diese verlangt, dass Zeichen vom Menschen als solche gedeutet und verstanden werden. Die Massenmedien unterstützen diesen Prozess, indem sie uns Informationen bewusst mit bestimmten Eigenschaften versehen vermitteln. Dieser ständige Prozess des Interpretierens und Interpretiert-Werdens hat zur Folge, dass unsere Annahmen der Wirklichkeit nicht mehr einer tatsächlichen, angenommenen „Wahrheit“ entsprechen, sondern vielmehr eine medial konstruierte Welt erzeugen (vgl. Früh 1991:71ff.).

Indem Früh den freien Recall von Versuchspersonen nach Medienzuwendung ausführlicher Textanalyse vollzog, stellte er fest, dass Vorstellungsbilder sich nach zunehmendem Zeitabstand immer stärker vom Ursprungsinput abändern und sich durch externe Quellen, Gespräche und Interpretationen zu unabhängigen Wahrnehmungen entwickeln. Die Erinnerung an die eigentliche Information reduziert sich drastisch, eine neue Form der Realität entsteht.

Nun gibt es in den Kommunikationswissenschaften vielerlei Ansätze, die verschiedene Theorien in Bezug auf die Medienwirkungen untersuchen. Viele von ihnen stehen in ihren Kernaussagen eng miteinander in Verbindung. Grundprinzipien der Schematheorie bilden dabei eine wichtige Kernidee, die in vielen weiteren Modellen zu tragen kommt.

b. Zusammenhang mit anderen Modellen

Der Kerngedanke der Schematheorie ist die Annahme, dass sich im menschlichen Gehirn bei Kontakt zu neuem Wissen Schemata aktivieren, die dazu beitragen, dass neue Informationen in einen brauchbaren Kontext eingebettet und anschließend im Alltag sinnvoll angewendet werden können (Wicks 1992:155 ff.).

Diese beeinflussen sowohl Wahrnehmung als auch Interpretation neuer Informationen maßgeblich.

Maßgebend für die Wirkungen von Medien ist der aktive Rezipient. Würde er Medienangebote nur passiv nutzen, würden vermittelte Vorstellungen über die Realität nur bedingt wahrgenommen und alsbald vergessen werden. Das aktive Publikum, von welchem Befürworter des dynamisch-transaktionellen Ansatzes ausgehen, hingegen erzeugt aus dem gebotenen Informationsfluss eine für es logische Welt, die mit subjektiven Zügen versehen einen individuell nachvollziehbaren Gesamtsinn ergibt, welcher durch das Medienangebot sowie Vorwissen, Motivation und Fähigkeit des Rezipienten begünstigt wird (Früh 1991:73ff.).

Eine Studie von Graber bezeugt die enge Verbindung zum Elaboration-Likelyhood sowie dem Heuristisch-Systematischen-Modell. Je nach Interesse und Fähigkeit der Rezipienten zur Informationsverarbeitung werden verschiedene Wege der Aufnahme neuen Wissens herangezogen und unterschiedlich gut abgespeichert. So führt geringes Involvement durch periphere Reize dazu, dass Neuigkeiten nur beiläufig aufgenommen und gar nicht erst in vorhandene Schemata integriert wird, während hohe Beteiligung auch zu stärkerer Beschäftigung mit dem Thema und dadurch zur Schemabildung und –ausbildung führt, wodurch es zur langfristigen Einstellungsbildung kommen kann (vgl. Schorr 2000: 77ff.).

Vergleichend dazu wird außerdem gerne das Stimulus-Response-Modell herangezogen, demzufolge Mediennutzer sich dem Nachrichtenangebot passiv bedienen und ähnlich wahrnehmen.

Als letzter Punkt sei der deutliche Zusammenhang mit dem Konzept des Framing erwähnt. Beide, Schemata und Frames, repräsentieren Situationen oder Ausschnitte der Realität in passend aufbereiteter Form und dienen dadurch als Orientierung (Früh 1991: 73ff.). Die beiden Konzepte unterscheiden sich nur hinsichtlich dessen, dass mit Frames meist nur durch Medien entstandene und vermittelte Interpretationsmuster bezeichnet werden (vgl. Schenk 2007: 319ff.).

c. Ergebnisse aus der Massenkommunikationsforschung

Blicken wir nun auf die Anwendung schematheoretischer Konzepte in der Kommunikationsforschung.

Beim Auswählen von Fernsehprogrammen werden Schemata aktualisiert, die die Zuschauer zur Präferenz bestimmter Sendungen oder Kanäle leiten. Nach konstruktivistischer Position sind persönlicher Hintergrund und Vorwissen ausschlaggebend dafür, dass Medien individuell wahrgenommen und interpretiert werden. Der Fokus in der Forschung liegt daher nicht nur beim Rezipienten sondern auch auf der Rolle des Medieninputs.

In einer Studie von Graber 1976 ergab sich, dass Themen für persönlich wichtig erachtet werden müssen, um langzeitig im Gedächtnis erhalten zu bleiben. Beim Durchlesen von Zeitungen helfen Schemata, relevante Informationen schnell zu filtern, was durch speziell initiierte Schlagwörter erleichtert wird. Wenn keine persönliche Verbindung besteht, werden Themen entweder von vorn herein ignoriert, oder in weiterer Folge schnell vergessen. Nach längerer Zeit können nur mehr Fakten zu Informationen, für die ein großes Interesse aufgebracht wurde, wiedergegeben werden. Mit steigendem Interesse nimmt auch die Erinnerung zu. Details werden zwar vergessen, Medieninformationen tragen aber dennoch dazu bei, ihre Bedeutung in ein vorhandenes Schema einzubauen. Man versucht, Verbindungen zwischen neuen Informationen und dem Bündel vorhandener Schemata herzustellen. Je größer das Bündel, umso intensiver das schematische Denken und umso leichter der Filterungsprozess relevanten Wissens.

Graber erkennt auch, dass erst Schemata es dem Individuum ermöglichen, oft bruchstückartige Informationen in einen verständnisvollen Kontext zu bringen. Sie helfen bei Selektion, Integration und beim Schließen von Schlussfolgerungen. Dadurch bildet schematisches Denken die Basis zum Erwerb von Allgemeinwissen.

Im Phänomen Hypermesia steigert sich die Erinnerung mit zunehmendem zeitlichem Abstand zum Ereignis, indem das „schlafende“ Wissen aktiviert wird.

4. Schema-Prozess-Modelle

Die Forschung versucht zu klären, wie die Information aufgenommen und ob sie wirksam verarbeitet wurde, ob z.B. Mitteilungen von Massenmedien einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Am Data-Pool-Modell von Norman und Bobrow wird gezeigt, dass eine neue Information auf ein Schema trifft, das interpretiert, ob sie aufgenommen werden kann. Wenn dem nicht so ist, wird die Information schnell vergessen. Reaktionen erfolgen also durch Anpassung an vorhandene Schemata. Das Modell löst allerdings nicht die Frage nach der Verarbeitung, sondern lediglich der Schemaaktivierung.

Das Modell von Hastie zeigt, dass vorhandene Schemata genutzt werden, um Informationen zu verarbeiten. Wenn keines aufzufinden ist, werden ähnliche gesucht, notfalls neue gebildet. Durch die Heranführung an bestehende Eindrücke, werden neue Informationen personalisiert, ehe sie im Langzeitgedächtnis gespeichert werden.

Modelle können die kognitiven Prozesse der Informationsaufnahme darstellen, müssen aber natürlich erst durch Experimente empirisch überprüft werden.

5. Schema-Messung

Im Experiment werden die Fähigkeit der Rezipienten zu Recall, Inferenzen sowie Cluster-Bildung untersucht, wobei Recall-Tests die größte Häufigkeit aufweisen. Durch sie kann bestätigt werden, dass gegebene Schemata die Wahrnehmung neuer Informationen und damit der Wirklichkeit maßgeblich beeinflussen können.

Die Anwendung von Recall-Tests in Experimenten bleibt allerdings umstritten. Da nie die gesamte Breite an Medieninhalten und somit die jeweilige Medienzuwendung untersucht werden kann, sondern stets nur ein kleiner, vorselektierter Teil an Informationen im Versuch zur Verfügung gestellt werden kann, sind auch die Ergebnisse von vorn herein manipuliert, da nur bestimmte Schemata zur Aktivierung herangezogen werden können.

Inferenztests verweisen darauf, dass Persönlichkeitsmerkmale, wie Bildung, Interessen, Motivation etc. ausschlaggebend für die Fähigkeit, Schlussfolgerungen zu ziehen, sind.

Dass Personen, die bereits ausgeprägte Schemata zu einem Thema vorweisen können, neue Informationen leichter in Subgruppen stellen können als solche mit einem schwächeren Schema, bestätigt die Clustermethode.

Zusammengefasst ergeben sich verschiedene Hypothesen. Zum einen können Personen neue Informationen, die zu einem bereits vorhandenen Schema passen, stärkere Rückschlüsse zu einem ähnlichen Thema ziehen, also Personen, die über solche Schemata nicht verfügen (Wicks 1991: 160ff.)

Weitere Forschungsergebnisse belegen, dass Informationen aus Zeitungen stärker wahrgenommen und erinnert werden, als aus dem Rundfunk stammende (1991: 162ff.).

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Details

Seiten
11
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668343603
ISBN (Buch)
9783668343610
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v344637
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Kommunikationswissenschaften
Note
1,2
Schlagworte
Schematheorie Kommunikationswissenschaften Medienwirkungsforschung Massenkommunikation Medien Kommunikation Publizistik Kommunikationstheorie Schema Informationsverarbeitung Framing Konzept

Autor

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Titel: Schematheorie. Kommunikationswissenschaftliche Theorie des menschlichen Informationsverarbeitungsprozesses