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Bulimia nervosa bei Mädchen. Mädchenspezifische Präventionsmöglichkeiten von Essstörungen

Bachelorarbeit 2014 63 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Essstörungen im Überblick
2.1 Zum Verständnis von Essstörungen
2.2 Die Formen von Essstörungen
2.2.1 Anorexia Nervosa
2.2.2 Binge-Eating-Disorder
2.3 Gemeinsamkeiten von Essstörungen

3. Bulimia nervosa bei Mädchen
3.1 Historische Entwicklung
3.2 Verbreitung und Häufigkeit
3.3 Klassifikation und Diagnosekriterien
3.4 Erklärungsansätze für die Entstehung von Bulimia nervosa
3.4.1 Biologische Faktoren
3.4.2 Familiäre Faktoren
3.4.3 Gesellschaftliche Faktoren
3.4.4 Individuelle Faktoren
3.4.5 Stufenmodell der psychodynamischen Entwicklung der Bulimia nervosa
3.5 Folgeschäden einer Bulimia nervosa
3.6 Therapieformen bei Bulimia nervosa
3.6.1 Kognitive Verhaltenstherapie
3.6.2 Interpersonale Therapie

4. Präventionsmöglichkeiten von Essstörungen
4.1 Präventionskonzepte
4.2 Nationale und internationale Präventionsprogramme
4.2.1 Präventionsprogramme des deutschsprachigen Raums
4.2.2 Internationale Präventionsprogramme

5. Vorstellung ausgewählter Präventionsprogramme
5.1 Präventionsprogramm des Mädchenhaus Heidelberg e. V.
5.1.1 Workshop zur Prävention von Essstörungen
5.2 Trainingsprogramm zum Einsatz an Schulen
5.2.1 Das Grundtraining
5.2.2 Das Auffrischungstraining
5.3 Kurze Zwischenbetrachtung

6. Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit

7. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Entstehungs- und Aufrechterhaltungsmodell von Essstörungen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Diagnosekriterien der Anorexia nervosa nach DSM-IV-TR

Tabelle 2: Diagnosekriterien der Binge-Eating-Disorder nach DSM-IV-TR

Tabelle 3: Diagnosekriterien der Bulimia nervosa nach ICD-10 und DSM-IV-TR

Tabelle 4: Häufige Fehler bei der Konzeption von Präventionsprogrammen

Tabelle 5: Der Siebe-Stufen-Plan eines Präventionsprogramms an Schulen

Tabelle 6: Deutschsprachige primärpräventive Angebote bei Essstörungen

Tabelle 7: Beispiele für internationale Präventionsprogramme von Essstörungen

Tabelle 8: Programmelemente der Prävention von Essstörungen an Schulen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„ Der Kasper, der war kerngesund, ein dicker Bub und kugelrund. Er hatte Backen rot und frisch; die Suppe aßer hübsch bei Tisch. Doch einmal fing er an zu schrein: ‚ Ich esse keine Suppe! Nein! Ich esse meine Suppe nicht! Nein, meine Suppe ess ich nicht! ‘ Am nächsten Morgen - ja sieh nur her! Da war er schon viel magerer. Da fing er wieder an zu schrein: ‚ Ich esse keine Suppe! Nein! Ich esse meine Suppe nicht! Nein, meine Suppe ess ich nicht! ‘ Am dritten Tag, o weh und ach! Wie ist der Kasper dünn und schwach! Doch als die Suppe kam herein, gleich fing er wieder an zu schrein: ‚ Ich esse keine Suppe! Nein! Ich esse meine Suppe nicht! Nein, meine Suppe ess ich nicht! ‘ Am vierten Tage endlich gar der Kasper wie ein Fädchen war. Er wog vielleicht ein halbes Lot - und war am fünften Tage tot. “

(Hoffmann 2012, S. 26)

Vielen ist die Geschichte des Suppenkaspers von Heinrich Hoffmann aus dem Jahre 1845 noch sehr gut in Erinnerung. Nicht nur, weil die Geschichte ein tragisches Ende nimmt, sondern vielmehr, weil die Nahrungsaufnahme bei vielen Menschen ein konfliktreiches Thema darstellt. Im Grunde wird mit der Nahrung Energie aufgenommen, die man zum Leben braucht. Man sollte meinen, dass diese Bedürfnisbefriedigung als angenehm empfunden wird und niemand freiwillig darauf verzichten möchte. Aber es gibt immer mehr Kinder und Jugendliche, vor allem junge Mädchen, die freiwillig auf Nahrung verzichten oder diese nach dem Essen erbrechen, um einem Schönheitsideal nachzueifern wie es in den Medien mit Hilfe verschiedenster Tricks verbreitet wird. Dabei sollte essen mehr als nur die Nahrungsaufnahme sein. Gemeinsam an einem Tisch zu sitzen und zu essen, fördert zum einen die soziale Interaktion und zum anderen die Kommunikation der Mensch, die gemeinsam speisen. Das Gefühl einer Gruppe zugehörig zu sein, ist die Folge. Beispiele hierfür sind Familienfeiern und auch das kirchliche Abendmahl. Isst man regelmäßig alleine, so fühlen sich viele Menschen einsam und alleingelassen. Die Geschichte des Suppenkaspers könnte also als ein Protest gegen die bisherige Esskultur innerhalb der Familie definiert werden.1

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Essstörungen: Bulimia nervosa bei Mädchen. Mädchenspezifische Präventionsmöglichkeiten von Essstörungen.“ Viele junge Mädchen leiden im Dunkeln an gestörtem Essverhalten und trauen sich nicht Hilfe zu suchen bzw. sehen erst gar nicht, dass sie ein Problem haben. Da ich auch privat mit diesem Thema in Berührung kam, interessiert es mich besonders herauszufinden wie Essstörungen, vor allem die Bulimia nervosa, entstehen und sich entwickeln. Dementsprechend beschäftigt sich der erste Teil der Ausarbeitung mit einem Definitionsversuch zum Thema Essstörungen (Punkt 2.1). Im nächsten Schritt werden die am häufigsten auftretenden Essstörungen vorgestellt und Gemeinsamkeiten aufgezeigt (Punkt 2.2 - 2.3). Hierbei handelt es sich um die Anorexia nervosa, Binge-Eating-Disorder und die Bulimia nervosa. Letztere wird im Gegensatz zu den anderen Erkrankungen sehr ausführlich behandelt und an dieser Stelle findet auch die historische Entwicklung von Bulimia nervosa ihren Platz, wobei es in den früheren Jahren nicht klar differenziert wurde, um welche Essstörung es sich handelt (Punkt 3.1 - 3.3). Um einen Übergang zu den Präventionsmöglichkeiten von Essstörungen zu erreichen, beschäftigt sich der letzte Teil bei der Vorstellung der Bulimia nervosa mit dem Aspekt der verschiedenen Faktoren, welche die Entstehung dieser Erkrankung bedingen können und Therapiemöglichkeiten werden aufgezeigt (Punkt 3.4 - 3.6.2).

Einen Großteil dieser Abschlussarbeit machen die diversen Präventionsmöglichkeiten von Essstörungen aus. Nachdem allgemein ein Blick auf die Entstehung eines Präventionskonzeptes, hier am Beispiel der Implementierung eines solchen Konzepts an Schulen, geworfen wurde und eine kurze Ausführung zu Beispielen von diversen nationalen und internationalen Präventionsprogrammen gegeben wurde (Punkt 4), folgt die Vorstellung zweier ausgewählter deutschsprachiger Programme zur Prävention von Essstörungen, die ich für gut geeignet halte, um sie im Rahmen der vorliegenden Arbeit näher darzustellen. Eine kurze Zwischenbetrachtung und die Bewertung der Programme schließt diesen Teil ab (Punkt 5).

Im Anschluss wird auf den Zusammenhang zwischen Essstörungen und die Rolle der Sozialen Arbeit Bezug genommen, indem die Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit im Bereich der Prävention von Essstörungen aufgezeigt werden (Punkt 6). Die Schlussbetrachtungen (Punkt 7) beschäftigen sich mit dem Fazit der erarbeiteten Inhalte dieser Ausarbeitung.

2. Essstörungen im Überblick

Um sich dem Thema der Bulimia nervosa bei Mädchen anzunähern, ist es notwendig sich anfänglich ganz allgemein mit dem Thema Essstörungen zu befassen, um zu verstehen, was eine Essstörung ist und welche weiteren Formen von Essstörungen möglich sind.

2.1 Zum Verständnis von Essstörungen

In der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen treten im Laufe der Zeit unterschiedliche Verhaltensweisen bei der Nahrungsaufnahme auf. In der Regel sind diese unproblematisch und fallen nicht unter den Begriff der Essstörungen, da es sich um ganz normale Entwicklungsphasen handelt. Die folgenden Beispiele zeigen, dass es verschiedene Möglichkeiten des Essverhaltens gibt, wobei keine davon schädlich oder unnormal ist. Die meisten Kleinkinder durchleben Phasen, in denen sie besonders wählerisch sind was die Nahrungsmittelauswahl betrifft. Im Vorschulalter hingegen gibt es Phasen, in der die Kinder sehr wenig essen, das betrifft sowohl die Nahrungsmittelvielfalt als auch die Nahrungsmittelmenge. Im weiteren Verlauf gibt es in der Pubertät die Phase, in der die Jugendlichen extrem große Mengen an Nahrungsmitteln zu sich nehmen, was mit dem Wachstumsschub in der Pubertät zusammenhängt. Die Frage ist nun, wann sich ein schwieriges Essverhalten zu einer Essstörung entwickelt. Hierfür ist es notwendig den Begriff der Essstörung zunächst zu definieren.2

„ Essstörung = Erkrankung, deren Merkmal die zwanghafte Konzentration auf Gewicht und Körperbild ist. Am häufigsten sind heranwachsende Frauen, aber auch Männer, davon betroffen. Bei Magersucht halten sich die Patienten für zu dick und hungern, obgleich sie extrem dünn sind. Fressanfälle und anschließendes selbstinduziertes Erbrechen sind die Hauptmerkmale der Bulimie, obgleich bei dieser Störung das Gewicht normal sein kann. Beide Störungen können zusammen auftreten bzw. sich ablösen. “ (Malteser 2003, S. 164)

Häufig hat sowohl das negative Selbstbild als auch die Nahrung selbst mit einer Essstörung zu tun. Menschen, die an einer Essstörung leiden, sind in der Regel äußerst selbstkritisch und haben Zweifel am eigenen Selbstwert. Die Unzufriedenheit mit sich selbst wird mit der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper assoziiert, was zu einem problematischen Essverhalten führen kann.3

2.2 Die Formen von Essstörungen

Im nun folgenden Teil gilt das Hauptaugenmerk den verschiedenen Formen von Essstörungen. Hierbei wird zum einen die Anorexia nervosa und zum anderen die BingeEating-Disorder beschrieben.

2.2.1 Anorexia nervosa

Die bekannteste Form einer Essstörung ist die Anorexia nervosa, was wörtlich übersetzt „nervöser Appetitverlust“ bedeutet. Allerdings haben Betroffene keinen Appetitverlust, sondern zwingen sich selbst zum Hungern, indem sie Hungergefühle übergehen oder abblocken, um, dem alles bestimmenden Wunsch, Gewicht zu verlieren, Folge zu leisten. Das angestrebte Körpergewicht liegt unterhalb der medizinischen Normgrenze (BMI < 17,5 kg/m²) und wird auch bei Gewichtsverlust immer weiter heruntergesetzt. Betroffen sind vor allem Mädchen und Frauen zwischen dem 12. und 28. Lebensjahr. Die meisten betroffenen Personen sind um die 15 Jahre alt. Die Gedanken beschäftigen sich fast ausschließlich mit dem Thema Essen. Anfangs werden nur zucker- und fetthaltige Lebensmittel vermieden, aber es stellt sich recht zügig eine rigide Esskontrolle ein, bei der nur noch ganz bestimmte Lebensmittel verzehrt werden und Essen generell versucht wird aus dem Weg zu gehen. Auch gemeinsame Mahlzeiten in Gesellschaft werden vermieden. Weitere typische Eigenschaften der Krankheit, die auch unter dem Namen Magersucht bekannt ist, da die Betroffenen stark abmagern, sind eine stark verzerrte Sicht des eigenen Körpers, die Herabsetzung des eigenen Selbstwerts und das Ausbleiben oder der Nichteintritt der Menstruation. Menschen, die an Magersucht leiden, haben nicht selten perfektionistische Neigungen und stellen überhöhte Ansprüche an sich selbst und versuchen diese mit allen Mitteln zu erfüllen. Sie versuchen die Krankheit zu leugnen und bezeichnen sich selbst als gesund und leistungsfähig. Um diese Aussage zu stützen, tun sie alles für Erfolg in verschiedenen Bereichen und reduzieren ihre sozialen Kontakte auf ein Minimum. Es ist wichtig sich klar zu machen, dass es sich um eine Krankheit ohne Logik handelt und diese mit rationalen Argumenten nicht außer Kraft zu setzen ist. Das ist der Grund, warum die Heilungschancen bei weniger als 50% liegen. 25% der Betroffenen erkranken erneut und 5-10% der Betroffenen sterben sogar an Anorexia nervosa. Die Zahl der erkrankten Personen liegt in der Gruppe der 14 - 20jährigen bei unter 1%, allerdings treten einzelne Symptome wie rigides oder gezügeltes Essverhalten, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und diätische Verhaltensweisen sehr häufig auf.4 Im Folgenden wird eine Übersicht zu den Diagnosekriterien der Anorexia nervosa nach DSM-IV-TR das eben erläuterte zusammenfassen. Bei DSM (Diagnostic and Statistical Manual Disordes) handelt es sich um ein Klassifikationssystem zur Diagnostik psychischer Störungen der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung. Analog hierzu dient auch das ICD-10 zur Diagnostik psychischer Störungen, welches das Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO) darstellt.

Tabelle 1: Diagnosekriterien der Anorexia nervosa nach DSM-IV-TR

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten5

2.2.2 Binge-Eating-Disorder

Eine weitere weit verbreitete Essstörung ist die Binge-Eating-Disorder. Hierbei handelt es sich um regelmäßig auftretende Essanfälle ohne unangepasstes Kompensationsverhalten zur Verhinderung einer Gewichtszunahme. Während eines Essanfalls werden unterschiedliche Nahrungsmittel in großen Mengen wahllos durcheinander gegessen. In der Regel sind Schuld- und Schamgefühle die Folge, aber auch Ekel, Niedergeschlagenheit und Hilflosigkeit spielen eine Rolle. Zwischen den einzelnen Essanfällen, die meistens passieren, wenn die betroffene Person allein ist, liegen Phasen der kontrollierten Nahrungsaufnahme, in denen versucht wird, das Essverhalten mittels eingeschränkter Nahrungsaufnahme zu kontrollieren. Betroffene sind mit ihrem Körper unzufrieden und haben bereits mehr oder weniger erfolgreiche Diäten hinter sich. Charakteristisch ist auch, dass die Essanfälle eine stimmungs- und spannungsregulierende Funktion haben. Die Essanfälle werden aufgrund von zwischenmenschlichen Konflikten, intensiven Stimmungsschwankungen und dem starken Wunsch nach Lebensmitteln verursacht. Während eines Essanfalls können mehrere Stunden vergehen. Maßgeblich für den Leidensdruck ist der Kontrollverlust den die Betroffenen erleiden.6 Die Zahl der Erkrankten in der Allgemeinbevölkerung liegt zwischen 0,7 - 4,6% und ist somit wesentlich höher als bei der Anorexia nervosa. Bei Teilnehmern von Diätprogrammen kann die Prävalenzrate einen Wert von bis zu 29,7% erreichen. Denn Adipositas ist die häufigste Begleiterkrankung der Binge-Eating-Disorder (30 - 40% der Betroffenen). Adipositas gilt selbst nicht als Essstörung, denn sie wird nicht, anders als bei den anderen Essstörungen, durch psychopathologische Faktoren bedingt und wird deshalb weder im DSM-IV-TR noch im ICD-10 als unabhängige Diagnose aufgeführt. Die Binge- Eating-Disorder hingegen wird im DSM-IV-TR unter den nicht näher bezeichneten Essstörungen aufgeführt.7 Die folgende Tabelle zeigt alle Diagnosekriterien der BingeEating-Disorder nach dem DSM-IV-TR.

Tabelle 2: Diagnosekriterien der Binge-Eating-Disorder nach DSM-IV-TR

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten8

Ein weiteres zu erwähnendes Merkmal ist, dass bei dieser Essstörung Frauen und Männer gleichermaßen betroffen sind und es keine Unterschiede im Bereich der auslösenden Faktoren gibt, wobei bei Männern die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass verschiedene Störungen gleichzeitig auftreten. Abschließend sei erwähnt, dass die Erkrankung in der Regel erstmalig zwischen dem 20. - 30. Lebensjahr bzw. dem 45. - 54. Lebensjahr auftritt und die Erkrankungsdauer durch symptomfreie Phasen und Phasen mit unterschiedlich stark ausgeprägten Symptomen, gekennzeichnet ist.9

2.3 Gemeinsamkeiten von Essstörungen

„ Essstörungen sind sehr häufig das Ergebnis einer misslungenen Selbstbehandlung zur Verbesserung des Selbstwertgefühls, das unter einer ständig gespürten Hilflosigkeit bei gleichzeitiger Überforderung durch einen hohen Selbstanspruch leidet. “

(Simchen 2010, S. 15)

Wie das oben aufgeführte Zitat sehr gut beschreibt, resultieren Essstörungen, egal in welcher Form, sehr oft aus Unzufriedenheit mit sich selbst oder dem eigenen Körper. Sowohl Wahrnehmungsstörungen und unangemessene Nahrungsmittelaufnahme als auch Schwierigkeiten bei sozialen Interaktionen gehören zu den Gemeinsamkeiten verschiedener Essstörungen. Diese führen im Allgemeinen zu gesundheitlichen, seelischen und sozialen Defiziten. Zwar gibt es verschiedene Formen, aber durch ihre Ähnlichkeit sind Mischformen sehr häufig und die Übergänge zwischen verschiedenen Essstörungen fließend.

3. Bulimia nervosa bei Mädchen

Bulimia nervosa bedeutet wörtlich übersetzt „Stierhunger“ und wird auch Ess-Brech-Sucht genannt. Dies bezieht sich auf die regelmäßig auftretenden Essanfälle dieser Krankheit. Im Unterschied zur Binge-Eating-Disorder lösen diese Essanfälle jedoch Schuld- und Schamgefühle aus, welche zu Ekel und Gefühlen des Versagens führen. Unangemessene kompensatorische Verhaltensweisen, wie selbstinduziertes Erbrechen, der Missbrauch von Arzneimitteln (Laxantien, Diuretika), exzessive sportliche Betätigung und fasten, zur Gewichtsregulierung, sind die Folge. Zwischen diesen Heißhungerattacken achten die Betroffenen sehr strikt auf die Ernährung und schränken diese stark ein. Die Essanfälle gehen einher mit einem nicht zu stoppenden Kontrollverlust, der die Betroffenen selbst am meisten belastet. Sie können während eines solchen Anfalls weder die Art noch die Menge der aufnehmenden Nahrung kontrollieren, wobei es sich meistens um leicht verzehrbare und hochkalorische Nahrungsmittel handelt. In der Regel sind Betroffene der Bulimia nervosa normalgewichtig, daher ist die Krankheit nicht leicht zu erkennen und die Betroffenen leiden aus Angst vor einem Outing im Stillen. Die Essanfälle werden durch psychischen Dauerstress und hohe Selbstansprüche ausgelöst.10 Es gibt Studien darüber, dass Menschen, die an Bulimia nervosa leiden, gleichzeitig von einer Impulssteuerungsschwäche betroffen sind, die ebenfalls bei dem Krankheitsbild des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms vorhanden ist, weshalb die Vermutung nahe liegt, dass beide Krankheitsbilder eng miteinander verbunden sind. Allerdings gibt es noch nicht ausreichend fundierte wissenschaftliche Studien darüber. Dennoch wird der Vollständigkeit halber eine Liste mit Symptomen, die bei beiden Krankheitsbildern vorhanden sind, vorgestellt. Bei einem Bestehen dieser Symptome über mehrere Jahre, insbesondere bei Jugendlichen, ist eine Entwicklung hin zur Bulimia nervosa möglich.

- Das Gefühl ständiger Unruhe und Entspannungsunfähigkeit.
- Äußerst stressempfindlich mit eingeschränkter Handlungsfähigkeit.
- Strukturlose Alltagsgestaltung mit ungesunder und unregelmäßiger Ernährung.
- Subjektive Wahrnehmungsstörungen auf das eigene äußere Erscheinungsbild bezogen und ursächlich für Misserfolge und soziale Ausgrenzung.
- Ein negatives Selbstwertgefühl in Verbindung mit Hilflosigkeit und dem Gefühl nicht verstanden zu werden.
- Soziale Ängste und überforderte Reize in Gruppensituationen.
- Sehr empfindlich und impulsiv mit einhergehender Steuerungsschwäche dieser Eigenschaften.
- Hoher Selbstanspruch verbunden mit Versagensängsten bei Misserfolg. x Negativ veränderte Körperwahrnehmung und fehlendes Sättigungsgefühl. x Es werden viele Süßigkeiten verzehrt, oftmals auch als Belohnung. x Essen wird als Entspannungsmittel genutzt.
- Ein sehr ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken, das automatisierenden Charakter annehmen kann.11

3.1 Historische Entwicklungen

Wann ist die Krankheit Bulimia nervosa entstanden und wo sind ihre Wurzeln? Ist die EssBrech-Sucht eine Erfindung der Neuzeit oder liegen die Wurzeln in der Geschichte?

Nahrung war stets von großer Wichtigkeit für den Menschen und sein Handeln, schließlich sicherte diese das Überleben und besaß einen hohen Stellenwert, der sich jedoch über die Jahrhunderte hinweg änderte.

Bereits in der Antike wurde über diese Erkrankung berichtet. Hippokrates therapierte seine krankhaften Heißhungerattacken mit einem Glas Wein, er bezeichnete seine Erkrankung als „limos“, was krankhafter Hunger bedeutet.

Im alten Rom vor Christus war das selbstinduzierte Erbrechen nichts unnormales, es wurde sogar kollektiv zelebriert. Bei festlichen Banketten war es üblich, sich vor und während dem Essen zu erbrechen, um genügend Platz im Magen zu schaffen, damit die vielen Gänge auch verzehrt werden konnten.

Im Mittelalter hingegen änderten sich die Essgewohnheiten und die Bedeutung der Nahrung. Die einfache Landbevölkerung musste hart arbeiten, um wenigstens ein Minimum an Nahrung zu erwirtschaften, dabei war Fleisch den reichen Adligen und hohen Kirchenmitgliedern vorbehalten. Der einfachen Bevölkerung waren Genussmittel fremd, sie hatten nur Kartoffeln und Getreide zur Verfügung und kämpften täglich um ihr Überleben. Man kann die Situation sehr gut mit der der heutigen Entwicklungsländer vergleichen.12

Das Schönheitsideal ist stark vom Reichtum einer Gemeinschaft geprägt. Je ärmer eine Gesellschaft ist und umso mehr die Menschen für Nahrungsmittel arbeiten müssen, desto höher gestellt sind massigere Körperproportionen. In einer Gesellschafft wie die unsere, in der Wohlstand herrscht, verschiebt sich das Ideal derart, dass schlank sein und eine zierliche Figur haben als attraktiv gilt.

In den Industrienationen nimmt der Wohlstand stetig zu, dadurch verliert das Arbeiten für die tägliche Nahrungsbeschaffung an Bedeutung. Essen ist nicht mehr Grundbedürfnis, sondern soziale Interaktion, ob in der Familie oder im Geschäftsleben, durch Nahrung werden soziale Kontakte geknüpft.

Der Mensch wird durch die Fülle an Nahrungsangeboten überflutet, gegessen wird aufgrund des Genusses und nicht aus Hunger. Aus dem Widerspruch, dass der Mensch genießen will und deshalb isst, aber gleichzeitig dem Schönheitsideal entsprechen will, entstehen Essstörungen. Lebt eine Gesellschafft am Rande des Existenzminimums und droht zu verhungern, entwickelt diese keine Erkrankungen wie die hier behandelten Essstörungen.

Letztendlich sind Essstörungen auf die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurückzuführen, in denen die Frauen begannen ihre äußere Erscheinung denen der Männer anzupassen, sie trugen engere Kleidung und kurz geschnittene Haare. Um dem jungenhaften Stil noch näher zu kommen, wurde gehungert und sich nach Heißhungerattacken übergeben. Mit dem Erscheinen der ersten Frauenzeitschriften und mit Beginn der Emanzipation wuchsen die Zahlen von erkrankten Frauen. In den 1930er Jahren wurde Bulimia nervosa nur mit Heißhungerattacken verbunden, das Erbrechen war kein Symptom und wurde auf andere Erkrankungen zurückgeführt. Die verschiedenen Essstörungen wurden allerdings erst 1980 richtig und ausführlich definiert.13

3.2 Verbreitung und Häufigkeit

In der Allgemeinbevölkerung beträgt der Anteil bulimisch erkrankter Personen 1 - 2%. Dieser Wert verteilt sich vor allem auf junge Frauen im Alter von 20 - 24 Jahren. Hiermit liegt Bulimia nervosa hinter der Binge-Eating-Disorder und vor der Anorexia nervosa auf Platz 2 der am häufigsten auftretenden Essstörungen in Deutschland. Wobei einzelne Erkrankungsmerkmale der Bulimia nervosa wesentlich häufiger auftreten als die komplette Erkrankungssymptomatik. Das Alter, in dem Betroffene das erste Mal erkranken, liegt ebenfalls zwischen der Anorexia nervosa und der Binge-Eating-Disorder, weshalb es nahe liegt, dass es sich hierbei um eine Erkrankung im frühen Erwachsenenalter handelt, wobei jedoch Probleme mit dem Essen bereits im Jugendalter zu verzeichnen sind. Zwar kann man sagen, dass dies größtenteils eine Krankheit ist, die junge Frauen betrifft, dennoch liegt die Zahl der männlichen Erkrankten mit 15% höher als bei der Anorexia nervosa (ca. 5%). Die Heilungschancen einer Bulimia nervosa betreffend, sind bis zu 74% der Betroffenen nach der Behandlung symptomfrei, aber ca. ein Drittel leidet weiterhin unter der Essstörung. Auch bei dieser Erkrankung gibt es eine Sterberate, die mit 1 - 3% jedoch niedriger ist als bei der Anorexia nervosa.14

3.3 Klassifikation und Diagnosekriterien

Die folgende Tabelle soll zeigen, dass sich die diagnostischen Kriterien nach der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation für die Bulimia nervosa nur vereinzelt von dem DSM- Diagnoseschlüssel (DSM-IV-TR) der American Psychiatric Association unterscheiden.

Tabelle 3: Diagnosekriterien der Bulimia nervosa nach ICD-10 und DSM-IV-TR

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Tabelle zeigt, dass das regelmäßige Auftreten von Essanfällen ein erforderliches Kriterium der Bulimia nervosa, sowohl im Klassifikationssystem des ICD-10 als auch in dem des DSM-IV-TR, darstellt. Das DSM-IV-TR arbeitet jedoch an dieser Stelle vor allem mit den Merkmalen der Häufigkeit und des Zeitraums (z. B. innerhalb von zwei Stunden) wesentlich genauer als das im ICD-10 getan wird. Im ICD-10 findet auch das Kriterium des Kontrollverlusts, nämlich mit dem Essen nicht mehr aufhören zu können und auch die Art und Menge der Nahrungsaufnahme zu kontrollieren, keine Erwähnung. Beide Klassifikationssysteme beziehen sich auf das kompensatorische Verhalten eine Gewichtszunahme nicht zu zulassen. Hierbei stellen die kurzfristigen gewichtsreduzierenden Maßnahmen, das selbstinduzierte Erbrechen und den Missbrauch von Arzneimitteln wie Laxantien, Diuretika, Appetitzüglern und Schilddrüsenhormonen dar. Aber auch die mittelfristigen gewichtsreduzierenden Strategien nehmen einen großen Stellenwert mittels exzessiver körperlicher Betätigung, Phasen von Diät und Fasten sowie einem generellen restriktiven Essstil, ein. Wird anhand der DSM-IV-TR diagnostiziert, kann die Diagnose Bulimia nervosa nur gefällt werden, wenn Essanfälle und kompensatorische Verhaltensweisen drei Monate lang wöchentlich mindestens zweimal auftreten. Zwar wird an dieser Stelle auch die übermäßige Bewertung von Figur und Gewicht für das Selbstwertgefühl erwähnt, aber im ICD-10 stellt die pathologische Angst vor einer Gewichtszunahme in Verbindung mit der von der betroffenen Person angegebenen Gewichtsgrenze ein eigenständiges diagnostisches Kriterium dar.15 Auch wird, im Gegensatz zum ICD-10, bei der DSM-IV-TR zwischen zwei Typen der Bulimia nervosa unterschieden.

Zum einen gibt es den Purging-Typus, bei dem die Betroffenen Essanfälle mit Hilfe von kurzfristigen Maßnahmen wie selbstinduziertes Erbrechen oder der Missbrauch von Medikamenten kompensieren und zum anderen ist die Rede vom Nicht-Purging-Typus, bei dem exzessive sportliche Betätigung und Fasten im Mittelpunkt stehen und kurzfristige gewichtsreduzierende Maßnahmen unregelmäßig bis gar nicht stattfinden. Dementsprechend spielt das selbstinduzierte Erbrechen oder der Missbrauch von Medikamenten bei der Diagnose einer Bulimia nervosa an dieser Stelle im DSM-IV-TR keine Rolle. Anzeichen dafür, dass Betroffene des Purging-Typus eher jünger sind und ein reduziertes Körpergewicht aufweisen als die Betroffenen des Nicht-Purging-Typus, welche älter und normal gewichtig bis leicht übergewichtig sind, sind zunehmend der Fall.16

Um Bulimia nervosa ausschließen oder diagnostizieren zu können, sind verschiedene Vorgehensweisen möglich. Oft wird dabei auf strukturierte diagnostische Interviews und Selbstbeurteilungsfragebögen zurückgegriffen. Bei den strukturierten diagnostischen Interviews wird vor allem das Diagnostische Interview für psychische Störungen (DIPS) nach Schneider und Markgraf aus dem Jahr 2006 verwendet. Aber auch das Strukturierte Klinische Interview für DSM-IV (SKID-I und -II) nach Wittchen von 1997 wird oft durchgeführt. Beide Verfahren werden regelmäßig überarbeitet und weiterentwickelt. Während DIPS nicht nur eine Klassifikation psychischer Störungen nach ICD-10 und DSM-IV-TR ermöglicht, sondern auch wichtige Informationen für die Planung und Durchführung von psycho- und verhaltenstherapeutischer Behandlungen sammelt, befähigt SKID-I und -II den Interviewer eine schnelle und gültige Diagnose nach DSM-IV-TR zu stellen. Auch Selbstbeurteilungsfragebögen sind übliche Verfahren, die bei der Diagnostik von Essstörungen eingesetzt werden. Vor allem im Bereich der Bulimia nervosa werden folgende Fragebögen angewandt:

- Dutch Eating Behavior Questionnaire (DEBQ) nach Tatjana Van Strien aus dem Jahr 1986. Die deutsche Version wurde drei Jahre später von Susanne Grunert verfasst. Es handelt sich um einen Fragebogen, welcher drei für das bulimische Essverhalten wesentliche Bereiche aufzeichnet (extern bestimmtes, gefühlsinduziertes und restriktives Ernährungsverhalten). 1997 wurde von Franzen und Florin eine Version für Kinder des DEBQ entwickelt.
- Fragebogen zum Figurbewusstsein (FFB) nach Cooper, Taylor, Cooper und Fairburn aus dem Jahr 1987. Die deutsche Version wurde fünf Jahre später von Waadt, Laessle und Pirke verfasst. Mit Hilfe des FFB werden sowohl die Körperunzufriedenheit und die damit verbundene belastende Beschäftigung mit der Figur und dem Gewicht als auch die Befangenheit in der Gesellschaft aufgrund des eigenen Körpers aufgezeigt.17

3.4 Erklärungsansätze für die Entstehung einer Bulimia nervosa

Um im nächsten Schritt die Erklärungsansätze für die Entstehung einer Bulimia nervosa zu erläutern, ist es wichtig, sich anfänglich bewusst zu machen, dass es sich hierbei um ein komplexes Zusammenwirken verschiedener prädisponierender Faktoren handelt und vor allem Stress immer ein Bindeglied zwischen körperlicher und psychischer Symptomatik darstellt. Die verschiedenen Faktoren für die Entstehung einer Bulimia nervosa unterteilt man in prädisponierende, auslösende und aufrechterhaltende Faktoren. Zwar liegen für diese nur wenig empirische Daten vor, sodass man meinen könnte, sie hängen nicht als primäre Ursache damit zusammen, dennoch sind sie für die individuelle therapeutische Vorgehensweise unabdingbar. Bulimia nervosa ist eine psychosomatische Erkrankung, die sich aufgrund verschiedener Einflüsse entwickelt. Vor allem Mädchen in der Zeit des Heranwachsens sind betroffen. Sie versuchen Probleme zu lösen, indem sie diese mit ihrem Körper austragen. In dieser Zeit wird sich äußerst intensiv mit den gesellschaftlichen Anforderungen und der eigenen Identitätssuche beschäftigt.18 Im Folgenden werden die wichtigsten Risikofaktoren erläutert.

3.4.1 Biologische Faktoren

Betrachtet man die biologischen Faktoren im Zusammenhang mit der Entstehung einer Bulimia nervosa, so verweisen Untersuchungen darauf, dass Familienmitglieder und direkte Nachkommen von bulimischen Patienten häufiger an dieser Essstörung erkranken. Vor allem Untersuchungen an Zwillingen zeigen eine 54-83%ige Möglichkeit, dass die genetische Veranlagung die Entstehung einer Bulimia nervosa erhöhen könnte. Wobei die Konkordanzrate bei Eineiigen-Zwillingen im Vergleich zu Zweieiigen-Zwillingen erhöht ist. Allerdings gibt es noch nicht ausreichend Befunde, um abschließend eine gültige Aussage über den Einfluss der genetischen Faktoren, bei einer Entstehung von Bulimia nervosa, treffen zu können. Darüber hinaus existieren Studien zum Zusammenhang von Depressionen, Essstörungen und dem Neurotransmitter Serotonin, welche besagen, dass ein Serotoninmangel sowohl bei Depressionen als auch bei Essstörungen ein wesentlicher Bestandteil bei der Entstehung dieser Krankheiten sein kann, zumal vor allem im akuten Zustand der Bulimia nervosa sehr häufig Depressionen auftreten. Des Weiteren gelang es einigen Studien aufzuzeigen, dass Patienten mit den eben genannten Krankheitsbildern, analog zueinander, positiv auf eine Medikation mit Antidepressiva ansprechen. Weitere Studien belegen, dass der Serotoninhaushalt auch nach einer Besserung der bulimischen Symptomatik anhaltende Veränderungen aufweist.19

3.4.2 Familiäre Faktoren

Generell kann man sagen, dass es keine typische Essstörungsfamilie gibt. Auch Studien konnten nicht belegen, dass verschiedene Interaktions- oder Kommunikationsverhaltensweisen eine Essstörung bedingen. Es ist lediglich möglich, dass das Ausmaß einer Essstörung mit diesen Faktoren in Verbindung gebracht werden kann, aber nicht die Entstehung. Vermutlich handelt es sich also um eher unspezifische Begleitund Folgeerscheinungen von Essstörungen.20

3.4.3 Gesellschaftliche Faktoren

An dieser Stelle soll keineswegs der Eindruck entstehen, das gesellschaftlich vermittelte Schönheitsideal, vor allem in den westlichen Industriestaaten, sei DER Auslöser für das Entstehen von Essstörungen, dennoch ist dies ein, meiner Meinung nach, wesentlicher Bestandteil davon. Kinder und Jugendliche sind immer auf der Suche nach Vorbildern und Idolen. In der Regel sind es gerade bei Mädchen Models, Sängerinnen, Schauspielerinnen oder auch Sportlerinnen, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen und aufgrund des dort vermittelten wichtigen Schönheitsideals, welches Hand in Hand mit der Forderung nach Schlankheit geht, einem solchen entgegeneifern, was oft jenseits der Normalgrenze liegt. Die Mädchen wollen so sein wie ihre Vorbilder, vor allem optisch tendieren sie in diese Richtung. So ist es nicht verwunderlich, dass sie das in der Öffentlichkeit vertretene Schönheitsideal als normal und richtig erachten. Bereits ein nicht unwesentlicher Prozentsatz der unter 10jährigen Mädchen hat bereits eine Diät hinter sich. Bei Mädchen ist der Druck unter Gleichaltrigen, im Hinblick auf ein bestimmtes körperliches Äußeres, so hoch, dass dies das erste Auswahlkriterium für eine Zugehörigkeit in der Gruppe darstellt. Die in der Peer Group vorgegebenen Normen bezüglich des Aussehens können vor allem in der Pubertät zur Entwicklung eines negativen Körperbildes und darauf bezogenen dysfunktionalen Wahrnehmungen führen. Dennoch hängt es davon ab, wie sehr sich Mädchen individuell mit dieser Schlankheitsnorm beschäftigen. Studien belegen den Zusammenhang von Essstörungen und Diätverhalten sowie einer unverhältnismäßigen Beschäftigung mit dem eigenen Körper. Allerdings ist es nicht möglich pauschal zu sagen, dass jemand, der eine Diät macht, ein höheres Risiko hat an einer Essstörung zu erkranken.21

3.4.4 Individuelle Faktoren

Ob die bisher dargestellten Risikofaktoren die Entstehung einer Bulimia nervosa beeinflussen können, hängt vor allem von individuellen Merkmalen der betroffenen Person ab. So werden beispielsweise ein Hang zum Perfektionismus und ein niedriges Selbstwertgefühl oft mit der Erkrankung verbunden und im Jahre 2001 wurden diese beiden Persönlichkeitsmerkmale von Eric Stice als Risikofaktoren belegt. Allerdings ist unklar, ob es sich hierbei um auslösende oder aufrechterhaltende Faktoren handelt. Auch gibt es Anzeichen darauf, dass Betroffene auf zwischenmenschliche Schwierigkeiten stark gestresst reagieren und das übermäßige Essen eine Bewältigungsform darstellt. Des Weiteren spielen physische und sexuelle Traumatisierungen, überwiegend in der Kindheit, eine bedeutsame Rolle bezüglich der Entwicklung einer Bulimia nervosa, wenn auch nur als unspezifischer Risikofaktor, da ein negatives Körpergefühl die Folge sein kann. Nicht zu verachten ist auch der Einfluss kritischer Lebensereignisse im Jugendalter, wie z. B. Trennungs- und Verlusterfahrungen, psychische Folgen der Pubertät, Bedrohung des Selbstwertgefühls, negative sexuelle Erfahrungen oder überfordernde Erlebnisse in der Schule oder Ausbildung. Jugendliche werden vor Bewältigungsaufgaben gestellt, die sie in der schwierigen Entwicklungsphase der Pubertät nur selten in der Lage sind zu lösen. Das Resultat ist eine Bedrohung des Selbstwertgefühls, was bei einer ausgeprägten Anfälligkeit für das Entstehen einer Bulimia nervosa zu einer möglichen kompensatorischen Maßnahme, wie einer strengen Diät oder gezügeltes Essverhalten führen kann. Diese Maßnahmen werden als positives Erlebnis angesehen, seinem Ziel näherzukommen. Durch die Bestärkung aus dem Umfeld, auf die positive Entwicklung des Körpers, wird das Diätverhalten intensiviert.22

[...]


1 Vgl. Holtz / Weiner (2008), S. 108-109

2 Vgl. Simchen (2010), S. 12-15

3 Vgl. Simchen (2010), S. 12-15

4 Vgl. Berger (2008), S. 21-25

5 Vgl. Biedert (2008), S. 17-18

6 Vgl. Biedert (2008), S. 52-54

7 Vgl. ebd., S. 56-57

8 Vgl. ebd., S. 58

9 Vgl. ebd., S. 55

10 Vgl. Simchen (2010), S 98-99

11 Vgl. ebd., S. 101

12 Vgl. Schulte / Böhme-Bloem (1991), S. 18-20

13 Vgl. Habermas (1990), S. 78-81

14 Vgl. Biedert (2008), S. 32-33

15 Vgl. Salbach-Andrae u.a. (2010), S. 27-29

16 Vgl. Mitchell (1992), S. 327-332

17 Vgl. Biedert (2008), S. 20, 38

18 Vgl. Salbach-Andrae u.a. (2010), S. 34

19 Vgl. ebd., S. 37-38

20 Vgl. ebd., S. 35-36

21 Vgl. ebd., S. 34-35

22 Vgl. ebd., S. 36-37

Details

Seiten
63
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668342941
ISBN (Buch)
9783668342958
Dateigröße
2.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v344584
Institution / Hochschule
Hochschule RheinMain – Fachbereich Sozialwesen
Note
2,0
Schlagworte
Essstörungen Essstörungen bei Mädchen Bulimie Magersucht Bulimia nervosa Präventionsmöglichkeiten Anorexia nervosa Binge-Eating-Disorder

Autor

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Titel: Bulimia nervosa bei Mädchen. Mädchenspezifische Präventionsmöglichkeiten von Essstörungen