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Die Analogie von Erfahrung und Experiment in Kants "Kritik der reinen Vernunft"

Hausarbeit 2016 15 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Erfahrung in Kant’schém Sinne

3. Das. Experiment als Generator für Erkenntnisse a priori und dessen Relat ion zur Erfahrung

4. Fazit

5. Literaturverzeichni

6. Anhang

1. Einleitung

«Erfahrung ist ohne Zweifel das erste Produkt, welches unser Verstand hervorbringt, indem er den rohen Stoff sinnlicher Empfindungen bearbeitet. Sie ist eben dadurch die erste Belehrung, und im Fortgange so unerschöpflich an neuem Unterricht, dass das zusammengekettete Leben aller künftigen Zeugungen an neuen Kenntnissen, die auf diesem Boden gesammlet [sic] werden können, niemals Mangel haben wird.»[1]

Mit diesen Sätzen beginnt Immanuel Kant in seinem Monumentalwerk «Kritik der reinen Vernunft seine Idee der Transzendental-Philosophie. Er rückt die Erfahrung als erste begreifbare Erkenntnis aus sinnlichen Wahrnehmungen ins Zentrum und suggeriert eine leicht nachvollziehbare Erklärung für das komplexe System der Erkenntnisgewinnung. Mit dieser Auffassung steht er deshalb auch nicht alleine da, denn diese Auffassung lässt sich ebenfalls bei - wenn auch teilweise in abgewandelter Form und Ausprägung - einer Vielzahl anderer Philosophen und Denker, wie z.B. Fichte, Popper, Hume und Husserl erkennen. [2] Daher ist es von zentraler Bedeutung, die spezifischen Charakteristika von Kants erkenntnistheoretischer Auffassung der Erfahrung im Prozess der Entwicklung des Verstandes - oder die Reize und Felder[3], die die Vernunft entwickelt - genau zu betrachten und zu synthetisieren.

Die vorliegende Arbeit bewegt sich in der Erkenntnistheorie, die grundlegend auf eine voraussetzungslose Nachprüfung der wissenschaftlichen Ergebnisse abzielt und die Antwort auf eine selbstgeschaffene theoretische Skepsis geben will.[4] Genau diesem Ziel hat sich Kant in seinem Werk verschrieben. Er will die Metaphysik und damit die Erkenntnistheorie auf den Pfad der Wissenschaft lenken, einen Pfad nämlich, der seine Paradebeispiele für wissenschaftliche Erkenntnis - wenigstens bei Kant - in den Naturwissenschaften, der Mathematik und der Physik gefunden hat.

In dieser Arbeit soll ein kleiner Teil von dieser umfassenden Materie herausgegriffen und analysiert werden. Im Mittelpunkt werden zwei scheinbar schwer zu vereinende Gegenüberstellungen von Erkenntnis generierenden Faktoren stehen: die Erfahrung und das (natur-)wissenschaftliche Experiment. Es sollen Analogien und Verbindungslinien zwischen diesen Faktoren gefunden werden, um so dem kant’schen Verständnis von Erkenntnisgewinnung, wenigstens in einem kleinen Teil, einen Schritt näher zu kommen. Abgeleitet von dieser Fragestellung soll die Frage im Zentrum stehen, wie es möglich sein kann, Erkenntnisse gleichzeitig durch sinnliche Eindrücke und Wissenschaftlichkeit zu gewinnen.

Der Rahmen für den zu untersuchenden Gegenstand dieser Arbeit bildet die Vorrede zur zweiten Auflage und die Einleitung A und В von der «Kritik der reinen Vernunft»[5]. Der Verständlichkeit halber werden Behauptungen Kants, die direkt oder paraphrasiert aus seinem Werk übernommen wurden, im Indikativ geschrieben.

2. Erfahrung in kant’schem Sinne

Bevor überhaupt Analogien erkennbar werden, muss zuerst definiert und erläutert werden, was sich genau hinter dem Erfahrungsbegriff von Kant verbirgt. Wie erwähnt fangen alle unsere Erkenntnisse mit der Erfahrung an.[6] Von Kindesbeinen an geben uns sinnliche Gegenstände oder Eindrücke, die Kant mit dem Begriff der Erfahrung umschreibt, die Möglichkeit, «Vorstellungen zu bewirken, [...] diese zu vergleichen, zu verknüpfen oder zu trennen, um so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu einer Erkenntnis der Gegenstände zu verarbeiten, die Erfahrung heisst»[7]. Der Gegenstand der Erfahrung ist also nicht als etwas Fertiges zum Erkennen vorhanden.[8] Sie bildet sich erst, wenn ein Ding in der Landschaft durch Sinneseindrücke erkannt und verarbeitet wird. Sie ist also das erste Produkt, das unser Verstand hervorbringt.

Dies ist jedoch nicht die einzige Art, um zu Erkenntnissen zu gelangen. «Sie [die Erfahrung, A.d.V.] sagt uns zwar, was da sei, aber nicht, dass es notwendiger Weise, so und nicht anders, sein müsse.»[9] Deshalb können durch die Erfahrung keine allgemeinen Wahrheiten und Erkenntnisse entstehen, wobei als Konsequenz diese allgemeinen Erkenntnisse, welche eine innere Notwendigkeit[10] aufweisen, (in kant’scher Sprache Erkenntnisse a priori) unabhängig von Erfahrung zustande kommen müssen. Das heisst nun, dass Erkenntnisse, die einzig durch Erfahrung - also laut kant’schem Sinne empirisch erhoben wurden[11] - gemacht wurden zwar existieren (Kant nennt diese Erkenntnis a posteriori), jedoch müssen andere Wege existieren, um zu Erkenntnissen zu gelangen, die von der Erfahrung losgelöst erschlossen werden können.[12]

Es scheint nun als ob Kant hier eine klare Zweiteilung vornimmt; nämlich eine Unterteilung von Erkenntnissen in a priori und a posteriori. Daher könnte von diesem Standpunkt aus geschlossen werden, dass wenn hier also nur auf die Erfahrung eingegangen werden soll, wir uns auf Letzteres zu konzentrieren haben. Dem ist aber nicht so. Kant erläutert weiter, dass Erfahrungen existieren, die auf Erkenntnissen beruhen, welche ihren Ursprung a priori haben.[13] Demzufolge können Erfahrungen nicht nur durch Sinneseindrücke entstehen, sondern sie können ausserdem auf Erkenntnissen aufbauen (oder sich mit ihnen vermengen), die zu einem früheren Zeitpunkt schon gemacht worden waren und welche a priori - also selbst nicht von (sinnlicher) Erfahrung herrühren - sind. Dies bedeutet, dass es gewisse ursprüngliche Begriffe gibt, welche von jeglicher Sinnlichkeit losgelöst sind und aus denen Urteile erwachsen, die gänzlich a priori sind.[14]

Erkenntnisse a posteriori sind für Kant unbefriedigend. Sie erlaubt nur die Erschliessung von Erkenntnissen, welche in der eigenen Erfahrungswelt erklärt werden können, was dem menschlichen Verstande enge Grenzen setzt. «Die empirische Allgemeinheit ist also nur eine willkürliche Steigerung der Gültigkeit»[15], wobei von dem, was in den meisten Fällen zutrifft, geschlossen wird, dass dies in allen Fällen so sein muss. Deshalb liegen in den Erkenntnissen a priori, welche die eigene Sinneswelt übersteigen und von jeglicher Erfahrung unabhängig scheinen, nach Kant die «Nachforschungen unsrer [sic] Vernunft»[16]. Hier führt er Platon an, der gleichsam die Sinneswelt verliess, weil sich dem Verstand so vielfältige Hindernisse zeigte. In diesem Zusammenhang erwähnt er diese Art als den «leeren Raum des reinen Verstandes»[17].Aus diesem Raum können dann nach dem Verständnis des Autors dieses Skriptes

Erkenntnisse und Urteile a priori entstehen - also eben erst nach der Loslösung von gemachten Erfahrungen. Dies mindert aber die Bedeutung der Erfahrung in der kant’schen Theorie keineswegs. Erst durch diese ist es überhaupt möglich zu erkennen, was denn zu beseitigen oder zu zerpflücken ist, um dem reinen Verstand und der Vernunft näher zu kommen. Kant bezeichnet die «Zergliederung der Begriffe, die wir schon von Gegenständen haben»[18], also mit anderen Worten die Zergliederung und Neuordnung der Erfahrungswerte, als das grösste Geschäft unseres Verstandes.[19]

Erkenntnisse a priori entstehen also dann, wenn diejenigen a posteriori überwunden werden, wobei die Grundlage der letzteren, Voraussetzung für erstere sein muss. Mit anderen Worten ergibt erst die Loslösung von der Erfahrung und ihren Sinneswerten Erkenntnisse a priori, die das Kerngeschäft unseres reinen Verstandes bilden. Dies ermöglicht neue Einsichten, obwohl sie gleichzeitig die Materie oder den Inhalt unserer Begriffe nicht erweitern, sondern auseinanderpflücken.[20]

Nun stellt sich unweigerlich die Frage, wie denn tatsächlich aus diesen heruntergebrochenen Begriffen Erkenntnisse a priori zustande kommen können. Denn durch die alleinige Aufgabe oder Umdeutung von Erfahrung lässt sich dies nur schwerlich erkennbar machen. Hier schliesst das naturwissenschaftliche Experiment mit seinen Sprachen Mathematik und Physik an, denen Kant den «Besitz von Zuverlässigkeit»[21] zuspricht.

3. Das Experiment als Generator für Erkenntnisse a priori und dessen Relation zur Erfahrung

Wie oben schon kurz angedeutet misst Kant dem naturwissenschaftlichen Experiment in der Sprache von Mathematik und Physik grossen Stellenwert zu. Sie generieren Erkenntnisse a priori und können völlig von der Erfahrung unabhängig erschlossen und verstanden werden. Sie sind «die beiden theoretischen Erkenntnisse der Vernunft»[22]. Nun ist aber unser Ziel die Analogie zwischen Erfahrung und dem Experiment bei Kant zu verknüpfen und Parallelen zu ziehen. Wichtig wird also hierbei sein zu untersuchen, was Kant unter dem Begriff des Experiments versteht und wie sie es schafft sich den Erkenntnissen a posteriori zu entziehen.

[...]


[1] Al Zl-ll.

[2] Vgl. Lohmar, Erfahrung; Hahn, Theorie der Erfahrung; Kuhne, Selbstbewusstsein

[3] Al Z12.

[4] Aster, Aufgabe und Methode, S. 218.

[5] Welche Ausgabe siehe Literaturverzeichnis.

[6] Bl Z7.

[7] Bl Z10-14.

[8] Al 5ff.; vgl. Bachmair, Konstitution, S. 25.

[9] Al Z13-14.

[10] A2 Z18-19.

[11] B2 Z32.

[12] A2 Z20-24.

[13] A2 Z24ff.

[14] A2 Zl-7.; B3 Z17.

[15] B4 Z10-11.

[16] A2 ZIO.

[17] A5 Z4-5.

[18] A5 Z20-21.

[19] A5 Z19-21.

[20] A6 Z25-29.

[21] A4 Z14-15.

[22] BX Z12-13.

Details

Seiten
15
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668343085
ISBN (Buch)
9783668343092
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v344539
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Philosophisches Seminar
Note
unbewertet
Schlagworte
Kant Erfahrung Experiment Kritik der reinen Vernunft Transzendentalphilosophie Erkenntnistheorie a priori a posteriori Immanuel

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