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Streetwork. Mobile Jugendarbeit als beziehungsorientierte und lebensweltnahe Methode in der Sozialen Arbeit

Hausarbeit 2016 16 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„ Alle haben 'nen Job — ich hab Langeweile! Keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern.

So ist das hier im Block, Tag ein Tag aus. Halt mir zwei Finger an den Kopf und mach: Peng! Peng! Peng! Peng! “

- Marteria: „ Kids (2 Finger an den Kopf) “ -

In Deutschland sind soziale Sicherheit und Gerechtigkeit als Grundlage im Grundrecht1 verankert, dennoch befinden sich zahllose Menschen im Abseits der Gesellschaft. Im Jahr 2014 gab es schätzungsweise 335.000 wohnungslose Menschen. Mit einer steigenden Tendenz prognostiziert die BAG W2 bis 2018 approximativ 536.000 Menschen ohne Wohnung. 3 Aber nicht nur Wohnungslosigkeit, auch Drogenkonsum, Kriminalität, Prostitution oder Armut bringen Menschen in Notsituationen, die sie im Vorfeld völlig unterschätzten.

Die Ursachen für ein Leben auf der Straße 4 sind unterschiedlich. Es kann ein Schicksalsschlag, das Gefühl alleine zu sein, eine Krankheit, Gewalt oder eine falsche Entscheidung sein. Oft genug trifft es Jugendliche, die häufig bereits Verbindung zu Jugendhilfeeinrichtungen hinter sich haben. 5

Kontakt zu dieser Zielgruppe herzustellen, ist meist schwierig und mit vielen Hindernissen verbunden. Die Mobile Jugendarbeit, auch Streetwork genannt, versucht Verbindungen zu dieser Zielgruppe zu knüpfen. Doch wie kann eine Beziehung hergestellt werden und auch erhalten bleiben? Ist der Kontakt nur auf einer freundschaftlichen Beziehungsebene möglich? Welche professionellen Handlungsmöglichkeiten werden eingesetzt? Hindert der Ansatz von pädagogisch professionellen Handlungsmethoden daran Beziehung aufzubauen oder ist dieser eher förderlich, um Unterstützung zu gewährleisten?

Im ersten Teil dieser Hausarbeit wird eine Sachanlyse über Streetwork erstellt. Im weiteren Verlauf wird die geforderte Professionalität des Streetworkers / die Streetworkerin näher betrachtet und im dritten Teil mit dem Schwerpunkt einem freundschaftlichen Beziehungsaufbau verbunden. 6

2. Sachanalyse

„ Die Probleme, die es in der Welt gibt, k ö nnen nicht durch dieselbe Denkweise gel ö st werden, durch die sie erzeugt wurden. “

- Albert Einstein -

2.1. Streetwork - eine Methode der Sozialen Arbeit

Unter Streetwork versteht man eine Methode mit konzeptübergreifenden Ansatz. Sie bedient sich der Gruppenarbeit, bspw. bei Jugendlichen, der Gemeinwesenarbeit und der Einzelfallhilfe, da sich einzelne Probleme der Adressaten / Adressatinnen (ADR) am idealsten darüber lösen lassen. 7

Mittlerweile gibt es mehrere Begriffe für diese Tätigkeit, bspw. aufsuchende Sozialarbeit bzw. aufsuchende Jugendarbeit, Mobile Jugendarbeit, Straßensozialarbeit, Out-Reach- Arbeit bzw. hinausreichende Arbeit. In der Schweiz ist diese auch als Gassenarbeit bekannt. Diese Begriffe teilen zwar den gleichen Inhalt, nur die Zielgruppe ist jeweils eine andere. 8 Im Folgenden wird der Begriff Streetwork / Mobile Jugendarbeit (S/MJ) verwendet, da 1999 die Bundesarbeitsgemeinschaft für Streetwork / Mobile Jugendarbeit e.V. diesen, als den wertneutralsten Begriff einführte. 9

Bei der Arbeit als Streetworkerin bzw. Streetworker (SW) sucht diese / dieser aktiv den Kontakt zur Zielgruppe, weshalb S/MJ als aufsuchende Arbeitsmethode zu verstehen ist. SW begeben sich in den gewohnten Lebensraum der ADR bzw. suchen Treffpunkte der Zielgruppe auf, wie beispielsweise der Bahnhofsplatz in Würzburg 10, weswegen die Arbeit nicht ausschließlich in den Räumen einer Institution stattfindet. 11

2.2. Die Zielgruppe von Streetwork / Mobile Jugendarbeit

Nach Gref richtet sich die S/MJ an Personen, die „ bestehende Einrichtungsgebundene Angebote meiden - ob aus freier Entscheidung, Interessenlosigkeit oder aufgrund direkter oder indirekter Ausgrenzung “ 12. Sobald die vom Staat gegebenen Institutionen nicht den Ansprüchen und Anforderungen der ADR entsprechen, wendet sich diese Personengruppe ab und sucht sich bewusst ein anderes Lebensumfeld. Am Beispiel von Bianca, aus einem Artikel der Zeit-Online von Monika Etsp ü ler, ist dies gut zu erkennen. Bianca verließ mit 13 Jahren ihr Zuhause aufgrund von körperlicher Gewalt seitens ihres Stiefvaters. Im Jugendheim fühlte sie sich eingeengt und somit entschied sie sich, auf der Straße zu leben. 13

Zielgruppe der S/MJ sind unterschiedlichste Menschen und Gruppen, wie bspw. Prostituierte, Drogenabhängige bzw. -gefährdete, jugendliche Banden, Fußballfans, Rechtsradikale, die soziale Benachteiligung, Stigmatisierung und Ausgrenzung erlebt haben. 14 Auf ihr Verhalten und die Außenwirkung sollte es keine Etikettierung erfolgen, weshalb im Allgemeinen nicht von gefährlichen, schwierigen, aggressiven oder gewaltbereiten Personen gesprochen werden kann. 15 Zumal diese Einordung auch auf Personengruppen zutreffen kann, die unter anderen Lebensbedingungen leben.

Zutreffend ist allerdings, dass die Zielgruppe, beispielsweise im Jugendbereich, im Wesentlichen auffälliger sind. Sie machen mehr Lärm und verhalten sich unpassender als der Durchschnitt der Jugendlichen. 16

Da bisherige Maßnahmen beim ADR keine oder wenig Wirkung gezeigt haben, wird evident, dass eine Neu orientierung des pädagogischen Handelns notwendig ist.

2.3. Orientierung und Ziele in der S/MJ

Nach Gref gibt es vier Grundorientierungen, anhand derer sich die S/MJ konzeptioniert.

1. Die Zielgruppe steht im Mittelpunkt und die Arbeitsmethode richtet sich nach ihnen. Ihr Lebensraum und die Regeln innerhalb der Gemeinschaft werden respektiert und eingehalten. 17
2. Es werden soziale Infrastrukturen geschaffen, um eine Versorgung in Form von Beratung, Projekten und Freizeitangeboten angelehnt an den Bedürfnissen der Zielgruppe zu gewährleisten. 18
3. Es ist nicht die Aufgabe eines SW, eine bestehende Gruppe aufzulösen. Die Gruppendynamik wird wahrgenommen, respektiert und anerkannt. Dies bedeutet jedoch nicht, mögliche Probleme innerhalb der Gruppe zu verschweigen oder zu beschönigen. Jeder ADR hat Stärken und darf nicht nur auf gewisse Verhaltensweisen, wie bspw. Drogenabhängigkeit oder Gewaltbereitschaft, reduziert werden. Die Dynamik der Gruppe des ADR ist ein wichtiger Baustein und wird als eine Ressource 19 für die einzelnen Mitglieder wahrgenommen. 20
4. Jeder SW ist Ansprechpartner für unterschiedlichste Krisen, Probleme und Notlagen. Bei Jugendlichen handelt es sich häufig um das Durchsetzen von rechtlichen Ansprüchen oder Schul-, Berufs- und Wohnungsprobleme. Der / Die SW fungieren sowohl als Berater, wie auch als Vermittler und Kontakthersteller, um dem Betroffenen die Hemmung zu nehmen, sich auf Hilfsangebote einzulassen. 21

Aus den genannten Grundorientierungen der S/MJ folgt nach Gref die Hilfestellung bei der Lebensbewältigung als Leitziel, woraus sich alle anderen Ziele ergeben. Beispielsweise erschließt ein / eine SW im Bereich der Jugendhilfe bedürfnisorientierte Lernfelder der ADR, ein SW im Bereich der Drogenscene arbeitet vorrangig an psychosozialer Stabilisierung und Begleitung. 22

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork / Mobile Jugendarbeit e.V. setzte Fachliche Standards für die Arbeit der SW. Darin enthalten sind sieben Ziele, die die S/MJ anstrebt.

Wie in der Gemeinwesenarbeit üblich, werden ehrenamtliche Helfer eingesetzt, um bei möglichst vielen Menschen im Umkreis bekannt und akzeptiert zu werden. Zudem ist die Öffentlichkeitsarbeit als fester Bestandteil in den Zielen verankert, wodurch eine größere Wahrnehmung der Problemsituation der ADR erreicht werden soll. Auf sozialpolitischer und sozialraumentwickelnder Ebene nimmt die S/MJ damit indirekt Einfluss auf die Sozial- und Jugendhilfeplanung, da sie fehlende oder unzureichende Angebote ermittelt und öffentlich macht. Durch das Erschließen von Handlungsmöglichkeiten kann das Selbst- und Fremdhilfepotential der ADR wachsen. Die Ressourcen der Gruppe und der Gesellschaft sollen wahrgenommen und erweitert werden. Die SW vermitteln und geben den ADR Hilfestellung, wie bspw. Jugendhilfe, Ausbildungs- und Arbeitssuche, Gesundheitsförderung, Wohnungsuche, Familien- und Suchtberatung, SGB II - Leistungen. Sie unterstützen die Zielgruppe bei der Entwicklung und Umsetzung von Lebensperspektiven. 23

Gref betont, dass es nicht Aufgabe der S/MJ ist, Problemregionen zu eliminieren. „ Wer in der Jugendarbeit Streetwork mit Ordnungspolitik verwechselt und “ st ö rende “ Jugendliche aus der Stadtteil ö ffentlichkeit entfernen will, spielt in der falschen Liga und wird mit Platzverweis rechnen m ü ssen. “ 24 Dennoch wird S/MJ häufig dann eingesetzt, wenn in einer Region andere institutionelle Maßnahmen nur noch wenig Sinn machen und die Anzahl an sozial Benachteiligten stetig steigt, was ordnungspolitischen Charakter hat. Dies trägt allerdings nicht zu besserer Akzeptanz seitens der ADR bei, da diese den Eindruck gewinnen könnten, ein weiterer Sozialarbeiter wurde mit der Aufgabe betraut, sie von der Straße zu holen. 25 Umso wichtiger ist es daher, dass die Vorgehensweise eines SW eine professionelle Arbeitsweise erkennen lässt, auf die im Folgenden eingegangen wird.

3. Professionelles Arbeiten in der Mobilen Jugendarbeit / Streetwork

„ Wir m ü ssen sagen, was wir denken, m ü ssen tun, was wir sagen und m ü ssen sein, was wir tun. “

- Alfred Herrhausen -

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es schon immer Menschen gab, die auf der Straße lebten. Eine organisierte Form von Armenpflege begann erstmals im 17. und 18. Jahrhundert. Eine Grundversorgung und disziplinierende Pädagogik prägte das Bild der Armen-, Waisen- und Zuchthäuser der damaligen Zeit. 26 Die Arbeitsmethoden haben sich im Laufe der Zeit reformiert, da sich gegenüber den ADR das Grundverständnis geändert hat. Im Wesentlichen wird auf intrinsische Motivation gesetzt und ressourcenorientierter gearbeitet. 27

3.1. Das Grundverständnis von S/MJ

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork / Mobile Jugendarbeit e.V. hat in ihren Fachlichen Standards das Grundverständnis in sieben Handlungsmaximen festgelegt.

Alle ADR werden vorurteilsfrei und ohne Wertung als Personen angenommen und vom SW als vollwertig, mit all ihren Problemen und Stärken wahrgenommen. Sie sind für sie bedingungslos Ansprechpartner und durch den Grundsatz der Parteilichkeit werden die Interessen des ADR vertreten, auch wenn der / die SW nicht dieselbe Sichtweise teilt. Die Kontaktaufnahmen, Dauer und Intensität des Kontaktes werden vom ADR entschieden. Nur in Einzelfällen und mit Begründung darf vom SW der Kontakt abgebrochen werden. Die Angebote und Projekte müssen für den ADR möglichst einfach und ohne Vorbedingungen erreichbar sein. Der Vertrauensschutz und die Einhaltung der Anonymität soll stets eingehalten werden, denn es werden keine Akten und personenbezogene Fälle dokumentiert und keine Informationen weitergegeben. Eine Ausnahme wäre, wenn der / die ADR dies wünscht. Die Interkulturelle Dialogfähigkeit versteht den ADR mit seinem kulturellen Hintergrund. 28

Mit diesem Grundverständnis wird teilweise ersichtlich, welche Kompetenzen von einem / einer SW erwartet werden.

[...]


1 vgl. Deutscher Bundestag; https://www.bundestag.de/bundestag/aufgaben/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01/245122 Zugriff:11.04.2016

2 BAG W ist die Abkürzung für „Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnung e.V.“

3 vgl. BAG W; http://www.bagw.de/de/themen/zahl_der_wohnungslosen/ Zugriff: 11.04.2016

4 Straße bedeutet in diesem Zusammenhang ein Ort als öffentlichen Lebensraum, welcher im wesentlichen wenig soziale Kontrolle mit viel physischer und psychischer Belastung besteht. (vgl. Hansbauer 1998, S. 29)

5 vgl. Gref 1995, S.12f

6 Hinweis: Die für diese Hausarbeit benutzte Literatur ist teilweise über zwanzig Jahre alt, da in den letzten Jahren nur wenig über das Thema des Streetworkers ausführlich dokumentiert wurde.

7 vgl. Gref 1995, S. 13

8 vgl. Krafeld 2004, S. 16ff

9 vgl. Krafeld 2004, S. 18 und BAG Streetwork / Mobile Jugendarbeit e.V. 1999;

http://www.sainetz.at/dokumente/Standards_streetwork_BAG.pdf , Zugriff: 12.04.2016

10 vgl. Streetwork Würzburg 2015, S. 4

11 vgl. Gref 1995, S. 13

12 Gref 1995, S. 13

13 vgl. Etspüler 2014; http://pdf.zeit.de/gesellschaft/familie/2014-05/obdachlose-jugendliche.pdf Zugriff: 12. April 2016

14 vgl. BAG Streetwork / Mobile Jugendarbeit 2007; http://www.bundesarbeitsgemeinschaft-streetwork- mobile-jugendarbeit.de/bag-material/bagstandards2007.pdf S. 2f, Zugriff: 12. April 2016

15 vgl. Gref 1995, S. 14

16 vgl. Gref 1995, S. 14

17 vgl. Gref 1995, S. 14ff

18 vgl. Gref 1995, S. 15

19 Ressource wird in diesem Zusammenhang im Sinne der äußeren gegebenen Faktoren betrachtet, nicht als eigene Stärke oder Fähigkeit.

20 vgl. Gref 1995, S. 15f

21 vgl. Gref 1995, S. 16

22 vgl. Gref 1995, S. 16

23 vgl. BAG Streetwork / Mobile Jugendarbeit e.V. 2007, http://www.bundesarbeitsgemeinschaft- streetwork-mobile-jugendarbeit.de/bag-material/bagstandards2007.pdf , S. 3, Zugriff: 12.04.2016

24 Gref 1995, S. 17

25 vgl. Gref 1995, S. 14f

26 vgl. Kilb 2013, S. 105

27 vgl. Langer 2005, S. 75ff

28 vgl. BAG Streetwork / Mobile Jugendarbeit e.V. 2007: http://www.bundesarbeitsgemeinschaft- streetwork-mobile-jugendarbeit.de/bag-material/bagstandards2007.pdf , S. 1f, Zugriff: 12. April 2016

Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668343429
ISBN (Buch)
9783668343436
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v344499
Institution / Hochschule
CVJM-Hochschule
Note
1,7
Schlagworte
streetwork mobile jugendarbeit sozialen arbeit

Autor

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beziehungsorientierte und lebensweltnahe
Methode in der Sozialen Arbeit