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Antidepressive Wirkung klassischer Halluzinogene. Eine Analyse des Forschungsstandes

Bachelorarbeit 2016 48 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Definition und Terminologie
1.2 Mögliche Wirkweise
1.2.1 Pharmakodynamik
1.2.2 Psychologische Wirkmechanismen
1.3 Geschichtlicher Hintergrund
1.4 Fragestellung

2 Methoden
2.1 Vorhandene Reviews
2.2 Systematische Literaturübersicht
2.1.1 Datenerfassung
2.1.2 Suchstrategie
2.1.3 Auswahlkriterien

3 Ergebnisse
3.1 Studienauswahl
3.2 Studienergebnisse
3.2.1 Depression als Primärdiagnose
3.2.1.1 Ayahuasca
3.2.1.2 Psilocybin
3.2.2 Depression als Begleiterscheinung
3.2.2.1 Psilocybin
3.2.2.2 LSD
3.2.3 Studien an gesunden Probanden
3.2.3.1 Griffiths et al. 2006, 2011
3.2.3.2 Kometer. et al. 2012.
3.2.3.3 Schmid et al. 2015.
3.2.3.4 Krähnemann. et al. 2014.

4 Diskussion
4.1 Mögliche Wirkweisen
4.2 Mystische Erfahrungen
4.3 Sicherheit und Kontraindikation
4.4 Einschränkungen

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abstract

Hintergrund

Bedingt durch die begrenzten Behandlungserfolge von Depressionen und die daraus resultierenden volkswirtschaftlichen Kosten, hat sich diese Arbeit zur Aufgabe gemacht, alle Humanstudien der letzen zehn Jahre (2006 ­ 2016) zusammenzutragen, die die antidepressive Wirkung von LSD, Psilocybin und Ayahuasca erfassen. Die systematische Literaturübersicht soll beantworten, ob klassische Halluzinogene laut aktueller Forschung antidepressiv wirken.

Methoden

Die elektronische Recherche wurde auf den Portalen PubMed und EBSCOhost durchgeführt. Die Datenbanksuche ergab 88 Einträge, von welchen 9 die zuvor festgelegten Kriterien erfüllten. Es wurde nach Studien an Menschen mit depressiven Symptomen und Studien an gesunden Probanden gesucht. Alle Studien evaluieren die Wirkung von klassischen Halluzinogenen auf depressive Symptome, beziehungsweise auf Parameter, welche bei Depressionen dysfunktional sind. Weiteres Kriterium war die Veröffentlichung in Peer­Review­Zeitschriften.

Ergebnisse

Vier Studien untersuchten Patienten mit depressiven Symptomen, und stellten signifikante Verringerung der Werte auf den Skalen HAM-D, MADRS, BPRS-AD, QIDS, BDI und HADS fest. Die fünf Studien an gesunden Probanden zeigten eine Veränderung der Variablen, welche bei Depressiven beeinträchtigt sind. Die Veränderung verlief in die entgegengesetzte Richtung zu der Tendenz der Ausprägungen bei Depressiven. In allen Studien wurden die Substanzen gut vertragen.

Interpretation

Die Ergebnisse zeigen konsistent, dass LSD, Psilocybin und Ayahuasca eine antidepressive Wirkung zu haben scheinen. Durch die schwerwiegenden Einschränkungen der Studien, wie die niedrige Zahl der Studien und der Probanden, das Fehlen einer Kontrollgruppe bei zwei Studien und Heterogenität in zustätzlicher psychologischer Intervention kann nich generalisiert werden, dass klassiche Halluzinogene antidepressiv wirken. Die Arbeit zeigt dennoch eindeutig, dass weitere Untersuchungen zu antidepressiven Eigenschaften klassischer Halluzinogenen gewinnbringend sein können.

Abstract

Background

Due to the limited success of depression treatmens and the thereof arising strain on national economy, this work aims to investigate all human reserch of the last decade (2006 ­ 2016) on the antidepressant properties of LSD, Psilocybin and Ayahuasca. The systematical review seeks to answer, wether classical hallucinogens have an antidepressant effect.

Methods

Electronic searches were performed using the PubMed and EBSCOhost databases. Only clinical trials and experimantel studies with healthy voulunteers published in peer-reviewed journals were included. Of these, 88 studies were identified, of which nine met the established criteria. All studies assessed the antidepressant effects of classic hallucinogens, or their effect on variables that are dysfunctional in depressive patients.

Results

Four of the reviewed studies investigated antidepressive effects on patient populations. There found a significant decrease in HAM-D, MADRS, BPRS-AD, QIDS, BDI and HADS scores after hallucinogen treatment. Five studies on healthy subjects found a change in the variables, that are dysfunctional in depressive patients. The variables changed in the opposed direction to the tendency in depressive Patients. In all studies the substances were well tolerated.

Interpretation

Results are showing that ayahuasca, psilocybin and LSD seem to have an antidepressive effect. Due to the important limitations of the studies, wich are small sample sizes and few studies, two of the studies were open-label, proof-of-concept studies, differences in offered psychological intervention, it is not possible yet to generalize that classic hallucinogens have an antidepressive effect. Still the work has show, that further research might be promising.

Vorbemerkungen

Aus Gründen der Vereinfachung wird in der vorliegenden Arbeit primär die männliche Form verwendet. Personen weiblichen wie männlichen Geschlechts sind darin gleichermaßen eingeschlossen.

Kursivschrift wird in der vorliegenden Arbeit zur erstmaligen Einführung neuer Termini, für fremdsprachige Ausdrücke sowie für Wörter, welche als linguistisches Beispiel dienen, verwendet.

1 Einführung

Das Anliegen dieser Arbeit ist es, den aktuellen Forschungsstand auf die antidepressive Wirkung klassischer Halluzinogene zu untersuchen.

Im Durchschnitt leiden 6,9 % der Mitteleuropäer an Depressionen (Gustavsson et al., 2011). Nach der vom Statistischen Bundesamt im Jahr 2010 (für das Jahr 2008) veröffentlichten Krankheitskostenübersicht belaufen sich die Kosten für psychische und Verhaltensstörungen insgesamt auf 28,7 Milliarden Euro. Rund die Hälfte dieser Kosten werden durch zwei Diagnosen verursacht. 9,4 Milliarden Euro wurden für Demenzerkrankungen ausgegeben. Die Krankheitskosten für Depressionen beliefen sich auf 5,2 Milliarden Euro. Nicht in diese Rechnung inbegriffen sind die indirekten Ausgaben wie Kosten durch Mortalität = 1,3 Milliarden Euro, Kosten durch Erwerbsunfähigkeit = 4,6 Milliarden Euro, Kosten durch Arbeitsunfähigkeit = 1,6 Milliarden Euro und Kosten durch Präsentismus = 3,6 Milliarden Euro. Daraus ergeben sich Gesamtkosten von 16,3 Milliarden Euro für das Jahr 2008 (Allianz Deutschland, 2011).

Kognitive Verhaltenstherapie und die Behandlung mit Antidepressiva zeigen Effizienz bei der Behandlung von Depressionen, allerdings sprechen 20 % der Betroffenen auf keine der gängigen Interventionen an (Gaynes, 2009). Manche Menschen, die eine Symptomlinderung erfahren, erleiden einen Rückfall (Gaynes, 2009).

Um das Leiden der Betroffenen lindern sowie volkswirtschaftliche Ausgaben senken zu können, muss nach alternativen Therapieverfahren gesucht werden. Die lang vernachlässigte Forschung mit Halluzinogenen (Jungaberle, 2008) liefert hierin viel versprechende Ergebnisse (dos Santos, 2016).

Der erste Teil der Arbeit schafft ein grundlegendes Verständnis des Forschungsgegenstandes. Halluzinogene werden definiert, ihre Wirkungsweisen werden erläutert und es wird eine historische Übersicht zu ihrer Anwendung in Therapie und Wissenschaft gegeben, um ein Verständnis für die gegenwärtigen Rahmenbedingungen der Forschung mit Halluzinogenen zu schaffen. Der erste Teil wird mit der Fragestellung abgeschlossen abgeschlossen, die in der Literaturübersicht beantwortet werden soll:

Impliziert die Forschung der vergangenen zehn Jahre, dass klassische Halluzinogene

Darauf folgend wird eine systematische Literaturübersicht aller Studien der letzten zehn Jahre durchgeführt, die die antidepressive Wirkung klassischer Halluzinogene erfassen. In den Review der vorliegenden Arbeit werden auch Studien an gesunden Probanden integriert, soweit diese Aufschluss zu den antidepressiven Eigenschaften klassischer Halluzinogene geben. Dieses ist möglich, indem die Wirkung von Psychedelika auf die Variablen untersucht wird, welche bei Depressiven dysfunktional sind. Verändern sich die Werte auf einem dieser Spektren entgegengesetzt zu der Tendenz der Werte von Depressiven, so ist eine antidepressive Wirkung zu vermuten.

Es wurden neun Studien ausfindig gemacht, die die antidepressive Wirkung klassischer Halluzinogene erfassen. Zwei davon untersuchen Menschen mit unipolarer behandlungsresistenter Depression, zwei untersuchen Menschen mit depressiven Symptomen aufgrund einer lebensbedrohlichen Erkrankung und fünf untersuchen gesunde Probanden. Die Studien an Menschen mit depressiven Symptomen zeigen alle eine Linderung der Symptome, gemessen mit validierten Skalen. Alle Studien mit gesunden Probanden erfassen eine Veränderung in den Variablen welche bei Depressiven dysfunktional sind, und zwar in die umgekehrte Richtung zu der Tendenz der Werte von Depressiven. Dieses Ergebnis ist ein Hinweis auf die antidepressive Wirkung klassischer Halluzinogene.

Im Anschluss an die Literaturübersicht, werden die Ergebnisse, die möglichen Wirkweisen, die Sicherheit, mögliche Kontraindikationen und Einschränkungen des Reviews diskutiert.

Abschließend wird die zu Beginn gestellte Frage unter Einbezug der eben genannten Faktoren, beantwortet.

1.1 Definition und Terminologie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Klassische Halluzinogene unterteilt in die drei biochemischen Klassen Tryptamine, Lysergsäureamide und Phenatylamine. Psilocin, DMT und Meskalin sind natürlich vorkommend, der Rest ist synthetisch hergestellt. Die Tabelle dient zur Übersicht und deckt nicht alle existenten klassischen Halluzinogene ab. Übersetzt aus dem Englischen (Baumeister et al., 2014).

Klassische Halluzinogene werden in die folgenden drei Gruppen unterteilt (Tabelle 1). Erstens in Tryptamine wie Psilocin (der psychoaktive Metabolit von Psilocybin) und N,N­Dimethyltryptamin (DMT, die psychoaktive Komponente von Ayahuasca), zweitens in Lysersäureamide (eine Subgruppe der Tryptamine), zu welcher Lysergsäurediethylamid (LSD) zählt und drittens in Phenethylamine, wie Mescalin (der psychoaktive Bestandteil des Peyote Kaktus) und 2,5­Dimethoxy­4­iodoamphetamin (DOI, eine der vielen psychoaktiven Substanzen, welche in den letzten zehn Jahren synthetisiert wurden) (Baumeister et al., 2014). Ihre Wirkung wird einer Interaktion mit dem serotonergen System zugeschrieben. Die in der Forschung am häufigsten vertretenen Substanzen sind LSD, Psilocybin und Ayahuasca (mit dem psychoaktiven Wirkstoff DMT). Die vorliegende Arbeit beschränkt sich auf diese drei Substanzen. Trotz Unterschieden in ihrer Biochemie ist der psychedelische Effekt all dieser Komponenten grundlegend der selbe. Befunde zu der antidepressiven Wirkung einer dieser Substanzen, gelten mit höchster Wahrscheinlichkeit auch für die anderen klassischen Halluzinogene (Diesch, 2015).

Zu Beginn der Forschung mit Psychedelika waren sie ausschließlich unter dem Namen Halluzinogene bekannt. Es fanden sich Gegner dieses Begriffes, da die Halluzinationen, die durch Halluzinogene ausgelöst werden können, nur ein Teilaspekt der Wirkung seien und daher als namensgebend unzulänglich wären. Darüber hinaus sind Halluzinationen pathologisch konnotiert, wodurch eine negative Assoziation mit den Substanzen entstehe (Diesch, 2015).

Auf einem Treffen der New York Academy of Sciences 1947 sprach sich der englische Psychiater Humphrey Osmond aus dem oben genannten Grund gegen die Verwendung des Begriffes Halluzinogene aus. Als Alternative schlug er den heute ebenfalls verwendeten Begriff Psychedelika vor.

Psychedelisch kommt aus dem Altgriechischen und setzt sich aus den Begriffen psych = Seele und dẽlos = offenkundig, offenbar, welches so viel bedeutet wie die Seele offenbarend/sichtbar machend, zusammen. Trotz der Versuche, den Begriff Halluzinogene abzulösen, wird er neben dem Begriff Psychedelika am häufigsten verwendet.

Eine der Problematik ins Auge fassende Definition liefert der Schweizer Psychiater und Psychotherapeut Samuel Widmer (1989), welcher bis 1993 eine Spezialbewilligung zur LSD­unterstützten Therapie besaß:

„Psychedelika wirken eigentlich auch nicht halluzinogen, weshalb ich den Begriff halluzinogen lieber gar nicht brauche. Sie tun es lediglich dann, wenn der Benutzer dazu neigt, seine Gefühle abzuspalten und zu projizieren. Sobald er gelernt hat, seine Energien bei sich zu behalten, hören die Halluzinationen und letztlich die inneren Bilder überhaupt auf. Es ist deshalb wohl besser von Psychedelika oder Psycholytika zu sprechen.“

Eine allgemeinere Definition geben Grinspoon & Bakalar (1979): „Psychedelika sind nicht abhängig machende Stoffe, die weder große physiologische noch psychologische Störungen verursachen, jedoch zuverlässig starke Veränderungen in Stimmung, Wahrnehmung und Denken auslösen, auf ähnliche Weise, wie man sie manchmal in Träumen, Erinnerungs­Flashbacks, Psychosen und religiöser Ekstase findet.“

Die vorgestellten Definitionen, dienen dem Einstieg ins Thema. Es wird an dieser Stelle keine Definition ausgewählt, an welcher sich die Arbeit insbesondere orientiert, da dies für den Untersuchungsgegenstand letztlich unerheblich ist.

1.2 Mögliche Wirkweise

Auf welche Weise klassische Halluzinogene die gewünschte Wirkung erzielen, ist noch nicht vollständig erforscht. Die Effizienz einer psychedelischen Behandlung von bestimmten Erkrankungen kann entweder einem psychologischen Effekt oder konkreten physiologischen Veränderungen in der Neurochemie des Gehirns zugeschrieben werden (Nichols, 2016).

Folgend wird die Pharmakodynamik von Halluzinogenen, mit dem Augenmerk auf ihr antidepressives Potenzial, nach dos Santos (2016) vorgestellt. Anschließend werden mögliche psychologischen Wirkmechanismen diskutiert.

1.2.1 Pharmakodynamik

Da DMT, Psilocybin und LSD Agonisten von Serotonin 5­HT1A/2A/2C Rezeptoren sind (Baumeister, 2014; Halberstadt, 2015; dos Santos et al., 2016), wird ihre therapeutische Wirkung mit der Aktivierung dieser Rezeptoren in Verbindung gebracht.

Depressionen werden mit mangelnder Neurogenese und Neuroplastizität in Verbindung gebracht. BDNF Level sind bei depressiven Patienten niedrig und normalisieren sich nach antidepressiver Behandlung (Baumeister et al., 2014).

Die durch den 5­HT2A-Rezeptor-Agonismus induzierte Modulation von glutamaterger Neurotransmission (Nichols, 2004; Vollenweider and Kometer, 2010; Moreno et al., 2013; Halberstadt, 2015, zit. nach dos Santos et al., 2016) könnte zur Steigerung neurotropher Faktoren, wie des Wachstumsfaktors (BDNF aus dem engl.: Brain­derived neurotrophic factor) führen, sowie die Anzahl dendritischer Dornen (sog. Spines) auf kortikalen Neuronen vervielfachen und somit Neuroplastizität und Neurogenese induzieren (Vollenweider and Kometer, 2010; Baumeister et al., 2014; Bogenschutz & Johnson, 2016 zit. nach dos Santos et al., 2016).

Des Weiteren könnte der 5­HT2A­Rezptor­Agonismus erwünschte Effekte durch Entzündungshemmung hervorrufen, welche das Immunsystem stärken (Nau et al., 2013; Baumeister et al., 2014; dos Santos, 2014 zit. nach dos Santos et al., 2016). Ein geschwächtes Immunsystem wird mit Depressionen in Verbindung gebracht (Baumeister et al., 2014 zit. nach dos Santos et al., 2016).

Ein weiterer möglicher Effekt, der unabhängig von den 5­HT1A/2A/2C-Rezeptoren ist, ist die Eigenschaft von DMT, MAO­A durch Harmin, THH und Harmalin reversibel zu hemmen (Riba et al., 2001; McKenna and Riba, 2015 zit. nach dos Santos et al., 2016). Reversible MAO­A Hemmer (RIMAs) werden klinisch als Anxiolytika und Antidepressiva verwendet (Nutt, 2005 zit. nach dos Santos et al., 2016).

Neue bildgebende Verfahren am Menschen deuten darauf hin, dass die stimmungssteigernden Eigenschaften von Ayahuasca und Psilocybin auf Modifikationen von Hirnaktivitäten zurückzuführen sind. Beteiligte Regionen sind die Amygdala und der Anteriore Cingulären Cortex (ACC), dem die Verarbeitung von Emotionen zugeordnet wird.

Des Weiteren scheint das Default Mode Network (DMN), eine Gruppe von Gehirnregionen, welcher Introspektion zugeordnet wird, beteiligt zu sein (Carhart­Harris et al., 2012a; Tagliazucchi et al., 2014; Kraehenmann et al., 2016; McKenna and Riba, 2016 zit. nach dos Santos et al., 2016). Gesteigerte Aktivität des DMN wird mit übermäßigem Grübeln bezüglich der eigenen Person in Verbindung gebracht, welches ein Symptom für Depressionen ist. Die Verabreichung von Ayahuasca und Psilocybin (Carhart­Harris et al., 2012a) reduzierte die Akitivität dieser Regionen wie z.B. des Posterioren Cingulären Cortex (PCC).

Zusammenfassend entsteht aus Sicht der Pharmakodynamik die antidepressive Wirkung von klassischen Halluzinogenen durch ihre Agonist­Wirkung auf die 5­HT1A/2A/2C-Rezeptoren, welche im Zusammenhang mit der Emotionsverarbeitung stehen, die Regulierung neurotropher Faktoren, ihre entzündungshemmende Wirkung und die Modulation von frontalen und medialen Hirnstrukturen.

1.2.2 Psychologische Wirkmechanismen

Ein Erklärungsansatz meint, dass der therapeutische Effekt klassischer Halluzinogene durch die akute Veränderung der Wahrnehmung, Emotionen und Gedanken zustande kommt (Grispoon and Bakalar, 1981; Grof, 2001; Vollenweider and Kometer, 2010; Baumeister et al., 2014; Bogenschutz and Johnson, 2016).

Die Erfahrung unterbricht den Lauf der gewohnten Gedanken und Emotionen und bietet eine Perspektive des eigenen Möglichkeitsraumes der Wahrnehmung (Grispoon and Bakalar, 1981; Bogenschutz and Johnson, 2016). Neueste Psilocybin und Ayahuasca Studien mit bildgebenden Verfahren untermauern diese Annahme. Sie legen nahe, dass der veränderte Wachbewusstseinszustand die zwanghaften, repetitiven und pathologischen Gedankenmuster, wie sie bei affektiven Störungen vorhanden sind, unterbricht. Dieses trägt zur mentalen Flexibilität bei und ermöglicht Veränderungen in Wahrnehmung, Werten und Verhalten (Carhart­Harris et al., 2012a, 2014; Palhano­Fontes et al., 2015).

Die Eigenschaft, mystisch­transzendente Erfahrungen und Gipfelerlebnisse herbeizuführen, wird als weiterer möglicher therapeutischer Wirkmechanismus in Betracht gezogen (Grispoon and Bakalar, 1981; Riedlinger and Riedlinger, 1994; Grof, 2001; Hofmann, 2005; Griffiths et al., 2006, 2011; Bogenschutz and Johnson, 2016). Die Befunde mit Psilocybin an gesunden Probanden sprechen für diese Annahme. Sie zeigen, dass das induzierte psychedelische Erlebnis von höchster persönlicher als auch spiritueller Bedeutung für die Probanden ist und zu einer langfristigen Änderung des Wohlbefindens, der Einstellungen, der Persönlichkeit und des Verhaltens führt (Griffiths et al., 2006, 2008, 2011).

Eine follow­up Messung der Patienten, welche an psychischen Störungen, bedingt durch eine lebensbedrohliche Krankheit litten und mit LSD behandelt wurden, zeigte, dass die intensive mystische Erfahrung, welche durch das LSD induziert worden ist, langfristige positive Veränderungen in der Lebensqualität, den Einstellungen und den Werten hervorrief (Gasser et al., 2014, 2015).

Ein weiterer Interpretationsansatz der heilenden Wirkmechanismen von Halluzinogenen sieht die psychedelische Erfahrung als eine Art umgekehrte Posttraumatische Belastungsstörung an. Die positive und höchst wichtige Erfahrung verursache langfristige erwünschte Veränderungen, wie es bei der PTSD mit einer einzelnen negativen Erfahrung geschieht (Young, 2013).

Will man die antidepressive Wirkung von Halluzinogenen erfassen, so kann man diese nicht nur durch Untersuchungen an Depressiven, sondern auch durch Studien an gesunden Probanden messen. Dieses ist möglich, indem man die Wirkung klassischer Halluzinogene auf die Variablen untersucht, welche bei Depressiven dysfunktional sind. Verändern sich die Werte auf einem dieser Spektren entgegengesetzt zu der Tendenz der Werte von Depressiven, so ist eine antidepressive Wirkung zu vermuten.

Laut ICD-10 leidet der von Depression Betroffene unter einer gedrückten Stimmung, sowie einer Verminderung von Antrieb und Aktivität. Die Fähigkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Die gedrückte Stimmung besteht konstant und verändert sich von Tag zu Tag kaum (World Health Organization, 1992).

Halluzinogene wirken auf folgende Parameter, die kennzeichnend für Depression sind: Während der unmittelbaren Entfaltung des halluzinogenen Zustandes werden zwanghafte, repetitive und pathologische Gedankenmuster unterbrochen (Carhart­Harris et al., 2012a, 2014; Palhano­Fontes et al., 2015). Es werden positive Veränderungen der Laune (Kometer et al., 2012; Krähnemann et al., 2014), des Wohlbefindens, der Offenheit und der Nähe zu Anderen (Schmid et al. 2015) erzielt. Zudem werden Veränderungen der Emotionserkennung und des zielgerichteten Verhaltens erreicht. Das Erkennen von negativen Emotionen wird unter Einfluss von Halluzinogenen gehemmt und das zielgerichtete Verhalten gegenüber positiven emotionalen Stimuli erhöht. Dies ist gegenteilig zu den Befunden von Depressiven. (Kometer et al., 2012; Krähnemann et al., 2014). Auch langfristige Veränderungen in Einstellungen und Verhalten werden hervorgerufen (Griffiths et al., 2006; Griffiths et al., 2011).

Zusammenfassend werden folgend die möglichen psychologischen Wirkmechanismen aufgeführt. Die therapeutische Wirkung wird unter anderem der akuten Veränderung der Wahrnehmung, der Gedanken und der Emotionen zugeordnet. Durch die Unterbrechung der gewohnten Gedankenmuster, wird dem Einzelnen ein neues Spektrum seiner Denk- und Wahrnehumgs-Möglichkeiten eröffnet. Zwanghafte und repetitive Gedankenmuster sind kennzeichnend für Depressionen und ändern sich üblicherweise kaum. Ihre Unterbrechung kann potenziell heilend wirken. Weiterhin gleicht die psychedelische Erfahrung einer mystischen Erfahrung, wie sie durch diverse Arten spiritueller Praxis hervorgerufen werden kann. Dem Erfahren eines solchen Zustandes wird eine heilende Wirkung zugeschrieben. Die halluzinogene Erfahrung wird als umgekehrte Posttraumatische Belastungsstörung beschrieben. Ein einzelnes positives Erlebnis wirkt sich langfristig auf das mentale Befinden des Individuums aus. Die antidepressive Wirkung von klassischen Halluzinogenen, kann auch an Gesunden gemessen werden, indem die Variablen untersucht werden, welche bei Depressiven dysfunktional ausgeprägt sind. Stellt man fest, dass sich die Werte dieser Variablen entgegengesetzt zu der Tendenz der Werte von Depressiven verändern, so ist eine antidepressive Wirkung zu vermuten.

1.3 Geschichtlicher Hintergrund

Seit über 5.000 Jahren gebraucht der Mensch psychedelische Substanzen (El­Seedi et al., 2005). Durch ihre Eigenschaft, veränderte Bewusstseinszustände zu erzeugen, werden sie seit Jahrtausenden als medizinisches und religiöses Werkzeug eingesetzt (Grinspoon & Bakalar, 1979; Schultes & Hofmann, 1992; McKenna & Riba, 2016).

In das Interesse der westlichen Wissenschaften rückten Psychedelika erst nach der Entdeckung von Lysergsäurediethylamid, kurz LSD. Im Jahr 1938 wurde LSD erstmals von Albert Hofmann aus Lysergsäure, gewonnen aus dem Mutterkorn Pilz (Claviceps purpurea), synthetisiert. Die psychologischen Effekte, die der Substanz innewohnen, wurden erst fünf Jahre darauf entdeckt, als der Chemiker die Substanz im Jahre 1943 versehentlich einnahm (Passie et al., 2008; Hofmann, 2010; McKenna and Riba, 2016).

Als Albert Hofmann 1958 Psilocybin isolierte und synthetisierte, welches ebenfalls von großer Relevanz für die westliche Halluzinogenforschung werden sollte, war ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Psychedelika gelegt (Hofmann, 1958). In den 20 Folgejahren nach der Entdeckung des LSD spielten LSD und Psilocybin eine immense Rolle im psychologischen und psychiatrischen Betrieb. Unter dem Markennamen Delysid© vom Pharmakonzern Sandoz wurde LSD der medizinischen Fachwelt als Mittel vorgestellt, welches temporäre psychoseähnliche Zustände bei Gesunden auslöst. Diese so genannte Modell­Psychose sollte einen Einblick in die Schizophrenie gewähren (Abramson, 1967; Passie et al., 2008). Psychiatern, Psychologen, Medizinstudenten und psychiatrischen Krankenschwestern wurde als Teil der Ausbildung LSD verabreicht, um ein generelles Verständnis für den Zustand der schizophrenen Patienten zu vermitteln (Grof, 2009).

Als Nächstes wandte man sich dem therapeutischen Potenzial von LSD und Psilocybin bei der Behandlung von Neurosen, Zwangsstörungen, Suchterkrankungen sowie als Begleittherapie von sterbenskranken Menschen zu (McGlothlin and Arnold, 1971; Grispoon and Bakalar, 1981; Riedlinger and Riedlinger, 1994; Abraham et al., 1996; Delgado and Moreno, 1998; Hofmann, 2010; Baumeister et al., 2014; Bogenschutz and Johnson, 2016).

Die 1950er und 1960er Jahre, welche als Hochphase der psychedelischen Forschung gelten, brachten mehr als 1.000 Studien an über 40.000 Probanden hervor (Grinspoon and Bakalar, 1981).

Es bildeten sich diverse therapeutische Behandlungsmethoden und Paradigmen heraus. Die am weitesten verbreiteten waren die Psycholytische Therapie (Sandison, Leuner, Bastiaans) und die Psychedelische Therapie (Osmond, Grof; Leuner, 1987). Die psycholytische Methode verwendet geringe bis moderate Dosen an Halluzinogenen, welche den meist psychoanalytischen, therapeutischen Prozess vertiefen und beschleunigen sollen (Leuner, 1987).

Die Psychedelische Therapie gebraucht eher hohe Dosierungen in wenigen Sitzungen, in welchen ein mystisches Gipfelerlebnis evoziert werden soll, welches zu langfristigen Veränderungen in der Verhaltens­ und Erlebenswelt führt (Hoffer, 1967; Sherwood et al., 1962).

Depressionen wurden von der frühen Halluzinogenforschung eher als Symptom einer übergeordneten Krankheit untersucht. Eine Ausnahme ist die Studie von Savage (1952), der die Wirkung von LSD auf Depressionen untersuchte. Es gab keine Kontrollgruppe und LSD wurde in variablen Dosen täglich über einen Monat verabreicht. Savage postulierte, dass eine Therapie mit LSD nicht besser als eine Therapie ohne LSD sei und fügte dem hinzu, dass durch das LSD therapeutisch wertvolle Einsichten in das Unterbewusste gewonnen werden können (Savage, 1952; Nichols, 2016).

Bedingt durch vielzählige unkontrollierte Selbstversuche und die damit assoziierte Oppositionsbewegung der 1970er Jahre wurden Psychedelika Mitte der 1970er Jahre weltweit aus dem Verkehr gezogen und auch für die Forschung illegalisiert. Das Verbot war gesellschaftlich­politisch motiviert und entbehrte einer wissenschaftlichen Grundlage (Grispoon und Bakalar, 1981; Riedlinger und Riedlinger, 1994; Hofmann, 2010; Baumeister et al., 2014).

Die Studien, die vor dem Verbot durchgeführt wurden, entsprechen nicht den heutigen methodischen Standards, da Kontrollgruppen und follow­up Messungen fehlten, Störfaktoren wie vorbestehende psychische Erkrankungen oder Geschlecht und Alter der Probanden nicht kontrolliert wurden, keine standardisierten Kriterien für das Therapie-Outcome festgelegt waren, die Dosierung innerhalb der Studien variierte und verschiedene therapeutische Ansätze die Substanzen auf unterschiedliche Art und Weise einsetzten (Grispoon and Bakalar, 1981; Riedlinger and Riedlinger, 1994; Grob, 1998; Vollenweider and Kometer, 2010; Krebs and Johansen, 2012; Bogenschutz, 2013; Baumeister et al., 2014).

Die dritte Substanz, welche neben LSD und Psilocybin in das Review der vorliegenden Arbeit integriert wird, ist DMT. DMT ist von dem oben genannten geschichtlichen Verlauf relativ unabhängig, da es überwiegend im lateinamerikanischen Raum im religiösen Kontext eingesetzt wurde (Grispoon and Bakalar, 1981; McKenna and Riba, 2016).

DMT ist bei oraler Einnahme nicht psychoaktiv, da es von der körpereigenen Monoaminoxidase abgebaut wird. Daher werden die DMT­haltigen Charcunablättern (Psychotria viridis) zusammen mit der harmalinhaltigen Liane Banisteriopis caapi zu einem Trank gebräut. Harmalin ist ein MAO­Inhibitor, der die Wirkung der körpereigenen Monoaminoxidase hemmt und dem DMT ermöglicht, die Blut­Hirn-Schranke zu passieren und seine psychedelische Wirkung zu entfalten (Diesch, 2015). Das Gebräu trägt je nach geografischem Vorkommen verschiedene Bezeichnungen. Der im europäischen Raum am häufigsten vertretene Name ist Ayahuasca. In den vergangenen 25 Jahren haben sich der rituelle und der therapeutische Gebrauch von Ayahuasca über das Amazonasgebiet hinaus, in den Vereinigten Staaten und in Europa verbreitet (Labate et al., 2008).

Wie oben bereits erwähnt, kam es aufgrund des politischen motivierten Verbots zu einer Stagnation der Forschung mit Psychedelika.

Nach einer 20-jährigen Pause wurde in den 1990er Jahren die Forschung am Menschen wieder aufgenommen. Leo Hermle und Kollegen untersuchten den Effekt von oral verabreichtem Mescalin (Hermle et al., 1992) und Rick Strassman und Mitstreiter verabreichten gesunden Probanden DMT intravenös (Strassman and Qualls, 1994; Strassman et al., 1994).

Doch vor allem die letzte Dekade brachte vermehrt Studien am Menschen hervor (dos Santos et al., 2016). Entscheidend für die Rückkehr von Halluzinogenen in die Forschung waren die Weiterentwicklungen der bildgebenden Verfahren (Jungaberle, 2008) und die Entdeckung von Entaktogenen (auch Empathogene genannt). Die Forschung mit diesen psychoaktiven Stoffen, welche sich in ihrer Wirkung klar von klassischen Halluzinogenen unterscheiden (Nichols et al. 1986), zeigte therapeutische Wirksamkeit, und gab der Forschung mit klassischen Halluzinogenen einen neuen Anstoß.

Hanske und Sarreiter (2015) setzen sich in ihrem Werk Neues von der anderen Seite - Die Wiederentdeckung des Psychedelischen mit der Renaissance der Psychedelika Forschung auseinander und sehen das Wiederaufleben folgendermaßen:

„Der neue Psychedelika-Konsum hat keinen politisch-revolutionären Anspruch mehr. LSD für Schwerstkranke, Psilocybin zur effektiven Nikotinentwöhnung – wer nicht völlig in alte Vorurteile verbohrt ist, kann dagegen eigentlich nichts haben.“ - (Hanske und Sarreiter, 2015).

Die historische Übersicht von Halluzinogenen zeigt, dass es sich um hoch potente Substanzen handelt, welche von therapeutischer Bedeutung sein können. Im Zuge des War on Drugs gerieten Psychedelika in Verruf und sind bis heute für die Therapie und Forschung tabuisiert. Erst in den letzten zehn Jahren ist eine langsame Rückkehr in die Forschung zu beobachten. Diese Forschung liefert viel versprechende Ergebnisse für die Behandlung von Depression (Baumeister et al. 2014; dos Santos et al., 2016).

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Details

Seiten
48
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668383159
Dateigröße
867 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v344458
Note
2,3
Schlagworte
Literaturbericht Forschungsstand Antidepressiva Halluzinogene Wirkung Depression Medikamente

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Titel: Antidepressive Wirkung klassischer Halluzinogene. Eine Analyse des Forschungsstandes