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Die neoliberale Theorie Walter Euckens - Entwurf einer Wirtschaftsordnung

Studienarbeit 2003 36 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

I. Inhalt

0. Einleitung

1. Die wirtschaftliche Ausgangslage nach dem 2. Weltkrieg
1.1. Auf der Suche nach einer neuen Wirtschaftsform: allgemeine historische Erfahrungen im Bereich der Ökonomie

2. Liberalismus, Neoliberalismus und Ordoliberalismus als spezifisch bundesdeutsche Variante
2.1. Neoliberalismus als Reform des klassischen Liberalismus
2.2. Grundzüge des klassischen Liberalismus
2.1.1. Durchsetzung und Entwicklung des klassischen Liberalismus

3. Lösungsansätze des Neoliberalismus um Walter Eucken
3.1. Biographie Walter Euckens
3.2. Walter Eucken und die neoliberale Theorie
3.3. Euckens Kritik an der Wirtschaftspolitik des Laissez-faire
3.4. Euckens Kritik an der Zentralverwaltungswirtschaft
3.5. Euckens Kritik an der Wirtschaftspolitik der Mittelwege
3.6. Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik
3.7. Die Politik der Wettbewerbsordnung
3.8. Die konstituierenden Prinzipien der Wettbewerbsordnung
3.8.1. Grundprinzip
3.8.2. Primat der Währungspolitik
3.8.3. Offene Märkte
3.8.4. Privateigentum
3.8.5. Vertragsfreiheit
3.8.6. Haftung
3.8.7. Konstanz der Wirtschaftspolitik
3.8.8. Zusammengehörigkeit der konstituierenden Prinzipien
3.9. Die regulierenden Prinzipien der Wettbewerbsordnung
3.9.1. Monopolkontrolle
3.9.2. Einkommenspolitik
3.9.3. Wirtschaftsrechnung
3.9.4. Anomales Verhalten des Angebots

4. Kritik an Euckens Theorie des Neoliberalismus

5. Entscheidung für eine Wirtschaftsordnung und Einflüsse des Neoliberalismus

II. Literatur

0. Einleitung

Walter Eucken wird häufig als herausragendes Mitglied und Begründer der neoliberalen Freiburger Schule in einem Atemzug mit Alfred Müller-Armack in Verbindung gebracht. Mancher Autor lässt sich sogar zu Aussagen wie „Kein Wissenschaftler hat die Wirtschaftsordnung der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik so stark geprägt wie Eucken. Die von ihm begründete ordoliberale Freiburger Schule lieferte die Grundprinzipen für die soziale Marktwirtschaft.“[1] hinreißen. Und dennoch erfuhr Walter Eucken in der wissenschaftlichen Fachliteratur genauso wie in der konkreten Umsetzung einer Wirtschaftsordnung zumeist eine weitaus geringere Würdigung als der Begründer und Urheber des Begriffes „soziale Marktwirtschaft“, Alfred Müller-Armack, der – zusammen mit seiner Wortschöpfung - in der Folgezeit der jungen Bundesrepublik durch Ludwig Erhard noch zunehmend an Popularität gewonnen hat.

Nach einem Referat und einer sich daran anschließenden Ausarbeitung im Grundarbeitskreis Politische Ökonomie, soll es deshalb nun Thema und Aufgabe dieser Studienarbeit sein, spezifischer auf die Theorie Walter Euckens einzugehen und dabei auch nach Ursachen für den o.g. Umstand zu suchen. So schließt sich an einen kurzen historisch-ökonomischen Rückblick, der gleichsam als Ausgangslage für den Wissenschaftler verstanden werden kann, eine Darstellung des klassischen Liberalismus an, die veranschaulichen soll, aus welcher theoretischen Perspektive Eucken sich den wirtschaftlichen Problemen seiner Zeit näherte. Seine Ordnungstheorie selbst wird im folgenden dann zu vertiefen sein. Dabei sollen die von Eucken vorgebrachten Kritikpunkte an verschiedenen Wirtschaftsformen genauso wie seine eigenen Vorstellungen bezüglich einer funktionierenden Wirtschaftsordnung nach neoliberalen Maßstäben im Mittelpunkt stehen. Nach einer kurzen kritischen Stellungnahme hierzu, bildet den Abschluss erneut eine historische Darstellung zur Verwirklichung der sozialen Marktwirtschaft, die überblickartig auch auf die theoretischen Unterschiede zum Neoliberalismus um Eucken eingehen wird.

1. Die wirtschaftliche Ausgangslage nach dem 2. Weltkrieg

Theoretische Entwürfe und Ideen werden in Bezug auf eine Wirtschaftsordnung erst dann geschichtlich wirksam, wenn sie zum einen breitem gesellschaftlichen Interesse entsprechen und zum anderen auch politisch durchgesetzt werden können. Eine Wirtschaftsordnung entsteht demnach aus mehreren großen und kleinen Richtungsentscheidungen und verändert sich unter Umständen mit politischen Machtkonstellationen. Soll eine Wirtschaftsordnung als geschichtliches Phänomen begriffen werden, in dem eben diese politische Gestaltung wirksam ist, so kommt eine Erklärung, warum sich eine bestimmte Wirtschaftsordnung entwickelte, nicht daran vorbei, sowohl den politischen Entwicklungspfad als auch die Ausgangslage in ihrer zukunftsprägenden Bedeutung zu umreißen.[2] Dies soll im folgenden geschehen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges schien in Deutschland eine zunächst aussichtslose Situation vorzuherrschen. Der Großteil der gewerblichen Gebäude sowie Produktions- und Verkehrsanlagen war zerstört und das Leben war geprägt von Unterernährung und Wohnungsnot, während der Flüchtlingsstrom zwischen den Jahren 1945 und 1947, mit dem etwa 10 Millionen Menschen zusätzlichen nach Deutschland kamen, für eine Verschärfung der wirtschaftlichen und existenziellen Probleme sorgte.[3] Das in vier Besatzungszonen aufgeteilte Deutsche Reich war zudem und nicht zuletzt wegen der immensen Kriegsaufwendungen stark verschuldet: In der Zeit von 1938 bis 1945 stieg die Reichsschuld von 19,1 Mrd. auf 379,8 Mrd. Reichsmark an.[4] Die deutsche Wirtschaft selbst war nach Kriegsende fast völlig zum Erliegen gekommen und gerade im Bereich der Industrie musste zunächst ein verheerender Rückgang diagnostiziert werden: So betrug die Industrieproduktion in der zweiten Hälfte des Jahres 1945 nur noch 20% des Standes von 1936.[5] Dementsprechend lag es nahe, den fast völligen Stillstand der Produktion zunächst auf die in den beiden letzten Kriegsjahren immer heftigeren Luftangriffe zurückzuführen. Tatsächlich allerdings war im Mai 1945 die Substanz des industriellen Anlagevermögens keineswegs entscheidend angegriffen, was zum einen an der bis 1943 beispiellosen Investitionstätigkeit im industriellen Bereich und zum anderen an dem maßlosen Überschätzen der Bombenschäden direkt nach Kriegsende 1945 lag.[6] Die Flächenbombardements der alliierten Luftangriffe hatten vielmehr Wohnviertel und vor allem zentrale Verkehrs- und Transportknotenpunkte getroffen, so dass die vollständige Lähmung der deutschen Wirtschaft – abgesehen von diesen Bereichen – mit den materiellen Ausfällen der Industrie allein nicht erklärt werden konnte.

Ursache für die Misere der deutschen Wirtschaft waren neben den Mängeln im Transportsystem – im Speziellen der Transport von Kohle aus dem Ruhrgebiet[7] - vor allem aber politische Behinderungen, die sich zum einen aus der Abtrennung der Ostgebiete und der Abschottung der Besatzungszonen, zum anderen aus der gestörten inneren Balance zwischen den westlichen Ballungsräumen, Berlins und Oberschlesiens und den landwirtschaftlichen Kerngebieten Mittel- und Ostdeutschlands ergaben.[8] Überdies bedeuteten politische Hemmnisse aber auch, dass bei einer entsprechenden politischen Umorientierung eine rasche Erholung der deutschen Wirtschaft im Bereich des Möglichen lag, zumal es trotz hoher Kriegsverluste eine ausreichende Zahl qualifizierter und motivierter Arbeitskräfte gab, deren Fachwissen durch den Krieg nicht einfach verschwunden war.[9] Zudem wurde dieser überaus wichtige Produktionsfaktor, nämlich die gesellschaftliche Arbeitskraft, in Westdeutschland durch mittel- und ostdeutsche Flüchtlinge mit vergleichsweise hohem Qualifikationsniveau bis weit in die 50er Jahre positiv gestützt.[10] Damit war am Ende des Krieges für lange Jahre eine traditionelle Wachstumsschranke weit offen. Lediglich die wirtschaftliche Einsatzfähigkeit war auf kurze Frist beschränkt, weil vielfach Berufs- und Arbeitsplatzstruktur aufgrund regionaler Fehlleitungen des Arbeitskräftepotentials in den verschiedenen Besatzungszonen auseinander fielen.[11]

1.1. Auf der Suche nach einer neuen Wirtschaftsform: allgemeine historische Erfahrungen im Bereich der Ökonomie

Gerade aufgrund der schlechten Versorgungslage der Bevölkerung setzte schon unmittelbar nach Kriegsende eine heftige Diskussion über die Ausgestaltung einer zukünftigen deutschen Wirtschaftsordnung ein, bei der verstärkt auch geschichtliche Perspektiven zum Tragen kamen. Zum einen hatten die unheilvollen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise (1929-1933) auf die politische Stabilität demokratischer Prozesse in Staat und Gesellschaft in der Bevölkerung die Vertauensbasis für eine kapitalistische Marktwirtschaft geraubt, zum anderen geriet nicht in Vergessenheit, dass deutsche Unternehmer, besonders aus den Kreisen der Schwerindustrie, die Stabilisierung des nationalsozialistischen Regimes nicht unwesentlich unterstützt hatten.[12] Aus der Sicht der Besatzungsmächte hatte zudem die Erfahrung der Weimarer Republik deutlich aufgezeigt, welche Bedeutung der wirtschaftlichen Entwicklung für die politische Stabilität Deutschlands zukam, weshalb besonders die Westmächte bemüht waren, das Wirtschaftsleben in den jeweiligen Besatzungszonen schnellstmöglich wieder in Gang zu setzten. Nur wenn hier Produktion wieder ermöglicht wurde, die Bevölkerung in die Lage versetzt wurde, sich selbst zu versorgen, waren auch Reparationszahlungen zu erwarten.[13]

Gerade dieser wirtschaftlichen Stabilisierung stand allerdings zunächst ein inflationärer Geldüberhang, ausgelöst vor allem durch die bis 1945 getätigte Kriegsfinanzierung, im Weg. Die Summe aus Bargeld, Bankguthaben und Spareinlagen – die Geldmenge im weiteren Sinn – hatte sich in nur sieben Jahren (zwischen 1938 und 1945) von 56,4 Mrd. auf 298 Mrd. Reichsmark mehr als verfünffacht, was dazu führte, dass sich bereits vor Kriegsende Wirtschaftsexperten nahezu einig darüber waren, dass ein derart immenser Geldüberhang beseitigt werden müsste, wollte man zu geordneten Währungsverhältnissen zurückkehren können.[14] Die Inflation wurde zwar durch Preis- und Lohnkontrollen und durch das Bewirtschaftungssystem zurückgedrängt, was allerdings nichts daran änderte, dass das Geld entwertet wurde und für eine stabile wirtschaftliche Entwicklung eine Währungsreform für unumgänglich gehalten wurde. Im Unterschied zur Währungsreform im November 1923 und der vorausgehenden Inflation nach dem 1. Weltkrieg wurde nach dem 2. Weltkrieg die Geldvermehrung jedoch gestoppt, was insgesamt zu einer Vereinfachung der in 1948 durchgeführten Währungsreform und deren begleitender Stabilisierungspolitik geführt hat.[15]

2. Liberalismus, Neoliberalismus und Ordoliberalismus als spezifisch bundesdeutsche Variante

Im wirtschaftlich und geistig zunehmend isolierten faschistischen Deutschland sahen sich viele Wissenschaftler – gerade auch im ökonomischen Bereich – unter dem Druck des Regimes genötigt, auf die offizielle Wirtschaftsideologie einzuschwenken. Eine bedeutende Ausnahme hierzu bildete die Gruppe von Nationalökonomen, die unter dem Begriff Neoliberalismus ihre grundlegenden Ideen erarbeiteten und zu denen voran auch Walter Eucken im Zusammenhang mit der Freiburger Schule gesehen werden kann. Der Neoliberalismus kann insgesamt als durchaus spezifisch deutscher Beitrag gewertet werden, der als wirtschaftstheoretische Schlussfolgerung aus den Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts heraus entstand: Fast ausschließlich deutschsprachige Autoren waren es, die die neoliberale Schule begründeten und später dann in der spezifisch bundesdeutschen Variante des Ordoliberalismus zur Fortführung brachten.[16]

2.1. Neoliberalismus als Reform des klassischen Liberalismus

Der Neoliberalismus um das geistige Zentrum der Freiburger Schule entwickelte sich wissenschaftlich vor allem in der Auseinandersetzung mit dem klassischen Liberalismus des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Neoliberalen Wissenschaftler orientierten sich dabei zwar weitgehend an den klassisch liberalen Grundvorstellungen, modifizierten sie aber doch erheblich, indem sie dem Staat neben der Erhaltung und Gestaltung eines eher allgemeinen Ordnungsrahmens auch bestimmte Eingriffsfunktionen zusprachen und zudem die soziale Verantwortung der Wirtschaftspolitik nachdrücklich betonten.[17]

Liberalismus und Neoliberalismus verbindet die Domestizierung des Staates: Entstand der Liberalismus als Reaktion auf die Allmacht des Absolutismus und seiner merkantilistischen Staatswirtschaft, so war der Neoliberalismus die Antwort auf das Vordringen zentralistischer Regime mit umfassenden Vollmachten in der Zwischenkriegszeit. In beiden Fällen sollten mit dem Obrigkeitsstaat auch dessen umfangreiche Kontrollbefugnisse genauso wie der aufgeblähte Staatsapparat abgebaut werden.[18]

2.2. Grundzüge des klassischen Liberalismus

Insofern beinhaltet der klassische Liberalismus selbst gleichermaßen eine politische wie eine ökonomische Konzeption und impliziert für das gesamte gesellschaftliche, politische und ökonomische Leben das Individualprinzip mit dem naturrechtlich begründeten Anspruch auf individuelle Freiheit sowie auf freie Betätigung in allen menschlichen Lebensbereichen. Die Freiheit der Individuen setzt allerdings die konsequente Beseitigung der Bevormundung durch den Staat sowie der überkommenen mittelalterlichen und merkantilen Bindungen voraus, so dass durch freie und utilitaristisch orientierte Entscheidungen des einzelnen, der speziell seinem wirtschaftlichen Interesse und Eigennutz folgt, eine gewollte „natürliche Ordnung der Gesellschaft“ (F. Quasnay) in perfekter „sozialer Harmonie“ (A. Smith) hervorgehoben wird.[19]

Neben den Briten David Ricardo, Robert Malthus, John Stuart Mill und dem Franzosen Jean Baptist Say hat vor allem Adam Smith die ökonomische Ausformung des klassischen Liberalismus vorangetrieben. Basierend auf einem System natürlicher Freiheit stellt er die Entscheidungsfreiheit der Individuen über die Verwendung von Ressourcen in den Mittelpunkt, so dass es Wirtschaftssubjekten ermöglicht wird, ihre Tätigkeiten dorthin zu lenken, wo sie den höchstmöglichen Nutzen abwerfen.[20] Träger der wirtschaftlichen Handlung ist demnach das Individuum, das in freier Selbstbestimmung über seine wirtschaftlichen Handlungen und Unterlassungen verfügt.[21] Gerade diese Handlungen müssen jedoch bei Nachfrageverlagerungen und der daraus resultierenden Änderung der Tauschverhältnisse verändert werden, wenn Gewinneinbußen vermieden werden sollen, was Smith in seinem Theorem der relativen Preise darlegt. Dabei setzt er allerdings voraus, dass Geld nur als Tauschmittel, nicht als Wertaufbewahrungsmittel verwendet wird.[22] Durch derartige Dispositionsänderungen folgen die Individuen demnach den geänderten Konsumwünschen der Nachfrager und steigern somit die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt, ohne dies selbst beabsichtigt zu haben, was Smith in seinem Gleichnis von der „unsichtbaren Hand“ expliziert.[23] Der einzelne trägt damit durch sein Nachgehen eigener wirtschaftlicher Interessen auf einem Markt freier Konkurrenz „automatisch“ zum Wohle der Gesamtheit bei.[24]

Nach derartig formulierten Marktgesetzten kann es aus klassisch liberaler Sicht ein Auseinanderklaffen zwischen gesamtwirtschaftlichem Angebot und gesamtwirtschaftlicher Nachfrage nicht geben – zumindest nicht unter der Annahme einer ausreichenden Wirksamkeit der marktwirtschaftlichen Kräfte und einer behaupteten Tendenz zu einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung.[25] Unter der Voraussetzung marktdeterminierter Preise wird zudem Arbeitslosigkeit – ein dauerndes Überschussangebot am Arbeitskräften – für unmöglich gehalten, da fallende Löhne Unternehmen dazu veranlassen werden, die nun billigere Ware Arbeit verstärkt nachzufragen. Kongruent zu diesem Denkmuster wird die Ursache für wirtschaftliche Krisen ausschließlich in exogenen Kräften gesucht, systemimmanente Krisen dagegen – beispielsweise Überproduktionskrisen – können von nur partieller und vorübergehender Natur sein und werden von den Liberalisten als Ausleseprozess empfunden, der Fehlleitungen von wirtschaftlichen Ressourcen offenbart und auf diese Weise bereits den Weg aus der Krise bereitet.[26]

Ihre eigene Aufgabe sehen die Klassiker vor allem darin, nach objektiven Gesetzen Ausschau zu halten, die die Produktion und Verteilung der Güter regeln und sich im Zuge des menschlichen Miteinander als vorteilhaft für das Zusammenleben der Gesellschaft erwiesen haben. Insofern werden Gesetzte und Institutionen als Resultate eines Entwicklungsprozesses gedeutet und das Verfahren von Versuch und Irrtum („trial and error“) zum dritten ordnungspolitischen Prinzip des Liberalismus – neben Naturrecht und Staatsrecht – erhoben.[27]

Die wirtschaftspolitische Aufgabe des Staates beschränkt Smith hingegen auf die Schaffung der Bedingungen, die für das individuelle Wirtschaften förderlich sind. Da ein dauerhaftes gesamtwirtschaftliches Überangebot nach den o.g. Überlegungen nicht möglich ist, ist es folglich auch nicht Aufgabe des Staates, für ein ausreichendes Beschäftigungsniveau der Wirtschaft zu sorgen. Dementsprechend hat sich der Staat soweit wie möglich jeder wirtschaftlichen Aktivität zu enthalten.[28] Vielmehr muss er nach Smiths Auffassung öffentliche Infrastruktur aufbauen und unterhalten, die Rechtsordnung aufrechterhalten und in diesem Rahmen Individualrechte sichern sowie die Verteidigungsbereitschaft des Landes herstellen.[29]

2.2.1. Durchsetzung und Entwicklung des klassischen Liberalismus

Die nach dem Wirtschaftsideal des Liberalismus konzipierte freie Marktwirtschaft konnte sich in ihren wesentlichen Grundzügen in den meisten westeuropäischen Nationen des 19. Jahrhunderts durchsetzen. Als Folge dieser Entwicklung zeigten sich jedoch zunehmend Tendenzen, in denen sich der Wirtschaftsalltag mehr und mehr von dem früheren Idealbild entfernte, so dass sich erste Zweifel an der liberalen Wirtschaftslehre manifestierten. Eine Hauptursache hierfür war die fortschreitende Kapitalakkumulation und als deren Folge die Erscheinung massiv auftretender konzentrativer Prozesse, die es mit sich brachten, dass der Wettbewerb in wesentlichen Teilen außer Kraft gesetzt werden konnte. Kartelle, Konzerne und Trusts bewirkten eine Oligopolisierung und Monopolisierung, die sich sowohl im mittlerweile entwickelten industriewirtschaftlichen Gebiet als auch in verschiedenen Zweigen des Dienstleistungsgewerbes bemerkbar machten und des weiteren besonders den gewerblichen Mittelstand benachteiligten, welcher sich daraufhin mit Hilfe von Genossenschaften auf den Märkten zu behaupten versuchte.[30]

[...]


[1] Geißler, C.: Walter Eucken: Grundsätze der Wirtschaftspolitik / http://www.oeffentliche-finanzen.de/zeit/Eucken.htm

[2] Vgl. Zinn, K. G.: Soziale Marktwirtschaft: Idee, Entwicklung und Politik der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung, S. 59

[3] Vgl. Henning, B.: Die Soziale Marktwirtschaft – Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik, S. 14

[4] Vgl. Zinn, K. G.: Soziale Marktwirtschaft: Idee, Entwicklung und Politik der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung, S. 61

[5] Vgl. Görtemaker, M.: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: von der Gründung bis zur Gegenwart, S. 119

[6] Vgl. Abelshausen, W.: Probleme des Wiederaufbaus der westdeutschen Wirtschaft 1945-1953, S. 215

[7] Vgl. Abelshausen, W.: Probleme des Wiederaufbaus der westdeutschen Wirtschaft 1945-1953, S. 216

[8] Vgl. Birke, A.: Nation ohne Haus / Deutschland 1945-1961, S. 127

[9] Vgl. Görtemaker, M.: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: von der Gründung bis zur Gegenwart, S. 120

[10] Vgl. Zinn, K. G.: Soziale Marktwirtschaft: Idee, Entwicklung und Politik der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung, S. 62

[11] Vgl. Abelshausen, W.: Probleme des Wiederaufbaus der westdeutschen Wirtschaft 1945-1953, S. 218

[12] Vgl. Henning, B.: Die Soziale Marktwirtschaft – Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik, S. 14

[13] Vgl. Görtemaker, M.: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: von der Gründung bis zur Gegenwart, S. 119

[14] Vgl. Zinn, K. G.: Soziale Marktwirtschaft: Idee, Entwicklung und Politik der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung, S. 61

[15] Vgl. Zinn, K. G.: Soziale Marktwirtschaft: Idee, Entwicklung und Politik der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung, S. 61

[16] Vgl. Zinn, K. G.: Soziale Marktwirtschaft: Idee, Entwicklung und Politik der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung, S. 32

[17] Vgl. Floren, F. J.: Wirtschaftspolitik im vereinten Deutschland, S. 145

[18] Vgl. Besters, H.: Neoliberalismus, S. 107

[19] Vgl. Schachtschabel, H. G.: Wirtschaftspolitische Konzeptionen, S. 54f.

[20] Vgl. Starbatty, J.: Klassischer Liberalismus, S. 82

[21] Vgl. Poser, G.: Wirtschaftspolitik, S. 20f.

[22] Vgl. Taenzer, U.: Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften, S. 50

[23] Vgl. Starbatty, J.: Klassischer Liberalismus, S. 82

[24] Vgl. Poser, G.: Wirtschaftspolitik, S. 20f.

[25] Vgl. Taenzer, U.: Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften, S. 50

[26] Vgl. Taenzer, U.: Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften, S. 50

[27] Vgl. Starbatty, J.: Klassischer Liberalismus, S. 83

[28] Vgl. Taenzer, U.: Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften, S. 50

[29] Vgl. Poser, G.: Wirtschaftspolitik, S. 21

[30] Vgl. Schachtschabel, H. G.: Wirtschaftspolitische Konzeptionen, S. 79

Details

Seiten
36
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638346573
Dateigröße
712 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34439
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – FB 03 - Institut für Politikwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Theorie Walter Euckens Entwurf Wirtschaftsordnung Politische

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