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Arbeiterliteratur in der BRD - Dortmunder Gruppe 61 und Werkkreis Literatur der Arbeitswelt

Seminararbeit 2003 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zeitlicher Zusammenhang und Vorgeschichte

3. Die Dortmunder Gruppe 61
3.1 Gründung
3.2 Soziale Zusammensetzung der Gruppe
3.3 Publikationen der Gruppe
3.4 Ideologie der Gruppe

4. Krisen / Auflösungsprozess

5. Werkkreis Literatur der Arbeitswelt
5.1 Organisation und Programm
5.2 Ideologie des Werkkreises
5.3 Wirklichkeit vs. Fiktion
5.4. Publikationen des Werkkreises

6. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Seminararbeit beschäftigt sich mit zwei der bekanntesten und einflussreichsten Literatengruppen der Nachkriegszeit: Der Dortmunder Gruppe 61 und dem Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Der größte Unterschied der Gruppe 61 gegenüber anderen literarischen Vereinigungen, wie z.B. der Gruppe 47, ist, dass sich die Gruppe ein bestimmtes Thema zu eigen gemacht hat, nämlich die Arbeitswelt. Dass dieses Novum auch viele Fragen und Probleme aufwirft, möchte ich im Folgenden näher erläutern. Ich werde vorerst auf den zeitlichen Zusammenhang der Gruppengründung eingehen und auch die politische Lage dieser Zeit, die keine unerhebliche Rolle für die Gruppe 61 gespielt hat, kurz umreißen. In Kapitel 3 gehe ich auf die Gründungsphase, die literarischen Vorbilder und die wichtigsten Namen der Gruppe 61 ein. Darauf folgt das wichtige Thema der sozialen Gruppenzusammensetzung. Ist es wirklich so, dass in der Gruppe nur Arbeiter für Arbeiter schrieben, oder gab es auch bürgerliche Autoren? Danach möchte ich die größten und wichtigsten Publikationen und Publikationswege erläutern, besonders auch die Werke von Max von der Grün und Günter Wallraff. Im letzten Teil dieses Kapitels geht es um die Ideologie bzw. die politische Ausrichtung der Gruppe und die Ziele, die sie mit ihrer Literatur verfolgte. Daraus folgen auch die ersten Probleme und Streitigkeiten der Gruppe. Speziell geht es um Max von der Grün, der durch seine Kritik an den Gewerkschaften die Gruppe in eine unangenehme Lage gebracht hat. In Kapitel 4 werde ich die ersten Krisen und den langsamen Auflösungsprozess der Gruppe thematisieren und die Widersprüche innerhalb der Gruppe ins Blickfeld nehmen. Mit Kapitel 5 beginnt ein neuer Abschnitt der Arbeit, da der neu und von der Gruppe 61 unabhängige Werkkreis Literatur der Arbeitswelt gegründet worden ist. Hier werde ich zunächst wieder auf die Organisation und Arbeitsweise eingehen und auch die programmatischen Unterschiede zur Gruppe 61 beschreiben. Da sich auch die politische Ausrichtung und die literarischen Vorbilder der Werkkreismitglieder von denen der Gruppe 61 unterscheiden, gehe ich hierauf erneut ein. Im vorletzten Abschnitt geht es um eine Debatte zwischen Günter Wallraff und den anderen Werkkreismitglieder bzw. darum, ob der Werkkreis vornehmlich Dokumentationen oder fiktionale Texte veröffentlichen sollte. Am Ende dieser Arbeit werde ich den großen Erfolg des Werkkreises mit einigen Zahlen verdeutlichen und die unterschiedlichen Medien, die den Werkkreis vertraten, aufzeigen.

2. Zeitlicher Zusammenhang und Vorgeschichte

Für die Entstehung der Dortmunder Gruppe 61 gab es eigentlich keine politischen oder ökonomischen Ursachen. Sie entstand in einer Zeit, in der Arbeiterliteratur oder Klassenkampf nicht thematisiert wurden, und keiner zweifelte an der Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Außerdem hatte die SPD 1959 dem Marxismus abgeschworen (Godesberger Programm) und sich zur Volkspartei entwickelt.[1] Die sozialen Verhältnisse in der BRD boten Ende der 50er Jahre keinen Anlass zu klassenkämpferischen Parolen. An den Wahlsiegen der CDU waren neben dem Bürgertum ebenso die Arbeiterschaft beteiligt, und durch die problematischen Zustände in der DDR florierte der Antikommunismus[2]. Auch Max von der Grün betont, dass in den 50er Jahren viele Arbeiter nicht auf Sozialdemokratie, sondern auf Christdemokraten setzten, und auch die Gewerkschaften standen zu dieser Zeit noch unter dem Verdacht kommunistischer Infiltration[3]. Ende der 50er Jahre setzte jedoch die Kohlenkrise ein, und die Menschen, besonders im Ruhrgebiet, verloren den Glauben an das Wirtschaftswunder bzw. an das weiterhin krisenfreie Wachsen der Produktivität. Die Arbeiterschaft gewann jedoch durch Demonstrationen und den „Marsch auf Bonn“ (1959) wieder ihr altes Selbstbewusstsein zurück,[4] und Anfang der sechziger Jahre war eine stärkere Politisierung, auch der westlichen Literatur festzustellen, bei der die Arbeit wieder Thema der Literatur wurde[5]. Dieses Thema hatte seit dem Krieg eine nur marginale Rolle in der Literatur gespielt.

Gründe für das Fehlen der Arbeitswelt in der westdeutschen Nachkriegsliteratur sind nach Ansicht von Josef Reding, einem Mitglied der Gruppe 61, das erdrückende Thema Krieg, das kaum Platz und Zeit für andere Themen freihielt, sowie der Widerwillen der Schriftsteller, nach 1945 als „Epigonen der einstigen Arbeiterdichter“ aufzutreten[6]. Im Jahre 1960 schreibt Walter Jens:

„Die Welt, in der wir leben, ist noch nicht literarisch fixiert. Die Arbeitswelt zumal scheint noch nicht in den Blick gerückt zu sein. Wo ist das Portrait eines Arbeiters?... Arbeiten wir nicht?... Ist unser tägliches Tun so ganz ohne Belang? Geschieht wirklich gar nichts zwischen Fabriktor und Montagehalle, ist das Kantinengespräch ohne Bedeutung, prüft kein Labor seine lebenslänglichen Sklaven?“[7]

Und auch Martin Walser schreibt in seinen Berichten aus der Klassengesellschaft, dem Vorwort zu den Bottroper Protokollen (1968) von Erika Runge:

„Alle Literatur ist bürgerlich bei uns. Auch wenn sie sich noch so antibürgerlich gebärdet. ... Arbeiter kommen in ihr vor wie Gänseblümchen, Ägypter, Sonnenstaub, Kreuzritter und Kondensstreifen. Arbeiter kommen in ihr vor. Hier, in diesem Buch, kommen sie zu Wort“[8].

3. Die Dortmunder Gruppe 61

3.1. Gründung

Am 13. März 1961 lud Fritz Hüser, Bibliotheksdirektor in Dortmund und Gründer des ‚Archivs für Arbeiterdichtung und Soziale Literatur’, nordrhein-westfälische Autoren und Publizisten ins Dortmunder Haus der Bibliotheken ein, um über das Thema Möglichkeiten und Formen moderner Arbeiter- und Industriedichtung zu diskutieren. Fritz Hüser verfügte über Kontakt mit dem damaligen IGBE- Funktionär Walter Köpping, der wiederum Verbindungen zu schreibenden Bergarbeitern im Ruhrgebiet hatte. Auf der Dortmunder Tagung referierte Hüser über Autorengemeinschaften im Rheinland und Westfalen: Werkleute auf Haus Nyland und Ruhrlandkreis “, Köpping über Themen und Formen heutiger Arbeiter- und Industriedichtung“[9]. Hüser und Köpping hatten zuvor die Gewerkschaftsanthologie der Bergarbeiterdichtung Wir tragen ein Licht durch die Nacht herausgegeben, in der ältere Dichtungen und auch zeitgenössische Autoren des Ruhrgebiets (z.B. Gedichte von Max von der Grün, Heinz Kosters und Hildegard Wohlgemuth) vertreten waren. Die Tagungsmitglieder beschlossen u. a.:

- einen Arbeitskreis für künstlerische Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt zu gründen und sich regelmäßig in Dortmund zu treffen;
- an die Tradition der Arbeiter- und Industriedichtung vor 1933 anzuknüpfen und sie neu zu entwickeln;
- die Gewerkschaftspresse zu interessieren

Anknüpfungspunkt und Vorbilder der Gruppenbegründer waren die regionalen Autorengruppen der Werkleute auf Haus Nyland (gegründet 1912) und der Ruhrlandkreis. Die Mitglieder dieser Gruppen waren keine Schriftsteller, sondern „Werkleute“, die sich vom bloßen Ästhetentum und von dem Kunst-für-die-Kunst-Prinzip Stefan Georges distanzierten. Auch wandten sich die Mitglieder gegen die klassenkämpferischen und gleichmacherischen Ideen des Sozialismus. Man bekannte sich zur Technik und Wirtschaft und wollte das Gefühl für die Heimat pflegen. Ziel war es, eine Synthese zwischen Industrie und Kunst, Imperialismus und Kultur, moderner Wissenschaft und individueller Freiheit herbei zu führen[10]. Die Mitglieder verstanden sich als Individualisten, denen es mehr um den künstlerischen Ausdruck als um die Verwirklichung politischer Ziele ging[11]. Obwohl sich die Gruppe 61 den „Werkleuten“ vom Programm her angeschlossen hatte, blieben die Meinungen darüber, ob die Gruppe die Traditionen der „Werkleute“ übernehmen oder sich bloß an ihnen orientieren sollte, geteilt. Fritz Hüser bestritt einen direkten Zusammenhang:

„Im Zeitalter der Mitbestimmung und der Automation, der Kybernetik und Atomkräfte, der Volksaktie und der 40-Stunden-Woche stehen andere Fragen und Probleme im Vordergrund als die der früheren Arbeiterdichtung und sozialen Kampfdichtung. Wer sich heute literarisch diesen Problemen widmen will, muss umfassende Kenntnisse und einen großen Überblick mitbringen – zugleich muss er neue Formen suchen und gestalten, um die Veränderungen unserer Gesellschaft, die Unsicherheit und das quälende Unbehagen der arbeitenden Menschen literarisch zu gestalten und bewusst zu machen. Hierfür kann die Arbeiterdichtung der zwanziger und dreißiger Jahre kein Vorbild sein, auch die Versuche der ‚Schreibenden Arbeiter’ in der DDR“[12].

Am 17. Juni 1961 traf sich die Gruppe – mittlerweile waren es 50 Personen – erneut zum Thema Mensch und Industrie in der Literatur der Gegenwart “. Zu ihren Gründungsmitgliedern gehörten neben Fritz Hüser und Walter Köpping Bruno Gluchowski, Artur Granitzki, Max von der Grün, Edgar Struchhold, Erwin Sylvanus und Günter Westerhoff. Am 3. Juli stand der Name Dortmunder Gruppe 61, Arbeitskreis für die künstlerische Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt fest[13]. Am 22. März 1964 lag das Programm der Gruppe vor. Unter anderem wurden folgende wichtige Punkte genannt:

1. Literarisch-künstlerische Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt der Gegenwart und ihrer sozialen Probleme;
2. Geistige Auseinandersetzung mit dem technischen Zeitalter
3. Verbindung mit der sozialen Dichtung anderer Völker;
4. Kritische Beschäftigung mit der frühen Arbeiterdichtung und ihrer Geschichte[14]

[...]


[1] Vgl. Fanz Schonauer, Die Dortmunder Gruppe 61. Ein Kapitel neuester westdeutscher Literaturgeschichte. In: Handbuch zur deutschen Arbeiterliteratur. Hg. Von Heinz Ludwig Arnold. München: Edition Text und Kritik 1977. S.123-147, S.124

[2] Vgl. ebenda, 130

[3] Vgl. Heinz-Ludwig Arnold: Arbeiterliteratur in der Bundesrepublik. In: Arbeiterliteratur in der Bundesrepublik Deutschland. Hg. Von Ilsabe Dagmar Arnold-Dielewicz und Heinz Ludwig Arnold. Stuttgart: Ernst Klett 1975 (Literaturwissenschaft, Gesellschaftswissenschaft; 16). S. 6-21, 10

[4] Vgl. Rainer Noltenius: Das Ruhrgebiet: Zentrum der Literatur der industriellen Arbeitswelt seit 1960. In: Sprache und Literatur an der Ruhr. Hg. von Konrad Ehlich [u. a.]. 2. Auflage. Essen: Klartext-Verlag 1997 (Schriften des Fritz-Hüser-Instituts für Deutsche und Ausländische Arbeiterliteratur der Stadt Dortmund: Reihe 2, Forschungen zur Arbeiterliteratur). S.229-241, 231

[5] Vgl. Reinhard Dithmar: Industrieliteratur. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1973, 48

[6] Vgl. Skizze zur Geschichte der deutschen Nationalliteratur von den Anfängen der deutschen Arbeiterbewegung bis zur Gegenwart“. In: Weimarer Beiträge 1964, S.642-812, hier: S. 774, zitiert nach Dithmar S. 48

[7] Vgl. Walter Jens, Über den Gegensatz zwischen industrieller Arbeitswelt und Literatur. In: Die Kultur, Nr. 155, Sept. 1960, zitiert nach Dithmar S. 48

[8] Vgl. Martin Walser in: Erika Runge: Bottroper Protokolle. Frankfurt: Edition Suhrkamp 1968, S. 9..Zitiert nach Dithmar S. 85

[9] Vgl. Schonauer, 134

[10] Vgl. Schonauer, 131f.

[11] Vgl. Noltenius, 233

[12] Vgl. Fritz Hüser und Max von der Grün (Hrsg.), Aus der Welt der Arbeit. Almanach der Gruppe 61und ihrer Gäste, Neuwied und Berlin 1966 S. 26 zitiert nach Dithmar S. 54

[13] Vgl. Schonauer, 134

[14] Vgl. Programm der Gruppe 61 zitiert nach Kühne

Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638346405
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34417
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Germanistik
Note
1-
Schlagworte
Arbeiterliteratur Dortmunder Gruppe Werkkreis Literatur Arbeitswelt Grün Stellenweise Glatteis

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