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Theorie und Praxis der systemtheoretischen Organisationsberatung

Diplomarbeit 2002 140 Seiten

BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1 Einführung: Entwicklung der Beratungsbranche und Zielsetzung

2 Systemtheoretische Grundlagen
2.1 Konstruktivismus und Kybernetik 2. Ordnung
2.1.1 Konstruktivismus
2.1.1.1 Das Maschinenmodell
2.1.1.2 Beobachtungen
2.1.2 Kybernetik 2. Ordnung
2.2 Autopoiese, operationale Geschlossenheit und Selbstreferenz
2.2.1 Autopoiese
2.2.2 Operationale Geschlossenheit und Selbstreferenz
2.3 (Soziale) Systeme
2.3.1 System/ Umwelt Differenz und Komplexität
2.3.2 Funktionale Differenzierung
2.3.3 Systemebenen
2.4 Kommunikation, Entscheidung und Entscheidungsprämissen
2.4.1 Kommunikation
2.4.2 Entscheidung
2.4.3 Entscheidungsprämissen
2.4.4 Unsicherheitsabsorption
2.5 Zusammenfassung

3 Abgrenzung der Systemischen Beratung
3.1 Klassifikationsansätze von Beratungsformen
3.2 Interne vs. Externe Beratung
3.3 Expertenberatung
3.4 Prozessberatung
3.5 Mechanistisches und systemisches Beratungsverständnis
3.6 Zusammenfassung

4 Systemische Therapie
4.1 Die Systemische (Familien-) Therapie
4.2 Vorgehensweise
4.2.1 Hypothesenbildung
4.2.2 Intervention
4.3 Ausgewählte Methoden
4.3.1 Paradoxe Intervention
4.3.2 Exkurs: double-bind
4.3.3 Zirkuläres Fragen
4.4 Zusammenfassung

5 Systemische Beratung
5.1 Das Klientensystem
5.2 Das Beratersystem
5.3 Das Beratungssystem
5.3.1 Eingrenzung
5.3.2 Die Paradoxie der Intervention
5.3.3 Interventionschancen
5.4 Zusammenfassung
5.5 Ein- Blick in die Praxis
5.5.1 Institutionen
5.5.2 Systemische Intervention in der Praxis
5.5.2.1 Interventionsarchitektur
5.5.2.2 Interventionsdesign
5.5.2.3 Interventionstechnik
5.5.3 Zusammenfassung
5.6 Exkurs: Die Verstehensproblematik der Systemtheorie

6 Abschließende Beurteilung und Perspektiven

Anhang

Literaturverzeichnis

Lebenslauf

Ehrenwörtliche Erklärung

Vorwort

In den vergangenen Jahren gewannen Themen wie Internationalisierung und Globalisierung, zunehmende Wettbewerbsdynamik und -intensität, steigender Innovationsdruck, gesellschaftlicher Wertewandel, verkürzte Produktlebenszyklen, neue politische Rahmenbedingungen, verändertes Konsumentenverhalten etc.[1] gewichtige Prominenz bei all denjenigen, die sich in Theorie und Praxis mit Organisationen und Unternehmen beschäftigten. Es scheint so, als wandle sich das Beständige und als sei das einzig Beständige der Wandel.

In diesem Zusammenhang fallen vielfach auch die Schlagwörter des Strukturwandels und der (Umwelt-)Komplexität, denen Unternehmen und Organisationen vermehrt ausgesetzt seien.[2] Der inflationäre Gebrauch der Begriffe des Strukturwandels und der Komplexität darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese weder auf einer klaren Definition, noch auf einem einheitlichen Begriffsverständnis beruhen. Vielmehr besteht Uneinigkeit hierüber, so dass unter diesem Deckmantel häufig obige heterogene Vielfalt von Themen subsummiert wird, denen Organisationen und die Gesellschaft - mehr oder weniger - hilflos gegenüberstehen.[3] Glaubt man der einschlägigen Literatur, dann ist dies einer der Gründe dafür, weshalb die Beratungsbranche in den letzten Jahren wie kaum ein anderer Wirtschaftssektor boomt und aus diesem nebulösen Begriffs- und Themendschungel beachtliches Kapital schlägt. Interessanterweise scheint es aber gerade dieser Branche an einem professionellen Selbstverständnis zu mangeln (vgl. Mingers 1996: 16; König/Volmer 1993: 240ff.). So finden sich zwar zahlreiche Bücher über Berater (Anlageberater, Versicherungsberater, Familienberater, Berufsberater usw.) und Beratung, „wo zwar Verfahren dargestellt werden, ohne dass aber der Begriff ‚Beratung’ überhaupt näher bestimmt wird.“ (König/Volmer 1993: 43)[4]

Nähert man sich Organisationen und Unternehmen hingegen aus der Perspektive der neueren Systemtheorie und interessiert sich dafür, wie Veränderungen durch Berater vonstatten gehen (können), erlangen die Begriffe der Komplexität und des Strukturwandels grundlegende Bedeutung. Darüber hinaus werden sie auch vom Nominalismusverdacht befreit, indem ihnen die Systemtheorie einen umfassenden theoretischen Nährboden liefert.

In der vorliegenden Arbeit soll daher der Versuch unternommen werden, diejenige Sparte der Organisationsberatung darzustellen, die aus einer möglicherweise etwas unüblichen - weil stark soziologisch geprägten - Position heraus, Beratungsdienstleistungen anbietet.

Setzt man die allgemeine systemtheoretische Brille auf und interessiert sich für Unternehmen und Organisationen aus diesem Blickwinkel, ergeben sich interessante, für manche möglicherweise überraschende und ungewöhnliche Implikationen für die Theorie und Praxis der Beratung von Organisationen. Der Blick mag am Anfang unscharf und undeutlich sein, gewöhnt man sich allerdings an das Gestell und die Gläser, dann sieht man die Welt vielleicht mit anderen Augen.

Zudem macht diese Perspektive die Betrachtung einzelner, spezieller Organisationen und Unternehmen obsolet. Eine dezidierte Trennung in Organisationen bzw. Unternehmen macht wenig Sinn, wenn man sich über die Grundlagen beider Formen Gedanken macht. In der vorliegenden Arbeit soll daher dem kurzsichtigen Vorwurf, keinen Unterschied zwischen Unternehmen und Organisationen vorzunehmen, dadurch begegnet werden, dass im hier behandelten Rahmen die Differenz zwischen beiden nicht erkenntnisleitend ist. Unterschiedlich ist lediglich, dass Unternehmen im funktional differenzierten Subsystem Wirtschaft operieren, das sich an anderen binären Codes orientiert, als dies beispielsweise Schulen oder Krankenhäuser tun.[5] Diese Arbeit versteht sich jedoch als Beitrag zur Ausleuchtung der systemischen bzw. systemtheoretischen Beratung und interessiert sich demzufolge nicht für die binäre Codierung verschiedener Funktionssysteme, zu denen dann im Zuge der weiteren Ausdifferenzierung auch Unternehmen zählen, so dass es durchaus legitim erscheint, über diesen Unterschied hinwegzusehen, und die Begriffe Unternehmen und Organisation weitestgehend synonym zu verwenden. Mit anderen Worten interessieren - trotz der Heterogenität der Organisationstypen - die den verschiedenen Organisationstypen gemeinsamen Phänomene im Hinblick auf die Beratung. Dies hat zwar sicherlich zur Folge, dass Detailprobleme ausgeblendet werden, es ermöglicht aber den Weitblick auf die Grundlagen beider Formen.

Im Sinne der systemtheoretischen Terminologie wird im Folgenden also eine Beobachterposition dritter Ordnung eingenommen, um den systemtheoretischen Ansatz der Organisationsberatung darzustellen und im Hinblick auf seine blinden Flecken zu untersuchen, ohne jedoch aus den Augen zu verlieren, dass man selber nicht sehen kann, dass man nicht sehen kann (vgl. Luhmann 1990a: 52).

Herzlich bedanken möchte ich mich - vor allem für moralische und logistische Unterstützung - bei Herrn Christoph Lefkes, Herrn Andreas Wagner, meinen Eltern, sowie Herrn Dr. David Seidl für dessen Anregungen, sowie dafür, dass mir seine Tür für Fragen immer offen stand. Darüber hinaus bin ich Herrn Alexander Exner von der Beratergruppe Neuwaldegg, Herrn Prof. Dr. Heinrich W. Ahlemeyer von Sistema-Consulting und Herrn Wolfgang Dehm von OSB zu großem Dank verpflichtet, die mir in interessanten, spannenden und z.T. auch kontroversen Gesprächen einen Einblick in die Praxis Ihrer Arbeit gewährten, wesentlich zum Verständnis und Gelingen der Arbeit beitrugen und mich durch Ihre offene, persönliche und kritische Art auch nachhaltig zur Reflexion eigener Standpunkte anregten.

Der berühmte Beginn der Nachtszene in Goethes Faust I spiegelt in leicht abgewandelter Form deswegen auch jenes Gefühl wieder, das sich bei mir während der Suche nach „des Pudels Kern“ - vor allem auch nach dem Gespräch mit Herrn Dehm (das ich paradoxerweise gerade deshalb nicht missen möchte) - im Laufe der Arbeit immer deutlicher eingestellt hat:

Habe nun, ach! Soziologie,

konstruktivistische Theorien,

Und leider auch Familientherapie

Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh ich nun, ich armer Tor!

Und bin so klug als wie zuvor;

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Sich selbst zeichnende Hände

Abbildung 2: Die Entwicklung des Branchenumsatzes der Unternehmensberatung

Abbildung 3: Triviale vs. Nicht-triviale Maschinen

Abbildung 4: Die wichtigsten Eigenschaften von trivialen und nicht- trivialen Maschinen

Abbildung 5: Die Systemtypen nach Luhmann

Abbildung 6: Eine Typologisierung von Beraterrollen

Abbildung 7: Eine idealtypische Klassifikation von Beratungsansätzen

Abbildung 8: Das klassische Phasenmodell

Abbildung 9: Die Verbreitung der Beratungsansätze

Abbildung 10: Beteiligte Systeme der Beratung

Abbildung 11: Ein Netzwerk von aufeinander einwirkenden nicht-trivialen Maschinen

Abbildung 12: Die Reflexionsschleife

1 Einführung: Entwicklung der Beratungsbranche und Zielsetzung

Die Beratungsbranche ist seit Jahren ein boomender Dienstleistungssektor. Das belegen nicht nur deren Wachstumszahlen (vgl. Abbildung 2), auch bei Studenten aus unterschiedlichen Fachrichtungen übt diese Branche mitunter eine nahezu magische Anziehungskraft aus. Das professionelle Image und weltmännische Flair der Berater[6], ihr Arbeitseinsatz, ausgiebige Reisen und Honorare haben den Beratern einen elitären Ruf eingebracht, so dass es für viele Studierende erstrebenswert scheint, diesem zu folgen und ihre berufliche Karriere in diese Richtung einzuschlagen.[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Entwicklung des Branchenumsatzes der Unternehmensberatung

Über die unterschiedlichen Beratungsphilosophien[8] hinweg hat diese Branche in Deutschland mittlerweile einen Umsatz von etwa 13 Milliarden Euro erreicht (vgl. Abbildung 2), beschäftigt derzeit etwa 70.000 Berater in 14.500 Unternehmen und verzeichnet seit Jahren kontinuierlich zweistellige Wachstumsraten (vgl. BDU 2002: 4).

Die Branche scheint sowohl von konjunkturellen Wachstumsphasen, die für ein Wachstum des gesamten Wirtschaftssektors sorgen, als auch von Rezessionen zu profitieren, die viele Unternehmen für „Schlankheitskuren“ nutzen, wozu sie aus Legitimationsgründen häufig externe Berater für diese unangenehmen Aufgaben vorschieben (vgl. Simon 1995: 293).[9]

Die Frage, worauf dieser Boom der vergangenen Jahre zurückzuführen ist, wird zuweilen mit der häufig beschriebenen - und von Beratern aus Eigeninteresse mitunter auch propagierten bzw. lancierten - zunehmenden Komplexität und Dynamik[10] der Wirtschaft und Gesellschaft[11] begründet. Diese trägt sicherlich in erheblichem Maße dazu bei, dass sich Unternehmen und Organisationen ohne professionelle Hilfe den Anforderungen des modernen Marktes und dem steigenden Veränderungsdruck nicht mehr alleine gewachsen sehen. Die Lösung der Unternehmensprobleme wird daher gerne in den Konzepten und Tools der - vor allem renommierten - Berater gesucht.

Rudolf Wimmer (1991: 48) erklärt die expansive Nachfrage nach externen Beratungsdienstleistungen mit dem erstarkenden Professionalisierungsgrad des mittelständischen Managements im deutschsprachigen Raum.[12] So hätten in der Vergangenheit vor allem Großunternehmen Beratungsleistungen in Anspruch genommen. In Anbetracht des Rückzugs der alten Form der unmittelbar und ausschließlich von den Eigentümerfamilien gesteuerten Unternehmen, und der damit einhergehenden Professionalisierung des Managements der mittelständischen Unternehmen, würden diese nun auch in zunehmendem Maße Beratungsleistungen beanspruchen. Darüber hinaus seien, aufgrund eines verstärkten gesamtgesellschaftlichen Veränderungsdrucks, auch Teile der bislang beraterresistenten öffentlichen Verwaltung vermehrt bereit, sich extern beraten zu lassen.

Um den gestiegenen und individuelleren Anforderungen an Beratungsleistungen gerecht zu werden, hat sich die Beratungsbranche selbst intern ausdifferenziert und auch Beratungsansätze mit systemtheoretischen Hintergrund ausgebildet. Dieser relativ jungen und in der Praxis bisher vielfach vernachlässigten Sparte soll in der vorliegenden Arbeit die Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Der vereinzelten und sporadischen Adaption in der Praxis zum Trotz wird der systemtheoretischen bzw. systemischen Beratung[13] dagegen seit einigen Jahren in der wissenschaftlichen Diskussion hohe Beachtung zuteil. Dies vor allem von denjenigen Autoren, die darin übereinstimmen, dass die traditionellen Beratungsformen an ihre Grenzen stoßen, es der Beratung bisher an einer einheitlichen theoretischen Grundlage mangelt (vgl. stellvertretend Wimmer 1991: 59 und 1995: 247) und die daher in der Systemtheorie einen fruchtbaren Ansatz zur Entwicklung einer Theorie der Beratung vermuten.

So stolpert man, wenn man versucht, sich einen Überblick über das Spektrum der Beratungsliteratur zu verschaffen, zwar zwangsläufig über viele mit Anglizismen aufpolierte Konzepte und Ideen,[14] aber weniger auf ein einheitliches und fundiertes Theoriegebäude, das neben dem eigenen Gegenstandsbereich auch eine Theorie der Veränderung aufbieten würde.[15]

Die vorliegende Arbeit verfolgt im Sinne einer Beobachtung dritter Ordnung daher eine zweifache Zielsetzung: Zum einen soll die systemische Beratung im Hinblick auf ihre theoretischen Grundlagen dargestellt, kritisch beurteilt und mit ihrer Ausprägung in der Praxis verglichen werden. Dies evoziert die Frage, inwiefern die systemische Organisationsberatung als systemtheoretisch angesehen bzw. bezeichnet werden kann (vgl. Groth 1996). Zum anderen soll der Frage der potentiellen Fruchtbarkeit einer systemtheoretisch fußenden Theorie der Beratung, sowie der Praxisrelevanz einer systemtheoretisch begründeten Beratung nachgegangen werden.

Dazu sollen in einem ersten Schritt die relevanten theoretischen Grundlagen der Systemtheorie für die systemische Beratung aufgearbeitet (Kapitel 2) und anschließend eine schematische Abgrenzung zu anderen Beratungsphilosophien geleistet werden, um die systemische Beratung adäquat verorten zu können (Kapitel 3). Im Anschluss daran wird auf eine praktische Anwendung der Systemtheorie in der systemischen (Familien-)Therapie eingegangen werden (Kapitel 4), durch die der systemische Beratungsansatz nachhaltig geprägt wurde. Darüber hinaus soll versucht werden, die Zirkularität der systemischen Beratung durch die Darstellung der beteiligten sozialen Systeme analytisch zu trennen, um anschließend einen Blick in die Praxis zu werfen (Kapitel 5). Das Schlusskapitel widmet sich schließlich - im Hinblick auf die Zielsetzungen - einer Würdigung, sowohl der Theorie, als auch der Praxis der systemtheoretischen Beratung (Kapitel 6).

2 Systemtheoretische Grundlagen

Um das Organisationsverständnis und die Grundgedanken systemischer Beratung verstehen und beurteilen zu können, ist es zunächst notwendig, einige relevante Begriffe und konstitutive Prämissen der Systemtheorie[16] einzuführen. Systemtheoretisches Gedankengut findet sich mittlerweile in einer Reihe von Wissenschaftsdisziplinen: u.a. in der Betriebswirtschaftslehre (H. Ulrich, F. Malik, G. Probst, R. Wimmer), in der Biologie (H. Maturana, F. Varela), in der Familientherapie (M. Selvini- Palazzoli, H. Stierlin, F.B. Simon), in der Kommunikationstheorie (P. Watzlawick, G. Bateson), in der Kybernetik (W.R. Ashby, N. Wiener, H. von Foerster), in der Ökologie (F. Capra, F. Vester) und in der Soziologie (N. Luhmann, T. Parsons, H. Willke, D. Baecker).

Als Grundpfeiler dieser offenbar „fachuniversellen Theorie“ (Luhmann 1984: 10) können der Konstruktivismus und die Kybernetik 2. Ordnung (2.1) und das von Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela eingeführte Konzept der Autopoiese identifiziert werden (2.2), das eng mit den Gedanken der Selbstreferenz und der operationalen Geschlossenheit verbunden ist. Aus diesen Grundgedanken entwickelte sich in den Sozialwissenschaften - ausgehend von Niklas Luhmann - das Paradigma der neueren Systemtheorie (2.3)[17] und dessen organisationstheoretische Ausgestaltung (2.4). Die folgenden Abschnitte widmen sich einer Darstellung der für die Beratung von Organisationen relevanten Aspekte dieser IdeenHhHHHHHnnnhnHHH.[18]

2.1 Konstruktivismus und Kybernetik 2. Ordnung

„Wenn es in diesem Jahrhundert so etwas wie eine zentrale intellektuelle Faszination gibt, dann liegt sie wahrscheinlich in der Entdeckung des Beobachters.“ (Baecker 1993: 17)

Der Konstruktivismus[19] und die sogenannte Kybernetik zweiter Ordnung sollen hier als Ausgangspunkt zur Einführung in die neuere Systemtheorie verwendet werden.

2.1.1 Konstruktivismus

Dem Konstruktivismus geht es um die Klärung der Frage, was Erkenntnis ist, und wie sie zustande kommt.[20] Der Grundgedanke des Konstruktivismus, der sich bis auf Immanuel Kant zurückführen lässt,[21] besagt, dass jede Erkenntnis beobachterabhängig ist. Konstruktivistisches Denken geht also nicht von einer objektiven Realität aus, die für die Erkenntnis relevant wäre, sondern aus konstruktivistischer Sicht ist die Wirklichkeit eine Konstruktion (vgl. Klimecki/Probst/Eberl 1991: 120). Wirklichkeit und Realität sind demnach voneinander zu trennen. Die Wirklichkeit des Menschen wird von diesem nicht in der phänomenalen Welt (Realität) ge funden, sondern selbst aus dem kognitiven System heraus er funden (Wirklichkeit) (vgl. Nicolai 2000: 153). Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Wirklichkeitskonstruktionen losgelöst von der realen Welt nur Vorstellungen, Illusionen oder gar Träume wären, wie es der Solipsismus annimmt, sondern der Konstruktivismus geht davon aus, dass es sich zwar bei Erkenntnisprozessen um Konstruktionen eines Beobachters handelt, die faktische Existenz der Realität dadurch aber keineswegs geleugnet wird.[22]

Ausgehend von dem Satz der undifferenzierten Kodierung (vgl. v. Foerster 1993: 56), der besagt, dass die Erregungszustände einer Nervenzelle nicht die Natur der Erregungsursache kodieren, sondern nur kodiert wird: „so und so viel an dieser Stelle meines Körpers, aber nicht was“ (v. Foerster 1993: 56), folgt, dass die äußere Realität nicht im Inneren repräsentiert wird, sondern das Ergebnis einer internen „Er- Rechnung“ (v. Foerster 1993: 50), also eine Konstruktion, ist. Zusammen mit dem Konzept der Autopoiese[23], der Idee der Selbsterzeugung (vgl. Maturana/Varela 1987: 50) und der damit verbundenen operationalen Geschlossenheit von Systemen, ist es dieses Prinzip von Heinz von Foerster, was die Konstruktivisten letztlich den Schluss ziehen lässt, „dass jede Erkenntnis unvermeidlich [eine] innere Konstruktion des Systems ist.“ (Baraldi/Corsi/Esposito 1999: 100). Damit kann die Wirklichkeit nie lösgelöst vom Betrachter – also objektiv - gesehen werden, der diese Wirklichkeit konstruiert.[24] Insofern kann der Konstruktivismus auch vereinfacht als eine Theorie der Beobachtung bzw. als Theorie von Beobachtungssystemen verstanden werden (vgl. Jensen 1999: 21 u. 220).

Trotz der beobachterabhängigen Konstruktion der Wirklichkeit schließt der Konstruktivismus die Realität aber nicht aus. Wie im anschließenden Abschnitt gezeigt werden wird, sind Irritationen der Umwelt und Wechselwirkungen mit der Umwelt (Realität) vielmehr durchaus denkbar und auch unabdingbar. Linear-kausale Interventionen von „außen“ - das lässt sich an dieser Stelle allerdings schon vorwegnehmen - sind mit einer konstruktivistischen Vorstellung aber unvereinbar.

2.1.1.1 Das Maschinenmodell

Um dies zu verdeutlichen sei auf die - ebenfalls auf Heinz v. Foerster (1993: 244ff.) zurückgehende - Unterscheidung von trivialen und nicht-trivialen Maschinen[25] hingewiesen (vgl. Abbildung 3).

Während triviale Maschinen durch klare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge gekennzeichnet sind (Abbildung 3a), ein bestimmter Input (x) also zu einem genau berechenbaren Output (y) transformiert (f) wird, folgen nicht-triviale Maschinen ihrer eigenen Funktionslogik. Ein einfaches Beispiel einer trivialen Maschine ist ein Auto, das durch den Druck auf das Gaspedal (Input), was u.a. eine Erhöhung der Motorleistung (Transformationsfunktion) bewirkt, als Ergebnis eine beschleunigte Geschwindigkeit (Output) zur Folge hat, also ein linearer Ursache-Wirkungs-Zusammenhang vorliegt. Auch das traditionelle betriebswirtschaftliche Organisationsverständnis betrachtet Unternehmen letztlich als Trivialsysteme, die Ressourcen in einem deterministischen Transformationsprozess in Erzeugnisse umwandeln (vgl. Picot/Dietl/Franck 1999: 29, Wöhe 2000: 73f., Kieser 1993: 72ff.). In einem Trivialsystem führt also ein bestimmter Input bzw. eine bestimmte Intervention von außen zu einem genau bestimmbaren Ergebnis bzw. einer genau bestimmbaren Wirkung. Das System kann damit analytisch eindeutig bestimmt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Triviale vs. Nicht-triviale Maschinen

Anders verhält es sich bei sogenannten „nicht-trivialen Maschinen“ (vgl. Abbildung 3b). Sie sind um einen inneren Zustand ‚z’ erweitert, der wiederum als Maschine (in der Maschine) aufgefasst werden kann. Der entscheidende Unterschied zur trivialen Maschine liegt darin, dass der Output (y) auch von diesem inneren Zustand der Maschine abhängig ist, der sich mit jeder Operation der Maschine ändert, insofern also - im Gegensatz zu trivialen Maschinen - geschichtsabhängig und nicht vorhersagbar ist. Jeder Input verändert den inneren Zustand, so dass der gleiche Input zu verschiedenen Zeiten einen anderen Output hervorbringen kann.[26] Um bei dem genannten Beispiel zu bleiben, könnte man bei einer nicht-trivialen Auto-Maschine also nicht sicher sein, ob bei einer Betätigung des Gaspedals im Ergebnis auch wirklich eine Beschleunigung des Fahrzeugs erreicht werden würde, weil die innere „Er-Rechnung“ (des Motors) einen determinierten Output von außen verhindert. Auch einige neuere betriebswirtschaftliche Ansätze sehen in Organisationen und Unternehmen nicht-triviale Maschinen um monokausalen Erklärungs- und Beobachtungsmodellen die Betonung der Eigengesetzlichkeit von Organisationen gegenüberzustellen (vgl. Luhmann 2000: 9).

Die sich aus der Differenzierung von trivialen und nicht-trivialen Maschinen ergebenden wichtigsten Eigenschaften, Implikationen und Unterschiede sind in Abbildung 4 wiedergegeben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Die wichtigsten Eigenschaften von trivialen und nicht- trivialen Maschinen

Durch die Orientierung an einer internen Zustandsfunktion ist eine nicht-triviale Maschine notwendigerweise historisch, also von ihrer eigenen Geschichte abhängig, und deshalb auch für die Zukunft nicht vorhersehbar, da jede Operation eine Folge der vorausgegangenen bzw. eine Ursache der nächsten Operation des Systems darstellt. Im Unterschied zu trivialen Maschinen ist daher eine Wiederholbarkeit (bzw. Änderung) aufgrund ihrer Historizität ebenfalls ausgeschlossen (vgl. Simon 1995: 287). Durch die „Rekursion“ (v. Foerster 1993: 103) bilden sich allerdings (stabile) „Eigenwerte“, „Eigenverhalten“ (v. Foerster 1993: 107) bzw. „latente Strukturen“ (Luhmann/Fuchs 1989: 11) des Systems heraus, die zukünftige Ereignisse (bzw. Outputs) wahrscheinlicher machen (und im Falle von sozialen Systemen Erwartungen spezifizieren).[27]

Überträgt man den Gedanken der nicht-trivialen Maschinen auf soziale Systeme, wie Organisationen und Unternehmen, dann bedeutet dies, wie Groth festgestellt hat, eine Umkehrung der üblichen Fragestellung: Im Gegensatz zur „klassischen Frage, ‚was müssen wir ändern, damit sich der Output verbessert?’, wird aus systemischer Sicht zur Frage, ‚wie schafft es eine Organisation, ihre Starrheit beizubehalten, obwohl sich alles ständig ändert?’“ (1996: 35).[28] Damit entfernt sich der Blick von den Ursachen von Problemen (Beobachtungen erster Ordnung) und wendet sich zur Eigenlogik von Unternehmen und Organisationen (Beobachtung zweiter Ordnung), die für die Aufrechterhaltung dieser Starrheit sorgt.

2.1.1.2 Beobachtungen

„Wir erkennen nur, was wir wissen, sagt Goethe. Wir wissen nur, was wir erkennen, sagt die Systemtheorie. Und beide haben recht.“ (Willke 1994: 110)

Geprägt durch den Konstruktivismus geht die Systemtheorie davon aus, dass alle Erkenntnis durch systeminterne Beobachtungsoperationen (Konstruktionen) erzeugt wird, also weder eine Repräsentation der Realität darstellt, noch von dieser determiniert ist. Damit kommt dem Beobachtungsbegriff eine grundlegende Bedeutung für Erkenntnisprozesse zu.

Folgt man Luhmann, so kann man Beobachtung als „eine Operation bezeichnen, die aus den Elementen der Unterscheidung und der Bezeichnung (distinction, indication im Sinne von Spencer Brown) besteht.“ (Luhmann 1984: 596)[29]

„Unter Beobachtung soll deshalb nichts weiteres verstanden werden, als die Anwendung einer Unterscheidung, zur Placierung einer Bezeichnung innerhalb dieser Unterscheidung, mit der die eine, und nicht die andere Seite als Ausgangspunkt für weitere Operationen markiert wird.“ (Luhmann 1997b: 76, Fn. weggelassen)

Beobachtungen durch ein System sind also durch dessen Fähigkeit möglich, Unterscheidungen zu setzen und diese zu bezeichnen, oder wie es Spencer Brown formuliert:

„(...) we cannot make an indication without drawing a distinction (…) Once a distinction is drawn (…) each side of the boundary, being distinct, can be indicated.” (zitiert nach Willke 1994: 100)

Information, als „Unterschied, der einen Unterschied ausmacht“ (Bateson 1981: 582), und damit Erkenntnis, lässt sich demnach nur durch Beobachtungen, das heißt, durch Unterscheidungen gewinnen. Denn, „alles Beobachten ist ein Unterscheidendes Bezeichnen, oder genauer: die Bezeichnung der einen (und nicht der anderen) Seite einer Unterscheidung.“ (Luhmann 1990b: 22)

Jede Beobachtung muss folglich je nach Beobachter unterschiedlich sein, denn beobachten lässt sich nur das, was für den Beobachter in der Form einer Differenz vorliegt, die das jeweilige System bzw. der Beobachter entsprechend seinen eigenen Schemata und Unterscheidungen selbst trifft.

Wenn das, was Systeme aus ihrer Umwelt wahrnehmen, abhängig von ihren eigenen systeminternen Differenzkategorien ist, diese also festlegen, was als Information für das System gilt, dann wird alles andere, was kein Unterschied im Sinne Batesons ist, von dem jeweiligen System nur als „Rauschen“ (Bateson 1981: 529) empfunden. Im Falle von Organisationen als beobachtende soziale Systeme[30] gilt also beispielsweise nur diejenige Handlung als Entscheidung, die gemäß ihrer eigenen Interpretation als solche angesehen wird, das heißt, Organisationen interpretieren Handlungen als Entscheidungen, alles andere bleibt nur „Rauschen“ für sie (vgl. Wollnik 1994: 132f.). Sieht man diese erkenntnisleitenden Differenzen sozialer Systeme als relativ zeitstabile Strukturen an, also als geschichtsabhängigen inneren Zustand einer nicht-trivialen Maschine, kann man auch davon sprechen, dass soziale Systeme, und somit auch Organisationen, strukturdeterminiert sind.[31]

Zur Strukturdeterminiertheit tritt zudem das jeder Beobachtung inhärente und für den Beobachter unhintergehbare Problem des „blinden Flecks“ (vgl. v. Foerster 1993: 26). Das heißt:

„Ein System [verstanden als Beobachter, Anm. d. Verf.] kann nur sehen, was es sehen kann. Es kann nicht sehen, was es nicht sehen kann. Es kann auch nicht sehen, dass es nicht sehen kann, was es nicht sehen kann.“ (Luhmann 1990a: 52)

Beobachtet ein System beispielsweise mit der Unterscheidung wahr/nicht-wahr[32], so kann es nicht gleichzeitig beobachten, ob diese Unterscheidung selbst wahr ist oder nicht. „Denn die für alles Beobachten notwendige Unterscheidung kann sich im Moment ihres Gebrauchs nicht selber unterscheiden (...)“ (Luhmann 1990b: 16). Damit sind einem Beobachter zunächst also Erkenntnisgrenzen auferlegt.

2.1.2 Kybernetik 2. Ordnung

An diesem Punkt setzt nun die Kybernetik zweiter Ordnung an. Diese geht davon aus, dass es einem Beobachter zweiter Ordnung gelingt zu beobachten, was ein Beobachter erster Ordnung für Unterscheidungen in seiner Beobachtung von Sachverhalten (Beobachtungen erster Ordnung) trifft, und dass der Beobachter zweiter Ordnung daraus Rückschlüsse für seine eigenen (Beobachtungs-) Operationen ziehen kann.[33]

„Diese Beobachtung zweiter Ordnung schließt aus der Beobachtung ihres Gegenstandes (also: von Beobachtungen) auf sich selbst als Beobachtung (...), schließt also durch die Beobachtung von Beobachtungen darauf, wie beobachten möglich ist und mit welchen erkenntnisleitenden Differenzen welche Arten von Informationen produziert werden.“ (Willke 1994: 110)

Dies ist aber nicht gleichbedeutend mit einem privilegierten bzw. „extramundanen Standpunkt“ (Luhmann 1990b: 15) des Beobachters zweiter Ordnung (er operiert/beobachtet ebenfalls mit seinen Unterscheidungen und hat folglich auch seinen eigenen blinden Fleck). Auch die Beobachtung der Beobachtung ist also daran gebunden, dass sie nicht sehen kann, dass sie nicht sieht, was sie nicht sieht. „Wenn er [der Beobachter zweiter Ordnung, Anm. d. Verf.] aber einen anderen Beobachter beobachtet, kann er dessen blinden Fleck, dessen Apriori, dessen ‚latente Strukturen’ beobachten.“ (Luhmann/Fuchs 1989: 10f.)[34]

Überträgt man diesen Gedanken auf die Organisationsberatung, wie es die systemische Beratung tut, dann kann davon ausgegangen werden, dass ein Beobachter zweiter Ordnung (Berater) theoretisch die Beobachtungsoperationen eines Beobachters erster Ordnung (Klient) beobachten kann. Demnach ist die Art und Weise, wie der Beobachter erster Ordnung (Klient) seine Wirklichkeit konstruiert, von Interesse, und nicht der Gegenstand der Beobachtung selbst. Will ein Berater allerdings diese Beobachtungsoperationen verändern, also etwas in einer Organisation bewirken, ist er mit dem Problem konfrontiert, dass seine Interventionen auf ein autopoietisches, selbstreferentielles und operational geschlossenes System treffen. Was dies bedeutet, soll im folgenden Abschnitt erläutert werden.

2.2 Autopoiese, operationale Geschlossenheit und Selbstreferenz

2.2.1 Autopoiese

Das entscheidende Merkmal autopoietischer Systeme[35] besteht in ihrem geschlossenen Daseinsprinzip, das heißt in ihrer Fähigkeit, die eigene Organisation aus sich selbst heraus zu erzeugen und aufrecht zu erhalten. Autopoietische Systeme sind also dadurch gekennzeichnet, dass sie die Elemente, aus denen sie bestehen, und ihre Struktur, laufend auf der Grundlage eigener Elemente und Strukturen reproduzieren (vgl. Wollnik 1994: 122).[36] Im Kern bedeutet dies, dass es „keine Trennung zwischen Erzeuger und Erzeugnis [gibt].“ (Maturana/Varela 1987: 56). Klassisches Beispiel hierfür ist die Zelle, die sich und ihre Bestandteile laufend selbst reproduziert (vgl. Maturana/Varela 1987: 53f.; Kneer/Nassehi 2000: 50). Im Gegensatz zu Maturana und Varela überträgt Niklas Luhmann diesen ursprünglich naturwissenschaftlichen Begriff auch auf die Beschreibung sozialer Phänomene[37], er geht also beispielsweise im Falle von sozialen Systemen davon aus, dass Kommunikationen das Ergebnis früherer Kommunikationen sind und selbst wiederum Kommunikationen auslösen.[38]

„Der Begriff [der Autopoiesis, Anm. d. Verf.] bezieht sich auf (autopoietische) Systeme, die alle elementaren Einheiten, aus denen sie bestehen, durch ein Netzwerk eben dieser Elemente reproduzieren und sich dadurch von der Umwelt abgrenzen – sei es in der Form von Leben, in der Form von Bewusstsein oder (im Falle sozialer Systeme) in der Form von Kommunikation. Autopoiesis ist die Reproduktionsweise dieser Systeme.“ (Luhmann 1990a: 266)

2.2.2 Operationale Geschlossenheit und Selbstreferenz

Eng verbunden mit dem Begriff der Autopoiese sind die Begriffe der operativen Geschlossenheit und der Selbstreferenz.

Dadurch, dass autopoietische Systeme alles, was sie als Einheit verwenden, selbst als Einheit herstellen und dabei rekursiv die Einheiten benutzen, die im System schon konstituiert sind, bezeichnet man sie als operational geschlossen. Maturana und Varela (1987: 179ff.) sehen beispielsweise im Nervensystem ein operational geschlossenes System. Mit operationaler Geschlossenheit ist damit zwar gemeint, dass autopoietische Systeme die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst wiederherstellen. Strukturell sind sie aber durchaus offen und als dissipative Systeme auf den Austausch mit ihrer Umwelt - in Form von Energie oder Informationen – auch zwingend angewiesen. „So wenig wie es Systeme ohne Umwelten gibt“, schreibt dann auch Luhmann, „[gibt es] Umwelten ohne Systeme.“ (1984: 41) Der Begriff der operativen Geschlossenheit bezeichnet also „nur“ den Prozess der Selbstproduktion, also der Autopoiese, womit autopoietische Systeme zwar autonom in Bezug auf ihre Operationen, aber nicht autark sind.[39]

Ruft man sich die Idee der Eigenwerte nicht-trivialer Maschinen in Erinnerung, dann lässt sich konstatieren, dass autopoietische, operational geschlossene Systeme zudem strukturdeterminiert sind (vgl. Wollnik 1994: 123). Dies bedeutet, dass die Struktur autopoietischer Systeme zu einem Zeitpunkt mitbestimmt, welche strukturellen Veränderungen im nächsten Moment möglich sind und welche Informationen überhaupt erst aufgenommen werden können. Strukturbildung ist somit die Voraussetzung der Selbstproduktion, da Strukturen durch „selektive Einschränkung der Relationierungsmöglichkeiten (...) die Gleichwahrscheinlichkeit jedes Zusammenhangs einzelner Elemente (Entropie)“ (Luhmann 1984: 386), die zum Tod des Systems führen würde, aufheben (und damit Redundanz erzeugen).[40] Die relative Invarianz der Strukturen ermöglicht es sozialen Systemen dann, unabhängig von den Umweltperturbationen, an gewissen Erwartungen festzuhalten (vgl. Luhmann 1999: 26 und Mingers 1996: 85).[41]

Mit dem Begriff der Selbstreferenz[42] wird die Tatsache beschrieben, dass autopoietische Systeme auf sich selbst Bezug nehmen, also „jede Operation, die sich selbst auf anderes und dadurch auf sich selbst bezieht.“ (Luhmann 1990a: 269) Selbstreferentielle Systeme sind demnach in der Lage, das, was zum System gehört, von dem, was zu ihrer Umwelt gehört, zu unterscheiden. Es kann sich bei der Selbstreferenz allerdings immer nur um „mitlaufende Selbstreferenz“ handeln. „Reine Selbstreferenz im Sinne eines ‚nur und ausschließlich sich auf sich selbst Beziehens’ ist unmöglich“ (Luhmann 1984: 604).[43]

Aufgrund dieses operational geschlossenen, selbstreferentiellen und autopoietischen Charakters nimmt die Umwelt auf das autopoietische System nur Einfluss über Störungen bzw. Irritationen, wobei das jeweilige System unter Zuhilfenahme ihrer strukturellen Prädisposition systemintern über deren Informationsgehalt entscheidet. Psychische und soziale Systeme stellen so beispielsweise jeweils füreinander spezifische Umwelten dar. Gedanken (als Elemente psychischer Systeme) können aber selbstverständlich Auswirkungen auf Kommunikationen (als Elemente sozialer Systeme) haben, und umgekehrt. Insofern sind beide zwar strukturell miteinander gekoppelt (vgl. Luhmann 2000: S. 397ff.), das heißt, sie benötigen sich wechselseitig, aber sie determinieren sich dadurch nicht. So wie die Blindheit (vgl. Abschnitt 2.1.1.2) letztlich die Bedingung für das Sehen ist, so ist die operative Geschlossenheit des Systems die „Bedingung der Möglichkeit für Offenheit.“ (Luhmann 1984: 606).

Denn nur unter Beibehaltung seiner operativen Geschlossenheit und seines Selbstbezugs (Selbstreferenz), die beide notwendig für die Fortsetzung der Autopoiese, also für sein Fortbestehen sind, kann sich das System für bestimmte relevante Impulse aus der Umwelt öffnen, die das System aber - wie erläutert - selbstselektiv auswählt. Letztlich ist also Umweltkontakt nur in der Form von Selbstkontakt (Selbstreferenz) möglich (vgl. Luhmann 1984: 59).

2.3 (Soziale) Systeme

Die Luhmannsche Theoriearchitektur ist nicht linear, sondern zirkulär konstruiert. Aus diesem Grund ist der Einstieg nahezu beliebig wählbar. Im Folgenden wird der Zugang zu sozialen Systemen über die Differenzierung von System und Umwelt konzipiert.

2.3.1 System/ Umwelt Differenz und Komplexität

Im Gegensatz zur traditionellen Unterscheidung von Teilen und Ganzem definiert Luhmann Systeme in Differenz zur ihrer Umwelt (vgl. Luhmann 1984: 20ff.). Konstitutiv für ein System ist, dass eine Grenze in Form eines Komplexitätsgefälles zwischen System und Umwelt[44] festzustellen ist, das heißt die Umwelt des Systems ist immer komplexer als dieses selbst (vgl. Luhmann 1984: 48). Eine „Punkt-für-Punkt-Übereinstimmung“ (Luhmann 1984: 47) zwischen System und seiner Umwelt ist ausgeschlossen, da sonst kein identitätsstiftender Unterschied zwischen System und Umwelt vorliegen würde. Um die Grenze zur Umwelt zu stabilisieren, muss das System aber die unendliche Komplexität der Umwelt reduzieren, was es durch den Aufbau von Eigenkomplexität bewerkstelligt, denn: „[n]ur Komplexität kann Komplexität reduzieren“ (Luhmann 1984: 49). Durch die Reduktion von Komplexität entstehen dann selektive Verbindungen zwischen den Elementen eines Systems und insofern „organisierte Komplexität“ (Luhmann 1984: 46) im System.

Mit anderen Worten, will ein System Komplexität reduzieren, benötigt es dazu den Aufbau von Eigenkomplexität, denn „Eigenkomplexität bezeichnet die Eigenschaft eines Systems, das Chaos unbegrenzter Umweltkomplexität nicht nur zu reduzieren, sondern in eine spezifische Ordnung zu transformieren, und zwar nach Regeln, welche zumindest auch von den Anschluss- und Koordinationsbedingungen der jeweils im System bereits aufgebauten Eigenkomplexität abhängen“ (Willke 1994: 103). Reduktion von Komplexität bedeutet also Rekonstruktion von Komplexität mit einfacheren Mitteln (vgl. Wollnik 1994: 126). Will beispielsweise ein Unternehmen die Auswirkungen der Euroumstellung auf die Kaufgewohnheiten der Konsumenten überprüfen, wird es möglicherweise selbst, z.B. in der Marketing-Abteilung, eine Marktstudie durchführen. Dazu benötigt das Unternehmen allerdings den Aufbau von Know-how (also Binnenkomplexität), um die Untersuchung erstens durchführen und die Ergebnisse zweitens verstehen zu können, sie also in Informationen für sich zu transformieren.

Wie dieses Beispiel verdeutlicht, sind Informationen nicht schon an sich Informationen, die in der Umwelt „lagern“, sondern immer selbsterzeugte Informationen. Die Umwelt enthält für das System demzufolge keine Informationen. „Sie ist wie sie ist“ (v. Foerster 1993: 102) und enthält allenfalls Daten. Die Umwelt kann demnach auch nicht direktiv auf das System einwirken, da keine Informationen übertragen werden, sondern dieses unterscheidet die Umweltphänomene nach eigenen selbstgewählten Gesichtspunkten und gewinnt dadurch Informationen (vgl. Luhmann 1984: 265). Je größer also die aufgebaute Eigenkomplexität des Systems ist, desto größer ist die Menge der (Umwelt-)Komplexität, die das System reduzieren und als Informationen für sich verwerten kann.

Reduktion von Komplexität bedeutet folglich immer eine Selektion von Möglichkeiten. In diesem Zusammenhang bezeichnet der Begriff der Kontingenz, dass die Auswahl der Möglichkeiten auch anders durchgeführt werden kann.[45] Dies bedeutet aber auf der anderen Seite keineswegs, dass die Selektionen beliebig sind. Luhmann verweist hierzu auf den Begriff des Sinns, der in sozialen (und psychischen) Systemen die Anschlussfähigkeit der Selektionen steuert, indem Sinn immer wieder auf Sinn verweist (vgl. Luhmann 1984: 105). Gleichzeitig zeigt der Sinn durch das „laufende Aktualisieren von Möglichkeiten“ (Luhmann 1984: 100) aber auch die Kontingenz jeder Selektion auf.

Strukturen und Prozesse helfen bei der Auswahl der Möglichkeiten (vgl. Böse/Schiepek 1989: 169ff.), wirken also als „Selektionsverstärker“ (Wollnik 1994: 154), als „Muster der Selektion“ (Luhmann 1990a: 267) bzw. als „Vorselektion des Seligierbaren“ (Luhmann 1984: 74).[46] Die Funktion von Strukturen liegt also in der Ermöglichung der Anschlussfähigkeit der autopoietischen Reproduktion von Ereignis zu Ereignis (vgl. Luhmann 1984: 62). Insofern „wird ein autopoietisches System, wenn es überhaupt seine Autopoiesis fortsetzt, Strukturen bilden, um einzuschränken, was auf was folgen kann.“ (Luhmann 1992: 172)

Auf der allgemeinen Ebene kondensieren sich diese strukturellen Festlegungen dann in den Formen der Systemdifferenzierung der modernen Gesellschaften. Hat eine Gesellschaft also hinreichende Eigenkomplexität aufgebaut, bilden sich zu deren Reduktion neue Subsysteme, wie beispielsweise die Funktionssysteme und in deren Gefolge auch Organisationen (vgl. Luhmann 2000: 400).

2.3.2 Funktionale Differenzierung

Die moderne Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass die segmentäre bzw. stratifikatorische Differenzierung[47] durch die funktionale Differenzierung als primäre Differenzierungsform ersetzt worden ist (vgl. Kneer/Nassehi 2000: 122ff.). Dies bedeutet, dass sich funktionale Teilsysteme anhand von sogenannten binären Codes[48] voneinander und von ihrer Umwelt differenzieren, um jeweils spezifische Funktionen für die Gesamtgesellschaft zu erfüllen (vgl. Luhmann 1985: 21). „Die Differenzierung ist funktional in dem Maße, als das Subsystem seine Identität durch die Erfüllung einer Funktion für das Gesamtsystem gewinnt.“ (Luhmann 1990a: 267)

So operiert etwa das Wirtschaftssystem anhand der Unterscheidung Zahlung/Nicht-Zahlung, das Rechtssystem mit dem Code Recht/Unrecht, das Wissenschaftssystem mit der Differenz von wahr/nicht-wahr etc. (vgl. Kneer/Nassehi 2000: 132). Es findet also eine Systemdifferenzierung, das heißt eine „Wiederholung der Systembildung in Systemen“ (Luhmann 1984: 37) statt. Innerhalb dieser Funktionssysteme bilden sich dann Subsysteme, im Falle des Funktionssystems Wirtschaft also beispielsweise Unternehmen, die sich selbst aus dem sie umgebenden Funktionssystem Wirtschaft durch operationale Schließung erneut ausgrenzen. Ab einem bestimmten Komplexitätsniveau ordnen Unternehmen bzw. Organisationen wiederum ihre Kommunikationszusammenhänge, um die Leistungsfähigkeit zu erhöhen und mehr Komplexität absorbieren zu können. Dies geschieht in Abteilungen, die für die Gesamtorganisation bestimmte Funktionen übernehmen (z.B. Forschung und Entwicklung, Personal etc). Innerhalb der Abteilungen wird also von den Mitgliedern nicht mehr alles, sondern nur noch die Erfüllung spezifischer Funktionen erwartet.

2.3.3 Systemebenen

Im Gegensatz zu älteren Systemkonzeptionen, die in Systemen „Ganzheiten (...), die aus Teilen bestehen“ (Luhmann 1984: 20), sahen, geht die neuere Systemtheorie davon aus, dass all jenes als System angesehen werden kann, was sich von seiner Umwelt abgrenzt. Der „Paradigmawechsel in der Systemtheorie“ (Luhmann 1984: 15), besteht also darin, dass die Differenz von Teil und Ganzem durch die Differenz von System und Umwelt ersetzt wird (vgl. Luhmann 1984: 10).

Von dieser Leitdifferenz ausgehend, unterscheidet Luhmann (1984: 16) drei Betrachtungsebenen von Systemen (vgl. Abbildung 5), wobei sein Hauptaugenmerk auf sozialen Systemen liegt. Im Gegensatz zu allopoietischen Systemen, wie Maschinen, die ihre Elemente nicht selbst reproduzieren, sind Organismen, psychische und soziale Systeme als autopoietische Systeme zu verstehen (vgl. Luhmann 1997b: 70ff).[49]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Die Systemtypen nach Luhmann

Ein soziales System kommt nach Luhmann zustande, „wenn immer ein autopoietischer Kommunikationszusammenhang entsteht und sich durch Einschränkung der geeigneten Kommunikationen gegen eine Umwelt abgrenzt. Soziale Systeme bestehen demnach nicht aus Menschen, auch nicht aus Handlungen, sondern aus Kommunikationen“ (Luhmann 1990a: 269). Dies ist ein grundlegender Punkt, da damit der Mensch und die psychischen Systeme in die Umwelt der sozialen Systeme verlagert werden, deren Charakteristikum die ausschließliche Reproduktion über Kommunikationen ist.[50] Gemäß Abbildung 5 können soziale Systeme wiederum in Interaktionssysteme, Organisationen und die alle Kommunikationen umfassende Gesellschaft differenziert werden.

Unter Interaktionssystemen versteht Luhmann (1997b: 71) Sozialsysteme, die auf die Kommunikation unter Anwesenden beschränkt sind. Anwesende sind Personen, die sich gegenseitig wahrnehmen. Zu Interaktionen sind somit beispielsweise Sitzungen, Seminare, Geschäftsessen und auch das Beratungssystem[51] zu zählen.

Organisationssysteme bilden sich, wenn die Mitgliedschaft - im Unterschied beispielsweise zu Familien - an bestimmte Bedingungen geknüpft ist (vgl. Kneer/Nassehi 2000: 42). Diese Mitgliedschaftsregel dient gewissermaßen als Erkennungsregel dafür, welche Handlungen als Entscheidungen der Organisation zu gelten haben (vgl. Luhmann 2000: 112). Damit ist bereits angesprochen, dass Entscheidungen als Elemente von Organisationen fungieren.[52]

Die Gesellschaft ist das alle Kommunikationen umfassende soziale System. Als Gesellschaft kann demnach dasjenige soziale System bezeichnet werden, „das alle sinnhaften Kommunikationen einschließt und sich immer dann bildet, wenn im Anschluss an vorige Kommunikation oder im Hinblick auf weitere Kommunikation (also: autopoietisch) kommuniziert wird.“ (Luhmann 1990a: 267) Somit zählen letztlich auch alle Interaktionssysteme und Organisationssysteme zur Gesellschaft.

Wichtig im vorliegenden Zusammenhang ist, wie aus Abbildung 5 hervorgeht, dass Luhmann soziale und psychische Systeme voneinander trennt. Diese bleiben zwar jeweils füreinander Umwelt, benötigen sich jedoch wechselseitig. Dies bezeichnet man als strukturelle Kopplung bzw. Interpenetration.[53] Veränderungen der jeweiligen Umwelt lösen so zwar Veränderungen beim System aus, diese dürfen aber nicht als deterministische Kausaländerungen aufgefasst werden, wie das in einem Trivialmodell der Fall wäre. Die Veränderungen betreffen darüber hinaus nicht die Organisation des Systems, sondern lediglich dessen Strukturen (vgl. Mingers 1996: 53; Maturana/ Varela 1987: 54f.).[54] Die strukturellen Kopplungen zwischen dem System und seiner Umwelt sind also vielmehr als „reziproke Perturbationen“ (vgl. Maturana/Varela 1987: 85) zu verstehen, die Änderungen bestenfalls wahrscheinlich machen.[55] Im Gegensatz zum Trivialmodell sind die Änderungen deshalb nur bestenfalls wahrscheinlich, weil „[n]icht die Perturbationen der Umwelt, sondern die Strukturen des Systems bestimmen, erstens inwieweit Veränderungen überhaupt erfolgen und zweitens in welcher Form diese Veränderungen ausgeprägt sind“ (Mingers 1996: 53). Insofern sprechen Maturana und Varela (1987: 107) auch von „strukturell determinierten Einheiten“.

Damit die Perturbationen der Umwelt als Quelle von Informationen für das System wirken können, muss also eine Verträglichkeit zwischen der Struktur des Systems und der Struktur der Umwelt vorliegen. Nur unter dieser Vorraussetzung sind Zustandsveränderungen möglich (vgl. Maturana/Varela 1987: 110).

Im Vordergrund steht aber der Prozess der Autopoiese, an den letztlich auch der strukturelle Wandel gebunden ist. Damit ist bereits die Bedingung der Anschlussfähigkeit angesprochen, die im Folgenden unter dem Aspekt der Kommunikation vertieft wird.

2.4 Kommunikation, Entscheidung und Entscheidungsprämissen

2.4.1 Kommunikation

Die Elemente sozialer Systeme sind in der Luhmannschen Systemtheorie also nicht Menschen, Individuen oder Subjekte, sondern Kommunikationen (bzw. deren Zurechnung als Handlung, vgl. Luhmann 1984: 240). Das bedeutet, dass sowohl der Mensch als auch die psychischen Systeme aus den sozialen Systemen verbannt werden.

Während psychische Systeme auf der Basis von Bewusstsein operieren, reproduzieren sich soziale Systeme durch Kommunikationen. Beides sind zirkulär geschlossene Systeme und folglich füreinander Umwelt. Ein System kann daher immer nur innerhalb seiner eigenen Grenzen operieren, niemals in seiner Umwelt. Also gilt: „Ein soziales System kann nicht denken, ein psychisches System kann nicht kommunizieren.“ (Luhmann 1997a: 28).[56] Die Kommunikation bleibt allerdings aufgrund der strukturellen Kopplung mit dem psychischen System von diesem nicht unberührt. Als Quelle von Irritationen sind die psychischen Systeme die Vorraussetzung für Kommunikationen in sozialen Systemen, und diese wiederum über die psychischen Systeme umweltempfindlich. Die Kommunikation kommt also „nur dank einer ständigen strukturellen Kopplung mit Bewusstseinssystemen zustande; aber die laufende Reproduktion von Kommunikation durch Kommunikation (Autopoiesis) spezifiziert sich selbst und wird im eigenen Netzwerk konditioniert, was immer psychischen Systemen dabei durch den Sinn geht“ (Luhmann 1990b: 173). Für die Beratung ist es daher sinnvoll „die beiden Referenzebenen von Person und Organisation nicht ungebührlich zu vermischen.“ (Wimmer 1992: 76)

Auch der Mensch als Ganzes stellt kein eigenständiges System in der neueren Systemtheorie dar (vgl. Luhmann 1984: 67f.).

„Wir finden am Menschen eine Vielzahl von eigenständigen Systemen - etwa das organische System, das Immunsystem, das neurophysiologische System und das psychische System -, die vollkommen überschneidungsfrei operieren. (...) Am Menschen gibt es somit unterschiedliche Prozesse, aber es gibt keine diese verschiedenartigen Systeme übergreifende autopoietische Einheit.“ (Kneer/Nassehi 2000: 66)[57]

Sieht man soziale Systeme als Kommunikationssysteme an, dann folgt daraus: „Der Mensch kann nicht kommunizieren; nur die Kommunikation kann kommunizieren.“ (Luhmann 1984: 31).

Als Elemente sozialer Systeme gelten also ausschließlich Kommunikationen. Diese haben, ebenso wie die Elemente psychischer Systeme (Gedanken), Ereignischarakter. Weil der Ereignischarakter der Elemente bewirkt, dass diese mit ihrem Entstehen sofort wieder verschwinden (vgl. Luhmann 1997b: 74),[58] muss das System ständig für die Anschlussfähigkeit neuer Elemente sorgen, will es fortbestehen, das heißt die Elemente müssen kontinuierlich und ständig reproduziert werden. Dies ist nur in einem selbstreferentiell-geschlossenen Reproduktionszusammenhang möglich, indem Strukturen die Anschlussfähigkeit der Elemente zugleich ermöglichen und beschränken (vgl. Luhmann 1984: 62).[59]

Zudem ist für Elemente charakteristisch, dass sie nicht schon Elemente an sich darstellen, sondern immer nur Elemente für ein System sind. Elemente sind für Systeme nicht weiter dekomponierbare Einheiten und erreichen erst durch ihre Zugehörigkeit zu einem System den Charakter von Elementen (vgl. Luhmann 1984: 43).[60] Außerhalb von Systemen gibt es demnach keine Elemente. So gibt es beispielsweise nur Kommunikationen in sozialen Systemen bzw. Gedanken in psychischen Systemen, denn kein System kann aufgrund der operationalen Geschlossenheit außerhalb seiner eigenen Grenzen operieren.[61] Mit diesem Hintergrund kann nun der Kommunikationsbegriff präzisiert werden.

Unter einer Kommunikation versteht Luhmann die Synthese aus drei verschiedenen Selektionen, nämlich die Selektion einer Information, die Selektion einer Mitteilung dieser Information und das Verstehen oder Missverstehen dieser Mitteilung und ihrer Information (vgl. Luhmann 1997a: 21). Die Selektion der Information bedeutet die Auswahl aus einem Möglichkeitsbereich, also dass, was der Mitteilende als relevant erachtet. Information ist darüber hinaus „strikt als Überraschung (...) zu verstehen.“ (Luhmann 2000: 143). Eine doppelte Mitteilung enthält also beim zweiten Mal keinen Informationsgehalt mehr. Die Selektion der Mitteilung bezieht sich auf die Auswahl des Mitteilungsverhaltens, also die Form der Mitteilung (z.B. mündliche oder schriftliche Mitteilungsform). Die Selektion des Verstehens schließlich verlangt die Unterscheidung von Information und Mitteilung.[62] Erst wenn man beispielsweise ein Winken mit der Hand (Mitteilung) als Information (etwa Abschiedsgruß) versteht und nicht anders deutet (etwa als bloße Bewegung), kann man kommunikativ reagieren (vgl. Ludewig 1992: 99f.). Nur zusammen erzeugen diese drei Selektionen bzw. Komponenten eine Kommunikation.

Die Autopoiesis der Kommunikation wird dann durch die Selektion bzw. Zuspitzung auf die „Bifurcation“ (Luhmann 1997a: 26) der Annahme oder Ablehnung der Kommunikation durch den Gegenüber fortgesetzt. Die Annahme oder Ablehnung der Information ist aber nicht mehr der ursprünglichen Kommunikation zugehörig, sondern bereits Teil der Verhaltensprämisse des Adressaten (vgl. Luhmann 1984: 203), also des anschließenden Kommunikationsaktes. Somit kann der Mitteilende erst am Verhalten des Empfängers erkennen, ob und wie dieser seine ursprüngliche Mitteilung verstanden hat (vgl. Baecker 2000: 141).[63] Das bedeutet gleichzeitig, dass die ursprüngliche Intention der Mitteilung durch den Mitteilenden demgegenüber in den Hintergrund tritt (vgl. Mingers 1996: 31). Was immer beispielsweise ein Vorgesetzter zu seinen Mitarbeitern sagt, die tatsächliche Bedeutung des Gesagten kann immer nur rekursiv aus der Reaktion der Mitarbeiter abgelesen (oder abzulesen versucht) werden.

2.4.2 Entscheidung

Soziale Systeme bilden sich „ohne Ausnahme (...) als selbstreferentielle autopoietische Systeme“ (Luhmann 1992: 166).[64] Dies bedeutet, dass auch Organisationen selbstreproduktive soziale Systeme sind, die rekursiv ihre Elemente durch die eigenen Elemente hervorbringen, Kommunikationen also wiederum Kommunikationen hervorbringen.

Im Falle von Organisationen erfolgt die Autopoiesis allerdings über eine besondere Art von Kommunikationen, nämlich Entscheidungskommunikationen. Luhmann (2000: 63) behauptet, „(...) dass Organisationen entstehen und sich reproduzieren, wenn es zur Kommunikation von Entscheidungen kommt und das System auf dieser Operationsbasis operativ geschlossen wird. (...) Alle Entscheidungen des Systems lassen sich mithin auf Entscheidungen des Systems zurückführen.“

Eine Entscheidung im Luhmannschen Sinne unterscheidet sich allerdings grundlegend vom üblichen betriebswirtschaftlichen Verständnis. Während in der Entscheidungslehre der Betriebswirtschaft von der zieloptimalen Auswahl einer Alternative unter bestimmten Alternativen ausgegangen wird (rational choice),[65] die Optimalität also errechnet werden kann[66], geht Luhmann davon aus, dass man dies im Grunde nicht als Entscheidungen bezeichnen kann. Da bereits eine bestimmte Anzahl von Alternativen zur Auswahl steht, sei die resultierende Entscheidung letztlich schon determiniert, und „[w]as bereits voll determiniert ist, kann nicht mehr entschieden werden“ (Luhmann 1993: 287), es muss „nur“ errechnet werden.

Als Entscheidungen in einer Organisation gilt gemäß der neueren Systemtheorie demgegenüber „alles, was die Organisation als Entscheidung ansieht“ (Luhmann 1992: 168). Die Erkennungsregel, die es dem System erlaubt festzustellen, welche Handlungen und unter welchen Aspekten diese als Entscheidungen im System zu gelten haben, ist in erster Linie die Mitgliedschaftsregel (vgl. Luhmann 1992: 171). Damit gelten nicht nur explizite Entscheidungen als Entscheidungen in der Organisation, sondern auch der (explizite oder implizite) Verzicht auf eine Entscheidung kann beispielsweise ebenfalls als Entscheidung durch die Organisation interpretiert werden. Natürlich gibt es in Organisationen und Unternehmen auch andere Kommunikationen, z.B. Klatsch, „[a]ber die Aufrechterhaltung der autopoietischen Reproduktion und die dadurch bewirkte Reproduktion der Differenz von System und Umwelt ist dasjenige Erfordernis, das das System als System (einer bestimmten Art) erhält. Ohne die Grundoperation der Kommunikation von Entscheidungen gäbe es auch kein anderes Verhalten im System, weil es das System nicht gäbe.“ (Luhmann 2000: 68). Die Autopoiese von Organisationen vollzieht sich also nur durch Entscheidungen, die kontingenten Charakter aufweisen müssen, um als Entscheidung gelten zu können.

„Autopoiese verlangt ja nur, dass entschieden wird, während die damit verbundenen system internen Probleme in gewisser Unabhängigkeit von Umweltanforderungen mitbestimmen, wie entschieden wird.“ (Luhmann 1992: 167)[67]

Wie für Kommunikationen im allgemeinen, gilt auch für Entscheidungen, dass es sich bei ihnen um Ereignisse handelt, die nach ihrem Entstehen sofort wieder verschwinden und insofern ständig reproduziert werden müssen (vgl. Luhmann 1992: 168). Wenn Entscheidungen demzufolge nicht bestandsfähig sind, können sie auch nicht geändert werden, sondern nur durch neue Entscheidungen korrigiert bzw. abgelöst werden (vgl. Luhmann 1992: 169; Walger 1995c: 304).

Wie alle autopoietischen Systeme sind Organisationen weder umweltlos noch operieren sie ohne Einwirkung durch und auf ihre Umwelt. Die Umwelt macht sich zunächst bemerkbar als Irritation oder Störung. „Sie wird für das System erst sinnvoll, wenn sie auf die systemeigenen Entscheidungszusammenhänge bezogen werden kann. Dies bedeutet Konstitution von Information: Entscheidung, etwas als Information zu betrachten und darin eine relevante Differenz zu sehen.“ (Wollnik 1994: 130)[68]

[...]


[1] Vgl. stellvertretend Wimmer et al. (1996: 33ff.); Kirsch (2001: 49); Steinbrecher (1994: 195ff.).

[2] Vgl. Mingers (1996: 94).

[3] Auf die Notwendigkeit eines daraus resultierenden systemisch-evolutionären Managements und eines ganzheitlichen Denkens der Manager weist u.a. Malik (1989) hin.

[4] Anhand einer quantitativen und qualitativen Auswertung der Beratungsliteratur versucht beispielsweise Steyer (1991) eine Klassifikation der Unternehmensberatung zu leisten.

[5] Zur Beratung von Non-Profit-Organisationen siehe z.B. Maelicke (1994).

[6] Hier und im Folgenden wird ausschließlich aus Gründen der Lesbarkeit der maskuline Begriff verwendet.

[7] Aufgrund von Befragungen kommt McKinsey zu dem Ergebnis, dass Consulting bei den meisten Hochschulabgängern der Wunschberuf ist, vgl. die elektronisch veröffentlichte Pressemitteilung unter http://www.mckinsey.de/presse/011113_wunschberuf_consulting.htm [24.05.2002]. Das konsequente Einfordern von Leistungsbereitschaft und Erfolgsorientierung durch die Beratungsfirmen - wofür Schlagwörter wie ‚up-or-out’ oder ‚grow-or-go’ stehen - hat ihre Schattenseite allerdings in einer sehr hohen Fluktuation der Branche.

[8] Vgl. Kapitel 3.

[9] Wimmer/Kolbeck (2002: 201) nennen dies metaphorisch die „Blitzableiterfunktion“ des Beraters.

[10] Rieckmann (1997: 4f.) greift beide Begriffe auf und kombiniert sie zu dem Kunstwort “Dynaxity”, womit er der Tatsache Ausdruck verleihen will, dass sowohl Dynamik als auch Komplexität sich wechselseitig verstärken und in der modernen Gesellschaft und Wirtschaft gleichzeitig stark zunehmen.

[11] Kirsch (2001: 69) verdeutlicht dies durch eine Auflistung der heterogenen Bezeichnungen mit der die „derzeitige“ Gesellschaft in der Literatur tituliert.

[12] Vgl. auch Wimmer/Kolbeck (2002: 197f.).

[13] Aufgrund ihrer Nähe und Einflüsse aus der systemischen Familientherapie (vgl. Kapitel 4) findet sich in der Literatur statt systemtheoretischer Beratung häufiger der Begriff der „systemischen Beratung“ (vgl. u.a. Mingers (1996), Groth (1996)). Im Folgenden sollen beide Begriffe synonym verwendet werden, da in der Literatur kein qualitativer Unterschied in der Begriffsverwendung festgestellt werden kann.

[14] In diesem Zusammenhang sei nur an einschlägige Organisationsmoden wie lean production, reengineering, total quality management, core compentencies, strategic intent, lean management, customer relationship management usw. erinnert.

[15] „Bisher gibt es (...) noch recht wenig gesichertes Wissen darüber, welche Wirkungen externe Beratungsleistungen in den betreffenden Organisationen überhaupt auslösen. Die Beratungsforschung steckt noch in den Kinderschuhen (...).“ (Wimmer/Kolbeck 2002: 198).

[16] Nagel (2002:253) lehnt mit Verweis auf Wimmer die Existenz der Systemtheorie ab und identifiziert demgegenüber lediglich „interessante Denkansätze aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen, die sich wechselseitig enorm befruchten.“

[17] Die sogenannte „neuere Systemtheorie“ (die „Theorie selbstreferentieller, autopoietischer Systeme“ (Luhmann 1984: 11)) stellt eine Weiterentwicklung älterer Systemtheorien, wie etwa der Theorie offener oder geschlossener Systeme (vgl. Fuchs (1973) und Bleicher (1972)), dar.

[18] Zu den folgenden Ausführungen ist anzumerken, dass sie stark miteinander verwoben sind und sich insofern nicht trennscharf gegeneinander abgrenzen lassen, was etwaige Redundanzen unvermeidbar macht.

[19] Für eine Einführung und einen ausführlichen Überblick über den Konstruktivismus siehe Jensen (1999).

[20] Für eine knappe aber anschauliche Übersicht über unterschiedliche erkenntnistheoretische Positionen, siehe Neumann (2001: 182ff.).

[21] In seiner „Kritik der reinen Vernunft“ stellt Kant die These auf, dass wir die „Dinge an sich“ gar nicht erkennen können, sondern die Gegenstände unserer Erfahrung immer nur „Erscheinungen“ sind, die von den „Anschauungsformen“ wie Raum und Zeit geprägt werden (vgl. König/Volmer 1993: 28).

[22] Eine logische Ableitung der Existenz der Realität liefert Heinz v. Foerster (1993: 216): „Wenn ich annehme, dass ich die einzige Realität bin, dann stellt sich heraus, dass ich nur die Vorstellung von jemand anders bin, der seinerseits annimmt, dass er die einzige Realität ist. Natürlich lässt sich dieses Paradox leicht dadurch auflösen, dass man die Realität der Welt postuliert (...).“

[23] Vgl. Kapitel 2.2.

[24] Dies ist der Ausgangspunkt der Kybernetik zweiter Ordnung, die den wirklichkeitskonstruierenden Beobachter mit einbezieht, und sich folgerichtig als Beobachter von Beobachtern versteht (vgl. Böse/Schiepek 1989: 113). Vgl. Abschnitt 2.1.2.

[25] Mit der Bezeichnung „Maschine“ sollen auch psychische und soziale Systeme im Luhmannschen Sinne verstanden werden.

[26] Und umgekehrt, dass der gleiche Output aufgrund unterschiedlicher Inputs zustande kommen kann. Dies besagen die Prinzipien der Äquifinalität und Äquipotentialität (vgl. Simon/Stierlin 1984: 25).

[27] Als Beispiel hierfür führt v. Foerster die rekursive Anwendung der Quadratwurzeloperation auf sich selbst an, die nach einigen Iterationen, unabhängig vom Startpunkt, immer den „Eigenwert“ ‚1’ annimmt (vgl. v. Foerster 1993: 258f.). Ein weiteres Beispiel für Rekursion ist die sogenannte Lucas-Folge: 1,3,4,7,11,18,29,... (vgl. Mingers 1996:39). Die alten Elemente bringen hier durch die rekursive Anwendung einer Regel immer neue Elemente hervor. Unter Rekursivität versteht man also die Anwendung einer Operation auf die Ergebnisse einer vorausgegangenen Anwendung der Operation (vgl. Wollnik 1994: 154). Dies hat zur Folge, dass in rekursiven Zusammenhängen die Wirkungen ihre Ursachen beeinflussen bzw. dass letztlich nicht zwischen Ursache und Wirkung unterschieden werden kann (vgl. Böse/Schiepek 1989: 106).

[28] Rechtschreibung korrigiert.

[29] “Unter einer Operation versteht man die Reproduktion eines Elements eines autopoietischen Systems mit Hilfe der Elemente desselben Systems (...). Auch die Beobachtung ist (...) ihrerseits eine Operation eines Systems (...)“ (Baraldi/Corsi/Esposito 1999: 123ff.).

[30] Vgl. Kapitel 2.3.3.

[31] Zum Begriff des Strukturdeterminismus siehe Böse/Schiepek (1989: 172ff.).

[32] Die Unterscheidung wahr/nicht-wahr bezeichnet die Leitdifferenz des Wissenschaftssystems (vgl. Kneer/Nassehi 2000: 132).

[33] Luhmann (1990b: 15f.) bezeichnet dies als „autologische“ Komponente des Beobachtens.

[34] Hervorhebungen im Original.

[35] Etymologisch betrachtet ist „Autopoiesis“ eine Zusammensetzung der griechischen Begriffe autos (= selbst) und poiesis (=Machen, Herstellung). Der Begriff stammt von den chilenischen Biologen Maturana und Varela, die diesen Begriff zur Beschreibung lebender Systeme eingeführt haben (vgl. Maturana/Varela 1987).

[36] Als Elemente gelten für Systeme diejenigen Einheiten, „die für das System nicht weiter auflösbar sind.“ (Luhmann 1984: 245f.).

[37] Vgl. Luhmann (1984) und Walger (1995c: 302).

[38] Vgl. Abschnitt 2.4.

[39] Autonomie bedeutet also keine Unabhängigkeit von der Umwelt, sondern die relative Wahlfreiheit des Systems, wie es sich mit den Umwelteinflüssen auseinandersetzen will (vgl. Klimecki/Probst/Eberl 1991: 127). Insofern handelt es sich nur um mitlaufende Selbstreferenz und nicht um reine Selbstreferenz (vgl. Luhmann 1984: 604).

[40] Vgl. zur Dualität von Strukturen auch Kapitel 5.3.2.

[41] Luhmann (1984: 426ff.) unterscheidet in diesem Zusammenhang drei Formen der Stabilisierung von Erwartungsstrukturen: die sachliche Identifikation von Erwartungszusammenhängen, die Modalisierung von Erwartungen und die Latenz von Strukturen (vgl. auch Mingers 1996: 85f.).

[42] Aufgrund der „heillosen Begriffsverwirrung“, die in der neueren Systemtheorie um die Begriffe mit den Wortteilen „Selbst-“ bzw. „Auto-“, wegen der „nicht immer stringenten Begriffsverwendung“ (Kasper 1991: 9) Luhmanns, herrscht, schlägt Kirsch (1997c: 279ff. bzw. 355ff.) im Anschluss an Teubner ein „gradualistisches Autopoiese-Konzept“ vor und sympathisiert mit Hejl`s Vorschlag soziale Systeme als „synreferentiell“ zu kennzeichnen (vgl. auch Kirsch/zu Knyphausen 1991: 88ff.).

[43] Vgl. auch Luhmann (1984: 60, 199, 393). Zu den verschiedenen Formen der Selbstreferenz (basale, prozessuale (Reflexivität), Systemreferenz (Reflexion)), siehe u.a. Luhmann (1984: 600f.), Kasper (1991: 10ff.), Baraldi/Corsi/Esposito (1999: 163ff.) und Böse/Schiepek (1989: 143ff.).

[44] Wenn hier und im Folgenden von der Umwelt gesprochen wird, so ist immer eine systemspezifische Umwelt gemeint, denn „Umwelt ist ein systemrelativer Sachverhalt. Jedes System nimmt nur sich aus seiner Umwelt aus. Daher ist die Umwelt eines jeden Systems eine verschiedene.“ (Luhmann 1984: 249).

[45] Luhmann definiert Kontingenz folgendermaßen: „Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch durchaus anders möglich ist“ (Luhmann 1984: 152, Fn. weggelassen).

[46] Strukturen sorgen aber nicht für die Verknüpfung der Elemente, dies erledigt - wie gesagt - der Sinn (vgl. Groth 1996: 91).

[47] Die segmentäre Differenzierung teilte die Gesellschaft in gleiche Teile, wie etwa Familien ein, während demgegenüber die stratifikatorische Differenzierung die Gesellschaft in ungleiche Schichten (Adel/Nicht-Adel) hierarchisch unterteilte (vgl. Kieserling 1994: 89).

[48] „Codes bestehen aus einem positiven und einem negativen Wert und ermöglichen die Umformung des einen in den anderen. Sie kommen durch eine Duplikation der vorgefundenen Realität zustande und bieten damit ein Schema für Beobachtungen an, innerhalb dessen alles, was beobachtet wird, als kontingent, das heißt: als auch anders möglich, erscheint“ (Luhmann 1990a: 266). Von den Codes sind die Programme zu unterscheiden, die darüber entscheiden, welcher Code-Wert schließlich realisiert wird (vgl. Kasper 1991: 7).

[49] Vgl. oben Kapitel 2.2.

[50] Vgl. Kapitel 2.4.1.

[51] Vgl. Kapitel 5.3.

[52] Vgl. ausführlicher Abschnitt 2.4.2.

[53] Vgl. Luhmann (1984: 286ff.), Kneer/Nassehi (2000: 62ff.), Luhmann (2000: 397ff.).

[54] Den Unterschied zwischen Struktur und Organisation eines Systems definieren Maturana/Varela (1987: 54) folgendermaßen: „Unter Organisation sind die Relationen zu verstehen, die zwischen den Bestandteilen von etwas gegeben sein müssen, damit es als Mitglied einer bestimmten Klasse erkannt wird. Unter Struktur von etwas werden die Bestandteile und die Relationen verstanden, die in konkreter Weise eine bestimmte Einheit konstituieren und ihre Organisation verwirklichen.“ Trotzdem sind Organisation und Struktur zirkulär miteinander verbunden. Die Organisation bestimmt die Struktur und diese wirkt wiederum auf die Organisation zurück.

[55] Der Begriff der Perturbation stammt von Maturana und Varela (1987: 27) und bezeichnet Zustandsveränderungen in der Struktur eines Systems, die von den Zuständen in dessen Umfeld ausgelöst (d.h. nicht verursacht) werden.

[56] Ohne diese Trennung wäre es beispielsweise gar nicht möglich zu lügen.

[57] Hervorhebungen des Originals weggelassen.

[58] Luhmann nimmt hier also eine „Temporalisierung der Elemente“ (Luhmann 1984: 77) vor . Vgl. Auch Böse/Schiepek (1989: 222f.).

[59] Vgl. Abschnitt 5.3.2 und Anmerkung 143.

[60] Luhmann bezeichnet dies als „De-Ontologisierung“ des Elementaransatzes (vgl. Luhmann 1984: 42).

[61] Vgl. Kapitel 2.2.2.

[62] Inhalte also sinnhaft nach richtig/falsch, relevant/irrelevant oder verständlich/unverständlich zu differenzieren (vgl. Ludewig 1992: 99).

[63] Wobei Verstehen hier ebenfalls Missverstehen einschließt. Vgl. auch Abschnitt 5.6.

[64] Hervorhebung durch den Verfasser.

[65] Vgl. Bamberg/Coenenberg (2000).

[66] Wobei sich hier die Frage stellt, wo hier überhaupt noch entschieden wird, denn „[n]ur die Fragen, die im Prinzip unentscheidbar sind, können wir entscheiden“ (v. Foerster 1993: 73). Indem man Alternativen benennt, trifft man ja schon eine Vorauswahl, was überhaupt als Entscheidung in Frage kommt. „Die Alternative entscheidet sich nicht selbst.“ (Luhmann 2000: 126).

[67] Hervorhebungen im Original.

[68] Luhmann (1992: 173) bezeichnet dies als unspezifizierte Anregbarkeit des Systems.

Details

Seiten
140
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638346177
ISBN (Buch)
9783638704465
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34388
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Munich School of Management
Note
2,0
Schlagworte
Theorie Praxis Organisationsberatung Systemtheorie Luhmann

Autor

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Titel: Theorie und Praxis der systemtheoretischen Organisationsberatung