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Einstellungen gegenüber Zunwanderern und die Bedeutung von Fremdgruppenkontakt

Eine geschachtelte Analyse

Bachelorarbeit 2016 34 Seiten

Politik - Methoden, Forschung

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1 Bisheriger Forschungsstand und Ziel dieser Arbeit
1.2 Theoretischer Rahmen zur Erklärung fremdenfeindlicher Einstellungen
1.2.1 Kontakttheorie
1.2.2 Gruppenbedrohungstheorie
1.2.3 Deprivationstheorien
1.2.4 Theorien struktureller Disposition
1.2.5 Bildungszentrierte Ansätze

2. Forschungsdesign
2.1 Methodisches Vorgehen und Fallauswahlstrategien
2.2 Daten und Operationalisierung

3. Geschachtelte Analyse
3.1 Large-N Analyse
3.2 Small-N Analyse

4. Vergleich der Länderanalysen

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die aktuelle Flüchtlingskrise stellt Europa vor eine neue Herausforderung. Im Zuge der zunehmenden weltweiten Migrationsbewegung offenbart sich die Unfähigkeit der europäischen Union eine gemeinsame Lösung für das Problem zu finden. Neben der Belastungsprobe für den Zusammenhalt der europäischen Solidargemeinschaft bringt die aktuelle Krise aber auch ein, in der Gesellschaft schlummerndes Phänomen zum Vorschein: Eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. In fast allen europäischen Ländern ist als Reaktion auf die anhaltende Zuwanderung ein sprunghafter Anstieg an fremdenfeindlichen Ausschreitungen, sowie ein starker Zulauf zu rechtspopulistischen Parteien zu verzeichnen. Das Öffentliche Klima ist geprägt von Ablehnung, Feindseligkeit und politischer Hetze gegenüber Migranten. Fremdenfeindlichkeit steht im Wiederspruch zu dem europäischen Wertekanon und bedroht ein friedliches und demokratisches Zusammenleben innerhalb Europas. Um den Fremdenhass nachhaltig zu bekämpfen muss vor allem an der Ursache für die ablehnenden Einstellungen gegenüber Fremden angesetzt werden.

1.1 Bisheriger Forschungsstand und Ziel dieser Arbeit

In der bisherigen Forschungsliteratur zur Untersuchung von feindlichen Einstellungen gegenüber Zuwanderern wurde eine Vielzahl verschiedener Einflussfaktoren identifiziert. Neben Alter, Bildung, politischer Selbsteinschätzung und relativer Deprivation wird auch immer wieder der Kontakt zu Fremdgruppen als wichtige Determinante angeführt (vgl. Williams 1947; Allport 1954, Pettigrew 1988). Vergleichenden Untersuchungen auf europäischer Ebene überprüfen die Kontakthypothese über den Einbezug des Ausländeranteils des jeweiligen Landes, wobei angenommen wird, dass ein höherer Ausländeranteil zu positiveren Einstellungen führt (vgl. Rustenbach 2010; Hans 2006; Sides/Citrin 2007). Rustenbach (2010) testet in einer Mehrebenenanalyse acht verschiedene Theorien zur Erklärung ausländerfeindlicher Einstellungen, wobei die Kontakthypothese keine Bestätigung findet. Auch bei den Untersuchungen von Hans,Silke (2006) und Sides/Citrin (2007) findet sich kein signifikanter Effekt des Ausländeranteils auf die Einstellungen gegenüber Zuwanderern. Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass der Kontakt zu Mitgliedern von Fremdgruppen keinen Unterschied in den Einstellungen erzeugt und die Kontakthypothese folglich keine Erklärung für ausländerfeindliche Einstellungen in Europa liefert.

Die Operationalisierung der Kontakthypothese über den Ausländeranteil zieht jedoch folgende Probleme nach sich: Anhand des Ausländeranteils lassen sich nur unzureichend Aussagen über einen Zusammenhang zwischen Intergruppenkontakt und Einstellungen gegenüber Fremdgruppenmitgliedern ableiten. So können weder Rückschlüsse gezogen werden, ob eine befragte Person tatsächlich direkten Kontakt zu Zuwanderern besaß, noch können Aussagen über die Art des Kontaktes getroffen werden. Nach Allport (1954) und Pettigrew(1997) führt Fremdgruppenkontakt jedoch nur dann zu positiven Einstellungen wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.

Ein weiteres Problem, welches sich bei der Operationalisierung der Kontakthypothese anhand des Ausländeranteils ergibt ist, dass auch ein gegenteiliger Effekt von Ausländeranteil auf die Einstellungen gegenüber Zuwanderern angenommen werden kann. Folgt man der Argumentation der Gruppenbedrohungstheorie, steigen mit zunehmender Anzahl an Zuwanderern die Bedrohungsgefühle bei der autochthonen Bevölkerung, was infolge zu negativeren Einstellungen führt (vgl. Blalock 1967, Blumer 1958, Quillian 1995). Sowohl für die Annahme der Kontakthypothese, welche eine negative Beziehung zwischen Ausländeranteil und Ausländerfeindlichkeit unterstellt, als auch die Annahmen der Gruppenbedrohungstheorie, die einen positiven Zusammenhang zwischen beiden Aspekten postuliert, finden sich empirische Belege in der bisherigen Forschung (vgl. Quillian 1995; Lubbers et al. 2006; Scheepers et al. 2002; Hood/Morris1997). Insgesamt bleibt somit ungeklärt in welche Richtung der Ausländeranteil auf die Einstellungen wirkt.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Kontakthypothese zu testen und den Kausalmechanismus zwischen dem Ausländeranteil und Einstellungen gegenüber Zuwanderern zu identifizieren. Dazu wird mittels einer geschachtelten Analyse im ersten Schritt der Zusammenhang zwischen Ausländeranteil und Einstellungen auf europäischer Ebene untersucht. Anschließend wird die Kontakthypothese anhand dreier ausgewählter Fälle einer empirischen Überprüfung unterzogen. Zur Untersuchung der Fragestellung wurde dabei folgendermaßen vorgegangen. Zunächst wird ein kurzer Überblick über die wichtigsten theoretischen Konzepte zur Erklärung ausländerfeindlicher Einstellungen gegeben. Daran anschließend wird die methodische Vorgehensweise und Fallauswahl der geschachtelten Analyse erläutert, sowie die verwendeten Daten und die Operationalisierung der Variablen vorgestellt. Die zentrale Variable der Analyse stellt die Einstellung gegenüber Zuwanderern dar. Anschließend erfolgt in Kapitel drei die geschachtelte Analyse. Den ersten Schritt stellt die Large-N Analyse dar, in welcher mittels einer Regressionsanalyse der Effekt des Ausländeranteils auf die Einstellungen zwischen 12 europäischen Ländern untersucht wird. Im zweiten Schritt, der Small-N Analyse, erfolgt die tiefergehende Untersuchung dreier Länder. Zur Überprüfung der Kontakthypothese wird mittels einer linearen Regression der Einfluss von individuellen Kontaktvariablen auf Einstellungen gegenüber Zuwanderern gemessen. Dafür wurden die Variablen Kontakthäufigkeit, die Bewertung des Kontaktes und die Dummy-Variable Ausländer als enge Freunde verwendet. Zusätzlich wurden noch folgende Variablen in die Analyse mitaufgenommen, von denen angenommen wird, dass sie einen Einfluss auf fremdenfeindliche Einstellung besitzen: Bildung, Alter, Geschlecht, relative Deprivation, Links-Rechts-Selbsteinstufung sowie nationale Verbundenheit. In Kapitel vier werden die Ergebnisse interpretiert und miteinander verglichen. Kapitel fünf fasst die Ergebnisse dieser Arbeit noch einmal zusammen.

1.2 Theoretischer Rahmen zur Erklärung fremdenfeindlicher Einstellungen

Im folgenden Abschnitt werden die dominantesten Theorien zur Erklärungen negativer Einstellungen gegenüber Zuwanderern dargelegt, wobei besonders auf die Kontakttheorie von Allport eingegangen wird. Anschließend werden neben der Gruppenbedrohungstheorie noch die Theorien, welche den Zusammenhang zwischen den Kontrollvariablen und ausländerfeindlichen Einstellungen beschreiben, erläutert. Dabei handelt es sich um die Theorie relativer Deprivation, die Theorie struktureller Disposition und theoretische Ansätze zur Erklärung des Einflusses der Bildungsvariable.

1.2.1 Kontakttheorie

Ausgangspunkt der Kontakttheorie nach Allport (1954) ist die weit verbreitete Auffassung dass Fremdes bewusste oder unbewusste Ängste auslöst. Durch die Unerfahrenheit mit fremden Gruppen entwickeln sich so Vorurteile und Stereotypen. Nach Allport lassen sich diese Vorurteile am besten durch den direkten Kontakt zwischen den Gruppen abbauen. Dieser Intergruppenkontakt wird definiert als „face-to-face Interaktion zwischen Mitgliedern klar getrennter Gruppen“ (Pettigrew/Tropp 2006: 754). Allerdings wird betont, dass alleiniger Kontakt nicht ausreichend ist, um eine positive Einstellungsänderung zu bewirken. Stattdessen müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein, damit die Feindseligkeit zwischen Gruppen reduziert wird. Zum einen müssen die Gruppen in der Kontaktsituation den gleichen Status besitzen, zum anderen muss der Kontakt durch Autoritäten oder Normen gewünscht und unterstützt werden. Daneben gilt es als erforderlich das ein gemeinsames Ziel verfolgt wird, bei dem keine Konkurrenz sondern kooperatives Verhalten zwischen den Gruppen besteht. Zusätzlich zu diesen Bedingungen wird von verschiedenen Autoren (vgl. Brophy 1946; Wilner at al. 1955) immer wieder die Wichtigkeit von Kontaktdauer und Kontakthäufigkeit betont. So lassen sich nur durch dauerhaften und langfristigen Kontakt Vorurteile und Aversionen gegenüber Fremden abbauen. Nach Pettigrew sind diese optimalen Kontaktbedingungen besonders bei Freundschaften zwischen Fremdgruppen realisiert. Um einen positiven Effekt auf Einstellungen zu erzielen ist es daher notwendig, dass die Kontaktsituation „Freundschaftspotential“ (Pettigrew 1998:76) besitzt. Durch die Interaktion mit Angehörigen einer Fremdgruppe verringern Personen ihre Unsicherheit und erlangen neues Wissen. Bestehende Stereotypen werden falsifiziert und Bedrohungsängste abgebaut. Die Mitglieder der Fremdgruppe werden nicht mehr nur als Vertreter ihrer Ethnie oder Abstammung betrachtet, sondern als eigenständige Individuen wahrgenommen. Durch die zusätzlich erlangten Informationen werden negative Ansichten korrigiert und die Fremdgruppe wird neu bewertet. Nach Pettigrew ist dieser Kontakteffekt bei Intergruppenfreundschaften besonders stark, da neben dem kognitiven Prozess der Neubewertung auch die affektive Komponente betroffen ist. Gleichzeitig zeigt Pettigrew, dass die Effekte von Intergruppenfreundschaften generalisierbar sind. So erzeugen Freundschaften nicht nur positivere Einstellungen gegenüber den Angehörigen einer Fremdgruppe, sondern reduzieren insgesamt die Vorurteile gegenüber unterschiedlichen Fremdgruppen, selbst wenn zu deren Mitgliedern kein direkter Kontakt besteht (vgl. Pettigrew 1997: 180f.). Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass ein Teil des positiven Effektes von Intergruppenfreundschaften durch die Selbstauswahl erklärt werden kann. So beeinflusst nicht nur der Kontakt die Einstellung, sondern es lässt sich auch eine umgekehrte Wirkungsrichtung feststellen - das heißt, die Einstellung einer Person bestimmt, ob überhaupt Kontakt zustande kommt. Personen, die stark vorurteilsbehaftet sind, werden den Kontakt zu Fremden eher vermeiden, wohingegen Personen mit toleranten Einstellungen Fremdgruppenkontakt offen gegenüberstehen. Jedoch konnte Pettigrew (1998: 69) nachweisen, dass der Effekt von Kontakt auf Einstellungen stärker ist, als in umgekehrter Richtung. Aus der Kontakttheorie lassen sich folgende Hypothesen ableiten:

H1: Je häufiger eine Person Kontakt zu Fremdgruppenmitgliedern besitzt, desto positiver ist ihre Einstellung gegenüber Zuwanderern.

H2: Je positiver eine Person den Kontakt zu Fremdgruppenmitgliedern bewertet, desto positiver ist ihre Einstellung gegenüber Zuwanderern.

H3: Personen mit Intergruppenfreundschaften besitzen eine positivere Einstellung gegenüber Zuwanderern als Personen ohne.

Bezogen auf die Makroebene wird angenommen, dass Intergruppenkontakt vor allem dort zustande kommt, wo die Möglichkeit für den Kontakt vorhanden ist. Mit einem größeren Ausländeranteil steigt folglich die Wahrscheinlichkeit für den Kontakt zu Fremdgruppen. Auch wenn sich alleine anhand der Kontaktwahrscheinlichkeit nur unzureichend Aussagen über die Art des Kontaktes und somit über den Effekt auf Einstellungen treffen lassen, folgt diese Arbeit hier den Annahmen der bisherigen Forschung. So wird hier, im Gegensatz zur Gruppenbedrohungstheorie, davon ausgegangen dass ein höherer Ausländeranteil auf der Makroebene zu freundlicheren Einstellungen gegenüber Zuwanderern führt. Die erste Hypothese für die Large-N Analyse lautet:

H I: Je höher der Ausländeranteil in einem Land, desto freundlicher ist die Einstellung der autochthonen Bevölkerung gegenüber Zuwanderern.

1.2.2 Gruppenbedrohungstheorie

Entgegen den Annahmen der Kontakttheorie betrachtet die Gruppenbedrohungstheorie (vgl. Blalock 1967; Blumer 1985) fremdenfeindliche Einstellungen nicht als das Ergebnis von individuellen kognitiven und emotionalen Prozessen. Stattdessen rückt die Theorie die gesamtgesellschaftliche Ebene in das Zentrum der Erklärung. Rassistische Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit werden hierbei als ein kollektives Phänomen begriffen, welche entscheidend durch die Beziehung, die zwischen ethnischen Gruppen besteht, determiniert wird. Der Fokus der Theorie liegt dabei besonders auf der Beziehung zwischen der „dominanten“ Gruppe welche, in den meisten Fällen, die Bevölkerungsmehrheit darstellt und Minderheitengruppen.

Die grundsätzliche Voraussetzung für rassistische Vorurteile ist nach Blumer, dass Personen sich selbst als Mitglied einer ethnischen Gruppe verstehen. Verbunden mit diesem Zugehörigkeitsgefühl ist das Selbstbild, welches Personen über die Eigengruppe besitzen, sowie die Auffassung über andere ethnische Gruppen und die Beziehung der Gruppen zueinander. Bild und Selbstbild von Gruppen entstehen vorrangig in einem kollektiven Prozess im öffentlichen Bereich. Ausgehend von dieser Charakterisierung, sowie anhand der Machtverhältnisse zwischen den Gruppen erfolgt eine Art soziale Positionierung, die den Ausgangspunkt für negative Vorurteile und Stereotypen liefert. Eine Abneigung gegen Fremdgruppen tritt dann zum Vorschein wenn eine Gruppe sich in ihrer Position durch eine andere bedroht fühlt. Riek et al (2006: 337) betonen hierbei, dass Personen auch dann eine Bedrohung durch Fremdgruppen empfinden können, wenn ihr persönliches Interesse nicht direkt betroffen ist. Stattdessen ist bereits eine Gefährdung des allgemeinen Gruppeninteresses ausreichend. Als Abwehrreaktion und zum Schutz des kollektiven Interesses entwickeln Gruppenmitglieder schließlich feindliche Einstellungen und Vorurteile.

Die Wahrnehmung von Fremdgruppen als Bedrohung hängt hierbei hauptsächlich von zwei Bedingungen ab: der relativen Gruppengröße, sowie der ökonomischen Umstände (vgl. Blalock 1967: 184ff.). Mit der Zunahme der relativen Größe einer Fremdgruppe steigt die Konkurrenz um knappe Güter und Ressourcen. Gleichzeigt wirkt die Fremdgruppe auch im politisch-gesellschaftlichen Bereich als Bedrohung. Durch den Anstieg ihrer Mitgliederzahl erwirbt sie zunehmendes Potential für politische Mobilisierung, welches als eine Gefährdung für die bestehende Gruppenpositionierung empfunden wird. Neben der Gruppengröße gelten auch die ökonomischen Bedingungen als mögliche Quelle für negative Einstellungen. Verbunden mit einer Verschlechterung der ökonomischen Lage ist die Befürchtung, die überlegene Position gegenüber der Minderheitengruppe zu verlieren. Der Konkurrenzkampf zwischen den Gruppen verstärkt sich, wodurch die Ablehnung gegenüber der Fremdgruppe ansteigt. Fremdenfeindliche Einstellungen lassen sich, nach Auffassung der Gruppenbedrohungstheorie, somit durch das Gefühl der kollektiven Bedrohung erklären. Für die Large-N Analyse lässt sich aus der Gruppenbedrohungstheorie folgende Hypothese ableiten:

HII: Mit der Zunahme der relativen Größe einer Fremdgruppe steigt bei der autochthonen Bevölkerung die negative Einstellung gegenüber den Mitgliedern dieser Fremdgruppe.

HIII: Mit einer Verschlechterung der ökonomischen Lage steigt bei der autochthonen Bevölkerung die negative Einstellung gegenüber Fremdgruppen.

1.2.3 Deprivationstheorien

Nach deprivationstheoretischen Überlegungen resultieren fremdenfeindliche Einstellungen und Vorurteile aus persönlichen Mangelgefühlen. Deprivation bezeichnet im Allgemeinen einen Zustand der Enttäuschung und Unzufriedenheit, der entsteht wenn bestimmte Erwartungen nicht erfüllt werden. Diese Entbehrung löst bei Personen ein Gefühl der Benachteiligung aus, welches sich schließlich in negativen Einstellungen und Vorurteilen äußert. Die Mehrheit der Deprivationsansätze richtet ihren Fokus hierbei hauptsächlich auf eine ökonomische Benachteiligung, allerdings können auch Ungleichbehandlungen im sozialen, politischen oder kulturellen Bereich Frustration und feindliche Einstellungen erzeugen.

Das Konzept der relativen Deprivation (Runciman 1966; Walker/Smith 2002) beschreibt die empfundene Benachteiligung, die durch Vergleichsprozesse entsteht. Als Vergleichsobjekte dienen andere Personen oder Gruppen. Vergleicht eine Person seine eigene Situation mit der einer anderen Person, und schneidet dabei schlechter ab wird von individueller relativer Deprivation gesprochen. Laufen die Vergleichsprozesse zwischen verschiedenen Gruppen ab, wird dies als fraternale relative Deprivation bezeichnet (vgl. Vaneman/Pettigrew 1972).

Von individueller relativer Deprivation ist auch die Rede, wenn ein Individuum eine Verschlechterung seiner eigenen Situation über die Zeit hinweg erfährt und infolge dessen seine Bedürfnisse nicht mehr ausreichend befriedigt werden. Durch die Diskrepanz zwischen dem Zustand, der erwartetet wird und dem, der tatsächlich eintritt, empfindet die Person einen Mangel. Das Gefühl von relativer Deprivation entsteht folglich immer dann, wenn Personen der Auffassung sind, dass sie im Gegensatz zu ihrer bisherigen Situation, oder zu anderen, schlechter gestellt sind. Durch die Wahrnehmung weniger zu haben als einem, nach eigner Einschätzung, zusteht fühlen Personen sich benachteiligt. Demnach sind scheinen „[v]erletzte Ansprüche (…) sogar noch eher zum Motor für soziale Unruhen zu werden als materielles Elend an sich“ (Zempel, Bacher; Moser 2001:193). Entscheidend für die Entstehung von relativer Deprivation ist somit nicht der absolute Lebensstandard sondern die Erwartungshaltung.

Mit dem Gefühl von Mangel und Benachteiligung gehen Unzufriedenheit und Frustration einher, welche sich in negativen Einstellungen und Feindseligkeiten gegenüber anderen Personen und Gruppen übersetzten. Die kausale Verbindung hierfür liefert die Sündenbocktheorie. Nach dieser werden Frustrationen verschoben wenn Aggressionen gegenüber den eigentlichen Verursacher nicht möglich ist (vgl. Zick 1997: 82, 96). Die Schuld wird stattdessen bei anderen Personen gesucht und negative Eigenschaften auf diese projiziert.

In der bisherigen Literatur wird angenommen, dass fremdenfeindliche Einstellungen besonders durch fraternale relative Deprivation erzeugt werden. Nicht die persönliche Benachteiligung, sondern die Benachteiligung der eigenen Gruppe erzeuge rassistische und feindliche Einstellungen. Minderheitengruppen dienen häufig als Sündenböcken, da sie „unbeliebt, leicht erkennbar und relativ machtlos sind“ (Aronson 1994: 326). Gleichzeitig bleiben diskriminierende Einstellungen ohne Konsequenz, da keine Sanktionen oder Vergeltung von Mitgliedern der Fremdgruppe zu erwarten ist.

Das Konzept der fraternalen Deprivation weißt damit Ähnlichkeiten zur Gruppenbedrohungstheorie auf. Der zentrale Unterschied besteht darin, dass die Theorie der fraternalen Deprivation sich auf Benachteiligungen bezieht, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt empfunden werden. Bei der Gruppenbedrohungstheorie stehen dagegen die Benachteiligungen, die zukünftig erwartet werden und damit eine Bedrohung darstellen, im Mittelpunkt. Die Stärke des Zusammenhangs zwischen relativer Deprivation und fremdenfeindlichen Einstellungen kann dabei abhängig von den situativen Bedingungen variieren. Besonders in Zeiten von unsichereren Bedingungen oder schlechter wirtschaftlicher Lage wird angenommen dass ein stärkerer Zusammenhang zwischen relativer Deprivation und negativen Einstellungen gegenüber Fremdgruppenmitgliedern besteht (vgl. Heckmann 1987: 71). Aus den Deprivationstheorien lassen sich folgende Hypothesen ableiten:

H4: Personen, die ihre Gruppe im Vergleich zu Fremdgruppen als benachteiligt betrachten, weisen negativere Einstellungen gegenüber Zuwanderern auf.

1.2.4 Theorien struktureller Disposition

Nach Auffassung von Dispositionstheorien ist die Entstehung von fremdenfeindlichen Einstellungen nicht abhängig von äußeren Umständen, wie dem Intergruppenkontakt oder einer schlechten ökonomischen Lage, sondern das Produkt von individuellen Neigungen.

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Details

Seiten
34
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668339910
ISBN (Buch)
9783668339927
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v343875
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Schlagworte
Nested Analysis Mehrebenenanalyse Vergleichende Politikwissenschaft Fremdenfeindlichkeit Ausländerfeindlichkeit Einstellungen

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Titel: Einstellungen gegenüber Zunwanderern und die Bedeutung von Fremdgruppenkontakt