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Die Verteilung von Elternaufgaben in Deutschland. Neue Geschlechtergleichheit oder rhetorische Rollenmodifikation?

Seminararbeit 2014 19 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Elternaufgaben - Begriffsklärung und Abgrenzung

3. Lebensformen und Erwerbsverhalten im Wandel: Von der klassischen Ernährerehe zur partnerschaftlichen Paarbeziehung

4. Theorien zur Aushandlung von Reproduktions- und Fürsorgearbeit
4.1 Zeitbudgettheorie
4.2 Ressourcentheorie
4.3 Theorie der Haushaltsökonomie
4.4 Geschlechterrollentheorie

5. Die Übernahme von Elternaufgaben in Deutschland

6. Zwischenfazit

7. Einflussfaktoren
7.1 Arbeitsmarkt
7.2 Politik und Staat
7.3 Gesellschaft, Sozialisation und (latente) Normen

8. Zusammenfassung

9. Schlussfolgerung und Ausblick

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächlicheDurchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“1

Doch auch 64 Jahre nach dieser Verankerung von Geschlechter-Egalität im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, ist die Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland zentrales gesellschaftliches und politisches Thema. Dies zeigt beispielsweise die aktuelle Debatte um die Festsetzung einer verbindlichen Frauenquote in Unternehmensvorständen. Inwiefern kann man jedoch tatsächlich noch von einer Benachteiligung der Frau sprechen?

Feministinnen, für die eine Gleichberechtigung in Deutschland noch längst nicht erreicht ist, berufen sich unter anderem auf das geringere Einkommen von Frauen sowie die enorme Überzahl von Männern in Spitzenpositionen und Vorständen. Opponenten halten dagegen, dass sowohl im Bildungssystem als auch auf dem Arbeitsmarkt Chancengleichheit bestehe und sehen die geschlechtsspezifischen Divergenzen in individuellen Prioritäten und Lebensentwürfen begründet.

Doch trotz aller Uneinigkeiten bezüglich einer Benachteiligung von Frauen, ist zunächst einmal festzuhalten, dass Ungleichheiten nach wie vor sowohl in Bezug auf Erwerbs- als auch Reproduktionsarbeit bestehen und durch aktuelle Studien belegt werden können. Der Widerspruch zwischen dem Wandel der Geschlechter- rollen- und Normen sowie modernen Egalitätsidealen einerseits, und den fakti- schen Geschlechterungleichheiten andererseits, veranlasst die Forschung seit eini- gen Jahren zur Untersuchung der Bedingungsfaktoren der geschlechtsspezifischen Lebensverläufe, die zur Entstehung einer Vielzahl von (teilweise antithetischen) Theorien führen.

Aufgrund von Aktualität und gesellschaftlicher sowie politischer Bedeutsamkeit der Thematik, stellt die soziale Ungleichheit von Männern und Frauen einen relevanten und interessanten Gegenstand für die vorliegende Hausarbeit dar. Bedingt durch den begrenzten Rahmen der Untersuchung, kann hier allerdings nur ein Aspekt der Differenzen genauer betrachtet werden.

Da bei Frauen vor allem nach der Geburt von Kindern eine Unterbrechung ihrer

Berufstätigkeit und ein damit einhergehender Wandel im Lebensverlauf verzeichnet werden kann, wird der Fokus in diesem Beitrag auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede hinsichtlich der Aufteilung von Elternaufgaben gelegt.

Leitfragen dieser Hausarbeit sind somit:

1. Inwiefern lässt sich heute eine Geschlechteregalität in Paarbeziehungen und der Übernahme von Elternaufgaben verzeichnen?
2. Welche Faktoren beeinflussen die Verteilung von Erwerbs- und Reproduk- tionsarbeit sowie Elternaufgaben?

Nach einer kurzen Klärung und Abgrenzung der im Folgenden verwendeten Begriffe, soll zunächst ein Überblick über den Wandel von Lebensformen und Erwerbsarbeit in Deutschland gegeben werden. Im Hauptteil dieser Arbeit werden daraufhin einige Theorien zur Verteilung von Elternaufgaben erläutert und anschließend mit Studien zur tatsächlichen Übernahme Fürsorgearbeit und deren Bedingungsfaktoren in Deutschland verglichen.

Die Ergebnisse der Analyse werden im Anschluss zusammengefasst. Das ab- schließende Fazit beinhaltet ein kommentierendes Resümee des Beitrags sowie denkbare Weiterentwicklungen der herausgestellten Ungleichheiten zwischen Müttern und Vätern.

2. Elternaufgaben - Begriffsklärung und Abgrenzung

Zentrales Thema dieser Untersuchung ist die Verteilung von Elternaufgaben zwi- schen Müttern und Vätern. Der hier verwendete Begriff „Elternaufgaben“ umfasst im Folgenden zum einen notwendige Fürsorgearbeiten, also beispielsweise die Betreuung und Versorgung von Säuglingen und Kleinkindern („Care-Arbeit“). Zum anderen werden aber auch die als „parentales Engagement“ bezeichneten „gemeinsamen Aktivitäten mit Kindern“2 berücksichtigt werden. Die Übernahme von weiteren Reproduktionsarbeiten wie beispielsweise Einkaufen, Putzen oder Kochen soll zwar nicht im Blickpunkt stehen, es ist jedoch zu beachten, dass klare Abgrenzungen hier teilweise nur schwer möglich sind. Denn diverse Fürsorgear- beiten gehen zwangsläufig mit der Verrichtung von Hausarbeitstätigkeiten einher (so erfordert die Versorgung von Kindern beispielsweise die Zubereitung von Mahlzeiten, usw.) und in der Regel werden allgemeine Reproduktionsarbeiten überwiegend durch den Partner verrichtet, der auch primär für die Betreuung und Versorgung des Kindes zuständig ist.

3. Lebensformen und Erwerbsverhalten im Wandel: Von der klassischen Ernährerehe zur partnerschaftlichen Paarbezie- hung

Resümiert man die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte in Deutschland, lässt sich in Bezug auf Familie, Partnerschaft und Erwerbsarbeit ein enormer Wandel erkennen. Diese entscheidenden und für diese Analyse relevan- ten Entwicklungen werden im Folgenden komprimiert erörtert. Hier ist zu beach- ten, dass bis zur Deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990 sowohl hinsichtlich der Erwerbs- und Reproduktionsarbeit als auch in der damit zusammenhängenden Organisation des Familienlebens große Unterschiede zwischen DDR und BRD bestanden (welche sich teilweise auch heute noch in Erwerbsquoten und Mei- nungsbefragungen zur gleichberechtigten Arbeitsteilung in Ost- und Westdeutsch- land widerspiegeln)3. Der nachfolgend thematisierte soziale Wandel bezieht sich primär auf die Veränderungen in Westdeutschland.

In der Nachkriegszeit galt die sogenannte „Hausfrauenehe“ als klassische Fami- lien- und Partnerschaftsform. Der Mann übernahm hier die Rolle des alleinigen Familienernährers, während die Frau im Gegenzug sämtlich erforderliche Repro- duktionsarbeit und leistete und sich somit auf Hausarbeiten und Fürsorgearbeit beschränkte.4 Eine Erwerbstätigkeit der Frau wurde in den 1950er und 1960er Jahren entsprechend nur durch die ökonomische Notwendigkeit legitimiert.5 Doch dieses klassische Ernährermodell wurde in den 1970er Jahren durch die kontinu- ierlich stärker werdende Frauenbewegung kritisiert und in Frage gestellt6 und die „unbezahlte Nutzung der Reproduktionsarbeit von Frauen als Quelle ihrer Unter- drückung“7 identifiziert. Die „Aufhebung der bis dahin gesetzlich fixierten Zu- ständigkeit der Frau für Hausarbeit und Familie durch die Reform des Ehe und Familienrechts 1976“, „Dequalifizierung der Hausarbeit aufgrund technischer Rationalisierungsprozesse“ sowie „Neuordnung des Scheidungsrechts“ und „ver- besserte Planungsmöglichkeiten der Schwangerschaft“8 führten im Anschluss zu einem Wandel von weiblichen Lebensentwürfen. Auch die durch Studenten- und Frauenbewegung errungene Egalisierung von Bildungsmöglichkeiten begünstig- ten neue Selbstverwirklichungsopportunitäten für Frauen. Verstärkt wurden diese Entwicklungen durch ein zunehmendes Interesse des Arbeitsmarkts an weiblichen Arbeitskräften. Die traditionelle Rollenverteilung geriet so zunehmend ins Wan- ken.

In der Folge entwickelte sich ein „modernisiertes Ernährermodell mit teilzeiterwerbstätiger Ehefrau und Mutter“9. Geschlechtsspezifische Ungleichheiten blieben somit zwar weiterhin bestehen, es kam jedoch mehr und mehr zu einer Veränderung der klassischen Rollenbilder und Akzeptanz der weiblichen Erwerbstätigkeit. So stellt die deutsche Familiensoziologie seit den 1980er Jahren eine Modifikation der Leitbilder in Paarbeziehungen sowie einen generellen Wandel geschlechtsspezifischer Normen fest.10

Es lässt sich heute eine Deinstitutionalisierung der Ehe und Pluralisierung von Lebensformen verzeichnen. Viele Paare bleiben unverheiratet, da die Ehe nun keine gesellschaftlich bedingte Notwendigkeit zur Legitimation von Partnerschaft mehr ist. In Bezug auf die heutige Verteilung von Erwerbs- und Reproduktionsar- beit zeigt sich, dass das klassische Ernährermodell zwar noch immer in einigen Familien gelebt wird, darüber hinaus existiert jedoch eine Vielzahl weiterer For- men der Arbeitsteilung. Hier seien beispielsweise das modifizierte Ernährermo- dell sowie Doppelverdiener- bzw. Doppelkarrierepaare genannt.

Im Zuge der Veränderung geschlechtsspezifischer Rollenerwartungen und der Definitionen von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“, haben sich auch die klassi- schen Mutter- und Vaterrollen verändert. Während die Fürsorgearbeit lange Zeit als ausschließlich mütterliche Pflicht galt, entwickelt sich seit den 1990er Jahren ein neues Verständnis von Vaterschaft. Dies verdeutlicht auch die Präsenz von Begriffen wie „die neuen Väter“ oder „aktive Väter“ in den Medien.

Zusammenfassend lässt als Resultat des sozialen Wandels eine Pluralisierung von Lebensformen- und Familienformen, eine verstärkte Partizipation von Frauen am Arbeitsmarkt sowie die Entwicklung moderner Egalitätsideale in Paarbeziehungen verzeichnen. Hinsichtlich der Verteilung von Elternaufgaben sind ebenfalls Ver- änderungen erkennbar, vor allem das entstehende Bild der „aktiven Väter“ ist als zentrales Merkmal der Modifikation von geschlechtsspezifischen Rollenerwartun- gen zu nennen.

4. Theorien zur Aushandlung von Reproduktions- und Fürsorge- arbeit

In der Forschung zur Verteilung von Reproduktionsarbeiten in Ehen und Partner- schaften haben sich im verschiedene Ansätze zu relevanten Einflussfaktoren auf Aushandlungsprozesse etabliert. Die wichtigsten Theorien werden im Folgenden kurz vorgestellt. Es gilt hier jedoch zu beachten, dass diese in Bezug auf die Auf- teilung von unbezahlter Arbeit im Haushalt im Allgemeinen entstanden sind. In- wiefern sich die Thesen auf die Übernahme von Elternaufgaben übertragen lassen, und welche Aspekte darüber hinaus relevant sind, soll anschließend durch die Untersuchung der parentalen Fürsorge in Deutschland überprüft werden.

4.1 Zeitbudgettheorie

Die Zeitbudgetansatz (Time-Availability-Ansatz) sieht in der verfügbaren Zeit der Partner das zentrale Kriterium in Aushandlungsprozessen: „ Der Partner, welcher einen kleineren Anteil der Zeit in Erwerbsarbeit verbringt, wendet mehr Zeit für Hausarbeit auf.“11 Interessant für die weitere Analyse ist, dass dieser Ansatz ge- schlechtsneutral ist und somit eine egalitäre Aufteilung von Reproduktionsarbeit bei gleichem Umfang an Erwerbsarbeit von Mann und Frau impliziert.

[...]


1 Grundgesetz: Artikel 3, Absatz 2

2 Walter/Künzler (2002), S. 95

3 Vgl. Peuckert (2008), S. 231

4 Vgl. Wimbauer/Henninger (2009), S.104

5 Peuckert (2008), S. 229

6 Vgl. Lutz (2010), S. 26

7 Wimbauer/Henninger (2009), S. 105

8 Peuckert (2008), S. 230

9 Wimbauer/Henninger (2009), S.2005

10 Wimbauer/Henninger (2009), S. 2005

11 Wengler et al. (2008), S. 25

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668338463
ISBN (Buch)
9783668338470
Dateigröße
740 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v343781
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Elternaufgaben Verteilung Geschlechtergerechtigkeit Gleichberechtigung Frauen Familie Männer Rollen Familienarbeit Rollenmodifikation

Autor

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