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Professionalität in der Weiterbildungsgesellschaft. Heimlicher Lehrplan, organisationales Lernen und Selbstverständnis der Erwachsenenbildung

Einsendeaufgabe 2015 12 Seiten

Pädagogik - Erwachsenenbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einsendeaufgabe 1: Der Lebenslauf als subtil wirksamen Integrationsprogramm der Gesellschaft

Einsendeaufgabe 2: Der „heimliche Lehrplan“

Einsendeaufgabe 3: Stärken und Schwächen des organisationalen Lernens

Einsendeaufgabe 4: Selbstverständnis und Bildungskonzept des Erwachsenenbildners in „Der kleine Prinz und der Erwachsenenbildner“

Literaturverzeichnis

Gender-Hinweis: In meinen Ausführungen verwende ich aus Vereinfachungsgründen sowohl die männliche als auch die weibliche Form abwechselnd. Die jeweils andere Form ist miteingeschlossen.

Einsendeaufgabe 1: Der Lebenslauf als subtil wirksamen Integrationsprogramm der Gesellschaft

Erörtern Sie die bildungspolitischen Hintergründe des Vorhabens: Was bedeutet es, vom Lebenslauf als einem „subtil wirksamen Integrationsprogramm der Gesellschaft“ zu sprechen? Erläutern Sie diese These, indem Sie auf die von Habermas beschriebenen Identitätsbewegungen eingehen und vergleichen Sie diese mit der bildungspolitischen Leitlinie des BMBF.

Das dargestellte Szenario beschreibt eine Weiterbildungseinrichtung, welche ein neues Konzept im Sinne des selbstgesteuerten Lernens entwickelt hat und hierfür bereits die finanzielle Zusage von Projektgeldern aus einem EU-Förderprogramm erhalten hat. Nun sind die tätigen Fachpersonen an der Weiterbildungseinrichtung gefordert, ein Konzept mit konkreten Schritten der Umsetzung zu planen, welches sich an den Erfordernissen des erwachsenen Lernens orientiert und die nicht immer freiwillig sich weiterbildenden Erwachsenen motivieren kann. Die dort tätigen Personen müssen selbst hinzulernen, sich informieren, beraten usw. um ein aktuelles Lehrangebot für die angedachte Zielgruppe zu entwickeln und am Bildungsmarkt bestehen zu können. Hierzu ist es erforderlich, dass sich die Weiterbildungseinrichtung finanziell trägt und gesellschaftliche Veränderungen zeitnah erkennt und diese in die Ausgestaltung der Lehrangebote miteinbezieht – sowohl inhaltlich als auch organisatorisch. Eine herausfordernde Aufgabe der Erwachsenenbildung ist es, Lernangebote zu gestalten, welche viele der weiterbildungsbereiten Erwachsenen anspricht. So dass ein individuelles subjektbezogenes Lernen ermöglicht wird. Hier kommt die Ermöglichungsdidaktik zum Zuge. Personen besitzen unterschiedliche Lebenserfahrungen, Lernerfahrungen, Lernstile usw. . Dabei wird der Gedanke des Selbstlernens/der Selbstbildung an Gewichtung gewinnen. Denn Untersuchungen von David W. Livingstone haben gezeigt, dass die Menschen zu 80% im alltäglichen Leben, in ihrer Arbeitswelt in der Bewältigung ihres Alltags lernen. Hier zeigt sich die Entgrenzung des Lernens (vgl. Arnold, 2010, S. 11 nach Lifingstone, 1999, S. 78). Teilweise wird ja postuliert, dass Lernen überall möglich ist. Der Trend zur informellen Bildung bedarf jedoch der „ (…)Bereitstellung von Angeboten zur Optimierung der Selbstführung in Lernprozessen.“ (Arnold, 2010, S. 11) Lehrende werden hier zu Lernbegleitern. In dem dargestellten Szenario ist es, im Sinne einer zeitgemäßen Bildungspolitik wichtig, geeignete Dienstleistungsstrukturen zu fördern. Die arbeitssuchenden Menschen besitzen bereits eine Erstausbildung besitzen somit eigene Lernerfahrungen, sind also keine „Lernneulinge“. Möglichkeiten des angeleiteten Studiums sowie eLearning Module können sowohl der zeitlichen als auch der örtlichen Flexibilität der teilnehmenden Erwachsenen sowie einer zeitgemäßen Bildung, Rechnung tragen (vgl. Arnold, 2010, S. 12).

Vom Lebenslauf als einem „subtil wirksamen Integrationsprogramm der Gesellschaft“ wird gesprochen, wenn von den Mitgliedern der Gesellschaft immer mehr Anpassung in der Lebens- und Arbeitswelt gefordert wird. Wenn beispielsweise noch mehr kognitive, zeitliche und örtliche Flexibilität, immer schnellere und komplexere Arbeitsgänge zu erledigen sind, allen Anforderungen der Globalisierung entsprochen werden soll . Jeder Einzelne kann sich somit fragen, welche Auswirkungen dieser Wandlungsdruck auf die eigene Identitätsbalance hat oder haben kann (vgl. Arnold, 2010, S. 4).

Die soziale und personale Identität hängen, nach Habermas zusammen. Die Person ist sozusagen doppelt gefordert. Einmal durch das Bemühen, so zu sein, wie kein anderer Mensch und bezüglich seiner eigenen Lebensgeschichte kongruent zu bleiben. Dies ist die Personale Identität, die „Ich-Identität“ (Arnold, 2010, S. 3) Andererseits ist die Person bemüht den Anforderungen/Erwartungen seiner Bezugspersonen gerecht zu werden und diese in sein aktuelles Selbstbild zu integrieren und sich demensprechend zu verhalten. Jede Person hat unterschiedliche Rollen mit verschiedenen Erwartungen inne. Diese doppelte Anforderung verlangt, dass der Mensch seine personale und seine soziale Identität ständig ausbalanciert. Zum einen zwischen dem, was er biografisch erlebt hat, hierzu zählen auch seine bisherigen Erfahrungen in Bezug auf die Bildung, und zum anderen seine Ideen dazu, was er derzeit in Bezug auf seine derzeitige Umgebung zu sein hat. Wenn eine Person eine gelungene Balance zwischen der eigenen Biografie und den aktuellen Rollenanforderungen gefunden hat, so kann von einer „Ich-Identität“ gesprochen werden. So werden Menschen, welche sich weiterbilden nicht nur ihrem eigenen Verlangen nach mehr Wissen gerecht sondern es kann ebenso gesellschaftsfördernd sein. Indem sich beispielsweise unsere Studierenden mit dem Thema Inklusion beschäftigen und dieses in ihren jeweiligen Institutionen versuchen praktisch umzusetzen, leisten sie einen Teil der noch anstehenden Arbeit hin zu einer „inklusiven Gesellschaft“.

Die bildungspolitische Leitlinie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) besagt, dass Lebenslanges Lernen enorm wichtig ist um Bildungschancen zu erhalten und seine Lebens- sowie Arbeitswelt individuell gestalten zu können. Das Lernen des Einzelnen ist ebenso wichtig für eine erfolgreiche Wirtschaftswelt und die zukünftige Gestaltung der Gesellschaft.

„(…) Wissen sowie die Fähigkeit, das erworbene Wissen anzuwenden, müssen durch Lernen im Lebenslauf ständig angepasst und erweitert werden. Nur so können persönliche Orientierung, gesellschaftliche Teilhabe und Beschäftigungsfähigkeit erhalten und verbessert werden. Deshalb ist der `Wert des Lernens` zu erhöhen, unabhängig davon, ob das Lernen in erster Linie zur Weiterentwicklung der Beschäftigungsfähigkeit, zur Ausübung des bürgerschaftlichen Engagements oder aus rein privaten Gründen erfolgt³.“ (Arnold, 2010, S. 5 zitiert nach http://www.bmbf.de/de/411.php)

Weiterbildungsinstitutionen müssen dies im Blick haben und ihre Lernangebote demensprechend ausrichten.

Einsendeaufgabe 2: Der „heimliche Lehrplan“

Was versteht man unter dem sogenannten heimlichen Lehrplan? Unterscheiden Sie zwischen seinen Wirkungen im schulischen und im Weiterbildungsbereich. Über welche Haltungen und Maßnahmen lassen sich seine negativen Wirkungen reduzieren?

Unter dem sogenannten heimlichen Lehrplan ist zu verstehen, dass Lehrende „– auch unbewusst – für die Aufrechterhaltung von Normen und Verhaltenskonformitäten sorgen“ (Müller-Commichau, 2011, S. 23) Jürgen Zinnecker führte diesen Begriff in die öffentliche Diskussion in Deutschland ein.

Zinnecker zeigt Auswirkungen des heimlichen Lehrplans im schulischen Bereich auf. Diese vier Auswirkungen führe ich im Folgenden an.

Hierarchische Ordnung. Sie besagt, dass dem Lehrer mehrere Rollen im hierarchischen Bereich z. B. als Platzverteiler zugesprochen werden. Die Schüler müssen sich in ein formales System unter- und überordnen können. Konformes Verhalten führt zur Belohnung und nicht normgerechtes Verhalten zur Bestrafung (vgl. Müller-Commichau, 2011, S. 23).

Die Leistungsbezogene Konkurrenz „Der Lehrer ermahnt die Faulen und lobt die Fleißigen. Er unterrichtet kollektiv und zensiert individuell. Die Schüler lernen, dass der eigene Leistungserfolg auf dem Misserfolg der Konkurrenten fußt“ (Müller-Commichau, 2011, S. 23).

Sprachliche Normierung „Der Lehrer normiert die im Klassenzimmer zugelassene Sprache. Er unterdrückt den Jargon der jugendlichen Subkulturen. Die Schüler passen sich an. Sie erlernen die Sprache der Schule (und das ist die Mittelschichtsprache) oder sie schweigen“ (Müller-Commichau, 2011, S. 24).

Markierung Die Lehrer erwarten in den Fächern eine Eigenmotivation der Schüler. Eine „intrinsische Motivation“ und persönliches Interesse an den verschiedenen Inhalten der Fächer. Die Schüler müssen sich, da dies zu viel verlangt ist, mit den Lehrern und den Anforderungen an die Motivation und dem Sachinteresse arrangieren. Hierbei kommen die Schüler auf vielfältige Ideen, was als „Maskierung“ bezeichnet wird. Beispielsweise lernen Schüler einfach mal zu nicken und so zu tun als ob Sie, wenn der Lehrer Kluges artikuliert, zuhören und mitdenken würden (vgl. Müller-Commichau, 2011, S. 24).

Im Weiterbildungsbereich kommen noch weitere Auswirkungen des sogenannten heimlichen Lehrplans hinzu.

So erinnert das Lernambiente die erwachsenen Lerner oft negativ an ihre eigene Schulzeit. Indem sie beispielsweise in Klassenzimmern mit Tafel und Kreide sitzen.

Habitus und Sprache der Lehrenden wirken auf lernungewohnte Lerner sehr normativ und die Teilnehmer fühlen sich minderwertig. Diese Minderwertigkeitsgefühle versuchen die Teilnehmer unterschiedlich zu kompensieren.

Lehrende kompensieren manchmal ihre Unsicherheit bezüglich der teilweise wesentlich älteren Teilnehmer mit einer Überbetonung ihres Wissensvorsprungs.

Oft sind die Teilnehmer von Weiterbildungsmaßnahmen „fremdmotivierte“ Teilnehmer, welche von der Agentur für Arbeit geschickt wurden. Sie „müssen mehr oder weniger intrinsische Motivation“ vorspielen, damit die finanzielle Unterstützung aufrechterhalten wird.

Die Gegenseitigen Erwartungen der Lehrenden an die Lerner und umgekehrt werden zu Beginn der Weiterbildungsmaßnahmen nicht angesprochen. Somit agieren beide Seiten nur mit Vermutungs-Vermutungen (vgl. Müller-Commichau, 2011, S. 25).

Die negativen Wirkungen des sogenannten heimlichen Lehrplans lassen sich durch folgende Haltung und nachgenannte Maßnahmen reduzieren.

Im schulischen Bereich betont Meyer das Entgegenwirken des Untertanengeists. So soll die Schulleitung als gutes Beispiel vorangehen und die pädagogischen Prinzipien im Umgang mit den Kollegen anwenden. Gemeinsam soll an einem Leitbild für guten Unterricht gearbeitet werden, welches ein positives Schulklima gestalten kann. Die Lehrkräfte selbst sollen positive Kommunikationsformen erleben dürfen, da sie diese dann auch wertschätzend an die Schüler weitergeben können (vgl. Müller-Commichau, 2011, S. 24). Die Anwendung positiver Kommunikationsformen finde ich auch im Weiterbildungsbereich wichtig. Hierbei fällt mir die personenzentrierte Haltung nach Carl Rogers ein. Eine Haltung, welche geprägt ist von gegenseitiger Wertschätzung und Respekt – unabhängig davon, in welcher Rolle sich die Person befindet. Ebenso beinhaltet diese Haltung empathisches Verstehen im Umgang mit beispielsweise Lernproblemen der Schüler/Teilnehmer sowie eigenes kongruentes und transparentes Verhalten des Lehrenden gegenüber den Lernern um Mißverständnissen im Voraus vorzubeugen. Eine personenzentrierte und dialogische Haltung des Lehrenden gegenüber den Lernenden kann als gewinnbringend bezeichnet werden, da den Lernenden auf Augenhöhe begegnet wird und ein aktives Lerngeschehen, ein konstruktives Miteinander entstehen lässt, welche das Individuum und den Prozess des Lernens in den Vordergrund rücken.

Meyer zählt noch weitere Punkte auf, welche die negativen Auswirkungen reduzieren können. Es soll darauf verzichtet werden, dass eine Ballung von Schülern aus Risikogruppen vorgenommen wird. Schülern aus Risikogruppen soll eine besondere Förderung zukommen. Unterrichtsabläufe sollen klar strukturiert sein und einen hohen Anteil an echter Lernzeit ohne Organisationsaufgaben beinhalten (vgl. Müller-Commichau, 2011, S. 24 zitiert nach Meyer, 2007, S. 168)

Die zentrale Gegenmaßnahme gegen die negativen Wirkungen des heimlichen Lehrplans liegt darin, die oben aufgeführten Phänomene zu benennen. Dies soll von Seiten der Lehrenden geschehen. Sie sollen darauf hinweisen, dass dies ihre subjektive Wahrnehmung ist und nicht objektiv beschreibbare Fehlverhalten darstellen. Lerner sollen sich also ihre persönlichen Wahrnehmungen aussprechen trauen, auch wenn diese anders ausfällt als die der lehrenden Person (vgl. Müller-Commichau, 2011, S. 25). Dies führt zu Transparenz und beugt Mißverständnissen sowie falschen Erwartungshaltungen vor. Lehrende müssen um diese Phänomene wissen und bereit sein ihr eigenes Lehrverhalten zu reflektieren. Sie müssen sich dementsprechend qualifizieren und sich ihrer eigenen Haltung sowie deren Auswirkungen auf die Lehrenden und den Lernprozess bewusst werden.

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Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668337107
ISBN (Buch)
9783668337114
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v343732
Institution / Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Note
Schlagworte
Pädagogik Lernen

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