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Einfluss der Corregidores und Repartimientos auf Wirtschaft und Gesellschaft im kolonialen Lateinamerika

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 15 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung der Corregidores in Lateinamerika
2.1 Herkunft der Corregidores
2.2 Die Aufgaben der Corregidores
2.3 Tatsächliche Funktion im kolonialen System
2.4 Legitimierung der Repartimientos
2.5 Wegbereiter für die Abschaffung der Repartimientos
2.6 Vetternwirtschaft der lokalen Eliten

3. Konsequenzen der Repartimientos für die Kolonien
3.1 Soziale Auswirkungen des Zwangshandels
3.2 Die Abschaffung der Repartimientos
3.3 Ökonomischer Einfluss auf die Kolonien

4. Schluss

5. Literatur

1. Einleitung

Ricardo Palma beschreibt den Corregidor der Provinz Tinta, D. Antonio de Arriaga, als „hidalgo español muy engreído [...] que despotizaba por plebeyos a europeos y criollos. Grosero en sus palabras, brusco de modales, cruel para con los indios de la mita y avaro hasta el extremo”. Mit dieser subjektiven Darstellung gibt der Geschichten- und Geschichtsschreiber ein Bild der Corregidores wieder, wie es zur damaligen Zeit im kollektiven Bewusstsein der Bevölkerung Lateinamerikas allgegenwärtig gewesen sein muss.[1] Die kurze Umschreibung zeigt, wenn auch durch starke Werturteile verzerrt, die wichtigsten Charakteristika der Corregidores auf: die meisten stammten vom spanischen Adel ab. Die Beschreibung „engreído“ zeigt seine hohe Position in der Gesellschaft, der Ausdruck „grosero“ gleichzeitig seine Rücksichtslosigkeit, die er bei seinen Untergebenen an den Tag legte. „Cruel“ ist er bei der „mita“ und „avaro hasta el extremo“. Dieser Geiz weist unter Umständen auf die von ihm verteilten Waren hin, die Repartimientos, die er der Bevölkerung zu überhöhten Preisen aufzwang. Die Vehemenz der Kritik und Verachtung, die Ricardo Palma in seiner Geschichte den Corregidores noch hundert Jahre nach ihrer Abschaffung entgegenbrachte, zeigt, wie brutal und grausam sie von der Bevölkerung empfunden worden sind. Gleichzeitig wird klar, dass die Corregidores eine enorme Bedeutung in der Kolonialzeit gehabt haben müssen.

In dieser Arbeit wird versucht, die Funktion der Corregidores und der Repartimientos für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Lateinamerikas zu erläutern.

2. Die Entwicklung der Corregidores in Lateinamerika

2.1 Herkunft der Corregidores

In den ersten 50 Jahren der Conquista war die Encomienda das vorherrschende Instrument der Kolonisierung Lateinamerikas gewesen. In einer Art feudalem System wurden die Indios von Privatleuten in ihnen zugeschriebenen Einheiten, den Encomiendas, zu Zwangsarbeit und Tributzahlungen gezwungen. Was sich für die spanische Krone zunächst als nützliches Mittel erwiesen hatte, war schnell zu einer Last geworden: die Encomenderos behielten einen Großteil der Tribute selbst ein und versuchten, stets eigenen Interessen, die im Widerspruch zu denen der Krone standen, durchzusetzen.[2]

Nachdem die Encomenderos das Land erschlossen und die Indios in Arbeitsstrukturen gepresst hatten, versuchte die Krone, sie durch eine stärker kontrollierbare Administration zu ersetzen. Das Land wurde in Corregimientos aufgeteilt, an deren Spitze die Corregidores standen. Dieses Amt war aus Spanien exportiert worden, wo es sich im 15. Jahrhundert nach der Trennung von Justiz und Regierung zusammen mit den Alcaldes Mayores herausgebildet hatte. Im Gegensatz zu den Alcaldes Mayores, die nur für die Rechtsprechung verantwortlich waren, hatten die Corregidores in Spanien auch administrative Aufgaben.[3]

Laut Gibson (1964) gibt es zwischen den Alcaldes Mayores und Corregidores in Lateinamerika keinen signifikanten Unterschied. Eine Graphik zeigt, dass im 16. Jahrhundert die Amtsbezeichnung Corregidores vorgezogen und im 17. Jahrhundert eher der Begriff Alcaldes Mayores gebraucht wurde.[4]

In Lateinamerika waren sie nur ein Teil des fast komplett importierten Verwaltungssystems Spaniens. Sie waren diejenigen, die mit den Indios in direktem Kontakt standen und zogen als solche, wie auch bei Palma zu lesen ist, den Unmut auf sich, der sich gegen das gesamte System richtete.[5] Bis 1550 waren sie nur für die Indios zuständig, die nicht in einer Encomienda waren, danach erweiterte sich ihr Zuständigkeitsbereich auf alle Indios. Oft unterstanden ihnen noch ein Teniente, ein Escribano, ein Alguacil und ein Übersetzer.[6]

2.2 Die Aufgaben der Corregidores

Das Aufgabengebiet der Corregidores in Lateinamerika weicht freilich von dem in Spanien ab. In Lateinamerika waren sie verantwortlich für das Einziehen der Tribute und die Rekrutierung der Indios zur Zwangsarbeit, der Mita; gleichzeitig waren sie, wie auch in Spanien, Richter in ihren Corregimientos. Als Ermittler dienten ihnen die Alguaciles und Tenientes. Um den Amtsmissbrauch zu verhindern, sollten die Corregidores den Tribut nicht persönlich, sondern über Mittler von den Indios einziehen.[7]

Es gab Corregidores de Indios und Corregidores de Españoles, wobei dieser Unterschied nicht an der Ethnie festzumachen ist. Die verschiedenen Bezeichnungen beziehen sich eher auf den Verwaltungsbereich: die Corregidores de Españoles kümmerten sich um die von Spaniern gegründeten Städte, in denen auch viele Indios lebten, und die Corregidores de Indios um die auf dem Land verstreuten Dörfer. Sie zogen also sowohl von den Indios als auch von der restlichen Bevölkerung Tribute ein.[8]

Der Corregidor sollte, so war es zunächst die Intention der spanischen Krone, ein unbestechlicher Beamter sein, der für das soziale Gleichgewicht sorgte und gleichzeitig hohe Steuereinnahmen brachte. Die 1565 geschaffenen Corregidores de Indios sollten laut Gesetz „ángeles custudios de los indios“ sein, für die Rechte der Indios eintreten, und vor allem ein zu großes Erstarken lokaler Eliten verhindern. Zunächst konnten sie nur direkt vom König ernannt werden. Die Vizekönige konnten zwar einen Kandidaten vorschlagen, dieser musste aber noch vom König abgesegnet werden. Corregidores benachbarter Regionen durften nicht verwandt sein und die Heirat in einflussreiche Familien aus der Region wurde verboten. Außerdem war den Corregidores der Handel streng untersagt.[9]

Los Virreyes y Gobernadores tengan siempre mucha vista y cuidado [..] sobre que los Corregidores no traten ni contraten, y las hagan cumplir y guardar con puntualidad en todo lo converniente al servicio de Dios y nuestro, y bien de los naturales[10]

2.3 Tatsächliche Funktion im kolonialen System

Die angestrebte Neutralität fand in der Realität nur wenig Umsetzung. Schon die Art der Amtsverteilung in Spanien machte den Corregidores eine neutrale Position unmöglich: De facto konnten sich Privatpersonen das Amt der Corregidores für über 10 000 Pesos kaufen. Um sich diesen Titel leisten zu können, nahmen Kolons einen Kredit in Spanien auf, der bei der Peruanischen Bank bei 8 % Zinsen wieder abbezahlt werden konnte. Dazu kamen hohe Kosten, die die Corregidores in Lateinamerika beim Aufbau einer eigenen Existenz erwarteten. Von vorn herein standen sie also unter einem enormen ökonomischen Druck.[11] Der von der Krone gezahlte Lohn, der sich prozentual nach den eingezogenen Tributen richtete, reichte kaum für die Deckung der Kosten aus.[12]

Zusätzlich fehlte die direkte Kontrolle bei ihrer Amtsausübung. Um ihre finanzielle Situation zu verbessern, erhoben die Corregidores Extra-Zölle oder trieben die Indios zur Zwangsarbeit an. Die wichtigste Einkommensquelle entwickelte sich für die Corregidores aber erst mit der Zeit. Durch ihre Rolle als Eintreiber von Tributen, die gerade zu Anfang noch aus Rohmaterialien bestanden, gingen viele Waren durch ihre Hände. Bald begannen sie selbst, mit Waren zu handeln. Die Indios, die es nicht gewohnt waren, für Geld zu arbeiten, sondern vorher nur für den Eigenbedarf und die Tribute den Acker kultivieren mussten, waren an Handel und Erwerb von Produkten wenig interessiert. Deshalb etablierten die Corregidores die Repartimientos, einen Zwangshandel von Gütern zu festgesetzten Preisen.[13]

Anfang des 18. Jahrhunderts erreichten die Repartimientos ein bis dahin ungekanntes Niveau: Dokumente Belegen erhöhte Ausgaben der Corregidores, die sich mit den legalen Einnahmen nicht mehr erklären lassen. Außerdem sind immer mehr Prozesse wegen Amtsmissbrauchs zu verzeichnen. Die Preise für das Amt des Corregidores variierten in Spanien dementsprechend je nach Einnahmemöglichkeiten in den zugehörigen Corregimientos. Daraus geht hervor, dass die Krone die Repartimientos zumindest unter der Hand tolerierte.[14]

[...]


[1] Vgl. Palma, R. (1893): 338. Palma kam zwar selbst aus der spanischen Nobleza, betrachtete diese aber stets mit einem kritischen Blick (Hampe Martínez (2001): 331). Seine Geschichten sind eine Mischung aus Literatur und Geschichte. Doch sie „relevan el espíritu y la expresión de las multitudes“ und dienen deshalb als Quellen für das damalige kollektive Bewusstsein (Hampe Martínez (2001): 334).

[2] Gibson (1964): 58-59.

[3] García –Gallo (1972): 78.

[4] Gibson (1964): 82, 87.

[5] Ebd.: 91.

[6] Ebd.: 82.

[7] Ebd.: 82, 91-92.

[8] Peñaherrera del Aguila (1970): 41.

[9] Ebd.: 42.

[10] Recopilación de las Leyes de Indias Buch V zitiert bei Moreno Cebrian (1975): 168.

[11] Golte (1980): 106.

[12] Gibson (1964): 83.

[13] Gibson (1964): 93-94.

[14] Golte (1980): 80.

Details

Seiten
15
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638346092
ISBN (Buch)
9783638772273
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34365
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Romanisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Einfluss Corregidores Repartimientos Wirtschaft Gesellschaft Lateinamerika Indios Unterdrückung Rebellion

Autor

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