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Chancen und Risiken des BRIC Landes Indien als Standort für ausländische Investoren in der Einzelhandelsbranche

Die Märkte von morgen

Bachelorarbeit 2015 46 Seiten

BWL - Investition und Finanzierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Merkmale und Identifizierung der BRIC Länder

3 Wirtschaftliche Entwicklung Indiens seit 1991

4 Indien als Standort - eine aktuelle Analyse
4.1 Rahmenbedingungen für ausländisches Engagement in Indien
4.2 Indiens Wirtschaft im Überblick
4.3 Regionale Segmentierung Indiens
4.4 Die Bedeutung Indiens für den Welthandel

5 Analyse bevorzugter Investitionsbranchen
5.1 Einzelhandel
5.2 Lebensmitteleinzelhandel
5.3 Zielgruppen des Einzelhandels und Kaufkraftanalysen

6 Risiken des Standortes Indien für ausländische Investoren
6.1 Supply Chain und Infrastruktur
6.2 Bürokratie und Restriktionen
6.3 Sonstige Hürden

7 Chancen des Standortes Indien für ausländische Investoren

8 Fazit

9 Quellen-/Literaturverzeichnis

10 Abkürzungsverzeichnis

11 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Diese Bachelorarbeit ist das Ergebnis einer tiefgehenden Untersuchung des BRIC Landes Indien. Indien wird in der Literatur als das interessanteste und mysteriöseste Land unter den BRIC Ländern bezeichnet.1 Kaum ein anderes Land auf dieser Welt ist so reich an Gegensätzen: traditionelle Gebiete und Slums befinden sich direkt neben fünf Sterne Hotels und modernen Hochhäusern; hoch moderne Technik neben absoluter Unterentwicklung. Natürlich fordert diese Diversität Menschen heraus, die beruflich nach Indien gehen. Während man Indien in den vergangenen Jahrzenten oft wirtschaftliche Ineffizienz und politisch-ethnische Konflikte nachsagte, assoziiert man heute mit Indien ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum, einen ausgebauten IT-Sektor und 1,3 Milliarden Menschen mit erstaunlichen demographischen Daten einer jungen Bevölkerung. Darüber hinaus dürfte die Thematisierung Indiens (und der anderen BRICs) durch die aktuelle geopolitische und wirtschaftliche Lage aufgrund von Globalisierung und internationalen Wettbewerbsdruck an Bedeutung gewinnen. Die zentrale Untersuchungsfrage dieser Arbeit ist dabei: Welche Chancen und Risiken birgt das BRIC Land Indien für ausländische Investoren in der Einzelhandelsbranche? Der dargestellten Fragestellung folgend, skizziert die Autorin dieser Arbeit im ersten Schritt die Identifizierungsmerkmale der BRIC Länder - auch in Abgrenzung zu den Emerging Markets. Es handelt sich dabei um eine Thematisierung der Bedeutung der BRIC Staaten und wie diese Märkte das globale Wirtschaftsstreben prägen. Dazu scheint es zunächst erforderlich, zu schildern wer diese weltweit bekannte Abkürzung erfunden hat. Im nächsten Schritt nähert sich die Verfasserin dieser Arbeit dem zentralen Thema der Chancen und Risiken Indiens und dessen Wirtschaft, indem sie Indiens wirtschaftliche Entwicklung seit 1991 aufzeigt. Gegenstand dieser Betrachtungen ist die Auseinandersetzung mit der Wirtschaftsgeschichte Indiens und wie das Kolonialsystem der Briten diese prägte. Im darauf folgenden Abschnitt wird eines der Kernthemen, und zwar die aktuelle Analyse des Standortes Indiens, näher untersucht. Die Rahmenbedingungen werden auf kultureller, landeskundlicher und politischer Ebenen eingeführt. Dazu werden unter Anderem aktuelle Datenbasen des statistischen Profils und die Inflationsentwicklung Indiens dargestellt. Im folgenden Abschnitt 5 wird der Einzelhandel als Investitionsbranchen vorgestellt. Holtbrügge und Friedmann haben in ihrem Werk ‚Geschäftserfolg in Indien„ neun bevorzugte Investitionsbranchen aufgelistet. Diese sind:

IT und IT-Dienstleistungen, Automobilindustrie, Pharmaindustrie, Maschinenbau, Einzelhandel, Energieerzeugung, Textil- und Lederwaren, Telekommunikation und Banken.2 Bewusst wurde das Thema dieser Arbeit auf den Einzelhandel gelenkt, da dieser in Abgrenzung zu den anderen Branchen stark staatlich protektiert ist und somit nicht an den Weltmarkt angeschlossen. Die große Neugier, warum der Einzelhandel stark traditionell gehalten wird, obwohl eine konsumbereite Mittel- und Oberschicht explizit neue Einzelhandelsformate fordert, haben die Autorin dieser Bachelorarbeit dazu gebracht, die Einzelhandelsbranche genauer zu untersuchen. Besondere Aufmerksamkeit geht an den Lebensmitteleinzelhandel, welcher den größten Anteil am Einzelhandel ausmacht. In den abschließenden Schritten werden im Abschnitt 6 und 7 die Risiken und Chancen des Standorts Indien für ausländische Investoren dargestellt. Auch hier wird hauptsächlich auf den Einzelhandel eingegangen. Des Weiteren werden folgende Fragen geklärt: Ist dieses Land - wie viele Prognosen behaupten - tatsächlich bald ein Global Player? Woher kommt dieses rasante Wirtschaftswachstum und warum scheint bei einem Großteil der Bevölkerung - immer noch geprägt von: Armut, Analphabetismus, sozialer Ungleichheit und kolonialen Herrschaftssystemen - nichts von dem Wohlstand anzukommen? Kann man verhindern, dass sich durch westliche Investoren die Lage der Bauern nochmals verschlechtert? Warum gibt es, gerade in ländlichen Gegenden, keine Supermarktketten?

Die Autorin dieser Bachelorarbeit absolvierte einen mehrmonatigen Besuch in Indien (2013), im Rahmen des Studiums, in Form eines Praktikums an einer indischen Schule für unterprivilegierte Kinder aus den untersten Gesellschaftsschichten. Seit diesem Besuch war die Autorin wiederholt in Indien. Aus diesem Grund wird erwähnt, dass einige Ergebnisse dieser Bachelorarbeit auf persönliche Erfahrungen und Einzelgesprächen mit Unternehmensangestellten sowie Anhängern der Kongresspartei, aus Mumbai und Delhi, zurückzuführen sind. Hauptsächlich erfolgte die Ausarbeitung der Inhalte dieser Arbeit durch Hinzuziehung von Fachliteratur.

Ziel dieser Arbeit ist dabei auf Basis der vorangegangenen Betrachtungen, theoretische Grundlagen für die Chancen und Risiken Indiens als Standort für ausländische Investoren in der Einzelhandelsbranche zu schaffen.

2 Merkmale und Identifizierung der BRIC Länder

Die Märkte von morgen: Europa? USA? BRIC? ÄDie Zukunft der Produktion in Deutschland wird kontrovers diskutiert: Hohe Löhne, Lohnnebenkosten, Abgaben und Steuern (…).“3 Außerdem weist Deutschland demographische Daten, mit einer immer älter werdenden Bevölkerung aus. Der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung wird in den nächsten Jahren rapide sinken. Da zu Zeiten der Globalisierung Märkte weltweit erschlossen werden können, verlagern sich viele Produktionen ins Ausland. Brasilien, Russland, Indien und China - die BRICs - scheinen besonders attraktiv für Investoren zu sein. BRIC Staaten werden klassisch zu den Schwellenländern kategorisiert, weil sie keine klassischen Merkmale von Entwicklungsländern mehr aufweisen. Weitere große Schwellenländer neben den BRIC Staaten sind Mexiko, Südafrika, die Türkei, Südkorea und Indonesien.4 Obwohl Südkorea ein hochtechnisiertes Land ist und Weltkonzerne wie Samsun, Kia und viele andere beheimatet, wird es in der Literatur trotzdem als Schwellenland kategorisiert. Die BRICs gehören auch zu den Emerging Markets, weisen allerdings höhere Wachstumsraten auf. Emerging Markets sind aufstrebende Märkte - ebenfalls wie die BRICs, allerdings zählen weitere Länder dazu - unter anderem Staaten in Osteuropa wie Rumänien und Bulgarien. Aber auch die Türkei, Südkorea und Indonesien verfügen über solch einen aufstrebenden Markt. Eine klare Definition von Emerging Markets ist Interpretationssache: ÄAs the Economist point out, there can be more than one definition of the term Emerging Markets depending on who define it.“5 Des Weiteren werden Emerging Markets auch beschrieben als Äless developed countries, newly industrializing countries, transition economy, developing nations, Third World countries and poor nations.”6 Merkmale für Emerging Markets und BRIC Länder sind die zunehmende Urbanisierung, Landflucht und die besonderen demographischen Daten, gerade in Bezug auf die Altersstruktur der Bevölkerung.7 Außerdem kennzeichnen sie sich durch hohe Wachstumsraten des BIPs.8 Der Goldman Sachs Volkswirt Jim O„Neill veröffentlichte 2001 sein Werk ÄBuilding Better Global Economic BRICs.“ Darin prägte er den Begriff der BRIC Staaten - in Abgrenzung zu Emerging Markets.9 Die Abkürzung:

BRIC ist heute weltweit bekannt und wird häufig verwendet. In weiteren Werken des Autors betont er immer wieder, dass Ädie vier Volkswirtschaften nicht mehr als traditionelle Emerging Markets“10 gesehen werden können. Die Bedeutung der BRIC Staaten ist für die Weltwirtschaft unumstritten. Der persönliche Konsum in den BRIC Staaten hat sich vervielfacht.11 Die Wichtigkeit der BRICs und Emerging Markets verdeutlichen auch die Autoren Mutum und Roy: ÄThere is a sustained increase of interest in the Emerging Markets by Western Business. Emerging Markets are no longer seen as sources of cheap labour and raw material but increasily becoming markets if primary importance due growing economic prominence and consumer purchasing power.”12 Jim O„Neill sagte den BRIC Staaten bereits 2001 exzellente Wachstumsaussichten. An dieser Stelle sollte allerdings nicht vergessen werden, dass BRIC Länder starke soziale, politische, kulturelle, religiöse und ökonomische Probleme aufweisen.13 Die BRIC Länder stehen nicht nur für die vier wirtschaftsstarken, aufstrebenden Nationen, sondern auch für eine allgemeine Verschiebung der weltweit politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse von den klassischen Industrienationen hin zu den aufstrebenden Ländern.14 Auch andere Autoren nehmen an, dass der Aufstieg der großen Schwellenländer - insbesondere der BRICs - die Spielregeln der globalen Wirtschaftsordnung nachhaltig verändern werden und nicht mehr traditionell die Länder der Triade (USA, EU, Japan) eine Art Machtmonopol besitzen.15 Vermutlich wird Amerika auf Grund der demographischen Daten für die nächsten 30 Jahre seine Vormachtstellung behalten.

Folgende Abbildung1 und Abbildung 2 sollen die Machtverschiebung verdeutlichen. 2050, so eine Prognose, wird es immer noch Wirtschaftswachstum in den BRICs geben und deren Wirtschaftspolitik das Wachstum in Form von Liberalisierung und Infrastrukturmaßnamen weiter unterstützen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wirtschaftsleistung GDP 2003 nach Ländern; Quelle: Berlin (2014) S. 33

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Wirtschaftsleistung GDP 2050 nach Ländern (Prognose 2050); Quelle: Berlin (2014) S. 33

Es lässt sich unschwer erkennen, dass laut den Prognosen für 2050 nur noch die Vereinten Staaten als klassische Industriestaaten Vertreter der wirtschaftsstärksten Nationen sein werden. Das verdeutlicht erneut, welche Machtverschiebung - bei konstantem Wirtschafts- wachstum - auf dem globalen Weltmarkt herrschen könnte. Wie sieht eine neue globale Wirtschafts- und Finanzordnung aus, in der die BRIC Staaten offensiv eine neue Weltwirtschaftsordnung fordern? Genau dieser Frage gehen viele Ökonomen nach und die Vorstellungen und Konsequenzen wirken für viele Menschen befremdlich und bedrohlich zugleich.

3 Wirtschaftliche Entwicklung Indiens seit 1991

Das klassische Wirtschaftssystem Indiens war Jahrhunderte geprägt durch: Kolonialisierung seitens der Briten, regionale und bundesstaatliche Autarkie, ausufernde Bürokratie, die weltweit höchsten Zollsteuersätze, hinduistischen Nationalstolz und den Erhalt der traditionellen Gesellschaftsstrukturen (Kastensystem). Radjiv Gandi (Sohn von Indira Ghandi) legte mit den ersten, durch Kredite der Weltbank und IWF finanzierten, Wirtschafts- und Politikreformen den Grundstein für die politische Öffnung und die ökonomische Transformation in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Das führte auch zu einer Neuorientierung in der Außenpolitik.16 1991 ist ein einschneidendes Jahr in der indischen Wirtschaftsgeschichte. Mit Amtsantritt des neuen Premierministers Narasimha Rao und dem Finanzminister Manmohan Singh begann eine tiefgreifende Veränderung des Handels sowie der Währungs-, Finanz- und Steuerpolitik.17 Indiens Wirtschafts- reformchronologie begann mit der Einleitung der Wirtschaftsreformen durch Manmohan Singh (Finanzminister der P.V. Narasimha Rao Kongresspartei). Das sozialistisch geprägte Wirtschaftssystem war nach Ende der britischen Kolonialzeit dem finanziellen Ruin nahe.18 Nach 1991 war die Umstrukturierung Indiens von einer Agrar- zur Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft notwendig. Diese Notwendigkeit zeigt sich besonders im Beitritt Indiens zur Welthandelsorganisation (WHO) im Jahr 1995.19 Die marktwirtschaftliche Öffnung im Jahr 1991 erfolgte vor dem Hintergrund einer ‚bedrohlich„ schlechten Wirtschaftslage Indiens. Durch Ölverteuerungen und sinkende Auslandsinvestitionen drohte Indien die Zahlungsunfähigkeit.20 ÄZiel war es, Indien zu globalisieren.“21 Dem beschlossenen Reformpaket zum Trotz verlaufen die Liberalisierungsansätze zunächst schleppend. Bis zum heutigen Tag kann man Liberalisierungstendenzen erkennen, allerdings ist eine globale Marktöffnung, besonders in der Einzelhandelsbranche, nicht vorhanden. Gründe dafür sind fehlende Rechtssicherheit für Investoren und staatliche Restriktionen, welche im Folgenden debattiert werden. Der Anstieg der Binnennachfrage führt zu einem starken Wirtschaftswachstum in Indien. Zwar kann immer noch nicht der Teil der Bevölkerung, welcher in absoluter Armut lebt, am Wirtschaftsleben partizipieren; allerdings steigt die konsumbereite Mittelschicht, da sich das BIP pro Kopf stetig erhöht.22 Bislang machte sich der Anstieg der Mittelschicht hauptsächlich in Städten bemerkbar, da dort die white colour worker wachsen in Konzernen wie der Tata Gruppe oder der Mittal Steel Company.

Die folgende Abbildung 3 verdeutlicht die Merkmale des indischen Wirtschaftssystems vor und nach der Liberalisierung von 1991.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Indisches Wirtschaftssystem vor und nach der Liberalisierung 1991; Quelle: Holtbrügge/Friedmann (2011) S. 20

Indien ist die größte Demokratie der Welt und hat aufgrund dessen enormen Vorteile im Sinne von menschenrechtlichen Wertevorstellungen, es hat allerdings auch seine Schattenseiten. 1,3 Milliarden Menschen dieser Erde sind Inder, darunter geschätzt ca. 800 Millionen Wahlberechtigte.23 Wahlen in Indien sind dementsprechend nicht nur von einer Größendimension, an die die EU und Amerika gemeinsam nicht ansatzweise herankommen, sondern auch durch viele verschiedene Interessenkonflikte geprägt.24 Daher Älässt sich bislang keine klare Mehrheit für die Reformer in der Wählerschaft der größten Demokratie der Welt finden.“25 Gemeint sind weitere Reformen, die im Jahre 2004 zur Öffnung für Auslandsinvestitionen, zur Privatisierung von Staatsbetrieben und zur Stärkung der Wirtschaftskraft entstanden sind.26 Weitere grundlegende Veränderungen wurden nach den Parlamentswahlen 2009 in Indien erreicht, indem für Investoren bemerkenswerte Reformen auf den Weg gebracht wurden. Zum einen der Wegfall der Beschränkungen für ausländische Lizenzzusammenarbeit. Somit sind indische und ausländische Vertragsparteien frei in der Verhandlung der Lizenzgebühren. Dies bewirkt, dass die Einfuhr hochwertiger Technologien vereinfacht wird. Weiterhin wurden Auslandsinvestitionen auch in Form von Personengesellschaften mit eigener Rechtspersönlichkeit und beschränkter Haftung zugelassen. Zusätzlich wurde die Niederlassungsfreiheit für Auslandsinvestoren reformiert. Demnach können Tochterunternehmen an anderen Standorten Indiens Anteilseignerschaften gründen. Die Niederlassungsfreiheit senkt nachhaltig die Zugangsbeschränkungen für Auslandsinvestoren und leistet einen großen Beitrag zur Investitionssicherheit. Außerdem wurden die Börsen-Zugangsbestimmungen liberalisiert. Ausländische Investoren können seit 2012 am Bombay Stock Exchange Aktien direkt erwerben. Vor dieser Reform funktionierte dies nur indirekt, indem man Investmentfonds erlaubte, an der Böse teilzuhaben.27 Auch die Einzelhandelsbranche erfreute sich 2009 an der Liberalisierung und an der Öffnung für Handelskonzerne. Die Literatur sagt, dass aufgrund der Finanzkrise 2008 der Bedarf an Direktinvestitionen in Indien stieg. Doch die Regierung hält sich trotz Kapitalbedarf restriktiv, aus politischen Gründen. Dadurch, dass die Mehrheit der Inder mit kleinen Geschäften (mehr zu diesem Thema im Kapitel fünf dieser Arbeit) ihren Lebensunterhalt verdient, fürchtet die Regierung eine wichtige Wählerschaft zu verlieren, wenn der Einzelhandelssektor liberalisiert wird.28 Der aktuell amtierende Ministerpräsident, Narendra Modi, welcher überraschenderweise letztes Jahr die Kongresspartei ablöste, gab der Bevölkerung das Wahlversprechen: den Einzelhandel zu protektieren. Es lässt sich schlussfolgern, dass die Reformpakete und Liberalisierungsansätze seit 1991 neuen Wohlstand in einige Bevölkerungsschichten (vor allem der stetig wachsenden Mittelschicht) nach Indien brachte, sowie globalen Einfluss im Einzelhandel. Das BIP pro Kopf (Per Capita GDP) ist im konstanten Wachstum seit 1980 bis 2009 proportional im Verhältnis zum stetig wachsenden BIP (bzw. GDP) gestiegen. Demnach verzeichnet Indien ein offiziell hohes Wirtschaftswachstum mit bis zu 10,26 %.29 Im Vergleich dazu beträgt das Wirtschaftswachstum in Deutschland - ähnlich wie in anderen Industriestaaten - ca. 1 - 3 %.30

4 Indien als Standort - eine aktuelle Analyse

Nachdem im vorangegangenen Kapitel die wirtschaftliche Entwicklung Indiens seit 1991 erläutert wurde, soll nun eine aktuelle Standortanalyse Gegenstand der Betrachtungen sein. Vor diesem Hintergrund werden zunächst die Rahmenbedingungen für ein ausländisches Engagement beleuchtet und anschließend erfolgt ein Überblick über die Wirtschaft Indiens, um sich im nächsten Schritt mit der regionalen Segmentierung auseinanderzusetzen. Im Anschluss setzt sich die Autorin dieser Arbeit mit der Bedeutung Indiens für den Welthandel auseinander.

4.1 Rahmenbedingungen für ausländisches Engagement in Indien

Um Standortanalysen durchzuführen sollte ein Portfolio mit mehreren Teilaspekten und Gesichtspunkten über das Land Indien anlegt werden. Dabei sind wirtschaftliche, kulturelle und politische Rahmenbedingungen kurz zu erläutern. Indien ist nicht nur aufgrund der geografischen Entfernung, sondern auch wegen der inländischen zahlreichen Religionen und Sprachen (in Indien gibt es zwanzig anerkannte Amtssprachen neben Hindu und Englisch) eine wahre Herausforderung. Indien wird auch als Vielvölkerstaat bezeichnet.31 In Indien leben rund 1,3 Milliarden Menschen mit stetigem Bevölkerungszuwachs von jährlich 15 Millionen. Somit verzeichnet Indien den größten absoluten Zuwachs aller Staaten dieser Erde; allerdings ist das Geschlechterverhältnis unausgeglichen. In der demographischen Entwicklung kann es trotzdem zu einem Bruch kommen, da aufgrund sozialer Benachteiligungen der weibliche Bevölkerungsanteil geringer ist als der männliche. Es könnte passieren, dass der absolute Zuwachs stoppt, weil es weniger Frauen gibt, die Kinder gebären. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung beträgt rund 25 Jahre. Um diese Dimension einmal zu verdeutlichen: Etwa jeder vierte Erdenbürger unter 25 Jahren ist ein Inder.32 Indien ist geprägt von Urbanisierung und Landflucht, daher gibt es 36 Städte mit mehr als 1 Million Einwohnern und in Ballungszentren wie Mumbai leben 20 Millionen Menschen. Trotz der zunehmenden Armut auf dem Land leben nur 27 % der Inder in Städten. Bewohner ländlicher Regionen haben bislang kaum vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren können.33 Rund 70 % der Inder leben in einem der 600 000 Dörfer.34 Aufgrund der Urbanisierung und Landflucht sagen Prognosen, dass 2025 ca. 45 % der Bevölkerung in Städten leben werden.35 Seit 1947 hat Indien seine staatliche Unabhängigkeit erlangt, nach einer fast 350jährigen britischen Kolonialzeit. Indien gilt als die größte parlamentarische Demokratie der Welt seit der Unabhängigkeit von Großbritannien und verzeichnet eine Wahlbeteiligung von 60 %. Aufgrund der Tatsache, dass ein Drittel aller Wähler bis zum heutigen Datum Analphabeten sind, werden auf den Wahlzetteln auch Symbole und Bilder der Personen und Parteien abgebildet.36 Indien gliedert sich in 28 Bundesstaaten und 603 Distrikte, welche jeweils über ihr eigenes Parlament und eine eigene Regierung verfügen.37 Wegen des föderalen Staatsaufbaus genießen die einzelnen Bundesstaaten Autonomie. Des Weiteren sind die einzelnen Bundesstaaten stark kulturell und ökonomisch heterogen, weshalb häufig Forderungen zur weiteren Teilung der Bundesstaaten bestehen.38 Indien verfügt über ein offiziell glaubwürdiges Rechtssystem mit einer unabhängigen und angesehenen Justiz. Indien ist weiterhin Partner des Common Law.39

[...]


1 O‟Neill (2012) S. 12

2 Holtbrügge/Friedmann (2011) S. vii

3 Kinkel (2009) S. V

4 Vgl. Nölke/May/Claar (2014) S. 9

5 Mutum/Roy/Kipnis (2014) S. 3

6 Ebd.

7 Vgl. Ebd.

8 Vgl. Ebd.

9 Vgl. O„Neill (2001) S. 1

10 O‟Neill (2012) S. 11

11 Vgl. O‟Neill (2012) S. 13

12 Mutum/Roy/Kipnis (2014) S. V

13 Vgl. Ebd.

14 Vgl. O‟Neill (2001) S. 1

15 Vgl. Nölke/May/Claar (2014) S. 413

16 Vgl. Fontaine (2013) S. 76; Vgl. Hieber (2006) S. 186

17 Vgl. Waldkirch (2013) S. 20; Vgl. Fontaine (2013) S. 77 ff.

18 Vgl. Berlin (2014) S. 51; Vgl. Fontaine (2013) S. 77

19 Vgl. Piazolo (2006), S. 190; Vgl. Fontaine (2013) S. 76 ff.

20 Vgl.Ebd.

21 Waldkirch (2013) S. 20

22 Vgl.Ebd.

23 Vgl. Ahuja/Chhibber (2012) S. 389 ff.

24 Vgl. Ebd.

25 Waldkirch (2013) S. 21

26 Vgl. Ebd.

27 Vgl. Waldkirch (2013) S. 23

28 Vgl. Hauschild/Schlautmann (2009) S. 1 ff.

29 Vgl. Corbridge/Harriss/Jeffrey (2013) S. 27

30 Vgl. Oxford Economics (2015)

31 Vgl. Holtbrügge/Friedmann (2011) S. 10; Vgl. Balasubramanian/Fürth (2010) S. 14; Vgl. Auswärtiges Amt (2015)

32 Vgl. Holtbrügge/Friedmann (2011) S. 9; Vgl. Pick/Müller (2011) S. 109

33 Vgl. Ebd.

34 Vgl. Pick/Müller (2011) S. 109

35 Vgl. Ebd.

36 Vgl. Holtbrügge/Friedmann (2011) S. 11

37 Vgl. Holtbrügge/Friedmann (2011) S. 12

38 Vgl. Holtbrügge/Friedmann (2011) S. 13

39 Vgl. Holtbrügge/Friedmann (2011) S. 17

Details

Seiten
46
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668338647
ISBN (Buch)
9783668338654
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v343646
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – Logistik
Note
1,3
Schlagworte
Bachelorarbeit Note sehr gut Betriebswirtschaftslehre Logistik Schwellenländer

Autor

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Titel: Chancen und Risiken des BRIC Landes Indien als Standort für ausländische Investoren in der Einzelhandelsbranche