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Eine psychoanalytische Filmbetrachtung von David Cronenbergs “eXistenZ”

Mehr-Genießen! “I actually think there is an element of psychosis involved here.”

Bachelorarbeit 2010 56 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Jacques Lacans Psychoanalysetheorie
1.1. Das Imaginäre und das Spiegelstadium
1.2. Der Eintritt in die symbolische Ordnung
1.3. Der unreduzierbare Mangel
1.4. Der Phallus und die Kastration

2. “I actually think there is an element of psychosis involved here.”
2.1. Der Aufbruch ins Unbewusste
2.1.1. Realitätsebenen
2.1.2. Von transCendenZ zu eXistenZ
2. 2. Das Wort wird Fleisch
2.2.1. Der Signifikant schlägt zu - Erogene Zone Bioport
2.2.2. Das Objekt a - Die Gebärmutterkonsole
2.2.3. Im Spiegelstadium
2.3. Sein oder Nicht-Sein
2.3.1. Ted will nicht Ganz Sein
2.3.2. Allegra existiert nicht

3. Schlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Der kanadische Filmemacher David Cronenberg ist vor allem für seine Auseinandersetzungen mit dem menschlichen Körper bekannt, den er in zumeist grotesker Gestalt in Szene setzt. Damit hat er eine bestimmte Stilrichtung des Horrorfilms geprägt, den so genannten „Body-Horror“ (Wikipedia, David Cronenberg, 2010), was ihm die Bezeichnungen „King of Venereal Horror“ und „Baron of blood“ (IMDb Stand: 24.05.2010) eingebracht hat. Sein Blick geht unter die Körperhaut und holt das zum Vorschein, was sich unter der Oberfläche befindet, das Organische, Fleischliche, was zugleich Faszination und Ekel auslöst. So geht es in seinen Filmen um Mutationen, seltsame Auswüchse und Wucherungen, von denen der Körper befallen wird und um regelrechte Transformationen des menschlichen Körpers, wie etwa in „The Fly“. Manfred Riepe schreibt von Cronenbergs Vorliebe für „Verwandlungen, Metamorphosen und Deformationen im körperlichen und seelischen Bereich“ (Riepe 2002 b), wobei hier häufig eine Symbiose aus den im Grunde unvereinbar erscheinenden Sphären der Wissenschaft und der Sexualität stattfindet. Immer wieder bebildern Cronenbergs Filme den Versuch, den Körper unter die Herrschaft der Wissenschaft und – eng damit verbunden – der Technologie zu zwingen. „Doch der Körper wehrt sich gegen diese logizistische Zurichtung und bildet Symptome“ (Riepe 2002 a: 10), die auf der Körperoberfläche sichtbar werden. Das Innere kommt als eine Art psychosomatisches Symptom nach außen.

Damit kommen wir auf den von Jacques Lacan geprägten Begriff des Realen, jene unfassbare und traumatische Dimension, die jeder menschlichen Existenz eingeschrieben ist und die bei ihrem Erscheinen Horror, Ekel und Angst auslöst. Das Körperinnere gehört dieser Dimension an, denn es ist uns unbekannt und unbegreiflich. Kommt dieses Innere nach außen, fühlt der Mensch die imaginäre Ganzheit seines Körpers bedroht und bricht in Angst aus. Eben darin erkennt Simon Pühler eine Gemeinsamkeit zwischen Lacan und Cronenberg, die darin begründet ist, dass beide auf der Suche nach dem Realen sind (Pühler 2006: 11). Doch es gibt noch eine andere Gemeinsamkeit zwischen dem französischen Psychoanalytiker und dem kanadischen Filmemacher: Sigmund Freud.

Jacques Lacans gesamte Psychoanalysetheorie kann unter dem programmatischen Titel „Rückkehr zu Freud“ (Widmer 2009: 7) zusammengefasst werden, da die Theorien Freuds, die fundamentale Grundlage für Lacans Arbeit bilden. Und David Cronenberg äußert: „Ich bin alles andere als ein dogmatischer Freudianer, aber ich denke, die von Freud beschriebenen Mechanismen sind völlig zutreffend. Wenn ich ein Drehbuch schreibe, versuche ich diese Funktion freizusetzen und zum Tragen zu bringen.“(Cronenberg zit. in: Bronfen 1998: 658). Es geht hier vor allem um die Mechanismen des Unbewussten, das nach Lacan, wie eine Sprache strukturiert ist. In diesem Sinne erklärt Cronenberg: „Der grundsätzliche Reiz der Kunst ist das Unbewusste, und auf dieser Ebene versuche ich mit meinem Publikum zu kommunizieren. Das Traumartige des Films ist für diese Erfahrung von zentraler Bedeutung. In Träumen schwinden unsere Hemmungen, und Dinge aus dem Unbewussten tauchen empor.“ (Cronenberg zit. In: Bronfen 1998: 657 f.). Cronenberg gibt in seinen Filmen Einblick ins Unbewusste, indem er psychische Vorgänge als fleischliche Metaphern verbildlicht: „Begriffe sind unsichtbar… Ich muss die Begriffe, das Wort zu Fleisch machen.“ (Cronenberg zit. In: Riepe 2002 a: 11).

In Cronenbergs Film eXistenZ (aus dem Jahre 1999) tritt dieses Fleisch in Form einer Spielkonsole auf, deren Aussehen an eine Art Organ erinnert. Dieses Gamepod bildet zusammen mit den Umbycords und den Bioports – ich werde auf diese Begriffe später noch intensiver eingehen – die Hardware des Spiels eXistenZ. Cronenberg gibt dem organischen Material, aus welchem die Hardware hergestellt ist, den treffenden Namen Metaflesh, was schon auf die Thematik des Körperlichen hinweist. In eXistenZ geht es um die aktuellen Debatten über Computer- und Videospiele und um die Auswirkungen, die solche Spiele auf das psychische Empfinden und die Realitätswahrnehmungen der Spieler haben. Die Frage nach der Differenz von Realität und Virtualität und die Frage was Realität überhaupt ist, spielen hier eine bedeutende Rolle.

Cronenberg erklärt dazu: „Es ist tatsächlich ein Versuch, die Grenzen zwischen Realität und Fantasie zu verwischen und die Fantasie in eine wirkliche, körperliche und lebendige Form zu bringen. Es ist das Fleisch gewordene Spiel.“ (Cronenberg zit. In: Greschonig/Horák 2004: 138). Es geht hier vor allem um die Verbindung zwischen den Registern des Realen und des Imaginären, die nach Lacan zwei der drei Strukturbestimmungen der menschlichen Psyche sind. Das dritte Register, das Symbolische, wird dabei weitestgehend umgangen, das Wort wird zu Fleisch gemacht. Das Spiel eXistenZ ermöglicht mithilfe des Metaflesh-Gamepod einen direkten Zugang zum Imaginären. Die Spieler wandeln gewissermaßen in ihrem eigenen Bewusstsein umher, denn das Gamepod ist in der Lage das unbewusste Begehren, die unbewussten Phantasien der Spieler zu erkennen und diese in einen Handlungsablauf umzusetzen. Damit scheint Cronenberg die euphorischen Visionen über die virtuelle Realität als „Sphäre des reinen Geistes“ (Münker 2005: 383), in welcher das Fleisch transzendiert wird (Vgl. Münker 2005: 383) und wir nicht mehr an unsere Körper gebunden sind, umzusetzen. Die Spieler lassen ihre Körper auf der Ebene der Realität zurück und wandeln nun ungebunden durch ihren Geist. Doch nach Lacan sind Körper und Imaginäres auf unauflösliche Weise miteinander verbunden. Denn nur über das Erkennen der eigenen Körperlichkeit kann eine Bildproduktion im Imaginären überhaupt erst entstehen. Der Körper ist die Basis, die Grundbedingung für die Subjektbildung, und im Wechselspiel zwischen der drohenden Zerstückelung, der Mangelhaftigkeit des Körpers im Symbolischen und der illusionären Idealität im Imaginären entwirft sich die Realität des Subjekts.

In einem Interview zu eXistenZ erklärt Cronenberg: „Die Basis des Films ist eine existentialistische Sicht der Realität. Das bedeutet: Es gibt keine absolute Realität. Es gibt nur ein oder zwei Tatsachen über das Leben: eines ist der Tod und eines ist das Leben. Dazwischen müssen wir alles selbst erfinden und hervorbringen.“ (Cronenberg in: Suchsland 1999). Dieses Zitat weist auf zwei wesentliche Gesichtspunkte der menschlichen Existenz hin: Erstens, es gibt keine absolute, keine wahre Realität, und zweitens, der Eintritt des Menschen in die Existenz ist mit der unüberwindlichen Tatsache eines zukünftigen Todes verbunden. Das Leben ist endlich, doch der Mensch versucht diese Krux nach Kräften zu verdrängen. Der Körper ist das Sinnbild für die unausweichliche Vergänglichkeit des Fleisches, sein Zerfall konfrontiert den Menschen mit der Endlichkeit des Seins. Tod und Körper gehören damit zum Register des Realen, das durch die Wirkung des Symbolischen und Imaginären zu verdrängen versucht wird. Darauf gründet sich die menschliche Realität, wobei das Phantasma eine tragende Rolle spielt. Die Phantasie steht der Realität nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, entgegen, sondern sie konstituiert sie geradezu. Phantasie und Realität sind unmöglich voneinander zu trennen und ebenso wenig ist es möglich, sie als zwei voneinander unabhängige Einheiten zu betrachten. Der Mensch entwickelt Phantasmen, um das Reale zu verdrängen. Religion ist beispielsweise eine Form, den Tod und die Vergänglichkeit auszuschließen, zu vergessen und dem Leben einen Sinn zu geben. Cronenberg sagt hierzu: „Sie [die Religionen] geben uns eine Moral und normalerweise auch eine Ausflucht gegenüber dem Tod.“ (Cronenberg in: Suchsland 1999) und: „Kultur, Entertainment und Religion sind entwickelt worden, um den eigenen Körper zu fliehen, sonst muß man sich dauernd mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen.“ (Cronenberg in: Guttmann 1999).

Genau auf diese Umstände spielt Cronenberg in seinem Film eXistenZ an. Die Protagonisten des Films sind auf der Suche nach einem Weg, das Faktum der Sterblichkeit zu verdrängen, den Tod, die Vergänglichkeit auszuschließen, was mit dem Verlust der Körperlichkeit erreicht werden soll. Doch der Verlust des Körperbildes bewirkt auch den Verlust des phantasmatischen Imaginären und damit schwindet auch der Bezug zur Realität. Der Weg führt in die Psychose. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Realitätsebenen, die immer schwieriger auseinander zu halten sind. Für den Film-Rezipienten wie auch für die Charaktere im Film wird es immer schwieriger, zwischen der Realität des Spiels und der äußeren Wirklichkeit zu unterscheiden. Cronenberg hält diese Frage, die Frage nach dem Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit, bis zum Ende des Films offen. So endet der Film mit der Frage: „Sagt mir die Wahrheit! Sind wir immer noch im Spiel?“. Der Film wie auch das Spiel tragen nicht umsonst den programmatischen Titel eXistenZ, denn genau darum geht es, um das Existierende, das Ek-sistierende, die Realität und den Tod.

Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Psychoanalysetheorie von Jacques Lacan. Ich werde – im Rahmen des Möglichen – versuchen die relativ komplexen Zusammenhänge und Begrifflichkeiten der Theorie so ausführlich wie nötig und so knapp wie möglich zusammenzufassen. Das Werk Lacans setzt sich aus verschiedenen Theoremen zusammen, die auf verschiedene Art und Weise miteinander verbunden sind und ineinandergreifen, weshalb es nahezu unmöglich ist, einen seiner Begriffe ohne die Zuhilfenahme der anderen von ihm gebrauchten Begriffe zu erklären. Dadurch stellt sich das Verständnis seiner Theorie als teilweise mühseliger Prozess dar. So schreibt Peter Widmer in seiner Einführung zu Lacans Werk, treffend: „Es braucht für die Lektüre einerseits eine Beharrlichkeit, anderseits ein zeitweiliges Sich- Hinwegsetzen über das, was sich dem denkerischen Nachvollziehen nicht sogleich fügt.“(Widmer 2009: 9). Ich werde im ersten Teil der Arbeit auf die Entwicklung des Subjekts eingehen, wobei ich mit dem Theorem des Spiegelstadiums und der Dimension des Imaginären beginnen werde. Sodann folgen Ausführungen zur Rolle der Sprache und zur Instanz der symbolischen Ordnung, worauf ich schließlich mit den Kapiteln über die Entstehung des Mangels und den Eintritt des Subjekts in die Geschlechtsbeziehungen, zum Ende des ersten Teils gelangen werde. Im zweiten Teil der Arbeit werde ich anhand der Psychoanalysetheorie von Lacan, den Film eXistenZ von David Cronenberg analysieren. Ich werde aufzeigen, dass die Protagonisten mittels der Spiele transCendenZ und eXistenZ Zugang zu ihrem Bewusstsein bekommen, in welchem sie auf das Objekt a in seiner unsublimierten Form treffen. Der Ausschluss des Symbolischen, der mit dem Eintritt ins Unbewusste einhergeht, eröffnet den Spielern den Zugang zum unmittelbaren Genießen, was aber zur Folge hat, dass die Protagonisten, Allegra und Ted, psychotische Symptome entwickeln. Mit dem Fortgang der Handlung entwickeln die Spieler einen immer extremer werdenden Wahn, der letzten Endes in die Psychose führt. Anhand der Psychoanalysetheorie von Lacan werde ich die Gründe für diesen Verlauf erklären und dabei insbesondere auf das Verhältnis der drei Strukturbestimmungen der menschlichen Psyche eingehen: das Symbolische, das Reale und das Imaginäre.

1. Jacques Lacans Psychoanalysetheorie

Jacques- Marie Émile Lacan (1901 - 1981) war ein französischer Psychoanalytiker, der einen entscheidenden Beitrag zur „zweite[n] psychoanalytische[n] Revolution“ (Widmer 2009: 7) in Frankreich beigetragen hat. Unter dem Motto „Rückkehr zu Freud“ beschäftigte er sich vor allem mit den Schriften Sigmund Freuds, die er kommentierte, kritisierte und unter Bezug auf Wissenschaften wie Linguistik, Philosophie und Mathematik neu interpretierte und weiter ausführte. Durch die Rückbesinnung auf Freuds Theorie von den drei Narzisstischen Kränkungen des Menschen, richtete er sich vor allem gegen die Ich-Psychologie, indem er die „vorherrschende Rolle des Unbewussten im psychischen Prozess“ (Žižek 2008: 10) betonte und damit die Autonomie des Subjekts radikal in Frage stellte. Das Subjekt ist der Kontrolle über sich selbst beraubt, da es vom Unbewussten geleitet wird, auf welches es selbst keinen Zugriff hat. Diese Theorie verbindet Lacan mit der Strukturalistischen Zeichentheorie Ferdinand de Saussures’ woraus seine bekannte Formel „Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert“ (Widmer 1990: 42) hervorgeht. Lacan stellt der biologisch ausgerichteten Psychoanalyse seine Registratur der drei Strukturbestimmungen der menschlichen Psyche entgegen: das Symbolische, das Imaginäre und das Reale. Diese drei Strukturen sind in Form eines Borromäischen Knotens[1] miteinander verbunden und konstituieren durch ihr Zusammenwirken die menschliche Psyche. „Innerhalb dieser Register, auch an ihren Nahtstellen, ihren Zwischenbereichen, formiert sich das, was man das Seelische nennt.“ (Widmer 2009: 15). Vor allem das Konzept des Realen stellt eine gewisse Erweiterung der Lehren Freuds dar. Mit dem Begriff des Realen will Lacan das Unfassbare, Unkontrollierbare, Abwesende und Leere bezeichnen, das, was sich jeder Symbolisierung entzieht und sich nicht sprachlich ausdrücken lässt. Somit steht es den Registern des Imaginären und des Symbolischen gewissermaßen gegenüber, da es als ein „Unmögliches“ (Evans 2002: 251) weder sprachlich noch bildlich fassbar gemacht werden kann. Es ist im Symbolischen aber insofern enthalten, als es das bezeichnet, was sich der Sprache entzieht, es ist das Loch im Symbolischen, der unauflösbare Rest.

Laut Lacan wird jeder Mensch in eine bereits existierende Ordnung hinein geboren, die durch Sprache strukturiert ist. Dies ist die symbolische Ordnung, auf der sich unsere Realität begründet. Das Symbolische ist eng verknüpft mit dem Begriff des großen Anderen, der die Instanz ist, die die Normen und Gesetze des Sozialen garantiert und zwischenmenschliches Zusammenleben überhaupt erst ermöglicht. Durch die Sprache wird das Subjekt aus der imaginären Dimension des Spiegelstadiums herausgerissen und als Mitglied der symbolischen Ordnung definiert.

Das Imaginäre ist „die Ordnung der oberflächlichen Erscheinungen“ (Evans 2002: 146 f.), der Bereich der bildhaften Vorstellungen, der Ort des Selbstbildes und der Täuschung. Im Imaginären entwirft das Subjekt das Ideal-Ich seines Selbst. Es bildet somit den Ort der Identifikation wie auch der Entfremdung, da das Subjekt niemals den Ort seines Ideals erreichen kann.

1.1. Das Imaginäre und das Spiegelstadium

Nach Lacan ist das Subjekt von einem irreduziblen Mangel gekennzeichnet, den es Zeit seines Lebens mit Objekten aufzufüllen versucht. Bereits mit der Geburt erfährt das Subjekt zum ersten Mal einen Verlust, indem es durch das Zerschneiden der Nabelschnur vom Körper der Mutter getrennt wird. Die Trennung von der Mutterbrust durch die Ablaktation, die Trennung von seinem Spiegelbild sowie die Auswirkungen des Ödipuskomplexes lassen im Subjekt einen Mangel entstehen, welcher das Begehren in Gang setzt. Hinzu kommt der durch die Wirkung des Signifikanten erzeugte Verlust innerhalb der Sprache. Diesen Mangel versucht das Subjekt mit Objekten zu füllen, was ihm aber niemals gelingen kann.

Das Neugeborene nimmt sich zu Beginn noch nicht als Individuum oder als körperliche Einheit wahr. Vorerst kann es noch keine Unterscheidung zwischen sich und einem anderen, zwischen Außen und Innen vornehmen. Dieses Bewusstsein entwickelt sich erst nach und nach und ist mit einer Reihe von Trennungserfahrungen verbunden. Das Spiegelstadium bietet einen guten Einstieg, um die verstrickte Psychoanalysetheorie Lacans verständlich zu machen. Es nimmt in sofern einen privilegierten Platz in Lacans Theorie ein, als es Thema seines ersten öffentlichen Beitrags am Internationalen Kongress für Psychoanalyse im Jahr 1936 war.

Die Theorie des Spiegelstadiums geht auf Beobachtungen des Psychologen James Baldwin zurück, der entdeckte, dass das Kind in der Zeit zwischen dem 6. und dem 18. Lebensmonat die Fähigkeit erlangt, sich selbst in einem Spiegel zu erkennen und sein Spiegelbild mit einer „jubilatorischen Geste“ (Widmer 1990: 35) begrüßt. Durch Bewegungen versichert sich das Kind darüber, dass sein zweidimensionales Gegenüber sein eigenes Abbild darstellt, worauf sich durch die Identifikation mit diesem Bild das Ich des Kindes konstituiert. Dieses Ich nennt Lacan le moi, das imaginäre Ideal-Ich, welches dem je, dem Ich der symbolischen Dimension entgegensteht. Das moi gehört dem Imaginären an, weil sich das Kind mit einem Bild körperlicher Idealität identifiziert, die es selbst noch gar nicht aufweist. Seine motorischen Fähigkeiten sind in dieser Phase seines Lebens noch äußerst begrenzt, was sich auch in der Abhängigkeit von den Eltern, insbesondere der Mutter bemerkbar macht. Das Spiegelstadium bildet somit einen Ort äußerster Ambivalenz und Gespaltenheit: Da das Kind sich mit seinem Spiegelbild als einer körperlichen Einheit identifiziert, mit einer Gestalt an einem Ort, an dem sich das Kind nicht befindet, erkennt es sich als einen anderen, woraus der von Arthur Rimbaud entlehnte Satz folgt: Ich ist ein anderer – Je, est un autre (Vgl. Heinrichs 1983: 128). Bis dahin hat das Kind seinen Körper als in Partialobjekte zerstückelt wahrgenommen. Durch die Identifizierung mit der vollkommenen Ganzheit des Spiegelbildes, nimmt es sich von nun an als eine somatische Einheit wahr, die mit Jubel begrüßt wird. Darin liegt der narzisstische Charakter des Imaginären begründet, der sich in der Faszination und der Identifikation mit dem eigenen Spiegelbild zeigt.

Doch schon bald wird das Kind merken, dass die Vollkommenheit des Spiegelbildes ein Trugbild ist und dass seine eigene Körperlichkeit dem Ideal der Imago im Spiegel unterliegt. Dadurch tritt das Kind in eine Rivalität mit seinem gespiegelten Gegenüber. Die duale Beziehung zwischen dem Subjekt vor dem Spiegel und seinem Spiegelbild enthält eine erotische wie auch eine aggressive Spannung. Wie der Mythos des Jünglings Narziß, der von seinem eigenen Spiegelbild so fasziniert ist, dass er sich, um ganz mit diesem vereint zu sein, in das auf der Wasseroberfläche gespiegelte Bild hineinstürzt, so strebt auch das Subjekt danach, sich mit der trügerischen Einheit im Spiegel zu vereinen. Das Spiegelbild verspricht eine zukünftige Einheit ohne den Mangel, durch den das Subjekt seit seiner Geburt gekennzeichnet ist. Das Ideal-Ich der Imago im Spiegel verschafft dem Subjekt den Eindruck der Herrschaft über sich selbst, doch die eigene körperliche Unzulänglichkeit in der Realität vor dem Spiegel bedroht die imaginäre Vorstellung von der Ganzheit des Körpers. Dadurch entsteht die libidinös- aggressive Spannung zwischen dem Ich und dem anderen (was Lacan in der Formel: a-a’ ausdrückt). Einerseits herrscht eine narzisstische Liebe zu dem Idealität versprechenden Bild, andererseits entsteht Aggression, da das Subjekt von seinem Bild getrennt ist.

Die Spaltung des Subjekts in moi und je erfolgt durch das Einwirken des Anderen, der der dualen Beziehung zwischen Subjekt und seinem Spiegelbild beitritt. Erkennt sich das Kind im Spiegel, wendet es sich an einen Dritten (z.B. die Mutter), um von diesem die Bestätigung zu erhalten, sich selbst im Spiegel gesehen zu haben. In dieser Hinwendung an einen anderen erkennt Lacan bereits die Wirkung des Symbolischen. Das Subjekt wendet sich an den Anderen der symbolischen Ordnung, dem Ort der Sprache, macht somit seine Ich-Bildung von einem anderen abhängig und definiert sich dadurch bereits als Mitglied der symbolischen Ordnung. Das Subjekt entwickelt sich also keineswegs aus sich selbst heraus, sondern sein Ich ist außen lokalisiert (Vgl. Widmer 1990: 29). Das Subjekt entwirft sein Ich auf einen anderen hin, der im Außen situiert ist.

Es gibt zwei zu unterscheidende Formen des anderen: den kleinen anderen (in der Lacanschen Algebra mit a dargestellt) und den großen Anderen (der mit A dargestellt wird). Der kleine andere ist das Spiegelbild, das Ideal-Ich mit dem sich das Subjekt identifiziert. Allerdings bezeichnet a auch das objet petit a, das sowohl Objekt des Begehrens als auch Objekt-Ursache des Begehrens ist. Insofern besitzt das Ideal-Ich, der kleine andere gewissermaßen, einen Objekt-Status. Ich werde später noch einmal intensiver darauf eingehen.

Der große Andere symbolisiert eine radikale Andersheit (Vgl. Evans 2002: 39), es ist der Andere der symbolischen Ordnung, der durch die Sprache gekennzeichnet ist und als trennende Instanz das Subjekt aus der dual-imaginären Beziehung befreit und es als sprechendes Wesen in die symbolische Ordnung eingliedert. Durch sein Einwirken wird das Subjekt in das imaginäre moi und das symbolische je gespalten.

Das Spiegelstadium ist weniger als ein feststehender Augenblick in der Entwicklung des Kindes zu verstehen, sondern vielmehr als ein fortlaufender und sich ständig wiederholender Prozess, für den der Spiegel als Modell zur Beschreibung des narzisstischen und dualen Charakters menschlicher Identitätsentwicklung fungiert (Vgl.: Pagel 2002: 33). Innerhalb des Spiegelstadiums lernt das Subjekt, die für die Konstitution des Ich wichtige Unterscheidung zwischen innen und außen sowie Eigenem und Fremdem. Das Subjekt gelangt zu einer Wahrnehmung von sich selbst als einer – vor allem körperlichen – Einheit. „Das ist das ursprüngliche Abenteuer, in dem der Mensch zum ersten Mal die Erfahrung macht, dass er sich sieht, sich reflektiert und sich als anders begreift, als er ist – die wesentliche Dimension des Menschlichen, die sein ganzes Phantasieleben strukturiert.“ (Lacan zit. In: Pagel 2002: 26). Der an der Grenze von je und moi, von imaginärem Ideal-Ich und dem von Sprache durchquerten Ich der symbolischen Ordnung aufblitzende Mangel wird zum Motor, zur treibenden Kraft, die das Begehren des Subjekts in Gang setzt, das fortan danach strebt den ideellen Zustand der mangellosen Spiegel-Imago zu erreichen. Innerhalb der imaginären Ordnung stellt sich das Subjekt Vollkommenheit vor. Die imaginäre Ordnung ist somit der Ort der Erfüllung des Begehrens, wobei diese Erfüllung jedoch unmöglich ist . Um das Subjekt aus seiner narzisstisch-aggressiven Fixierung im Imaginären zu befreien, muss das Symbolische in die duale Beziehung eingreifen und das Begehren nach dem Einssein von der Spiegel-Imago auf andere Objekte lenken. Dies geschieht durch die Sprache, die zugleich eine trennende wie auch verbindende Funktion ausübt.

1.2. Der Eintritt in die symbolische Ordnung

Die symbolische Ordnung ist die Instanz, die unsere Realität begründet. Sie ist als solche das System von Gesetz und Macht, deren Strukturen das menschliche Leben ermöglicht. Ohne die vermittelnde Dimension des Symbolischen würde das Subjekt in der Spiegelsituation verharren, die durch die aggressiv-libidinöse Spannung in der Gewaltanwendung enden würde (Vgl.: Pagel 2002: 34). Der Repräsentant der symbolischen Ordnung ist der große Andere, der das Subjekt durch die Unterwerfung unter das Gesetz, aus der imaginären Dimension des Spiegelstadiums herauszwingt, wodurch es sich am Ort der Sprache als „Ich, das spricht“ (Lacan zit. In: Evans 2002: 39) konstituiert. Der große Andere ist das radikal Andere, das Nicht-Ich des Subjekts, in dessen Differenz sich das Ich als Eines entwickelt. Der große Andere besitzt einen virtuellen Status, da er nur insofern existiert, als die Subjekte danach handeln, als ob es ihn gäbe. Indem sie ihn als strukturierende Ordnung annehmen, setzen sie seine Präsenz voraus und bringen ihn zugleich erst zum existieren. Die ersten Repräsentanten des großen Anderen sind in der Regel Vater oder Mutter des Kindes, durch deren (vor allem körperliche) An- oder Abwesenheit das Kind die Unterscheidung zwischen Ich und Anderem kennen lernt.

Der Sprache kommt eine realitätskonstituierende Funktion zu, sie steht zugleich für eine weitere Entfremdung, für eine weitere Verlusterfahrung, die das Subjekt erleidet. Dieser Verlust kommt vom Signifikanten her. Wie oben erwähnt, bezieht sich Lacan in seiner Theorie über die Sprache vor allem auf Ferdinand de Saussure und dessen strukturalistische Zeichentheorie. Nach Saussure setzt sich ein sprachliches Zeichen immer aus dem Zeicheninhalt und dem Zeichenausdruck zusammen, aus dem Zusammenspiel zwischen Signifikant (Bezeichnendes) und Signifikat (Bezeichnetes). Im Gegensatz zu Saussure jedoch, welcher dem Signifikat, also der Bedeutung, das Primat zuordnet, räumt Lacan dem Signifikanten, also dem Lautbild, das Primat ein. „Vor jeder Verständigung oder Bezeichnung ruft die Sprache die Anwesenheit anderer Menschen hervor (…)“ (Widmer 1990: 43). Was das Neugeborene als erstes wahrnimmt, sind Laute, Stimmen, deren einzige Bedeutung zu diesem frühen Zeitpunkt für das Kind lediglich die Anwesenheit des Anderen beinhaltet. Bevor es lernt, aus den verschiedenen Lauten einzelne Wörter und schließlich semantische Strukturen auszumachen, deren spezielle Verbindung einen bestimmten Sinn implizieren, unterscheidet es vorerst nur zwischen „Lautstärke, Tonhöhe, Klangfarbe [und] Rhythmen“ (Widmer 1990: 43) der es umgebenden Laute. Es lernt, dass sein Schreien die (körperliche) Anwesenheit des Anderen herbeiführt (oder herbeiführen kann) und es lernt, seine Bedürfnisse (z.B. körperliche Nähe, Nahrung,…) durch Laute zu artikulieren. Das Lautbild existiert somit vor dem Sinn, also bevor sich das Signifikat zum Signifikanten in Beziehung setzt.

Die Bedeutung ergibt sich nur aus der Differenz eines Signifikanten zu einem anderen Signifikanten. Das Wort Mutter, beispielsweise erhält seine Bedeutung erst durch die Abgrenzung zu dem, was sie nicht ist, also z. B. zum Vater. Die Bedeutung stellt sich also gewissermaßen nur durch den Akt der Negation ein. Jedes Zeichen bedeutet das, was die anderen nicht bedeuten, das heißt also, dass das Signifikat sich nur durch den Bezug auf ein anderes Signifikat und damit auf einen anderen Signifikanten, herstellt (López 2010 b). Dies zeigt, weshalb Lacan dem Signifikanten das Primat einräumt: Der “Vorrang gebührt (...) dem Nicht-Sinn, der den Sinn erzeugt” (Widmer 1990: 46). Die Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat wird in dem Saussur’schen Algorithmus wie folgt ausgedrückt: S/s. Dabei bezeichnet groß S, den Signifikanten, klein s das Signifikat und der Bruchstrich soll die Schranke darstellen, durch die die beiden Bezeichnungen voneinander getrennt sind. Durch die Verbindung der beiden Elemente in der Sinnverleihung, scheint diese Schranke überwunden zu sein, doch die Bedeutung ist niemals fest, niemals vollständig abgeschlossen. Die Schranke wird bei Lacan zu einer Barre, die auf das Gleiten der Signifikate unter dem Signifikanten hinweist. Erst mit dem letzten Wort eines Satzes, ist dessen Bedeutung retrospektiv wirklich feststellbar, was die Abhängigkeit der Bedeutung vom Signifikanten hervorhebt, da sich der Sinn eben nur durch die Differenz zu anderen Signifikanten ergibt. Vor Vollendung des Satzes gleitet der Sinn unter den Signifikanten und ist noch nicht festgelegt. In diesem Umstand der Unmöglichkeit einer manifesten Bedeutung zeigt sich erneut ein Mangel, der ein Loch in die symbolische Ordnung reißt. In diesem Loch, dieser Leere, die durch den Signifikanten entsteht, zeigt sich das Reale, das, was sich jeder Versprachlichung, jeder Signifizierung entzieht. Das Reale äußert sich zum Beispiel in den Dimensionen von Tod, Gewalt und Sexualität. Es ist das Unfassbare, Unbegriffliche, das, was sich nicht in die symbolische Ordnung integrieren lässt und deshalb Angst hervorruft. Auch das Körperinnere gehört dieser Dimension an, die Lacan mit dem Begriff der Ek-sistenz[2] versieht. Das Ek-sistierende ist dem Begriff der Existenz entgegengesetzt und bezeichnet bei Lacan das, was sich nicht symbolisieren lässt, der sich “der Symbolisierung entziehende unmöglich-reale Kern” (Žižek 1997: 45). Das Körperinnere ist uns fremd und löst bei einer Konfrontation (z.B. bei einer Verletzung, einer Wunde) Angst/ Ek-el aus. Auch die Sexualität ist für uns nicht begründbar. Wir wissen nicht, woher sie kommt und wir versuchen, ihr durch Reglementierungen, durch das Gesetz des Symbolischen, Herr zu werden, sie zu symbolisieren. Ebenso wie wir versuchen, den Körper zu symbolisieren. Durch die Signifizierung versucht der Mensch, das Reale, das Ek-sistierende auszuschließen, was durch die symbolische Ordnung mit dem großen Anderen als begründender Instanz garantiert wird. Doch es bleibt immer ein nichtauflösbarer Rest, der sich der Bedeutung entzieht und der, wenn das Subjekt mit dieser Dimension konfrontiert wird, Angst auslöst.

Innerhalb der symbolischen Ordnung konstituiert sich das Subjekt als das, „was von einem Signifikanten für einen anderen Signifikanten repräsentiert wird“ (Evans 2002: 292). Es befindet sich im Zwischen der Signifikanten, in der Differenz von sich selbst als einem Signifikanten zu einem anderen Signifikanten, weshalb sich sein wahrer Kern jeglicher Symbolisierung entzieht. Das Subjekt findet sich damit im Bereich des Unbewussten, worauf es nicht zugreifen kann. Im Spiel von Metonymie und Metapher versucht das Subjekt eine Antwort auf die Frage nach seinem Sein zu finden. Diese beiden Begriffe, Metapher und Metonymie, erhalten bei Lacan eine etwas andere Bedeutung als im allgemeinen Sprachgebrauch. So ist die Metonymie „eine Verknüpfung zwischen im weitesten Sinn Vergleichbarem“ und die Metapher ist „der Vergleich zwischen Unvergleichbarem“ (Riepe 2002 b). Die Metapher ist eine der beiden Sprachachsen, die der Substitution und Selektion. Durch die Substitution eines Signifikanten von einem anderen Signifikanten entsteht ein neues Signifikat, an dessen Stelle sich das Subjekt imaginiert. Das Subjekt metaphorisiert sein Sein mittels Objekten, es ist deshalb gewissermaßen ein „Effekt der Metapher“ (Riepe 2002 b). Doch das Ungenügen jedes Signifikats, der unauflösbare Rest, lassen das Subjekt zweifeln und es setzt seine Suche im Symbolischen fort. Das ist die metonymische Bewegung, das Gleiten von Signifikant zu Signifikant, von Objekt zu Objekt. Die Metonymie ist somit die Stilfigur des Begehrens, das Begehren ist metonymisch.

1.3. Der unreduzierbare Mangel

Es gibt also zwei Arten von Verlust: der eine, der durch die differenzierende Wirkung der Sprache verursacht wird und der Urverlust, den das Subjekt schon bei seiner Geburt durch die Libido bzw. die Lamelle erleidet. Laut Lacan unterscheidet sich der Mensch im Verhältnis zu anderen Säugetieren durch die Vorzeitigkeit seiner Geburt. Er ist sozusagen zu früh geboren. Die mangelhaften körperlichen Fähigkeiten machen ihn in diesem frühen Stadium abhängig von anderen, insbesondere von der Mutter. Bei der Geburt wird das Kind durch das Durchschneiden der Nabelschnur vom Körper der Mutter getrennt, was es als Verlust empfindet, da es noch unvollständig ist, also noch auf die Hilfe der Mutter angewiesen ist. Das Gefühl von Ganzheit und Einheit, das vor der Geburt im Mutterleib vorhanden war, erleidet einen ersten Einschnitt. Dieser bei der Geburt – bzw. eigentlich noch vor der Geburt - entstehende Mangel wird von Lacan als der Verlust der Lamelle bezeichnet: „Stellen Sie sich einen Augenblick lang vor, daß, immer wenn die Membrane des Eies brechen, woraus der Fötus, im Begriff ein Neugeborenes zu werden, hervorgeht, auch etwas ausfliegt, was mit einem Ei ebensogut herzustellen ist wie ein Mensch: die hommelette oder eben die Lamelle.“ (Lacan zit. In: Žižek 2008: 85). Es ist der Verlust der Libido, die als nicht existierendes Organ den durch die Körperöffnungen dargestellten Mangel füllen soll. Fortan sucht das Subjekt nach Objekten, durch die es das Gefühl von Ganzheit zurückerlangen kann. Diese Objekte haben einen engen Bezug zu Körperöffnungen, da diese als Leerstellen im Körper wahrgenommen werden, als Löcher, die gefüllt werden müssen. Die spezifisch menschlichen Objekte sind: Brust, Kot, Blick und Stimme (Vgl.: Evans 2002: 217). Die Brust wird meist als das erste Objekt genannt, auf das sich das Begehren des Menschen richtet, da sie einen wichtigen Berührungspunkt mit dem Körper der Mutter darstellt. Die Befriedigung wird allerdings weniger durch das besagte Objekt an sich als vielmehr durch die mit ihm verbundene Tätigkeit erreicht. Um die spezifisch menschlichen Objekte herum entwickeln sich die Partialtriebe: Oraler Trieb, Analer Trieb, skopischer Trieb und Invokationstrieb (Vgl.: Evans 2002: 313), welche ihre Befriedigung an den Rändern der betreffenden Körperöffnungen, der sogenannten erogenen Zonen, erlangen. In diese Öffnungen schreibt sich die verloren gegangene Libido als nichtexistierendes Organ ein, bzw. die Körperöffnungen repräsentieren die verlorene Libido als Leerstelle im Körper, deren Platz durch die Partialobjekte gefüllt werden soll. Der orale Trieb findet seine Befriedigung durch Saugen an dem Partialobjekt Brust wobei die erogene Zone durch die Lippen bzw. den Mund repräsentiert wird. Der anale Trieb bezieht sich auf die Tätigkeit Scheißen mit dem Partialobjekt Kot an der erogenen Zone Anus, der skopische Trieb fixiert sich auf den Blick als Partialobjekt, ist mit dem Verb sehen verbunden und bezieht sich somit auf die Augen als erogene Zone. Das Objekt des Invokationstriebes schließlich ist die Stimme und bezieht sich verbunden mit dem Verb hören auf die Ohren als erogene Zone. Diese Objekte, die Lacan als Objekt klein a (objet petit a) bezeichnet, setzen bereits die Anwesenheit des Anderen voraus. Das heißt, das Subjekt hat den Verlust bereits erfahren, die Trennung vom anderen wird wahrgenommen und der Mangel wird durch die Körperöffnungen symbolisiert. Die Partialtriebe sind nicht biologisch begründbar, da sie nicht auf die reproduktive Funktion der Sexualität ausgerichtet sind, sondern lediglich auf deren Lustaspekt (Vgl.: Evans 2002: 313). Die trennende Wirkung der Sprache bewirkt, dass der Trieb kein ihm entsprechendes Objekt besitzt, sondern lediglich Substitute. Die Bedürfnisse des Menschen wie Hunger oder Durst werden innerhalb der Sprache artikuliert und dadurch zugleich symbolisiert, was sie gewissermaßen entfremdet. Es entsteht eine Kluft „zum unmittelbar Physischen“ (Widmer 2009: 68), da die Wirkung des Signifikanten eine direkte Übersetzung von einer Sache in ein Wort verhindert. Es bleibt immer ein Rest übrig, die Bedeutung kann niemals total sein.

Ein Wort für eine Sache ist immer ein Substitut. Wird also das Bedürfnis durch das Einwirken des Andern artikuliert, muss die wahre Bedeutung notwendig verfehlt werden, weshalb es auch kein spezifisches Objekt zur Befriedigung des Bedürfnisses geben kann. Das Bedürfnis, das zum Bereich des Realen gehört, wird im Symbolischen in ein Begehren umgewandelt. Um dieses Begehren zu erfüllen, sucht das Subjekt nach Objekten, von denen es imaginiert, dass sie das Begehren erfüllen werden. Hierin erkennt man das Zusammenspiel der drei Register des Symbolischen, des Realen und des Imaginären. Der Mangel, den das Subjekt seit seiner Geburt empfindet, wird durch den Eingriff des Anderen in der symbolischen Dimension, in ein Begehren umgesetzt. Das Begehren danach, den Mangel zu schließen, der sich als Mangel an Sein und Mangel an Haben manifestiert, soll mit Hilfe des Objekt a erfüllt werden. Doch das Begehren kann niemals gestillt werden, kein Objekt genügt dem Subjekt und es wird seinen Mangel niemals beseitigen können. Das Begehren findet seine Erfüllung gerade in der Aufrechterhaltung des Begehrens, in seiner nie endenden Suche nach dem immer schon verlorenen Objekt. Das objet petit a ist die Objekt-Ursache des Begehrens und kein wirklich spezifisches Objekt, da – wie bereits erwähnt – es ein solches Objekt nicht geben kann. Um den Mangel zu leugnen, imaginiert das Subjekt allerdings darüber, dass ein solches Objekt existiert und richtet seinen Blick im Symbolischen nun darauf, dieses imaginäre Objekt zu bekommen. Dies drückt sich zum Beispiel in der Suche nach einem Lebenspartner aus. Insofern kann im Grunde alles zum objet petit a werden, so lange es nur in den Phantasmatischen Rahmen des Subjekts hineinpasst. Das Objekt des Begehrens, objet petit a, ist eigentlich Nichts, das, nur aus einem bestimmten Blickwinkel, die Form von Etwas annimmt. Und dieser Blickwinkel wird mit Hilfe der Phantasie eingestellt. Das Phantasma gehört wie auch das objet petit a dem Imaginären an. Jedoch steht die Phantasie der Realität nicht entgegen, sondern konstituiert sie geradezu, da sie dem Subjekt die Möglichkeit gibt, den durch den Signifikanten herbeigeführten Mangel, den Riss, in welchem das Reale erscheint, zu verschleiern. Das Phantasma gibt dem Begehren des Subjekts die Koordinaten und spezifiziert das Objekt des Begehrens von einem Nichts, in Etwas, in ein reales Objekt, dem sich das Subjekt nähern kann und auf das es sein Begehren richten kann. Das Phantasma verhüllt den Mangel, der durch die Differenz der Sprache entstanden ist. Hier erkennt man das Zusammenspiel zwischen dem Symbolischen und dem Imaginären: Die Wirkung des Signifikanten zerstört die illusionäre Einheit des Spiegelstadiums, weshalb das vorerst visuell geprägte Imaginäre – durch die Symbolisierung - eine Sublimierung erfährt und die visuellen Bilder in Vorstellungen und Phantasien umgewandelt werden.

[...]


[1] Der Borromäische Knoten besteht aus drei Ringen, die paarweise miteinander verschlungen sind, was bedeutet, dass wenn man einen von ihnen herauslöst auch die beiden anderen frei sind. Vgl. hierzu: Evans 2002: 64-65.

[2] Andere mögliche Schreibweisen: „Ex-sistenz“ vgl.: Žižek 1997: 45; Bei Lacan auf Französisch: „ex-sistence“ vgl.: Evans 2002: 97.

Details

Seiten
56
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668333260
ISBN (Buch)
9783668333277
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v343495
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth – Sprach- und Literaturwissenschaftliche Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Slavoj Žižek Jacques Lacan Psychoanalytisch David Cronenberg Existenz Body-Horror Filmanalyse Peter Widmer Sigmund Freud Körper Identität Realität Das Reale Das Imaginäre Das Symbolische Strukturbestimmungen der Psyche

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