Lade Inhalt...

Die "Summa theologiae" des Thomas von Aquin. Die Identität des Seienden und des Guten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 13 Seiten

Philosophie - Philosophie des Mittelalters (ca. 500-1300)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Biographische Hinführung

2. Zur Begrifflichkeit
2.1 Stoff und Form
2.2 Akt und Potenz
2.3 Die Lehre über die Ursachen

3. Zu Aufbau und Methodik

4. Die Identität des Seienden und des Guten im Akt
4.1 Das Verhältnis des Guten zum Seienden
4.2 Der Eigenstand des Guten
4.3 Die Unterteilung des Guten
4.4 Zusammenfassung

5. Kritische Würdigung

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Philosophiegeschichte gilt die Summa theologiae, sowie das Denken des Thomas von Aquin überhaupt, als Inbegriff der scholastischen Synthese von Vernunft und Glauben. Das dreizehnte Jahrhundert hingegen war durch zwei gegensätzlich revolutionäre Kräfte bestimmt. Einerseits die Erneuerung christlichen Lebens durch den Evangelismus der aufstrebenden Armutsbewegungen, andererseits durch das Drängen zu einer rein natürlichen Erforschung der vor Augen liegenden Realität. Thomas begegnet beiden Richtungen, erkennt ihre Grundanliegen an und versucht sie in seiner Existenz zu verbinden. Mitten aus den unterschiedlichen Positionen dieser Zeit erwächst sein klares und systematisches Werk. Der Grundsatz seiner Philosophie ist das Vertrauen in die Realität und ihre Erkennbarkeit. Ein weiterer Schritt wird vollzogen, wenn alle Dinge bereits durch ihr Dasein gut genannt werden.

Die Arbeit untersucht, nach einer biographischen Hinführung (1.), die Begrifflichkeiten des Philosophen (2.) und dessen Methode (3.), um sich im Hauptteil der Identität des Seienden und des Guten im Akt zuzuwenden (4.). Abschließend wird die Bedeutung seiner Aussagen gewürdigt (5.). Es handelt sich um eine Arbeit in einem Fach zur Einführung in Thomas v. Aquin, etliche Sekundärliteratur wurde nicht miteinbezogen und auch die Primärforschung beschränkt sich auf ein Mindestmaß. Sie hat vorläufigen Charakter. Alle verwendeten Quellen wurden angegeben.

1. Biographische Hinführung

Thomas von Aquin wird 1224/1225 als jüngster Sohn einer adeligen Familie auf Schloss Roccasecca nahe Neapel geboren. Er hatte drei ältere Brüder und vier Schwestern. Mit fünf Jahren wurde er von seinen Eltern zur Ausbildung ins Benediktinerkloster Montecassino gebracht. Sein Onkel Sinnibald war dort Abt, und auch Thomas war für eine geistliche Laufbahn bei den Benediktinern vorgesehen. 1239 beginnt er das Studium der sieben freien Künste in Neapel an der nicht kirchlichen Universität Friedrichs II. von Hohenstaufen.[1]Dort lernt er die Lehren des Aristoteles kennen und entdeckt in sich die Liebe zur Philosophie, die ein Leben lang halten sollte. Während des Studiums kommt er mit den Dominikanern in Kontakt, die sich für eine Erneuerung des kirchlichen Lebens sowie für eine intellektuelle Auseinandersetzung mit der Kultur der Moslems einsetzten. Thomas ist fasziniert und schließt sich 1244 entgegen dem Willen der Familie dem Orden an.[2]

Ab 1245 studiert er in Paris und begegnet dem umfassend gebildeten akademischen Lehrer und Ordensbruder Albertus Magnus. Albert öffnete unbeirrt kirchlicher Bedenken das Christentum für den Aristotelismus und machte ihn als Erster in allen seinen Teilen bekannt. Er erkennt die systematische Begabung des Schülers Thomas und nimmt ihn mit nach Köln. In dieser Zeit studiert Thomas intensiv, wird Alberts Assistent (Baccalaureus) und erhält von Mitstudenten den Beinamen „stummer Ochse“. Er verfasst „De ente et essentia“, weitere philosophische Arbeiten folgen.[3]Bis 1256 arbeitet er an einem Kommentar über die Sentenzen des Petrus Lombardus, eine Voraussetzung für sein anschließendes Magisteramt in Paris. 1259 wird Thomas zur Lehrtätigkeit nach Italien an Ordenshochschulen und an der päpstlichen Kurie berufen. Neben dem Lektorat erschließt er die griechischen Vätertexte dem lateinischen Westen und macht die Bekanntschaft mit Wilhelm von Moerbeke, einem Philologen, den er mit der Übersetzung der Werke des Aristoteles beauftragt.[4]Thomas beginnt mit dem ersten Buch der Summa theologiae 1266 und vollendet es bereits in Italien. Den zweiten Teil schreibt er in Paris bis 1272 und am dritten in Neapel bis zu jenem denkwürdigen Ereignis, das die Überlieferung als mystische Erfahrung deutet. Er beendet sein bis dahin beachtliches Schreiben, das Werk bleibt bis zu seinem Tod am 7. März 1274 unvollendet.

Nach Beendigung des ersten Teils, 1268, kehrt er an die zerstrittene Universität Paris zurück. Auf der einen Seite steht Siger von Brabant, der Aristoteliker ist und mit einer säkularistischen Weltsicht die Abgetrenntheit von Philosophie und Theologie behauptet.[5]Auf der anderen Seite die Orthodoxie, welche die Wahrheit aus Tradition und Offenbarung ableiten will und kritisch gegenüber Aristoteles steht. Thomas von Aquin steht zwischen den Fronten und verteidigt seine Position der Bejahung der Bibel wie des Aristoteles. Die natürliche Weltwirklichkeit habe ihren Eigenstand auf Grund ihrer Kreatürlichkeit, argumentiert Thomas, weil es von Gott komme, sei das Seiende gut.[6]

2. Zur Begrifflichkeit

Einzelne Begriffe, die für den Gedankengang der These relevant sind werden geklärt. Die behandelten Begriffe sind:StoffundForm,AktundPotenzund die Lehre über die Ursachen:Causa finalis,Causa efficiens,Causa formalisundCausa materialis.

2.1 Stoff und Form

StoffundForm: Alle sinnlich erfahrbaren Gegenstände sind nach Thomas aus Stoff und Form zusammengesetzte Substanzen (substantiae compositae). Damit steht er in der aristotelischen Tradition der Lehre des Hylemorphismus, also der Lehre, nach welcher die Dinge dadurch existieren, dass ein bestimmter Stoff eine bestimmte Form besitzt. Thomas unterscheidet zwischen dem, woraus ein Ding besteht (Stoff bzw. Materie), und dem, was es ist (Form). Die Dinge werden in ihrer Washeit (quidditas) erkannt und nach Arten geordnet. Unter diesem Aspekt tritt die Form in die Nähe des Wesens. Sie existiert bei den Dingen aber nicht für sich, sondern nur als Form eines materiellen Dinges. Dabei ist die Form „der Akt der Materie“, der „aus Materie ein Etwas wirkt“.[7]

2.2 Akt und Potenz

AktundPotenz: Mit Akt meint Thomas schlichtweg den Akt des Seins (actus essendi). Der Gegenbegriff zu Akt ist Potenz. Potenz meint Möglichkeit und Vermögen, etwas Bestimmtes wirklich zu sein. Der Begriff Potenz ist vielschichtig. Er bezieht sich auf die Möglichkeit einer Substanz, zu sein oder nicht zu sein, auf ihr Entstehen und Vergehen. Er bezieht sich auf die Möglichkeit Attribute zu haben, zu erwerben oder zu verlieren und doch dieselbe Substanz zu bleiben. Bei den sinnenfälligen Dingen sind Akt und Potenz ineinander verwoben. Unter Einflüssen des Neuplatonismus versteht er die Materie als Träger der Potentialität. Verwirklichung ist immer Formung.[8]

2.3 Die Lehre über die Ursachen

In der Lehre über die Ursachen bezieht sich Thomas auf die pseudo-aristotelische Schrift „Liber de causis“ (Buch über die Ursachen). Ursprünglich ist sie ein Auszug aus einem Lehrbuch des Neuplatonikers Proklos, auf dessen textkritische Zusammenhänge Thomas in seinem Kommentar erstmals hinweist. Der Begriff Ursache ist eng mit dem des Prinzips verwandt, insoweit jede Ursache Prinzip ist, nicht aber jedes Prinzip Ursache. Allgemein gesprochen ist Ursache das, worauf etwas anderes notwendig folgt.[9]

Causa finalis: Die Zweck- oder Zielursache steht für das, wozu eine jeweilige Sache gut ist. Sie ist im Wesen eines Dinges innewohnend und ist das Ziel, wonach sich das Streben richtet. Ein Ziel kann selbst Mittel eines übergeordneten Zieles sein. Dennoch gibt es in der Reihe der Ziele keinen infiniten Regress, da es ein letztes Ziel gibt, das um seiner selbst willen erstrebt wird. Das letzte Ziel ist das oberste Gut.

Causa efficiens: Die Wirkursache ist ein äußerer Ursprung von Veränderung oder Ruhe. Im Bereich der natürlichen Dinge ist ein bewegter Gegenstand Wirkursache der Bewegung eines anderen Gegenstandes. Jede Wirkursache steht in einem hierarchisch geordneten Zusammenhang wirkender Ursachen, deren erste notwendig ein unbewegter Beweger ist.

Causa formalis: Die Formursache kann innerhalb oder außerhalb des Verursachten liegen und bezeichnet die Washeit eines Gegenstandes. Ihre Wirklichkeit fällt mit der Stofflichkeit zusammen.[10]

Causa materialis: Die Materialursache ist eine innere Ursache und liegt im Stoff, also in dem, woraus ein Gegenstand besteht. Zum Beispiel Holz bei einem Holzstuhl.

3. Zu Aufbau und Methodik

Das Werk des Philosophen und Theologen Thomas steht im Traditionszusammenhang der scholastischen Wissenschaftsgeschichte. Scholastik bedeutet zunächst die schulmäßig betriebene Wissensvermittlung, die an den Universitäten des 13. Jahrhunderts institutionell betrieben wird. Ein Anwachsen der Schülerzahlen im 12. und 13. Jahrhundert führt zur Entstehung neuer Organisationsformen des Wissens. Diese sind Lectio, Disputatio (Textauslegung und Disputation) und Summa, die systematischen und didaktischen Zweck haben.[11]Die Summa ist eine Art Lehrbuch, die den Wissensstand der Zeit knapp zusammenfasst, erklärt und diskutiert. Robert von Melun nennt sie ein bündiges Begreifen von Einzelnem.[12]Zum Ganzen gelangt nur, wer das Einzelne nicht übergeht, weshalb den Summen eine akribische Ordnungsidee zu Grunde liegt. Dass dieses Organisationsprinzip kein Systemdenken ist, wird besonders an Thomas´ STh erkennbar. Schöpfungslehre und Gotteslehre werden im ersten Buch nicht getrennt, sondern eng miteinander verknüpft. (Nach der Untersuchung des Guten im Allgemeinen, Q. 5, folgt in Q. 6 die Frage nach dem Gutsein Gottes). Das zweite Buch stellt klar, dass nur die vernunftbegabte, geschaffene Natur den universalen Charakter des Guten und Seienden erkennt, auf dessen Ursprung sie ausgerichtet ist. Hier kommt Thomas´ Vertrauen in die Offenheit der menschlichen Erkenntnis zum Vorschein, die trotz der systematischen Genauigkeit der Summe nicht die Abgeschlossenheit eines philosophischen Systems kennt. Endgültig zeigt sich das am (absichtlich) unvollendeten dritten Buch.[13]

[...]


[1]Die Universität von Neapel wurde 1224 von Friedrich II. als Gegengewicht zur päpstlich dominierten Universität von Bologna gegründet. Es sollte eine kaiserliche (Aus-)Bildungsstätte sein, die weltoffen die arabisch-muslimischen Wissenschaften und die Verbreitung des aristotelischen Gedankenguts förderte, dem die Kirche kritisch gegenüberstand. Vgl. Wolfgang Stürner, Friedrich II. Teil 2. Der Kaiser 1220-1250, in: Peter Herde (Hg.), Gestalten des Mittelalters, Darmstadt 2000, 394-397.

[2]Vgl. Maximilian Forschner, Thomas von Aquin, München 2006, 13f.

[3]Grabmann sieht in De ente et essentia (DEE) den „Prologus für das ganze spätere wissenschaftliche Werk“ des Aquinaten. In ihm erläutert Thomas die Grundbegriffe der aristotelischen Metaphysik, indem er das Seiende und das Wesen untersucht. Das metaphysische Gute wird in DEE mit dem Seienden verknüpft, ist aber in seinem Verhältnis nicht so ausführlich bestimmt wie in der STh. Martin Grabmann, Einführung in die Summa theologiae des heiligen Thomas von Aquin, Freiburg i. Br. 1919, 14f.

[4]Vgl. Forschner, Thomas, 15ff.

[5]Siger und sein Kreis stützen sich auf den Kommentar von Averroes, weshalb diese Richtung in der Literatur meistens lateinischer Averroismus genannt wird. Van Steenberghen bezweifelt diese Bezeichnung von Ernest Renan und sagt, er könne ebensogut plotinisch, avicennistisch, thomistisch wie averroistisch genannt werden. E. Gilson bezeichnet den Wahrheitsanspruch der Philosophie vor der Theologie von Averroes und Siger schlicht als Philosophismus. Vgl. Josef Pieper, Thomas von Aquin. Leben und Werk, München 31986, 176.

[6]Vgl. Pieper, Thomas, 176-181.

[7]Thomas von Aquin, De ente et essentia, II, in: Horst Seidl (Hg.), Über Seiendes und Wesenheit. De Ente et Essentia, Hamburg 1988, 10-16. Vgl. Forschner, Thomas, 49f.

[8]Forschner, Thomas, 53ff.

[9]Vgl. Walter Patt, Metaphysik bei Thomas von Aquin. Eine Einführung, London 2007, 150f.

[10]Vgl. Walter Patt, Metaphysik bei Thomas, 151-161.

[11]Vgl. James A. Weisheipl, Classification of Sciences in Medieval Thought, in: Medieval Studies 27 (1965), 54-90.

[12]„singulorum brevis comprehensio“, zit. nach Andreas Speer, Die Summa theologica lesen – eine Einführung, in: ders (Hg.), Thomas von Aquin: die Summa theologiae. Werkinterpretationen, 15.

[13]Vgl. Wilhelm Metz, Die Architektonik der Summa Theologiae des Thomas von Aquin. Zur Gesamtsicht des thomasischen Gedankens, Hamburg 1998, 121-124. Der Abschnitt versucht einen Wesensunterschied zwischen der thomasischen Summe und dem hegelschen System aufzuzeigen.

Details

Seiten
13
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668332423
ISBN (Buch)
9783668332430
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v343483
Note
1,0
Schlagworte
Thomas von Aquin Summe der Theologie Transzendentalien Philosophie

Autor

Zurück

Titel: Die "Summa theologiae" des Thomas von Aquin. Die Identität des Seienden und des Guten