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Ein Roman vor Gericht. Der Prozess um Gustave Flauberts "Madame Bovary" 1857

Hausarbeit 2016 10 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Autor in seiner Zeit

3. Die Anklage

4. Die Verteidigung

5. Das Urteil und dessen Bewertung

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir leben in einer Zeit, in der Romane wie „Feuchtgebiete“ oder „Shades of Grey“ nicht nur zu gefeierten Bestseller aufsteigen konnten, sondern auch als Kinostreifen und Hörbücher, Erfolge feiern. Werke, in denen schonungslose Sexualität, Obszönitäten und Blasphemie thematisiert oder gar verherrlicht werden, haben in unserer aufgeklärten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts keine rechtlichen Konsequenzen zu fürchten.

In der Gesellschaft des „Zweiten Französischen Kaiserreichs“ unter Napoleon III. (1852-1870), fand das von den staatlichen Behörden als lasziv, häretisch und unmoralisch betitelte Sujet des Romans „Madame Bovary. Sitten der Provinz“ ebenfalls Anklang. Doch die kaiserliche Staatsanwaltschaft des diktatorisch geführten Regimes erhob Anklage und führte Autor, Drucker und Herausgeber des Werks Anfang des Jahres 1857 vor das Kriminalgericht in Paris.

Der Erfolg des Erstlingswerks vom damals 35 jährigen Gustave Flaubert wurde durch die Vorwürfe, sein Roman würde die öffentliche Moral und die Religion beleidigen und den daraus resultierenden Prozess beflügelt. Aber einer der bedeutendsten Verehrer Flauberts, Charles Baudelaire, schrieb in seiner Rezension zu „Madame Bovary“, dass der Roman auch unbehelligt die gleiche Begeisterung, Neugier und Erregung hervorgerufen hätte[1].

Das wirklich nur der Inhalt des Buches Ausschlag gab für eine Verhandlung ist zu bezweifeln, zumal das Werk zunächst, wie damals üblich, in mehreren Folgen in der Zeitschrift „Revue de Paris“ veröffentlicht wurde. Besagtes Blatt stand unter staatlicher Bewachung, weil es als „regierungsfeindlich“ galt und daher mehrfach verwarnt wurde. Die Herausgeber waren sich dieser Tatsache bewusst, ahnten aber den Erfolg, den sie mit dem Ehebruchroman Flauberts erzielen könnten. Letztlich entschlossen sie sich dazu den Roman mit gewissen Kürzungen und Zensurmaßnahmen zu veröffentlichen. Dieser Schritt bewog nicht nur den Autor dazu sich zu empören und an die Leser zu appellieren, das Werk als unvollständig und lediglich fragmentarisch zu betrachten, sondern reichte auch aus das Misstrauen der staatlichen Behörden endgültig zu wecken.

Was folgte war ein denkwürdiger Prozess mit zwei Anwälten dessen Plädoyers für und wider des angeklagten Werkes rhetorisch wertvoll waren und dessen Niederschrift im Anhang von Elisabeth Edls Übersetzung des Romans zu finden ist. Zu Beginn sollen einige Informationen zum historischen Kontext und zum Autor in die Thematik einführen. Nach diesem Kapitel über Flaubert und das Zweite Französische Kaiserreich folgt die Darstellung der Anklage und des Plädoyers des Staatsanwalts. Das vierte Kapitel stellt schließlich den Rechtsanwalt und das Plädoyer der Verteidigung vor, um dann im letzten Kapitel beide Strategien, sowie das Urteil einer abschließenden Bewertung zu unterziehen.

2. Der Autor in seiner Zeit

Flaubert war 27 Jahr alt als die Februarrevolution von 1848 in Frankreich zur Absetzung des so genannten „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe führte und daraufhin die äußerst kurzlebige „Zweite Französische Republik“ ausgerufen wurde. Zum Staatspräsident wählte man Louis Napoleon Bonaparte, der von der Berühmtheit seines verschiedenen Onkels, des ersten Kaisers Frankreichs Napoleon I. profitierte. Durch seine Popularität beim Volk und die Unterstützung einflussreicher Militärs gelang ihm Ende des Jahres 1851 der Staatsstreich, der zur Erneuerung der Monarchie führte. Nachdem sich die Franzosen in einer Volksabstimmung sehr deutlich für eine neue Verfassung aussprachen, welche für Bonaparte gehörigen Machtzuwachs bedeutete, stimmten nur ein Jahr später in einem erneuten Plebiszit über die Wiederherstellung des Kaiserreichs mehr als sieben Millionen Franzosen mit erdrückender Mehrheit für die Errichtung des Zweiten Französischen Kaiserreichs. Der Neffe war dem Onkel also 38 Jahre später im Kaiseramt gefolgt und nannte sich dementsprechend Napoleon III.[2].

Seine Regierung entwickelte sich fortan zu einer Diktatur auf allen Ebenen, so auch auf der geistigen, indem Publikationen aller Art überwacht und gegebenenfalls zensiert wurden[3]. Amtliche Prüfstellen beschnitten die Freiheiten der Presse- und Literaturszene Frankreichs und verwarnten oder verboten gar Veröffentlichungen, welche, wie im Falle Flauberts, gegen die öffentliche Moral und Sittlichkeit verstießen oder die Religion und ihre Vertreter beleidigten.

Die politische Gesinnung des Autors lässt sich anhand einiger Äußerungen in seinen regen Briefwechseln erahnen und manifestiert sich in gekonnter Weise durch die von ihm ins Leben gerufenen, realistischen Romancharaktere wie den Apotheker Homais oder den Händler und Geldverleiher Lheureux. Homais verkörpert den von Flaubert verhassten, ungebildeten, bürgerlichen Dummschwätzer, der sein Halbwissen aus regionalen Klatschblättern bezieht, welche er wiederum eigens mit überzogen formulierten Artikeln aus Yonville, dem Ort des Geschehens, speist. So bezeichnete er Charles Bovary, den einzigen Arzt im Ort, in seinem Bericht über die anstehende Klumpfußoperation als „[...]einer unserer hervorragendsten praktischen Ärzte[...]“[4]. Auch Lheureux, der Wucherer, der die naive Emma und damit die kleine Familie Bovary durch sein heuchlerisches Geschick in den finanziellen Ruin trieb, verkörpert ein vom Autor verhasstes Phänomen, nämlich den wachsenden Kapitalismus.

Flaubert selbst hatte sich stets um Objektivität bemüht, so schrieb er beispielsweise 1852 zu Beginn der Arbeit am Roman seiner langjährigen Geliebten Louise Colet: „Ich will, daß es in meinem Buch keine einzige Bewegung und keine einzige Betrachtung des Autors gibt.“[5]. Anhand der beiden genannten Charaktere und anderen Äußerungen in Roman und seinen diversen Briefen ist aber zweifellos festzumachen, dass Flaubert der Regierung Napoleons III. zutiefst negativ gestimmt war. In einem weiteren Telegramm an Colet brachte er seine Abneigung gegenüber Bürgertum und Staat metaphorisch zum Ausdruck, indem er in Anlehnung an Thomas Hobbes' Leviathan den französischen Staatsapparat mit einem riesigen Ungeheuer verglich, welches Persönlichkeiten, Ideale und geistige Güter verschlinge[6].

3. Die Anklage

Nachdem am 15. Dezember 1856 der letzte Teil des Romans in der Revue de Paris veröffentlicht wurde, kam es zum Prozess gegen den Autor Flaubert, einen der Herausgeber namens Pichat und den Drucker Pillet. Die Anklage lautete „Verletzung der öffentlichen Moral und der Religion“. Der Prozess wurde vom kaiserlichen Staatsanwalt Ernest Pinard geführt.

Seine Verhandlungsstrategie sah es vor den schändlichen Roman zunächst in eigenen Worten knapp zusammenzufassen. Dabei offenbarte sich, dass die Staatsanwaltschaft selbst, obwohl einen Prozess gegen die Handlung und Aussage eines literarischen Werks führend, dieses nicht einmal vollständig lasen. Dennoch sind die Aussagen und Beobachtungen des Klägers scharfsinnig und sachlich. In Ludwig Marcuses Buch mit dem treffenden Titel „Obszön, Geschichte einer Entrüstung“ bemerkte auch dieser die präzisen Feststellungen des Staatsanwalts und schrieb:„Der Ankläger ist, bis zu diesem Tag, einer der wenigen Bovary-Kenner.“[7].

Pinard warf Flaubert vor mit diesem Roman ein „laszives“ Gemälde erschaffen zu haben. Den Begriff „lasziv“ benutzte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer inflationär, um die vermeintliche Unmoral und Blasphemie der Handlung zu illustrieren. Seine Anklagepunkte gegen „Madame Bovary“ rechtfertigte er anhand vier ausgewählter „inkriminierter“ Stellen im Roman.

[...]


[1] Vgl. Baudelaire, Charles:„Sämtliche Werke, Briefe.“ Bd5.„ Aufsätze zur Literatur und Kunst. 1857-1860“, München, 1989, S.66.

[2] Der einzige direkte männliche Nachkomme Napoleons I. war sein Sohn Napoleon Franz Bonaparte, der 1821 nach dem Tod seines Vaters von seinen Anhängern als Napoleon II. zum Kaiser ausgerufen wurde aber dieses Amt nicht beanspruchte. Er starb bereits 1832.

[3] Vgl. Aubry, Octave:„Das Zweite Kaiserreich“, Erlenbach-Zürch, 1938, S.445.

[4] S. Flaubert, Gustave:„Madame Bovary. Aus dem Französischen von Maria Dessauer“, Frankfurt am Main, 2007, S.234.

[5] Flaubert, Gustave:„Briefe. Herausgegeben und übersetzt von Helmut Scheffel“, Zürich, 1977, S.187.

[6] Vgl. ebd., S.3f.

[7] Marcuse, Ludwig:„Obszön. Geschichte einer Entrüstung“, München, 1968, S.78.

Details

Seiten
10
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668333345
ISBN (Buch)
9783668333352
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v343458
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Fakultät I
Note
1,3
Schlagworte
Flaubert Madame Bovary Prozess 1857

Autor

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