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Patienten- und Angehörigenberatung auf der Intensivstation. Möglichkeiten und Grenzen

Studienarbeit 2016 46 Seiten

Pflegewissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Abkürzungsverzeichnis

2 Einleitung

3 Begriffliche Abgrenzung - Möglichkeiten der Patienten- und Angehörigenedukation
3.1 Schulung
3.2 Edukation
3.3 Information
3.4 Beratung

4 Patienten- und Angehörigenberatung auf der Intensivstation
4.1 Definition Intensivstation
4.2 Angehörige auf einer Intensivstation
4.2.1 Ängste und Bedürfnisse
4.2.2 Anlässe und Merkmale von Hilfesituationen mit Beratung .
4.2.2.1 Akuter Beratungsbedarf auf der Intensivstation
4.2.2.2 Mittelfristig absehbarer Beratungsbedarf auf der Intensivstation
4.2.2.3 Längerfristig absehbarer Beratungsbedarf auf der Intensivstation
4.3 Grundhaltungen in der Gesprächsführung: Akzeptanz, Empathie, Kongruenz
4.4 Gesetzliche Grundlagen von Beratung
4.5 Möglichkeiten und Grenzen der Beratung und Unterstützung auf der Intensivstation

5 Beratungsmöglichkeiten für Angehörige und Patienten
5.1 Patienten - Informationszentren
5.2 Telefonische Beratungen
5.3 Fernsehen

6 Praktische Anwendung des lösungs- und ressourcenorientierten Ansatzes
6.1 Lösungs- und ressoucenorientierter Ansatz nach de Shazer
6.2 Fallbeispiel: Patient nach einem Verkehrsunfall
6.3 Interview: Durchführung und Auswertung

7 Diskussion und Ausblick

8 Quellenverzeichnis

9 Anlagenverzeichnis

1 Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2 Einleitung

„Die gegenwärtigen gesellschaftlichen sowie gesundheits- und sozialpoliti- schen Entwicklungen stellen das gesamte Gesundheitssystem vor neue und große Herausforderungen. Pflegebedürftige, ihre Angehörigen und auch der Pflegeberuf sind davon besonders betroffen: Die Krankenhausverweildauer wird immer kürzer, der Kostendruck größer, die Anzahl der zu Versorgenden und chronisch Kranken steigt, die ambulante Pflege rückt immer mehr in den Vordergrund. Gleichzeitig verändern sich Familienstrukturen und die Zahl der allein lebenden Menschen nimmt zu. Pflegebedürftige sind häufig auf sich selbst gestellt oder auf informelle Helfer wie Angehörige oder Ehrenamtliche angewiesen“ (PETTER-SCHWAIGER 2011: 6). Der Bedarf an „Orientierung“ in der Pflege nimmt in der heutigen Gesellschaft immer mehr zu. Die Patienten und Angehörigen im Krankenhaus haben den Wunsch nach „Gesprächen“ und das Bedürfnis nach Ernstgenommenwerden und Wertschätzung. Sie möchten gut informiert und beraten werden, da die medizinischen und pflegerischen Möglichkeiten in der heutigen Zeit immer komplexer und individueller sind (vgl.PLESSL-SCHORN 2014: 11). Die Beratung gehört nicht mehr nur zu den Aufgabenbereichen von Ärzten, sondern ist mittlerweile ein wichtiges Hand- lungsfeld von Gesundheits- und Krankenpfleger(innen). „Die Beratung in der Pflege ist ein Prozess, bei dem in direkter Zusammenarbeit mit einzelnen Pa- tienten oder Patientengruppen Lösungen zu existierenden oder potenziellen Pflege-Problemsituationen erarbeitet werden. Zudem werden pflegerelevante Informationen im Rahmen von aufklärenden und empfehlenden Beratungsge- sprächen vermittelt“ (ENGEL 2006: 5).

Die folgende Hausarbeit beschäftigt sich allgemein mit dem Thema „Patienten- und Angehörigenberatung“ und dessen Möglichkeiten und Grenzen auf der Intensivstation. Die Patienten auf einer Intensivstation benötigen nach einer großen Operation, nach einem schweren Unfall oder aufgrund einer schweren Erkrankung, besonders intensive medizinische und pflegerische Betreuung. Der Aufenthalt stellt für die Patienten, aber auch für die Angehörigen eine Ausnahmesituation dar, in welcher Ängste und Sorgen eine große Rolle spie- len. Patienten und Angehörige brauchen in genau dieser schwierigen Situation ausreichend „Informationen“ und eine gute Beratung. Doch wie sieht die Bera- tung von Patienten aus, welche beatmet und sediert auf einer Intensivstation behandelt werden? Welche Rolle spielen die Angehörigen in dieser Situation?

Und welche Bedürfnisse haben diese? Im Rahmen der Hausarbeit sollen diese Fragen beantwortet und die Grenzen und Möglichkeiten von Beratung auf der Intensivstation aufgezeigt werden. Hierzu wird zunächst eine systematische Literaturrecherche durchgeführt, um u.a. die Begriffe „Information“, „Bera- tung“ und „Schulung“ zu definieren und voneinander abzugrenzen. Der Haupt- teil der Hausarbeit beschäftigt sich dann mit der Patienten- und Angehörigen- beratung auf der Intensivstation, insbesondere mit der Rolle der Angehörigen, deren Ängsten und Bedürfnissen, aber auch mit den Anlässen und Merkmalen der Beratung auf der Intensivstation sowie den gesetzlichen Vorgaben zum Thema Beratung. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den erforderlichen Kompetenzen und Grundhaltungen einer beratenden Person aus professioneller Sicht. Ziel ist es, die Probleme, Grenzen und Möglichkeiten der Beratung auf der Intensivstation darzustellen. Im Anschluss werden außerdem Möglichkei- ten der Beratung außerhalb des Krankenhauses dargestellt und erklärt (z.B. Beratungszentren). Neben der Literaturrecherche wird die Thematik anhand eines Fallbeispiels aus der Praxis aufgegriffen, bei dem die Beratung mit Hilfe des lösungs- und ressourcenorientierten Ansatzes nach Steve de Shazer inkl. eines Interviews mit einem Patienten Anwendung findet. Eine Diskussion der Ergebnisse und ein Ausblick schließen die Arbeit ab.

3 Begriffliche Abgrenzung - Möglichkeiten der Patienten- und Angehö- rigenedukation

Der Begriff der Beratung ist sehr vielfältig und wird von verschiedenen Personen häufig anders verstanden und definiert. Doch hinter dem Begriff der Beratung verstecken sich viele verschiedene Inhalte und Strategien, wie z.B. steht er als Sammelbegriff für Wissensvermittlung, Informationsweitergabe, Begleitung, Ratschläge, praktisches Anleiten, Schulen usw. und ist daher sehr vielfältig (vgl. PETTER-SCHWAIGER 2011: 13). PETTER-SCHWAIGER erläutert in ihrem Buch „Beratung in der Pflege für die Aus-, Fort- und Weiterbildung“, dass all die Maßnahmen in dieser Auflistung unter dem Begriff „pädagogisches Handeln in der Pflege zusammengefasst werden können“. „Da jedoch jede dieser Maßnahmen unterschiedliche Vorgehensweisen und Interventions- strategien erfordert, ist eine Abgrenzung notwendig und hilfreich“ (PETTER- SCHWAIGER 2011: 13). Im Folgenden sollen die Begriffe Schulung, Information, Edukation und Beratung voneinander abgegrenzt und definiert werden.

3.1 Schulung

Beim „Schulen“ (= Anleitung, Unterweisung, Training) werden „Inhalte und Fertigkeiten in einem schrittweise geplanten Prozess vermittelt. Am Ende steht ein definiertes Ziel (evtl. mit Überprüfung). Eine Schulung kann sich an eine- noder mehrere Adressaten richten (vgl. MENCHE 2011: 184).In einer Schulung geht es um die Vermittlung von zielorientiertem, strukturiertem und geplantem Weitergeben von Wissen und Fertigkeiten durch Experten (z.B. Gesundheits- und Krankenpfleger)(vgl. PETTER-SCHWAIGER 2011: 15). Konzentriert wird sich dabei auf eine Person oder auf eine Personengruppe. Beispiele, für tradi- tionelle Schulungen im Gesundheitsbereich, sind z.B. Diabetes-, Rheumaschu- lungen oder Asthmaschulungen bei Kindern. Im Buch PFLEGE HEUTE wird be- richtet, das mit dem Aufbau von Disease-Management-Programmen (=strukturierte Behandlungsprogramme für chronisch kranke Menschen) im- mer mehr Krankenkassen Informationskampagnen starten. Auch die Pflegever- sicherungen bieten ein immer größeres Angebot an Beratungs- und Schulungs- aktivitäten, wie z.B. Pflegekurse für Angehörige im häuslichen Bereich (vgl. MENCHE 2011: 185).

3.2 Edukation

Patientenedukation (= Bildung; engl. Patient education) umfasst „alle psychologischen und pädagogischen Maßnahmen zur Verbesserung des Gesundheitszustandes. Individuen sind immer Teil eines Systems, deswegen richten sich alle Aktivitäten immer auch an die wesentlichen Bezugspersonen und die Familie des Patienten“ (MENCHE 2011: 180).

Gesundheitsstörungen, wie z.B. eine chronische Erkrankung, stellen für den Betroffenen eine große Belastung dar. Sie brauchen Informationen zu der Er- krankung und müssen lernen, sie mit vorhandenen Ressourcen zu bewältigen. „Die Bereitschaft, diese Aufgabe anzunehmen und einen Beitrag zum eigenen Wohlergehen zu leisten, ist Grundlage der Patientenedukation“ (MENCHE 2011: 180). „Edukation steht im Zusammenhang mit der Pflegeberatung als über- geordneter Begriff, der informierende, schulende und beratende Aspekte in sich vereint. Es wird davon ausgegangen, dass sich diese unterschiedlichen Aktivitäten in Pflegesituationen häufig verschränken, auch wenn ihnen jeweils sehr unterschiedliche Interventionen zu Grunde liegen“ (PETTER-SCHWAIGER 2011: 20). Eine Krankheit oder eine chronische Erkrankung ändern häufig die gesamte Lebenssituation des Betroffenen bzw. der Familie. Aufgrund dessen benötigen sieeine intensive Unterstützung durch Experten. „Das Edukations- konzept deckt diesen Bedarf mit den drei genannten Aktivitäten folgenderma- ßen ab“ (PETTER-SCHWAIGER 2011: 20):

- Die Betroffenen haben Informationsbedarf zur Medi- kamenteneinnahme, zu sozialrechtlichen Ansprüchen oder zur ambulanten Versorgung
- Die Betroffenen müssen spezielle Pflegetechniken erlernen (wie z.B. Selbstkatheterismus, Insulin spritzen oder Stomaversorgung)
- Individuelle Probleme der Betroffenen rücken in den Mittelpunkt (z.B. Trauer, Ängste, familiäre oder berufliche Probleme), welche eine Beratung erforderlich machen.

„Patientenedukation dient dazu, Patienten zur Selbstpflege zu befähigen und ihnen Autonomie, Würde und Selbstkontrolle im Alltag zurückzugeben“ (MENCHE 2011: 180).

Auch das Thema „Mobilisation“ gewinnt zunehmend an Bedeutung, welches PETTER-SCHWAIGER in ihrem Buch vernachlässigt. Vor allem das Konzept der „Kinästhetiks“ findet heut zu Tage Anwendung im stationären, als auch im ambulanten Bereich (s.Anlage 1). „Die Kinästhetik ist keine starre Technik, sondern will Pflegenden ein Verständnis dafür vermitteln, wie sie pflegebe- dürftige Menschen individuell in ihrenBewegungen unterstützen können. Die Konzepte der Kinästhetik bieten darüber hinaus die Möglichkeit, komplexe Bewegungssituationen zu analysieren“ (ASMUSSEN-CLAUSEN 2003: 194). Das Konzept kann sowohl von Pflegepersonen, als auch von pflegenden Angehöri- gen genutzt werden.

3.3 Information

Informieren bedeutet, einen Sachverhalt zu erklären oder eine gezielte Mittei- lung zu geben, entweder mündlich oder schriftlich(vgl. MENCHE 2011: 182). Fakten und Wissen sollen weitergetragen werden, mit dem Ziel der Wissens- erweiterung beim Empfänger. Ein weiteres Ziel ist es, einen kognitiven Lern- prozess bei dem Empfänger zu bewirken. Auf der einen Seite steht die Person, welche Informationen braucht und sucht. Auf der anderen Seite steht der „Wis- sende“, welcher die benötigten Informationen besitzt und weitergeben kann (vgl. PETTER-SCHWAIGER 2011: 14). „Informieren ist eine besonders häufige Interaktion im Pflegealltag: Pflegende informieren über die Vorbereitung und den Ablauf einer Darmspiegelung, sie geben Hinweise zum MDK-Besuch, sie weisen auf eine Selbsthilfegruppe hin oder sie sagen etwas zur Medikamenten- einnahme“ (MENCHE 2011: 182).

3.4 Beratung

Im Buch PFLEGE HEUTE wird der Begriff der Beratung wie folgt definiert: „Er- gebnisoffener und dialogischer Prozess, bei dem eine maßgeschneiderte, indi- viduelle (Problem-) Lösung vorbereitet wird“ (MENCHE 2011: 186). Bei der Beratung geht es um das „ergebnisoffene“ Vorgehen, im Gegensatz zur Infor- mation und Schulung. Der Patient bzw. Angehörige und der Berater suchen nach einem gemeinsamen Weg zur Lösung einer Problemsituation. Die hohe Kunst bei diesem Prozess ist es, dass der Berater sich auf Augenhöhe des Rat- suchenden begibt und sich darüber hinaus auf die Perspektive dieser Person einlässt. Die Lösung des Problems sollte individuell an das Problem des jewei- ligen Patienten oder Angehörigen angepasst sein, wobei der Ausgang vorher ungewiss ist (vgl. MENCHE 2011: 186). „Bei der Beratung geht es in erster Linie darum, zu Beratende in ihrer individuellen Problemsituation zu unterstützen, nötige Entscheidungen zu ermöglichen und die individuelle Handlungskompetenz zu fördern“ (PETTER-SCHWAIGER 2011: 17). ENGEL unterscheidet drei verschiedene Beratungen (ENGEL 2007: 10 ff.):

- Psychologische Beratung (findet zum einen auf Basis psychologischer Diagnostik, zum anderen auf Basis psychotherapeutischer Konzepte statt).
- Soziale Beratung (umfasst die Bearbeitung sozialer und materieller Problemsituationen, die in der Lebens- und Alltagswelt von Menschen auftreten).
- Psychosoziale Beratung (umfasst die Bearbeitung von Problemsituatio- nen, die durch äußere Anforderungen, wie z.B. gesellschaftliche Ans- prüche, Normen und Werte, an den Menschen herangetragen werden).
- Pädagogische Beratung (umfasst die Bearbeitung schüler-, lehrer- so- wie organisationsbezogener Problemsituationen).

Voraussetzung für eine gute Beratung ist die Vertrauensbasis zwischen dem Ratsuchenden und dem Berater. Dieses ist jedoch nur ein Merkmal des interaktiven Prozesses. PETTER-SCHWAIGER beschreibt in ihrem Buch noch weitere wichtige Kennzeichen von Beratung (PETTER-SCHWAIGER 2011: 17):

- Nicht bevormundend: Der Berater und der Ratsuchende entwickeln gemeinsam eine Lösung für ein existierendes oder potenzielles Problem. Im Mittelpunkt steht die subjektive Sicht des Betroffenen, wobei die Lösung vom Berater nicht vorgegeben werden soll.
- Freiwillig und ergebnisoffen: Beratung muss immer mit der Bereit- schaft und Offenheit des Beratenden stattfinden. Sie orientiert sich am konkreten Beratungsbedarf und ist deshalb in Verlauf und Ergebnis nicht vorhersehbar.
- Fallbezogen: Die Beratung ist immer auf den Ratsuchenden und auf das aktuell vorliegende Problem zugeschnitten.
- Ressourcenorientiert: Berater und zu Beratender suchen gemeinsam nach einer Möglichkeit, das Problem positiv zu beeinflussen. Trotz Ein- schränkungen oder Krankheit wird der Betroffene zum aktiv Handeln- den.
- Kompetenzfördernd: Ziel ist es, dass die Betroffenen ihr Leben mög- lichst sicher und unabhängig von professioneller Hilfe zu gestalten und dadurch ein hohes Maß an Lebensqualität gewinnen.

„Pflegeberatung ist als Oberbegriff für Beratungsgespräche in der Pflege nicht geeignet. In Deutschland wird unter dem Begriff Pflegeberatung eine eher organisatorisch-rechtliche Beratung innerhalb des §45 SGB XI verstanden. Pflegeberatung findet in vielerlei Zusammenhängen statt, v.a. durch die Angestellten der Pflegekassen, in den Pflegestützpunkten, kommunalen Stellen sowie ambulanten Pflegediensten“ (MENCHE 2011: 186).

4 Patienten- und Angehörigenberatung auf der Intensivstation

4.1 Definition Intensivstation

Eine Intensivstation (ITS) findet man häufig in größeren Krankenhäusern und ist eine Station, auf welcher schwerstkranke Patienten medizinisch und pflege- risch betreut und behandelt werden. Die Patienten die dort versorgt werden, benötigen z.B. nach einer großen Operation, nach einem größeren Unfall oder aufgrund einer schweren Erkrankung eine besondere intensive, medizinische und pflegerische Versorgung.

Auf der Intensivstation kommen viele moderne, technische Geräte zum Ein- satz, welche den Patienten überwachen oder den gesundheitlichen Zustand sta- bil halten sollen (s. Anlage 2). Zu den Geräten gehören u.a.: Beatmungsgeräte, Überwachungsmonitore, Infusionssysteme, Perfusoren, Herz-/Lungen- maschinen oder Maschinen für Hämofiltrationen (Dialyseverfahren). „Die meisten Patienten einer Intensivstation benötigen ständige Überwachung (durch technische Geräte und Personal), einige sogar aktive Lebenserhal- tungsmaßnahmen wie z.B. eine künstliche Beatmung“(ANTWERPES et al. 2013:

1). „Grundsätzlich werden alle Patienten, die sich in einem kritischen Zustand befinden und ständiger Überwachung oder besonders intensiver Behandlung bedürfen, auf eine Intensivstation aufgenommen. Einige Beispiele von inten- sivmedizinisch behandlungsbedürftigen Krankheitsbildern sind“ (ANTWERPES et al. 2013: 1):

- Herzinfarkt
- Lungenembolie
- akute Pankreatitis
- schwere gastrointestinale Blutung
- Polytrauma (Mehrfachverletzungen)
- Postoperative Überwachung und Therapie von Risikopatienten
- Nierenversagen, Lungenversagen, Leberversagen etc.

Auf der Intensivstation arbeiten Fachärzte, Assistenzärzte, Konsiliarärzte, Gesundheits- und Krankenpfleger(innen) bzw. Pflegefachkräfte für Anästhesieund Intensivpflege, Ergotherapeuten, Logopäden und Physiotherapeuten, welche interdisziplinär Hand in Hand zusammenarbeiten.

4.2 Angehörige auf einer Intensivstation

4.2.1 Ängste und Bedürfnisse

Die Angehörigen eines Intensivpatienten spielen auf der Station eine wichtige Rolle. Die Patienten welche dort medizinisch und pflegerisch behandelt wer- den, sind oftmals nicht in der Lage ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu äußern, da sie oftmals im künstlichen Koma liegen und von speziellen Maschi- nen beatmet werden. Der Aufenthalt eines Patienten auf der Intensivstation stellt für ihn, aber auch für die Angehörigen eine Ausnahmesituation dar, in welcher die Betroffenen großem emotionalen Stress ausgeliefert sind. Die Um- gebung ist für sie häufig sehr ungewohnt, sie kennen die Geräusche der Geräte nicht und sind verunsichert, wenn sie mit ihrem Angehörigen (aufgrund einer künstlichen Beatmung) nicht mehr sprechen können (s. Anlage 3). „Sie sind durch die Erkrankung geschockt, erleben Angst, Unsicherheit und Machtlosig- keit, was bis zur totalen Handlungsunfähigkeit führen kann. Auch ein Gefühl der Nutzlosigkeit im Angesicht dieses hoch technisierten Umfeldes kann An- gehörige sehr belasten. In Familien dreht sich zudem das gesamte Dasein zu- mindest am Anfang nur noch um Diagnose, Therapie und Prognose. Hinzu kommen der mögliche Tod eines geliebten Menschen und die eventuell zu tref- fende Entscheidung über lebensverlängernde Massnahmen“(MAIER 2008: 1). Folgende Fragen werden von den Angehörigen am häufigsten gestellt: „Schwester, was bedeuten diese vielen Geräte? Hier sind so viele Schläuche, darf ich meinen Mann überhaupt anfassen?“

Diese Fragen verdeutlichen, dass sie zu den Besuchen auf einer Intensivstation viele Ängste, Sorgen und Bedürfnisse mitbringen. Sie fühlen sich unsicher und wissen häufig nicht, wie Sie sich auf einer Intensivstation zu verhalten haben. Aufgabe von Gesundheits- und Krankenpflegern ist es dann, diese Fragen zu beantworten und sie zu gewissen Themen beraten zu können.

Im Rahmen eines Praktikums während meines Studiums habe ich eine Hausarbeit zu dem Thema„Angehörigenbetreuung in der Pflege - Entwurf und Implementierung einerInformationsbroschüre für Angehörige auf derIntensivstation“ (ACHINGER 2015: 5f.) verfasst. In Absprache mit der Hamburger FernHochschule, darf ich aus der Praktikumsarbeit einige Formulierungen für das folgende Kapitel „Ängste und Bedürfnisse“ übernehmen.

Es gibt einige Studien, welche sich mit den Bedürfnissen von Angehörigen auf einer Intensivstation auseinandersetzen. Ein Beispiel ist die CCFNI (Critical care familyneedsinventory) - Studie, welche von den PflegewissenschaftlernMOLKER und LESKE entwickelt und im Jahre 1986 das erstmals publiziert wurde. 2002 erfolgte die Übersetzung ins Deutsche von BARBARA KUHLMANN. Diese Studie hat sich unter anderem auf die Identifizierung der Bedürfnisse von Angehörigen konzentriert (vgl. BURHOLT2011: 2).

MOLKER und LESKE formulierten insgesamt fünf Bedürfniskategorien(BURHOLT 2011: 4):

- Zusicherung
- Information
- Nähe
- Trost
- Unterstützung

Die „Zusicherung“ ist für Angehörige auf der Intensivstation ein wichtiger As- pekt. Aussagen wie: „Ich weiß, dass mein Mann in Ihren Händen gut aufgeho- ben ist. Nun kann ich in Ruhe nach Hause gehen.“ oder „Keiner der betreuen- den Pflegepersonen ist jemals in Hektik ausgebrochen, trotz einer sehr großen Notsituation meines Mannes, das hat mir immer das Gefühl gegeben, dass er da sehr gut aufgehoben ist“ (BURHOLT 2011: 7) zeigen, dass das Vertrauen zwi- schen Angehörigen und dem Personal auf der Station eine wichtige Rolle spielt. Es ist aufgrund dessen sehr wichtig, dass zwischen den Pflegekräften und den Angehörigen eine gute Vertrauensbasis geschaffen wird. Darüber hi- naus spielt das Bedürfnis nach „Information“ in der Angehörigenbetreuung eine große Rolle. Viele Angehörige wissen nicht, was eine Intensivstation ist und warum gerade ihr Angehöriger dort als Patient behandelt wird. Während der alltäglichen Arbeit auf der Station wird immer wieder deutlich, dass Ange- hörige großen Redebedarf zum Thema Diagnose und Therapieverlauf haben. Sie brauchen daher einen festen Ansprechpartner, eine Telefonnummer und Informationen zu den Besuchszeiten. „Es tat mir gut, dass ich immer anrufen konnte, wenn ich zu Hause Unruhe verspürte“ erläutert eine Angehörige. Wei- tere Äußerungen der Angehörigen wie z.B.: „Es war gut, sich vor dem zu Bett gehen nochmals vergewissern zu können, dass es ihm gut geht“ oder „Ich weiß, dass die Geräte ihm gut tun, dass er sie unbedingt braucht, habe sie bis ins Kleinste erklärt bekommen“(BURHOLT 2011: 8) zeigen , wie wichtig der Erhalt von Informationen ist. Ausführliche Informationen seitens der Ärzte und Pfle- gekräfte geben den Angehörigen Sicherheit und das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Zusammengefasst ist das Thema „Beratung“ und das Erhalten von Infor- mationen für die Angehörigen ein wichtiger Bestandteil auf der Intensivstation. Darüber hinaus besitzen viele Angehörige das Bedürnfis nach „Nähe“. Von Pflegekräften und Ärzten hört man häufig die Warnung: „Vorsicht, nervige Angehörige“, im Stationsalltag. MARTIN MONNINGER erwähnt in seinem Fach- artikel zum Thema Angehörigenbetreuung in der Intensivpflege, dass viele Pflegekräfte von Angehörigen erwarten, dass sie da sind, wenn der Kranke sie braucht, aber bei der pflegerischen Arbeit ‚nicht im Wege stehen‘. „Vielmehr müssen wir es lernen, den Angehörigen in der momentanen Ausnahmesituation zu verstehen und ihn angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse zu begleiten“ (MONNINGER 2011: 5).Ein Angehöriger erläuterte: „Mir geht es besser, wenn ich bei meiner Frau sein kann. Ich habe das Gefühl, sie spürt meine Anwesen- heit und ist gleich viel ruhiger. Andererseits finde ich die Besuchszeiten in Ordnung. So kann ich in der Zwischenzeit mal etwas anderes unternehmen und auch mal auf andere Gedanken kommen“. Ein weiteres Bedürfnis ist der „Trost“. Folgendes Zitat eines Angehörigen umschreibt dieses Bedürfnis aus- führlich: „Ich fühlte mich sehr gut auf der Intensivstation, ich musste nicht stark sein, ich wurde akzeptiert. Ich hätte zusammenbrechen können und es wäre komplett in Ordnung gewesen. Ich fühlte mich sicher im Wissen, dass ich in Tränen ausbrechen kann ohne mein Gesicht zu verlieren, ich glaube, das war sehr wichtig“(MAIER 2008: 5). Gefühle, Ängste und Sorgen sollten daher von dem Personal ernst genommen werden. Kleine Dinge, wie z.B. Gesten, eine Begrüßung im Wartebereich, ein angebotener Kaffe oder ein Zunicken, können die Angehörigen in der schwierigen Situation gelegentlich trösten (vgl.MAIER 2008: 5).

Darüber hinaus brauchen Angehörige kontinuierliche Unterstützung. Sie benö- tigen Bezugspersonen, welche sie durch die schwierige Situation begleiten und ihnen Gespräche über „Schuld“, „Ängste“ oder „Probleme“ anbietet. MAIER erläutert in seiner Diplomarbeit, dass Pflegende die Mitte zwischen Bedarf an ehrlichen Informationen und an Hoffnungen gut abwägen müssen. Vor allem Gespräche über mögliche Therapieabbrüche bei sterbenskranken, komatösen, schmerzgeplagten Patienten seien für die Angehörigen für die „Unterstützung“ relevant(vgl. MAIER 2008: 6).

Insgesamt kann man aus den genannten Erkenntnissen folgendes Fazit ziehen: Das Bedürfnis nach „Information“, welches für die vorliegende Hausarbeit am wichtigsten ist, zeigt, dass die Beratung und die Patienten- und Angehörigene- dukation auf einer Intensivstation für die Angehörigen einen hohen Stellenwert besitzt. Sie brauchen Bezugspersonen, welche jederzeit Fragen beantworten und sie zu gewissen Themen beraten können. Welche Möglichkeiten und Grenzen es zum Thema Beratung auf der Intensivstation gibt, werden im Laufe der Hausarbeit diskutiert. Im nächsten Kapitel geht es zunächst allgemein um die Anlässe und Merkmale von Hilfesituationen mit Beratung.

4.2.2 Anlässe und Merkmale von Hilfesituationen mit Beratung

Gesundheitliche Probleme, wie z.B. eine Erkrankung, „sind der häufigste An- lass für eine Kontaktaufnahme mit den Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Als zentrale professionelle Kontaktperson ist hierbei die Ärztin bzw. der Arzt als ‚Gatekeeper‘ (im Sinne eines Lotsen bzw. Türöffner) zu nennen“ (FLIEDER, OVERLANDER 2012: 59). Häufig geschieht dieses erst nach Auftreten der ersten Symptome, d.h. wenn die ersten Probleme und Störungen wahrgenommen werden. Danach wird der Kontakt zu professionellen Fachpersonen gesucht, in Hoffnung auf Klärung und Linderung der Beschwerden und des Problems.

Im Studienbrief „Patientenedukation und Beratung: Grundlegende Elemente von Beratung“ von Prof. Dr. MARGRET FLIEDER und GABRIELE OVERLANDER- fällt der Begriff der „zeitbezogenenen Elemente“. „Bei den zeitbezogenen Elementen unterscheiden die Betroffenen zwischen einem plötzlich aufgetrete- nen Ereignis mit akuten Symptomen, einem mittelfristig bestehenden Problem u.U. mit gewissen Gewöhnungseffekten und bereits länger dauernden Proble- men wie bei chronischer Krankheit und Behinderung. Für die Betroffenen kann die eigene, ‚innere Zeit‘ unabhängig von der aktuellen Dauer im Verlauf gleichwohl eine große Dringlichkeit und Dynamik entfalten, die sich in der Beratungssituation zeigen kann. Im Folgenden sollen Beispiele von Anlässen auf der Intensivstation das Verständnis vereinfachen“ (FLIEDER, OVERLANDER 2012: 59).

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Details

Seiten
46
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668336186
ISBN (Buch)
9783668336193
Dateigröße
911 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v343411
Institution / Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule
Note
1,3
Schlagworte
Pflege Intensivpflege Intensivstation Angehörigenberatung Angehörige Patienten

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Titel: Patienten- und Angehörigenberatung auf der Intensivstation. Möglichkeiten und Grenzen