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Die Vereinbarkeit von Menschenrechten und Islam

Eine Analyse

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Menschenrechte
2.1 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
2.2 Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam
2.3 Menschenrechte in der Diskussion

3 Islam

4 Vereinbarkeit von Menschenrechten und Islam
4.1 Gültigkeitsrahmen
4.2 Religionsfreiheit
4.3 Gleichberechtigung
4.3.1 Geschlecht
4.3.2 Religion
4.4 Sicherheit und Strafrecht

5 Fazit

6 Literatur

1 Einleitung

Die folgende Hausarbeit entstand im Modul Internationale Politik und Wirtschaft an der Universität Leipzig. Das Thema Vereinbarkeit von Menschenrechten und Is- lam wurde frei gewählt. Da ich mich schon seit mehreren Jahren mit dem Islam befassen wollte, war dies eine passende Möglichkeit. Über den Islam wird gerne und viel in den Medien berichtet. Meistens fällt diese Berichterstattung sehr negativ aus. Aktuell stehen die Terroranschläge am 13.November 2015 in Paris und die da- mit verbundenen Folgen, die Flüchtlingsdebatte in Deutschland sowie der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran im Mittelpunkt der Islamdebatte.

Die Geschichte des Islams ist äußerst interessant und aufschlussreich. Insbesondere die Entwicklung der Zersplitterung in unterschiedliche muslimische Gruppen (bei- spielsweise Schiiten und Sunniten) trägt sehr zum Verständnis aktueller Diskussio- nen bei. Dennoch werden Hintergründe zum Islam in dieser Arbeit aus zwei Gründen nur sehr oberflächlich behandelt. Einerseits ist das Thema Islam so umfangreich, dass es den Rahmen der Arbeit sprengen würde, falls man es detailliert darstellt. Andererseits ist es nicht zwingend notwendig, den Islam in aller Ausführlichkeit zu beschreiben, da in dieser Arbeit der Fokus auf rechtliche Aspekte gelegt wird. Es wird ein Vergleich der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen und der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam vorgenommen. Ziel ist es herauszufinden, inwieweit beide Erklärungen miteinander vereinbar sind und wo gegebenenfalls elementare Unterschiede zu finden sind.

Um diesen Vergleich zu ermöglichen, werden im ersten Abschnitt die beiden erwähnten Menschenrechtserklärungen vorgestellt. Nach einigen Erläuterungen zum Islam wird schließlich der Vergleich der beiden Erklärungen vorgenommen. Ausgehend von Artikeln der Menschenrechte der Vereinten Nationen werden dieser Inhalte der Kairoer Erklärung gegenübergestellt. Hierbei werden nicht alle 30 Artikel, sondern nur ausgewählte Artikel mit Konfliktpotential dargestellt.

2 Menschenrechte

Wenn man heutzutage über Menschenrechte spricht oder liest, sind meist solche Menschenrechte gemeint, welche in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen (UN) festgelegt sind. Diese werden im folgenden Abschnitt näher betrachtet.

Zusätzlich gibt es aber noch weitere Menschenrechtserklärungen, von denen eini- ge auch die Menschenrechte im Islam beschreiben.1 Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Islam bietet eine Zusammenfassung von Rechten aus dem Koran und der Sunna (vergl. Islam). Diese wurde 1981 von der Europäischen Vertretung der Islamischen Konferenz verabschiedet. Zudem gibt es noch die Arabische Char- ta der Menschenrechte und die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam. Erstere ist eine Erklärung der Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga aus dem Jahr 2004, die Kairoer Erklärung wurde 1990 von der Organisation der Islamischen Kon- ferenz (OIC) verabschiedet (Abid, 2010, S.128 ff.). Da die OIC (57 Mitgliedsstaaten, (Abid, 2010, S.130)) wesentlich größer ist als die Arabische Liga ( 22 Mitgliedsstaa- ten, (Holtmann, 2000, S.27)), wird im Anschluss an die Menschenrechte der UN die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam betrachtet.2

2.1 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde 1948 durch die Generalver- sammlung der Vereinten Nationen (UN) verabschiedet. Hintergrund waren nicht zu- letzt die unmenschlichen Verbrechen während der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Entstehung der Menschenrechte basiert allerdings nicht auf kurzfristigen Ereignis- sen, sondern ist das Ergebnis langfristiger, teilweise jahrhundertelanger Entwicklun- gen. Hierzu gehören nach Heinisch und Scholz (2012, S.287) primär die ”Begrenzung von Herrschaft, Heraustreten des Individuums aus dem Kollektiv und Verschiebung des theozentrischen Weltbilds hin zum anthropozentrischen.“ Während früher die Menschen ein eher fremdbestimmtes Dasein führten und für wenige Herrschende ar- beiteten, soll heutzutage jeder Mensch als Individuum ein selbstbestimmtes Leben führen können. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt von der Zeit der Aufklärung ge- prägt. Der Staat soll der Unterstützung des Individuums dienen, nicht andersherum (Heinisch & Scholz, 2012, S. 291). Die Menschenrechte sind nicht religiös geprägt, vielmehr gelten sie auf einer politisch-rechtlichen Ebene. Religionen können und sol- len aber durchaus parallel existieren. Zur Zeit der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bestand die UN aus 56 Mitgliedsstaaten, von denen 48 die Erklärung unterzeichnet haben. Hierzu gehörten auch fünf mehrheitlich mus- limische Länder: Afghanistan, Ägypten, Iran, Irak, Pakistan (Abid, 2010, S.127). Mittlerweile sind es 193 Staaten (Vereinte Nationen, 2016), welche durch ihre Mit- gliedschaft in der UN die Menschenrechte anerkennen und diese somit als Grundlage für ihre jeweiligen Verfassungen zu nutzen haben. Zu ihnen gehören Staaten mit un- terschiedlichsten Kulturen und religiösen Prägungen. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 war zunächst rechtlich betrachtet ein Vorschlag. Durch die Verabschiedung zweier völkerrechtlich verbindlicher Menschenrechtskonventio- nen (Zivilpakt und Sozialpakt) erlangten die Inhalte 1966 einen universalen Gel- tungsanspruch und sind prinzipiell von jedem menschlichen Individuum einklagbar (Ziebertz, 2010, S.13).

Die Entstehungsgeschichte der Menschenrechte war durch Missbilligung der christ- lichen Kirchen begleitet. Insbesondere die katholische Kirche hat erst im späten 20.Jahrhundert die Wichtigkeit der Menschenrechte anerkannt.

2.2 Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam

Die Kairoer Erklärung der Menschenrechte wurde 1990 von der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) verabschiedet. Der OIC gehören 57 muslimisch geprägte Staaten an. Die Kairoer Erklärung basiert auf den Regeln und Gesetzen der Scharia (vergl. Islam) und stellt einen islamischen Gegenentwurf zu den Menschenrechten der UN dar. Sie wird von den UN nicht anerkannt und ist völkerrechtlich nicht bindend (Gruber-Lavin, 2015, S.123). Die Mitgliedsstaaten der OIC haben zusammen ca. 1,7 Milliarden Einwohner (eigene Rechnung, (Vereinte Nationen, 2001)). Da alle diese Staaten muslimisch geprägt sind, ist zu vermuten, dass zumindest ein Großteil dieser Einwohner dem Islam zuzuordnen ist.

Von den 57 Mitgliedsstaaten der OIC sind alle bis auf Palästina3 auch Mitglied der UN. Konsequenterweise dürften sich die Kairoer und die Allgemeine Erklärung der Menschenrecht nicht fundamental widersprechen.

2.3 Menschenrechte in der Diskussion

Wenn über Menschenrechtsverletzungen berichtet wird, sind häufig muslimisch ge- prägte Staaten die Verursacher. Ob hierbei Vorurteile gegenüber dem Islam eine Rolle spielen oder nicht, ist nicht ohne weiteres zu belegen. Tagtäglich wird in vie- len Staaten gegen die Menschenrechte verstoßen. Allerdings gibt es keine Statistik über alle begangenen Menschenrechtsverletzungen weltweit. Diese wird es vermutlich auch nie geben, da hierfür zunächst alle Verstoße identifiziert werden müssten, was unmöglich erscheint.

Auch viele westliche Staaten verstoßen gegen die Menschenrechte. Beispielhaft seien hier Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts oder wegen sexueller Orientierung genannt. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind längst nicht in allen europäischen Ländern anerkannt (Spiegel Online, 2015). Gleiches gilt unter anderem für das Adoptionsrecht. Selbst gegen das wohl wichtigste Menschenrecht, das Recht auf Leben, wird durch staatliche Anwendung der Todesstrafe laut Amnesty International (2015, S.9 f.) in 58 Staaten, darunter die USA, verstoßen. Wie dies mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vereinbar ist wäre ebenfalls interessant zu betrachten, ist aber nicht Bestandteil dieser Arbeit.

Amnesty International unterteilt die 198 untersuchten Staaten in vier Kategorien ein. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick wie die OIC-Staaten im Vergleich zu den übrigen Staaten zur Gesetzmäßigkeit der Todesstrafe stehen.4

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es ist zu erkennen, dass nur 24 Prozent der OIC-Staaten die Todesstrafe vollständig abgeschafft haben. Bei den Nicht-OIC-Staaten beträgt der Anteil 61 Prozent. Mehr als die Hälfte der OIC-Staaten hat die Todesstrafe beibehalten und wendet sie an. Die Abschaffung, bzw. Anwendung der Todesstrafe steht zwar nur für ein einziges Menschenrecht, dies ist allerdings das Elementarste: Das Recht auf Leben. Es scheint nicht ganz unberechtigt zu sein, dass muslimisch geprägte Staaten in der Berichter- stattung zu Menschenrechtsverletzungen häufig eine Rolle spielen.

Im Folgenden werden weniger Praxisbeispiele untersucht, vielmehr sollen die theo- retischen Grundlagen untersucht werden. Im vorherigen Abschnitt wurde bereits erwähnt, dass die Kairoer Erklärung der Menschenrechte auf der Scharia basiert.

Sie ist also wesentlicher Bestandteil der islamischen Menschenrechte und steht daher im Fokus des folgenden Abschnitts.

3 Islam

Im Unterschied zum Christentum gibt es im Islam keine kirchliche Institution, wie beispielsweise den Papst bei den Katholiken, oder gewählte Kirchenvertreter bei der evangelischen Kirche (Ruthven, 1997, S.21). Am ehesten lässt sich der Islam als ein Zusammenschluss von Menschen bezeichnen, die nach den Regeln des Propheten Mohammed (6./7. Jahrhundert) leben. Diese Regeln sind in der Scharia beschrieben. Sie ist das Gesetz des Islam und gilt als göttliches Recht. Bestandteil der Scharia ist unter anderem der Koran. Dieser gilt als direktes Wort Gottes, welches von Mo- hammed verkündet wurde. Der Koran beinhaltet über 6000 Verse, von denen ca. 600 als direkte Gebote und Verbote interpretiert werden können. In der Sunna, welche wesentlich umfangreicher als der Koran ist und ebenfalls Bestandteil der Scharia ist, sind Handlungen und Gewohnheiten des Propheten niedergeschrieben. Die Scharia soll dem Gemeinwohl einer Gesellschaft dienen, mit dem Ziel, eine nach muslimi- scher Auffassung ideale Gesellschaft zu schaffen (Ruthven, 1997, S.106 ff.).

Heinisch und Scholz (2012, S.260) beschreiben die Scharia sehr passend als ”vonGott gegebenen verbindlichen Wegweiser (...), der den Menschen in allen Belangen leiten soll.“ In der Scharia sind sowohl Öffentliches Recht als auch Privat- und Strafrecht geregelt. Da solche Regelungen in Demokratien üblicherweise dem Staat vorbehal- ten sind, liegen hier potentielle Konfliktpunkte, welche im Abschnitt Vereinbarkeit von Menschenrechten und Islam analysiert werden. Die Scharia gilt nach Ruthven ( 1997 , S.103) als ”zeitloseOffenbarungvonGottesWillen“.DieserWillewurdeder Legende nach aber bereits im7.Jahrhundert durch Mohammed verkündet. Durch die strikte Unveränderlichkeit der Scharia wird also im islamischen Recht nach Prin- zipien gehandelt und geurteilt, die ca.1400Jahre alt sind (Heinisch & Scholz,2012, S.260). Zwar gibt es auch im Islam Stimmen, die eine moderne Auslegung der Scha- ria fordern, diese haben aber weitaus weniger Gewicht als solche im Christentum (vergl. Fazit). Dem Islam gehören ca.20Prozent der Weltbevölkerung an (Ruthven, 1997, S.7).

[...]


1 Auf die Beschreibung zusätzlicher (nicht-islamischer) Menschenrechtserklärungen wie beispielsweise der Afrikanischen Charta der Menschenrechte und Rechte der Völker wird hier verzichtet, da sie über das Thema dieser Arbeit hinausgehen.

2 Wenn im Folgenden von Menschenrechten geschrieben wird, ist immer die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UN gemeint. Sofern andere Erklärungen gemeint sind wird hierauf explizit hingewiesen.

3 Beobachterstatus in der UN.

4 Eigene Übersicht, Daten von Amnesty International (2015). Der OIC gehören 57 Staaten an. In der von Amnesty International veröffentlichten Statistik wurden 54 OIC Staaten erfasst.

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668329331
ISBN (Buch)
9783668329348
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v343101
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Wirtschaft
Note
1,7
Schlagworte
vereinbarkeit menschenrechten islam eine analyse

Autor

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Titel: Die Vereinbarkeit von Menschenrechten und Islam