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Sucht im Alter. Möglichkeiten zur Verbesserung der Lebenssituation alkoholabhängiger Menschen unter Einbezug geragogischer Ansätze

Hausarbeit 2016 36 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Alter
1.1 Zu den Begriffen „Alter“ und „Altern“
1.2 Epidemiologie und demografischer Wandel
1.3 Lebenssituation älterer Menschen in Deutschland

2. Alkohol: Konsum und Abhängigkeit
2.1 Zu den Begriffen „Alkoholkonsum“ und „Abhängigkeit“
2.2 Epidemiologie
2.3 Kurzfristige Effekte des Alkoholkonsums

3. Alkoholabhängigkeit im Alter
3.1 Ursachen von Alkoholabhängigkeit im Alter
3.2 Auswirkungen der Abhängigkeit auf ältere Menschen
3.2.1 Perspektive der Betroffenen
3.2.2 Perspektive der Angehörigen
3.3 Gegenwärtige Versorgungsstruktur

4. Geragogische Zugänge im Umgang mit alkoholabhängigen Menschen im Alter
4.1 Begriff und Grundlagen der Geragogik
4.2 Bildungsangebote für alkoholabhängige Menschen im Alter
4.2.1 Biografisches Lernen
4.2.2 Künstlerisch-kulturelle Bildung
4.2.3 Gesundheitsförderung
4.2.4 Intergenerationelles Lernen
4.2.5 Förderung des freiwilligen Engagements
4.3 Bildungsangebote für den Umgang mit alkoholabhängigen Menschen im Alter
4.3.1 Fort- und Weiterbildungen für Professionelle
4.3.2 Angehörigenarbeit

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema Sucht bei älteren Menschen als besondere Herausforderung für die Praxis der Geragogik und Sozialen Arbeit in Deutschland. Das Ziel dabei ist es, im Verlauf der Arbeit aufzuzeigen, mit welchen Aufgaben und möglichen Problemlagen suchterkrankte Menschen im Alter besonders konfrontiert sind und wie die Geragogik als professionelle Instanz möglicherweise Unterstützung bieten kann.

Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, konzentrieren sich die folgenden Ausführungen und Überlegungen auf eine spezifische Substanz: Den Alkohol. Mit einer kaum hinterfragten Selbstverständlichkeit wird Alkohol in fast allen Altersgruppen der Gesellschaft mehr oder weniger regelmäßig konsumiert. Nach Angaben des Drogen- und Suchtberichts 2015 sterben allein in Deutschland rund 74.000 Menschen jährlich an den Folgen und Auswirkungen ihres Alkoholmissbrauchs (vgl. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung 2015, S.15). Zudem beanspruchen fast 90% aller betreuten Menschen in Suchthilfeeinrichtungen diese Hilfe aufgrund von Problemen des Alkoholmissbrauchs oder der Alkoholabhängigkeit (vgl. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. 2015a, S.6). Damit weist der Konsum und Substanzmissbrauch von Alkohol in Deutschland die wohl größte gesamtgesellschaftliche Relevanz auf, wodurch die Fokussierung auf dieser Form der substanzbezogenen Sucht für diese Arbeit naheliegend erscheint.

Anlass für die Bearbeitung dieses Themas ist die scheinbar flächendeckend fehlende Berücksichtigung des hohen Alters in jeglichen Suchtfragen. So sind gemäß des Drogen- und Suchtberichts 2015 etwa 3,4 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren von Alkoholmissbrauch oder -abhängigkeit betroffen, entsprechende Angaben zur Altersgruppe der über 65-Jährigen hingegen fehlen (vgl. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung 2015, S.15). Dies spiegelt sich im selbigen Bericht auch in den aufgeführten Schwerpunkten der Drogen- und Suchtpolitik wider: In zahlreichen nationalen und internationalen Präventionsmaßnahmen werden vorwiegend Schwangere sowie Kinder und Jugendliche als Zielgruppe adressiert, gelegentlich finden sich Projekte für Erwachsene (z.B. Alkohol am Arbeitsplatz). An konkreten Präventionsmaßnahmen für ältere Menschen mit Alkoholerkrankungen mangelt es auch hier.

Vor dem Hintergrund des fortlaufenden demografischen Wandels in Deutschland, welcher einen stetig steigenden Anteil älterer Frauen und Männer in der Bevölkerung bedeutet, ist die Vernachlässigung des hohen Alters in der Auseinandersetzung mit dem Thema Sucht erstrecht unverständlich. Bislang fehlen weitestgehend konkrete statistische Angaben zu Alkoholmissbrauch und –abhängigkeit im Alter; die Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. schätzt jedoch, dass das Trinkverhalten von etwa einem Drittel der Männer und einem Fünftel der Frauen über 65 Jahren deutlich über einen risikoarmen Konsum hinausgeht (vgl. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. 2015a, S.6). Aus diesen Angaben geht hervor, dass der Konsum von Alkohol für zigtausende ältere Menschen eine Gefährdung der Gesundheit und erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität darstellt, von welcher im Zuge des demografischen Wandelns vermutlich in Zukunft noch mehr Menschen höheren Alters betroffen sein werden. Sucht im Alter muss also verstärkt wahrgenommen werden. Dies richtet sich nicht bloß an Drogenpolitik und Suchthilfe, sondern gleichwohl an Angehörige und Betroffene selbst, welche sich zu selten zu ihrer substanzbezogenen Störung bekennen (vgl. Lützenkirchen u.a. 2010, S.123).

In diesem Punkt setzt die vorliegende Ausarbeitung an: In den ersten beiden Kapiteln dieser Arbeit sollen zu Beginn das Alter und die Sucht bzw. der Alkohol hinsichtlich ihrer Begrifflichkeiten, epidemiologischen Daten und wichtigsten Aspekte überschaubar zusammengefasst werden, um ein grundlegendes Verständnis zu schaffen und in das komplexe Thema einzuführen. Kapitel 1 und 2 erfassen die Thematik daher keineswegs vollständig, sondern sind lediglich als kurzer Überblick zu verstehen. Im Anschluss folgt eine Auseinandersetzung mit dem Thema „Alkoholabhängigkeit im Alter“, in welcher zunächst die wichtigsten Gründe und Ursachen für die substanzbezogene Suchterkrankung älterer Menschen erarbeitet und die Auswirkungen des Alkoholmissbrauchs auf ältere Menschen dargestellt werden sollen. Dies soll dazu beitragen, einen Einblick in die Lebenswelten älterer, alkoholabhängiger Menschen zu erhalten. Welchen Herausforderungen stehen alkoholabhängige Menschen im Alter gegenüber? Welche Ressourcen können ihnen dabei helfen, ihre Lebenssituation trotz Suchterkrankung zu bewältigen oder sogar zu verbessern? Wenn diese Fragen letztlich am Ende des dritten Kapitels mit der gegenwärtigen Versorgungsstruktur in Beziehung gesetzt werden, soll es möglich sein, spezielle Bedarfe der Betroffenen aufzudecken.

Das vierte Kapitel knüpft schließlich mit der Frage an, inwieweit die Geragogik als relativ neue Wissenschaft die Möglichkeit hat, diesen Bedarfen zu entsprechen. Denn auch in der geragogischen Praxis finden ältere Menschen mit einer Suchterkrankung nach eigenen Recherchen bislang keine gesonderte Beachtung. Daher soll anhand verschiedener geragogischer Bildungsangebote, wie z.B. intergenerationelles Lernen oder künstlerisch-kulturelle Bildung, exemplarisch erarbeitet werden, ob und inwieweit sich die Geragogik dazu eignet, die speziellen Bedürfnisse der Betroffenen wahrzunehmen und gezielt Unterstützung zu bieten. Hier könnte sich eine Beantwortung der im Titel erfassten Frage ergeben, ob es sinnvoll wäre, geragogische Angebote für diese spezielle Zielgruppe zu entwickeln und in der sozialarbeiterischen und geragogischen Praxis zu implementieren.

Zuletzt sei an dieser Stelle angemerkt, dass in dieser Arbeit neben dem Begriff „Alkoholabhängigkeit“, wie im Titel genannt, auch der Begriff „Alkoholmissbrauch“ genutzt wird. Die Begriffe werden nicht willkürlich oder synonym verwendet, sie bezeichnen aber beide einen riskanten und gesundheitsgefährdeten Konsum von Alkohol. Da diese Begriffe in der einschlägigen Fachliteratur oftmals zusammen angeführt werden, wird dieses Vorgehen für diese Hausarbeit gleichsam gehandhabt. Der Einfachheit halber ist im Titel auf diese Differenzierung verzichtet worden.

1. Alter

1.1 Zu den Begriffen „Alter“ und „Altern“

Die Bevölkerungsgruppe der alten Menschen in Deutschland ist keineswegs homogen zu betrachten; vielmehr ist es notwendig, ihre Heterogenität durch die folgenden begrifflichen Differenzierungen des Alters und Alterns hervorzuheben:

Die Frage, ab wann ein Mensch als „alt“ bezeichnet werden kann, ist nicht ohne weiteres zu beantworten, da die Begriffe „Alter“ und „Altern“ zahlreiche Möglichkeiten zur Herangehensweise umfassen. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird Alter zunächst synonym zum kalendarischen Lebensalter verwendet. Dies ist jedoch für die Belange der Geragogik und Sozialen Arbeit aufgrund von erheblichen intra- und interindividuellen Unterschieden in Alternsprozessen nur wenig bedeutsam (vgl. Bubolz-Lutz u.a. 2010, S.28). Neben dem kalendarischen Alter finden sich in der einschlägigen Fachliteratur zahlreiche weitere Altersbegriffe: Das biologisch-medizinische Alter schließt vor allem den Stand der Entwicklung des menschlichen Organismus, d.h. des Körpers und Nervensystems, ein. Das subjektive Alter (auch: psychologisches Alter) hingegen umfasst die persönliche, subjektive Wahrnehmung und Bewertung des eigenen physischen und psychischen Befindens. Das soziale Alter wiederrum ist stark von gesellschaftlichen Zuschreibungen beeinflusst und spiegelt die Leitbilder vom menschlichen Alter wider, also dessen, was von der Gesellschaft als „alt“ bewertet oder stereotypisiert wird (vgl. Witterstätter 2008, S.30ff.). Ferner kann der Begriff „Alter“ historisch, soziologisch, kulturell oder beispielsweise auch administrativ verwendet werden.

Eine weitere Differenzierung des Alters, welche in Wissenschaft und Praxis stark verbreitet ist, sind die Bezeichnungen des dritten und vierten Lebensalters. Das dritte Lebensalter beginnt in der Regel mit dem Eintritt in die Rente und ist geprägt von einer völligen Veränderung der bisherigen Alltagsstrukturen, dem Suchen der eigenen Identität und neuen Rolle in Familie und Gesellschaft. Das vierte Lebensalter zeichnet sich durch voranschreitenden körperlichen und geistigen Abbau aus, aus dem oftmals Einbußen in der Selbständigkeit folgen, und kann mit dem Verlust des Lebenspartners sowie sozialer Kontakte verknüpft sein (vgl. Lützenkirchen 2010, S.8).

Mit dem Begriff „Altern“ ist zunächst der fortlaufende Prozess des Altwerdens eines jeden Menschen gemeint. Zwar wird mit dem Begriff im Alltagsverständnis häufig körperlicher oder geistiger Abbau assoziiert; genau genommen vollzieht sich das Altern jedoch von Geburt an über die gesamte Lebensspanne hinweg bis zum Tode, schließt also auch die ersten Jahrzehnte des Wachstums und Reifens mit ein. Entscheidend ist, dass der Prozess des Alterns sich überaus heterogen gestalten kann. Wie ein Mensch altert bzw. sein eigenes Altern erlebt, hängt also stark von seinen persönlichen Lebensumständen ab, welche sich z.B. im Einfluss früherer Lebensabschnitte, sozialen Beziehungen oder Persönlichkeitsmerkmalen manifestieren (vgl. Bubolz-Lutz u.a. 2010, S.28).

Die vorangegangen Ausführungen zeigen die Komplexität der einzelnen Begriffe und die damit einhergehende Notwendigkeit eines heterogenen Verständnisses des Alters. Für diese Hausarbeit sowie die übliche geragogische Praxis ist es demnach nicht sinnvoll, ein konkretes Alter festzulegen, ab dem Frauen und Männer als „alt“ gelten. Bei Menschen, die unter einer Suchterkrankung leiden, ist diese ausbleibende Grenzziehung sogar noch notwendiger: Alkoholkranke Menschen altern je nach Beginn der Abhängigkeit stark vor und weisen oftmals eine physische und psychische Konstitution auf, welche von gleichaltrigen gesunden Menschen möglicherweise erst mehrere Jahrzehnte später erreicht wird (vgl. Kutschke 2012, S.47f.).

Im folgenden Kapitel sollen nun die epidemiologischen Daten in Bezug auf alte Menschen in Deutschland dargestellt werden, wobei der Kontext des demografischen Wandels hierbei als entscheidend anzusehen ist.

1.2 Epidemiologie und demografischer Wandel

Als demografischer Wandel wird das gesamtgesellschaftlich und politisch relevante Phänomen bezeichnet, welches innerhalb einer Bevölkerung einen Geburtenrückgang bei gleichzeitiger Verlängerung der durchschnittlichen Lebenserwartung beinhaltet. In Deutschland hat dieses Phänomen innerhalb der letzten Jahrzehnte zu einer starken Alterung der Bevölkerung geführt. Demnach gibt es also – sowohl in absoluten Zahlen, als auch im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung – ein stetes Wachstum „alter“ Menschen. Konkret äußert sich dies wie folgt: Wohingegen derzeit in Deutschland etwa 16 Millionen Menschen über 65 Jahren leben, wird sich diese Zahl verschiedenen Prognosen zufolge bis 2050 verdoppeln, sodass bis dahin rund ein Drittel der Bevölkerung ein Alter von 65 Jahren aufwärts aufweisen wird. In der Gruppe der Hochbetagten über 80 Jahren fällt der demografische Wandel noch deutlicher ins Gewicht: Es ist anzunehmen, dass sich der Anteil der über 80-Jährigen von 5% bis zum Jahre 2050 auf etwa 15% sogar verdreifachen wird. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass eben jene Altersgruppe wohl auch in Zukunft am häufigsten Hilfeleistungen beanspruchen muss, ist es umso fraglicher, wieso weder Gesellschaft, noch Politik entsprechend nachdrücklich auf diese Entwicklung und absehbare Versorgungsproblematik reagieren (vgl. Lützenkirchen 2010, S.12f.).

Ebenso stellt sich die Frage, wie die für die Arbeit mit Älteren bedeutsamen Professionen, wie z.B. Soziale Arbeit und Geragogik, mit den Folgen des demografischen Wandels umzugehen verstehen. Neben den zuvor genannten Versorgungsengpässen stehen ältere Menschen in Deutschland nämlich einer Reihe von weiteren Herausforderungen gegenüber, welche die jeweilige Lebenssituation entscheidend determinieren. Im folgenden Kapitel sollen diese Lebenslagen auszugsweise dargestellt werden.

1.3 Lebenssituation älterer Menschen in Deutschland

Die Lebenssituation älterer Menschen in Deutschland lässt sich selbstverständlich nicht pauschal darstellen; sie kann sich interindividuell stark unterscheiden. Die folgenden Aspekte sollen jedoch die durchschnittlichen Lebenslagen und häufig vorkommenden Bedingungen skizzieren.

Die Lebenssituation eines Menschen setzt sich aus sowohl materiellen, als auch immateriellen Bedingungen zusammen, welche gemäß dem Drogenberater S. Niekrens „die Möglichkeiten der Existenzgestaltung vorgeben“ (Niekrens 2012, S.20). Auf materieller Ebene werden jene Lebensbedingungen zusammengefasst, welche unmittelbar die physische Existenz und den jeweiligen Lebensstandard bestimmen. Darunter fallen u.a. finanzielle Mittel, ausreichend Nahrung und Kleidung sowie die Art der Wohnsituation eines Menschen, wobei der Bezug von Geld, sei es durch staatliche Sicherungsleistungen, Vermögen, eine private Altersvorsorge oder Immobilienbesitz, alle weiteren materiellen Bedingungen maßgeblich beeinflusst. Die materielle Lage steht somit in unmittelbarem Zusammenhang zu biografischen Aspekten einer Person (vgl. ebd. S.21).

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes befinden sich alte Menschen gegenwärtig in einer vergleichsweise guten Position: nur etwa 14% der Menschen ab 65 Jahren gelten als armutsgefährdet; diese Quote ist geringer als die Armutsgefährdung in der Gesamtbevölkerung Deutschlands mit 15,6%. Auffällig sind jedoch die geschlechtsspezifischen Unterschiede: Der Anteil der armutsgefährdeten Frauen über 65 Jahren liegt über dem Bundesdurchschnitt, der Anteil der Männer in derselben Altersgruppe hingegen weit darunter (vgl. Statistisches Bundesamt 2012, S.156).

Neben der materiellen Ebene sind auch immaterielle Ressourcen für die Lebenslagen alter Menschen entscheidend. Die wichtigsten immateriellen Faktoren lassen sich in Gesundheit, Bildung und sozialen Beziehungen zusammenfassen. Die gesundheitliche Konstitution steht im engen Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit sowie der zukünftigen Lebensgestaltung. Im Alter treten vermehrt chronische Erkrankungen, Multimorbidität und Multimedikation auf, welche eine erhebliche Verringerung körperlicher Funktionen sowie der Selbständigkeit mit sich bringen können. Da jedoch lediglich etwa 20% der 70-85-Jährigen ihren eigenen Gesundheitszustand als schlecht beurteilen, wird deutlich, dass die subjektive und objektive Wahrnehmung der Gesundheit stark auseinanderfallen kann (vgl. Niekrens 2012, S.27).

Abgesehen von gesundheitlichen Faktoren spielt Bildung (im Alter vorwiegend als informelle und identitätsstiftende Bildung zu verstehen) eine immense Rolle hinsichtlich immaterieller Lebenslagen alter Menschen. Bildung und Lernen haben samt offenkundiger Förderung kognitiver Kompetenzen den positiven Nebeneffekt, gleichsam die Selbständigkeit, Zufriedenheit, Fähigkeit zur Alltagsbewältigung und das Selbstbewusstsein zu steigern (vgl. ebd. S.25). Damit nimmt Bildung im Alter einen massiven Stellenwert zum Erhalt der Lebensqualität ein.

Zuletzt soll an dieser Stelle der immaterielle Faktor der sozialen Beziehungen angeführt werden. Mit steigendem Alter scheinen Menschen tendenziell weniger sozial eingebunden zu sein, oft folgen Gefühle der Einsamkeit, Nutzlosigkeit, Unsicherheit. Allerdings besteht weitgehend Konsens darüber, dass die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte maßgeblich zum inneren Gleichgewicht alter Menschen beitragen kann. So kommt der Familie eine entscheidende Unterstützungsfunktion hinsichtlich vorhandener Sicherheits- und Pflegebedürfnisse zu; Freundschaftsbeziehungen hingegen haben häufig soziale Anerkennung und Motivation zur Freizeitgestaltung zur Folge und ermöglichen den Ausdruck und Austausch von Emotionen (vgl. ebd. S.28f.).

Die Ausführungen bilden nur einen kleinen Teil der Lebenswelten alter Menschen in Deutschland ab. Für Menschen im Alter, welche zusätzlich unter einer Alkoholabhängigkeit leiden, gestalten sich die Lebensbedingungen durch das Hinzukommen krankheitsbedingter Faktoren absehbar schwieriger (siehe dazu Kapitel 3). Im nachstehenden Kapitel soll jedoch zunächst ein kurzer Überblick über den Konsum und die Abhängigkeit von Alkohol gegeben werden.

2. Alkohol: Konsum und Abhängigkeit

2.1 Zu den Begriffen „Alkoholkonsum“ und „Abhängigkeit“

Die Abgrenzung eines „normalen“ Konsums von Alkohol und einem gesundheitsschädlichen Missbrauch oder einer Abhängigkeit geschieht nicht immer einheitlich, da die Übergänge zwischen den einzeln definierten Konsumklassen meist nicht klar voneinander zu trennen sind. Dennoch sollen an dieser Stelle die in der Fachliteratur gängigen Definitionen Klarheit darüber bringen, wie das individuelle Risiko einer alkoholbedingten Erkrankung eingeschätzt werden kann.

Der alltägliche, gesundheitlich weitgehend unproblematische Konsum von Alkohol wird auch als „risikoarmer“ Konsum bezeichnet. In diese Kategorie fallen Männer, die täglich bis maximal 24g Reinalkohol zu sich nehmen; die Grenze für einen risikoarmen Konsum unter Frauen ist nur halb so hoch. Die Bezeichnung „risikoarm“ verdeutlicht dabei jedoch zweifelsohne, dass der Konsum von Alkohol niemals gänzlich risikofrei sein kann. Erhöht sich der Alkoholkonsum auf bis zu 60g Reinalkohol bei Männern und 40 g bei Frauen, handelt es sich bereits um „riskanten“ Konsum. Verdoppelt sich die tägliche Alkoholmenge auf bis zu 120g bzw. 80g Reinalkohol, ist von „gefährlichem“ Konsum die Rede. Alle darüber hinausgehenden Mengen täglichen Alkoholkonsums werden als „Hochkonsum“ bezeichnet (vgl. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. 2013, S.15).

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Details

Seiten
36
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668321168
ISBN (Buch)
9783668321175
Dateigröße
844 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v342962
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
1,3
Schlagworte
soziale arbeit Sucht Alter Geragogik Alkohol Alkoholabhängigkeit Alkoholmissbrauch Prävention

Autor

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