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Groß- und Kleinschreibung im Deutschen und im Spanischen. Vergleich zwischen dem amtlichen Regelwerk des Deutschen (2016) und der Rechtschreibreform des Spanischen (2010)

Essay 2015 10 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Prinzipien der Groß- und Kleinschreibung in der deutschen und in der spanischen Sprache

3. Großschreibung nach bestimmten Satzzeichen

4. Großschreibung bei substantivischen Wortgruppen

5. Großschreibung bei Eigennamen

6. Titel und Berufsbezeichnungen

7. Großschreibung im Wortinnern

8. Abweichungen: Werbung und digitale Medien

9. Zusammenfassende Schlussbetrachtungen

10. Bibliographie

1. Einleitung

Das amtliche Regelwerk für die deutsche Sprache geht in seiner Anlage und Form auf die reformierten Rechtschreibungen von 1996 zurück. Diese wurde in ihren Regelungen im Jahre 2006 geändert, als auf Vorschlag des Rats für deutsche Rechtschreibung (Rechtschreibrat) größere Modifikationen in einigen Bereichen u. a. Teilen der Groß- und Kleinschreibung vorgenommen wurden. Der Rat für deutsche Rechtschreibung legte 2017 das amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung in aktualisierten Fassung vor. Mit seinen beiden Teilen Regelteil und Wörterverzeichnis berücksichtigt es die im Bericht des Rats für deutsche Rechtschreibung über die Wahrnehmung seiner Aufgaben in der Periode 2011 bis 2016 angeführten Veränderungen und setzt sie um. Das amtliche Regelwerk von 2016 ersetzt das von 2006 / 2010.

Die Orthografiereform der spanischen Sprache fand 2010 statt und basiert auf dem Regelwerk von 1999. Es wurde unter Mitarbeit der 22 Sprachakademien in Spanien, Lateinamerika, den Vereinigten Staaten und den Philippinen verfasst und unter dem Titel Ortografía de la lengua española [1] veröffentlicht. Ein wichtiges Ziel dieser Reform ist die Bewahrung der sprachlichen Einheit. Durch diese enge Zusammenarbeit, die sich vielmehr deskriptiv als normativ versteht, konnte bisher die Spaltung der spanischen Sprache verhindert werden, wie sie für das Portugiesische in Brasilien und Portugal zu konstatieren ist. Zudem wurde 2010 von den o. g. Sprachakademien eine Grammatik für den spanischsprachigen Raum veröffentlicht, die gleichzeitig mit der neuen Rechtschreibung erschien.

Thema dieses Essays ist der Vergleich der beiden o. g. Regelwerke. Sie traten innerhalb der letzten sieben Jahre in Kraft und verursachten energische Reaktionen, besonders in den Feldern des Journalismus, der Belletristik und der Didaktik des Deutschen und des Spanischen. Der Bereich der Groß- und Kleinschreibung wird sowohl im amtlichen Regelwerk als auch in der Ortografía behandelt, aber oft von der Fremdsprachendidaktik vernachlässigt. Dabei erweist sich die Groß- und Kleinschreibung sowohl auf Deutsch als auch auf Spanisch als komplex und aspektreich. Ein allgemeiner Vergleich mit Schwerpunkt auf den wichtigsten Unterschieden soll den erwachsenen Deutschlernenden mit Spanisch als Muttersprache den Erwerb der wichtigsten Prinzipien der Groß- und Kleinschreibung erleichtern.

2. Prinzipien der Groß- und Kleinschreibung in der deutschen und in der spanischen Sprache

Im Deutschen gibt es zwei Prinzipien für die Großschreibung: „Ein Wort wird großgeschrieben, wenn es zu einer bestimmten Wortart (Substantiv, bestimmte Anredepronomina und Possessiva wie z. B. die Höflichkeitsformen Sie, Ihnen, Ihr) gehört“ (Eisenberg et al. 2011:428). Dies existiert nicht im Spanischen: Substantivische Wortgruppen werden in der Regel kleingeschrieben. Ausnahmen sind Eigennamen und die Höflichkeitsform der Sie-Form in ihrer Abkürzung im Singular: usted -> Ud. / Vd. und Plural: ustedes -> Uds. / Vds. (Blecua et al. 2012:113-115).

Dagegen ist das zweite Großschreibungsprinzip in beiden Sprachen vorhanden: „Außerdem wird ein Wort großgeschrieben, wenn es am Anfang bestimmter Einheiten (Sätze, Überschriften usw.) steht oder bestimmten Satzzeichen folgt.“ (Eisenberg et al. 2011:428). Die Unterscheidung zwischen Eigennamen (nombre propio) und Appellativa (nombre común) ist die wichtigste Funktion der Großschreibung im Spanischen (Blecua et al. 2012:115).

3. Großschreibung nach bestimmten Satzzeichen

Im Wesentlichen weichen die Großschreibungsprinzipien nach Anführungs-, Frage-, Ausrufezeichen, Gedankenstrichen, Klammern und Semikolon in der deutschen und spanischen Rechtschreibung nicht voneinander ab. Nach einem Doppelpunkt schreibt man das erste Wort einer direkten Rede sowohl im Deutschen als auch im Spanischen groß. Falls das Zitat mit drei Punkten anfängt, ist Kleinschreibung erforderlich. Der deutschen Rechtschreibung gemäß werden selbständige Sätze nach Doppelpunkt auch großgeschrieben. Hier weicht die spanische Norm ab: Nach Doppelpunkt wird in der Regel kleingeschrieben, Ausnahmen lassen sich lediglich bei Anzeigen oder bei Unterüberschriften in Dokumenten finden (Blecua et al. 2012:114f.).

4. Großschreibung bei substantivischen Wortgruppen

Im 18. Jahrhundert wurde die Großschreibung von Substantiven in der deutschen Sprache zur Regel. Laut Müller (2010:69) stellt die deutsche satzinterne Großschreibung „im Gegensatz zur Schreibung von Eigennamen, Anredepronomen und Satz- und Textanfängen an Lernende große Herausforderungen“. Dieses Problem existiert im Spanischen nicht, da nur diejenigen substantivischen Wortgruppen großgeschrieben werden, die als Eigennamen fungieren (siehe 5.). Substantivierte Adjektive, Partizipien und Infinitive werden stets kleingeschrieben, wenn sie nicht am Anfang eines Satzes stehen. Gerade dieser Unterschied bereitet Lernenden mit Spanisch als Muttersprache Schwierigkeiten. Um diese Erschwernisse zu überwinden, sollten sich die Deutschlernenden das Prinzip der Großschreibung bei substantivischen Wortgruppen bewusst machen, indem die syntaktische Funktion der Wörter im Satz im Lernprozess immer wieder analysiert und thematisiert wird, besonders im Falle der Abstrakta und der substantivierten Verben und Adjektive. Ebenso wichtig ist die schriftliche Anwendung dieses Prinzips im Unterricht oder bei Hausaufgaben.

5. Großschreibung bei Eigennamen

Die wichtigsten Abweichungen bei Groß- und Kleinschreibung in den aktuellen deutschen und spanischen Regelwerken befinden sich unter diesem Punkt – trotz der Tatsache, dass das Großschreibungsprinzip von Eigennamen in beiden Sprachen vorhanden ist. Problematisch ist der Begriff von Eigennamen in beiden Grammatiken.

Sowohl im Deutschen als auch im Spanischen werden Eigennamen von Menschen getragen. Personennamen, verstanden als „Ruf- oder Vornamen, Familiennamen, Namen der Bewohner von Siedlungen und Ländern, Völker- und Stammesnamen“ (Eisenberg et al. 2011:261) werden auf Deutsch großgeschrieben. Im Spanischen dagegen nur Vor-, Nach- und Familiennamen z. B. Carlos, Pérez, los Montoya … Aber: die Sorbenlos sorbios, die Israelislos israelíes, die Roma – los gitanos … Die Namen der Bewohner von Siedlungen und Ländern, Völker- und Stammesnamen werden also von der spanischen Grammatik nicht als Eigennamen betrachtet.

In der deutschen Sprache werden Eigennamen auch von Örtlichkeiten getragen, die wichtig genug sind, um individuell bezeichnet zu werden. Nach dem amtlichen Regelwerk von 2016 (§59 u. §60, S. 67f.) sind dies Namen von Erdteilen, Ländern, Staaten, Verwaltungsgebieten und dergleichen, Städten, Dörfern, Straßen, Plätzen und dergleichen, Landschaften, Gebirgen, Wäldern, Wüsten, Fluren und dergleichen, Meeren, Meeresteilen, Flüssen, Inseln, Küsten und dergleichen; sie müssen deswegen auf Deutsch großgeschrieben werden. Diese Regel kann im Spanischen nach der neuen Rechtschreibung bei Straßen- und Gebäudenamen abweichen: der Hauptplatz – la plaza Mayor, der Eiffelturm – la torre Eiffel, alternativ la Torre Eiffel … Auch Namen der Gestirne und Sternbilder sind Eigennamen: Mars – Marte, die Milchstraße – la Vía Láctea. Jedoch werden die Wörter Tierra (Erde), Sol (Sonne) und Luna (Mond) lediglich im Kontext der Astronomie großgeschrieben. Als Eigennamen fungieren in beiden Sprachen bestimmte Verkehrsmittel wie Schiffsnamen (z. B. Titanic) oder Flugzeugtypen (Airbus A350) sowie künstlerische und publizistische Werke (Namen von Kunstwerken, Kompositionen, Büchern, Zeitungen …), wobei im Spanischen in der Regel nur das erste Wort großgeschrieben wird, wenn es sich nicht um Eigennamen handelt: Hundert Jahre Einsamkeit – Cien años de soledad

Historische Ereignisse werden im Deutschen als Eigennamen betrachtet. Dies geschieht nicht immer im Spanischen. Laut der Rechtschreibreform von 2010 werden lediglich wichtige historische Ereignisse großgeschrieben, die Zeitabschnitte eröffnen (z. B. die Gegenreformation – la Contrarreforma, der Kalte Kriegla Guerra Fría). Wenn es sich um punktuelle historische Ereignisse handelt, sind sie kleinzuschreiben: die Belagerung von Stalingrad – el sitio de Stalingrado, die Erstürmung der Bastille – la toma de la Bastilla [2]. Dieses Kriterium erweist sich hier als problematisch, weil die Relevanz eines historischen Ereignisses nicht objektiv gemessen, sondern nur interpretiert werden kann. Außerdem ist nicht unmittelbar klar, wann ein Ereignis einen Zeitabschnitt in der Geschichte eröffnet (beispielsweise betrachten einige Historiker die Erstürmung der Bastille als den Anfang der Französischen Revolution, der neuen Ortografía gemäß soll sie aber kleingeschrieben werden). Auch Kriege und Schlachten sollten mit Ausnahme der beiden Weltkriege (Primera / Segunda Guerra Mundial) kleingeschrieben werden: der Hundertjährige Krieg – la guerra de los Cien Años). Der Grund dafür wird im spanischen Regelwerk nicht erklärt, dem Schreibenden bleibt also unklar, ob diese Regel ein Produkt der Willkür ist oder vielleicht eine Konzession an die englische Sprache (World War I / WWII). Interessant ist auch die spanische Schreibregel für Reichs- und Revolutionsnamen. Gemäß dieser Vorschrift sind Eigennamen von Revolutionen und Reichen großzuschreiben, wenn keine Volksbezeichnungen erscheinen: die Industrielle Revolution – la Revolución Industrial, aber: die Französische Revolution – la Revolución francesa. Industrial und francesa fungieren im Spanischen als Adjektive, daher sollten sie nicht großgeschrieben werden (siehe 1). Bei dieser Regel fragt sich der Schreibende, warum Völkerbezeichnungen bei Namen von Reichen und Revolutionen kleinzuschreiben sind, obwohl sie Teil des Eigennamens sind. Eine Erklärung ist in der Ortografía auch nicht zu finden (Blecua et al. 2012:123).

Bei Eigennamen als Kombination von Substantiven und Adjektiven gibt das aktuelle amtliche Regelwerk (§59 u. §60, S. 67f.) eine klare, einfache Regel vor: „In mehrteiligen Eigennamen mit nichtsubstantivischen Bestandteilen schreibt man das erste Wort und alle weiteren Wörter auβer Artikel, Präpositionen und Konjunktionen groβ“. Diese bezieht sich auf das Regelwerk von 2006 / 2010: “In bestimmten substantivischen Wortgruppen werden Adjektive großgeschrieben, die fest mit dem Substantiv verbunden sind. Das gilt vor allem für Eigennamen (Schwarzes Meer, Hohe Tatra), aber auch für Titel und Ehrenbezeichnungen (Heiliger Vater, Regierende Bürgermeisterin) sowie für besondere Kalendertage (Heiliger Abend, Erster Mai)“ (Eisenberg et al. 2011:434f.). Bei Benennungen für besondere Anlässe und Kalendertage kann nach dem amtlichen Regelwerk von 2016 groβ- oder kleingeschrieben werden: die goldene / Goldene Hochzeit, das neue / Neue Jahr (§63, S. 72).

Die Ortografía macht dagegen bestimmte Unterscheidungen. Bei geografischen Bezeichnungen sollen die Substantive, die an sich keine Eigennamen sind, kleingeschrieben werden: Hohe Tatra – Alto Tatra, aber: Schwarzes Meer – mar Negro [3]. Wochentage, Monate und Jahreszeiten werden im Spanischen nicht als Eigennamen betrachtet und werden deswegen kleingeschrieben. Ausnahmen sind besondere Kalendertage wie Heiliger Abend – Nochebuena, der Erste Mai – el Primero de Mayo

[...]


[1] Ab hier Blecua et al. (2012).

[2] „[Se escriben con mayúscula inicial] los sustantivos y adjetivos que forman parte de la denominación de acontecimientos históricos relevantes que dan nombres a determinados periodos [...]. Si se trata de acontecimientos puntuales, que no dan nombre a periodos históricos, no debe emplearse la mayúscula, salvo en los nombre propios: el motín de Esquilache, la toma de la Bastilla...” (Blecua et al. 2012:123).

[3] Zu dieser Regel gibt es zwei Ausnahmen: Wenn das Substantiv eine Bedeutung trägt, die der geografischen Bezeichnung nicht entspricht (z. B. Mar del Plata ist eine argentinische Stadt und kein Meer), und wenn der Eigenname keinen Artikel erfordert: Als Beispiel gelte die spanische Übersetzung für Kapstadt Ciudad del Cabo, ohne Artikel: *la Ciudad del Cabo (vgl. Blecua et al. 2012:127-128).

Details

Seiten
10
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668497542
ISBN (Buch)
9783668497559
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v342954
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Deutsches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
deutsche Orthografie Kleinschreibung Grossschreibung reforma ortográfica del español 2010 uso de mayúsculas y minúsculas estudio comparativo ortográfico alemán- español

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Titel: Groß- und Kleinschreibung im Deutschen und im Spanischen. Vergleich zwischen dem amtlichen Regelwerk des Deutschen (2016) und der Rechtschreibreform des Spanischen (2010)