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Wie schnell kann es gehen? Chancen und Risiken für systemische Beratung im pädagogischen Kontext in der sich beschleunigenden Gesellschaft

Masterarbeit 2016 78 Seiten

Ada Pädagogik / Erziehung / Beratung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung – systemische Beratung bei gesteigertem Lebenstempo

2. Ziel und Fragestellung dieser Arbeit

3. Herangehensweise zur Beantwortung der Forschungsfrage

4. Definitionen und Theoriegrundlage/ Methodologie
4.1 Ausschnitte aus Theorien zu systemischer Beratung
4.1.1 Der (radikale/ operative) Konstruktivismus
4.1.2 Kybernetik und Kybernetik zweiter Ordnung
4.1.3 Die neuere Systemtheorie (nach Niklas Luhmann)
4.2 Beschleunigung und Entfremdung nach Harmut Rosa

5. Zeitmangel der zu Beratenden und des Beraters – Motivationen und Wünsche

6. Geschwindigkeitsbremsen und -grenzen in der systemischen Beratung: Risiken

7. Beschleunigung systemischer Beratung: Chancen?

8. Resonanz und Entfremdung im Ungleichgewicht – Rückschlüsse auf die Anschlussfähigkeit
8.1 Resonanz
8.2 Entfremdung
8.3 Resonanz, Entfremdung und Beschleunigung

9. Resonanz um jeden Preis?

10. Fazit

11. Literaturverzeichnis

12. Anhänge

Hinweis: der Einfachheit halber verzichte ich weitestgehend auf gender- korrekte Schreibweisen, wie:„…hierbei ist es wichtig für den Berater bzw. für die Beraterin auf den zu Beratenden bzw. die zu Beratende einzugehen…“.Alle Leser sollen sich zu gleichen Teilen angesprochen fühlen.

1. Einleitung – systemische Beratung bei gesteigertem Lebenstempo

Das Lebenstempo steigert sich. Wohin man sieht und hört, überall stehen die Zeichen auf Beschleunigung und Wandel. So stellte z.B. das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) jüngst in einer Studie fest, dass Arbeitnehmer in Deutschland immer mehr Überstunden leisten (rund 1813 Millionen im vergangenen Jahr), davon mehr als die Hälfte unbezahlt.[1]Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Sabine Zimmermann, bezeichnet hierbei Überstunden als ein Spiegelbild von Arbeitsverdichtung und zunehmendem Stress. Der gleichen Arbeitssituation sind Lehrer, Polizisten oder Beschäftigte in sozialen Berufen etc. ausgesetzt, wie in diversen weiteren Studien nachgewiesen wurde.[2][3]Kein Wunder, dass besonders Eltern, die beide berufstätig sind, unter der Belastung durch Zeitstress leiden. Aber auch Schüler und Studenten fühlen sich bereits von der Zeitknappheit betroffen.

Der Führerschein kann innerhalb von vier Wochen als Intensivkurs schon im Alter von 17 Jahren begonnen werden, das Abitur umfasst nur noch 12 anstatt 13 Stufen. Auch andere Bildungsabschlüsse werden inhaltlich verdichtet und zeitlich verkürzt, wie sich anhand der Bachelor- und Masterstudiengänge beobachten lässt: „Der zeitliche Horizont ist deutlich kürzer geworden, weil sie im Prinzip nur sechs Semester bis zum Bachelor haben. Quasi eine Halbierung der Studienzeit. Die Zahl der Veranstaltungen ist angestiegen, die Studierende heute belegen müssen. Und alles ist viel genauer getaktet und durchgeplant. Eine Kürzung und weit stärkere Regulierung lässt sich in jedem Fall beobachten.“[4]

Im Bereich der technischen Entwicklungen wird auf Multitasking-Fähigkeit und Geschwindigkeit gesetzt; das moderne Smartphone beinhaltet nicht nur beispielsweise das Mobiltelefon, sondern versendet zudem E-Mails, ermöglicht Zugang zu sozialen Netzwerken wie Facebook und Xing und hilft, sportliche und andere Aktivitäten zeitlich zu optimieren. Die Erreichbarkeit insgesamt nimmt zu – stressauslösend vor allem für viele Arbeitnehmer.

Moderne Glasfaserkabel – kontinentübergreifend in den Ozeanen verlegt – werden u.a. dazu genutzt, den sogenannten „Hochfrequenzhandel“ in der Finanzwelt noch weiter zu beschleunigen. Geschwindigkeit ist hier der entscheidende Faktor für Gewinn. Dieser Entwicklung ließe sich wahrscheinlich nur durch internationale gesetzliche Maßnahmen entgegenwirken, wenn es gewünscht würde.

Auch der soziale Wandel wird beschleunigt. Stabil gedachte Institutionen, wie z.B. die Ehe, überdauern zunehmend nicht mehr eine Lebensspanne. „In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Ehescheidungen nach einer Ehedauer von 26 und mehr Jahren von 14 300 (1993) auf 24 800 fast verdoppelt.“[5]Innerhalb eines Lebens finden vermehrt soziale Umbrüche statt, die Gefühlen von Kontinuität und Verlässlichkeit entgegenwirken.

Die Zeit, die zur Verfügung steht, bleibt hierbei gleich, jedoch werden immer mehr Handlungsepisoden in diese gleichbleibende Zeitspanne gepresst, da Zeit als Ressource begriffen wird, die es einzusparen gilt. Wer schneller auf dem Weg zum Ziel ist, hat einen Vorteil gegenüber seinen Mitmenschen. Wer flexibler reagiert, anpassungsfähiger ist, kann sein Ziel eher erreichen. Die Gesellschaft braucht im Wettbewerbsdruck Wachstum durch Beschleunigung. Diese Aussage wurde in jüngster Zeit populär gemacht u.a. durch den Soziologen Prof. Dr. Hartmut Rosa, der sich intensiv mit dem Thema Zeit und Gesellschaft auseinandergesetzt hat. Rosa erarbeitete hierbei systematisch, durch welche Faktoren die Gesellschaft beschleunigt und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Seine Forschung führte ihn zu der These, dass sich unsere Gesellschaft zunehmend beschleunige, dies aber auch müsse, um überhaupt noch ihren Status Quo erhalten zu können; denn Beschleunigung, sowie sich erhöhendes Lebenstempo, seien dem Gesellschaftssystem immanent und nicht die Folge falschen Zeitmanagements oder anderer Optimierungsfehler. Diese These kann sicher angegriffen und dem Falsifikationsversuch unterzogen werden; jedoch soll mit der vorliegenden Arbeit der Versuch unternommen werden, vor dem Hintergrund von Rosas Gedanken ein Gebiet zu betrachten (unter der Prämisse, dass seine These richtig ist), das in einer sich beschleunigenden Gesellschaft immer wichtiger wird und das von pädagogischem Denken und Handeln durchzogen ist – die systemische Lebensberatung.

Berater haben es immer mehr mit Hilfesuchenden zu tun, die - wie eingangs angedeutet - gestresst und ausgebrannt sind, und das Sinnhafte in ihrem Leben durch die Verflüchtigung der stabilen Verhältnisse nicht mehr erkennen. Der spürbare Leistungsdruck in Unternehmen oder im Sport etc. führt dazu, dass Menschen vermehrt unter psychischen oder physischen Beschwerden leiden und in der Bewältigung ihrer Aufgaben zu versagen glauben. Der Druck wird verstärkt durch das allgemein bestehende Vorurteil, dass psychosomatische Erkrankungen als persönliche Schwäche des Betroffenen zu werten und seine Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit dadurch stark eingeschränkt sind. Leistungsfähigkeit schließlich ist der Bewertungsfaktor, der über Anerkennung oder Ablehnung oder auch Sein oder Nichtsein im Beruf entscheidet. Diese existentielle Bedrohung führt bei manchen Menschen zu Kurzschlusshandlungen, die im Suizid enden. Prominentes Beispiel dafür war vor ein paar Jahren der Tod eines bekannten Fußballspielers, der offensichtlich alles erreicht hatte und dessen Schicksal plötzlich die Dringlichkeit dieses Themas ins allgemeine Bewusstsein rief.

Ausgelöst durch diesen Druck, der auf ihren Klienten lastet, sehen sich Berater aber auch immer häufiger der Aufgabe gegenüber, Ihren Klienten umgehend zu helfen, damit diese „Schwächen“ (wie psychische oder physische Störungen) behoben bzw. in ihrem privaten und/oder beruflichem Umfeld gar nicht erst bemerkt werden. Nicht nur die Beratung selbst sollte möglichst sofort beginnen, auch der Beratungsprozess sollte möglichst zügig vonstattengehen; wer in einer Krise schneller beraten wird, kann sein Problem voraussichtlich schneller lösen und es besser vor z.B. seinen Kollegen verbergen. Sind in einem Team oder einer Sport-Mannschaft etc. mehrere Mitglieder davon betroffen, kann unter Umständen durch gestraffte Beratung des Einzelnen einerseits schnellere Einsatzfähigkeit wiedererlangt oder zum anderen auch ein Vorteil gegenüber einem Teamkollegen/Sportkameraden erreicht werden. Und der Berater selbst? Strafft er seine Beratung zeitlich und inhaltlich, kann er zum einen mehr Personen beraten, zum anderen kann er diesen Pluspunkt als Werbung für sich nutzen und mehr Kunden akquirieren.

Davon ausgehend, dass sich die Gesellschaft nach Rosa zunehmend beschleunigt, also deren Institutionen, Organisationen, Ökonomie, die Arbeitswelt etc., aber eben auch Individuen – mit welchen Problematiken, Bedürfnissen und Anforderungen müsste Beratung verstärkt umgehen? Und welche Gefahren könnten sich für Beratungsprozesse ergeben, wenn sie zeitlich immer stärker gestrafft würden? Wie attraktiv wäre hierbei noch der systemische Gedanke, wenn hierarchische Fachberatungen und Trainings mit klaren Handlungs- und Verhaltensanweisungen doch zu einer Zeitersparnis für Menschen führen sollten? Andersherum gefragt: wie kann systemische Beratung auf den Druck der Beschleunigung reagieren und was gibt es argumentativ anzuführen für eine systemische Haltung in der Kommunikation?

Systemische Beratung geht von gewissen Prämissen aus, und stellt Fragen - z.B., wie sich Realität gestaltet, was erkannt werden kann und was gezielt beeinflussbar ist. Die systemische Arbeit stützt sich auf systemtheoretische Gedanken, die in Punkt 4 besprochen werden. Ist diese systemische Arbeit nun, wie alles andere innerhalb der Gesellschaft, von einer Beschleunigung erfasst, wie Rosa den Zustand beschreibt - und welcher in Punkt 5 erörtert wird - lässt sich die Frage stellen, ab welcher zeitlichen Optimierung der einzelnen Sitzungen Beratung ihr Ziel, Menschen zu helfen, verfehlt. Herausgearbeitet werden soll, was gelingende Beratung voraussetzt und welche Chancen, aber auch Risiken sich bei zunehmender Beschleunigung von Beratung ergeben. Hierzu die Punkte 6 und 7.

Schließlich soll erarbeitet werden, welche „Brücken“, d.h. Verbindungen, die zwischen Berater und zu Beratendem und zwischen Berater, zu Beratendem und der Beratung bestehen, abbrechen können, und als Folge dessen Beratung nicht mehr gelingt. Gesucht wird nach Verbindungen, die von Beschleunigungstendenzen beeinflusst werden. Gefunden werden diese Verbindungen in Rosas Resonanzthematik, welche in Punkt 8 besprochen wird.

2. Ziel und Fragestellung dieser Arbeit

Erstes Ziel dieser Arbeit ist es, systemische Beratung vor dem Hintergrund der Beschleunigungstheorie Hartmut Rosas zu betrachten.

Zweites Ziel soll das Benennen und Verorten von Chancen und Risiken für die systemische Beratungsform sein, die sich aus einer beschleunigenden Gesellschaft ergeben.

Drittes Ziel ist es, Grenzen in der zeitlichen Straffung (Beschleunigung) der Beratungstätigkeit aufzuzeigen, durch die systemische Beratung nicht mehr gelingt, bzw. – wenn diese Grenzen nicht genau benannt werden können – herauszustellen, welche Faktoren einer gelingenden systemischen Beratung durch die Verknappung der Beratungszeit und damit einhergehend Verflachung der Beratungsprozesse in Mitleidenschaft gezogen werden, was dann zu einem Misslingen von systemischer Beratung führen kann.

3. Herangehensweise zur Beantwortung der Forschungsfrage

Es handelt sich bei dieser Ausarbeitung um eine theoretische Arbeit in Abgrenzung zu einer empirischen Arbeit. Ich möchte die Forschungsfrage mit Hilfe bestimmter Theorieausschnitte aus der systemischen Beratung und der Zeitsoziologie Hartmut Rosas beantworten, um einen logisch konstruierten Ausblick geben zu können. Im Hinblick auf die Formalien dieser Arbeit orientiere ich mich an dem Buch: „Die Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten“ von Matthias Karmasin und Rainer Ribing.

4. Definitionen und Theoriegrundlage/ Methodologie

Um mögliche Einflussnahmen der Beschleunigungstheorie Rosas auf Beratungsformen zu betrachten, möchte ich zunächst die zentralen BegriffeBeratung,systemische BeratungundBeschleunigungdefinieren.

Beratung– Zunächst ist festzustellen, dass ‚Beratung‘ und ‚Berater‘ als Begriffe in Deutschland nicht geschützt sind.[6]Jede Person kann sich legal als Berater bezeichnen, dies gibt keine Auskunft über besondere Fachkompetenzen. Dementsprechend vielfältig ist auch das Angebot an Definitionen der Begriffe. Es gibt zudem viele Beratungsformen, beispielsweise Berufsbegleitung, Bewerbungsberatung, Coaching, Karriereberatung, Mediation, Mentoring, Orientierungsberatung, Outplacement-Beratung, Profiling und Supervision. Der Vorschlag für die Entwicklung einer Arbeitsdefinition ist an dieser Stelle, zu versuchen, Beratungsformen in übergeordnete Kategorien einzuordnen und den Beratungsbegriff somit zu verdichten.

Univ.-Prof. Dr. med. Fritz B. Simon unterscheidet zunächst zwischen Fachberatung und Prozessberatung. Als Kriterium für diese Unterscheidung zieht er die verschiedenen, aus der neueren soziologischen Systemtheorie nach Niklas Luhmann stammenden Sinndimensionen von Kommunikation heran – die Sachdimension, die Sozialdimension und die Zeitdimension, wobei die Sachdimension - also Sachfragen - in der Fachberatung im Vordergrund stehen.[7]Simon deutet zudem an, dass die Einheit der Differenz Wissen/Nichtwissen die (im Verständnis Luhmanns gebrauchte) Form der Fachberatung ist. Ein Ratsuchender tritt an einen Berater heran, welcher über ein höheres Maß an Fachwissen verfügt, als der Ratsuchende selbst zu einem speziellen Thema hat. Der Schluss legt nahe, und so wird es auch in Simons Buch beschrieben, dass die Beziehung der beiden Bewusstseinssysteme mit den Worten Watzlawicks komplementär ist. Als Fachberatung können gelten: Beratungen durch Steuerberater, IT-Berater oder auch Bewerbungsberater etc. Simon gibt hierbei zu bedenken, dass eine absolut aus Inhaltsebene bestehende Beratung in der Praxis wahrscheinlich gar nicht vorkommt. In jeder Kommunikation lassen sich alle Luhmann‘schen Sinndimensionen finden, nur stehen bestimmte Dimensionen – zumindest intendiert – zunächst im Vordergrund. In der Fachberatung steht also die Sachdimension vor der Sozial- und Zeitdimension des jeweiligen Themas, was nicht bedeutet, dass diese beiden Dimensionen keine Rolle spielen.[8]Während der Berater auf seinem Fachgebiet der Experte ist, ist es der Ratsuchende in Bezug auf seine Ziele. In einem Baumarkt wendet sich der Ratsuchende, der Kunde, mit der Frage nach einer passenden Schraube für sein Vorhaben an den Fachberater, den Mitarbeiter des Baumarktes. Dieser kann den Ratsuchenden fachlich beraten, welche Schraubenformen, -größen, -materialien etc. es gibt. Allerdings könnte sich durch das bauliche Vorhaben des Ratsuchenden ergeben, dass an dieser Stelle ein Nagel viel besser geeignet wäre als eine Schraube. Es geht also neben der Feststellung des reinen Inhalts darum, mit dem Ratsuchenden durch Strukturierung der Kommunikation ins Gespräch darüber zu kommen, welche Zwecke er mit dieser Schraube verfolgt. Die Sozialdimension der Kommunikation wird erkennbar, die nach Simon auch in der Prozessberatung in den Vordergrund tritt. „Der Berater ist in der Lage, Kommunikationsprozesse zu initiieren und zu organisieren, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit (auch auf der inhaltlich-sachlichen Ebene) zu Ergebnissen führen, die vom Kunden […] als nützlich oder zielführend bewertet werden.“[9]Diese Organisation von Kommunikationsprozessen kann nicht einseitig kontrolliert werden, da sich mindestens zwei Bewusstseinssysteme gegenüberstehen und die Umwelten eines gemeinsamen Kommunikationssystems bilden. Hierbei wird die systemtheoretische Idee deutlicher, die verstärkt von Systemirritationen aus der Umwelt und weniger von geplant-gelingenden Instruktionen an das System ausgeht. Bei einer Eheberatung beispielsweise steht die Sozialdimension im Vordergrund, da davon auszugehen ist, dass nur die am System ‚Ehe‘ unmittelbar Beteiligten in der Lage sind, die für sie passenden Lösungen und Ideen anschlussfähig zu konstruieren. Eine reine Fachberatung, wie eine ‚gute‘ Ehe zu führen sei, wäre an dieser Stelle vermutlich weniger zielführend. Die Ratsuchenden sind hierbei für die Wahrnehmung ihrer eigenen Realität verantwortlich, der Berater für die Gestaltung des kommunikativen Fundaments, auf dem diese Wahrnehmungen besprochen werden können. Würde es um rechtliche Schritte im Falle einer Scheidung gehen, könnte die Fachkompetenz des Beraters wieder in den Vordergrund treten.

Fachberatungen und Prozessberatungen unterscheiden sich daher darin, dass bei beiden jeweils eine bestimmte Sinndimension (Sach- und Sozialdimension) im Vordergrund steht. Die Zeitdimension kann bei beiden Beratungsformen eine Rolle spielen, wenn es um zukünftige – vorhersehbare – Veränderungen geht.[10]

Auch Prof. Dr. Waldemar Pallasch und Dipl.-Päd. Ralf Petersen versuchen, den Begriff der Beratung zu differenzieren und schließlich, zu topografieren. Beratung kann zunächst in einem professionellen und in einem nicht-professionellen, also einem privaten Kontext stattfinden. Im professionellen Kontext lässt sich institutionelle von personaler Beratung unterscheiden; Unternehmens- und Organisationsberatung von spezifischen personalen Beratungsformen wie Supervision, Coaching, Training und von klassischer Beratung. Bei der klassischen Beratung schließlich unterscheidet man eine Beratung, die grundsätzlich horizontal angelegt ist, von derjenigen, die grundsätzlich vertikal angelegt ist.[11]Auch hier erinnert es an Watzlawick, dass mit einer horizontalen Beratung eine symmetrische Kommunikation gemeint ist und mit einer vertikalen eine asymmetrische (also komplementäre) Kommunikation. Pallasch und Petersen bezeichnen diese beiden Beratungsstrukturen als ‚Pädagogisch-psychologische Beratung‘ oder auch ‚Pädagogisch-soziale Beratung‘ (horizontal) und ‚Fachliche Beratung‘ (vertikal).[12]Unter pädagogisch-psychologischer (sozialer) Beratung seien z.B. Eheberatungen oder Lebensberatungen zu verstehen, unter fachlicher Beratung Ernährungsberatungen oder auch Schuldnerberatungen.

Legt man nun die Unterscheidungen von Simon und Pallasch/ Petersen übereinander, ergibt sich folgendes Bild: in der klassischen Beratung (auf die ich mich im Folgenden beschränken möchte) kann zwischen Fachberatungen, welche als asymmetrisch (vertikal) mit der Form Wissen/Nichtwissen und mit priorisierter Inhaltsdimension beschrieben werden, sowie pädagogisch-psychologischen (sozialen) Prozessberatungen mit symmetrischer (horizontaler) Struktur, bei denen die Sozialdimension im Vordergrund steht, unterschieden werden.

Da sich diese Masterarbeit im pädagogischen Kontext bewegt, haben wir es mit überwiegend personalen Beratungssituationen zu tun, die ihren Fokus auf „[…] Einzelsysteme (einzelne Mitglieder oder Personen) oder auf Teil- bzw. Subsysteme (Gruppen, Abteilungen) innerhalb eines übergeordneten Systems [legen].“[13]

Aus diesen Vorüberlegungen zum Begriff der Beratung ergibt sich folgende Arbeitsdefinition:Beratung ist hier zu verstehen als Einzel- bzw. Kleingruppenberatung, die von einer symmetrischen Kommunikation geprägt ist, in der der Berater den Fokus auf die Gestaltung und Organisation der Kommunikationsprozesse legt.

Weitere Definitionen gehen von einer Freiwilligkeit der Kommunikationspartner in der Beratung aus, dies halte ich jedoch für diskussionswürdig, da Beratung auch in nicht- freien Kontexten wie Gefängnissen stattfinden kann und die Grenzen zwischen Beratung und Therapie gerade hier zum Teil verschwimmen.

Systemische Beratung– in Definitionen zu systemischer Beratung werden oftmals systemische Praktiken und systemtheoretische Hintergründe in einem Atemzug genannt. Die systemische Praxis, also systemisches Coaching, systemische Beratung, systemisches Management oder auch systemische Therapie geht in ihrer Haltung aus der Erkenntnistheorie des (radikalen) Konstruktivismus, der Kybernetik zweiter Ordnung und der neueren Systemtheorie hervor.[14]Durch den Umgang mit diesen Theorien und Ideen ergibt sich in der Praxis eine bestimmte Haltung des Beraters gegenüber seinem Klienten und der Situation der Beratung selbst (zu einem späterem Zeitpunkt wird auf diese Haltung genauer eingegangen). Aus dieser Haltung lassen sich verschiedene Vorgehensweisen und Methoden entwickeln, die in Beratungssituationen angewandt werden können, wie z.B. systemische Fragen.Systemische Beratung ist also Beratung, die vom Berater mit einer spezifischen Haltung und spezifischen Prämissen in Zusammenarbeit mit dem zu Beratenden initiiert und organisiert wird.Hierbei soll angemerkt werden, dass in der Praxis oftmals Beratungen nicht ausschließlich systemisch strukturiert sind. Deswegen eine Erweiterung der Arbeitsdefinition:Systemische Beratung ist eine Beratung, die vom Berater mit einer spezifischen Haltung und spezifischen Prämissen in Zusammenarbeit mit dem zu Beratenden initiiert und zunächst organisiert wird. In der Durchführung der Beratung können die Anteile der systemischen Vorgehensweise verschieden groß sein.

Beschleunigung –Beschleunigung wird in dieser Arbeit verstanden als sozialwissenschaftliche oder auch soziale Beschleunigung in Abgrenzung zur physikalischen Beschleunigung. Soziale Beschleunigung setzt sich nach dem Politikwissenschaftler und Soziologen Prof. Dr. Harmut Rosa aus verschiedenen, in der Gesellschaft vorkommenden Bereichen der Beschleunigung zusammen – der technischen Beschleunigung, der Beschleunigung des sozialen Wandels und des Lebenstempos. Diese Bereiche werden zu einem späteren Zeitpunkt dieser Arbeit näher betrachtet. Die grundlegende Definition von Rosa und gleichzeitig Arbeitsdefinition ist hierbei, soziale Beschleunigung zu verstehen alsMengenzunahme pro Zeiteinheit.[15]In einem feststehenden Zeitintervall steigert sich der Umfang irgendeiner Sache oder irgendeines Phänomens. Hierzu können z.B. Handlungsepisoden in der beruflichen Tätigkeit, beantwortete E-Mails und auch Häufigkeit der Teilnahmen an Freizeitevents zählen.

4.1 Ausschnitte aus Theorien zu systemischer Beratung

Wie bereits ausgeführt, werden systemische Anteile einer Beratung beschrieben als spezifische Haltungen und Prämissen, die sich vor allem aus Gedanken des Konstruktivismus, der Kybernetik zweiter Ordnung und der neueren Systemtheorie ergeben. Im Folgenden sollen diese drei Gedankengebäude näher erläutert werden. Hierbei soll nicht der Anspruch der Vollständigkeit erhoben, sondern für eine Beratung möglichst relevante Ausschnitte aufgeführt werden. Der Übersichtlichkeit halber werde ich jeweils zu Beginn eines Abschnittes die darin vorkommenden zentralen Begriffe benennen und am Ende die aus diesen Überlegungen gewonnenen Konsequenzen für die systemische Beratung aufzeigen.

4.1.1 Der (radikale/ operative) Konstruktivismus

Konstruktivistisches Denken und konstruktivistische Theorien sind ziemlich heterogen, allerdings treffen sie sich in der Annahme, dass „[…] Erkenntnis nicht auf einer Korrespondenz mit der externen Wirklichkeit beruht, sondern immer auf „Konstruktionen“ eines Beobachters.“[16]Zentrale Begriffe in diesem Abschnitt sindundifferenzierte Kodierung,operationale Schließung,Autopoiesis,BeobachtungundMarkierung.

Es ist zunächst wichtig, anzumerken, dass diese Idee nicht der des metaphysischen Solipsismus entspricht, der die Existenz einer Welt außerhalb des eigenen Bewusstseins verneint. Der irisch-US-amerikanische Philosoph und Kommunikationswissenschaftler Ernst von Glasersfeld beschreibt in seinem Werk ‚Radikaler Konstruktivismus - Ideen, Ergebnisse, Probleme‘ den Konstruktivismus- Gedanken als Operationserklärung für die Herstellung von Wissen – über eine real existierende Welt! Allerdings stellt er die Frage, wie Herstellung von Wissen über die real existierende Welt funktioniert, da sich bei näherer Beobachtung feststellen lässt, dass „[…] Kognition […] der Organisation der Erfahrungswelt des Subjekts [dient] und nicht der ‚Erkenntnis‘ einer objektiven ontologischen Realität.“[17]Von Glasersfeld verweist zu großen Teilen auf den Schweizer Biologen und Pionier der kognitiven Entwicklungspsychologie Jean Piaget, dessen Schriften er interpretiert und zum Ergebnis gelangt, dass diese überwiegend falsch gedeutet werden.

Wird die Welt, die Realität vom Menschen erkannt? Geht man davon aus, dass die Realität, also die Außenwelt eines Menschen, von diesem erfahrbar ist, bekommt man beim gedanklichen Nachvollziehen der Operationsschritte, die für diese Erfahrung vonnöten sind, Probleme mit einem Gedanken, den der österreichische Physiker Heinz von Foerster als das ‚Prinzip der undifferenzierten Kodierung‘ bezeichnet hat. Beobachtet beispielsweise ein Hirnforscher einen Menschen mithilfe von Messgeräten bei der Aufnahme von Informationen aus der Umwelt, so stellt er fest, dass diese, auf die Sensoren des menschlichen Körpers auftreffenden Reize, alle auf ein und dieselbe Art und Weise in Inaktivitäts-Aktivitäts-Muster kodiert werden.[18]Neuronen, die Reize aus der Umwelt aufnehmen, geben Impulse weiter, welche nichts über die Qualität der Reize aussagen, nur etwas über deren Quantität. Sieht das menschliche Auge einen Ball, geben die Nervenzellen keinesfalls die Information ‚Ball‘ an das zentrale Nervensystem weiter; lediglich das Auftreffen von Lichtreizen. Es scheint also ein zusätzlicher Arbeitsschritt notwendig, um - aus bloßen Reizstimulationen, welche Neuronen aktivieren, die elektronische Impulse zum Gehirn leiten - Strukturen, Gestaltungen und Bilder zu erschaffen. Sowohl Von Foerster als auch Von Glasersfeld betonen an dieser Stelle die aktive Rolle des Individuums beim Aufbau von Erkenntnis und Wissen.[19]Informationen über die Welt im Außen werden nicht passiv aufgenommen, sondern aktiv im Gehirn konstruiert. Von Foerster beschreibt in diesem Zuge Kognition also als „Errechnung einer Realität“[20]. Er merkt an, dass der Begriff ‚Rechnen‘ von einem im Hochdeutschen nicht mehr vorhandenen Adjektiv kommt, das ‚genau‘, ‚ordentlich‘ bedeutet. ‚Rechnen‘ bedeutet im Ursprung ‚in Ordnung bringen‘, ‚ordnen‘.[21]Also die aktive Handlung des Ordnens der Realität. Fritz B. Simon erweitert diesen Gedankengang um die Einsicht, dass „Kognition“ Errechnungen von Beschreibungen einer Realität ist, da „[…] kognitive Prozesse immer nur Beschreibungen von irgendwelchen Gegenständen ‚errechnen‘ können und nicht die Gegenstände selbst […]“.[22]Die Ordnung von Beschreibungen einer Realität reagiert als neuronale Aktivität auf andere neuronale Aktivitäten, weshalb Simon an dieser Stelle den Vorschlag macht, dass es sich bei Erkenntnis also um eine „[…] infinite Rekursion von Beschreibungen von Beschreibungen von Beschreibungen […] handelt.“[23]Das immer wiederholende Sich-Beziehen von Denkoperationen auf vorangegangene Denkoperationen und daraus hervorgehende Denkoperationen wird in konstruktivistischen Ansätzen als ‚operationale Schließung‘ beschrieben. Dieses Prinzip wird von den Neurobiologen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela hervorgebracht, die versuchen, die biologischen Grundlagen des Erkennens zu klären. Des Öfteren wird die operationale Schließung in dem Sinne verstanden, dass das Gehirn als ein geschlossenes, von der Außenwelt abgeschnittenes System zu sehen ist. Dies würde den Auffassungen des Solipsismus entgegenkommen. Allerdings bleibt bei der operationalen Schließung die Außenwelt bestehen, jedoch hat das Gehirn „[…] keinen direkten Zugang zur Welt […].[24]Noch einmal: es geht keineswegs um das Infragestellen einer Realität, einer ‚Um-Welt‘, aber es wird aufgezeigt, dass das Bewusstseinssystem ‚Gehirn‘ das (subjektive) Wissen über diese Realität selbst in rekursiven Operationen aufbaut. Aus der Realität kommen undifferenziert kodierte Reize, welche als Auslöser für Konstruktionsoperationen im Gehirn fungieren.

Der Austausch mit der ‚Um-Welt‘ ist also über Reize gegeben. Dies beschreiben Maturana und Varela anhand ihrer Theorie der ‚Autopoiesis‘. Grundlegend (erstes Beispiel ist häufig die Funktionsweise einer Zelle in ihrer Umgebung) ist hierbei der Gedankengang, dass sich erst durch einen Austausch eines Systems mit seiner Umgebung dessen innere Strukturen dergestalt ordnen, dass es sich von seiner Umgebung abzugrenzen vermag. Erst durch die Abgrenzung von Innen und Außen, erst durch diese Unterscheidung (in Gedanken an Gregory Bateson) wird das Innen zu einem Innen mit Strukturen und Organisationen, die in ihrer Form direkt beeinflusst sind vom Außen. Eine Zelle gäbe es in ihrer Form nicht ohne ihre, sie umgebene Umwelt: „Auf der einen Seite sehen wir ein dynamisches Netzwerk von Transformationen, das seine eigenen Bestandteile erzeugt und das die Bedingung der Möglichkeit eines Randes [einer Zelle - Anm. d. Verf.] ist. Auf der anderen Seite sehen wir einen Rand, der die Bedingungen des Operierens eines Netzwerkes von Transformationen ist, welche das Netzwerk als Einheit erzeugt […]. Wohlgemerkt: Dies sind keine sequentiellen Prozesse, sondern zwei Aspekte eines einheitlichen Phänomens.“[25]Sei es nun in einer Zelle oder einem Bewusstseinssystem: Einflüsse von außen verursachen Operationen im Inneren und führen zur Konstruktion von Abgrenzungen zum Außen (StichwortIdentität), die wiederum Strukturen für Operationen erst ermöglichen. Ein System (der Systembegriff soll später noch genauer erläutert werden) ist also definiert in Abgrenzung zu seiner Umwelt und somit absolut von dieser abhängig. „In diesem Sinne sind alle Wahrnehmungen, Wissensbestände, Denkarten […] Instrumente bzw. Strategien im Prozess der menschlichen Autopoiese. Daher ist auch dieErkenntnisder absoluten (von jeder Kognition unabhängigen) Wirklichkeit […] dem Menschen versagt, gerade weil er ein lebender Organismus, ein kognitives System ist [Autopoiesis ist die Eigenschaft lebendiger Systeme; deren Rechen-Operationen also. Hört ein System auf, zu er-rechnen, also auch, zu entscheiden (Luhmann), hört es auf, zu leben. – Anm. d. Verf.]. Deshalb auch istObjektivitätim Sinne eines unverfälschten oder direkten Zugangs zu einem Objekt oder Sachverhalt, oder im Sinne einer durch keinerlei Trübung beeinträchtigten, unmittelbaren oder reinen Erkenntnis menschenunmöglich.“[26]

Die Idee, ein Subjekt erbaue sich aktiv sein Wissen über die vorhandene Welt, wird auch durch die Gedanken vom britischen Mathematiker George Spencer-Brown in seinem Hauptwerk ‚Law of Forms‘ beeinflusst. Laut Fritz B. Simon ist das Grundlegende jeder Wirklichkeitskonstruktion das Element desUnterscheidens und Bezeichnens.[27]

Alles, was ein Subjekt durch dessen Wahrnehmung umgibt, besteht deshalb als Erfahrung (Von Foerster), da dieses Umgebende (Gegenstände, Zeit etc.) von etwas anderem unterschieden wurde. Das Unterschiedene wird ‚markierter Raum‘ und der Rest wird ‚unmarkierter Raum‘ genannt.[28]Unterscheiden - also die Operationslogik des Beobachtens – läuft dann ab, wenn ein undifferenziert kodierter Reiz wahrgenommen wird (mit den Worten Gregory Batesons unterschieden wird) und sich als markierter vom unmarkierten Zustand abhebt. Es entsteht beimBeobachtenvon Beobachtungen die Erkenntnis, dass ein markierter Zustand immer in Abgrenzung zu einem ihn umgebenden unmarkierten Kontext vorliegt. Die Form einer Beobachtung, eines Gegenstandes etc. umfasst nach Spencer-Brown immer sowohl das ‚Innen‘, als auch das ‚Außen‘.[29]Mehr Unterscheidungen führen zu mehr Markierungen und führen zu einer Komplexität, die das Subjekt ‚beobachtete Welt‘ nennt. Diese Unterscheidungen laufen natürlich nicht nacheinander, sondern gleichzeitig ab; verdeutlicht werden muss aber, dass, wenn wir in einen Raum sehen mit all seinen Schränken, Tischen, Blumen, dem Licht vom Fenster, dem Geruch etc., wir diesen Raum beobachten durch Unterscheidungen. Die Blumen z.B. werden unterschieden von etwas anderem. Sie werden in ihrem unmarkierten Kontext markiert. Zu der Unterscheidung von etwas anderem kommt nun die Bezeichnung dieses anderen. Durch eine zusätzliche Selektionsoperation wird etwa einem Gegenstand die Bezeichnung ‚Blume‘ gegeben. „Es ist wichtig zu betonen, daß [sic] bei einer Beobachtung die beiden Komponenten Unterscheiden und Bezeichnen stets gemeinsam auftreten. Diese Einsicht wird dadurch verdeckt, daß [sic] zumeist nur eine der beiden Komponenten, nämlich die Bezeichnung, explizit genannt wird […]. Es kann aber nur bezeichnet und damit beobachtet werden, wenn von etwas anderem unterschieden wird. Beobachtung ist somit immer Bezeichnung einer Seiteim Rahmen einer Unterscheidung[…].“[30]Diese Operationslogik des Beobachtens (Erkennens) fließt maßgeblich in die Gedanken von Heinz von Foerster und dem deutschen Soziologen und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann ein.

Zur Beratung:

Wie finden die vorangegangenen Gedanken zum Konstruktivismus nun Anschluss an die systemische Beratung? Konstruktivistische Ideen fließen zu großen Teilen in systemtheoretische Gedanken ein. Zentrale Rolle spielt hierbei die Operation der Beobachtung – der Gewinn von Wissen, die Erkenntnis der Umwelt. In der Beratung ist es erheblich, die Wirklichkeitskonstruktionen, die ein zu Beratender vollzieht, zu beleuchten und ansatzweise zu verstehen, um auf dieser Grundlage Hypothesen aufbauen zu können, welche zu weitergehender Beratung führen können. Die Frage ist die nach der spezifischenUnterscheidung, die ein zu Beratender bei seiner Beobachtung vollzieht.[31]Der Berater sollte sich im Klaren darüber sein, dass sein Gegenüber nach konstruktivistischen Ideen keine ‚wahrheitlichen‘ Bilder der Welt zeichnet - erlebte Dinge und Erfahrungen nicht als bestehende Größen passiv aufnimmt – sondern diese innerhalb seiner eigenen Grenzen generiert, die ihn erst seine Grenzen (man könnte in diesem Fall von Identität sprechen) aufbauen lassen. Der zu Beratende (und natürlich auch jede andere Person) erschafft durch Beobachtungen zwangsläufig einen ‚blinden Fleck‘. Dieser ist die Voraussetzung für Beobachtungen überhaupt. In Beratungssituationen ist es deshalb wichtig, sich der doppelten Selektionsleistung von Unterscheiden und Bezeichnen gewahr zu sein, und diese zu hinterfragen. Gerade in der horizontalen Beratung, bei der es nicht immer Musterlösungen für Problemstellungen der zu Beratenden geben kann, tritt der zu Beratende als Experte seiner eigenen Wirklichkeit auf. „Denn wenn wir täglich unsere Wirklichkeit nicht ‚erleben‘, sondern sie uns konstruieren, dann sind wir mit Sicherheit fähig, uns nicht nur unsere eigenen Probleme zu konstruieren (zu ‚erschaffen‘ und mit viel Aufwand an Energie am Leben zu erhalten), sondern auch die dazu passenden Lösungen zu konstruieren; und das können wir nur selbst, wenn es um unsere ganz persönliche Wirklichkeit gibt [sic].“[32]

[...]


[1]Vgl. Kölner Stadt- Anzeiger: Arbeitnehmer in Deutschland leisten immer mehr Überstunden,URL: http://www.ksta.de/wirtschaft/studie--arbeitnehmer-in-deutschland-leisten-immer-mehr-ueberstunden-24382050 (01.08.2016, 13:57 Uhr)

[2]Vgl. NDR.de: GEW-Studie: Gymnasiallehrer arbeiten zu viel, URL: https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/GEW-Studie-Gymnasiallehrer-arbeiten-zu-viel,lehrerbefragung102.html (03.08.2016, 12:24 Uhr)

[3]Vgl. Augsburger Allgemeine: Berufstätige Eltern leiden unter chronischem Zeitstress, URL: http://www.augsburger-allgemeine.de/geld-leben/Berufstaetige-Eltern-leiden-unter-chronischem-Zeitstress-id38666942.html (02.08.2016, 11:40 Uhr)

[4]Rosa/ Hartjes: Der Panzer auf der Brust der Studenten, URL: http://www.zeit.de/campus/2016-05/hartmut-rosa-soziologe-studium-entschleunigung-resonanz-bologna-reform?utm_content=zeitde_redpost_link_sf&utm_campaign=ref&utm_source=facebook&utm_medium=social&utm_term=facebook_zonaudev_int&wt_zmc=sm.int.zonaudev.facebook.ref.zeitde.redpost.link.sf (01.08.2016, 14:15 Uhr)

[5]Statistisches Bundesamt: Ehescheidungen,Verflixt ist nicht immer das siebteJahr, URL: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Ehescheidungen/Ehescheidungen.html (01.08.2016, 14:46 Uhr)

[6]Vgl. Simon: Einführung in die (System-)Theorie der Beratung, Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH, 1. Aufl., Heidelberg, 2014, S.7

[7]Vgl. Simon (2014), S.25

[8]Vgl. Ebd., S.27

[9]Simon (2014), S.29

[10]Vgl. Simon (2014), S.27

[11]Vgl. Pallasch/ Petersen: Coaching.Ausbildungs- und Trainingskonzeption zum Coach in pädagogischen und soziale Arbeitsfeldern, Juventa Verlag, 1. Aufl., Weinheim und München, 2005, S.11

[12]Vgl. Pallasch/ Petersen (2005), S.12

[13]Pallasch/ Petersen (2005), S.10

[14]Salomon: Der systemische Ansatz.Vortrag an der VHS Karlsruhe 2003, URL: http://www.systemiker.eu/_data/Der_systemische_Ansatz.pdf (19.02.2016, 13:07 Uhr)

[15]Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Suhrkamp Verlag, 1. Aufl., Frankfurt am Main, 2005, S.115

[16]Baraldi/ Corsi/ Esposito: GLU.Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Suhrkamp Verlag, 1. Aufl., Frankfurt am Main, 1997, S.100

[17]Glasersfeld: Radikaler Konstruktivismus.Ideen, Ergebnisse, Probleme,Suhrkamp Verlag, 1.Aufl., Frankfurt am Main, 1997, S.96

[18]Vgl. Simon: Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus, Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH, 5. Aufl., Heidelberg, 2011, S.44

[19]Vgl. Simon (2011), S.44; Glasersfeld (1997), S.96

[20]Simon (2011), S.44

[21]Vgl. Foerster: Sicht und Einsicht.Versuche einer operativen Erkenntnistheorie,

Springer Fachmedien, 1. Aufl., Wiesbaden, 1985, S.30. In: Simon (2011), S.45

[22]Simon (2011), S.45

[23]Ebd., S.46

[24]Simon (2011), S.47

[25]Maturana/ Varela: Der Baum der Erkenntnis.Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens, Fischer Taschenbuch Verlag, 5. Aufl., Frankfurt am Main, 2012, S.53f

[26]Rusch: Verstehen Verstehen.Ein Versuch aus konstruktivistischer Sicht. In: Luhmann/ Schorr: Zwischen Intransparenz und Verstehen.Fragen an die Pädagogik, Suhrkamp Verlag, 1. Aufl., Frankfurt am Main, 1986, S.50

[27]Vgl. Simon (2014), S.11

[28]Vgl. Simon (2011), S.61

[29]Vgl. Ebd., S.63

[30]Kneer/ Nassehi: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Wilhelm Fink GmbH & Co. Verlags-KG (=UTB 1751), 4. Aufl., Paderborn, 2000, S.96 f

[31]Vgl. Simon (2014), S.14

[32]Radatz: Einführung in das systemische Coaching, Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH, 1. Aufl., Heidelberg, 2006, S.17

Details

Seiten
78
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668328570
ISBN (Buch)
9783668328587
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v342888
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Pädagogik
Note
1,0
Schlagworte
chancen risiken beratung kontext gesellschaft

Autor

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Titel: Wie schnell kann es gehen? Chancen und Risiken für systemische Beratung im pädagogischen Kontext in der sich beschleunigenden Gesellschaft