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Die Rolle der Wahrheit und der Moral im Nihilismus Friedrich Nietzsches

Seminararbeit 2015 16 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gibt es eine objektive Wahrheit?
2.1. Nietzsche: Die Unmöglichkeit des Ablegens der Subjektivität
2.2.Satre: Das Vorausgehen der Existenz vor der Essenz
2.3.Gegenüberstellung der Ansichten beider Philosophen

3. Die Rolle der Moral
3.1. Die Moral als unsinnige Norm
3.2. Die Folgen der Verlassenheit auf die Moral
3.3. Gegenüberstellung der Ansichten beider Philosophen

4. Diskussion und persönliche Einschätzung
4.1. Die fehlende Objektivität zur Bildung einer absoluten Wahrheit
4.2. Moral als bevölkerungsübergreifende Richtlinie

5.Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abstract

Die vorliegende Arbeit beantwortet die Frage, welche Rolle Wahrheit und Moral im Nihilismus Friedrich Nietzsches spielen. Dabei wird auch auf Jean-Paul Sartes Position als Vergleich zu Nietzsche eingegangen. Der Beantwortung liegen Bücher «Die fröhliche Wissen­schaft» von Friedrich Nietzsche und «Der Existenzialismus ist ein Humanismus» von Jean­Paul Satre zu Grunde. Es zeigt sich, dass das Wahrheitsbild beider Philosophen überein­stimmt, sie jedoch ein unterschiedliches Bild der Moral haben.

l. Einleitung

«Zieht einmal das Phantasma und die ganze menschliche Zutat davon ab, ihr Nüchternen! Ja, wenn ihr das könntet! Wenn ihr eure Herkunft, Vergangenheit, Vorschule vergessen könntet, - eure gesammte Menschheit und Thierheit! Es gibt für uns keine <Wirklichkeit> - und auch für euch nicht, ihr Nüchternen» (Nietzsche, 1887, Die fröhliche Wissenschaft Nr.57). Mit dieserAussage kritisiert Friedrich Nietzsche die Realisten, die behaupten, dass sie die Wirklichkeit sehen könnten, und objektiv beurteilen, was die Wahrheit sei. In seinem Werk «Die Fröhliche Wissenschaft» äußert Nietzsche deutliche Kritik gegenüber dieser Ein­stellung. Die vorliegende Arbeit wird den Nihilismus Nietzsches besprechen. Der Nihilismus beschreibt die Auflösung aller Werte, wie Moral, Objektivität und Wahrheit (Pratt). Das heißt, dass es nach nihilistischer Denkweise keine Wahrheit gibt, da die nötige Objektivität, die zu ihrer Erkennung notwendig ist, nicht vorhanden ist. Außerdem glaubt ein Nihilist nicht an allgemeingültige moralische Werte (Pratt). Deshalb wird in dieser Arbeit die Frage unter­sucht, welche Rolle Wahrheit und Moral im Nihilismus Friedrich Nietzsches spielen. Zur Beantwortung wird hauptsächlich sein Werk «Die fröhliche Wissenschaft» analysiert und interpretiert werden. Darüber hinaus wird die Einstellung Jean-Paul Satres zu Wahrheit und Moral dargestellt. Es folgt eine Diskussion und persönliche Einschätzung der Thesen beider Philosophen.

Zu Anfang werden in Kapitel 1 die Positionen der Philosophen Friedrich Nietzsche und Jean­Paul Satre zum Thema Wahrheit dargestellt und verglichen. Kapitel 2 bespricht die Thesen zur Moral, beziehungsweise die Thesen zur Kritik an der Moral. Darauf folgt in Kapitel 3 die Einschätzung der von Nietzsche und Satre aufgestellten Behauptungen und meine persön­liche Einschätzung zu den genannten Themen.

2. Gibt es eine objektive Wahrheit?

Die Wahrheit spielt im Nihilismus eine wichtige Rolle. Der Nihilismus beschreibt den Verfall von bestehenden Werten, zu denen auch die Wahrheit gehört (vgl. Kapitel). Im Folgenden werden die Positionen der Philosophen Nietzsche und Satre analysiert und verglichen.

2.1. Nietzsche: Die Unmöglichkeit des Ablegens der Subjektivität

Nietzsches Sicht der Wahrheit drückt sich vor allem im Abschnitt «An die Realisten» seines Buches «Die fröhliche Wissenschaft» aus. Nietzsche (Nietzsche, 1887, Nr.57) hält die Realisten für unlogisch. Sie behaupten von sich selbst, gegen Leidenschaft und Phantasterei geschützt zu sein, wodurch sie die Dinge neutral sehen könnten. Durch diese Objektivität sei die Welt genau wie sie ihnen erscheine, da sie alle Subjektivität ablegen könnten. Aufgrund ihrer Neutralität und Nüchternheit seien sie die einzigen, denen es möglich sei, die Wahrheit zu erkennen. Nietzsche behauptet jedoch, dass sie nicht im Stande seien, ihre Leidenschaft ganz abzulegen. Ihre Leidenschaft zeige sich selbst darin, dass sie leidenschaftlich gegenüber ihrem Realismus seien. Damit könnten sie also nicht einmal den Realismus neutral betrachten. Hinzu komme, dass jede Erfindung, jedes Produkt auf der Leidenschaftlichkeit früherer Generationen gegenüber diesem beruhe. Kein Lebewesen könne seine Subjektivität ganz ablegen. Die totale Objektivität ist also nicht möglich, da man niemals seine Vergangenheit vergessen kann. Beispielsweise können die Herkunft, die Kindheit nie abgelegt werden, weshalb immer noch die Subjektivität des Menschen herrschen wird.

Für Nietzsche gibt es also nicht die eine, objektiv gesehene Wahrheit. Die objektive Beurteilung einer Situation, oder eines Produkts, ist nicht möglich, da jeder Mensch immer einen subjektiven Hintergrund behalten wird, der nicht ablegbar ist. Vielmehr gibt es an Stelle der Tatsachen und Wahrheiten nur unterschiedliche Perspektiven, mit denen man auf die Dinge blickt. Durch diese unterschiedlichen Perspektiven hat jedes Subjekt seine eigene Interpretation von der Wahrheit.

2.2.Satre: Das Vorausgehen der Existenz vor der Essenz

Seine Meinung zur Wahrheit drückt Satre in seinem Essay «Der Existenzialismus ist ein Humanismus» aus. Satre (Satre, 1943-1948, S. 149) behauptet, dass die Existenz dem Wesen vorausgehe, das heißt, dass der Mensch zuerst existiert und dann sein Wesen entwickelt. Dies hat zur Folge, dass es keine menschliche Natur gibt, jeder Mensch ist also seinem Wesen nach in gewissen Aspekten unterschiedlich. Satre bezeichnet dies auch als «Subjektivität» (Satre, 1943-1948, S. 148). Er verdeutlicht dies, indem er den Begriff «Subjektivismus» wie folgt definiert: «Subjektivismus bedeutet einerseits die Wahl des individuellen Subjekts durch sich selbst und andererseits die Unmöglichkeit für den Men- sehen, die menschliche Subjektivität zu überschreiten» (Satre, 1943-1948, S. 150). Er behauptet also, dass jeder Mensch sein Wesen selbst bildet, das heißt sieh zu einem bestimmten Subjekt macht. Weiterhin betont er damit, dass es unmöglich ist der Subjektivität zu entrinnen, der Mensch ist also immer subjektiv.

Für Satres Bild der Wahrheit heißt das, dass der Mensch keine absolute Wahrheit bestim­men kann, da für die abschließende Bewertung eines Themas absolute Objektivität nötig ist. Diese kann der Mensch jedoch nicht erreichen, da er sich dauerhaft in der menschlichen Subjektivität befindet. Durch diese Subjektivität wird es unmöglich, ein Thema gänzlich un­parteiisch zu betrachten. Da sich das Wesen erst nach der Existenz bildet, besitzt jeder Mensch Unterschiede in seinem Wesen, wodurch man gegenüber jedem Thema voreinge­nommen ist.

2.3.Gegenüberstellung derAnsichten beider Philosophen

Die Kernaussage der beiden Philosophen zum Thema Wahrheit ist sehr ähnlich. Beide be­haupten, dass keine objektive Wahrheit existiert. Weiterhin ist auch die Begründung ihrer Thesen sehr ähnlich, wobei Nietzsche sich zusätzlich auf die Leidenschaft als Grund der Sub­jektivität beruft.

Nietzsche (Nietzsche, 1887, vgl. Kapitel 2.1.) argumentiert, dass niemand bei einer Einschätzung der Wahrheit seinen Hintergrund und seine Vergangenheit vergessen könne, wodurch man immer schon voreingenommen sei. Satre (Satre, 1943-1948, vgl. Kapitel 2.2.) entspricht dieser Erklärung mit der These, dass sich das Wesen erst nach der Existenz bilde. Damit behauptet er, dass jeder Mensch sein Wesen unterschiedlich bildet, es keine mensch­liche Natur gibt in der jeder Mensch in seinem Wesen übereinstimmt. Satre impliziert hier genau die Aussage Nietzsches, dass jeder einen anderen Hintergrund und Vergangenheit be­sitzt, denn auf dieser Vergangenheit hat sich das Wesen gebildet. Bei beiden Philosophen folgt daraus eine Subjektivität, die nicht abgelegt werden kann, wodurch niemand eine objektive Wahrheit bestimmen kann.

Des Weiteren behauptet Nietzsche (Nietzsche, 1887, vgl. Kapitel 2.1.), dass jeder Mensch eine Leidenschaft besitze, die nicht abgelegt werden könne. Außerdem seien die Objekte, die der Mensch nutzt immer auch schon das Produkt früherer Leidenschaften. Auch durch diese Leidenschaft gegenüber bestimmten Dingen und Tätigkeiten, könne keine Objektivität entstehen und die Subjektivität bleibe bestehen. Dieser Gedanke wird bei Satre nicht aufgeführt.

3. Die Rolle der Moral

Auch die Moral spielt im Nihilismus eine zentrale Rolle, da sie ebenfalls zu den verfallenden Werten zählt (vgl. l.Einleitung). Dabei haben Nietzsche und Satre unterschiedliche Ansätze, die im Folgenden erläutert werden.

3.1. Die Moral als unsrnrnge Norm

Die Einschätzung Nietzsches zur Moral wird besonders in den Texten «Das Arterhaltende» und «Was heisst Leben?» seines Buches «Die fröhliche Wissenschaft» deutlich. Nietzsche (Nietzsche, 1887, Nr.4) behauptet in «Das Arterhaltende», dass «die stärksten und bösesten Geister» (Nietzsche, 1887, Nr.4) die Menschheit bis jetzt am weitesten vorangebracht hätten. Das heißt, dass «die bösen Geister» der Menschheit immer wieder zu Fortschritt verholfen haben und ihre Denkweise weiterentwickelt haben. «Gut» genannt würden immer nur die Menschen werden, die sich mit Altem, schon Vorhandenem, beschäftigen, während die, die Neues bringen, neue Leidenschaften erwecken, von den Menschen immer als «die Bösen» bezeichnet würden werden. Nach Nietzsches Ansicht seien jedoch «die bösen Triebe in eben so hohem Grade zweckmäßig, arterhaltend und unentbehrlich wie es die guten» (Nietzsche, 1887, Nr.4) wären. «Die Guten» würden die Leidenschaft der Menschen einschläfern, während «die Bösen» immer wieder das Unerprobte erforschten, Grenzen überschritten und moralische Normen durchbrächten. In «Das Arterhaltende» bezeichnet Nietzsche «die Guten» als die Ackerbauern des Geistes, die immer wieder versuchten mit alten Denkweisen Früchte zu tragen. Jeder Acker muss jedoch einmal umgegraben werden, um neue Fruchtbarkeit des Bodens, also in Nietzsches Beispiel Fruchtbarkeit des Geistes, zu erzeugen. Deshalb muss immer wieder die «Pflugschar des Bösen» zum Einsatz kommen, um dem Boden neue Fruchtbarkeit zu verleihen. Damit macht Nietzsche deutlich, dass «das Böse», also das Neue, die Überschreitung von Grenzen und Werten, immer wieder nötig ist, um den menschlichen Geist weiterentwickeln zu können. Nietzsche stellt also in «Das Arterhaltende» dar, dass das vermeintlich «Böse», wie es von der Gesellschaft bezeichnet wird, genauso zu Arterhaltung beiträgt, wie die guten Taten und dabei der Welt zu immer neuen Denkweisen verhilft, wodurch ihr Geist weiterentwickelt wird und für neue Taten, Er­findungen bereit ist.

Insgesamt möchte Nietzsche den «Bösen», die mit den «Starken» gleichzusetzen sind, Sonderrechte einräumen. Sie entwickeln die Menschheit immer wieder durch ihre Taten weiter, da sie Grenzen durchbrechen und bestehende Werte und Richtlinien abschaffen. Was von den Menschen allgemein als «das Gute» empfunden wird entwickelt die Mensch­heit nicht weiter, weshalb sich die Starken immer wieder durchsetzen sollten. Dass die Starken zumeist als «Die Bösen» bezeichnet werden zeigt Nietzsche, dass die Moral von den Schwachen der Gesellschaft gebildet wird. Die moralische Norm wurde von den Schwachen gebildet, die nicht erkennen, dass das vermeintlich Böse die Menschheit immer wieder weiterbringt. Da die Moral also nur von bestimmten Gesellschaftsgruppen gebildet wird und sich damit auch nur auf diese bezieht, ist sie nicht allgemein anwendbar, wodurch sie für die Starken keine Gültigkeit hat. Deshalb dürfen und sollen die Starken die Moral immer wieder durchbrechen und damit die Menschheit weiterentwickeln und «die Art erhalten». Diese Interpretation bestätigt sich im Abschnitt «Was heisst Leben?».

In «Was heisst Leben?» behauptet Nietzsche (Nietzsche, 1887, Nr.26), dass der Tod immer wieder abgestoßen werden müsse um zu leben. Man müsse «grausam und unerbittlich gegen Alles sein, was schwach und alt (...) wird» (Nietzsche, 1887, Nr.26). Nietzsches extreme Position wird außerdem in Sätzen wie «ohne Pietät gegen Sterbende» (Nietzsche, 1887, Nr.26) deutlich. Seine Aussagen sind so zu interpretieren, dass Nietzsche den Starken dazu rät, ihre Privilegien gegenüber den Schwachen rücksichtlos durchzusetzen.

Es bestätigt sich hier die Annahme, dass sich die Starken, beziehungsweise «die Bösen», gegenüber den Schwachen durchsetzen müssen, um die Menschheit weiterzuentwickeln. Dabei soll keine Aufmerksamkeit auf Moral oder andere bestehende Richtlinien gesetzt wer­den. Nietzsche ist nach dem Motto «Der Zweck heiligt die Mittel» jedes Mittel recht, um den übergeordneten Zweck zu erreichen.

3.2. Die Folgen der Verlassenheit auf die Moral

Satre behauptet von sich, ein atheistischer Existentialist zu sein, das heißt er ist davon über­zeugt, dass Gott nicht existiert (Satre, 1943-1948, S. 148). Nach Satre (Satre, 1943-1948, S. 154) könnten aufgrund der Nicht-Existenz Gottes keine «Werte in einem intelligiblen Him­mel» (Satre, 1943-1948, S. 154) gefunden werden. Das bedeutet, dass es durch die Nicht­Existenz Gottes keine durch Gott festgeschriebenen Werte und damit keine Moral gibt. Damit sei es den Menschen nicht mehr möglich, Werte aus dem unendlichen Bewusstsein Gottes zu bestimmen. Niemand könne mehr pauschal sagen, was richtig und falsch, was das Gute sei. Er folgert daraus, dass durch das Fehlen Gottes alles erlaubt sei. Außerdem behauptet Satre (Satre, 1943-1948, S. 155) weiter, dass durch die Verlassenheit, das heißt die Nicht-Existenz Gottes, der Mensch keinen Halt mehr habe. «Der Mensch ist dazu verurteilt frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, und dennoch frei, weil er, einmal in die Welt geworfen, für all das verantwortlich ist, was er tut» (Satre, 1943­1948, S. 155). Damit impliziert Satre einerseits, dass der Mensch, aufgrund der Tatsache, dass Existenz dem Wesen vorausgeht, keine menschliche Natur besitzt, wodurch er frei ist. Andererseits verdeutlicht Satre damit, dass niemand seine Taten mehr an den Werten Gottes rechtfertigen kann, weshalb jeder für diese selbst verantwortlich ist.

Insgesamt behauptet Satre also, dass durch die Verlassenheit alles erlaubt ist, jedoch ist jeder Mensch selbst für seine Taten und Handlungen verantwortlich. Es ist keine Recht­fertigung durch die Werte Gottes möglich, jeder muss selbst die Konsequenzen seiner Handlungen tragen.

3.3. Gegenüberstellung derAnsichten beider Philosophen

Die Gedanken der beiden Philosophen gehen zum Thema Moral teilweise in die gleiche Rich­tung, jedoch werden hier auch größere Unterschiede in der Einstellung zur Relevanz Gottes für die Moral deutlich.

Satre (Satre, 1943-1948, vgl. Kapitel 3.2.) behauptet, dass es durch die Verlassenheit keine Moral gäbe und alles erlaubt sei. Jedoch bezieht er sich bei der Moral mehr auf eine «Rechtfertigung» des menschlichen Handelns, als auf Richtlinien, wie man «gut» handelt. Er behauptet, dass es durch die Nicht-Existenz Gottes keine festgeschriebene Moral gäbe, wodurch man sein Handeln nicht durch Gott rechtfertigen könne. Deshalb müsse der Mensch für alle seine Handlungen selbst die Verantwortung tragen. Satre nutzt hier eine Art Gegensatz in seiner Begründung. Zwar führt er an, dass keine Moral besteht und alles erlaubt ist, jedoch stellt er auch klar, dass dies dazu führt, dass jeder für seine Handlungen selbst verantwortlich ist und die Konsequenzen tragen muss. Nietzsche (Nietzsche, 1887, vgl. Kapitel 3.1.) hingegen bestreitet nicht das Vorhandensein von Moral, sondern den Sinn der Moral. Seiner Aussage nach hält die Moral die Stärkeren von der Durchsetzung ihrer Interessen ab, da moralische Werte nur aus den Interessen der Schwachen entstehen. Aus diesem Grund ist eine allgemeingültige Moral für Nietzsche unsinnig, da man sie nicht auf alle Bevölkerungsgruppen anwenden kann. Nietzsche behauptet deshalb auch in „Was heisst Leben", dass die Starken «ohne Pietät gegen Sterbende», das heißt also gegen die Schwachen, vorgehen sollten.

Des Weiteren führt Satre (Satre, 1943-1948, vgl. Kapitel 3.2) auf, dass ohne Gott nicht bestimmt sei, was das Gute ist. Nietzsche hingegen behauptet, dass die Menschen bestimmen, was das Gute ist, sie dabei jedoch falsch liegen. Seiner Ansicht nach sehen die Menschen immer nur das als «das Gute», was eine alte, bekannte Sichtweise darstellt. Neue Gedanken jedoch, die die vorhandenen Werte und Richtlinien in Frage stellen, werden generell als «das Böse» verstanden.

4. Diskussion und persönliche Einschätzung

Bisher wurden die Ansichten Friedrich Nietzsches und Jean-Paul Satres zu den Themen Wahrheit und Moral erläutert. Bei ihrer Meinung zur Wahrheit herrscht weitgehend Einig­keit, während es bei der Moral deutliche Differenzen gibt. Im Folgenden werde ich die Ansichten der beiden Philosophen diskutieren und meine eigene Einschätzung zu den Themen darstellen.

4.1.Die fehlende Objektivität zur Bildung einer absoluten Wahrheit

Beim Thema Wahrheit herrscht zum Großteil Übereinstimmung. Beide gehen davon aus, dass es, aufgrund der menschlichen Subjektivität, keine absolute Wahrheit geben kann. Den Ansichten beider Philosophen stimme ich zum Großteil zu. Auch ich bin der Meinung, dass es schwer möglich ist, sich selbst eine objektive Meinung zu einem Thema zu bilden und damit eine objektive Wahrheit einschätzen zu können. Jeder Mensch ist durch die Erlebnisse seiner Kindheit, durch seinen familiären Hintergrund, oder auch durch geographische Positionen beeinflusst. Es ist gar unmöglich eine absolute Wahrheit zu einem Thema zu bestimmen, dass die ganze Welt betrifft. In verschiedenen Teilen der Welt, gelten unterschiedliche Moralbegriffe, es herrschen unterschiedliche wirtschaftliche und geographische Bedingungen. Daher ist es unmöglich, dass eine Person all diese verschiedenen Ansichten in ihrer Einschätzung der Wahrheit einbezieht. Selbst wenn dies möglich wäre, könnte ein Mensch noch nicht die absolute Wahrheit bestimmen, da er nur die Sicht eines Menschen besitzt. Um die absolute Wahrheit zu bestimmen, müsste der Mensch auch noch die Sicht eines Tieres in seine Sicht einschließen. Was für ein Tier der perfekte Platz zum Schlafen ist, mag für den Menschen nur eine einfache Wiese sein. Ich behaupte, dass es durch diese un­endlich vielen Ansichten einer Situation unmöglich ist, die absolute Wahrheit zu finden, da man seine Subjektivität nie in vollem Maße ablegen kann. Als Beispiel möchte eine fast all­tägliche Situation zweier Freunde nutzen. Oftmals kommt es vor, dass sich zwei Freunde über ein Thema streiten. Da sie selbst zu keinem Ergebnis kommen, fragen sie einen Außen­stehenden, wer Recht habe. Selbst im hypothetischen Fall, dass der Außenstehende noch nie mit diesem Thema konfrontiert war, könnte er die Situation nicht objektiv bewerten. Sobald er beginnt über die Antwort auf die Frage nachzudenken, wird er automatisch seine subjektiven Präferenzen in die Entscheidung mit einbringen, da es ihm unmöglich ist, seine Vergangenheit für diese Entscheidung zu ignorieren, nahezu zu «vergessen». Er wurde als Mensch in eine bestimmte Situation geboren, deren Einfluss auf ihn ewig bestehen bleiben wird.

Zusammenfassend bin ich der Meinung, dass es nicht möglich ist, eine abschließende, objektive Wahrheit zu bestimmen. Ich stimme damit also den Thesen Nietzsches und Satres über weite Strecken zu. Ausgenommen hiervon sind wissenschaftliche Studien. Wissen­schaftliche Studien können oftmals zu objektiven Ergebnissen führen, beispielsweise zu Fragestellungen im Bereich der Medizin. Jedoch werden auch diese Studien des Öfteren über die Jahre noch verfeinert, waren vorher also auch nicht die absolute Wahrheit. In Wissen­schaften wie der Philosophie jedoch sind kaum Wahrheiten bestimmbar. Diese befinden sich in einer der oben erläuterten Situationen der unentrinnbaren Subjektivität.

4.2.Moral als bevölkerungsübergreifende Richtlinie

Wie schon zuvor dargestellt, haben die Philosophen Satre und Nietzsche unterschiedliche Ansichten zum Thema Moral. Im Folgenden werde ich deshalb die Ansichten getrennt diskutieren und dabei meine eigene Meinung zum Ausdruck bringen.

Die Argumentation Nietzsches ist für mich nachvollziehbar, jedoch muss ich ihm in einigen Punkten widersprechen. Der Behauptung, dass sich die Moral hauptsächlich aus den Interessen der Schwachen bildet, stimme ich zu. Jedoch bedeutet dies nicht, dass die Moral, wie Nietzsche sagt, ungültig ist. Auch wenn man sich selbst in der Position des Starken befindet, sollte man darauf achten, dass man den Schwachen während seines Fortschreitens nicht schadet. Beispielsweise sollten im Rahmen der Bildungspolitik nicht nur die Interessen der Eliten berücksichtigt werden, sondern vor allem auch die Ausbildung breiter Bevölkerungsschichten gefördert werden. Damit möchte ich sagen, dass es eine moralisch höchst problematische Situation wäre, wenn die Bildung für die «weniger intelligenten» Menschen abgebaut werden würde, damit im Gegenzug die Bildung der „intelligenten" noch stärker gefördert werden kann. Diese Aussage muss jedoch differenziert betrachtet werden. Deshalb muss ich Nietzsche auch zum Teil zustimmen. Wie bereits erklärt, bedeutet Nietzsches These, dass die Moral aus den Interessen der Schwachen entsteht, für mich nicht, dass die Moral keine Gültigkeit haben sollte. Jedoch möchte ich auch klarstellen, dass eine Situation in der die Starken durch die Schwachen in ihrem Fortschritt aufgehalten werden, verheerend wäre. Es darf keine Situation entstehen, in der die Starken einen Willen zur Weiterentwicklung haben, jedoch, aufgrund der Situation der Schwachen, diesen nicht durchsetzen können. Ich behaupte also, dass die Starken in ihrer Fortentwicklung nicht von den Schwachen zurückgehalten werden dürfen, jedoch sollen sie dabei, den Schwachen auch keinen Schaden zufügen. Dazu möchte ich im Folgenden erneut ein Beispiel aus dem Bereich der Bildungspolitik anführen. In der Bildungspolitik ist es wichtig, dass die Starken, in diesem Zusammenhang also die «Intelligenten», gefördert werden. Gleichzeitig sind jedoch auch die «weniger Intelligenten» zu beachten, denn auch sie müssen gefördert werden, da die Moral «Alle Menschen sind gleich» gilt. Es ist jedoch wichtig, dass differenziert wird, zwischen der Förderung der Schwachen durch das Aufhalten der Starken und der eigentlichen Förderung der Schwachen. Das heißt, dass sich nicht das gesamte Bildungssystem eines Staates nach den Schwachen richten darf, sondern sowohl Bildungseinrichtungen für die Schwachen, als auch für die Starken vorhanden sein sollen. Dieses System wurde zum Beispiel in Deutsch­land verwirklicht. Es gibt eine Unterscheidung zwischen den Schultypen «Hauptschule», «Realschule» und «Gymnasium». Dabei ist die Hauptschule zur Bildung der «weniger Intelligenten» und das Gymnasium zur Bildung der «Starken» gedacht. So kann sichergestellt werden, dass die Starken nicht durch ein verlangsamtes Tempo der Schwachen aufgehalten werden, wodurch das Potential der Starken ausgenutzt werden kann, jedoch den Schwachen trotzdem nicht geschadet wird. Wie ich schon aufgeführt habe, gilt in diesem Fall die Moral «Alle Menschen sind gleich», das heißt, dass in diesem Fall jeder die Möglichkeit zur Bildung erhalten sollte. Diese Moral darf jedoch nicht verstanden werden als «Alle Menschen sollen gleichgemacht werden». Es ist nicht der Sinn dieser Moral, dass alle Menschen dieselbe Bildung erhalten, damit sie sich nach Abschluss ihrer Ausbildung alle auf derselben Bildungs­stufe befinden. Dies würde einer Bestrafung der Intelligenz, also einer Bestrafung der «Stärke», gleichen. Vielmehr sagt diese moralische Norm aus, dass alle Menschen die gleiche Möglichkeit zur Bildung haben sollten, ungeachtet ihrer Herkunft, Vergangenheit, oder sonstiger Merkmale, die sich nicht auf die Fähigkeit zur Bildung beziehen.

Insgesamt geht es mir darum, dass die Starken ihr Potential ausnutzen können und nicht durch die Schwachen aufgehalten werden, jedoch mit der Einschränkung, dass die Starken den Schwachen nicht schaden dürfen. Nietzsches Aussage man solle «ohne Pietät gegen Sterbende» (Nietzsche, 1887, Nr.26) vorgehen, stimme ich also nicht zu, da dies impliziert, dass die Schwachen geschädigt werden dürfen.

Des Weiteren kann ich auch Satres These der Verlassenheit nicht zustimmen. Satres Prämisse ist, dass Gott nicht existiert. Er geht davon aus, dass es durch die Nicht-Existenz Gottes keine vorgegebenen Werte und damit auch keine Moral gibt. Meiner Meinung nach wird die Moral nicht von Gott gegeben, sondern entwickelt sich durch einen jahrelangen Prozess und wird von den Menschen gemacht. Ich stimme Satre zu, dass der Mensch in seinen Entscheidungen frei ist, jedoch bin ich der Meinung, dass dies auch bei einer möglichen Existenz Gottes der Fall wäre. Satre behauptet, dass es durch die Nicht-Existenz Gottes keine Möglichkeit zur Rechtfertigung von Handlungen durch dessen Werte gibt. Nach meiner Ansicht sind unter Moral von den Menschen freiwillig entwickelte Richtlinien zu verstehen, die Orientierung für das Handeln geben sollen. Fraglich ist, ob der Sinn für Gerechtigkeit den Menschen angeboren ist und sich Teile der moralischen Werte aus diesem angeborenen Sinn entwickeln. Schon bei Kleinkindern ist oftmals ein Verhalten zu beobachten, dass einen angeborenen Sinn für Fairness suggeriert (Schierenbeck, 2015). Diese Aussage würde im Übrigen den gesamten Existentialismus in Frage stellen, da er davon ausgeht, dass sich das Wesen erst nach der Existenz bildet.

Schlussendlich sind es für mich die Menschen selbst, die bestimmen was als «Gut» und was als «Falsch» bezeichnet wird. Deshalb werden moralische Werte von den Menschen eigen­ständig, aus deren Erfahrungen und Vergangenheit, gebildet und bestehen damit unabhängig von der möglichen Existenz Gottes.

5.Schlussbetrachtung

Die bisherigen Ausführungen haben die Rolle der Wahrheit und der Moral im Nihilismus dargestellt. Wie sich zeigt, haben Nietzsche und Satre eine sehr ähnliche Sicht der Wahrheit. Beide behaupten, dass diese objektiv nicht zu erkennen ist, da es unmöglich ist, die mensch­liche Subjektivität abzulegen. Nietzsche hinterfragt den Sinn der Moral und behauptet dabei, dass die Moral keine Gültigkeit für alle Menschen hat, da sie sich nur aus den Interessen bestimmter Bevölkerungsgruppen bildet. Satre hingegen stellt fest, dass es aufgrund der Verlassenheit, das heißt aufgrund der Nicht-Existenz Gottes, keine vorgegebenen Werte und damit auch keine Moral gibt. Der Mensch ist für sich selbst verantwortlich und muss daher die Konsequenzen für sein Handeln tragen. Den Thesen der Philosophen zur Wahrheit kann ich zustimmen, die Ausführungen zur Moral muss man meiner Meinung nach jedoch differenziert betrachten. Nach meiner Ansicht werden moralische Werte von Menschen gebildet und sind sehr sinnvoll. Moralische Normen sind die Grundlage für die Realisierung eines friedlichen gesellschaftlichen Zusammenlebens. Auch sind sie mit Blick auf unsere heutige multikulturelle Gesellschaft sehr wichtig, da durch gemeinsame moralische Werte ein geregeltes Zusammenleben gesichert wird.

Interessant können in Zukunft mögliche Erkenntnisse der Verhaltensbiologie zu angeborenen Instinkten sein, wie beispielsweise dem angeborenen Instinkt für Fairness (Gerechtigkeitssinn). Diese Erkenntnisse würden eine der Grundannahmen des Existentialismus in Frage stellen, da der Existentialismus darauf beruht, dass sich die Essenz nach der Existenz bildet.

Literaturverzeichnis

Nietzsche, F. W. (1887). Diefröhliche Wissenschaft. Leipzig.

Pratt, A. (kein Datum). Internet Encyclopedia of Philosophy. Abgerufen am 5. 12 2015 von http://www.iep.utm.edu/nihilism/

Satre, J.-P. (1943-1948). Der Existentialismus ist ein Humansimus. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Schierenbeck, J. (19. 11 2015). Spiegel Online. Abgerufen am 5. 12 2015 von http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/gerechtigkeit-kinder-sind-frueh-auf-den- eigenen-vorteil-aus-a-1063494.html

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (Buch)
9783668327795
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v342850
Institution / Hochschule
Universität St. Gallen
Note
5,5

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