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Missbraucht die Deutsche Lufthansa AG ihre marktbeherrschende Stellung? Eine Untersuchung

Profitieren Konsumenten immer von Preissenkungen?

Hausarbeit 2016 20 Seiten

VWL - Industrieökonomik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sachverhalt
2.1 Ausgangslage
2.2 Ziel des Bundeskartellamts
2.3 Beschluss
2.4 Gründe

3. Die ökonomische Theorie hinter Verdrängungspreisen
3.1 Allgemeine Überlegungen
3.2 Bedingungen
3.3 Kosten
3.4 Gewinne

4. Ordnungspolitische Maßnahmen
4.1 Verdrängungspreise identifizieren
4.2 Ex-Post-Kontrolle
4.3 Ex-Ante-Kontrolle
4.4 Baumols-Vorschlag

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Theorie der Verdrängungspreise aus Sicht des marktbeherrschenden Unternehmens

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Niedrige Preise von der Mehrheit der Bevölkerung als positiv wahrgenommen. Die Tatsache, dass ein Produkt billiger geworden ist, deutet darauf hin, dass der Wettbewerb am Markt funktioniert. Davon profitiert in den meisten Fällen der Konsument. Doch sind niedrige Preise immer ein gutes Zeichen? Wie sehen die Auswirkungen auf lange Sicht aus? Hat jede Preisminderung einen dauerhaften positiven Effekt auf den Konsumenten? Muss sich der Konsument die Frage stellen, wieso ein qualitativ hochwertiges Produkt überraschend günstig wird? Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit diesen Fragen anhand des Beschlusses des Bundeskartellamts vom 18.Februar 2002 zum „Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung“ im Lufthansa-Germania-Fall.

Zunächst erfolgt eine detaillierte Einführung in den Sachverhalt, damit unter Beachtung der Zielvorgaben des Bundeskartellamts eine kritische und diversifizierte Auseinandersetzung mit dem Beschluss möglich ist. Um dem Leser den Beschluss greifbarer zu machen, werden im Anschluss daran noch die vom Bundeskartellamt genannten Gründe genannt und erläutert. In dem darauffolgenden Kapitel 4 wird die Theorie des Verdrängungswettbe- werbs sowie ihre einzelnen Aspekte anhand einer Grafik erklärt. Nachdem der Leser mit der ökonomischen Theorie vertraut gemacht wurde, werden Probleme bei der Identifizierung von Verdrängungspreisen erläutert. Daran anknüpfend werden aktuelle ordnungspolitische Maßnahmen diskutiert sowie eine weitere mögliche Alternative genauer betrachtet.

Zum Schluss werden in einem Fazit die wichtigsten Aspekte zusammengefasst und Bezug auf die Ausgangsfrage genommen.

2. Der Sachverhalt

2.1 Ausgangslage

Nach dem Zusammenschluss der Eurowings Luftverkehrs AG1 und der Deutsche Lufthansa AG2 (im folgenden Lufthansa) im September 2001 konnte die Lufthansa zunehmend ihre Stellung auf dem innerdeutschen Flug- linienverkehr unter konkreten Auflagen des Bundeskartellamts weiter ausbauen.

Eine dieser Auflagen war die Abgabe von bis zu 3 Slots3 an eine konkurrierende Fluggesellschaft, die auf den Flughäfen München, Düsseldorf oder Frankfurt Linienflüge neu anbieten kann (vgl. Bundeskartellamt, 2001, S. 2ff).

Die Germania Fluggesellschaft mbH4 (im folgenden Germania), ein sog. LowCost-Carrier5, entschied sich dazu, diese Slots zu nutzen und als neuer Konkurrent in den Markt einzutreten. Die Germania bot ausschließlich auf der Strecke Frankfurt/Main-Berlin/Tegel „one-way-tickets“ zum Preis von 99€ an und wandte sich mit diesem Tarif „gezielt“ an Geschäftskunden und unterbot den marktüblichen Preis erheblich.

Die Lufthansa, welche 2001 als Monopolist die Route Frankfurt/Main-Berlin/ Tegel bediente, verlangte 485€ für ein „full flexible round-trip-ticket“6. Dieses Ticket enthält Hin- und Rückflug und ist an spezielle Restriktionen gebunden. Zu den Restriktionen zählen unter anderem eine Vorausbuchungsfrist und ein die Eurowings Luftverkehrs AG entstand 1993 durch den Zusammenschluss des Nürnberger Flugdienst und der Reise- und Industrieflug und agiert bis 2000 als eigenständiges Unternehmen. Mit Wirkung zum 1.Januar 2001 erwirbt die Deutsche Lufthansa AG mit Zustimmung des Bundeskartellamts 24,9% der Aktien von Eurowings (vgl. eurowings.com).

Die Deutsche Lufthansa AG wurde 1926 in Berlin gegründet. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Lufthansa erneut, aber diesmal als staatliches Unternehmen gegründet. Zuerst bediente sie nur innerdeutsche Fluglinien, steuerte aber bereits 1953 erste Ziele im Ausland an. Nach stetigem Wachstum erlebte die Lufthansa in den 1990er Jahren ihr erste ökonomische Krise. Infolgedessen wurde sie nach und nach privatisiert. Die Lufthansa agierte im innerdeutschen Markt weitestgehend als Monopolist und wurde im Zeitraum um 2002 von zahlreichen neuen Konkurrenten herausgefordert (vgl. Hüschelrath, 2002, S.6, vgl. www.lufthansagroup.com) Start- und Landerechte an einem Flughafen eine 1979 unter dem Namen S.A.T. (Special Airline Transport) gegründetes Unternehmen, welches sich zu Beginn nur auf die Vermietung von Flugzeugen spezialisierte. Nach der Umbenennung in Germania Fluggesellschaft mbH nahm sie zunehmend den Flugbetrieb in Eigenverantwort auf (vgl. flygermania.com) aus dem Englischen: Billigfluglinie; verzichtet auf klassische Komfortmerkmale, Service z.B. nur gegen Bezahlung oder gar nicht, Definieren sich nahezu ausschließlich über den niedrigen Preis Anmerkung: pro Flug ergibt sich somit 244,50€ Mindestaufenthalt zwischen Hin- und Rückflug. Außerdem war das „full flexible round-trip-ticket“ nicht umbuchbar (vgl. Bundeskartellamt, 2002, S.3).

Die Lufthansa reagierte am 09. November 2001 und somit noch vor dem Markteintritt der Germania mit der Einführung eines neuen, flexibleren „one- way-tickets“. Dieses Ticket war ohne die oben genannten Restriktionen buchbar. Stattdessen gab es nur unerhebliche Restriktionen, wodurch die Tickets auch für Geschäftsreisende problemlos buchbar waren. Zu den Restriktionen gehörten unter anderem, dass Hin- und Rückflug nur getrennt voneinander zu buchen waren. Eine Umbuchung war nur bis zum Abflugtag möglich und die Kosten dafür beliefen sich auf 22€. Das von der Lufthansa angebotene „one-way-ticket“ war zu einem Preis von 100€ erhältlich. Die Kosten für Hin- und Rückflug betrugen somit 200€, was einem Preisnachlass von 58% entsprach (vgl. Hüschelrath, 2003, S.6).

Da es bei einem Preisabstand von nur 1€ und keinen wesentlichen Restriktionen bei der Buchung des Tickets keinen Grund gab, weiterhin mit der Germania anstelle der Lufthansa zu fliegen, reduzierte die Germania im November 2001 den Preis auf 55€, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Nach dem Jahreswechsel erhöhte sie den Preis jedoch wieder auf 99€, da sie bei einem Preis von 55€ pro Flug die Gewinnschwelle nicht erreichen konnten. Nachdem die Lufthansa ihren Tarif zum Jahreswechsel auf 105€ erhöht hat, verzeichnete die Germania einen Nachfragerückgang um 39%, während die Nachfrage der Lufthansa weitestgehend unverändert konstant blieb (vgl. Bundeskartellamt, 2002, S.6).

2.2 Ziel des Bundeskartellamts

Das allgemeine Ziel des Bundeskartellamts ist die Durchsetzung des GWB7 sowie die Aufrechterhaltung des Wettbewerbs in Deutschland. Dabei entscheidet das Bundeskartellamt vollkommen unabhängig von politischen Zielsetzungen. Dies gewährleistet, dass sich das Bundeskartellamt vollständig auf wettbewerbliche Kriterien bei der Entscheidungsfindung konzentrieren kann. Im speziellen beschäftigt sich das Bundeskartellamt mit der Missbrauchs- Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkung; dient zur Erhaltung eines funktionierenden, ungehinderten und möglichst vielfältigen Wettbewerbs aufsicht, welche für den hier relevanten Fall von besonderer Bedeutung ist.(vgl. bundeskartellamt.de).

Durch die Missbrauchsaufsicht soll verhindert werden, dass Unternehmen, welche bereits eine marktbeherrschende8 Stellung innehaben, diese nicht ausnutzen, um z.B. überhöhte Preise zu verlangen oder mit ihrer Marktmacht versuchen, andere Unternehmen vom Markt zu verdrängen.

In dem vorliegenden Fall lässt sich das Ziel noch konkretisieren. Mit dem Beschluss sollte sichergestellt werden, dass Germania die Möglichkeit bekommt, sich dauerhaft als zuverlässiger Anbieter auf der Strecke Frankfurt/ Main-Berlin/Tegel zu etablieren, den Bekanntheitsgrad zu steigern und somit nach Ablauf des Wettbewerbsschutzes als konkurrierendes Unternehmen der Lufthansa gegenüber zu treten(vgl. Bundeskartellamt, 2002, S.22f).

2.3 Der Beschluss

Am 18. Februar 2002 beschloss das Bundeskartellamt auf Grundlage des §19 Abs.1, Abs.4 Satz 1 Nr.1 GWB, aufgrund des Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung der Lufthansa, folgendes:

Der Lufthansa ist es für einen Zeitraum von zwei Jahren verboten, auf der Fluglinie Frankfurt/Main-Berlin/Tegel, einen Preis zu verlangen, der nicht mindestens 35€ über dem Preis der Germania liegt, solange die Germania ihren Preis nicht auf über 99€9 erhöht. Der Beschluss gilt für Tickets, die ohne die wesentlichen Restriktionen buchbar sind (vgl. Bundeskartellamt, 2002, S.1f).

2.4 Gründe

Der Beschluss des Bundeskartellamts basiert auf mehreren aufeinander aufbauenden Gründen, die es im Folgenden zu nennen und zu erläutern bedarf.

Der monet ä re Wert 10 von angebotsunterschieden im Luftverkehr Durch die Einführung des „one-way-tickets“ zum Preis von 100€ hat die Lufthansa das Angebot der Germania von 99€ de facto unterboten. Die als marktbeherrschend gilt ein Unternehmen ab einem Marktanteil von 50% (vgl. Schmidt & Voigt, 2006, S.6) gem. Aussagen der Germania wird bei 99€ die Gewinnschwelle erreicht unter dem monetären Wert versteht man eine geldwerte Gegenleistung Lufthansa bietet eine Vielzahl von zusätzlichen Leistungen, die Germania als klassischer Low-Cost-Carrier nicht anbietet. Dazu gehören unter anderem die Verpflegung an Bord der Lufthansa, die ein Getränk und eine Auswahl an verschiedenen Zeitschriften enthält. Wird nun davon ausgegangen, dass der Kunde der Germania ebenfalls ein Getränk und eine Zeitschrift für den Flug wünscht, so hat er sich diese eigenständig zu beschaffen. Dafür veranschlagt das Bundeskartellamt zusammen einen Preis von 3€ (vgl. Bundeskartellamt, 2002, S.7).

Ein weiterer Aspekt, den es zu berücksichtigen gilt, ist das Vielfliegerprogramm „miles & more“ der Lufthansa. Jeder Kunde, der einen Flug bei der Lufthansa bucht, erhält eine Gutschrift über eine bestimmte Anzahl von Meilen, gemessen an dem zu zahlenden Preis.

Das Bundeskartellamt geht bei der Berechnung von einem Flug zum Preis von 100€ (später 105€), wie es bei der Buchung des neuen one-way-tickets der Fall ist, von einer Gutschrift von 500 Meilen aus. Um sich einen Hin- und Rückflug für diese Strecke (20.000 Meilen) durch Meilengutschriften leisten zu können, sind maximal 40 Flüge mit der Lufthansa notwendig. Hieraus berechnet sich ein geldwerter Vorteil von 12€ pro Flug, die ebenfalls gegengerechnet werden müssen (vgl. Bundeskartellamt, 2002, S.7f).

Darüber hinaus ergibt sich ein weiterer Vorteil. Die „Bonus-Meilen“ werden auf das private „miles & more“ Konto des Reisenden gebucht. Dies ist insbesondere für Geschäftsreisende interessant, weil diese den Flug für gewöhnlich nicht selbst zahlen müssen und sich demzufolge ein weiterer Anreiz herausstellt, mit der Lufthansa zu fliegen (vgl. Bundeskartellamt, 2002, S.7). Das Bundeskartellamt hat außerdem die hohe Dichte an Flugfrequenzen11 mit einem monetären Wert von 25€ beziffert. Die Lufthansa bietet den ersten Flug des Tages um 07:25 Uhr und den letzten Flug um 20:00 Uhr an. Insgesamt sind dies 14 Frequenzen am Tag, wohingegen Germania nur vier Frequenzen anbietet. Entscheidend bei der Wahl für Geschäftskunden ist die zeitliche Flexibilität und die damit einhergehende Möglichkeit, einen Flug zu verpassen und umbuchen zu können, sollte sich ein Geschäftstermin unerwartet in die Länge ziehen.

[...]


1 die Eurowings Luftverkehrs AG entstand 1993 durch den Zusammenschluss des Nürnberger Flugdienst und der Reise- und Industrieflug und agiert bis 2000 als eigenständiges Unternehmen. Mit Wirkung zum 1.Januar 2001 erwirbt die Deutsche Lufthansa AG mit Zustimmung des Bundeskartellamts 24,9% der Aktien von Eurowings (vgl. eurowings.com).

2 Die Deutsche Lufthansa AG wurde 1926 in Berlin gegründet. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Lufthansa erneut, aber diesmal als staatliches Unternehmen gegründet. Zuerst bediente sie nur innerdeutsche Fluglinien, steuerte aber bereits 1953 erste Ziele im Ausland an. Nach stetigem Wachstum erlebte die Lufthansa in den 1990er Jahren ihr erste ökonomische Krise. Infolgedessen wurde sie nach und nach privatisiert. Die Lufthansa agierte im innerdeutschen Markt weitestgehend als Monopolist und wurde im Zeitraum um 2002 von zahlreichen neuen Konkurrenten herausgefordert (vgl. Hüschelrath, 2002, S.6, vgl. www.lufthansagroup.com)

3 Start- und Landerechte an einem Flughafen

4 eine 1979 unter dem Namen S.A.T. (Special Airline Transport) gegründetes Unternehmen, welches sich zu Beginn nur auf die Vermietung von Flugzeugen spezialisierte. Nach der Umbenennung in Germania Fluggesellschaft mbH nahm sie zunehmend den Flugbetrieb in Eigenverantwort auf (vgl. flygermania.com)

5 aus dem Englischen: Billigfluglinie; verzichtet auf klassische Komfortmerkmale, Service z.B. nur gegen Bezahlung oder gar nicht, Definieren sich nahezu ausschließlich über den niedrigen Preis

6 Anmerkung: pro Flug ergibt sich somit 244,50€

7 Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkung; dient zur Erhaltung eines funktionierenden, ungehinderten und möglichst vielfältigen Wettbewerbs

8 als marktbeherrschend gilt ein Unternehmen ab einem Marktanteil von 50% (vgl. Schmidt & Voigt, 2006, S.6)

9 gem. Aussagen der Germania wird bei 99€ die Gewinnschwelle erreicht

10 unter dem monetären Wert versteht man eine geldwerte Gegenleistung

11 Anmerkung: eine Flugfrequenz besteht aus Hin- und Rückflug

Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668324336
ISBN (Buch)
9783668324343
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v342526
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,7
Schlagworte
Vwl Industrieökonomik Lufthansa marktbeherrschende Stellung Bundeskartellamt Kartell Kartellamt Missbrauch Dumping Dumpingpreise BWL Verdrängungspreise Preissenkung Ökonomik Industrie Preiskampf Verdrängungswettbewerb Monopol Duopol Eurowings Ryanair Germania Markmacht Flugzeug Flughafen Flugverkehr

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