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Linguistische Analyse von Rainer Maria Rilkes „Abschied“

von Doris Glanz (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 19 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition grundlegender Begriffe
2.1 Was ist ein Text?
2.2 Was ist ein literarischer Text

3. Linguistische Analyse von „Abschied“ von Rainer Maria Rilke
3.1 Textzusammenhang durch Kohärenz
3.1.1 Textkohärenz durch lexikalisches Wissen
3.1.2 Textkohärenz durch Welt - und Handlungswissen
3.1.3 Textkohärenz durch Textwissen
3.1.4 Zusammenfassung der Analyse der Textkohärenz in Rilkes ÄAbschied“
3.2 Textzusammenhang durch Kohäsion
3.2.1 Bestimmung der syntaktischen Struktur der Sätze
3.2.2 Textkohäsion durch Interpunktionszeichen
3.2.3 Textkohäsion durch Konnektoren
3.2.4 Kohäsion durch Artikelwörter und Pronomen
3.2.5 Kohäsion durch Tempus, Verbmodus und Diathese
3.2.6 Zusammenfassung der Analyse der Textkohäsion in Rilkes ÄAbschied“

4. Anwendung von Cullers Literaturtheorie auf Rilkes „Abschied“

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ständig wird man im Alltag mit verschiedenen Varianten von Texten konfrontiert. So liest man die Tageszeitung, eine SMS von der Freundin oder einen Roman als Nachtlektüre. Doch was macht einen Text zum Text und was grenzt literarische Texte von anderen Texten ab? Um diesen Fragestellungen nachzugehen, wird in dieser Arbeit untersucht, warum das Werk ÄAbschied“ von Rainer Maria Rilke als literarischer Text bezeichnet werden kann. Hierzu werden die grundlegenden Begriffe, nämlich Text nach ÄDuden. Die Grammatik“ und litera- rischer Text nach Culler, definiert. Anschließend wird mit Hilfe der textstiftenden Funktionen der Kohärenz und Kohäsion überprüft, warum es sich bei Rilkes Werk um einen Text handelt. Nur wenn es sich um einen Text handelt, kann untersucht werden, warum dieses Werk als literarischer Text im Sinne der Literaturtheorie von Culler bezeichnet werden kann.

2. Definition grundlegender Begriffe

Um in dieser Arbeit untersuchen zu können, warum das Werk ÄAbschied“ von Rilke als literarischer Text und somit auch als Text bezeichnet werden kann, müssen zunächst die Begriffe Text und literarischer Text definiert werden.

2.1 Was ist ein Text?

Da in dieser Arbeit eine linguistische Analyse durchgeführt wird, ist eine Textdefinition aus linguistischer Sicht sinnvoll. So wird in ÄDuden. Die Grammatik“ ein Text als Äkomplexes sprachliches Zeichen, das von den Kommunizierenden zusammenhängend codiert bzw. deco- diert wird , beschrieben. Schreiber und Leser folgen dabei syntaktischen, semantischen und pragmatischen Regeln“ (Duden 2009, S.1060). Die textkonstruierende Tätigkeit der Akteure steht im Fokus, sodass die Verwendung allgemeingültiger Zeichenklassen, wie Pronomen oder Interpunktionszeichen, nur als individuelle syntaktische, semantische und pragmatische Wissensbestände in den Codierungs - und Decodierungsprozess von Texten einwirken. Auf- grund der bloßen Nutzung der individuellen syntaktischen, semantischen und pragmatischen Wissensbestände besteht die Gefahr, dass ein Text nicht angemessen decodiert wird. Die in- dividuellen Wissensbestände der Kommunizierenden sind somit entscheidend, ob etwas als zusammenhängender Text erkannt wird oder nicht. Zusammenfassend können diese Wissens- bestände in ihrer textstiftenden Funktion zwischen Kohäsion und Kohärenz unterschieden und somit gegliedert werden (Vgl. Ebd.).

Bei der Kohäsion wird eine Textverknüpfung mit Hilfe von grammatischen Mitteln und somit auch syntaktischen Wissensbeständen erzeugt, wobei auf Zeichenklassen wie Pronomen, Interpunktionszeichen, Konnektoren und Artikel und desweiteren Tempus, Verbmodus und Diathese zurückgegriffen wird. Es wird grammatisches Wissen verwendet um einen Textzu- sammenhang zu produzieren (Vgl. Duden 2009, S.1062). Der Kohärenz können semantische und pragmatische Wissensbestände zugeordnet werden, indem der Textzusammenhang durch kulturelles Wissen hergestellt wird. Dieses kulturelle Wissen umfasst u.a. das lexikalische Wissen als alle gebräuchlichen Wörter und Bedeutungszusammenhänge in einer Kultur, ist nicht statisch und kann unbegrenzt erweitert werden. Desweiteren zählt zum kulturellen Wis- sen das Weltwissen, was die Kenntnis von Fakten und Zusammenhängen in der Welt beinhal- tet, und das Handlungswissen, das Wissen zum Handlungsvollzug. Als spezielles Wissen im Umgang mit Texten wird das Textwissen bezeichnet, was über den typischen Textaufbau in bestimmten Situationen und unterschiedlichen Intentionen des Schreibers informiert (Ebd. S.1134).

Auch wenn Kohäsion und Kohärenz unterschiedliche textstiftende Funktionen erfüllen, soll- ten sie nicht isoliert betrachtet werden. Generell wird in der Forschung betont, dass die Er- zeugung eines Textzusammenhanges durch Kohärenz dem Textzusammenhang durch Kohä- sion überzuordnen ist. So kann etwas als Text bezeichnet werden, wenn zwar die textstiftende Funktion mit den Mitteln der Kohärenz aber nicht der Kohäsion gegeben ist. Umgekehrt wird eine inhaltlich zusammenhangslose Niederschrift nicht als Text bezeichnet, auch wenn Kohä- sion vorhanden ist (Scherner 2000, S.187). Kohäsion kann eher die Kohärenz in ihrer textstif- tenden Funktion unterstützen.

2.2 Was ist ein literarischer Text?

Als spezielle Variante eines Textes kann der literarische Text bezeichnet werden, sodass alle literarischen Texte zugleich Texte sein müssen. Doch was unterscheidet literarische Texte von anderen Texten und was sind ihre wesentlichen Merkmale? Um diese Frage zu beantworten, wird die Literaturtheorie von Jonathan Culler herangezogen, in der Texte entweder aufgrund besonderer sprachlicher Merkmale oder ihres literarischen Kontextes, ihrer Verortung in ei- nem Gedichtband oder Bücherei etc., als literarisch bezeichnet werden (Vgl. Culler 2002, S.43). Culler konkretisiert diese unterschiedlichen Perspektiven der Charakterisierung literari- scher Texte und führt fünf Merkmale von Literatur aus, die diese Perspektiven beinhalten.

Nach Culler ist der Äaktualisierte Sprachgebrauch“ ein wesentliches Merkmal von Literatur, indem die Sprache in den Vordergrund des literarischen Textes gerückt wird. Anderseits sei der Leser eines titulierten literarischen Textes dazu geneigt auf sprachliche Besonderheiten zu achten, die sonst ignoriert werden würden (Ebd. S.44f.). Ein weiteres Kennzeichen von Lite- ratur sei die Ämehrfachkodierte Sprache“ (Culler 2002, S.46), in der Elemente des Textes wie die Thematik und Grammatik aufeinander Bezug nehmen und die inhaltlichen Aussagen des Textes verstärken oder kontrastieren können. Obwohl dieser Effekt häufig in literarischen Texten verwendet wird, kommt er nicht in allen literarischen Texten vor. Ebenso kann nicht jeder Äaktualisierte Sprachgebrauch“ als Literatur bezeichnet werden. Fest stehe jedoch, dass in literarischen Texten eher auf Beziehungen zwischen Grammatik und Thematik geachtet wird (Vgl. Ebd.). Desweiteren beschreibt Culler literarischer Texte als fiktional. So erschaffe ein literarisches Werk eine fiktive Welt mit Figuren, einem Sprecher und dazugehörigen Handlungen, die allein im Werk existieren, sodass der Bezug zur Wirklichkeit bloß interpre- tiert werden kann (Ebd. S.48). Ein weiteres Merkmal von literarischen Texten sei ihre Ästhe- tik, was Leser zu einer näheren Betrachtung des Verhältnisses von Form und Inhalt veranlasst. Bei literarischen Texten als ästhetische Objekte liege der Fokus auf das Werk als Kunstwerk und erfülle keinen werkexternen Zweck (Ebd. S.51). Letztendlich bezeichnet Culler Literatur auch als Äintertextuelles oder autoreflexives Konstrukt“(Culler 2002, S.52), welches meist in Bezug auf andere literarische Texte gestaltet und interpretiert wird und ein Nachdenken auf einer abstrakteren Ebene ermöglicht. An diesen abstrakten Konventionen orientieren sich Au- toren literarischer Texte, um sie an anderer Stelle zu brechen.

Obwohl nach Culler wesentliche Merkmale von Literatur beschrieben werden konnten, können sie nicht als Abgrenzung von anderen Texten verwendet werden. So lässt sich festhalten, dass diese Merkmale auch in anderen Formen des Sprachgebrauchs verwendet werden. Insgesamt kann jedoch festgehalten werden, dass ein Text eine höhere literarische Qualität besitzt je mehr Merkmale er aufweist.

3. Linguistische Analyse von „Abschied“ von Rainer Maria Rilke

Zielsetzung dieses Kapitels ist es herauszufinden, warum es sich bei dem folgenden Werk ÄAbschied“ von Rilke um einen Text handelt:

Abschied

1 Wie hab ich das gefühlt was Abschied heißt.
2 Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes
3 grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
4 noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.
5 Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
6 das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
7 zurückblieb, so als wärens alle Frauen
8 und dennoch klein und weiß und nichts als dies:
9 Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
10 ein leise Weiterwinkendes-, schon kaum
11 erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
12 von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen (Rilke 1996, S.479f.).

Nur wenn letztendlich das Werk von Rilke im Sinne der aufgestellten Textdefinition als Text herausgestellt werden konnte, kann anschließend untersucht werden, warum es sich um einen literarischen Text handelt. Textzusammenhang wird wesentlich mit den Mitteln der Kohärenz und Kohäsion hergestellt, sodass im Folgenden die textstiftenden Mittel der Kohäsion und Kohärenz auf das Werk von Rilke angewendet werden sollen. Da die Kohärenz der Kohäsion in ihrer textstiftenden Funktion überzuordnen ist, und die Kohärenz die Kohäsion in der Er- zeugung eines Textzusammenhanges eher unterstützt, soll als Erstes die Kohärenz näher be- trachtet werden. Anschließend soll die Erzeugung eines Textzusammenhanges durch Kohäsi- on ausgeführt und untersucht werden, inwiefern kohäsive Mittel die Kohärenz unterstützen.

3.1 Textzusammenhang durch Kohärenz

Der Textzusammenhang durch kulturelles Wissen bei der Kohärenz umfasst das lexikalische, Welt - und Handlungswissen sowie das Textwissen, wobei nun analysiert werden soll, inwie- fern in Rilkes ÄAbschied“ kohärenzstiftende Mittel zu erkennen sind und welche Funktionen diese erfüllen.

3.1.1 Textkohärenz durch lexikalisches Wissen

Inhaltswörter als Teil des lexikalischen Wissens können Textkohärenz bewirken, wenn sie Ähnlichkeitsbeziehungen aufweisen, wobei zwischen Ähnlichkeit der Form und der begriffli- chen Bedeutung unterschieden wird (Vgl. Duden 2009, S.1135). Beide Varianten von Ähnlichkeitsbeziehungen sind in dem Werk von Rilke zu erkennen. So besteht in der ersten und letzten Strophe jeweils zwischen dem ersten und letzten sowie dem zweiten und dritten Vers eine Ähnlichkeit der Form, nämlich heißt (V.1) und zerreißt (V.4), bezogen (V.9) und abgeflogen (V.12) sowie unverwundnes (V.2) und Schönverbundnes (V.3), kaum (V.10) und Pflaumenbaum (V.11). In der zweiten Strophe ist die Ähnlichkeit der Form zwischen zuzu- schauen (V.5) und Frauen (V.7) sowie gehen ließ (V.6) und dies (V.8), also jeweils dem ers- ten und dritten und zweiten und vierten Vers der Strophe gegeben.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668320352
ISBN (Buch)
9783668320369
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v342328
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,0
Schlagworte
linguistische analyse rainer maria rilkes abschied

Autor

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    Doris Glanz (Autor)

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Titel: Linguistische Analyse von Rainer Maria Rilkes „Abschied“