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Ausnahmesituation Intensivstation. Individuelle Gestaltung von Sterben und Tod unter extremen Bedingungen

Bachelorarbeit 2016 63 Seiten

Pflegewissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis ...1

1 Einleitung ...2

2 Sterben und Tod ...7
2.1 Definition Sterben ...7
2.2 Wann ist ein Mensch tot? ...8
2.3 Sterbeorte – Wunsch und Wirklichkeit ...8

3 Ausnahmesituation Intensivstation – Die Situation der Sterbenden, der Angehörigen und des Pflegepersonals ...10
3.1 Der sterbende Patient ...10
3.1.1 Die Situation und Belastungen ...10
3.1.2 Die Bedürfnisse ...12
3.2 Bedürfnisse und Belastungsfaktoren der Angehörigen ...14
3.3 Die Sicht der Pflegekräfte ...17

4 Individuelle Sterbebegleitung auf der Intensivstation – Möglichkeiten und Empfehlungen ...19
4.1 Was bedeutet Sterbebegleitung? ...19
4.2 Fehlende individuelle und institutionelle Rahmenbedingungen und Verbesserungsvorschläge ...21
4.3 Betreuung in den letzten Stunden ...22
4.3.1 Anregungen für die Betreuung der Sterbenden ...23
4.3.2 Pflegeschwerpunkte bei sterbenden Intensivpatienten ...24
4.3.3 Betreuung der Angehörigen ...34
4.4 Nach dem Tod –Empfehlungen ...37
4.4.1 Am Totenbett ...37
4.4.2 Begleitung der Hinterbliebenen ...39
4.4.3 Begleitung des Personals ...41

5 Fazit ...43

6 Quellenverzeichnis ...49

7 Anlagenverzeichnis ...51

1 Einleitung

„Tragt mich nicht auf die Intensivstation! Schließt mich nicht an ein Sauerstoffgerät an. Verschont mich mit euren Apparaten. Lasst irgendeinen Menschen zu mir kommen: Vielleicht die Frau, die morgens mein Krankenzimmer wischt und die Flure bohnert. Sie soll meine Hand halten. Tragt mich nicht auf die Intensivstation! Ich möchte meine letzten Tage und Stunden nicht mit dem technischen Fortschritt verbringen. Ich möchte nicht von Bazillen geschützt, chemisch rein sterben, sondern an der Hand eines menschlichen Menschen, an der vielleicht noch der Staub der Arbeit haftet.“ (Elisabeth Lingenhoff-Deventer).

Das Sterben in der Gesellschaft unterliegt einem ständigen Wandel. Früher fanden Geburt und Sterben eines Menschen noch in den Bereichen des täglichen Lebens statt, zu Hause in gewohnter Umgebung, mit der Geborgenheit und Zuwendung der Familie und Angehörigen. Heute besitzt jeder Mensch eine andere Vorstellung darüber, wie und wo er sein Lebensende verbringen möchte. Die Studie Faktencheck Palliativversorgung der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass 76 Prozent der Deutschen zu Hause sterben möchten, aber auch, dass nur ein Fünftel der Einwohner tatsächlich in den eigenen vier Wänden stirbt. Fast die Hälfte der Menschen stirbt in einem Krankenhaus; bis zu 90 Prozent von ihnen benötigen eine gute Palliativversorgung (vgl. Grote-Westrick, Volbracht 2015: 5ff.). „In der Intensivmedizin werden Kranke behandelt, deren Vitalfunktionen lebensbedrohlich gestört oder gefährdet sind. Neben der kontinuierlichen Überwachung der Vitalfunktionen kommt bei der Intensivtherapie die kontinuierliche – und meist sehr aufwendige – Behandlung gestörter Organfunktionen hinzu, ebenso die kontinuierliche intensive Pflege.“ (Junginger 2008: 17)

Ein hoher Anteil der Sterbefälle findet auf den Intensivstationen statt. Vor allem in diesem Bereich ist die Diskrepanz zwischen Überleben und Lebensende am kleinsten. „Die Fortschritte der modernen Intensivmedizin haben vielen Menschen das Leben gerettet. Trotzdem hat die Vorstellung, auf einer Intensivstation sterben zu müssen, für die meisten Menschen etwas Furchterregendes.“ (Borasio 2012: 33) Geräte, Schläuche, Kabel, Apparate, ungewohnte Geräusche, anders gekleidetes Krankenhauspersonal sind typische Merkmale einer Intensivstation. Genau diese Dinge wirken sowohl auf Patienten, als auch auf Angehörige angsteinflößend und verunsichernd. Auch das Pflegepersonal und die Ärzte stehen ständig im Zwiespalt von Technik und Humanität. Es ist bedenklich, dass in der internationalen Klassifizierung der Diagnosen (ICD-10) der natürliche Tod überhaupt nicht vorkommt. „Kein Wunder, dass Ärzte sich bemüßigt fühlen, permanent in die Sterbevorgänge ihrer Patienten einzugreifen: Sie wissen nicht – und haben es in ihrer Ausbildung nie gelernt, dass es so etwas wie einen natürlichen Sterbeprozess gibt, den man vorbereiten, erkennen und begleiten kann, vor allem aber nicht unnötig stören sollte.“ (Borasio 2012: 25)

Bezüglich der organisatorischen Rahmenbedingungen betont Abdulla, dass eine Intensivstation mindestens sechs und nicht mehr als sechszehn Betten besitzen sollte. Die Bettenzahl einer Intensivstation in Akutkrankenhäusern berechnet sich mit fünf Prozent der Gesamtbettenzahl. Außerdem liegt diese in der Regel in unmittelbarer Nähe von den Operationsäalen, zur Notaufnahme und zu den diagnostischen Abteilungen, sodass eine schnelle und optimale Versorgung der Intensivpatienten erfolgen kann (vgl. Abdulla 2007: 14f.).

Auf einer Intensivstation findet man hauptsächlich Ein- bzw. höchstens Zweibettzimmer, welche mit hellem Tageslicht und einer Klimaanlage ausgestattet sind. Darüber hinaus sollten im Idealfall Ver- und Entsorgungsräume, Eingriffsräume, Personalumkleide, Küche, Aufenthaltsraum, Patientenschleuse, Arztzimmer, Toiletten und zentrale Überwachungseinheiten (die Leitstelle) auf der Station vorhanden sein. Die zentralen Überwachungseinheiten bilden den Mittelpunkt auf der Station. Dort sind z.B. verschiedene Überwachungsmonitore zu finden, welche einen gesamten Überblick über die Station, bzw. über die Patienten ermöglichen (vgl. Abdulla 2007: 15).

Das Sterben auf einer Intensivstation besitzt nicht nur Nachteile. Intensivpatienten werden optimal medizinisch und pflegerisch versorgt, ebenso erfolgt immer eine gute Schmerzlinderung durch starke Medikamente und Betäubungsmittel. Bezogen auf die Schmerzlinderung sind hier ganz andere Möglichkeiten vorhanden, als auf einer Normalstation, da die Vitalzeichen des Patienten mit Hilfe von Überwachungsmonitoren kontinuierlich kontrolliert und überwacht werden. Auf der anderen Seite sind die Räumlichkeiten zur Sterbebegleitung nicht gut geeignet, z. B. auch durch die „störenden“ technischen Geräte und Geräusche (s. Anhang 1). „Außerdem fehlt gelegentlich bei den Intensivärzten – mangels entsprechender Ausbildung – das Gefühl für den Zeitpunkt, von dem an jeder weitere Versuch der Lebensverlängerung sinnlos ist und eine Umstellung auf ausschließlich palliativmedizinische Maßnahmen geboten wäre.“ (Borasio 2012: 34) In der Intensivmedizin wird alles dafür getan, dass ein Mensch am Leben erhalten wird, egal mit welcher Prognose. Leider wird das Bedürfnis endlich „sterben zu dürfen“ nicht immer berücksichtigt und schnell missachtet.

Ein weiteres allgemeines Merkmal einer Intensivstation ist, dass viele Intensivpatienten aufgrund der schweren Erkrankung sehr anfällig für nosokomiale Infektionen sind und wenn der Fall eingetreten ist, aus hygienischer Sicht im Patientenzimmer isoliert werden müssen. Jede Person, welche das Zimmer betreten möchte, muss sich mit Schutzkittel, Mundschutz, Hauben und Handschuhen bekleiden, was sowohl auf den Patienten, als auch die Angehörigen sehr abschreckend wirkt und ebenfalls einer guten Sterbebegleitung im Wege stehen kann.

Darüber hinaus arbeitet verschiedenes Fachpersonal Hand in Hand zusammen: Ärzte, (Fach)-Pflegekräfte, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Sozialarbeiter, Psychologen etc. Denn „Eine interdisziplinäre Intensivstation ist durch eine permanente und intensive Kooperation von ärztlichem und pflegerischem Personal charakterisiert. Verantwortungsgefühl, Leistungs-bereitschaft und Fähigkeit zur Zusammenarbeit werden mehr beansprucht als in irgendeinem anderen Bereich der Medizin.“ (Abdulla 2007: 15) Den Pflegenden wird auf der Intensivstation eine besondere Bedeutung in Bezug auf die Sterbebegleitung zugesprochen. Sie kümmern sich rund um die Uhr um die Patienten und haben daher einen engen Kontakt zu ihnen und ihren Angehörigen. Die Hauptaufgabe der Pflegekräfte ist es, die Patienten in allen „Aktivitäten des täglichen Lebens“ (ATL’s) zu unterstützen, sie führen eine Pflegeanamnese durch und dokumentieren alle pflegerischen Maßnahmen und Auffälligkeiten. Das bedeutet, sie kennen genau die Bedürfnisse und Wünsche des Einzelnen und begleiten auch sterbende Patienten in ihrem letzten Lebensabschnitt. Dabei stehen die Würde und die Freiheit des Betroffenen im Vordergrund. „Alles, was in der Sterbebegleitung von Pflegenden gefordert und für Sterbende gewünscht wird, basiert auf den Annahmen, dass dieser Prozess lange genug dauert, um den Patienten das Erleben aller Sterbephasen zu ermöglichen und dass die Sterbenden einen bestimmten Bewusstseinszustand brauchen, um die entsprechende Auseinandersetzung zu führen. Beide Voraussetzungen sind gerade im Intensivbereich häufig nicht gegeben, viele Patienten sterben plötzlich, sind bewusstlos oder sediert.“ (Knipfer, Kochs 2012: 73) Eine weitere wichtige Aufgabe des Pflegepersonals ist die Betreuung der Angehörigen. Zwischen ihnen sollte eine gute Vertrauensbasis aufgebaut werden, indem sie regelmäßig alle wichtigen Informationen erhalten und ggf. sogar in die Pflege des Patienten mit einbezogen werden. Des Weiteren müssen Ärzte und Pflegepersonal partnerschaftlich kooperieren und kontinuierlich Informationen austauschen, um die Patienten bestmöglich zu versorgen. „Im Kontakt mit sterbenden Patienten können Pflegende nichts mehr zum Heilungsprozess beitragen. Pflege, im Sinne von Hilfe, erfordert hier ein anderes Verständnis: Linderung und Begleitung stehen im Vordergrund. Der Tod eines Patienten darf nicht mit dem Versagen pflegerischen Handelns gleichgesetzt werden.“ (Knipfer, Kochs: 2012: 71)

Wie bereits erwähnt herrschen auf einer Intensivstation extreme Bedingungen, sodass sich eine humane Sterbebegleitung nicht immer umsetzen lässt. Mehrbettzimmer, viele technische Geräte, ungewohnte Geräusche, Kabel, Schläuche, Zeitmangel der Pflegekräfte und oftmals unterbesetzte Teams erschweren eine optimale Begleitung von sterbenden Patienten.

Die vorliegende Bachelorarbeit geht aufgrund dessen der Frage nach, wie Sterben und Tod unter den extremen Bedingungen einer Intensivstation individuell gestaltet werden können.

Im ersten Teil der Arbeit werden die Begriffe „Sterben“ und „Tod“ definiert und erklärt. Ab wann ist ein Mensch überhaupt tot? Wieweit liegen Wunsch und Wirklichkeit der Gesellschaft bezüglich des Sterbeortes auseinander? Der Aufenthalt auf einer Intensivstation ist für die Betroffenen immer eine emotionale Ausnahmesituation und stellt sie vor große Herausforderungen. Im nächsten Teil der Bachelorarbeit wird daher die schwierige Situation der Patienten, Angehörigen und des Pflegepersonals dargestellt und geklärt. Welche Bedürfnisse und Ängste hat ein Sterbender? Welche Rolle spielen die Angehörigen und welchen Belastungen sind sie ausgesetzt? Um darauf Antworten formulieren zu können, werden persönliche Erfahrungen und Interviews mit den Betroffenen geführt und in die Arbeit integriert. Des Weiteren wird die Sterbebegleitung aus Sicht des Pflegepersonals ebenfalls mit Hilfe eines Interviews dargestellt und ausgewertet. Ist ein humanes Sterben auf der Intensivstation aus ihrer Sicht überhaupt gut möglich? Denn im ersten Artikel des Grundgesetzes heißt es ja: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Der Hauptteil der Arbeit beschäftigt sich mit Möglichkeiten einer humanen Sterbebegleitung auf der Intensivstation. Voraussetzungen und Grundprinzipien der Sterbebegleitung werden dargestellt und erklärt. Fehlende institutionelle und individuelle Rahmenbedingungen werden herausgearbeitet, um auch Probleme und Hindernisse einer humanen Sterbebegleitung darzustellen.

Ziel der Bachelorarbeit ist es, dazu beizutragen, Optionen für eine individuelle Gestaltung von Sterben und Tod eines Intensivpatienten zu eröffnen und Möglichkeiten für das Pflegepersonal aufzuzeigen, wie diese in der Praxis umgesetzt werden können. Neben der Literaturrecherche wird die Thematik auch anhand von Interviews mit Angehörigen von Sterbenden und mit dem betreuenden Pflegepersonal aufgegriffen.

2 Sterben und Tod

„Das Leben ist begleitet von vielen kleinen Toden.“ (Kulbe 2010: 2)

Schon mit Beginn der Geburt rückt der Tod von Tag zu Tag näher. Jeder Mensch wird eines Tages sterben müssen, wie, wo und wann es passieren wird, bleibt jedoch dem persönlichen Schicksal überlassen. Das Sterben ist immer individuell, ebenso wie jedes einzelne Leben auf der Erde. Die meisten Menschen wünschen sich einen schnellen Tod, ohne viel leiden zu müssen. Doch es gibt sehr viele Todesarten: Ein junger Mensch stirbt bei einem Autounfall, ein anderer aufgrund einer Überdosis Drogen, ein Kind wird im Mutterleib abgetrieben, ein älterer Mann wird aufgrund eines Schlaganfalls zum Pflegefall und stirbt zwei Jahre später, eine Kollegin stirbt an Brustkrebs, ein anderer Mann an einem Herzinfarkt und die fünfjährige Marie an Leukämie. Jedoch möchte keiner von ihnen Schmerzen haben, lieblos im Krankenhaus in einem Mehrbettzimmer oder einsam und unbeachtet in einem Pflegeheim sterben (vgl. Kulbe 2010: 2).

2.1 Definition Sterben

Im Buch Pflege Heute wird ein Sterbender im medizinischen Sinne wie folgt definiert: „Mensch, dessen Tod als Folge eines Unfalls, einer nicht behandelbaren Krankheit oder infolge hohen Alters in absehbare Nähe gerückt ist. Die unmittelbare Todesursache ist abzusehen, und der Tod wird nach ärztlicher Einschätzung innerhalb von Tagen bis Monaten eintreten. Oder: Mensch, bei dem als Folge der Destruktion von Organen lebenswichtige Funktionen des Organismus so beeinträchtigt werden, dass sie mit dem Leben nicht mehr vereinbar sind.“ (Menche 2011: 244) Doch diese Definition trifft nicht auf alle Menschen zu. „Durch die moderne Medizin wächst die Gruppe der Patienten, die längere Zeit zwischen Leben und Tod schwebt, z.B. während der Behandlung auf einer Intensivstation oder während einer Chemotherapie. Daneben gibt es viele Menschen, die noch lange Zeit mit der Diagnose einer – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt – unheilbaren Erkrankung leben, die vermutlich irgendwann einmal zum Tod führen wird.“ (Menche 2011: 244) Borasio erläutert in seinem Buch, dass das Sterben und der Tod ein noch recht unerforschtes Gebiet ist und man zum Geborenwerden viel mehr wisse. „Hundertausende Publikationen und Tausende von Lehrbüchern beschäftigen sich mit den Vorgängen vor und während der Geburt eines Menschen.“ (Borasio 2012: 11). Doch wenn man einmal genauer überlegt: Was wissen wir eigentlich über das Sterben?

2.2 Wann ist ein Mensch tot?

Sterben ist das Erlöschen der Lebensfunktionen. Es ist die letzte natürliche Lebensphase eines Menschen, welche mit dem Tod endet. Den bevorstehenden Tod erkennt man an den Veränderungen der Vitalzeichen: Die Atmung wird unregelmäßig, schnappend und rasselnd, auch der Pulsschlag wird unregelmäßig und setzt teilweise aus. Ebenso fallen der Blutdruck und die Körpertemperatur, sodass auch die Haut blass, kalt oder teilweise bläulich wird. Auch das Bewusstsein setzt aus. Zu allerletzt erlöschen die Organfunktionen von Lunge, Herz und ZNS (zentrale Nervensystem), woraufhin der Mensch dann stirbt (vgl. Menche 2011: 244). Darauf folgen die Todeszeichen, welche man in sichere und unsichere Anzeichen unterteilen kann. Zu den sicheren Anzeichen gehören z.B. die Totenflecken, die Totenstarre, Fäulnisgeruch oder starre Pupillen. Unsichere Todeskennzeichnen sind: Abkühlen der Extremitäten, blasse Haut oder keine erkennbare Atmung bzw. Puls (vgl. Kulbe 2010: 14). Darüber hinaus unterscheidet man in der Medizin den klinischen Tod, den Hirntod und den biologischen Tod. Zum klinischen Tod zählt der völlige Kreislaufstillstand, welcher jedoch durch eine Reanimation wieder reversibel ist. Beim Hirntod kommt es zum irreversiblen Ausfall der Hirnfunktion. Um eine Organtransplantation durchzuführen, besteht hierbei die Möglichkeit das Herz-Kreislauf-System künstlich durch Maschinen aufrechtzuerhalten. Unter dem biologischen Tod versteht man das Ende aller Organ- und Zellfunktionen (vgl. Kulbe 2010: 14).

2.3 Sterbeorte – Wunsch und Wirklichkeit

Wunsch und Wirklichkeit, wie und wo ein Mensch sterben und seine letze Lebensphase verbringen möchte, liegen weit auseinander. Genau mit diesem Thema beschäftigte sich die Bertelsmann-Stiftung und erarbeitete die Studie „Faktencheck“ zum Thema: „Palliativversorgung: Leistungsangebot entspricht (noch) nicht dem Bedarf – Ausbau erfordert klare ordnungspolitische Strategie“ (vgl. Grote-Westrick, Volbracht 2015). Es wurde herausgefunden, dass circa 76 Prozent der Menschen den großen Wunsch haben, in den eigenen vier Wänden zu sterben (s. Anhang 2). Doch in der Wirklichkeit sind es nur 20 Prozent der Menschen, bei denen dieser Wunsch in Erfüllung geht. Jeder Zehnte besitzt den Wunsch in einem Hospiz sterben zu dürfen, doch in der Realität sind es nur drei Prozent. Circa jeder dritte Mensch stirbt in einem Altenheim, obwohl nur zwei Prozent dieses möchten. 46 Prozent der Menschen sterben in einem Krankenhaus. Nur sechs Prozent wünschen sich diesen Sterbeort. Zusammengefasst sterben in der heutigen Zeit die meisten Menschen in Institutionen wie Altenheimen, Krankenhäusern oder die Minderheit in Hospizen (vgl. Grote-Westrick, Volbracht 2015: 2ff.). Der Wunsch und die Wirklichkeit bezogen auf den Sterbeort liegen somit sehr weit auseinander. Als Hauptgrund hierfür wird die derzeitige schlechte ambulante Versorgung genannt, wobei hierbei auch regionale Unterschiede vorliegen. Laut Bertelsmann-Stiftung mangelt es ebenfalls an ambulanten Palliativangeboten. Nur wenige Menschen sind sich daher bewusst, dass durch eine gute organisierte ambulante Palliativversorgung, es zu weniger Krankenhauseinweisungen vor dem Tod kommen würde (vgl. Grote-Westrick, Volbracht 2015: 3ff.).

„Überdies haben die hervorragenden Fortschritte in der Chirurgie, die langen und schwierigen Behandlungsarten und die Einbeziehung neuer medizinischer Geräte immer mehr dazu geführt, dass Schwerst- und Todkranke nur noch stationär gepflegt werden konnten. Damit wurde es den Angehörigen dieser Patienten ermöglicht, sie in die Klinik abzugeben. Somit hat das Krankenhaus die Behandlungspflege der Sterbenden und Todgeweihten übernommen.“ (Luley 2001: 14)

3 Ausnahmesituation Intensivstation – Die Situation der Sterbenden, der Angehörigen und des Pflegepersonals

„Der Tod ist uns allgegenwärtig und doch so seltsam fremd, er wird medial inszeniert und peinlich gemieden. Vermutlich haben in der Menschheitsgeschichte noch nie so viele Menschen so viele Tode und Todesarten gesehen und dennoch gleichzeitig persönlich so wenig Berührung mit Sterbenden oder einem Leichnam gehabt.“ (Feichtner 2014: 14)

Wie in Kapitel 3.3 bereits herausgearbeitet, sterben heutzutage viele Menschen in Krankenhäusern und Kliniken. Ein Großteil dieser Menschen verbringt die letzten Tage und Stunden auf einer Intensivstation. Der Aufenthalt dort ist für die Sterbenden, als auch für die Angehörigen eine besondere Ausnahmesituation und geht mit verschiedenen, extremen Belastungen einher. Diese Belastungen und die damit verbundenen Bedürfnisse der Sterbenden und Angehörigen, werden im folgenden Kapitel (auch an Hand eines Interviews) genauer betrachtet und verdeutlicht. Darüber hinaus wird in Kapitel 4.3. auch die Sicht der Pflegekräfte untersucht, indem u. a. ein Interview mit einer Krankenpflegerin zum Thema „Sterben auf der Intensivstation“ geführt und dargestellt wird.

3.1 Der sterbende Patient

3.1.1 Die Situation und Belastungen

Das oberste Ziel einer Intensivstation ist es Leben zu retten. „Ist die Behandlung ohne Aussicht auf Erfolg und/oder verzichtet eine urteilsfähige Person auf lebenserhaltende Maßnahmen, lautet das neue Ziel: dem Betroffenen ein Sterben in Würde zu ermöglichen.“ (George et al. 2013: 59) Der Aufenthalt eines Patienten auf der Intensivstation stellt für ihn eine belastende Ausnahmesituation dar. Die meisten Patienten unterliegen einer schweren Erkrankung und bangen häufig um ihr Leben. Die moderne Intensivmedizin ist so weit entwickelt, dass trotz Einschränkungen und Beschädigungen bestimmter lebenswichtiger Organe, ein Mensch durch Medikamente und spezielle Geräte am Leben erhalten werden kann. Hier wird bis zum Tod gekämpft. Doch auch die Möglichkeiten in der Intensivmedizin sind begrenzt. „In der Praxis ist es oft sehr schwierig einzuschätzen, wann eine intensivmedizinische Behandlung aussichtslos wird und deshalb aus ethischer Sicht beendet werden sollte – insbesondere bei Unklarheit über die Diagnose und die Prognose. Ebenso schwierig ist es, den Patientenwillen von nicht urteilsfähigen Menschen zu eruieren. Dies führt dazu, dass das Personal manchmal Entscheidungen zu treffen hat, zu denen ihm die wichtigsten Grundlagen fehlen.“ (George et al. 2013: 59f.) Doch wenn ein Patient auf einer Intensivstation sterben darf, ist dieser vielen verschiedenen Belastungen ausgesetzt. Sie sind umgeben von Beatmungsgeräten, Infusionskabeln, Schläuchen, Monitoren, EKG-Kabeln, Sauerstoffmasken und ungewohnten Geräuschen. Im Buch „Grenzsituationen in der Intensivmedizin“ werden die verschiedenen Belastungen eines intensiv-therapiepflichtigen Patienten aufgezählt (vgl. Junginger et al. 2008: 18). 76,5 Prozent aller Intensivpatienten haben Sorge um die persönliche Gesundheit und vor der Zukunftsgestaltung. 72 Prozent leiden unter dem allgemeinen Krankheits- und Schwächegefühl und 68,6 Prozent sehen es als Belastung auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. 57,2 Prozent leiden unter Orientierungslosigkeit und 59,8 Prozent unter einem starken Durstgefühl. Auch die Beatmung mit Hilfe eines Tubus und das Absaugen von oralem und trachealem Sekret gaben 47,6 Prozent als extreme Belastung an.

Darüber hinaus erlebten 42,6 Prozent der Patienten einer Intensivstation die starken Schmerzen als Belastung. Insgesamt sind die Belastungen für einen Intensivpatienten erheblich. Außerdem sind die Patienten Lärm, Hektik und Unruhe auf der Station ausgesetzt. Wencke hat sich mit Ergebnissen einer Studie: „Belastungen auf der Intensivstation aus Sicht des Patienten: Eine Ein-Jahres-Fragebogenstudie auf einer internistischen Intensivstation“ von Axel Althen (1995) genauer beschäftigt und positive Aspekte des Aufenthaltes auf einer Intensivstation herausgearbeitet. „Als Ergebnis stellte er heraus, dass 71% der befragten ehemaligen Intensivpatienten überwiegend positive Erinnerungen an ihren Aufenthalt auf der Intensivstation haben und mit der Betreuung durch das Pflegepersonal und der Ärzteschaft zufrieden waren. Das bedeute, dass aus der Sicht der PatientInnen die psychischen Belastungen eher gering seien und vielmehr Empfindungen wie Sicherheit und Geborgenheit vorherrschten. Kritisch muss dabei aber bemerkt werden, dass es sich hierbei um eine retroperspektive Studie handelt, die PatientInnen also aus der Erinnerung heraus geantwortet haben. Das Erinnerungsvermögen kann aber durch z. B. Medikamente oder Abwehr- und Verdrängungsmechanismen eingeschränkt oder beeinflusst worden sein.“ (Wencke 2000: 17)

3.1.2 Die Bedürfnisse

Da jeder Mensch individuell ist, sind somit auch die Bedürfnisse im Sterbeprozess teilweise verschieden. Rest beschäftigt sich in seinem Buch mit den von Janusz Korczak dargestellten Bedürfnissen der Menschen in Bezug auf die allgemeinen Grundrechte. Der polnische Arzt Korczak erläuterte, dass sich die Bedürfnisse des Menschen im Bezug auf seine Grundrechte verschieden realisieren. Die Grundrechte nach Korczak lauten (Korczak 1930, zit. n. Rest 2006: 183):

- Das Recht des Menschen auf Tod

- Das Recht auf den heutigen Tag

- Das Recht, so zu sein, wie der Mensch gerade ist

Vor allem das Recht des Menschen auf den Tod, wird oftmals auf einer Intensivstation nicht berücksichtigt. Wie bereits erläutert ist es die Aufgabe der Intensivstation, Leben zu erhalten und zu retten. Der Tod wird dort häufig als Niederlage verstanden. Des Weiteren befindet sich im Anhang eine Übersicht über die „Zwölf Rechte des Sterbenden“, welche die Situation eines sterbenden Menschen im Allgemeinen gut darstellt (Anhang 3).

Um einen Sterbenden optimal versorgen und begleiten zu können, sollte vor allem das Pflegepersonal genau diese Rechte und die unterschiedlichen Bedürfnisse kennen, welche sich in Alltagsbedürfnisse, Bedürfnisse aufgrund veränderter Sinneswahrnehmung und spirituelle Bedürfnisse unterscheiden lassen (vgl. Feichtner 2014: 58ff.). Um die individuellen Bedürfnisse und Wünsche eines sterbenden Patienten herauszufinden, kann die Einbeziehung und Befragung der Angehörigen vorteilhaft für die Informationsgewinnung sein. Zunächst werden nur die verschiedenen Bedürfnisse Sterbender dargestellt. Zu den Alltagsbedürfnissen zählen vor allem die körperlichen Bedürfnisse, wie z.B. das Bedürfnis nach ausreichender Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme. „Schwerst kranke Menschen verlieren zunehmend das Interesse am Essen. Meist sind es nur noch einzelne Lieblingsspeisen, die sie – oft nur in sehr geringen Mengen – zu sich nehmen.“ (Feichtner 2014: 58) Vor allem in der Phase des Sterbens, kann die Nahrungszufuhr für den Betroffenen eine enorme Belastung darstellen, da sie vor allem Energie verlangt. Die Verdauung ist die erste Körperfunktion, welche während des Sterbens aussetzt. Auch das Bedürfnis der „Ausscheidung“ verändert sich. Durch die verminderte Flüssigkeitszufuhr nimmt die Harnmenge ab. Des Weiteren ist es durch das zunehmende Schwächegefühl dem Sterbenden kaum noch möglich abzuführen, sodass in einer solchen Situation der Stuhldrang zur Qual werden kann. Aufgrund dessen ist die allgemeine Schmerzfreiheit und Schmerzlinderung ein wichtiges Bedürfnis, welches von den Ärzten und vom Pflegepersonal immer berücksichtigt werden sollte. Darüber hinaus besitzen Sterbende ein erhöhtes Ruhe- bzw. Schlafbedürfnis. Feichtner erläutert, dass häufig ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus zu beobachten ist und somit die Orientierung in Bezug auf die Zeit verloren geht. Ebenso können Besuche von Angehörigen bzw. Freunden auf der einen Seite stärken und unterstützen und auf der anderen Seite jedoch vom Sterbenden als belastend empfunden werden (vgl. Feichtner 2014: 59). Wie bereits erwähnt kann es zu Bedürfnissen aufgrund von veränderten Sinneswahrnehmung kommen. „Sterbende Menschen haben meist eine intensivere Sinneswahrnehmung, da der Sterbeprozess mit einem vermehrten inneren Rückzug einer Konzentration auf das Innere verknüpft ist. Möglicherweise werden Sinneswahrnehmungen in dieser Phase auch intensiver erlebt. So gibt es Hinweise darauf, dass Geräusche lauter und helles Licht greller empfunden wird und Gerüche intensiver wahrgenommen werden.“ (Feichtner 2014: 60)

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Details

Seiten
63
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668326002
ISBN (Buch)
9783668326019
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v342315
Institution / Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule
Note
1,0
Schlagworte
Pflege Intensivstation Sterben Tod Sterbebegleitung Patientenbetreuung

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Titel: Ausnahmesituation Intensivstation. Individuelle Gestaltung von Sterben und Tod unter extremen Bedingungen