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Kreatives Schreiben im Deutschunterricht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 26 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist unter Kreativität zu verstehen?

3. Charakteristika des kreativen Schreibens

4. Ergebnisse aus der Gehirnforschung und was sie mit dem Thema zu tun haben

5. Transfer auf andere Fächer

6. Bewertung von kreativen Texten ???

7. Grenzen des kreativen Schreibens

8. Experiment an einer Berliner Grundschule und zusammenfassende Bemerkungen

9. Literatur

10. Beispiel eines Clusterings

11. Beispiele aus den kreativen Arbeiten der Schüler

12. Danksagung

1. Einleitung

Sprache ist die Möglichkeit, die Welt abzubilden. Sprechen, Hören, Schreiben und Lesen sind elementare Werkzeuge nicht nur der menschlichen Kommunikation, sondern auch ein Zugang zum Geschehen um uns herum und zu uns selbst. Oft können wir die einfachsten Dinge nur begreifen, indem wir sie uns in der sprachlichen Abstraktion verständlich machen. Sprache ist also ein unabdingbarer Bestandteil von Menschsein, von Würde, von Mündigkeit. Kindern und Jugendlichen den Weg zur Sprache zu eröffnen, sollte deshalb eine der wichtigsten Aufgaben der Schule bleiben. Dennoch stellt sich immer wieder die Frage nach den didaktischen Methoden des muttersprachlichen Unterrichts. Eine viel diskutierte Methode des Deutschunterrichtes ist das kreative Schreiben, welches Thema meiner Hausarbeit sein soll.

Ich möchte meine Arbeit mit einer Klärung des Begriffes „kreatives Schreiben“ beginnen. Nach einer ersten Beschreibung werden Charakteristika dieser Methode vorgestellt. Ein Einblick in die Geschichte des kreativen Schreibens lehrt, dass es ursprünglich für Erwachsene und Jugendliche zur Arbeit in Schreibwerkstätten eingesetzt wurde. In der Literatur fand ich Ansätze dafür, dass kreatives Schreiben heute als eine neue Schreibdidaktik verstanden wird. Zudem zeigt sich, dass die neuesten Erkenntnisse aus der Schreibforschung mit den kreativen Schreibmethoden harmonieren. Es wird eine Methode des kreativen Schreibens nach Gabriele Rico vorgestellt. Am Ende der Hausarbeit stelle ich ein paar kreative Arbeiten von Schülern aus einer Berliner Grundschule vor, die den Lehrer dazu verleiten könnten, kreativ zu werden…

2. Was ist unter Kreativität zu verstehen?

Das kreative Schreiben bzw. der kreative Umgang mit Sprache hat eine lange Tradition. Sprachspiele, wie z.B. das Akrostichon sind bis in die Antike zurückzuverfolgen. Im 18. / 19. Jahrhundert wurde diese Art der Schreibspiele als Geselligkeit gepflegt. [1]

In der Reformpädagogik finden sich verschiedene Ansätze sowohl zum kreativen als auch zum freien Schreiben.[2] Mit den Scheibtechniken des Expressionismus, Surrealismus und Dadaismus entstanden Produktionstechniken, die Experimente mit Sprache erlaubten. Es handelt sich teilweise um an der Psychotherapie orientierte Schreibtechniken. [3] In den 50er und den 60er Jahren entwickelten sich Schreibverfahren, die nach streng mathematischen Regeln funktionierten.[4]

In den 70ern wurde der Begriff der Kreativität aus den USA übernommen und hatte seine Konjunktur und seit den 80ern ist eine Subjektivierung des Kreativitätsbegriffes eingetreten. Seine Bedeutung heute deckt sich allerdings nicht mit der damaligen Begriffsverwendung, denn Akzente haben sich verschoben und die Diskussion ist weitergegangen.

Im Folgenden stelle ich zunächst den Kreativitätsbegriff der 70er Jahre vor.

Kreativität ist als divergentes Denken angesehen worden, dass zu neuen Problemlösungen führte. Das heißt, dass das kreative Schreiben nicht vorgegebenen Denkbahnen folgt, sondern aus gewohnten Denkmustern ausbricht. Zu dieser Zeit hat der Aufsatz GUILFORDS [5] eine große Rolle gespielt. Seine leitende These für den Deutschunterricht war kreative Potentiale für den auf Innovation angewiesenen volkswirtschaftlichen Fortschritt nutzbar zu machen.

Für den Deutschunterricht bedeutete es: Spiele mit der Sprache, das Verfassen von Unsinntexten, das Verfremden von Textvorlagen (d.h. es wurden Textpassagen in einen schon existierenden und vorgegebenen Text eingefügt). Zielsetzungen für Kreativität im Deutschunterricht hat WINTERLING [6] 1971 in seinem Aufsatz wiedergegeben.

„In kreativen Übungen soll der Schüler insbesondere:

1. Die Normsysteme der Sprache und der sprachlichen Äußerungen erkunden,
2. diese Normsysteme der Sprache versuchsweise in Frage stellen,
3. diese Normsysteme versuchsweise überwinden und unter Umständen durch andere ersetzen,
4. ohne Bindung an vorgegebene Systeme produktiv tätig werden; an eigener Tätigkeit und eigenen Produkten Erfahrungen sammeln, diese verarbeiten und in weiteren Produktionen verwerten und
5. durch diese Tätigkeit im Versuchsfeld der Sprache die Mittel der Kommunikation erproben.

Dem Begriff der Kreativität der 70er Jahre soll nun der Begriff der 80er Jahre gegenübergestellt werden.

In den 80ern wurde der Kreativitätsbegriff subjektiviert. Das bedeutete, dass der Begriff im engen Zusammenhang mit dem Begriff Selbstausdruck gesehen wurde. Er beinhaltete Tendenzen der Subjektivierung und Intimisierung, die zur Selbstanalyse dienten. Diese Idee hat zunächst in der außerschulischen, so genannten Schreibbewegung (Schreiben von Laien, z.B. in der Jugendarbeit) eine dominierende Rolle gespielt und in den letzten Jahren fand sie Eingang in den Deutschunterricht. Die Brücke zwischen außerschulischer und schulischer Schreibpädagogik hat neben anderen Gerd BRENNER in seinem Buch „Kreatives Schreiben“ geschlagen. Das subjektiv-authentische Schreiben wird dem entfremdeten Schreiben in der Schule gegenübergestellt. Die Gründe für das Aufkommen dieser Schreibbewegung könnten sein, dass immer mehr Psychotherapien unterschiedlichster Art in den Vordergrund treten.

Karl SCHUSTER entwirft in seinem Buch „Das personal-kreative Schreiben im Deutschunterricht“[7] das folgende Schaubild:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das personal-kreative Schreiben hat als gemeinsamen Fluchtpunkt die Subjektivität des Schreibvorgangs, es kann therapeutische Formen einnehmen, ohne gestalterischen Anspruch, wenn Gedanken und Gefühle aufgeschrieben werden und beim rein kreativen Schreiben wird der experimentelle Umgang mit Sprache deutlich.

Zusammengefasst kann man sagen, dass der Kreativitätsbegriff der 70er Jahre gesellschaftlich fundiert war, es sollten Normen durchbrochen werden und in den 80ern schien die Tendenz mehr ins Private zu gehen.

Im Folgenden soll kreatives Schreiben verstanden werden als:

Ein individuell neues Schreiben, das Schreibenden einen neuen Zugang zu Sprache, Kommunikation und Denken eröffnen kann.

Ein verstehendes Schreiben, also ein kognitiver Prozess, so dass Schreibende Form, Wirkung und Inhalt ihrer Texte reflektieren und daraus neue Erkenntnisse gewinnen können,

Ein wollendes Schreiben, also ein motivierendes, das wiederum zu neuem Schreiben motiviert, einfach gesagt: zum Schreiben anregt,

Ein öffentliches Schreiben im Gegensatz z.B. zum Tagebuchschreiben, also ein Schreiben, das auf die Kommunikation mit anderen hinwirkt und ein bewusstes Schreiben.

3. Charakteristika des kreativen Schreibens

Das grundlegende Prinzip des kreativen Schreibens ist die Aktivierung der Imaginationskraft. Es geht darum, etwas Neues entstehen zu lassen oder einen neuen Blickwinkel auf Bekanntes zu erlangen. Verfahren, die die Wahrnehmungsfähigkeit unterstützen, sind beispielsweise das automatische Scheiben, Cluster, Phantasiereisen oder das Scheiben zu Bildern.

Ein weiteres Prinzip (nach SPINNER[8]) ist die Irritation. Dieses Prinzip stellt den Lösungsweg aus gewohnten Bahnen dar. Verfahren dieses Prinzips sind z.B. Sprachspiele. Sie regen durch das spielerische Ungehen mit Sprache kreative Prozesse an.

Das letzte Prinzip ist das der Expression. Hier sucht das schreibende Ich das eigene Ich. Nach BÖTTCHER[9] haben sich drei verschiedene Zweige dieser Richtung ausgebildet: das personenorientierte Schreiben, das produktorientierte Schreiben und das prozessorientierte Scheiben in Schreibwerkstätten, auf die hier nicht näher eingegangen wird.

4. Ergebnisse aus der Gehirnforschung und was sie mit dem Thema zu tun haben

Als Einstieg möchte ich ein Beispiel aus dem Buch JONES ´ „Fantasy and Feeling in Education“[10] benutzen.

Es geht um einen Jungen, Billy, der von seiner Mathelehrerin aufgefordert wurde, den Begriff der Unendlichkeit zu definieren. Er antwortete: „Die Unendlichkeit ist wie eine Schachtel Cream of Wheat.“ Natürlich regte sich die Lehrerin auf, weil sie nichts mit der Antwort anzufangen wusste und fragte Johnny, der die „korrekte“ Antwort gab, nämlich die Antwort, die sie sich wünschte und die einzig richtige Antwort, die sie sich vorstellen konnte.

Dieses Beispiel zeigt, dass Billy mit einem komplexen Bild der rechten Hemisphäre geantwortet hatte, während sie selbst eine Antwort der linken Hemisphäre erwartete. Trotzdem hatte Billy eine Vorstellung vom Unendlichen. Als man ihm später verständnisvoller zuhörte, konnte er seine Antwort präzisieren : „Auf einer Schachtel Cream of Wheat ist ein Mann drauf, der hat eine Schachtel Cream of Wheat in der Hand mit einem Mann drauf, der eine Schachtel Cream of Wheat in der Hand hat – und das geht so unendlich weiter.“ Billys rechte Gehirnhälfte hatte eine klare Vorstellung vom Unendlichen. Die Linkshemisphärenantwort Johnnys sagte ihm nicht viel. Dies ist ein Beispiel für Hemisphärendominanz und für zwei verschiedene Arten, Informationen zu verarbeiten.

[...]


[1] Böttcher, Ingrid (Hrsg.) Kreatives Schreiben. Grundlagen und Methoden; Beispiele für Fächer und Projekte; Schreibecke und Dokumentation. Berlin 1999 S. 13

[2] ebd. Seite 14

[3] ebd. Seite 24

[4] ebd. Seite 14

[5] Spinner, Kaspar H.: Kreatives Schreiben. In Praxis Deutsch 119 (1993), S. 17

[6] Winterling, Fritz.: Kreative Übung oder Gestaltungsversuch. In: Diskussion Deutsch 5 (1971), S. 251

[7] Schuster, Karl.: Das personal-kreative Schreiben im Deutschunterricht: Theorie und Praxis. Hohengehren 1997. S. 28

[8] Spinner, Kaspar H.: Kreatives Scheiben. In: Praxis Deutsch 119 (1993), S. 21-22

[9] Böttcher, Ingrid (Hrsg.): Kreatives Scheiben. Grundlagen und Methoden; Beispiele für Fächer und Projekte; Schreibecke und Dokumentation. Berlin 1999. S.12

[10] Jones, Richard M.: Fantasy and Feeling in Education. Harper & Row, New York, 1968. S. ??

Details

Seiten
26
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638345187
Dateigröße
2.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34226
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Germanistik
Note
zwei
Schlagworte
Kreatives Schreiben Deutschunterricht Hauptseminar Didaktik

Autor

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