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Sprachliche Abweichungen in literarischen Texten und deren Angemessenheit als Bestandteil des Deutschunterrichts. Modellierung einer Unterrichtseinheit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 18 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorie
2.1 Angemessenheit als Kriterium bei Betrachtung sprachlicher Abweichungen
2.2 Kursorische Bemerkungen zum Sprachspiel
2.3 Sprachspielkompetenz nach Schneider

3 Vorstellung der Unterrichtseinheit
3.1 Inhalte, Ziele und Kompetenzen
3.2. Durchführung der Unterrichtseinheit

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

6 Selbstständigkeitserklärung

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll den Versuch einer Unterrichtseinheit darstellen, welche sich der bisherigen Behandlung von sprachlichen Abweichungen zu entziehen versuchen und eine neue Betrachtungsweise in den Vordergrund rücken soll. Neben den vorherrschenden Begriffen von richtig bzw. falsch in Bezug auf sprachliche Abweichungen soll es darum gehen, Schüler*innen im Unterricht eine Art Alternativmodell nahe zu bringen – das Konzept von Angemessenheit bzw. Unangemessenheit von sprachlichen Abweichungen.

Hierzu soll zunächst theoretisch näher auf den Begriff der Angemessenheit eingegangen werden, welchen Schiewe in seinem Aufsatz aufgreift. Anschließend sollen auf theoretischer Ebene Ausführungen zum Sprachspiel getätigt werden, bevor letztlich im theoretischen Teil der Arbeit auf den Begriff der Sprachspielkompetenz nach Schneider eingegangen werden soll.

Im zweiten Teil der Arbeit soll die modellierte Unterrichtseinheit samt ihrer Ziele und in ihr vermittelter Kompetenzen veranschaulicht werden, bevor eine Unterrichtsstunde genauer vorgestellt werden soll. In dieser Unterrichtsstunde sollen die Stilübungen von Queneau eine vordergründige Rolle bei der Beschäftigung mit sprachlichen Abweichungen in literarischen Texten spielen, ebenso werden mögliche Aufgabenstellungen präsentiert. Zusammenfassend werden die Ergebnisse der Arbeit abschließend in einem Fazit letztlich noch einmal resümiert.

2 Theorie

2.1 Angemessenheit als Kriterium bei Betrachtung sprachlicher Abweichungen

Das Konzept der Angemessenheit bezüglich Sprache und der in ihr ausgeführten Handlungen ist keineswegs ein Produkt der Frühen Neuzeit oder gar der Moderne, ganz im Gegenteil: Bereits in der antiken Rhetorik ist der Begriff der Angemessenheit, dort als aptum bezeichnet, als „Teil der 'elocutio', der Tugend des sprachlichen Ausdrucks“ (Schiewe 2007 , 375) zu finden „und steht dort neben der Sprachrichtigkeit ('latinitas'), der Klarheit ('persipucitas') und dem Redeschmuck ('ornatus').“ (Schiewe 2007, 375)

Es wurde also bereits in der Antike das Nebeneinander von Richtigkeit und Angemessenheit innerhalb der Verwendung von Sprache betont und nicht ein Merkmal, beispielsweise die Korrektheit der Sprache in den Vordergrund oder gar ins Zentrum der Betrachungen gerückt.

Eine weitere Definition von Angemessenheit findet sich beim berühmten römischen Redner Cicero, welcher die rhetorische Fertigkeit der Angemessenheit als eine Fähigkeit bezeichnet, zu „sehen, was im Ausdruck angemessen ist, das heißt, was sich am ehesten geziemt. Dabei ist freilich klar, da[ss] nicht ein Stil für jeden Fall und jeden Hörer, für jede beteiligte Person und jede Situation geeignet ist.“ (Schiewe 2007, 375). Schon Cicero konstatiert somit das Vorhandensein mehrerer Faktoren, welche das Gelingen resp. Misslingen von Sprache und ihn ihr getätigten Handlungen beeinflussen können. Aus diesen Faktoren, welche durch ihn genannt werden (Fall bzw. Thema, Person bzw. Adressat, Situation) ergaben sich im Laufe der Entwicklung der linguistischen Forschung immer differenziertere Modelle und Konzepte, welche auf eben diese verschiedenen Ebenen der Betrachtung von sprachlichen Handlungen eingingen und, damit einher gehend, auch den Aspekt der Angemessenheit sprachlicher Handlungen immer wieder aufs Neue in ihre Forschung mit einbezogen. So zum Beispiel im oft erwähnten Stildreieck von Kienpointner, welches Angemessenheit auf drei unterschiedliche Ebenen überträgt:

„(1) Sachebene/Inhaltsebene (sachliche Adäquatheit): Klarheit, Strukturiertheit, Überparteilichkeit etc.;
(2) Beziehungsebene (publikumsbezogene Passendheit): Stiltechniken wie Intensivierung, Veranschaulichung, Anspielungen, Höflichkeit, Humor etc.;
(3) Gesprächssituation (situationsspezifische Angebrachtheit): Anpassung an den Grad der Öffentlichkeit, den formellen oder informellen Charakter, die gespannte oder entspannte Atmosphäre.“ (Schiewe 2007, 376)

Diese Punkte innerhalb des stilistischen Dreiecks nach Kienpointner können selbstredend nicht nur auf sprachliche Handlungen, sondern auch auf Texte angewendet werden – sowohl auf pragmatische als auch auf literarische Texte. Was hierbei wiederum einen guten Text ausmacht, kann also nicht als generelle wertende bzw. bewertende Aussage getätigt werden, sondern muss stets in einem größeren Zusammenhang gesehen werden, wie Schiewe in seinem Aufsatz zu Angemessenheit, Prägnanz und Variation folgendermaßen beschreibt:

„Man wird also nicht allgemein formulieren können 'dieser Text ist angemessen', sondern 'dieser Text ist angemessen hinsichtlich der Darstellung des Gegenstandes [Inhaltsebene] oder des Publikums [Beziehungsebene] oder der Situation [Ebene der Gesprächssituation].“

(Schiewe 2007, 376)

Fix entwirft eine weitere Form des Konzeptes der Angemessenheit, wobei sie stets den Begriff der Angemessenheit durch den den der Adäquatheit ersetzt (vgl. Schiewe 2007, 376). Zudem wird durch Fix eine weitere Unterteilung des Begriffes der Angemessenheit vorgenommen, in dem sie Normen aufzeigt, welche die Angemessenheit von sprachlichen Handlungen beeinflussen können. Hierzu zählen die „instrumentale[n] Normen des Systems wie grammatische Richtigkeit, semantische Stimmhaftigkeit, (..), situative[] Normen mit Bezug auf Empfänger, Sender, (..), ästhetisch[e] Normen mit Anspruch an Klarheit, Folgerichtigkeit etc. (..) [und] parasprachlich[e] Normen, die durch kulturelle Bedingungen gesteuert werden.“ (Schiewe 2007, 376)

Es wird also deutlich, dass, sowohl bei der Behandlung von sprachlichen Abweichungen im mündlichen Kontext als auch in Texten aller Arten, das reine Betrachten des Aspektes der Richtigkeit von Sprache nicht zwingend zielführend sein kann. Viel produktiver und konstruktiver für alle Beteiligten des Betrachtungs- wie Kommunikationsprozesses kann es sein, sich mit dem vielfältigen Aspekt der Angemessenheit auseinanderzusetzen und diesen mehr in die Betrachtung von sprachlichen Abweichungen einzubeziehen.

Bezogen auf die Textproduktion, also die Betrachtung von sprachlicher Angemessenheit vor der Produktion eines Textes, ließen sich, so Schiewe, allenfalls Formulierungs- und Kommunikationsmaximen formulieren, deren Einhaltung ein Gelingen der Kommunikation, in diesem Falle der Textproduktion, absichert. So wird es beispielsweise keine Einsprüche geben, wenn eine Verschiedenheit von Kochrezepten und Sonetten hinsichtlich der Formulierungsmaximen konstatiert wird. Es ist offensichtlich, dass verschiedene Textsorten verschiedenen Regeln, Maximen, Anleitungen usw. unterliegen und auch in verschiedenen Situationen mehr oder weniger angebracht erscheinen können. Diese Regelhaftigkeit des Konzeptes der Angemessenheit und die damit verbundenen Maxime werden durch die literarische Gattung des Sprachspiels permanent unterwandert, manchmal auf geradezu irrwitzige Art und Weise auf den Kopf gestellt. Genau dieses Auf-den-Kopf-Stellen der Regeln macht sie zu stets geeignetem Material für den Deutschunterricht. Im Folgenden soll kursorisch auf den Begriff des Sprachspiels samt seiner vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten ebenso eingegangen werden wie auf einige der verschiedenen Arten von Sprachspielen.

2.2 Kursorische Bemerkungen zum Sprachspiel

Befasst man sich mit dem Begriff des Sprachspiels, so wird sehr schnell deutlich, welche Vielzahl an Möglichkeiten der Auslegung und Verwendung des Begriffes sich im Laufe der Begriffsgeschichte angesammelt zu haben scheint.

Zunächst erscheint der Begriff im Zusammenhang mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein, welcher in seinen Philosophischen Untersuchungen von 1953 erstmals diesen Begriff prägte. Wittgenstein wies in seinen Untersuchungen darauf hin, dass Sprache keinesfalls in allen Situationen, bei allen Gegebenheiten usw. in stets derselben Art und Weise benutzt würde, sondern dass es, je nach Anlass der sprachlichen Handlung, zu verschiedenen Formen sprachlicher Aktionen käme – immer gemäß der jeweiligen Umstände. Es wird also auch hier erneut auf das Konzept von Angemessenheit bzw. Unangemessenheit von Sprache rekurriert, keinesfalls aber findet eine besondere Berücksichtigung des Aspektes der Richtigkeit bzw. Unkorrektheit sprachlicher Handlungen statt.

Eine weitere Verwendung des Begriffes des Sprachspiels findet sich in der alltäglichen Umgangssprache, sofern sprachliche Wendungen abgewandelt oder gar umgewandelt werden und so teilweise in komischer Art und Weise ihren Sinn ändern oder teilweise verlieren. Die dritte Verwendung, welche im Rahmen dieser Arbeit und der damit verbundenen Gestaltung einer Unterrichtseinheit Berücksichtigung finden soll, findet sich in literarischen Texten. Hierbei wird im wahrsten Wortsinne mit Sprache gespielt, wodurch sie teilweise ihren kommunikativen Sinn verlieren kann. Es geht in diesem Falle weniger darum,Sprache als Mittel zur Kommunikation einzusetzen, viel mehr steht ihr Selbstzweck bzw. die Betrachtung von Sprache als Kunstobjekt und Kunstwerk im Mittelpunkt. Beispiele hierfür sind Werke der Konkreten Poesie oder auch des Dadaismus, welche der Sprache ihren Sinn rauben und sie in einen rein ästhetischen Rahmen einbetten, ohne die Frage nach einem kommunikativen Sinne zu stellen. Sprache um der Sprache Willen – so könnte man das Motto der Sprachspiele verstehen. Man kann in diesem Falle eher davon sprechen, dass es sich bei solchen Sprachspielen um „schöpferische Akte“ (Ulrich 2002, 12) handelt, in denen Sprache plötzlich in einer Form auftritt und behandelt wird, „wie man ihr vorher normalerweise wohl nie begegnet wäre“ (Ulrich 2002, 12). Doch auch diesen vermeintlich frei wirkenden Spielen mit der Sprache können gewisse Regeln oder Maxime zu Grunde gelegt werden. Ein entscheidendes Merkmal, welches auch Ulrich in seiner Monographie zu Sprachspielen im Deutschunterricht betont, ist die „Abweichung des Textes von der sprachlichen Norm“, welche „absichtlich vorgenommen werden sein“ muss (Ulrich 2002, 13). Es gilt also das Prinzip der bewussten Abweichung von vorherrschenden sprachlichen Normen, welche in einem Regelsystem, beispielsweise dem Duden, festgehalten werden.

Ein weiteres Prinzip des Sprachspiels liegt in einer gewissen Form von Undeutlichkeit und damit einhergehender Uneindeutigkeit. Sprachspiele können den eigentlichen Sinn von Äußerungen verschleiern, ihn bisweilen sogar komplett negieren. Mit dieser hervorgerufenen Uneindeutigkeit in Sprachspielen geht das dritte Merkmal einher, nämlich die Tatsache, dass man Sprachspielen teilweise durchaus den Charakter eines Rätsels zubilligen kann, da es auf den ersten Blick schwer zu fallen scheint, das Sprachspiel zu durchschauen (gemeint ist hier nicht das, was gemein hin als Sinn oder gar Intention verstanden werden kann, sondern viel mehr die Art und Weise des Spielens mit Sprache und sprachlichen Wendungen).

Aus den vorher benannten Charakteristika des Sprachspiels ergibt sich ein viertes, nämlich, dass aufgrund der Mehrdeutigkeit in Sprachspielen auch mehrere Verständnisebenen innerhalb eines als Sprachspiel konzipierten Textes vorherrschen können. Diese zu entschlüsseln erfordert, gerade im schulischen Kontext des Deutschunterrichts, eine gewisse Bereitschaft, sich auf gewissermaßen sperrig erscheinende Texte einlassen und mit ihnen umgehen und arbeiten zu können.

Die Arten von Sprachspielen, welche Ulrich aufführt, sollen nun anschließend kurz benannt werden. Sprachspiele können auf folgenden Ebene einer Sprache auftreten:

- Ebene der Satzbildung
- Ebene der Flexion
- Ebene der Semantik
- Ebene der Lexik
- Ebene der Phonetik

In allen Fällen besteht der Sinn und Zweck von Behandlung von sprachspielerischen Texten im Unterricht in einer Art Sensibilisierung durch die bereits beschriebene Mehrdeutigkeit in Sprachspielen. Den Vorteil dieser Sensibilisierung beschreibt Ulrich folgendermaßen:

„Die Sensibilisierung fördert die Kommunikationsfähigkeit der Schüler[*innen] in zwei Richtungen: Im Blick auf das Ausdrucksverhalten (produktives Sprachhandeln) begünstigt sie das Gelingen der Alltagskommunikation. Im Blick auf das Verstehen anderer (rezeptives Sprachhandeln) fördert sie die sprachliche Aufnahmefähigkeit bei anspruchsvollen Texten.“ (Ulrich 2002, 35)

Als Einheit aus den vorangegangenen zwei Gesichtspunkten, der Angemessenheit von Sprache und den kursorischen Bemerkungen zum Sprachspiel, ergibt sich in den Ausführungen von Schneider ein wichtiger Begriff im Zusammenhang mit dem Gebrauch der Sprache – sowohl in mündlicher als auch schriftlicher Hinsicht: Der Begriff der Sprachspielkompetenz. Auf diesen Begriff soll nun im Folgenden eingegangen werden.

2.3 Sprachspielkompetenz nach Schneider

Der Begriff der Sprachspielkompetenz nach Schneider geht, ebenso wie der Begriff des Sprachspiels an sich, auf Wittgenstein zurück. Jedoch verbindet Schneider bei der Konzeption seines Kompetenzbegriffes die Aspekte des Sprachspiels mit eben jenen Aspekten, welche bereits im Punkt 2.1. unter dem Gesichtspunkt der Angemessenheit von sprachlichen Äußerungen bzw. damit verbundenen sprachlichen Abweichungen kurz erläutert wurden. Auch Schneider weist in seinem Beitrag darauf hin, dass Sprache niemals in ein und demselben Umfeld mit den stets gleichen Personen stattfindet, sondern dass es vielmehr die Verschiedenheit ist, welche sprachliche Tätigkeiten ausmacht. Der Aspekt der Angemessenheit hinsichtlich verschiedenster Faktoren wird auch durch Schneider verdeutlicht, wenn er von „kommunikativen Einzelpraktiken“ spricht und diese beispielhaft veranschaulicht:

„Beispiel für solche Einzelpraktiken sind: Gerichtsverhandlung, Reklamation, Kaffeeklatsch, Diktat, Bewerbung mit Bewerbungsbrief und mündlichem Bewerbungsgespräch. Besonders das letztgenannte ist ein Beispiel für eine Kombination aus mündlichem, schriftlichem und nichtverbalem Handeln. In diesem Sinne betont die Spielmetapher die Verwobenheit von (Multi-)Medialität und sozialer Praxis.“ (Schneider 2009, 62)

Für Schneider sind mehrere Aspekte wesentliche Bestandteile der Sprachspielkompetenz: Zunächst muss das Wissen um verschiedene sprachliche Situationen und deren Regelhaftigkeiten vorhanden sein, um ihnen entsprechend, also gemäß dem Prinzip der „Situationenangemessenheit“ (Schneider 2009, 64) agieren zu können. Darüber hinaus muss die Kompetenz erworben werden, sich nun innerhalb dieser Situationen mittels erworbener Sprachhandlungen angemessen äußern bzw. verhalten zu können. Der entscheidende Punkt jedoch, der auch für die Gestaltung der Unterrichtseinheit eine maßgebliche Rolle spielt, ist folgende Benennung des Begriffes der Sprachspielkompetenz durch Schneider:

„Sprachspielkompetenz ist die Fähigkeit, sprachliche Ausdrücke in konkreten Situationen und im Rahmen konkreter kommunikativer Praktiken gewissen Regeln gemäß verwenden zu können.“ (Schneider 2009, 64)

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Details

Seiten
18
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668321359
ISBN (Buch)
9783668321366
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v342057
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Unterrichtseinheit Deutschunterricht Sprachliche Abweichungen literarische Texte

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