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Lachen hilft Heilen. Humor in der Sozialpädagogik

Diplomarbeit 1997 88 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das "gute" und das "böse" Lachen - Definitionen

III. Erkenntnisse über den Humor
1. Die Sicht des Volksmundes
2. Medizinische Aspekte
3. Psychologische Aspekte
4. Soziologische Aspekte
5. Philosophische Aspekte

IV. Humor in der Sozialpädagogik
1. Entwicklungspsychologie
2. Bedeutung der Sozialisation
3. Geschlechtsspezifische Aspekte
4. Funktionen des Humors in der Erziehung
EXKURS: Provokation und Humor:
Neue Ansätze in der Psychotherapie

V. Humor in der sozialpädagogischen Praxis - zwei Beispiele
1. Lachen im Beratungsgespräch
2. Lachen mit chronisch Kranken

VI. Schlußbemerkung

VII. Literatur

I. Einleitung

Ich kenne keinen Menschen in meiner Nähe, der von sich selbst behauptet, humorlos zu sein. Menschen werden danach beurteilt, ob sie über Humor verfügen oder nicht. Humorvolle Menschen sind beliebt und geschätzt, man sucht ihre Gesellschaft. Allgemein wird Humor als sozial wertvoll angesehen.

Doch ganz im Gegensatz dazu ist Humor als Mittel der sozialpädagogischen Arbeit unerwünscht, wenn nicht gar verpönt. Wer nicht mit ernster Miene und dem üblichen Betroffenheitsduktus auftritt, gerät in Gefahr, als unprofessionell abgestempelt zu werden. Doch zahlreiche Untersuchungen und Berichte zeigen: Humor hilft heilen. Mediziner und Psychologen haben diese Erkenntnis bereits in ihre praktische Arbeit erfolgreich umgesetzt. Es ist erstaunlich, wie über Humor und Lachen Körper und Seele positiv beeinflußt werden können. Warum soll diese Methode, gezielt eingesetzt, nicht auch in der Sozialpädagogik hilfreich sein?

Humor in der Sozialpädagogik - dieses Thema führt bisher ein Schattendasein, wie ein Blick in die Fachbereichsbibliothek der FH Kiel beweist: Lediglich ein Titel zu diesem Thema befindet sich im Bestand. Keine einzige Diplomarbeit befaßte sich bisher mit Humor. Deshalb will ich mit dieser Arbeit die Bedeutung und Wirkungsweisen von Lachen und Humor herausarbeiten, um aus diesen Erkenntnissen Rückschlüsse für die sozial-pädagogische Praxis zu ziehen.

Forschungen in diesem Bereich haben keine Tra­dition. Erst vor wenigen Jahren wurde der Begriff "Gelotologie" - die Wissenschaft vom Lachen - ein­geführt. Dementsprechend gering fällt auch die An­zahl der Publikationen aus. Die wenigen, wichtigen Quellen dieser Diplomarbeit basieren auf wissen­schaftlichen Untersuchungen und Erfahrungsberichten von Therapeuten und Betroffenen. Inwieweit die Ergebnisse der einzelnen Untersuchungen zuverlässig und repräsentativ sind, kann ich nicht in allen Fällen beurteilen. In der Literatur werden nur sel-ten Angaben dazu gemacht, wie die Resultate zu be-werten sind.

Bei dem Versuch, über Humor in der Sozialpä-dagogik zu schreiben, ergeben sich folgende Frage­stellungen: Welche Arten des Lachens gibt es und inwiefern haben sie mit Humor zu tun? Hierbei zeige ich die positiven Seiten des Lachens, als auch ihre zerstörerischen Kräfte auf. Anschließend folgen die Erkenntnisse über den Humor aus Sicht des "Volksmundes", der Psychologie, Medizin, Soziologie und Philosophie. Humor in der sozialpädagogischen Arbeit bildet einen Schwerpunkt, in dem ich die Be­deutung des Lachens in Bezug auf die Entwicklungs­psychologie, Sozialisation, geschlechtsspezifischen Aspekte und die Funktion für die Erziehung untersu­che. Es folgt ein Exkurs über die "Provokative The­rapie", die mit Einsatz von Humor psychische Blockaden beseitigen will. Ich stelle diese Therapie­form deshalb vor, weil sie auch Gültigkeit für die sozialpädagogische Praxis hat. Wie Lachen im Umgang mit dem sozialpädagogischen Klientel genutzt werden kann, beleuchte ich im letzten Kapitel.

II. Das "gute" und das "böse" Lachen - Definitionen

Lachen ist nicht gleich Lachen. Wenn vom Lachen die Rede ist, dann ist meist das spontane, natürli­che Lachen in komischen Situationen gemeint. Es gibt jedoch erheblich mehr Arten: das echte, fröh­liche, befreiende, alberne, schallende, kokette, übermütige, ansteckende, unechte, hinterhältige, dumme, unterwürfige, kumpelhafte, arrogante, dro­hende, unbeherrschte, gehemmte, schadenfrohe, um nur einige zu nennen. Lachen kann verschiedene Ur­sachen und Absichten haben. Es hat viele Gesichter und muß nicht unbedingt etwas mit Humor zu tun ha­ben, wie diese Varianten des Lachens zeigen: Das höhnische oder das verspottende Lachen hat ebenso­wenig mit dem Humor als Lebenshaltung zu tun wie das Lachen aus Schadenfreude. Diese Arten des La­chens möchte ich als "böses" Lachen bezeichnen, weil es als Waffe gegen jemanden eingesetzt wird, mit dem Ziel zu verletzen, zu kränken oder zu demo­ralisieren. Jeder weiß aus Erfahrung, wie unange­nehm es ist, wenn jemand unfreiwillig komisch wirkt und sich Gelächter über ihn ergießt, ohne daß der­jenige selbst mitlacht - er wird als Außenstehender zum Opfer.

Dem Menschen eigen sind allerdings auch Formen des Lachens, die weder "böse" noch "gut" sind. So wird aus Verlegenheit oder aus Unsicherheit ge­lacht, etwa um eine peinliche Situation zu über­spielen. Reine Freude und Glücksmomente gelten da­gegen als Quelle des ursprünglichen Lachens "aus dem Bauch heraus". Das Lachen, das einen Menschen mit Sinn für Humor auszeichnet, zeigt sich nicht nur in angenehmen, lockeren Lebenssituationen, son­dern eben auch oder gerade in mißlichen Lagen. Ich bezeichne dieses Lachen als "gutes" Lachen, weil es sich nicht über etwas lustig macht, sondern in kon­struktiver Weise einer bitteren Seite des Daseins ein Lächeln abgewinnen kann. Es ist frei von Über­heblichkeit und Arroganz und belustigt sich nicht auf Kosten eines anderen. Um sich dem Phänomen Hu­mor zu nähern, ist es wichtig, es gegen "verwandte" Kategorien wie Witz, Ironie, Satire und anderen ab­zugrenzen.

Humor: Humor leitet sich aus dem Lateinischen ab und bedeutet Feuchtigkeit. Laut Meyers Neues Lexi­kon (1993) ist darunter die heitere Gelassenheit gegenüber den Schwierigkeiten des Alltags und den Unzulänglichkeiten von Welt und Menschen zu verste­hen. Die ursprüngliche Bedeutung geht auf die anti­ke und mittelalterliche Medizin zurück, nach der Claudius Galen[1] die Temperamente der Menschen aus der unterschiedlichen Mischung der Körpersäfte (humores) erklärte. Der Körper besaß vier Humores: Melancholia (schwarze Galle), Chole (Galle), Phlegma (Schleim) und Sanguis (Blut). Der Mensch, der eine ausgewogene Mischung der Körpersäfte hatte, galt als ideal. War jedoch einer der Säfte im Übermaß vorhanden, so konnte daraus ein Tempera­ment in der Persönlichkeit entstehen. Daraus re­sultieren bis heute die vier Temperament-Bezeich­nungen:

der Choleriker, der schnell reizbar ist;
der schwermütige Melancholiker;
der Phlegmatiker, der schwer anzutreiben ist;
der Sanguiniker, der dem Leben leichtblütig
und lebhaft ins Gesicht blickt.

Zwei Strömungen entwickelten sich aus dem Be­griff des Humors: Im Englischen und Französischen wird er im Sinne von Stimmung und Laune erklärt, während sich in Deutschland die Bedeutung der menschlichen Haltung durchgesetzt hat (Bernhardt, 1985, 18ff). Einen erweiterten Humorbegriff kann Dopychai bieten:

"Humor ist eine durch Lebenserfahrung gewonnene, aber auch stets von neuem zu erringende, grundle­gende Haltung dem eigenen Leben und der Welt gegen­über. Das Dasein wird in unvoreingenommener Heiter­keit positiv und voller Freude aufgenommen, dabei bleibt der humorvolle Mensch jedoch kritisch und realistisch, denn er weiß um die Ambivalenzen des Lebens. Aber er ist auch selbstkritisch; er ist sich seiner Grenzen und insgesamt seiner Endlich­keit bewußt und akzeptiert sie. Aus alledem er­wächst die für den Humor so eigentümliche, umfas­sende Toleranz, die aber nicht rein kontemplativ ist, sondern durchaus mit Aktivität verbunden sein kann." (59f.).

Ein humorvoller Mensch betrachtet seine Situa­tion mit Gelassenheit, indem er sich geistig mit ihr auseinandersetzt und dadurch einen Abstand zu den Dingen bekommt. Dies ermöglicht ihm quasi eine übergeordnete Sichtweise, die ihm hilft, sich letz­ten Endes mit den Widersprüchlichkeiten des Lebens zu versöhnen.

Entscheidend hierbei ist, daß der Mensch mit Sinn für Humor aber auch in der Lage ist, sich selbst nicht überernst zu nehmen. Er besitzt die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, um gerade auch der tragischen Seite des Lebens eine komische Komponente abgewinnen zu können. Wenn man gewillt ist, dies zu erkennen und umzusetzen, kann das Le­ben viel von seiner Schwere verlieren. Die Psycho­logen Eleonore Höfner und Hans-Ulrich Schachtner sehen im Humor die Befähigung, das Absurde an einer Situation zu erkennen und sich davon nicht unter­kriegen zu lassen, sondern darauf mit Lachen zu reagieren. Die Voraussetzung dafür ist, daß man in der Lage ist, sich selbst von außen zu betrachten (Höfner/Schachtner, 1995, 54).

Ob Humor angeboren ist oder erworben wird - dar­über gehen die Meinungen auseinander. Der Psycho­loge Branko Bokun nimmt an, daß in der Pubertät ur­sprünglich vorhandene Grundlagen des Humors verlo­rengehen können. Er geht davon aus, daß alle Kinder Verspieltheit, Freude am Leben, Neugier und Fle­xibilität von Geburt an mitbringen. Gleichzeitig ist er als Lerntheoretiker davon überzeugt, daß auch Menschen, die den Humor verloren haben, ihn wieder erlernen können (Bokun, 1996, 216f).

Eine andere Ansicht vertreten Höfner/Schachtner: Humorvoll ist man nicht von Natur aus, sondern wird es erst in einem lebenslangen Prozeß. "Es ist kei­neswegs so, daß Menschen humorvoll oder humorlos auf die Welt kommen und dann passiv der Macht ihrer Gene ausgeliefert sind. Humor kann man lernen wie Schreibmaschine schreiben." (Höfner/Schachtner, 55) Säuglinge haben noch wenig Humor, weil sie überwie­gend instinktgesteuert sind und wenig Einsichten haben. Die erforderliche Reife, die Höfner und Schachtner unterstellen, ist jedoch nicht am Alter festzumachen. "Manchmal stellen wir staunend fest, daß schon ein Vierjähriger weise Einsichten und Hu­mor haben kann und registrieren auf der anderen Seite, daß mancher 40jährige mit sich und seinen Mitmenschen (und seinem innigsten Besitz, seinem Automobil) ausgeprägt humorlos und verbissen um­geht." (Höfner/Schachtner, 55)

Mit zunehmender Reife kann der Mensch aber ler­nen, sich selbst zu relativieren. Jeder kann sich darin schulen, die komische Seite des Daseins zu entdecken. Es ist leicht, aus der Zuschauerposition heraus über andere Menschen oder Situationen zu la­chen. Geht es jedoch um einen selbst, finden die meisten das gar nicht komisch. Wenn es aber ge­lingt, das Absurde an sich selbst zu erkennen und darüber zu lachen, verliert man seine Engstirnig­keit und hört auf, die Dinge einseitig zu sehen. Darüber hinaus verträgt sich Humor weder mit Ärger, noch mit Hilf- oder Hoffnungslosigkeit. Hiermit verbunden ist ein Wachsen der Kräfte, die Resigna­tion verhindern und neue Freiräume schaffen (vgl. Höfner/Schachtner, 52ff).

Was zeichnet nun aber das Wesen eines humorvol­len Menschen aus? Der Berliner Psychotherapeut Juan Andrés Bernhardt hat, ausgehend von eigenen Erfah­rungen mit seinen Klienten, Überlegungen dazu ange­stellt: Zunächst ist festzustellen, daß das Lachen eines Menschen mit Sinn für Humor nie ein Auslachen ist. In seinem Lachen schwingt Mitgefühl mit. Er erkennt die tiefere Wahrheit, die sich hinter einem Scherz verbirgt. Der andere fühlt sich dadurch ver­standen und kann mitlachen. Auch drückt sich im La­chen des Humorvollen Freiheit und Ungezwungenheit aus. Dabei bestimmen seine eigenen Werte und Vor­stellungen, worüber er lacht und nicht unbedingt das Komische einer Situation. Zudem betrachtet er die Welt aus einer höheren Warte und hat dadurch einen größeren Blickwinkel, der es ihm ermöglicht, eine andere Haltung zu einer Situation einzunehmen. Schnell kann er sich auf Neues einstellen, weil er flexibel und spontan ist. Seine Heiterkeit, Freude und Optimismus stecken andere an. Mit seinem Ein­fühlungsvermögen kann er andere dazu bringen, eine neue Sicht ihres Problems zu erkennen (vgl. Bern­hardt, 1985, 42f).

Die zwei Säulen des Humors sind nach Bernhardt der Intellekt und das Gefühl. So begibt sich der Humorvolle mittels seines Verstandes in eine neue höhere Position, die verknüpft ist mit Heiterkeit und Zuversicht. Heiterkeit und Ernst als auch Freu­de und Traurigkeit ergänzen sich bei ihm. So weiß er genau, daß die Welt viel Leid und Mißstände mit sich bringt, aber auch immer Gutes. Auf dieser Ba­sis kommt er zu einem realistischen Optimismus, der das Tatsächliche sieht und nicht Illusionen nach­hängt. Jedes Unglück kann er mit dem Wissen und der Erkenntnis, daß auch dies ein Ende haben wird, ak­tiv überwinden und daraus stärker werden, woraus seine Selbstbehauptungskräfte resultieren (Bern-hardt, 44f).

Lachen und Lächeln: Lachen und Lächeln sind Aus­drucksformen, denen sich der Mensch mit Humor be­dient. Es gibt viele Dinge, die zum Lachen reizen: so wird über menschliche Fehler, über Dummheit und Irrtum, über Wortwitz und Parodien, über komische Situationen, über Witze, aber auch über sich selbst gelacht. Allgemein verbindet man Lachen mit Freude, Frohsinn, Fröhlichkeit, Lustigkeit, Heiterkeit. In gehobener Stimmung mit mehreren Leuten ertönt schnell fröhliches Gelächter. Wer freudig über­rascht wurde oder wer lustig und guter Dinge ist, weil er dem grauen Alltag entfliehen konnte, der kann lachen. Die eigentlichen Quellen des Lachens sind der Scherz, die Komik oder der Witz. Worüber ein Mensch lacht, hängt von der individuellen Per­sönlichkeit ab. "Eines Menschen Charakter offenbart sich in seinem Verhältnis zum Lächerlichen." (Höffding, 1930, 60f).

Der Nobelpreisträger Henri Bergson, dessen 1908 erschienenes Essay Das Lachen noch heute als über­aus bedeutend eingeschätzt wird, setzte sich insbe­sondere mit den Wirkungsweisen der Komik auseinan­der. Das Komische beschreibt er als eine Automati­sierung im sozialen Leben. "Was an dem einen wie dem anderen lächerlich ist, ist eine gewisse me­chanische Starrheit, da wo wir Rührigkeit und Be­weglichkeit fordern" (Bergson, 11). Dies ist die Grundaussage Bergsons: Mechanisches als Kruste oder Überzug des Lebendigen. "Wir lachen jedesmal, wenn uns eine Person wie eine Sache erscheint." (11) Nach seiner Definition lachen wir über Unzuläng­lichkeiten anderer, was kein Mitlachen, sondern ein Auslachen ist. Durch dieses Auslachen werden die Mitglieder in einer Gesellschaft kontrolliert und bei Abweichungen des Verhaltens entsprechend durch Lachen bestraft. Und er geht noch weiter, indem er konstatiert: "Das Komische setzt, soll es voll wir­ken, etwas wie eine zeitweilige Anästhesie des Her­zens voraus, es wendet sich an den reinen Intel­lekt. (...) Gefühllosigkeit, seelische Kälte ist sein wahres Element." (8f.). Die mitfühlende, warm­herzige Qualität des Humors scheint Bergson nicht erkannt zu haben.

Ein anderes Phänomen, das Lachen hervorruft, ist der physische Kitzel. Typische Stellen, an denen Menschen kitzelig sind, sind die Fußsohlen, der Bauch und die Achseln. Es kitzelt auch, wenn etwa eine Fliege über das Gesicht läuft. Taktile Sinnes­reize sind hier der Auslöser für das Lachen, das der Abfuhr von Spannung dient. Im übertragenen Sinne spricht man von "kitzligen Situationen", vom "erotischen Kitzel "oder vom "Nervenkitzel", die lediglich auf die Spannung des Kitzels hindeuten, mit Lachen allerdings nichts zu tun haben müssen.

Das Spiel ist eine weitere Quelle des Vergnü­gens. Spielen macht Freude, weil es den Druck nimmt, erleichtert und dem aufgestauten Bewegungs­drang Luft macht. Im Spiel kommt es zu den genann­ten kitzligen Situationen, es entsteht Spannung. Und nicht selten kommt es auch zu komischen Situa­tionen, die Lachen hervorrufen. Komische Dinge und Bewegungen, Situations-, Wort- und Charakterkomik üben einen Reiz auf die Menschen aus (vgl. Pless­ner, 1961, 105f). Alles, was anders, ungewöhnlich, widersprüchlich, unerwartet oder paradox ist, er­zeugt Lachen. Komisch kommt einem aber auch das vor, was seltsam oder rätselhaft ist. So spricht man nicht umsonst vom komischen Kauz, der einem ab­sonderlich vorkommt und den man nicht einordnen kann. Aber auch Tiere können komisch wirken. Trägt der Hund etwa einen Pullover, widerspricht das sei­nem Wesen und auch unserer Vorstellung von ihm. Da jeder Mensch ein Schema von den Dingen in sich trägt, empfindet er Abweichungen im Aussehen, Form oder Farbe "lächerlich", weil sie nicht der Norm entsprechen (vgl. Plessner, 113f). "Was eine Ge­sellschaft komisch findet, worüber sie lacht, das wechselt im Lauf der Geschichte, weil es zum Wandel des Normenbewußtseins gehört." (Plessner, 117).

Darüberhinaus gibt es aber auch ein Lachen aus Verlegenheit und Verzweiflung. Dem Lachen fehlt je­doch der befreiende und erleichternde Zug. Es klingt gezwungen und gepreßt. Ursache kann Hilflo­sigkeit sein, wenn man keinen Bezug zu einer Si­tuation findet, nicht weiß, wie man sich verhalten soll. Verlegen kann man gegenüber Menschen sein, von denen man sich beobachtet und durchschaut fühlt. Unsicherheit kann sich zur Verlegenheit steigern, wenn man sich in einer Gesellschaft nicht so verhalten kann, wie es erwartet wird. Dies kann sich darin ausdrücken, daß man in der jeweiligen Situation nicht die richtigen Worte findet, stot­tert oder wie angewurzelt dasteht. (Plessner, 145f).

Eine weitere Spielart des Lachens ist das Al­bern. Das alberne Lachen wirkt nicht befreiend, denn es fehlen ihm die Merkmale "des Ausbrechens, Berstens und Explodierens" (Mattenklott, 1986, 214). Kinder befinden sich häufig in Alberlaune, weshalb es auch mit dem Kindischen gleichgesetzt wird. In bestimmten Altersstufen gesteht man dem Kind seine Albernheit zu; wenn aber Erwachsene zum Albern neigen, versuchen sie dies heimlich zu tun, weil es in der Gesellschaft allgemein als anstößig empfunden wird. Nach der Ethymologie des Alberns ist dieses Phänomen "eine Form dämonischer Beses­senheit, in der etwas eigentlich Erfreuliches ins Mißratene entstellt ist" (Mattenklott, 214).

Jutta Grund hat in einer Studie über die Albern­heit von Kindern folgendes festgestellt: Wenn das Kind während des Lachens in ein scheinbar grundlo­ses Kichern verfällt, sieht sie dies als Zeichen für eine Regression auf eine frühere Entwicklungs­stufe. Der Grund hierfür liege dabei eher in einer allgemeinen Stimmung als im besonderen Anlaß. Au­ßerdem kann sie Untersuchungsergebnisse vorlegen, die belegen, daß Albernheit besonders in Unter­schichten oder bei "Hinterbänklern" auftritt, was sich in der Übernahme der Clown-Rolle von Underdogs zeige. Dabei genieße der Clown hauptsächlich den Beifall der Lacher, für die er sich in Szene setzt (vgl. Mattenklott, 216f).

In der zwischenmenschlichen Kommunikation ist Lächeln eines der wichtigsten und häufigsten Si­gnale. Als Ausdruck positiver Gefühle ist es allge­mein anerkannt. Allerdings zeigt es sich nicht nur bei Freude oder guter Stimmung. Mit einem Lächeln kann Unsicherheit, Spannung oder Ärger überdeckt werden. Darüber hinaus versucht der Lächelnde, sein Gegenüber freundlich zu stimmen und aggressives Verhalten zu unterbinden. (vgl. Bänninger-Hu­ber/Rauber-Kaiser, 1989, 21f).

Das Lächeln hat jedoch einen grundlegend anderen Charakter als das Lachen. Es spielt sich lediglich auf dem Gesicht ab und hat oft das Ziel, dem ande­ren Offenheit und Freundlichkeit zu signalisieren.

"Lächeln ist die zurückhaltendste Möglichkeit der Teilnahme am Gespräch. Es behindert den Sprechdrang der anderen in keiner Weise. Es ist ein stiller Kommentar. Aber ist der Kommentar nur unterstüt­zend? Wohl kaum. Denn in ein Lächeln kann viel hineininterpretiert werden, aber keine Bedeutung ist ´einklagbar´ - niemand kann den/die Betref­fende/n auf eine bestimmte Bedeutung festnageln. Es gibt süffisantes, arrogantes, überlegenes, sieges­sicheres, verachtendes, resigniertes, unverschäm­tes, unsicheres, verlegenes, sympathieheischendes und kokettes Lächeln." (Kotthoff, 1986, 126)

Besonders häufig bedienen sich Frauen des Lä­chel-Mechanismus, hauptsächlich, um dem allgemeinen Frauenbild zu entsprechen. Forschungsergebnisse aus den 70er Jahren zeigen, daß das Lächeln in Gesprä­chen mit Frauen und Männern nicht gleich verteilt ist; Frauen lächeln erheblich häufiger (vgl. Kott-hoff, 124ff).

Lächeln kann als "Türöffner" dienen: Insbeson­dere bei der Kontaktaufnahme mit einer unbekannten Person ist das Lächeln geradezu eine Voraussetzung, um aufeinander zugehen zu können. Es signalisiert: "Ich bin offen für ein Gespräch, du bist mir sympa­thisch." Ebenso wichtig ist das Lächeln aber auch für die Festigung von Vertrauen und Bindung in Be­ziehungen. Es ist schwer, ein Lächeln nicht zu er­widern. Lächelt jemand nicht zurück, so ist der Sender irritiert und verunsichert. (vgl. Bänninger-Huber/Rauber-Kaiser, 22f)

Die nonverbale Botschaft des Lächelns macht sich insbesondere die Werbung zunutze: Es gibt kaum eine Reklameszene, wo nicht Frauen (aber auch Männer) lächelnd ihr Produkt anpreisen. Den Rezipienten wird suggeriert: Probleme existieren nicht, das Le­ben läßt sich (gemeinsam mit dem beworbenen Pro­dukt) am besten leicht, locker, lustig in den Griff kriegen. Dann stellen sich Erfolg und Glück gleich­sam von alleine ein.

Die Permanenz des Lächelns in unserer Gesell­schaft muß trotz oder gerade wegen ihres positiven äußeren Scheins hinterfragt werden. Wenn in allen Lebenssituationen, in allen Bereichen der Gesell­schaft gelächelt wird, verflacht die ursprüngliche Bedeutung dieses Verhaltens: Das lächelnde Gesicht wird zur starren Maske. Es ist vor allem im öf­fentlichen Bereich ritualisiert, vielfach kommt ihm keinerlei Bedeutung mehr zu. Interessant ist dabei ein Stadt-Land-Gefälle. Bauern, so hat eine Studie gezeigt, lächeln äußerst selten (etwa auf Fotos). Erst wenn sich die zwischenmenschlichen Kontakte verdichten, kommt dieser Geste eine zunehmende Be­deutung zu (vgl. Rittner, 1986, 326). Wichtig er­scheint auch die Erkenntnis, daß vor allem bei häufigen Sozialkontakten Lächeln Streß vermeiden hilft, weil damit Konflikten und Ärger aus dem Weg gegangen wird. Rittner bezeichnet diesen Mechanis­mus als bedeutsam für die Selbstbehauptung des In­dividuums und spricht in diesem Zusammenhang von "Lächelfertigkeiten" (Rittner, 328)

Ein uneindeutiges Beispiel dafür könnte eine Si­tuation des "Belächelns" sein: Jemand stellt den Kollegen eine neue Idee vor. Sie stößt nicht auf Zustimmung. Doch weil die Kollegen eine offene Auseinandersetzung vermeiden wollen, lächeln sie. In dieser Situation empfindet der Betroffene dies als abwertendes Belächeln: Er fühlt sich nicht ernst genommen, gar bemitleidet und nicht inte­griert. Während die Kollegen den Konflikt durch das Lächeln vermieden haben, gärt dieser bei dem Belä­chelten umso heftiger innerlich weiter. Bewußt in Betrieben eingesetzt, ist das Belächeln eine Form von Mobbing.

Ironie: Das Wort stammt sprachgeschichtlich aus dem Griechischen und bedeutet "Verstellung, Schein­heiligkeit". Bei der Ironie handelt es sich um ein weit verbreitetes Kommunikationsmittel, das sich dadurch kennzeichnet, daß man genau das Gegenteil dessen meint, was man sagt. Sie ist durch Mimik, Gestik oder Tonfall oder starke Übertreibung er­kennbar. Ironisch können unkonventionelle Dinge besser gesagt werden, da das Mittel der Verstellung bei gleichzeitiger Durchschaubarkeit einen größeren Bedeutungsspielraum ermöglicht und damit auch grenzüberschreitende Wirkung haben kann (Dopychai, 1988, 40ff). Das Wesen der Ironie hat eher einen korrigierend-kritischen Charakter und kann biswei­len auch aggressiv sein. (Bernhardt, 18). In die Verwandtschaft der Ironie gehören auch Spott, Hohn und Sarkasmus, wobei hier ein deutlich aggressiver Charakter zur Geltung kommt.

Wenn Verzweiflung und Resignation das Leben be­stimmen, kann die Lebenssicht eines Menschen sarka­stische Züge annehmen. Auf die Lage kann aber auch mit sogenanntem Galgenhumor reagiert werden, was sich darin äußert, daß der Betreffende seine aus­sichtslose Lage völlig ins Gegenteil verkehrt und so tut, als wäre alles in bester Ordnung (Dopychai, 1988, 60f).

Schadenfreude: Bei der Schadenfreude handelt es sich eindeutig um eine destruktive, ja grausame Seite des Lachens - mit Humor hat sie allerdings nichts zu tun. Wenn jemandem ein Mißgeschick pas­siert und ein anderer darüber lacht und sich auf Kosten des Betroffenen amüsiert, kann man von einer bösartigen Seite des Lachens sprechen. Helmut M. Bien skizziert in seinem Aufsatz Im Spiegelkabinett der Schadenfreude: "Der Sieger quittiert seine Übermacht über den Gestürzten mit einem schallen­den, schadenfrohen Gelächter. Lachen ist zuerst Sa­che der Satten, die Opfer haben nichts zu lachen. Sie können froh sein, wenn ihnen nicht Ärgeres an­getan wird" (Bien, 1986, 253).

Schadenfreude galt lange Zeit als Prinzip in der Erziehung, die dem Kind bestimmte unerwünschte Ver­haltensweisen als abschreckend vor Augen führen wollte.

"In diese schadenfröhliche Pädagogik, dem Schaden, aus dem man klug zu werden hat, gehören die Prügel­szenen des Kasperle-Theaters ebenso wie die Schwän­ke des Bauerntheaters und die Komödien, in denen eingebildete Kranke, gehörnte Ehemänner, Geizige und Dumme verlacht werden. Die Behaglichkeit des Humors von Wilhelm Busch beruht auf dieser Grausam­keit des Nicht-Betroffenen." (Bien, 257).

Selbst die Grimmschen Märchen, die viele Kinder bis ins Erwachsenenalter hinein prägen, basieren auf der Freude am Schaden des anderen. Wie aktuell diese Kultur des Schadenfrohen ist, zeigen vielge­sehene Fernsehsendungen mit Titeln wie "Versteckte Kamera", "Verstehen Sie Spaß?" oder auch Kinderzei­chentrickfilme wie "Bugs Bunny". Hier wird Tolpat­schigkeit, das unerkannte In-eine-Falle-Tappen zum dramaturgischen Prinzip erhoben, ohne daß die Sen­dungen ihren Reiz verlören. Allerdings dürfte hier kein pädagogischer Hintersinn existieren; vielmehr muß man annehmen, daß diese Art von "Humor" bei den Zuschauern gleichsam ins Schwarze trifft.

Welche weitreichenden und destruktiven Auswir­kungen Schadenfreude haben kann, zeigt Alice Miller am Beispiel Adolf Hitlers, dessen Kindheit sie untersucht hat. Ein einschneidendes Erlebnis hebt sie als prägend für ein lebenslanges Trauma von politischer Tragweite hervor: Als der Junge Hitler von zu Hause ausreißen wollte, erfuhr der Vater davon und schloß ihn vorsorglich in seinem Zimmer ein. Hitler versuchte nachts aus der Fensteröffnung zu entkommen. Da diese aber zu eng war, zog er sei-ne Kleidung aus. In dem Moment hörte er den Vater kommen, weshalb er seine Nacktheit schnell mit ei-nem Tischtuch verdeckte. Statt aber, wie gewohnt, den Jungen zu prügeln, brach der Vater in Gelächter aus. Er rief seine Frau, sie solle den "Toga-jüngling" anse­hen. Dieser Spott, so meint Miller, traf Hitler so hart, daß er nicht darüber hin-weggekommen ist (vgl. Bien, 257f).

Sein Leben lang fühlte er sich von der Schaden­freude des Vaters verfolgt. Dieses Trauma ging so weit, daß er später als Diktator ein Lachverbot erlassen wollte. In einer Rede sagte er: "Am 30. Januar (1933) haben sie (er meint die Juden) über mich gelacht - es soll ihnen vergehen, das La­chen...!" Hitler rief eine Bewegung ins Leben, die unter anderem auch zur Vernichtung des Lachens an­trat. Noch kurz vor Kriegsende wurde die witzige Bemerkung, die Fleischknappheit käme vom Mangel an Schlachttieren, "weil die Schafe arbeiten, die Och­sen an der Front und die Schweine in der Partei sind", mit Gefängnis bestraft. (Bien, 258). Daß ge­rade Diktatoren das Lachen ablehnen und sogar unter Strafe stellen, hat seinen guten Grund, fürchten sie doch die im Lachen enthaltende Kritik und sub­versive Kraft gegen den Staat, die das System ge­fährden könnte.

Daß es sich bei der Schadenfreude um eine Waffe handelt, zeigt Bien anhand des allgemeinen Sprach­gebrauchs. So werden "Witze gerissen", Spott "beißt" oder "verletzt", man spricht von einer "Bombenstimmung" oder aber Kabaretts nennen sich "Lach- und Schießgesellschaft" (vgl. Bien, 259).

Witz: Die ursprüngliche Bedeutung meint eine ko­gnitive Qualität, die auch an Humor gekoppelt ist und ein gewisses Maß an Verstand und Klugheit vor­aussetzt. Er findet sich in Redewendungen wie "Mutterwitz haben" oder "jemand hat Witz" oder ist "witzig". Hierin drückt sich Schlagfertigkeit aus oder auch die Gabe, Geschichten witzig zu formulie­ren. Geistige Beweglichkeit ist dafür die Voraus­setzung.

Der Witz oder Scherz als Gattungsbegriff hat da­gegen eine andere Bedeutung. Jemand kann Witze er­zählen oder einen Scherz machen. Eine Geschichte erhält eine überraschende Wendung durch eine unver­mutete Verbindung mit einem anderen Gebiet, wodurch ein Doppelsinn entsteht, der in einer Pointe Lachen auslöst. Die Freude am Witz haftet aber nicht nur an der Technik, sondern ebensosehr an der Tendenz. Harmlose Witze können zwar auch erheitern, jedoch haben tendentiöse Witze von feindseligem oder ob­szönem Charakter einen besonderen Reiz. Hier werden Hemmungen überwunden und die Möglichkeit geschaf­fen, Anzügliches zu formulieren oder Aggressionen auszudrücken. Das Gehemmte schafft sich einen Weg über die Umleitung des Witzes, was lustvolle Er­leichterung zur Folge hat (Plessner, 140).

Der Witz ist an soziale, kulturelle und gesell­schaftliche Bedingungen geknüpft. Verwandt ist der Witz mit der Zote, dem Wortspiel, Aphorismus und Kalauer. (vgl. Meyers Neues Lexikon, 1993, Bd.10, 410).

III. Erkenntnisse über den Humor

1. Die Sicht des Volksmundes

Außer Vorurteilen, Oberflächlichkeiten oder auch Schönfärberei steckt in den sogenannten Volksweis­heiten häufig ein Kern von weiser Lebenserkenntnis. Sie sind oft vor langer Zeit geprägt worden und einige von ihnen haben sich in geflügelten Worten, Denksprüchen oder Redewendungen bis heute erhalten. In ihrer plakativen Kürze drücken sie oft Kernthe­sen aus, die auch Wissenschaftler ihren Untersu­chungen zu Humor und Lachen - wenn auch expressis verbis - zugrunde gelegt haben.

"Humor ist, wenn man trotzdem lacht" - dieses geflügelte Wort von Otto Julius Bierbaum[2] ist weit bekannt. Das Wort trotzdem prägt die hintersinnige Aussage und spielt auf das Charakteristische einer humorvollen Lebenseinstllung an: Trotz der schlech­ten Lebensbedingungen, trotz Unzulänglichkeiten und Widrigkeiten, trotz Krankheit oder Ärger ist es un­ter Umständen angebracht, darauf mit einem Lachen zu reagieren. Wenn die Welt in Ordnung ist, ist es leicht zu lachen. Doch selbst bei Unerfreulichkei­ten dem Leben eine lachende Komponente abzugewinnen - das gelingt nicht jedem. Dafür braucht der Mensch Humor, um sich gerade in schlechen Zeiten nicht un­terkriegen zu lassen. Hinter der Redewendung ver­birgt sich also ein Trotz, der sich nicht mit den Verhältnissen abfinden will, sondern den Widrigkei­ten gleichsam "ins Gesicht lacht". Durch diese Hal­tung bekommt der Mensch eine andere Lebensperspek­tive, die die Bedingungen besser bewältigen hilft. Humor nimmt den Ereignissen die Schärfe, man wird milder gestimmt und begibt sich in eine Distanz, aus der möglicherweise ein neuer Anstoß für eine Problemlösung erfolgen kann.

"Lachen ist gesund!" Mit dieser Redewendung be­schreibt der Volksmund treffend die förderliche Wirkung auf das Wohlbefinden. Jeder weiß, daß man sich gleich besser fühlt, wenn man herzhaft gelacht hat. Lachen wirkt "anregend". Wie recht der Volks­mund mit diesem Ausspruch hat, bestätigen erst seit kurzem wissenschaftliche Untersuchungen (vgl. näch­stes Kapitel). Sie zeigen: Die gesundheitsfördern­den Aspekte gehen weit über das allgemeine Wohlbe­finden hinaus. Erstaunlich muten in diesem Zusam­menhang die Ausdrücke "ich lache mich krank" und "ich lache mich tot" an. Sie werden normalerweise gebraucht, wenn das Lachen ins Extreme ausartet, wenn man sich nicht wieder "einkriegen" kann. Dann kann Lachen - wie jeder weiß - nicht nur Schmerzen hervorrufen: Den Pathologen ist tatsächlich das Krankheitsbild des "Lachschlages" bekannt, der bei Epilektikern zum Tode führen kann (vgl. Dopychai, 124).

"Wer zuletzt lacht, lacht am besten", lautet ei­ne weitere Volksweisheit, die das Lachen mit dem Sieg in verbindung bringt. Auch die Schadenfreude spielt hier sicher eine Rolle. Andere, häufig ge­brauchte Redewendungen verweisen auf den "lachenden Dritten": "Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte". Eine eindeutig destruktive Tendenz haben Ausdrücke wie "jemanden auslachen" oder "verlachen". Ebenso: "Sich über jemanden lustig ma­chen." Und wenn jemand mit dem Ausspruch "Das ist ja lächerlich" reagiert, dokumentiert er damit seine abschätzige Wertung. Etwas scherzhafter, wenn auch ebenso abwertend klingt das allseits bekannte "Da lachen ja die Hühner!"

2. Medizinische Aspekte

Wissenschaftliche Untersuchungen und Erfahrungs­berichte konnten zeigen, daß Lachen und eine heite­re Grundstimmung einen positiven Einfluß auf die Gesundheit des Menschen haben. Zwar werden häufiger die negativen Emotionen und ihre Auswirkung auf die menschliche Gesundheit untersucht - die Psychoso­matik hat inzwischen nachweisen können, daß Emotio­nen wie Angst, Frustration oder Aggression eine Rolle bei der Entstehung von vielen Krankheiten spielen. Doch gibt es Hinweise dafür, daß gerade auch positive Gefühle Veränderungen im Körper be­wirken können (vgl. Psychologie heute, 4/86, 30).

Der Journalist Norman Cousins hat beschrieben, wie er durch den Einsatz von Lachen seine schwere Krankheit überwand. In seinem Buch Der Arzt in uns selbst (1981) berichtet er, wie er an Spondylarth­ritis, einer äußerst schmerzhaften Erkrankung, die mit einer Entartung der Grundsubstanz des Knochen­gewebes einhergeht, litt. In seinem Fall war die Erkrankung so schwerwiegend, daß er bald nur noch unter großen Schmerzen seine Gelenke bewegen konn­te. Die Prognose der Ärzte gab keinen Anlaß zur Hoffnung. Cousins wollte sich hiermit aber nicht abfinden. Er suchte nach neuen Wegen in der Thera­pie. Dabei stieß er in wissenschaftlichen Zeit­schriften auf Forschungsergebnisse, die den ungün­stigen Einfluß negativer und unheilvoller Gedanken auf das Gleichgewicht im Körper bestätigten. Er stellte sich die Frage, warum positive Gefühlsef­fekte nicht auch positive Auswirkungen auf den Or­ganismus haben sollten (vgl. Cousins, 1981, 32ff).

Cousins wollte aber nicht nur positiv denken, sondern eine Heiterkeit erzeugen, die aus dem Inne­ren kommt. Er ließ sich von humorvollen Freunden besuchen, las erheiternde Literatur und schaute sich Slapstick-Filme an. Schon bald spürte er da­bei, wie zehn Minuten herzhaftes Lachen seine Schmerzen linderten und ihm einen problemlosen Schlaf ermöglichten. Bemerkenswert hierbei war, daß zusätzliche medizinische Tests eine Besserung sei­ner Laborwerte bestätigten (vgl. Cousins, 38f). Nachdem Cousins genesen war, verfaßte er Zeit­schriftenartikel und Bücher über seine erfolgreiche Lachkur. Zwar gab es kritische Stimmen von Ärzten, die meinten, daß Cousins ohnehin aufgrund seines Willens gesund geworden wäre und sprachen deshalb von einem Placebo-Effekt. Da Ärzte normalerweise selbst mit diesem Effekt bewußt arbeiten, schluß­folgert Cousins, daß das Hoffnungsprinzip biochemi­sche Veränderungen im Körper bewirken müsse (vgl. Cousins, 45ff).

Untersuchungen der University of California be­stätigen dies. Lachen ist danach verbunden mit Hoffnung, dem Willen zu leben, Freude und Liebe, was eine Aktivierung des Immunsystems zur Folge hat. Das Lachen erhöht die Atmungskapazität und den Sauerstoffaustausch des Blutes, die Muskelaktivität und die Herztätigkeit, es stimuliert das Herzkreis­laufsystem, das sympathische Nervensystem und die Ausschüttung von Endorphinen - ein Enzym, das der Körper zur Schmerzreduzierung produziert. Durch das Lachen befindet sich der Körper in einem Erregungs­zustand, der abgelöst wird von einer Entspannung, in der Atmung, Herzschlag, Blutdruck wieder auf ihr normales Niveau zurückgehen. Lachen beeinflusse die körperliche Gesundheit, wobei festgestellt wurde, daß vor allem in der Vorbeugung von Krankheiten eine humorvolle Einstellung zum Leben sehr hilf­reich sei (vgl. Psychologie heute, 4/86, 30).

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[1] Galen (etwa 129 bis 199) war ein römischer Arzt griechischer Herkunft und galt neben Hippokrates als bedeutendster Arzt der Antike.

[2] Bierbaum (1865 bis 1910) machte sich als Autor von heiteren Erzählungen und satirischen Romanen einen Namen.

Details

Seiten
88
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638345002
ISBN (Buch)
9783640860579
Dateigröße
735 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34204
Institution / Hochschule
Fachhochschule Kiel – Fachbereich Sozialwesen
Note
2
Schlagworte
Humor Sozialpädagogik Lachen Heilen

Autor

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Titel: Lachen hilft Heilen. Humor in der Sozialpädagogik