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Eskapismus als Unterhaltungsfaktor

Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Eskapismus und dem Unterhaltungserleben der Rezipienten?

Bachelorarbeit 2016 60 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Eskapismus
2.1 Begriffsklärung: Realitätsflucht
2.1.1 Wirklichkeit und Realität
2.1.1.1 Wirklichkeit und Realität in den Medien
2.1.1.1.1 Exkurs: Konstruktivismus
2.1.2 Flucht
2.1.3 Fazit
2.2 Eskapismus im medienwissenschaftlichen Kontext
2.2.1 Uses-and-Gratifications-Ansatz
2.2.2 Eskapismus
2.3 Auslöser eskapistischer Mediennutzung
2.4 Zusammenfassung

3 Unterhaltung
3.1 Bedeutung
3.1.1 Unterhaltungstheorien
3.1.1.1 Mood-Management
3.1.1.2 Metaemotion
3.1.1.3 Triadisch-Dynamische Unterhaltungstheorie (TDU)
3.2 Unterhaltungsfaktoren
3.3 Unterhaltung als Bedürfnis
3.4 Unterhaltung versus Information
3.5 Kritik und Legitimation von Unterhaltung
3.6 Zusammenfassung

4 Bezug zur Forschungsfrage
4.1 Zusammenhänge zwischen Eskapismus und Unterhaltung
4.1.1 Vergleich der Merkmale
4.1.2 Vergleich der Gratifikationen
4.2 Fazit

5 Ausblick

6 Anhang

7 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wirklichkeitsdefinitionen im Vergleich (eigene Darstellung)

Abbildung 2: Realitätsdefinitionen im Vergleich (eigene Darstellung)

Abbildung 3: "Drei Wirklichkeiten der Mediengesellschaft" (nach Sander et al., 2008, 481)

Abbildung 4: Fluchtprozess (eigene Darstellung)

Abbildung 5: Realitätsflucht in der Praxis (eigene Darstellung)

Abbildung 6: zentrale Bedürfnisse des Nutzungsverhaltens (nach Rossmann, 2008, 167)

Abbildung 7: Gratifikationsprozess (eigene Darstellung)

Abbildung 8: Eskapismus als Kompensator der Realitätserfahrungen (eigene Darstellung)

Abbildung 9: Auslöser von Eskapismus (nach McQuail et al., 1972; Schweiger, 2007, 112)

Abbildung 10: Zusammenfassung Eskapismus (eigene Darstellung)

Abbildung 11: Entstehung von Metaemotionen (nach Schweiger/Fahr, 2013, 256)

Abbildung 12: Korrelation als Voraussetzung für Unterhaltung (eigene Darstellung)

Abbildung 13: Unterhaltungsbedürfnis in Maslows Bedürfnishierarchie (eigene Darstellung; nach Schweiger, 2007, 78)

Abbildung 14: Zusammenfassung Unterhaltung (eigene Darstellung)

Abbildung 15: Vergleich der Merkmale (eigene Darstellung)

Abbildung 16: Vergleich der Gratifikationen (eigene Darstellung)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Entwicklung neuer Formen von Unterhaltungsangeboten durch Streaming Portale und weitere online Medienformen, sowie die Digitalisierung an sich fördern das Wachstum der Unterhaltungsbranche enorm. Neue Unterhaltungsformen bieten den potentiellen Rezipienten erhöhte Flexibilität, Individualisierbarkeit und globale Aktualität. Diese Entwicklung der Unterhaltungsmedien passt sich den gesellschaftlichen Megatrends der Individualisierung und Globalisierung an. Damit zieht die Unterhaltungsbranche immer mehr Zuschauer in ihren Bann und verdoppelte allein im digitalen Entertainment Markt zwischen 2011 und 2013 ihre Einnahmen (Vgl. Anhang).

Parallel zu diesem Unterhaltungsboom lässt sich unter den Individuen in der westlichen Welt vermehrtes Auftauchen von Depressionen, Stress und Persönlichkeitsstörungen beobachten, die aus hohem wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Druck resultieren. Dazu gesellen sich erhöhte Vereinsamung und die quantitativ zurückgehende direkte Kommunikation. Problemstellungen und zu hohe Anforderungen des Alltags, können den Wunsch zum ‚Abschalten‘ oder gar Entkommen aus den Anforderungen der Realität hervorrufen.

Eskapismus und Unterhaltung treffen aufeinander. Inwiefern diese Entwicklungen miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig bedingen erkundet diese Arbeit auf einer theoretischen Grundlage. Dabei liegt der Fokus auf der detaillierten Untersuchung der beiden Kernaspekte, stets unter Beachtung der persönlichen und gesellschaftlichen Kontexte.

Besonders in den 40er und 50er Jahren wurde Eskapismus vermehrt als Konzept untersucht. Zuletzt erfuhr die Eskapismus-These hohes Forschungsinteresse in den 00er Jahren, was die Betrachtung des Phänomens aus einem aktuellen Blickwinkel noch interessanter gestaltet.

Ziel der aktuellen Arbeit ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Eskapismus und Unterhaltung herauszuarbeiten. Ist Unterhaltung immer eine Form von Eskapismus? Brauchen wir eskapistisches Verhalten, um unterhalten zu werden oder gibt es auch andere Formen? Warum haben wir das Bedürfnis aus der Realität zu flüchten? Leistet Eskapismus einen Beitrag zum Unterhaltungserleben und kann somit als Unterhaltungsfaktor gesehen werden? Mit Beantwortung dieser und weiterer ähnlicher Fragen soll schließlich deutlich werden, wie Eskapismus und Unterhaltung miteinander agieren und als Prozesse ineinandergreifen.

Zur Herausarbeitung dieser Ergebnisse wird eine positiv-theoretische Forschungsmethode angewandt. Sogenannte Äpositive-theoretische Forschung“ untersucht, wie und warum etwas so ist, wie es ist. Der Fokus liegt auf Beschreibungen, Erklärungen und Prognosen. Auf Basis von bereits vorhandenem Wissen, werden logische Zusammenhänge mittels theoretischer, nachvollziehbarer Überlegungen aufgestellt. Dabei werden von relevanten Autoren und Forschern Informationen zur Beantwortung der Forschungsfrage gesammelt, in Unterthemen gegliedert und schließlich miteinander kombiniert.

Zunächst werden hierfür die beiden zentralen Elemente der Forschungsfrage, nämlich Eskapismus und Unterhaltung, sehr ausführlich untersucht. Neben Beschreibungs- und Erklärungsversuchen der Begriffe, werden auch prägnante Theorien eingebracht. Die Betrachtung von Eskapismus und Unterhaltung erfolgt unter einem stetigem Bezug zum gesellschaftlichen Zusammenleben und ihren Individuen. Die entscheidenden Ergebnisse dienen schließlich als Ausgangspunkt zum Vergleich der beiden Phänomene im letzten Teil der Arbeit. Ein finaler Ausblick verleiht schlussendlich eine Übersicht über zukünftige Chance und Risiken der Konzepte.

2 Eskapismus

Zunächst soll ein allgemeines Verständnis von Eskapismus vermittelt werden, bevor ein medienwissenschaftlicher Blick darauf gerichtet wird.

Eskapismus ist ein Begriff, der in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen Anwendung findet. Ursprünglich stammt der Ausdruck von dem englischen Äescapism“, welches übersetzt Wirklichkeitsflucht bedeutet. ÄDas Lexikon“ des Zeitverlags (2005, Band 4, 303) definiert Eskapismus als Ä(neurotische) Tendenz, vor der Realität und ihren Anforderungen in Illusionen oder Zerstreuungen auszuweichen“. In der Brockhaus Enzyklopädie (2006, Band 8, 393) wird die obige Definition um Adjektive ergänzt. Hier wird von Ä(wahnhafte[n]) Illusionen“ und einer bewussten Ausweichung der Realität in Zerstreuungen ausgegangen (ebd.). Meyers enzyklopädisches Lexikon (1973, Band 8, 190) beschreibt Eskapismus als Ä[Hang zur] Flucht vor der Wirklichkeit und den Anforderungen des Lebens in eine imaginäre Scheinwelt“. Damit wird der Begriff der Illusion durch eine fiktive Welt, als Wirklichkeitsersatz, weiter verstärkt. Die oben aufgeführten Definitionen weiten die Umschreibung von Eskapismus als reine Realitätsflucht um mögliche Beweggründe der Flucht (Anforderungen der Realität bzw. des Lebens) und erwünschte Ziele aus (Illusionen, Zerstreuungen, imaginäre Scheinwelt). Was Menschen dazu bewegt, aus der Wirklichkeit entkommen zu wollen, soll erst nach Erfassung der fundamentalen Begrifflichkeiten erörtert werden.

2.1 Begriffsklärung: Realitätsflucht

Zum tiefergehenden Verständnis von Realitätsflucht bzw. Wirklichkeitsflucht, als komprimierte Übersetzung von Eskapismus, sollen die Wortbestandteile Realität, Wirklichkeit, sowie Flucht näher betrachtet werden.

2.1.1 Wirklichkeit und Realität

Obwohl Realität und Wirklichkeit bisher in dieser Arbeit als Synonyme verwendet wurden, sind die Ausdrücke keineswegs kongruent.

Wirklichkeit

Der Wirklichkeitsbegriff erhält allein im Fachbereich der Philosophie schon sehr unterschiedliche und teilweise gegensätzliche Beschreibungsversuche. Im Idealismus wird Wirklichkeit kurzum als Äimmaterielles geistiges Sein“ benannt (Meyers Großes Taschenlexikon, 2006, Band 24, 8591). Der Materialismus hingegen vergleicht Wirklichkeit mit einer Ämaterielle[n] Dingwelt“ (ebd.). Aus Sicht des Empirismus wiederrum wird Wirklichkeit als ÄSumme des empirisch Gegebenen“ (ebd.) charakterisiert. Zu den empirischen Gegebenheiten zählen Erfahrungen, Empfindungen und Sinnesdaten. Je nach persönlicher philosophischer Grundeinstellung und Weltanschauung (im Sinne des Idealismus, Materialismus oder Empirismus) sei Wirklichkeit demnach anders aufzufassen.

Eine allgemeine Definition fasst Aspekte aller obenstehenden Erklärungen zusammen. Wirklichkeit sei hiernach der ÄInbegriff des wahrhaft Seienden und Wirkenden“ (Meyers Großes Taschenlexikon, 2006, Band 4, 8591). Ob das erwähnte wahrhaft Seiende materieller oder immaterieller Natur ist, spiele hierbei keine Rolle. Vielmehr liegt der Fokus auf der nötigen Wahrhaftigkeit der Dinge. Womit sich eine neue Frage auftut, deren Beantwortung zu weit vom eigentlichen Oberthema wegführt und der daher nicht weiter nachgegangen wird: Was ist Wahrheit?

Im Bereich der deutschsprachigen Philosophie hat sich besonders Christian Wolff auf Basis der aristotelischen Modalität der Definition von Wirklichkeit gewidmet. Er behauptet, Wirklichkeit sei dasjenige, Äwodurch das Mögliche seine Erfüllung erhält“ (Brockhaus Enzyklopädie, 2006, Band 30, 169). Dies bedeutet, dass die Wirklichkeit ein Instrument sei, mit dem realisierbare Vorhaben tatsächlich ausgeführt werden können.

Die unterschiedlichen Definitionen werden in der untenstehenden Übersicht zusammengefasst.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wirklichkeitsdefinitionen im Vergleich (eigene Darstellung)

Realität

Das Adjektiv real, das auch Aufschluss auf das zugehörige Nomen Realität gibt, gehe aus dem spätlateinischen ‚realis‘, übersetzt ‚sachlich‘ oder ‚wesentlich‘, hervor (vgl. Brockhaus Enzyklopädie, 2006, Band 22, 596). Dies wiederrum stamme vom lateinischen Begriff ‚res‘ für ‚Sache‘, der in Zusammenhang auf den Term ‚real‘ eine Äin der Wirklichkeit vorhanden[e]“ (ebd.) Sache beschreibt. Diese sei nicht imaginär und entspreche der Realität (Meyers Großes Taschenlexikon, 2006, Band 17, 6206). Doch wie lässt sich eben diese Realität verständlich fassbar machen?

Die Brockhaus Enzyklopädie (2006, Band 22, 601) umschreibt Realität in einer allgemeinen Definition als ÄWirklichkeit im Sinne der Summe alles Vorhandenen, tatsächlich Gegebenen, Gegenständlichen im Unterschied zum lediglich Gedachten und Vorgestellten“ (ebd.). Das bedeutet, dass reale Geschehnisse lediglich Teile des materiell Vorhandenen seien und folglich erst als solche wahrgenommen werden müssen. Darüber hinaus wird Realität klar von imaginären Dingen abgegrenzt. Inhalte, die nur in Gedanken und Vorstellungen ihren Platz finden, seien demnach irreal. Laut Meyers Großem Taschenlexikon (2006, Band 17, 6208) können auch ÄBewusstseinszustände und geistige Gegebenheiten“, wie Werte und Gedankeninhalte, zu Realität gezählt werden, stimme man dem kritischen Rationalismus zu. Jener betont, dass jegliches Wirken auf das Subjekt, also den Menschen, unter den Begriff

Realität fällt. Daher seien eben nicht nur Auswirkungen aus der dinglichen Welt real, sondern ebenso immaterielle Gegebenheiten, die Einfluss auf das Denken des Subjekts haben. Aus einem philosophischen Blickwinkel bezeichne Realität gemäß dem Realismus Ädie vom Subjekt unabhängig existierende Außenwelt“ (Meyers Großes Taschenlexikon, 2006, Band 17, 6208). Im Gegensatz dazu definiert ein anderer Ansatz aus der Philosophie, die kantische Transzendentalphilosophie, Realität als eine vom Menschen mitgegründete Erfahrungswelt (ebd.).

Zusammengefasst unterscheiden sich die Realitätsbezeichnungen nicht nur in ihrem Standpunkt zur Materialität oder Immaterialität der realen Dinge, sondern auch in Hinsicht auf den Bezug der Menschen zur Außenwelt und deren Einfluss auf jene. Einen Überblick zu den stark variierenden Auffassungen von Realität bietet Abbildung 2.

Realität als… Quelle

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Realitätsdefinitionen im Vergleich (eigene Darstellung)

Wie Realität zu verstehen ist, sei von ontologischen und metaphysischen Grundannahmen abhängig (Meyers Großes Taschenlexikon, 2006, Band 17, 6208), die die Basis für das Verständnis der Welt bilden.

Unterschiede

Obwohl Realität in mehreren Definitionen mit dem Begriff Wirklichkeit umschrieben wird (vgl. GEO Themenlexikon, 2007, 286-287; Meyers Großes Taschenlexikon, 2006, Band 17, 6208), sind die Ausdrücke nicht gleichzusetzten. Beide weisen jeweils sehr unterschiedliche Definitionen auf, die abhängig von persönlichen Grundannahmen bezüglich der allgemeinen Weltvorstellung bestimmt werden.

Laut Kant bestehe der Unterscheid darin, dass Wirklichkeit eine Modalität, also eine Art und Weise darstelle, Äin der ein Sachverhalt für das Erkenntnisvermögen […] dasein 8 kann“ (Brockhaus Enzyklopädie, 2006, Band 30, 169), nämlich als wirklich und nicht bloß möglich. Sie beschreibe die Verknüpfung des Verstandes mit der Wahrnehmung (ebd.). Demnach stelle die Wirklichkeit einen Rahmen dar, in dem Realität existieren kann. Ohne die Verbindung von Wahrnehmung und Verstand, alias Wirklichkeit laut Kant, kann die persönliche Realität nicht erfasst werden. Anders umschrieben, kann man behaupten, Realität sei die subjektive Wahrnehmung der eigentlichen objektiven und nicht personenbezogenen Wirklichkeit. In der Brockhaus Enzyklopädie (2006, Band 30, 169) wird eine ähnliche Beziehung der beiden Begriffe zueinander genannt. Wirklichkeit wird hier als ÄHorizontordnung“ (ebd.) beschrieben, die die Unterscheidung von Realem und nicht Realem erst ermögliche. Realität hingegen beschreibe lediglich eine Äkonkret gegebene singuläre Sachhaltigkeit“ (ebd.), in anderen Worten eine der Wirklichkeit entsprechende Gegebenheit. Als Folge kann Realität der Wirklichkeit untergeordnet werden. Realität existiere also nur mit Wirklichkeit als Rahmen. Wirklichkeit dagegen steht für sich allein und ist in Ihrem Bestehen unabhängig von der jeweilig wahrgenommenen Realität.

Je nach Betrachtungsweise kann in Bezug zu Eskapismus von einer Flucht aus der Wirklichkeit oder Realität gesprochen werden. Betrachtet man das Phänomen aus der individuellen Sicht der Rezipienten, so steht ihre subjektive Wahrnehmung im Vordergrund, und folglich ist der Begriff der Realitätsflucht angemessener. Aus einer gesamtgesellschaftlichen Sicht kann man von Wirklichkeitsflucht sprechen, da auf jener gesellschaftlichen, übergeordneten Ebene subjektive Wahrnehmungen zusammentreffen und damit verschiedenen Realitäten in ihrer Gesamtheit als Wirklichkeit auftreten.

2.1.1.1 Wirklichkeit und Realität in den Medien

Da sich diese Arbeit im Feld der Medienwissenschaften bewegt, ist es bei dem Versuch einen übergreifenden Realitätsbegriff festzumachen unbedingt notwendig, Realität bzw. Wirklichkeit in Bezug auf Medien zu untersuchen.

In der Soziologie werde mit Bezugnahme zu Realität und Medien oft von Ämultiple realities“ (Brockhaus Enzyklopädie, 2006, Band 30, 171) gesprochen. Dieser Begriff deutet daraufhin, dass es nicht nur eine, sondern mehrere bestehende Realitäten gleichzeitig gebe. Grund für den Pluralismus der Wirklichkeit seien verschiedene Lebenswelten, die durch Raum, Gesellschaft und Medien geprägt werden können und folglich verschiedenartige Wahrnehmungen von Wirklichkeit ermöglichen. Bestehe bereits die Annahme der parallelen Existenz unterschiedlicher Realitäten, so liegt Wazlawiks Behauptung, dass Wirklichkeit rein mental konstruiert sei, noch radikaler ausgedrückt, rein erfunden, sehr nahe. (ebd.)

Neben der real existierenden Wirklichkeit habe sich im Zuge der Entwicklung zur

Mediengesellschaft eine weitere fiktionale Wirklichkeit, bzw. von den Medien konstruierte Wirklichkeit, etabliert. Fakt und Fiktion vermischen sich. Es wird davon ausgegangen, Ädass beide gleichberechtigt sind und in ihrem Zusammenwirken eine aktuelle, handlungsleitendende Wirklichkeit erzeugen“ (Sander et al., 2008, 481). Die wahrgenommene Wirklichkeit sei demnach eine Konstruktion aus realen und fiktionalen Aspekten der Wirklichkeit. Darüber hinaus ergebe sich die Tatsache, dass Äalles [sic!], was Relevanz beansprucht, in die Medien drängen muss, um Wirklichkeit zu werden (ebd.: 482).

Abbildung 3: "Drei Wirklichkeiten der Mediengesellschaft" (nach Sander et al., 2008, 481)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Somit ist festzuhalten, dass es nicht nur eine bestehende Realität gibt und diese mit medial oder sozial konstruierten Aspekten durchwoben ist. Um zu verstehen, wie verschiedene Wirklichkeiten überhaupt entstehen und koexistieren können, lohnt sich ein Blick auf die Theorie des Konstruktivismus.

2.1.1.1.1 Exkurs: Konstruktivismus

Der Konstruktivismus stelle eine Äkognitions- und erkenntnistheoretische Denkrichtung“ (Schmidt, 2000, 14) dar, die Medien als Instrumente der Wirklichkeitskonstruktion ansieht. Der Fokus liege bei der konstruktivistischen Medienforschung besonders auf den Wechselwirkungen zwischen Medien und Kognition bzw. Kommunikation (ebd.: 76). Kognition, alias Wahrnehmung, ist nach konstruktivistischer Sicht nicht objektiv, wie in vielen Realitätsdefinitionen unter 2.1.1 angenommen wurde. Vielmehr nehmen Menschen die Wirklichkeit nicht wahr, wie sie ist, sondern entwerfen ÄModelle von dieser Wirklichkeit“ (Jäckel, 2005, 79). Grund dafür sei, dass Ä[d]ie Wahrnehmung von Stimuli […] an die Erkenntnismöglichkeiten eines kognitiven Systems gebunden“ (ebd.: 80) seien. Da jedes kognitive System, bzw. jeder wahrnehmungsfähige Mensch, mit unterschiedlichen Voreinstellungen und Wahrnehmungsmöglichkeiten ausgestattet sei (ebd.), gleicht keine Wirklichkeitsvorstellung der Anderen.

Hinzu komme, dass nicht nur der Wahrnehmungsprozess des Rezipienten eine Wirklichkeit konstruiere, sondern der mediale Stimulus bereits eine eigene Konstruktion darstelle (ebd.: 79f.). Demnach finde eine mehrfach aufeinanderfolgende Kognition von Modellen der Wirklichkeit statt. Medien konstruieren eine Wirklichkeit, die durch Selektionsprozesse zum Zweck der Komplexitätsreduktion gekennzeichnet sei: ÄAus der Vielzahl und Komplexität der Umweltreize wird einigen wenigen Relevanz zugewiesen“ (Hans-Bredow-Institut, 2006, 183). Die Auswahl der vermittelten Inhalte in den Medien richte sich nach journalistischen Selektionskriterien, die Aussagen über den Nachrichtenwert und die Publikationswürdigkeit machen: Nachrichtenfaktoren (ebd.). Vorrangige Nachrichtenfaktoren seien

ÄPersonalisierung, geographische Nähe oder Konflikt“ (ebd.). Die, von häufig denselben Nachrichtenfaktoren beeinflusste, Selektion der medial vermittelten Themen konstruiere eine ÄMedienrealität“ (ebd.), welche Äin verschiedenen Medien weitestgehend überein“ (ebd.) stimme und schlussendlich ein Realitätsbild vermittele, dass von ähnlichen Eigenschaften geprägt sei (ebd.: 184).

Zusammengefasst kann der Prozess der Wirklichkeitskonstruktion wie folgt beschrieben werden. Politisches und gesellschaftliches Geschehen ist sehr komplex und kann nicht direkt, sondern nur über Massenmedien, erfahren werden. Diese reduzieren die Komplexität, indem sie Inhalte selektieren und gewichten. Der Rezipient selektiert die medialen Inhalte erneut, bedingt durch sein individuelles kognitives System. Daraus folgt, dass jede Wirklichkeit ein Konstrukt aus Selektion und Wahrnehmungsunterschieden ist. Eine objektive Realität kann unter einem konstruktivistischen Blickwinkel nicht existieren.

2.1.2 Flucht

Der Begriff Flucht stammt vom althochdeutschen ‚fluht‘ und beschreibe entsprechend der Brockhaus Enzyklopädie (2006, Band 9, 387) das Ä(heimliche) Entkommen, Entfliehen“. In Meyers Enzyklopädischem Lexikon (1973, Band 9, 78) wird dies präzisiert. Flucht wird hier als Ädas Ausweichen vor einer drohenden Gefahr durch schnellen Ortswechsel“ (ebd.) festgelegt. Demnach zeichne Flucht nicht nur das reine Entkommen bzw. der reine Ortswechsel aus, sondern auch eine dahinterstehende, von Gefahr angetriebene Handlungsabsicht. Die Flucht werde durch einen Reiz ausgelöst, welcher als bedrohlich und Angst auslösend empfunden werde (vgl. GEO Themenlexikon, 2007, Band 12, 171). Als Folge komme es zu einer Äschnelle[n] Ausweich- oder Weglaufreaktion“ (ebd.). Den

Menschen werde ein vorprogrammierter Fluchtreflex zugeschrieben. Hierbei reagiere der Körper auf einen plötzlich eintretenden bedrohlichen Zustand mit der Ausschüttung von Stresshormonen. Infolgedessen entstehe das starke Bedürfnis, der Situation durch einen Ortswechsel zu entfliehen (vgl. ebd.). Der oben beschriebene Flucht auslösende Prozess zeigt sich zusammengefasst in nachfolgender Grafik.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Fluchtprozess (eigene Darstellung)

In übertragendem Sinne bezeichnet Flucht in Kurzfassung Ädas Vermeiden oder Verlassen einer unangenehmen Situation“ (GEO Themenlexikon, 2007, Band 12, 171).

2.1.3 Fazit

Realitätsflucht beschreibt nach der Betrachtung der einzelnen Wortbestandteile damit das intentionale Entkommen aus der dinglichen Welt aufgrund einer wahrgenommenen Bedrohung bzw. Angstgefühlen. Zur Definition des Fluchtbegriffes müssen lediglich zwei Faktoren ergänzt werden:

1. Der Reiz oder die wahrgenommene Gefahr haben ihren Ursprung im gesellschaftlichen Zusammenleben
2. Der Ortswechsel beschreibt das Verlassen der Realität zugunsten einer künstlich erstellten Scheinwelt.

In der nachfolgenden Abbildung wurde die eigens erarbeitete Definition von Realitätsflucht auf die Praxis bezogen. Mehrere beliebig gewählte Beispiele sollen den möglichen Prozess veranschaulichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Realitätsflucht in der Praxis (eigene Darstellung)

2.2 Eskapismus im medienwissenschaftlichen Kontext

Da sich diese Arbeit am Bereich der Medienwissenschaften, sowie Mediensoziologie orientiert, soll das Phänomen von Eskapismus besonders aus jener Sichtweise erörtert werden. In der Forschungshistorie tauche Eskapismus in den 40er und 50er Jahren vermehrt auf (Groeben/Vorderer, 1988, 137). Speziell aus Sicht des Uses-and-Gratifications-Ansatzes stelle die Flucht aus der Realität eine der primären Antworten auf die Fragestellung, was die Individuen mit den Medien machen bzw. wozu sie diese benutzen, dar (ebd.).

2.2.1 Uses-and-Gratifications-Ansatz

Elihu Katz stellte 1995, als Kern des Uses-and-Gratifications-Ansatzes, die Frage, was die Menschen mit den Medien tun und kehrte damit die typische Fragestellung der Medienwirkungsforschung, nämlich was die Medien mit den Menschen tun, um (vgl. McQuail, 1973, 66). Der dadurch neu entstandene Ansatz eines ÄZweck-Mittel- Denken[s]“ (Jäckel, 2005, 74) hebt die Autonomie der Rezipienten hervor und degradiert im gleichen Zuge die Medien zu reinen Instrumenten der Bedürfnisbefriedigung (vgl. ebd.). Im Uses-and-Gratifications-Ansatz werde damit von einem aktiven Publikum ausgegangen, dass sich zielgerichtet und sinnhaft passende Medien zur eigenen Bedürfnisbefriedigung und Problemlösung auswähle (vgl. Bonfadelli, 1999, 160). Genauer betrachtet, suche der Rezipient Äin Abhängigkeit seiner Bedürfnisse, Probleme und Erwartungen“ (ebd.) das entsprechende Medium bzw. die entsprechenden Medieninhalte zur Erfüllung der jeweilig vorliegenden Bedürfnisse aus. Befriedigte Bedürfnisse werden hierbei als Gratifikationen bezeichnet (vgl. Sander et al., 2008, 173). Die Erforschung der möglichen zentralen Bedürfnisse, die die Nutzungsmotive der Rezipienten repräsentieren, ergab folgende vier Bedürfniskategorien.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: zentrale Bedürfnisse des Nutzungsverhaltens (nach Rossmann, 2008, 167)

Eine weitere theoretische Grundannahme des Ansatzes ist es, Mediennutzung als Äinterpretatives soziales Handeln“ anzusehen (Sander et al., 2008, 174). Dies bedeute, dass Medieninhalte keine vorgefertigten Reize darstellen, sondern vielmehr einen Interpretationsspielraum für die Rezipienten offen halten. Die Medieninhalte bieten also Äinterpretationsbedürftige ‚Wirklichkeitsangebote‘“ (ebd.), die dem Rezipienten die Aufgabe stellen die Angebote abzuwägen und sie gemäß ihren Wirklichkeitsvorstellungen auszulegen. (ebd.)

Abbildung sieben veranschaulicht den Prozess der Rezipienten vom wahrgenommenen Bedürfnis bis hin zur medialen Gratifikation. Katz et al. (1974, 20) beschrieben den Prozess wie folgt:

Ä(1) the social and psychological origins of (2) needs which generate (3) expectations of (4) the mass media or other sources which lead to (5) differential exposure (for engaging in other activities), resulting in (6) need gratification and (7) other consequences.“ (Katz et al., 1974, 20)

Potentielle Rezipienten bringen Erwartungen an die Medien und ihre Inhalte mit, welche sich durch Voreinstellungen, die soziale Umwelt und interpersonale Interaktion entwickelt haben (Rossmann, 2008, 168). Im Gratifikationsprozess haben diese Erwartungen einen hohen Einfluss auf die Medienwahl und unterstützen den Rezipienten bei der Auswahl des Mediennutzungsinhaltes. Als Konsequenz erhält der Rezipient eine Gratifikation oder andere Folgen, die nicht weiter benannt werden.

Abbildung 7: Gratifikationsprozess (eigene Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Unbedingt anzumerken ist, dass sich die Abbildung auf medial erhaltene Gratifikationen konzentriert. Durch die Möglichkeit und Notwendigkeit der freien Auswahl eines Weges zur Bedürfnisbefriedigung, kämen nicht nur Medien als Gratifikationsinstrumente in Frage. Sie konkurrieren folglich nicht nur untereinander. Es bestehe ebenso Konkurrenz zwischen medialen und nicht-medialen Quellen (vgl. Bonfadelli, 1999, 160).

Der Gratifikationsprozess ist ein sehr individueller Vorgang. Es dürfe nicht davon ausgegangen werden, dass dieser für jeden potentiellen Rezipienten die gleichen Wege vorsehe. Vielmehr sei ein ähnliches Bedürfnis bei unterschiedlichen Individuen durch ebenso unterschiedliche Mediennutzungsformen zum Gratifikationserhalt gekennzeichnet (vgl. Rossmann, 2008, 168). Während Rezipient A sich besonders gut beim Lesen von Romanen erholen und entspannen kann, kann dieselbe Mediennutzungsform bei Rezipient B Unruhe bewirken. Daher nehmen die Einflussfaktoren Erwartungen und Vorerfahrungen aus früheren Gratifikationsprozessen bei der Medien- bzw. nicht-medialen Quellenwahl einen hohen Bedeutungsgrad ein.

In Konklusion stehen im Uses-and-Gratifications-Ansatz die ÄInteressen, Motive und Präferenzen des Publikums als Ausgangspunkt der Erklärung medienbezogenen Handelns“ (Jäckel, 2005, 72) im Mittelpunkt.

2.2.2 Eskapismus

Wie bereits zuvor festgehalten, liegt keine eindeutige Definition von Eskapismus vor. Zumeist wird es im nicht-medialen Forschungsumfeld mit Wirklichkeitsflucht oder Realitätsflucht übersetzt. Beschreibungen des Phänomens aus medienwissenschaftlicher Sicht sind komplexer und deutlich detaillierter. Sie beziehen sich auf eskapistisches Verhalten während der Mediennutzung. Neben der Begriffsentwicklung und unterschiedlichen Verständnisweisen des Terms, sollen im Folgenden besonders die Auslöser von eskapistischer Mediennutzung untersucht werden.

Im medienwissenschaftlichen Kontext sei Eskapismus zum ersten Mal in den vierziger Jahren von Herzog angewandt worden sein (Sander et al., 2008, 298). Damals erforschte sie die Motive von Hausfrauen, die sie dazu bewegen, Seifenopern im Hörfunk zu rezipieren. Ihre Studie umfasste einhundert Interviews mit Frauen aus dem Raum New York. Herzogs Untersuchungen ergaben, dass Älisteners fluctuate between the two desires of wanting to learn from the stories and to use them as a means of escape“ (Herzog, 1941, 86, zit. n. Sander et al., 2008, 298). Demnach stelle Eskapismus eines der beiden Hauptmotive der Rezeption von Seifenopern im Radio dar. Darüber hinaus stellte Herzog drei Reaktionsformen fest:

1. Listening to the stories offers an emotional release.
2. Listening to the stories allows for a wishful remodelling of the listerner’s ‚drudgery‘.
3. Listening provides an ideology and recipes for adjustment“ (Herzog, 1941, 69, zit. n. Sander et al., 2008, 298)

Das Zuhören biete laut dem ersten Punkt emotionale Entlastung durch die Möglichkeit, Äangestaute Emotionen herauszulassen oder emotionale Stimuli zu erfahren“ (Sander et al., 15 2008, 299). Der zweite und dritte Punkt berufen sich auf die Lebensumstände der Zuhörerinnen und nennen als Rezeptionsursache entfremdete Lebens- und Arbeitserfahrungen. In ihrer Auswertung betone Herzog, dass es für die Zuhörer um mehr ginge, als um die Möglichkeit der Entweichung aus dem ungeliebten Alltag und um emotionales Loslassen. Vielmehr haben die Seifenopern ein Realitätsmodell verbreitet, Äby which one is to be taught how tot hink and how to act“ (Herzog, 1941, 91, zit. n. Sander et al., 2008, 299). Sie verursachen also weit mehr, als einfache Gratifikationen, nämlich darüber hinaus die Beeinflussung des Realitätsvorbildes und in Konsequenz ebenso die Beeinflussung der gelebten Realität (Sander et al., 2008, 299).

Historisch betrachtet tauche der Eskapismus Begriff erneut 1958 auf, als Montaigne eskapistisches Verhalten als Therapie vorstelle (Zillmann/Vorderer, 2000, 15). Nach religiös begründeten Verboten von jeglicher Unterhaltung, legitimierte Montaigne eskapistisch motivierte Unterhaltung durch die Verbreitung der Annahme, dass Äpeople in interest of their mental welfare, must ‚escape from reality‘“ (Montaigne, 1958, o.S., zit. n. Zillmann/Vorderer, 2000, 15). Zillmann und Vorderer (2000, 66) beschreiben die Entstehung der Eskapismusthese wie folgt:

Assuming that life can and will only be unsatisfactory and that individuals have only limited capacities to arrange themselves within their circumstances, the idea that people have to escape from reality was born.“ (Zillmann/Vorderer, 2000, 66)

Sie nennen als Annahmen für die Entstehung der Eskapismusthese ein unbefriedigtes Leben, sowie begrenzte Kapazitäten bei der Bewältigung von Lebensumständen.

Nur wenige Jahre später publizierten Katz und Foulkes ihre Auseinandersetzung mit dem Begriff des Eskapismus im Magazin Public Opinion Quartely mit dem Titel ÄOn the uses of the mass media as ‚escape‘: calrification of a concept“ (1962) und Entwarfen damit einen wichtiges Werk für die Weiterentwicklung des Begriffs. Hierin setzten sie sich unter Anderem kritisch mit Herzogs Untersuchungen auseinander. Katz und Foulkes behaupten, dass Eskapismus als favorisierte Antwort auf die Frage der Mediennutzungsmotive genutzt werde.

People are deprived and alienated, it is suggested, and so they turn to the dreamlike world of the mass media for substitute gratifications, the consequence of which is still further withdrawl from the arena of social and political action“

(Katz/Foulkes, 1962, 379)

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Details

Seiten
60
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668317376
ISBN (Buch)
9783668317383
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v342038
Institution / Hochschule
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel – Medienmanagement
Note
1,7
Schlagworte
eskapismus unterhaltungsfaktor welche zusammenhänge unterhaltungserleben rezipienten

Autor

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Titel: Eskapismus als Unterhaltungsfaktor