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Waldkindergarten und Schulfähigkeit. Ein Praktikumsbericht

Praktikumsbericht / -arbeit 2016 19 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Waldkindergarten - Geschichte, Leitgedanken und Besonderheiten

3. Schulfähigkeit und Schulreife
3.1 Schulfähigkeit nach Gorges
3.2 Schulreifemodell nach Nickel

4. Studie über schulische Kompetenzen - Regelkindergärten und Waldkindergärten im Vergleich
4.1 Ergebnisse der Untersuchung
4.2 Deutung der Ergebnisse
4.3 Zusammenfassung der Ergebnisse

5. Fazit und Ausblick

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Da ich nach meinem Studium gerne in Richtung Lehre im Bezug zu Kindertagesstätten gehen möchte (entweder im Bereich von Supervisionen und Fortbildungen für Erzieherinnen oder als Lehrerin an einer Erzieherfachschule beziehungsweise Schule für Sozialwesen), da ich dieses Lebensalter spannend finde und die Wichtigkeit von qualitativ Hochwertigen Kindertagesstätten sehr hoch ansiedele, möchte ich vorerst praktische Erfahrungen in der direkten Arbeit am Kind sammeln und den Alltag einer Erzieherin kennen lernen, um wissenschaftliche Theorien mit praktischen Erfahrungen und Umsetzungsmöglichkeiten verbinden zu können. Im Verlauf des Bachelor Studiums hatte ich bereits ein Praktikum in einem Regelkindergarten sowie in einem Hort absolviert, aus diesem Grund wählte ich eine alternative Form des Kindergartens für mein Praktikum im Master. So fand ich meinen Weg zu einem Waldkindergarten.

Restliche Einleitung entfernt, da vertrauliche Daten enthalten waren.

2. Waldkindergarten - Geschichte, Leitgedanken und Besonderheiten

Die Wurzeln des Waldkindergartens liegen in Schweden, 1892 wurde dort die erste Organisation gegründet, die ganzjährig naturpädagogische Aktivitäten anbot. Mitte der fünfziger Jahre wurden diese pädagogischen Einflüsse in Dänemark aufgegriffen. Ella Flatau ging jeden Tag mit ihren eigenen Kindern in den Wald. Als andere Eltern davon hörten, wollten sie sich anschließen, so ging Flatau bald mit einer großen Gruppe von Kindern in den Wald. Hieraus entwickelte sich eine Elterninitiative, welche in den ersten Waldkindergarten mündete.1

In Deutschland wurde 1968 von Ursula Sube der erste Waldkindergarten gegründet. Auch hier war es weniger geplant, sondern aus einer Notsituation heraus geboren. Ein Bekannter fand keinen Kindergartenplatz, woraufhin Sube mit diesen Kindern in den Wald ging. Auch hier sprach sich die Idee herum und andere Kinder schlossen sich an, so dass bald eine ganze Kindergartengruppe entstand. Das Jugendamt duldete diese Form des Kindergartens schweigend, befürwortete ihn jedoch nicht, weshalb die Idee im Umkreis nicht verbreitet wurde. Vermutlich ist dies einer der Gründe, warum erst 25 Jahre später ein zweiter Waldkindergarten in Deutschland gegründet wurde.

Als Ende der achtziger Jahre ein neuer Referent im Jugendamt eingesetzt wurde, wolle dieser die „stillschweigende Duldung“ nicht weiterführen und forderte von dem Kindergarten eine zweite Aufsichtsperson, was jedoch deren Budget überstieg. Daraufhin begutachtete ein Spezialist den Waldkindergarten, welcher zum Erstaunen der Initiative die Betriebserlaubnis unter zwei Auflagen erteilte: erstens musste für Notfälle ein Handy mitgeführt werden und zweitens durfte die Gruppenstärke die Anzahl von 15 Kindern nicht übersteigen.

Mit diesem ersten offiziellen Beschluss war der Weg für weitere Waldkindergärten in Deutschland geebnet.2

In den neunziger Jahren entstand eine regelrechte Waldkindergarten-Bewegung und deren Anzahl begann deutlich zu wachsen. In Dänemark hatte sich der Waldkindergarten schon etabliert und sich bereits zu einer festen Größe entwickelt. Zwei angehende Erzieherinnen aus Deutschland lasen 1991 einen Artikel über einem Waldkindergarten in Dänemark und waren an der Idee so interessiert, dass sie dort hospitierten. Sie entwickelten daraufhin ihre eigene Konzeption und gründeten einen Verein, mit welchem sie die Behörden nach und nach überzeugten.

1993 wurde in Flensburg der erste deutsche staatlich anerkannte Waldkindergarten eröffnet. Intensive Öffentlichkeitsarbeit und großes Interesse der Bevölkerung machte dieses Konzept bekannt und transparent. Ab 1955 stieg die Anzahl der eröffneten Waldkindergärten zwar stark an, wurde aber auch weiterhin von Ämtern und Behörden mit großer Skepsis betrachtet. 1996 schließlich wurde der „Bundesarbeitskreis der Naturkindergärten in Deutschland“ gegründet, welcher im Jahr 2000 sogar ein Bundesverband wurde.

Mittlerweile gibt es in Deutschland über 400 Einrichtungen und das mit ansteigender Tendenz. 3

Die Idee eines Waldkindergartens ist historisch betrachtet nicht neu, denn schon Rousseau forderte eine Rückkehr zur Natur. Nach Rousseau machen technischer Fortschritt und gesellschaftlicher Wandel das Leben zwar in vielen Aspekten leichter, bringen jedoch Lebensverhältnisse vor, in denen der Mensch sich selbst immer fremder wird.4 Waldkindergärten wollen mit ihrem pädagogischen Konzept die Entfernung von der Natur ein Stück weit aufheben und verlangsamen, dennoch sollte bewusst sein, dass eine naturnahe Erziehung nicht die Zeit zurück drehen kann und dies ist auch keineswegs das Anliegen von Waldkindergärten. In erster Linie geht es darum, den Wald als Lebensraum zu erfahren und gemeinsam mit den Kindern zu erforschen.

So gibt es in Waldkindergärten kein einheitliches Konzept und keine Richtlinien, auf die sich alle berufen. Dennoch lassen sich ähnliche Ansätze und Strömungen herausarbeiten, welche die meisten gemein haben.5

Situationsansatz

Da alle Waldkindergärten Kinder mit ihrer gesamten Erlebnis- und Erfahrungswelt sehen, greifen sie vorrangig auf den Situationsansatz zurück. Ziel dieses Ansatzes ist es, Kindern bei der Bewältigung aktueller wie zukünftiger Lebenssituationen zu helfen und ein Lernen an „realen Situationen“ zu ermöglichen. Stärke und Kompetenz werden dabei genauso angenommen und berücksichtigt wie Unerfahrenheit und Schutzbedürftigkeit der Kinder. Zur Umsetzung des situationsbezogenen Ansatzes werden Lebenssituation, Erfahrungen und Bedürfnisse mit einbezogen und Eigeninitiative der Kinder unterstützt.6

Ohne Wände

Der größte und offensichtlichste Unterschied eines Waldkindergartens zu einem Regelkindergarten ist selbstverständlich das Fehlen von Wänden. Dennoch gibt es Formen von „Räumen“ oder eher Plätze mit bestimmten Funktionen, zum Beispiel der Platz an dem der Morgenkreis stattfindet oder eine Lichtung auf der immer Pause gemacht wird und ähnliches. Diese Räume sind allerdings nicht klar abgegrenzt und sehen auch mit dem Verlauf der Jahreszeiten immer wieder anders aus, sodass es stets spannend bleibt und es Neues zu entdecken gibt. Im Wald können sich Kinder auch leichter zurückziehen ohne jedoch den Kontakt zur Gruppe zu verlieren. Denn schon hinter dem nächsten Baum können sie sich verstecken und Ruhe finden, jedoch gleichzeitig noch hören und eventuell auch sehen, was die anderen Kinder gerade tun.

Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist die geringere Lärmentwicklung, die durch die Offenheit des Waldes (gegenüber geschlossenen Räumen) entsteht.

Erzieherinnen und Eltern berichten immer wieder, dass ihre Kinder ausgeglichener, stressfreier und auch weniger aggressiv mit einem Besuch des Waldkindergartens sind.7 Im Gegensatz zu Regelkindergärten und auch den Möglichkeiten im Alltag können Kinder im Waldkindergarten immer wieder Grenzerfahrungen machen. Sie können beispielweise die Herausforderung auf einen Baum zu klettern meistern. Hierbei können sie Mut, Geschicklichkeit und Kraft herausfordern und entwickeln, aber eben auch an ihre Grenzen stoßen, vielleicht reicht ihre Kraft nicht aus, oder sie haben plötzlich Angst. Dies sind Erfahrungen elementarer Art, die nötig sind um eigene Fähigkeiten adäquat einschätzen zu können.

Auch das Einhalten von Regeln wird in Waldkindergärten leichter akzeptiert, was sich ganz einfach daraus ableiten lässt, dass im Wald auch für Kinder reale Gefahren sichtbar sind, welche sich unmittelbar erleben lassen und somit die Regeln für die Kinder nachvollziehbar werden. Auch die Kinder wissen, dass im Wald immer etwas Unvorhergesehenes geschehen kann, ein Tier wird aufgeschreckt, man hört unbekannte Geräusche oder jemand verletzt sich.

Es lässt sich gewissermaßen sagen, dass die Abwesenheit von Wänden und damit sichtbarer Grenzen, die Schaffung und Anerkennung unsichtbarer Grenzen also der Regeln erleichtert.8

Ohne Spielzeug

Kinder wollen ihrer Phantasie freien Lauf lassen und diese entwickeln, um dieses pädagogische Anliegen angemessen zu unterstützen bieten Waldkindergärten kein bis kaum vorgefertigtes Spielzeug. Der Wald bietet eine Vielzahl an Anregungen und Materialien zum Spielen. Im Waldkindergarten wird aus ein und demselben Stock ein Schwert, ein Zauberstab, ein Pferd oder auch ein Besen. Gefällte Bäume werden zu Häusern und Höhlen, Tannenzapfen zu Pferdefutter und Puppen. Die Materialien des Waldes sind auf keinen Zweck festgelegt und bieten so viele Möglichkeiten zur Nutzung und regen neben der Phantasie der Kinder auch ihre Kreativität an. Kinder können so erleben wie sehr ihre Phantasie sie erfüllt und wie viele neue Ideen sie haben und entwickeln können. Ebenfalls erlebbar wird dabei, dass man auch mit wenig auskommt um sich in spannende Spiele zu vertiefen. All diese Dinge zu erfahren schafft Selbstsicherheit. Schede geht sogar so weit, diese Erfahrungen als einen wichtigen Beitrag zu Suchtvorbeugung zu bezeichnen, da Kinder hierbei andere Wege als Konsumgüter und Ersatzbefriedigung zur Problemlösung kennen lernen.9

Bickel sieht in der spielzeugfreien Pädagogik Potenzial zur Entwicklung und Stärkung von Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Selbstständigkeit, Frustrationstoleranz und Kommunikationsfähigkeit, da Kinder hier mehr aufeinander ein- und zuzugehen. So lernen sie ihre Bedürfnisse nicht nur selbst zu erkennen, sondern auch auszusprechen und ihre eigenen Ideen und Wünsche gegen die anderer Kinder durchzusetzen, gegebenenfalls aber auch selbst das ein oder andere Mal zurückzutreten.10

Soziale Erziehung

Die Vermittlung sozialer Kompetenzen, das heißt die Fähigkeit neue Kontakte zu knüpfen, zuzuhören und sich durchzusetzen, die eigenen und auch fremde Gefühle wahrzunehmen, gehören zu den wichtigsten Anliegen jedes Kindergartens. Auch korrekte Selbsteinschätzung, Rücksichtnahme und Konfliktlösestrategien gehören hier mit dazu. Wie soeben bereits ansatzweise ausgeführt bieten Waldkindergärten hierzu gute Bedingungen, da durch das Fehlen von Spielzeug und die daraus folgende Angewiesenheit auf andere Kinder zum Spielen ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl gefördert wird. Um zu einem harmonischen Spiel zu gelangen sind Verständnis, Toleranz, Rücksicht und Hilfsbereitschaft nötig, sodass hier automatisch die Kommunikation und soziales Verhalten der Kinder gefördert wird.11

[...]


1 Miklitz (2004), S.14

2 Schede (2000), S.8f

3 Miklitz (2000), S.15f

4 Schede (2000), S.18

5 Ebd.

6 www.kita.de

7 Schede (2000), S.23

8 Ebd., S.19f

9 Schede (2000), S.21

10 Bickel (2001),S.5

11 Ebd., S.30f

Details

Seiten
19
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668321069
ISBN (Buch)
9783668321076
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341914
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
Schlagworte
Waldkindergarten Regelkindergarten Schulfähigkeit Schulreife

Autor

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Titel: Waldkindergarten und Schulfähigkeit. Ein Praktikumsbericht