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Die Entwicklung der Geldwirtschaft. Wer Geld hat, schuldet

Essay 2012 8 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Wer Geld hat, schuldet

Wir kennen es nicht anders, als dass Geld und Schulden zusammengehören, weshalb in einem Wirtschaftsraum wie beispielsweise dem des EURO der Summe der Geldvermögen stets die Summe der Geldschulden gegenüberstehen. Allerdings ist das schuldenfinanzierte stofflose „moderne“ Geld, dessen Illusionscharakter Günter Schmölders bereits in den 1950er Jahren enthüllte und nun angesichts des vermeintlichen Zwangs zur Finanzierung griechischer wie spanischer Staatsdefizite jedermann vor Augen geführt wird, keine „Erfindung“ der Neuesten Geschichte. Seine Ursprünge gehen auf die Zeit des Spätmittelalters und der frühen Renaissance zurück, als das Wirtschaftsleben in den italienischen Handelszentren eine außerordentliche Intensität erlangte.

Während anderswo der Übergang zur Geldwirtschaft sich unter großen moralischen Hemmungen vollzog, man denke nur an die Verteufelung des Geldes durch Luther, erlebte Norditalien zu Anfang des 13. Jahrhunderts die Blüte des Frühkapitalismus, die den Menschen an die Stelle von Gott rückte[1] wie schon im kaiserlichen Rom. Es begann das Zeitalter der Industrie und des Handels, das gekennzeichnet war von schöpferischem Unternehmergeist, großen Wagemut und einer Fülle genialen Erfindertums.[2]

Das theoretische Fundament für diese Entwicklung legte der Mathematiker Leonardo da Pisa, genannt Fibonacci. Sein im Jahre 1202 erschienenes „Buch der Rechenkunst“ trug durch die Einführung der „indischen Methode der Mathematik“ – also der Verbreitung der sog. arabischen Zahlen samt der Null – den Bedürfnissen des aufblühenden globalen Handels Rechnung, der bis dahin nach dem für komplexe Berechnungen ungeeigneten römischen Zahlensystem verfahren musste.[3]

Anders gesagt: mit der Einführung des Dezimalsystems und der Bruchrechnung sowie ihrer praktischen Anwendung auf doppelte Buchführung wie Zinserhebung revolutionierte Fibonacci die Handelsgeschäfte, indem er die Mathematik auf die Wirtschaft im Allgemeinen und den Geldverleih im Besonderen anwandte.[4] Diese Ideen fielen in Florenz, Pisa und Venedig auf fruchtbaren Boden, wo immer mehr Unternehmen mit Zweigniederlassungen im gesamten Mittelmeerraum entstanden und so dem hohen Geldbedarf der Herrscherhäuser und der sich entwickelnden Staatenwelt Rechnung tragen konnten.

Entgegen der mittelalterlichen Auffassung, dass christlicher Glaube und Profitstreben einander sich ausschlössen, begannen Kaufleute, Geldverleiher und Spekulanten, ihre Tätigkeit im Einklang mit dem göttlichen Auftrag zu sehen. Entsprechend wurde jeder Handel „im Namen Gottes und des Profits“ abgeschlossen und man machte es sich zur Aufgabe und Pflicht, sich anzustrengen, um am Ende dafür die gerechte Belohnung zu erhalten. Im Mittelpunkt dieser Geschäftsmoral stand der Gelderwerb als Selbstzweck: die mittelalterliche Debatte, die den Reichtum diskreditierte und die Händler schlecht machte, wurde umgedeutet in eine positive Rhetorik, wonach es das Gebot der Kaufleute sei, wohlhabend zu werden und ehrenwert zu sein.

Da man das Geld nun als Zeichen für die Gottwohlgefälligkeit unternehmerischen Handelns auslegte, wurden auch Schulden erstmals positiv gedeutet. Wie David Graeber in seinem Buch „Schulden“ feststellt, gab es bereits im alten Mesopotamien auf Naturalforderungen basierende Kreditsysteme[5], aber erst im Italien der Renaissance begann sich die moderne Idee durchzusetzen, dass Geld in Wirklichkeit weniger mit Realien als mit „Kredit“ und Schulden zu tun hat. Hier wurzelt auch die bis heute wirkende Vorstellung, dass Geld, Kredit und Schulden unerlässliche Bausteine der ökonomischen Entwicklung und des Wohlstandes ganzer Gesellschaften sind.

Bereits in der Zeit des Römischen Reiches, als Gaius Julius Cäsar das Recht der Münzprägung mit Gewalt an sich riss und sein Abbild dort prägte, wo zuvor nur das Bildnis der „Juno Moneta“ erscheinen durfte, hatte sich der Sinngehalt des Geldes gewandelt. War das von den Griechen verehrte antike Opfergeld einstmals ein Geschenk der Muttergottheit, das entsprechend als Symbol für Fruchtbarkeit und Wiederauferstehung galt, wurde es nunmehr im römischen Machtbereich zu einem Funktionsträger, der für die Befehlsgewalt des als Gott verehrten Herrschers stand.

Es war also nicht allein die durch politische und wirtschaftliche Rivalitäten hervorgerufene hohe Kapitalnachfrage sondern die gewandelte gesellschaftliche Funktion des Geldes selbst, von der die oberitalienischen Geldverleiher profitierten, wenn sie Geld gegen Zinsen verliehen. Die vom Römischen Reich übernommene Erfindung der Sumerer, die aus einem mythischen Kult heraus das in Wahrheit tote Geld mit heranwachsenden und sich fortpflanzenden Lebewesen gleichgestellt hatten, wurde nun absolut gesetzt, es kam also die alles vernichtende Zinseszinsspirale in Gang. Dagegen hatten die Sumerer für das Verleihen von Geld zwar einen Zinssatz von 20 Prozent erhoben, aber in den ersten 5 Jahren durften nur lineare Zinsen verlangt werden. Erst, wenn sich das ausgeliehene Geld verdoppelt hatte und „erwachsen“ war, konnten auch Zinsen von den ausbleibenden Zinszahlungen (Zinseszinsen) verlangt werden.[6]

Für die katholische Kirche galt noch lange diese auf exponentiellem Wachstum beruhenden kaufmännischen Praktiken als Sünde und „Tod für die Seele“, was die christlichen Kaufleute zwang, deren Verbote immer wieder geschickt zu unterlaufen, um nicht exkommuniziert zu werden. Leichter gestaltete es sich für die aus dem Orient vertriebenen jüdischen Kaufleute, die im Gegensatz zu ihren christlichen Mitbürgern gemäß des fünften Buches Mose (23,21) Zinsen nehmen durften[7], wobei sie allerdings noch um eine mäßigende Einschränkung wussten: die alten Juden gingen nämlich davon aus, dass sich die Zellen des menschlichen Körpers mit Ausnahme der Nervenbahnen alle sieben Jahre erneuern, dementsprechend durfte man nur für diesen Zeitraum Zinsen für geliehenes Geld nehmen.[8]

Am Rande sei bemerkt, dass die Magistrate der italienischen Stadtrepubliken den Geldverleih und die Zinserhebung mit Argusaugen überwachten und die Holztische (banca) der Geldverleiher mit einer Axt entzwei schlugen (rotta), wenn diese zahlungsunfähig waren oder einen ihrer Kunden betrogen hatten, wovon noch heute das Wort vom „Bank(e)rott“ zeugt.

Der zweite entscheidende Schritt hinsichtlich der Entwicklung von Geld und Schulden war, dass die Geldverleiher, die zumeist auch als Goldschmiede arbeiteten, die Goldmünzen wohlhabender Bürger aufbewahrten. Dabei wurde dem Münz-eigentümer der Empfang der Münzen mit einer papierenen Quittung bestätigt. Die Bürger erkannten schnell, dass es effektiver war, diese „Depotscheine“ selbst weiter zu geben, als sie erst umständlich gegen bare Münze einzulösen. Folglich entstand aus den Quittungen ein sog. Inhaberwertpapier und mit ihm das (europäische) Papiergeld als Verbriefung von Schuld, indem jeder Kaufmann, der einen Depotschein als Zahlungsversprechen eines Goldschmieds akzeptierte, einen Schuld-Vertrag einging.[9]

Alsbald erkannten die Geldverleiher, dass nur ca. zehn Prozent ihrer Kunden die Münzen abholten und alle anderen mit den Depotscheinen selbst bezahlten, und so kamen sie auf die findige Idee, mehr Schuldscheine an ihre Kunden auszugeben, als Goldmünzen bei ihnen verwahrt waren.[10] Auf diese Weise entstand sowohl der bis heute gültige Grundsatz der „Mindestreserve“ als auch das neue systemische Prinzip: „wer Geld hat, schuldet“.

Es war der Kerngedanke der Renaissance, dass der Mensch ein gottähnliches, schöpferisches Wesen sei. In diesem Sinne schuf die kaufmännisch-spekulative Tätigkeit ein neues Schuldensystem, indem sie in einer Nachahmung des göttlichen Schöpfungsaktes erstmals Geld „aus dem Nichts“ generierte. Dabei unterlegte man den verzinsten Schuldverschreibungen das zentrale religiöse Motiv der Kirche, wonach der Mensch schuldig geboren werde und, um diese Schuld abzutragen, sich der Arbeit zu unterwerfen habe.[11]

Mit anderen Worten: das ökonomische Schuldenprinzip basiert auf einem sozialen Mechanismus, der an die Stelle des Glaubens an Gott resp. an den als Gott verehrten Herrscher den bargeldlosen Zahlungsverkehr setzte.

[...]


[1] Pico della Mirandola („Rede über die Würde des Menschen“): „…Du kannst zum Tier entarten, aber Du kannst dich auch aus freiem Willen deines Geistes zum gottähnlichen Wesen wiedergebären.“, vgl. Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, S.179 sowie S.200.

[2] Ebd., S.183.

[3] Ferguson, Der Aufstieg des Geldes, S.32.

[4] Ebd.

[5] Zum mesopotamischen Kreditsystem, siehe Graeber, Schulden, S. 211-221.

[6] Hörmann/Pregetter, Das Ende des Geldes, S.43.

[7] Ferguson, S.34f., Graeber, S.302.

[8] Nach dem 5. Buch Mose (15, 1-3) mussten im sogenannten „Sabbatjahr“ alle Schulden erlassen und alle Menschen, die in Sklaverei (Schuldknechtschaft) lebten, die Freiheit geschenkt werden.

[9] Hörmann/Pregetter, S.46.

[10] Ebd., S.47.

[11] Graeber, S.363f.

Details

Seiten
8
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668318861
ISBN (Buch)
9783668318878
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341823
Note
Schlagworte
Philosophie Wirtschaftsphilosophie Wirtschaftsgeschichte Ökonomie Geld Kredit Schulden

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