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Soziale und ökonomische Faktoren der Urbanisierung

Hausarbeit 2015 18 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

INHALT

I. Einleitung

II. Begriffsbestimmung: Urbanisierung - Urbanität - urban vs. Verstädterung

III. Industrialisierung gleich Urbanisierung?
1. Beispiel Deutschland
2. Voraussetzungen für Urbanisierung

IV. Der Versuch, "Stadt" zu verstehen
1. Chicagoer Schule
2. Social Area-Konzept
3. Charta von Athen

V. Der Versuch, "Urbanisierung" zu verstehen
1. Was ist ein urbanes Lebensumfeld?
2. Ist Urbanisierung steuerbar?
3. Stadtentwicklungsmodell

VI. Zusammenfassung

VII. Literatur

I. Einleitung

Im Jahr 2010 gab das Department of Economic and Social Affairs der Vereinten Nationen bekannt, dass nun über die Hälfte der Weltbevölkerung, nämlich 3,36 Mrd. Menschen in Städten leben. Gleichzeitig wurde prognostiziert, dass diese Zahl weiter zunehme und der Anteil der weltweit in Städten lebenden Bevölkerung bis zum Jahr 2050 gar auf 67,2%, also auf 6,2 Mrd. Menschen steigen werde; das bedeutet, dass erstmals zwei Drittel der Menschheit in Städten leben werden (UN 2010).

Aber diese Zahlen sagen noch nichts aus über die Qualität des Lebens in diesen Städten. Stadtleben, "Stadt-sein", Urbanität, wird überall und zu allen Zeiten auf andere Weise verwirklicht. Megastädte im Süden werden häufig mit Zuschreibungen wie "Unübersichtlichkeit", "Unregierbarkeit" oder "Moloch" betitelt, den Metropolregionen der Industrieländer fallen eher Begriffe zu wie "globale Innovationszentren", "dynamische Knotenpunkte der Weltwirtschaft" oder "Motoren der globalen Entwicklung" (GR 2012/Heft10: 30).

Wenn heutzutage von Urbanität gesprochen wird, dann steht oft das Bild einer schönen und lebendigen Stadt mit historischen Zügen vor Augen; gleichzeitig dient der Begriff häufig auch, um die moderne Stadt, der es an Urbanität fehlt, in ihren Grundfesten zu kritisieren. Und im Entwurf zu einer neuen Charta des Städtebaus wird sogar von einem "Recht auf Urbanität" gesprochen - in Anlehnung an Lefebvres Forderung "Recht auf Stadt!" (SIEVERTS:1). Was bedeutet also Stadt? Was bedeutet Urbanität?

In der vorliegenden Hausarbeit soll versucht werden, den unscharfen Begriff "Urbanität" zu fassen und das Wesen der "Urbanisierung" und die sozialen und ökonomischen Aspekte dabei herauszuarbeiten. Es soll eine Antwort auf die Frage gefunden werden, welche Faktoren Urbanität begünstigen, ob Urbanisierung gesteuert werden kann und warum Urbanisierung erstrebenswert scheint. Da Städte in den südlichen Ländern sich in Entstehung, Entwicklung und Ist-Zustand fundamental von europäischen unterscheiden, werden sie hier nicht behandelt.

II. Begriffsbestimmung: Urbanisierung - Urbanität - urban - Verstädterung

Der Begriff "urban" leitet sich ab vom lateinischen Wort "urbs": die Stadt bzw. "urbanus": "zur Stadt gehörig, gebildet, kultiviert"; diese Eigenschaften wurden mit dem Begriff "städtisch" verbunden. Der Duden übersetzt "urban" mit "gebildet, weltgewandt, weltmännisch, für städtisches Leben charakteristisch" (DUDEN). Zuschreibungen, die nicht nur dem Stadtbewohner sondern auch der Stadt selbst gegeben werden. Sie soll "gehoben, weltgewandt, weltstädtisch" wirken. Kant beschreibt Urbanität als "ästhetisches Ideal sozialen Lebens schlechthin" (KANT 1790: 33).

In der Geographie werden die Begriffe Urbanisierung, Urbanität und urban unterschiedlich verwendet. Im deutschen Sprachraum wird teilweise zwischen Verstädterung und Urbanisierung unterschieden, jedoch nicht konsequent, weswegen manche eine synonyme Verwendung der beiden Begriffe vorschlagen (HEINEBERG 2010: 31). Paesler, der die Münchner Schule der Sozialgeographie vertritt, betont die von Urbanität ausgehende Wirkung ins Umfeld; Urbanisierung sei der "Prozess der Diffusion der Urbanität" (PAESLER 1976: 22). Dieser Prozess müsse dabei nicht zwangsläufig (wie bei der Verstädterung) mit der räumlichen Ausdehnung und einem Bevölkerungszuwachs von Städten verbunden sein. Paesler versteht Urbanisierung vielmehr als "sozialgeographischen Prozess, denn durch die von Städten und urbanen Siedlungen 'diffundierenden Einflüsse' gewinnen andere Siedlungen ebenfalls an Urbanität. Die menschlichen/sozialen Gruppen werden dabei als Träger der Funktionen und als Schöpfer räumlicher Strukturen angesehen (GEBHARDT ET AL. 2007: 636). Hofmeister schlägt vor "die leichter quantifizierbaren Faktoren wie Stadtbevölkerung, Anzahl, Flächenwachstum der Städte [als] Verstäd- terung [zu bezeichnen], die eher qualitativen Faktoren städtischer Lebensform und deren Verbreitung als Urbanisierung" (HOFMEISTER 1997: 43). J. Bähr erweitert diese Definition: "Verstädterung meint […] die Vermehrung, Vergrößerung und Ausdeh- nung von Städten nach Zahl, Fläche oder Einwohnern sowohl absolut als auch im Verhältnis zur Landbevölkerung bzw. zu den nicht-städtischen Siedlungen, während Urbanisierung auch die Ausbreitung städtischer Lebens, Wirtschafts-, und Verhaltensweisen einschließt bzw. sich (in eingeschränkter Begriffsdefinition) nur darauf bezieht" (BÄHR 2010: 59). Die Vernetzung mit Nachbarwissenschaften hat sich als hilfreich erwiesen, der Vielschichtigkeit von Urbanität gerecht zu werden (HEINEBERG 2014: 23f). Im Folgenden wird auf die historische Determinante im Stadt- wachstum in Deutschland eingegangen.

III. Industrialisierung gleich Urbanisierung?

Städte gibt es seit sehr langer Zeit und sie entstanden aus den verschiedensten Gründen (GEBHARDT ET Al. 2007: 642). Im Zuge der Industrialisierung aber kam es zu einem starken Anstieg der Stadtbevölkerung in sehr kurzer Zeit. Um 18oo lebte etwa ein Viertel der deutschen Bevölkerung in Städten. Die anderen dreiviertel lebten auf dem Land und waren vornehmlich im Agrarsektor beschäftigt. Ein starkes Bevölkerungswachstum aufgrund zurückgehender Sterberaten führte zu einem Überangebot an landwirtschaftlichen Arbeitskräften. Es gab nicht genug Arbeit, vor allem nicht genug Land für alle. Mit der aufkommenden Industrialisierung hofften verarmte Kleinbauern und landlose Arbeiter auf eine Verbesserung ihrer Lebenssituation in den Städten durch Arbeit in den neu geschaffenen Manufakturen. Die Zahl der Arbeiter in diesen Manufakturen stieg rasch von 80.000 um das Jahr 1800 auf 8 Millionen im Jahr 1910 (HEINEBERG 2014: 33f; BELINA 2014:17). Diese Arbeiter bildeten das sogenannte Industrieproletariat, nicht alle konnten Arbeit finden und nicht alle konnten davon leben. Tatsächlich waren die Wohn- und Arbeitsbe- dingungen verheerend. Aber es war ein erster Schritt zur Urbanisierung getan, denn die Industrialisierung führte in relativ kurzen Zeitraum zu einer hohen Bevölkerungs- konzentration und -verdichtung in den Städten, und zu zunehmendem Bedarf an Menschen, die im Industrie- und Dienstleistungssektor tätig waren. Industriestädte entstanden, Residenz- und Handelsstädte wuchsen, erfolgreiches kapitalistisches Wachstum zog wiederum Neuansiedlungen nach sich. Deshalb war diese Entwicklung in Deutschland und Europa eine einschneidende und positive:

"[Die Bourgeoisie] hat enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen in hohem Grade vermehrt und so einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen."

(MARX/ENGELS 1969a:466)

"Idiotismus" verweist hier auf die früher übliche Leibeigenschaft im Feudalsystem. Freiheit davon war in der frühen Neuzeit nur in den Städten zu haben, wie der

Ausspruch "Stadtluft macht frei" verdeutlicht (BELINA 2014: 15). Auch Bildung, techni- scher Fortschritt, Wissenschaft fand sich in dieser Zeit primär in den Städten. Marx und Engels kritisierten jedoch, dass die Bourgeoisie nach wie vor die führende Klasse war und als Unternehmer im Besitz der Produktionsmittel, der Fabriken und Bergwerke. Damit waren sie Träger und Nutznießer des Industrialisierungsprozesses, der Arbeiter benötigte und anzog. Es entwickelte sich ein System von Kapitalismus und von Marktmechanismen, welche die Ursache für Elend und für Klassenauseinandersetzungen waren und die räumliche und soziale Segregation von Arbeiterklasse und Mittelschicht nach sich zog (BELINA 2014: 108ff).

Beginn und Ursache für diese Entwicklung war eine Land-Stadt-Flucht, die auf einem Arbeitsüberangebot in den Städten und einem Bevölkerungswachstum auf dem Land mit wenig Beschäftigungsmöglichkeiten und Perspektive für die Landbewohner gründete. Dies war noch keine Urbanisierung im qualitativen Sinn, wie sie in dieser Arbeit definiert sein soll, aber hier wurde die Grundlage dafür gelegt, wie auch für die späteren Versuche, Stadt zu verstehen und Urbanität zu schaffen. Denn tatsächlich sind in dieser Zeit Schritte geschehen, die nötig waren, die Stadt von heute zu schaffen: ein Schritt der politischen Emanzipation, weg vom System des Feudalis- mus hin zu Staatsbürgerschaft und Anfängen der Demokratie; ein Schritt der ökono- mischen Emanzipation der Bürger aus den geschlossenen Kreisläufen ländlicher Oikoswirtschaft hin zu Tausch auf ungeregelten Märkten; und ein Schritt der sozialen Emanzipation aus der dichten sozialen Kontrolle dörflicher Nachbarschaft zu einem freien bürgerlichen Individuum (SIEBEL 1994: 10).

IV. Der Versuch,"urbanen Raum" zu verstehen

In dem Versuch, die Entstehungs- und Entwicklungsprozesse städtischer Siedlungen zu verstehen, wurden Modelle und Leitbilder entworfen, die eine idealisierte, vereinfachte Darstellung der räumlichen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Gliederung einer Stadt darstellen sollten. Man wollte herausfinden, ob und wie qualitative Eigenschaften einer urbanen Siedlung geschaffen werden konnten bzw. ob dieser Prozess beispielsweise durch Baumaßnahmen, ökonomische Maßnahmen durch Verkehrsplanung, Maßnahmen auf dem Arbeitsmarkt und weitere push and pull-Faktoren gefördert werden konnte.

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Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668316089
ISBN (Buch)
9783668316096
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341730
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Geographie
Note
1,0
Schlagworte
Stadt Stadtentwicklung Stadtmodelle Industrialisierung Urbanisierung Verstädterung urban Chicagoer Schule der Sozialökologie Burgess Hoyt Harriss Ullman Social Area-Konzept Stadtzonierung politisches Leben Bildung Lebensentwürfe Bevölkerungsanstieg Wohnraum Bildungsangebot

Autor

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