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Digital Natives versus Digital Immigrants

Die Auswirkungen unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten auf die Ausbildung im dualen System

Hausarbeit 2016 40 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Theoretische Sicht auf das Generationenproblem im digitalen Zeitalter
2.1 Theorierahmen und Forschungsfrage
2.2 Stand der Forschung

3 Experteninterview
3.1 Methoden
3.1.1 Erhebungsmethode
3.1.2 Feldzugang
3.1.3 Auswertungsmethode
3.2 Interpretation der Ergebnisse
3.3 Handreichung für Ausbilder und Ausbilderinnen

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang 1: Leitfragen
Anhang 2: Transkriptionsregeln
Anhang 3: Transkription
Anhang 4: Auswertungsübersicht
Anhang 5: Kategoriensystem

Erklärung..

1 Einleitung

In seinen Ausführungen zur Medienpädagogik konstatiert Dieter Baacke, dass „Kinder und Jugendliche heute mit Medien aller Art aufwachsen und sie eigentlich überall, wo sie sich aufhalten, auch benutzen.“ (Baacke, 2007, S. 61). Aus den Medien der 90er wurden die Medien des digitalen Zeitalters: laut Angaben des Statistischen Bundesamts nutzten im ersten Quartal 2015 über 90 Prozent der 16- bis 24-Jährigen soziale Netzwerke für private Kommunikation (Statistisches Bundesamt, 2015). Über den Kurznachrichtendienst WhatsApp kommunizieren 80 Prozent der 16- bis 18-Jährigen. Bei dem sozialen Netzwerk Facebook sind es sogar 88 Prozent in dieser Altersgruppe (Holdampf-Wendel, 2014).

Kann das Verhältnis zwischen den Generationen davon unberührt bleiben, dass die Jüngeren ganz selbstverständlich mit sozialen Netzwerken aufwachsen und umgehen, während die Älteren diese Medien allenfalls in ihre „Offline-Welt“ assimilieren? Und wie gestaltet sich eine mögliche Diskrepanz, wenn in der dualen Ausbildung die beiden Lebenswirklichkeiten von Lehrenden und Lernenden aufeinander treffen?

Ein Teilaspekt dieser umfangreichen Thematik soll unter der folgenden Forschungsfrage untersucht werden:

Inwieweit beeinflusst, aus Sicht einer Ausbilderin, die private Nutzung von Social Media[1] durch Auszubildende während der Arbeitszeit die Ausbildung?

Basis der Arbeit ist ein Experteninterview mit einer Ausbilderin im dualen Berufsausbildungssystem. Es handelt sich um eine empirische Forschungsarbeit, die über theoretische Anknüpfpunkte und ihre systematische Auswertung einen Anstoß zur näheren Betrachtung der Praxis dualer Ausbildung geben sowie Ansätze zur Verbesserung der Lehre aufzeigen will. Im Folgenden wird auf den Theorierahmen eingegangen und anschließend der Stand der Forschung dargelegt, wobei Hypothesen aus der zugrunde liegenden Literatur abgeleitet werden. Im empirischen Teil der Arbeit folgt eine vollständige qualitative Analyse des Interviews, deren Abschluss die Modifizierung der Ausgangshypothesen und die Beantwortung der Forschungsfrage bildet. Daran schließt sich die Interpretation der Ergebnisse an. Schließlich wird in einem Fazit das Ergebnis noch einmal zusammengefasst und ein Ausblick gegeben.

2 Theoretische Sicht auf das Generationenproblem im digitalen Zeitalter

2.1 Theorierahmen und Forschungsfrage

Marc Prenskys Theorie der „Digital Natives“ und „Digital Immigrants“ behandelt die fundamentalen Unterschiede zwischen den Lehrenden und den Lernenden im digitalen Zeitalter. Prenskys Ansatz besagt, dass die Lehrenden primär der Gruppe der digital immigrants angehören, also den Menschen, die nicht in eine digitale Welt hineingeboren wurden, sondern sich zu einem späteren Zeitpunkt im Leben Wissen über und den Umgang mit neuen Technologien aneignen. Junge Lernende, die mit neuen Technologien aufgewachsen sind, bezeichnet er demgegenüber als digital natives. Der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen liegt in den veränderten Denkmustern, im Gegensatz zu früheren Generationen, in denen sich die Jüngeren in Sprache, Kleidung, Körperschmuck oder Stil von den Älteren abgrenzten. Nach Prensky können sich digital immigrants der Digitalisierung zwar anpassen, bleiben aber aufgrund ihrer Sozialisation immer zu einem Teil in der Vergangenheit verhaftet, ähnlich einem Akzent, den jemand, der als Erwachsener eine Sprache gelernt hat, nicht vollends verbergen kann. Die Sprache der digital immigrants sei jedoch überholt, und die Problematik liege darin, dass die Lehrenden diese überholte Sprache nutzen, um eine Generation zu lehren, die eine vollkommen neue Sprache spricht. Digital natives sind es beispielsweise gewohnt, schnell auf Informationen zuzugreifen, haben keine Probleme mit Multitasking, bevorzugen Bilder gegenüber Texten und Spiele gegenüber ernsthafter Arbeit. Digital immigrants dagegen sind es vor allem gewohnt, dass Wissenserwerb langsam und mit Ernsthaftigkeit einhergeht, hauptsächlich, weil sie es in dieser Form selbst gelernt haben. Davon auszugehen, dass die Lernkonzepte, die für die älteren Generationen funktionierten, nun auch für die Jüngeren funktionieren müssen, ist nach Prensky eine Fehleinschätzung, da die Lernenden der heutigen Zeit grundlegend anders sind. Demnach muss auch die Lehre anders sein, sowohl in der Methodologie als auch im Inhalt (Prensky, 2001, S. 1–3).

Zusammengefasst kann man festhalten, dass das Anlegen alter Maßstäbe an neue Gegebenheiten als grundlegender Mangel in der Ausbildung konstatiert wird. Betrachtet man beispielsweise „Legacy“ content, so fallen hierunter Lesen, Schreiben, Rechnen, logisches Denken etc., während „Future“ content primär digital und technologisch konzentriert ist, aber neben Software, Hardware, Nanotechnologie etc. auch die ethischen, politischen, soziologischen, sprachlichen und andere Implikationen, die damit einhergehen, umfasst (Prensky, 2001, S. 4). Auch in anderen Bereichen stellt Prensky eine Verschiebung fest: Mangelhafte Kompetenzen sind dabei nur scheinbar ein Problem; in Wirklichkeit manifestieren sich Kompetenzen nur anders als erwartet. So sieht er keinen Grund anzunehmen „that a generation that can memorize over 100 Pokémon characters with all their characteristics, history and evolution can’t learn the names, populations, capitals and relationships of all the 101 nations in the world.“ (Prensky, 2001, S. 5).

Betrachtet man den 2005 erarbeiteten Kriterienkatalog des Nationalen Paktes für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland, so sieht man Prenskys Aussagen bestätigt. Bei den Kriterien handelt es sich um berufsunspezifische grundlegende Fertigkeiten und Fähigkeiten, die zur Aufnahme einer Berufsausbildung notwendig sind (Schober, 2006, S. 13). Darunter fallen sowohl schulische Basiskenntnisse als auch psychologische Leistungsmerkmale, physische Merkmale, psychologische Merkmale der Arbeitsverhaltens und der Persönlichkeit sowie Berufswahlreife (Schober, 2006, S. 17). Gelistet sind unter anderem Lesen, Schreiben, mathematische Grundkenntnisse und logisches Denken (Schober, 2006, S. 20), was deutliche Überschneidungen mit Prenskys „Legacy“ content aufweist, also den Inhalt seiner Einschätzung nach veralteter Curricula. Alle Kriterien sind mit Indikatoren versehen. Indikatoren für Merkfähigkeit sollen unter anderem das Behalten einer Wegbeschreibung sein sowie den Inhalt einer Montageanleitung (Schober, 2006, S. 36), beides offensichtlich ungeeignet für Lernende, die es im Alltag gewohnt sind sich über Google Maps oder ähnliche Applikationen zu orientieren und die annehmen, dass beispielsweise Programme selbst den Umgang mit ihnen vermitteln, statt eine Gebrauchsanweisung dafür in die Hand zu nehmen (Prensky, 2001, S. 2). Was den Umgang mit Medien angeht, so wird dieser bei den schulischen Basiskenntnissen als Unterpunkt zu „Lesen“ gelistet; aus der näheren Beschreibung geht hervor, dass „mit Medien umgehen“ sich hier darauf beschränkt Texte lesen und bearbeiten bzw. verarbeiten zu können (Schober, 2006, S. 24). Neue Technologien und Neue Medien finden keine Erwähnung. Die digitale Welt bleibt in diesem Konzept außen vor.

Nach Prensky besteht aber die Notwendigkeit einer Anpassung vom Analogen zum Digitalen (Prensky, 2001, S. 6), denn, wie er feststellt, mag es von den digital immigrants zwar gewünscht, aber hochgradig unwahrscheinlich sein, dass die digital natives sich rückwärts und somit von der digitalen Welt fort bewegen. Er bezweifelt sogar, dass dies aufgrund veränderter Denkstrukturen überhaupt im Bereich des Möglichen liegt (Prensky, 2001, S. 3).

Inwiefern die von Prensky propagierte Anpassung in der Praxis stattfindet oder eher, ähnlich wie im Kriterienkatalog, eine Unterwerfung der Lernenden an die Norm der Lehrenden erwartet wird, soll in dieser Arbeit unter der Forschungsfrage betrachtet werden, inwiefern, aus der Sicht einer Ausbilderin, die private Nutzung von Social Media durch Auszubildende während der Arbeitszeit die Ausbildung beeinflusst.

2.2 Stand der Forschung

Von Interesse für die vorliegende Arbeit sind vor allem Studien, die sich auf die Nutzung von Social Media durch die Altersgruppe beziehen, die den digital natives zugeordnet werden kann, also den Geburtenjahrgängen ab 1980 (Palfrey & Gasser, 2008, S. 1), sowie solche, die Diskrepanzen zwischen erwartetem und tatsächlichem Verhalten dieser Generation am Arbeitsplatz erfassen, um daraus Annahmen bezüglich der Aktivitäten von Auszubildenden ableiten zu können.

Im schulischen Bereich untersuchte Hohlfeld in einer Studie über einen Zeitraum von zwei Jahren den Einfluss der Internetnutzung auf die Rechtschreibung (Hohlfeld, 2014, S. 1). Dabei wurden Daten über Schüler und Schülerinnen zusammengetragen, die u.a. Informationen über Nutzung von sozialen Netzwerken lieferten. Es wurde festgestellt, dass sich am Ende des sechsten Schuljahres ein Trend dahingehend abzeichnet, dass die Nutzungsdauer derer, die soziale Netzwerke nutzen, zunimmt, bei gleichzeitiger Zunahme der Anzahl an Normal- und Vielnutzern (Hohlfeld, 2014, S. 22). Ebenfalls interessant sind Hohlfelds Erhebungen bezüglich der Nutzung von Mobiltelefonen: spätestens Ende des fünften Schuljahres verfügten fast alle Befragten über ein eigenes Mobiltelefon, welche zum größten Teil internetfähig waren (Hohlfeld, 2014, S. 24). Es kann also festgehalten werden, dass schon im Kindesalter soziale Netzwerke mit steigendem Alter häufiger und länger genutzt werden und dass die Nutzung temporal und lokal fast unabhängig stattfinden kann.

In der Altersgruppe von 10 bis 15 Jahren kommunizieren bereits 66 Prozent der Kinder und Jugendlichen über soziale Netzwerke, bei den 16 bis 18-Jährigen sind es sogar 93 Prozent, die private Kommunikation auf diesem Wege pflegen (Statistisches Bundesamt, 2015). WhatsApp wird von 80 Prozent der 16- bis 18-Jährigen genutzt und Facebook von 88 Prozent (Holdampf-Wendel, 2014). Der Trend zur Nutzung von Social Media nimmt also offensichtlich bis zum Erwachsenenalter zu und schließt die große Mehrheit der digital natives ein.

Im Bereich der Arbeitswelt wurde im Rahmen der Neuauflage einer Studie der ibi-research zur Digitalisierung der Gesellschaft Teilnehmer aus verschiedenen Branchen zu unterschiedlichen Aspekten der Digitalisierung befragt. Im Bereich der privaten Nutzung von sozialen Netzwerken am Arbeitsplatz wurde eine Zunahme dieser von 85 Prozent der Befragten bejaht, 74 Prozent stimmten der Aussage zu, dass die Fremdbeschäftigung in Sitzungen durch das Smartphone zunehme. Dieses veränderte Verhalten am Arbeitsplatz durch die Nutzung von sozialen Netzwerken wurde von den 76 Prozent der Zustimmungen mit 85 Prozent besonders jüngeren Arbeitnehmern zugeschrieben (Wittmann, Stahl, Torunsky, & Weinfurtner, 2014, S. 24–25). Da die digital natives zum Zeitpunkt der Befragung bei den unter 34-Jährigen zu verorten waren und somit vermutlich als „jüngere Arbeitnehmer“ angesehen wurden, kann man davon ausgehen, dass besonders diese Gruppe für die Zunahme privater Nutzung von Social Media am Arbeitsplatz verantwortlich ist. Im Bereich der Medienkompetenz plädierten 84 Prozent der Befragten zur Erziehung hin zur Nutzung der „Offline-Welt“ (Wittmann et al., 2014, S. 29). Die Annahme der Notwendigkeit einer Hinführung oder Erziehung zum Leben offline bestätigt die Entwicklung, die sich schon in frühen Jahren abzeichnet: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind inzwischen zu einem hohen Maße in die digitale Welt eingebunden. Ihrer Lebenswirklichkeit kann die „Online-Welt“ nicht mehr als isoliertes Phänomen gegenübergestellt werden, sondern beide Wirklichkeiten werden parallel gelebt und greifen permanent ineinander. Diese Feststellungen und Daten führen zu der folgenden Hypothese:

H1: Es wird angenommen, dass die private Nutzung von sozialen Netzwerken während der Arbeitszeit von Auszubildenden in einem nicht zu vernachlässigbaren Umfang stattfindet.

Auch bei einer differenzierteren Generationeneinteilung wird die Tendenz deutlich, dass die Akzeptanz gegenüber der Nutzung von Social Media zu privaten Zwecken auf der Arbeit bei jüngeren Altersgruppen recht hoch ist und mit zunehmendem Alter entsprechend abnimmt. So geht aus der Datenerhebung im Zuge des Kelly Global Workforce Index 2012 hervor, dass (länderübergreifend) 36 Prozent der „Generation Y“ (19-30 Jahre) die private Nutzung von Social Media am Arbeitsplatz akzeptabel finden gegenüber 19 Prozent der „Baby Boomers“ (49-66 Jahre) (Kelly Global Workforce Index, 2012, S. 5). Bei Auszubildenden rückt hier der Umstand in den Fokus, dass sie üblicherweise eine stärkere persönliche Betreuung erfahren als der durchschnittliche Arbeitnehmer, und die private Nutzung von Social Media durch Auszubildende von Ausbildern und Ausbilderinnen beobachtet wird. Entsprechend besteht die Möglichkeit zur Intervention. Voraussetzung dafür wiederum ist, dass der Ausbilder oder die Ausbilderin die Nutzung von Social Media zu privaten Zwecken als unangemessen oder störend für den Ausbildungsablauf bzw. den Arbeitsalltag einordnet. Denkbare Szenarien wären hier, dass Arbeitsaufträge nicht bearbeitet werden oder Telefonate nicht angenommen werden, da der/die Auszubildende temporär mit Facebook beschäftigt ist und somit die Arbeit unerledigt bleibt oder jemand anderes diese Aufgaben übernehmen muss. Das Akzeptanzgefälle nach Altersgruppen bezüglich der privaten Nutzung von Social Media am Arbeitsplatz in Kombination mit den Daten, die auf eine zeitlich umfangreiche private Nutzung sozialer Netzwerke hindeuten, lässt auf solch eine negative Bewertung schließen. Somit lautet die zweite Hypothese:

H2: Es wird angenommen, dass die private Nutzung von sozialen Netzwerken durch Auszubildende während der Arbeitszeit den Ausbildungsablauf stört.

Es gibt Hinweise darauf, dass sich die Kritik an der Nutzung von Social Media zu privaten Zwecken am Arbeitsplatz nicht ausschließlich auf diese Nutzung selbst bezieht, beispielsweise bezüglich zeitlicher Verluste oder zumindest teilweise geistiger Abwesenheit, sondern dass nachteilige Wirkungen festgestellt werden, die sich auf persönliche Merkmale, Leistungsfähigkeit etc. über die Nutzungsdauer hinaus beziehen.

So gehören zu den in der ibi-Studie von den Befragten kritisierten Auswirkungen der Nutzung sozialer Netzwerke auf den Arbeitsalltag ein schnellerer Verlust des Respekts vor der Privatsphäre (60 Prozent Zustimmung), eine Abnahme der Konzentrationsfähigkeit (53 Prozent) und eine Abnahme der Kommunikation in den Pausen „durch den Druck, in den Netzwerken etwas verpassen zu können“ (32 Prozent). Diese Werte gelten auch hier vor allem für jüngere Arbeitnehmer (Wittmann et al., 2014, S. 25). In der Kelly-Studie werden die negativen Auswirkungen auf die Produktivität sowie das Verschwimmen der Grenze von Privatem und Beruflichem bemängelt. Auch hier ist der Anteil der Kritiker unter den „Baby Boomers“ am höchsten (Kelly Global Workforce Index, 2012, S. 8–13).

Aus diesen Daten ergibt sich die dritte Hypothese:

H3: Es wird angenommen, dass sich die private Nutzung von Social Media am Arbeitsplatz über die Nutzungsdauer hinaus auf das allgemeine Arbeitsverhalten von Auszubildenden auswirkt.

Ob die Hypothesen so oder in modifizierter Form zutreffen, soll mithilfe des Experteninterviews nach Gläser und Laudel sowie der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring empirisch untersucht werden.

3 Experteninterview

3.1 Methoden

Bei der qualitativen Forschung geht es primär um die Entdeckung von Neuem und um die Entwicklung empirisch begründeter Theorien. Die Methoden müssen dem Gegenstand angemessen sein, um ihn in seiner Komplexität und Ganzheit in ihrem alltäglichen Kontext untersuchen zu können (Flick, 2016, S. 27).

3.1.1 Erhebungsmethode

Zu den qualitativen Erhebungsmethoden zählen nichtstandardisierte Interviews. (Gläser & Laudel, 2010, S. 41). Bei Interviews wird die Forschungsfrage in Fragen an den Gesprächspartner übersetzt (Gläser & Laudel, 2010, S. 39–40). Das Leitfadeninterview bietet sich an, wenn spezifische, sehr explizite Informationen erhoben werden müssen (Gläser & Laudel, 2010, S. 111). Ziel ist die Rekonstruktion sozialer Sachverhalte (Gläser & Laudel, 2010, S. 43). Im vorliegenden Fall geht es um die Rekonstruktion eines sozialen Sachverhaltes im bildungswissenschaftlichen Kontext, speziell um Faktoren, die Einfluss auf die Interaktion von Lehrenden und Lernenden nehmen, und den Lernerfolg von Auszubildenden mitbestimmen. Da es sich bei den benötigten Daten um spezifische, explizite Informationen aus dem Ausbildungsalltag handelt, sollen diese über ein leitfadengestütztes Interview erfasst werden. Die Notwendigkeit eines Experten als Interviewpartner erschließt sich aus dem Umstand, dass Wissen erfragt werden soll, welches nicht allgemein zugänglich ist, sondern spezielle Erfahrung und langfristige Teilnahme am Geschehen erfordert. Nach Gläser und Laudel beschreibt der Begriff des Experten die spezifische Rolle des Interviewpartners als Quelle von Spezialwissen über die zu erforschenden sozialen Sachverhalte. Experteninterviews sind eine Methode, dieses Wissen zu erschließen (Gläser & Laudel, 2010, S. 12).

3.1.2 Feldzugang

Bei der Auswahl der Interviewperson ist relevant, wer über entsprechende Informationen verfügt, wer präzise Angaben machen kann, und wer dazu bereit sowie zeitlich verfügbar ist (Gläser & Laudel, 2010, S. 117).

Die Interviewperson (IP) ist Geschäftsführerin eines Ausbildungsbetriebs und hat einen Ausbilderschein. Da im Betrieb bereits mehrfach ausgebildet wurde, verfügt sie über das in 3.1.1 beschriebene Spezialwissen, das ihr Expertenstatus nach Gläser und Laudel gibt. Auf die Anfrage zur Verfügungstellung ihres Fachwissens während eines persönlichen Gesprächs reagierte sie positiv und äußerte Bereitschaft sich dafür Zeit zu nehmen. Die Notwendigkeit eines vertrauensvollen Gesprächsklimas als Basis eines Kommunikationsprozesses, der alle benötigten Informationen erbringt (Gläser & Laudel, 2010, S. 114), ergibt sich aus dem freundschaftlichen Verhältnis von der IP und der Forscherin. Dementsprechend wird das Interview auch in der informellen Du-Form geführt. Als Basis des Interviews wurden vorbereitend Leitfragen erstellt. Leitfragen sind Fragen, deren Beantwortung die benötigten empirischen Daten liefern (Gläser & Laudel, 2010, S. 91); Formulierungen und Reihenfolge sind jedoch nicht verbindlich, und Fragen können auch außer der Reihe gestellt werden, um eine Annäherung an einen natürlichen Gesprächsverlauf zu ermöglichen. Auch Nachfragen können dabei erforderlich sein (Gläser & Laudel, 2010, S. 42). Das Interview fand in den Geschäftsräumen der IP am 13.05.2016 um 16:00 Uhr statt und wurde per Diktiergerät aufgezeichnet. Die IP wurde im Vorfeld über den Umgang mit ihren Daten aufgeklärt und stimmte der Aufnahme zu.

3.1.3 Auswertungsmethode

Ein Verfahren qualitativen Analyse ist die qualitative Inhaltsanalyse. Kennzeichen der Inhaltsanalyse als sozialwissenschaftliche Methode sind Kommunikation als Gegenstand und das Vorliegen der Kommunikation in protokollierter Form. Die Vorgehensweise ist systematisch, regelgeleitet und theoriegeleitet. Weiterhin sollen über das zu analysierende Material Rückschlüsse auf bestimmte Aspekte der Kommunikation gezogen werden können (Mayring, 2015, S. 12–13). Der Prozess der qualitativen Inhaltsanalyse wird mit der Bestimmung des Ausgangsmaterials eingeleitet. Das der Analyse zugrunde liegende Material wird definiert, die Entstehungssituation wird dargelegt und die Form des Materials wird beschrieben (Mayring, 2015, S. 54–55). In der vorliegenden Forschungsarbeit handelt es sich bei dem Material um ein Interview mit einer spezifisch dafür ausgewählten Einzelperson, für dessen Entstehungskontext auf die Ausführungen im Kapitel 3.1.2 (Feldzugang) verwiesen werden kann. Das Interview steht in transkribierter Form gemäß den im Anhang dargelegten Transkriptionsregeln zur Verfügung. Im nächsten Schritt wird die Richtung der Analyse festgelegt sowie die Fragestellung geklärt, an die Theorie angebunden und in Unterfragestellungen differenziert (Mayring, 2015, S. 59–60). Im Experteninterview geht es um den Gegenstand der Kommunikation, konkret um die Expertise der Interviewperson und somit um den Inhalt ihrer Aussagen. Die Fragestellung erfolgt durch die Forschungsfrage, welche in Teil 2 der Forschungsarbeit theoretisch eingebettet wird. Eine Ausdifferenzierung der Frage stellen die aus der Literatur abgeleiteten Hypothesen dar. Die Nachvollziehbarkeit und intersubjektive Überprüfbarkeit der Analyse sowie ihre Übertragbarkeit und Nutzbarkeit für andere wird dadurch gewährleistet, dass sie in einzelne, vorher festgelegte Interpretationsschritte zerlegt wird. Bei der Festlegung des Ablaufmodells werden zunächst Kodiereinheit (minimaler Textteil zur Einordnung in eine Kategorie), Kontexteinheit (maximaler Textteil) und Auswertungseinheit (Reihenfolge der auszuwertenden Textteile), also die Analyseeinheiten festgelegt (Mayring, 2015, S. 61). Als Kodiereinheit werden für den vorliegenden Interviewtext einzelne Begriffe festgelegt, Kontexteinheit sind mehrere zusammenhängende Sätze, die thematisch eine Einheit bilden, als Auswertungseinheit gilt der gesamte transkribierte Text, da es sich um eine Einzelfallanalyse handelt und es daher keiner bestimmten Reihenfolge für die Auswertung bedarf. Dann erfolgt die Festlegung der konkreten Analysetechnik (Mayring, 2015, S. 61). Aus den drei Grundformen qualitativer Inhaltsanalyse - Zusammenfassung, Explikation und Strukturierung - wird für die vorliegende Arbeit die Zusammenfassung als Methode der Analyse gewählt, da es beim Experteninterview primär darum geht, die im Interview erfragten Informationen wiederzugeben. Ziel der Auswertung ist, das Material so zu reduzieren und zu abstrahieren, dass der wesentliche Inhalt erhalten bleibt (Mayring, 2016, S. 115). Die vor der Analyse festgelegten Einheiten werden mithilfe eines Kategoriensystems geordnet. Dieses Kategoriensystem wird am Material entwickelt und hilft die entscheidenden Aspekte herauszufiltern (Mayring, 2016, S. 114). In der vorliegenden Arbeit wurde anhand der Forschungsfrage, der Hypothesen sowie des Interviewleitfadens ein erstes offenes Kategoriensystem erstellt.

[...]


[1] „Social Media“ und „soziale Netzwerke“ werden in der vorliegenden Arbeit nebeneinander verwendet, da beide Begriffe ebenso in den zugrunde gelegten (deutschsprachigen) Studien auftauchen. Gemeint sind vor allem Dienste wie Facebook, Instagram und Twitter. Aufgrund der hohen Nutzungsrate und der Zusatzfunktionen wird auch WhatsApp in dieser Arbeit unter diesem Sammelbegriff geführt, auch wenn es sich strenggenommen nicht um ein soziales Netzwerk handelt.

Details

Seiten
40
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668314153
ISBN (Buch)
9783668314160
Dateigröße
712 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341683
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Empirische Bildungsforschung
Note
1,3
Schlagworte
Qualitative Forschung digital natives digital immigrants betriebliche Ausbildung qualitative Inhaltsanalyse Mayring Prensky nichtstandardisiertes Interview Social Media Experteninterview Gläser und Laudel

Autor

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Titel: Digital Natives versus Digital Immigrants