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Steigendes Gesundheitsbewusstsein in Deutschland. Die Rolle der Physiotherapie

Hausarbeit 2014 32 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Gesundheitsbewusstsein in Deutschland
2.1 Was versteht man unter Gesundheitsbewusstsein?
2.2 Die Gesundheit in der deutschen Bevölkerung
2.3 Kriterien zur Messung des Gesundheitsbewusstseins
2.4 Maßnahmen zur Verbesserung der körperlichen Aktivität
2.5 Das Gesundheitsverhalten beeinflussen

3 Die Rolle der Physiotherapie
3.1 Die Entwicklung der Physiotherapie in Deutschland
3.2 Bewegung als zentrales Element der Physiotherapie
3.3 Die Physiotherapie im ersten und zweiten Gesundheitsmarkt
3.4 Gesundheitsberatung - Eine Chance für die Physiotherapie

4 Diskussion

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Heilmittelverordnung je 1000 AOK-Versicherte von 2005 bis 2012 nach Leistungsbereichen. Quelle: Heilmittelbericht 2013 des wissenschaftlichen Instituts der AOK, S. 20

Hinweis:

In der nachfolgenden Arbeit wird zur Wahrung der Übersichtlichkeit und Lesbarkeit ausschließlich die männliche Schreibweise verwendet, die die weibliche Form mit ein- schließt.

1 Einleitung

In fast allen Seminaren, die sich mit Gesundheit beschäftigen, in den Medien und vom physiotherapeutischen Personal aus der Praxis wird über ein steigendes Gesundheits- bewusstsein in der deutschen Bevölkerung berichtet. Vor allem mediale Kampagnen geben beispielsweise durch das Bewerben von kalorienreduzierten und angeblich ge- sunden (Bio-)Lebensmitteln vor, wie man sich gesundheitsbewusst verhält. Ein ent- sprechender Lebensstil sorge für einen intakten Gesundheitszustand. Auch wenn die Umsetzung dieser Gesundheitsempfehlungen nicht immer einfach ist, führen sie zuwei- len zu einem gesteigerten oder übertriebenen Gesundheitsbewusstsein. Oftmals wird der Begriff des Gesundheitswahns oder der Gesundheitsdiktatur gebraucht. Wer nicht mitmacht, gefährdet seine Gesundheit, so die verbreitete Meinung. Ein großer Teil der deutschen Bevölkerung strebt nach einer gesunden Lebensweise, die zuweilen ge- sundheitsfanatische Züge annimmt (vgl. Hinz et al. 2010, S. 203). Der Begriff „Healthism“ steht für ein übertrieben hohes Gesundheitsbewusstsein, das alle Lebens- bereiche beeinflusst und sogar von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) als ge- sundheitsschädlich anerkannt wurde (vgl. WHO 2009, S. 31). Bei körperlichen Defizi- ten oder beim Entstehen bestimmter Krankheiten wird schnell ein untugendhafter und unachtsamer Lebensstil vermutet (vgl. Hoefert et al. 2011, S. 58).

Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) entwickelte zwischen 2000 und 2006 Gesundheitsziele und möchte so das Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung stärken (vgl. BMG 2014a, Abschnitt 3). Der Bedarf und die Anzahl der in Anspruch genommenen Gesundheitsleistungen steigt (vgl. Hensen et al. 2011, S. 207). Nicht selten sorgt auch die Physiotherapie durch aktive Bewegungstherapie, aber auch zu- nehmend durch beratende und informierende Gespräche für ein gesteigertes Gesund- heitsbewusstsein bei den Klienten. Vor allem der zweite Gesundheitsmarkt boomt: Ge- sundheitsprodukte, Biolebensmittel, Kurlaube oder Fitnesskleidung sind begehrt wie nie. Das Drängen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu einer gesunden Lebens- weise ist allgegenwärtig, was wiederum ein moralisches Spannungsfeld zwischen per- sönlicher Freiheit, Selbstbestimmung und der „öffentlichen Sorge um die Gesundheit aller“ (Brand, Engelhardt von, Simon & Wehkamp 2001, S. 12) erzeugt, zumal gar nicht klar ist, wer überhaupt die Berechtigung für die Empfehlung solcher Ziele hat.

Die vorliegende Arbeit ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil wird zunächst der Be- griff Gesundheitsbewusstsein erläutert. Dann werden zwei aktuelle Studien des Ro- bert-Koch-Instituts (RKI) und der deutschen Krankenversicherung (DKV) zur Gesund- heit in Deutschland vorgestellt. Anhand der beiden Studien soll geklärt werden, ob das Gesundheitsbewusstsein wirklich steigt und anhand welcher Parameter dies gemessen wird. Allen voran wird körperliche Aktivität und Bewegung als gesundheitsfördernd und krankheitsvermeidend hervorgehoben. Im Zusammenhang mit der Gesundheitsförde- rung und dem Gesundheitsverhalten sollen die Rolle und die Chancen der Physiothe- rapie betrachtet werden, deren zentraler Fokus auf Bewegung und Aktivität liegt. Im letzten Abschnitt des ersten Teils wird erläutert, wie Gesundheitsverhalten beeinflusst werden kann.

Im zweiten Teil der Arbeit wird die Rolle der Physiotherapie als Gesundheitsberuf und ihr Stellenwert im gesundheitsbewussten Deutschland dargestellt. Zunächst wird die Geschichte der Physiotherapie in Deutschland umrissen und geprüft, wie sich Physio- therapeuten weiterentwickeln können, wie sich dadurch neue Betätigungsfelder erge- ben könnten und welcher Beitrag dadurch zur Gesundheitsförderung in Deutschland geleistet werden kann. In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, ob es für Berufsgruppenangehörige der Physiotherapie Möglichkeiten gibt, sich auf dem zweiten Gesundheitsmarkt zu etablieren, das gestiegene Bewusstsein für Gesundheit für sich zu nutzen und einen weiteren Beitrag zur Gesundheitsförderung in Deutschland zu leisten. Denn das unterdurchschnittliche Gehalt vieler Physiotherapeuten sorgt häufig für Unzufriedenheit aus der heraus sie Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer berufli- chen Situation suchen. Der sich daraus ergebende Zwiespalt zwischen Wirtschaftlich- keit und Berufspolitik wird am Ende dieser Arbeit thematisiert.

2 Das Gesundheitsbewusstsein in Deutschland

Gesundheit ist in der deutschen Bevölkerung unabhängig von der gesellschaftlichen Schicht der wichtigste Lebensbereich (vgl. Hinz 2010, S. 13) und zählt zu den wichtigs- ten Gütern für die Menschen in Deutschland (vgl. Brinkmann-Göbel 2001, S. 9). In al- len Gesellschaftsschichten wird jemandem zu Geburtstagen oder Neujahr Gesundheit gewünscht. Die Menschen streben nach einem möglichst gesunden und langen Leben (vgl. Hoefert 2011, S. 58). Es gibt viele Definitionen von Gesundheit. Die WHO bei- spielsweise definiert Gesundheit als einen „Zustand vollkommenen körperlichen, geis- tigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Ge- brechen“ (vgl. WHO 1946, Satz 1). Dieser Definitionsversuch ist allerdings umstritten, weil er Gesundheit als absoluten Zustand beschreibt, der für die meisten Menschen so nicht erreichbar ist.

Hauptinhalt des ersten Teils der Arbeit ist die Klärung des Begriffs Gesundheitsbe- wusstsein und der Vergleich zweier Studien zum Gesundheitsbewusstsein bzw. Ge- sundheitsverhalten in Deutschland. Interessant sind die unterschiedlichen Ergebnisse aufgrund der doch sehr verschiedenen Datenerhebungen.

2.1 Was versteht man unter Gesundheitsbewusstsein?

Der Begriff Gesundheitsbewusstsein wird im Duden als das „Bewusstsein um die Be- deutung, den Wert der Gesundheit und die entsprechende Lebensweise“ (Scholze- Stubenrecht 1999, S. 1498) definiert. Mit der „entsprechenden Lebensweise“ wird ein gesundes Verhalten beschrieben, also die Art und Weise, wie man mit seiner persönli- chen Gesundheit umgeht und einen gesunden Lebensstil verfolgt. Jedoch lehren viele Beispiele, dass man sich durchaus eines Risikoverhaltens bewusst sein kann, aber eine gesunde Lebensweise trotzdem schwerfällt (vgl. Münch 2013, S. 6). So ist wohl mittlerweile auch in den unteren Bildungsschichten bekannt, dass Rauchen ein hohes Gesundheitsrisiko darstellt. Dennoch rauchen rund 30 Prozent der Erwachsenen in Deutschland (vgl. Lampert et al. 2013, S. 802). Demnach beinhaltet der Begriff Ge- sundheitsbewusstsein nicht zwangsläufig ein gesundheitsbewusstes Verhalten.

Gesundheitsbewusstsein ist die eigene Vorstellung der Gesundheit, die abhängig vom physischen und sozialen Umfeld ist und die sich stetig weiterentwickelt. Es geht um die subjektive Einschätzung von Gesundheit, Krankheit, Umwelt und deren Beziehungen zueinander. Es besteht eine enge Beziehung zum Gesundheitsverhalten (vgl. Blättner et al. 2011, S. 188). Demnach bedeutet Gesundheitsbewusstsein, die Kontrolle über seine Gesundheit sowie die Eigenverantwortlichkeit über das individuelle Gesundheits- verhalten zu haben und frei entscheiden zu können (vgl. Münch 2013, S. 74).

Altenhöner et al. (2014, S. 19) stellen fest: „Ein gesundheitsbewusster Lebensstil gilt als eine wichtige Determinante für Gesundheit und Wohlbefinden“, was verdeutlicht, dass ein gesundes Verhalten mit der Gesundheit einhergeht. Thomas Münch (2013, S. 7) beschreibt Gesundheitsverhalten als eine „einzigartige, komplizierte Kunst“ und als „komplizierte Handlung, die besonderer Leistungen und Fähigkeiten bedarf“, und macht somit deutlich, wie schwierig ein gesunder Lebensstil sein kann. Denn wenn man gesund leben möchte, muss man erstmal wissen wie. Gesundheitsverhalten wird geleitet vom Wissen über die Gesundheit (Verstehbarkeit), von den Möglichkeiten der Umsetzung (Handhabbarkeit) und von der Motivation sich dafür einzusetzen (Bedeutsamkeit) (vgl. Blättner et al. 2011, S. 192). Hier kommt Erziehern, Lehrern, Eltern und nicht zuletzt auch den Physiotherapeuten eine wichtige Rolle bezüglich der Aufklärung, Beratung und Information über Gesundheit zu.

Demnach lässt sich das Gesundheitsbewusstsein schlecht messen, da es hochgradig subjektiv und abhängig von Faktoren wie Sozialstatus, subjektiven Normen, Einkommen, Bildung, Alter, Wohnort, soziales Umfeld oder Geschlecht ist. Gesundheitsverhalten hingegen kann man anhand bestimmter Parameter, die im Folgenden dargestellt werden, besser überprüfen und messen.

2.2 Die Gesundheit in der deutschen Bevölkerung

Die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) wurde in einer ersten Erhebungswelle von 2008 bis 2011 an 180 Orten im Rahmen des Gesundheitsmonito- rings vom RKI durchgeführt. Es wurden schriftliche Befragungen, körperliche Untersu- chungen und die Bestimmung von Laborwerten bei der in Deutschland lebenden Be- völkerung im Alter von 18-79 Jahren durchgeführt. Insgesamt nahmen gut 8.000 Men- schen teil, davon hatten etwas weniger als die Hälfte an einer ähnlichen Studie teilge- nommen, dem Bundes-Gesundheitssurvey im Jahr 1998 (BGS98). Durch den Längs- schnitt-Charakter der DEGS-Studie lassen sich also auch Veränderungen über mehr als zehn Jahren dokumentieren (vgl. Kamtsiuris et al. 2013, S. 620f.). Folgende Berei- che wurden untersucht: Gesundheitsstatus, subjektive Gesundheit und gesundheitsbe- zogene Lebensqualität, Gesundheitsverhalten, Lebens- und Umweltbedingungen, So- ziodemographie sowie die Inanspruchnahme von Leistungen des Gesundheitssystems. Erhoben wurden die Daten durch standardisierte ärztliche Interviews, Arzneimittelinter- views, Gesundheits- und Ernährungsfragebögen sowie Laboruntersuchungen und kör- perliche und psychische Untersuchungen (vgl. Gößwald et al. 2012, S. 778). Es han- delt sich um eine vielschichtige Kohortenstudie mit insgesamt 34 Ergebnisbeiträgen. Im Folgenden sollen nur die für diese Arbeit relevanten Ergebnisse vorgestellt werden.

Rund 75 Prozent aller Befragten schätzen ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut ein. Der Anteil der Menschen, die körperlich aktiv sind, hat sich in den letzten zehn Jahren erhöht. Etwa die Hälfte der befragten Männer und Frauen sind regelmäßig we- nigstens eine Stunde pro Woche körperlich aktiv. Obwohl rund 35 Prozent der Erwach- senen angeben, ausreichend auf körperliche Aktivität zu achten, ist der von der WHO vorgegebene, für die Gesundheit nützliche Richtwert von 2,5 Stunden körperlicher Ak- tivität pro Woche bei 80 Prozent der Erwachsenen nicht gegeben. Menschen mit einem hohen sozioökonomischen Status (SES) achten deutlich häufiger auf ausreichend Be- wegung als Menschen mit einem niedrigen SES (vgl. Kurth 2012, S. 985).

Der Obstverzehr und somit eine ausgewogene Ernährung sind im Vergleich zur frühe- ren Studie gestiegen. Jedoch erreicht den Richtwert von fünf Portionen Obst und Ge- müse pro Tag nur ein geringer Anteil von weniger als 10 Prozent der deutschen Bevöl- kerung. Je höher der SES, desto mehr Obst und Gemüse wird verzehrt (vgl. Mensink et al. 2013, S. 781). Der Anteil der Raucher ist in den letzten Jahren etwas zurückge- gangen, was sicherlich an den vielfältigen Maßnahmen zur Reduzierung des Zigaret- tenkonsums in Deutschland liegt. Trotz des starken Gesundheitsrisikos rauchen immer noch rund 30 Prozent der deutschen Bevölkerung. Je niedriger der SES, desto höher der Anteil an Rauchern (vgl. Lampert et al. 2013, S. 804). Der Anteil des riskanten Al- koholkonsums in Deutschland ist weiterhin hoch. Gemessen an Alkoholkonsum, Rauschtrinken und alkoholassoziierten Verletzungen ist der Anteil bei den Männern dreimal so hoch wie bei den Frauen. Auch in diesem Bereich besteht ein Zusammen- hang mit dem SES, auch wenn dieser hier nicht so deutlich ausfällt (vgl. Hapke et al. 2013, S. 812).

Die Anzahl der Übergewichtigen, gemessen am Body Mass-Index (BMI), hat nicht zu- genommen und ist sogar um 1,5 Prozent gesunken. Allerdings steigt die Anzahl der Übergewichtigen, die an Adipositas erkranken, deutlich an. Insgesamt ist dennoch die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei den 18- bis 79-Jährigen in der deut- schen Bevölkerung hoch. Rund 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen sind übergewichtig. Je höher der SES, desto niedriger der Anteil an übergewichtigen bzw. adipösen Menschen (vgl. Kurth 2012, S. 982). Schwere körperliche Funktionsein- schränkungen im Alltag lassen sich nur bei einer Minderheit der über 65-Jährigen fest- stellen. Gemessen wurden unter anderem die Mobilität anhand des Timed Up and Go- Tests und die Handgreifkraft mit einem Dynamometer (vgl. Kurth 2012, S. 982).

Die psychische Gesundheit wurde anhand eines Fragebogens und eines Interviews erhoben sowie einer psychologischen Untersuchung. Abgefragt wurden Parameter wie Depression, Schlafstörungen, chronischer Stress, Lärmbelästigungen oder das Auftreten des Burn-out-Syndroms. Etwa jede dritte Frau und jeder vierte Mann fühlt sich psychisch stark belastet. Auch hier besteht eine Korrelation mit dem SES aufgrund der meist schlechteren Wohnsituation (vgl. Kurth 2012, S. 988 f.).

Die Ergebnisse dieser Studie bilden in vielen Bereichen einen positiven Trend und mehr Hinwendung zur Gesundheit ab. Bei der Gruppe der über 65-Jährigen werden die positivsten Entwicklungen verzeichnet. Das Gesundheitsbewusstsein steigt, wenn- gleich es beispielsweise im Bereich der körperlichen Aktivität noch erhebliche Defizite gibt. Auffällig ist auch, dass der SES unmittelbar mit der Gesundheit korreliert: Je höher der SES ist, desto besser ist das Gesundheitsverhalten und der Gesundheitszustand. Der SES setzt sich aus Einkommen, Bildung und beruflichem Status zusammen (vgl. Siegrist 2008, S. 384).

Die Studie der DKV (Deutsche Krankenversicherung) Wie gesund lebt Deutschland von 2012 spricht von einem Rückgang des gesunden Lebensstils und des Gesund- heitsbewusstseins in der deutschen Bevölkerung seit 2010. Nur etwa jeder zehnte Be- fragte lebt rundum gesund; 2010 war es noch jeder achte. Durchgeführt wurde die Be- fragung vom Marktforschungsinstitut Nürnberg (GfK), ausgewertet von der deutschen Sporthochschule Köln (vgl. Froböse et al. 2012, S. 9). Untersucht wurden folgende Parameter: ausreichend Bewegung (in Beruf und Freizeit) und Sitzzeiten, ausgewoge- ne Ernährung, moderater Umgang mit Alkohol, der Verzicht auf Nikotin und wenig Stress bzw. wirksame Ausgleichsmechanismen. Zur Erhebung der Daten wurden über 3.000 Personen (ca. 200 je Bundesland) über 18 Jahre hinweg telefonisch befragt. Verwendet wurde ein von der WHO anerkannter Fragebogen. Für diese Studie wurden für alle fünf Parameter definierte Zielwerte (Benchmarks) festgelegt, nach denen beurteilt wurde. Der Grad der Abweichung von den jeweiligen Zielmarken wurde nicht erfasst. Die Befragung erfasst nur subjektive Aussagen zum Gesundheitsverhalten, und es handelt sich um eine einmalige Befragung zu einem bestimmten Zeitpunkt, also eine Querschnittsstudie (vgl. Froböse et al. 2012).

Diese Studie wurde bereits im Jahr 2010 durchgeführt, allerdings mit anderen Befragten. Subjektiv fühlen sich 60 Prozent der Befragten gesund, aber nur 11 Prozent erreichen die Zielwerte in allen fünf Bereichen. 2010 waren es noch 14 Prozent. Insgesamt leben Frauen gesünder (vgl. Froböse et al. 2012, S. 13).

Personen über 65 Jahre leben am gesündesten. In dieser Altersklasse erreichen 17 Prozent der Befragten die Bezugswerte. In den Bereichen Rauchen, Ernährung und Stress korreliert ein gesunder Lebensstil mit der Bildung (vgl. Froböse et al. 2012, S. 11). Der Anteil der Raucher ist von 25 auf 22 Prozent gesunken. Auch der Alkohol- konsum geht zurück. Der Anteil der Menschen mit einem ungesunden Lebensstil in den Bereichen Bewegung, Ernährung und Stress nimmt allerdings zu, was wiederum zu einem erhöhten Anteil an übergewichtigen Menschen führt. Zudem gibt es einen Zu- sammenhang zwischen Übergewicht und psychosozialen Faktoren (vgl. Froböse et al. 2012, S. 46).

Nur 50 Prozent der Deutschen achten auf ausgewogene Ernährung, nur 54 Prozent erreichen die Mindestempfehlungen an körperlicher Aktivität der WHO. Im Jahr 2010 waren das noch 60 Prozent. Bewegung wird als der zentrale Bereich für lebenslange Gesundheit angesehen (vgl. Froböse et al. 2012, S. 15). Diese Querschnittsstudie spiegelt eine Momentaufnahme wider. Man hat die Studie von 2010 mit der von 2012 verglichen und ist so zu dem Ergebnis gekommen, dass das Gesundheitsbewusstsein in der deutschen Bevölkerung sinkt. Allerdings handelt es sich um andere Studienteil- nehmer und um nur 3.000 befragte Personen.

Weiterhin wurde bei der Suche in der Datenbank Statistika mit den Begriffen Gesund- heitsbewusstsein, Gesundheitsverhalten und Gesundheit eine Statistik gefunden, die die „Anzahl der Personen, die sehr auf ihre Gesundheit achten (Gesundheitsbewusste) von 2007 bis 2013 (in Millionen)“ abbildet. Seit 2010 sinkt hiernach das Gesundheits- bewusstsein. Persönlich interviewt wurden pro Jahr rund 21.000 Personen im Alter zwischen 14 und 60 Jahren. Für das Ergebnis dieser Studie spielt das Alter der Befrag- ten sicherlich eine große Rolle. Wie die DEGS und die DKV-Studie herausgefunden haben, achten gerade Menschen über 65 Jahre am meisten auf ihre Gesundheit. Diese Personengruppe wird hier nicht erfasst. Bei Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren ist das Bewusstsein für eine gesunde Lebensweise noch nicht so ausgeprägt. Gerade beim Rauchen und beim Alkoholkonsum liegt das Einstiegsalter zwischen 13 und 14 Jahren (vgl. Lampert et al. 2007, S. 607). Leider konnten vom durchführenden Institut für Demoskopie Allensbach auch auf schriftliche und telefonische Nachfrage keine wei- teren Parameter zur Datenerhebung zur Verfügung gestellt werden. Deshalb wird diese Studie im weiteren Verlauf dieser Arbeit nicht analysiert, da sie nicht überprüf- und nachvollziehbar ist.

Natürlich sind die Ergebnisse abhängig vom Studiendesign und zahlreichen Parame- tern wie Alter, Zeitraum, Messverfahren, Art der Befragung, Fragebögen oder Zu- gangswege. Deswegen können die beiden Studien des RKI und der DKV nicht direkt miteinander verglichen werden. Da die DKV-Studie eine Querschnittsstudie ist, lässt sich keine zuverlässige Aussage über die Veränderung des Gesundheitsbewusstseins treffen. Die Frage, ob dieses steigt oder fällt, kann hier nicht eindeutig beantwortet werden. Die DEGS-Studie kann durch den Längsschnitt-Charakter eine zuverlässigere Aussage über Veränderungen treffen. Zudem fanden körperliche Untersuchungen statt, die auch objektive Auskünfte über den Gesundheitszustand geben können. Die DEGS untersuchte und befragte 8.000 Personen, wohingegen die DKV nur 3.000 Personen telefonisch befragte.

Eine Schwachstelle bei beiden Studien könnte sein, dass die Bereitschaft zur Teilnahme an einer Gesundheitsstudie abhängig vom persönlichen Gesundheitsinteresse ist. Da es in dieser Arbeit um das gestiegene und somit das veränderte Gesundheitsbewusstsein geht, wird der DEGS-Studie die für diese Arbeit größere Aussagekraft und Repräsentativität zugesprochen.

Die DEGS erkennt zwar einen Trend zu einem gesünderen Lebensstil, jedoch bleiben noch Defizite in allen Bereichen bestehen. Das Gesundheitsthema ist zwar gegenwär- tig, aber von einem allgemeinen Gesundheitswahn kann man wohl nicht sprechen.

Allenfalls Menschen der höheren Sozialschichten, die bereits einen gesünderen Lebensstil verfolgen, neigen zu Übertreibungen, sodass die WHO auch dieses Verhalten als alarmierend und krankmachend deklariert hat (vgl. WHO 2009, S. 31).

Die Politik sorgt durch Gesundheitsziele, Verbote, Werbung oder höhere Steuern für mehr Gesundheitsbewusstsein und teilweise auch für ein verbessertes Gesundheits- verhalten. Denn Gesundheit liegt einerseits in der Verantwortung des Staates, ande- rerseits in der Verantwortung jedes Einzelnen. Dadurch entsteht jedoch ein Konflikt zwischen den Freiheitsrechten des Individuums und den Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft. Viele Menschen können der ,Pflicht‘ nach einer gesunden Lebens- weise nur schwer nachkommen, da sie sich schon genügend Vorschriften und Pflichten unterworfen fühlen (z. B. Pflicht zur Arbeit zu gehen, Einhaltung von Gesetzen, Miete zahlen etc.) (vgl. Hoefert et al. 2011, S. 59). Wie sehr der Staat durch Verbote und Ge- bote in die Freiheitsrechte des Einzelnen eingreifen darf, wie viel an Eigenverantwor- tung für Gesundheit der Staat dem Individuum zugestehen sollte, wie viel Solidarität gefordert werden kann und welche Konsequenzen ein ungesunder Lebensstil hat, blei- ben bisher ungelöste Fragen im Bereich der Public Health Ethik (vgl. Hoefert et al. 2011, S. 58 ff.).

2.3 Kriterien zur Messung des Gesundheitsbewusstseins

Das Gesundheitsbewusstsein wird - wie oben dargestellt - in verschiedenen Untersu- chungen unterschiedlich erhoben. Bei allen Erhebungen wird deutlich, dass ein wichti- ger, wenn nicht sogar der wichtigste Aspekt für die Gesundheit die regelmäßige körper- liche Aktivität ist, die das Risiko einer Reihe von verbreiteten Erkrankungen senken kann: Kardiovaskuläre Erkrankungen, Übergewicht oder Beschwerden am Muskel- oder Skelettapparat. Zudem fördert Bewegung das psychische Wohlbefinden, stärkt das Immunsystem und verbessert die körperliche Leistungsfähigkeit. Somit erhöht re- gelmäßige körperliche Aktivität die Lebensqualität sowie die sozialen Kompetenzen. Deshalb stellt die Förderung von körperlicher Aktivität und Bewegung eine zentrale Säule der Gesundheitsförderung dar (vgl. Krug et al. 2013, S. 765).

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Details

Seiten
32
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668314566
ISBN (Buch)
9783668314573
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341635
Institution / Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1,7
Schlagworte
Gesundheitsbewusstsein Physiotherapie Zweiter Gesundheitsmarkt Gesundheitsberatung

Autor

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Titel: Steigendes Gesundheitsbewusstsein in Deutschland. Die Rolle der Physiotherapie