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Die Gründung der Welt Anti-Doping Agentur (WADA) im Kontext internationaler Harmonisierungsbestrebungen des IOC

"Saubere Spiele" dank des IOC?

Masterarbeit 2012 94 Seiten

Sport - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Begriffs „Doping“

3. Die beteiligten Organisationen
3.1 Die Olympische Bewegung
3.1.1 Das IOC
3.1.1.1 Die Medical Commission
3.1.1.2 DieAthletes'Commission
3.1.1.3 Diejuridical Commission
3.1.2 Die NOCs
3.1.3 DerCAS
3.1.4 Die IFs
3.2 Die UNESCO
3.3 Der Europarat

4. Die Harmonisierungsbestrebungen des IOC vor Gründung der WADA
4.1 DerHintergrund.
4.2 DieAnti-Doping Politik des IOC der 1980erjahre
4.2.1 Boykott und Doping - Das Ende der Olympischen Spiele?
4.2.2 Disqualifikation oder eine lebenslange Sperre von Dopingsündern?
4.2.3 Das Problem der Durchführung von Dopingkontrollen
4.2.4 Erste Harmonisierungsbestrebungen außerhalb der Olympischen Bewegung
4.2.5 Die 1. Internationale Anti-Doping Konferenz in Ottawa
4.2.6 Der Ben-Johnson-Skandal 1988
4.2.7 Die erste gemeinsame Anti-Doping Kommission der Olympischen Bewegung
4.2.8 Die 2. Internationale Anti-Doping Konferenz
4.3 Die Anti-Doping Politik des IOC der 1990erjahre
4.3.1 Die "International Olympic Charter against Doping in Sport"
4.3.2 Die 3. Internationale Anti-Doping Konferenz
4.3.3 Neue Bestrebungen, die Dopingkontrollen zu harmonisieren
4.3.4 Der „Medical Code" des IOC
4.3.5 Probleme bei der Übernahme des Medical Codes
4.4 Zwischenfazit: Welche Rolle spielten die Harmonisierungsbestrebungen des IOC bis zum Tour de France Skandal 1998 im Kampfgegen Doping?
4.5 Eine supranationale Anti-Doping Agentur entsteht 49 
4.5.1 Exkurs: Der Skandal der Tour de France
4.5.2 Die 1. WeltAnti-Doping Konferenz in Lausanne
4.6 Kritik an derAnti-Dopingpolitik des IOC
4.6.1 Kritik von IOC-Mitgliedern innerhalb IOC-Sessions
4.6.2 Kritik von externen Experten
4.6.3 Ist der moderne Sport noch zu retten?

5. Die WADA
5.1 Die Gründung der WADA
5.1.1 Die Gründung der NADA
5.2 Die Zielsetzung der WADA
5.3 DieAufgaben der WADA
5.4 Die Organisationsstruktur der WADA
5.5 Die Finanzierung der WADA
5.6 Der,,WorldAnti-Doping Code"
5.7 Die Sanktionen

6. Resümee: Die WADA als letzte Rettung des Spitzensports oder Resultat der Harmonisierungsbestrebungen des IOC?

Abkürzungsverzeichnis

Quellenverzeichnis
Protokolle derSessions deslnternationalen Olympischen Komitees
Jahresberichte und Publikationen der WorldAnti DopingAgency

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang
Annex 1 „Lausanne Declaration on Doping in Sport"
Annex2 „WADC Doping Definition"

1. Einleitung

Die Olympischen Spiele würden sterben, wenn man die Dopingbedrohung nicht bekämpfe, formulierte ein kanadischer Minister auf der Anti-Doping Sitzung in Montreal (BOSE, 2000, S. 23). Genau das versucht das Internationale Olympische Komitee (IOC) seit den 1960er Jahren zu verhindern. Seit dieser Zeit hat das IOC versucht, Doping zu definieren, Regeln aufzustellen sowie Kontrollmethoden und Sanktionen zu entwickeln. Da das Dopingproblem auch von staatlichen Behörden und verschiedenen internationalen Organisationen angegangen wurde, entstanden über die Jahrzehnte nicht nur unterschiedliche Dopingdefinitionen, sondern auch unterschiedliche Dopingregeln, -kontrollen und -sanktionen. Auch innerhalb der Olympischen Bewegung herrschten diverse Auffassungen von Doping und dem angemessenen Umgang mit den begleitenden Problemerscheinungen. Während das IOC hauptsächlich für die Olympischen Spiele zuständig und ansonsten innerhalb der Olympischen Familie nur beratend tätig war, übernahmen die internationalen Verbände (IF) die Verantwortungen für sportliche Ereignisse abseits der Spiele.

Die norwegische Ministerpräsidentin Harlem Brundtland sah 1988 im IOC die internationale Organisation, die eine sehr wichtige Rolle im komplexen Gefüge internationaler Beziehungen spielte. Das IOC kämpfe mit seinen olympischen Idealen gegen internationale Isolation und Apathie. Olympische Solidarität zeige das IOC besonders in Ländern, die keine Möglichkeiten besitzen, Chancengleichheit im Sport zu garantieren. Deshalb sei der Kampf des IOC gegen Doping von unschätzbarem Wert.1 Innerhalb und außerhalb der Olympischen Bewegung hat sich das IOC seit dem Beginn der 1980er Jahre für die Harmonisierung der internationalen Anti-Doping Politik eingesetzt, bis die Welt- Anti-Doping Agentur (WADA) im Jahre 1999 das IOC ablöste.

In der vorliegenden Arbeit wird die Gründung der WADA im Kontext internationaler Harmonisierungsbestrebungen des IOC beschrieben, analysiert und diskutiert. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Fragestellung, inwieweit die Harmonisierungsbestrebungen des IOC zur Gründung der WADA führten. Welche Anti-Doping Politik hat das IOC bis zum Dopingskandal der Tour de France 1998 betrieben und wie sah die Politik danach aus?

Hierzu wird zunächst der Ursprung des Begriffs „Doping“ erläutert, um danach auf die verschiedenen Dopingdefinitionen von DSB, Europarat und IOC einzugehen. Im dritten Kapitel werden die einzelnen Organisationen, der Olympischen Bewegung und anderer Organisationen, die sich mit Doping im Sport befassen, kurz dargestellt. An die thematische Einführung des zweiten und dritten Kapitels schließt sich der Hauptteil dieser Arbeit im vierten Kapitel an. Hier werden zunächst die ersten Harmonisierungsbestrebungen des IOC vor den 1980er Jahren beschrieben und Hintergrundinformationen über Probleme der Harmonisierungsbestrebungen des IOC innerhalb seiner Anti-Doping Politik genannt. Daran anknüpfend werden die Hindernisse bei der Harmonisierung von Sanktionen, Kontrollen und Regeln erläutert, bis hin zum Ben-Johnson-Skandal bei den Olympischen Spielen von Seoul 1988. Die folgenden Internationalen Anti-Doping Konferenzen werden dargestellt, die Entwicklung einer Olympischen Anti-Doping Charta, sowie des Medical Codes des IOC vor der Fragestellung diskutiert.

Im Zwischenfazit wird anhand der vorher herausgearbeiteten Handlungsverläufe analysiert, welche Rolle die Harmonisierungsbestrebungen des IOC bis zum Tour de France Skandal 1998 im Kampf gegen Doping spielten. Unterkapitel 4.5 stellt zunächst den Tour de France Skandal dar, um danach die internationalen Reaktionen, besonders die des IOC aufzuzeigen. Die Anti-Doping Politik des IOC wurde in der Vergangenheit immer wieder von internen IOC-Mitgliedern, aber vor allem auch stark von externen Experten kritisiert, weshalb sich Kapitel 4.6 mit diesen Kritiken befasst.

Kapitel 5 beschäftigt sich mit der WADA, ihrer Gründung, ihrer Finanzierung, mit den Aufgaben, Programmen und dem World Anti-Doping Code, der den Medical Code des IOC ablöste.

Im Schlussteil der Arbeit werden Rückschlüsse auf die Gründung der WADA im Kontext internationaler Harmonisierungsbestrebungen des IOC gezogen. Kritikpunkte aus Kapitel 4.6 werden hier ebenso diskutiert, wie auch eigene Feststellungen.

Als Quellengrundlage dienen hauptsächlich die Protokolle der IOC Sessions von 1980 bis zur Gründung der WADA im Jahre 1999. Diese Protokolle wurden auf ihre Inhalte bezüglich der folgenden Fragestellung analysiert. Der Wissenschaftler der Universität von Austin, Texas, Thomas M. HUNT (2011), hat sich in seinem Buch „Drug Games“ bereits mit dem Thema dieser Arbeit auseinandergesetzt, konnte jedoch in seinem jüngsten Werk, wegen der Archivsperre des IOC von zwanzig Jahren, nicht auf die hier behandelten Quellen zurückgreifen (vgl. ebd., 2011, S. 87). So basieren die Schlussfolgerungen, die HUNT (2011) hinsichtlich der Rolle der Harmonisierungsbestrebungen des IOC vor Gründung der WADA zieht, nur auf Vermutungen; dahingegen kann sich die Argumentationsstruktur dieser Arbeit auf die Originalquellen des IOC stützen.

Für die Gründung der WADA werden hauptsächlich die eigenen Publikationen der WADA herangezogen. Sie haben den Anspruch, transparent zu sein und aus diesem Grund beinhalten die Jahresberichte der WADA z.B. auch Angaben über den finanziellen Haushalt nebst dazu gehörigem Kommentar.

Da das Thema Doping einen überaus großen Gegenwartsbezug hat, werden auch Zeitungsartikel und Dokumente der Olympischen Spiele 2012 von London verarbeitet.

Allgemein wird einschlägige Literatur zum Thema Doping herangezogen, um das Kapitel der Definition von Doping angemessen zu behandeln, aber auch Literatur, die sich mit der Anti-Doping Politik des IOC und der Gründung der WADA auseinandersetzt, um Kritikpunkte nennen und Geschehnisse einordnen zu können.

2. Definition des Begriffs „Doping“

Wenn man nicht weiß, was Doping ist, kann man Doping nicht bekämpfen. Als Doping gilt nur, was auch als Doping deklariert wird. Wer gegen Doping kämpft muss deshalb neue Verfahren und Methoden, die Doping sein könnten, wahrnehmen, analysieren und dann die eigene Doping-Definition anpassen. Was konformes oder deviantes Verhalten ist, bestimmt einzig die jeweilige Definition von Doping. Die Auffassung von Doping, hängt von der sozialen Konstruktion, also immer von der Definition des Beurteilers ab (vgl. BETTE & SCHIMANK, 2006b, S. 175). Deshalb gibt es nicht eine allgemein gültige Definition, sondern viele verschiedene Ansätze, Definitionsversuche und Blickwinkel. In den letzten 50 Jahren haben sich die Definitionen stetig geändert, denn sie mussten sich an immer neue Formen und Auswüchse von Doping anpassen. Wurde innerhalb der 1950er Jahren nur während der Wettkämpfe gedopt, werden in den 1980er und 90er Jahren die Trainingsphasen zur Leistungssteigerung durch Doping genutzt.

Dieses Kapitel soll die historischen Veränderungen des Dopingbegriffs darstellen und anhand von Beispielen verschiedener Institutionen und Jahrzehnte, einen Überblick über die Entwicklung und seine Komplexität geben. Wo die Bezeichnung „Doping“ ihren Ursprung hat, ist nicht genau zu klären, denn es gibt zwei unterschiedliche Theorien. Die südostafrikanische Sprache der Zulu verwendeten das Wort „Dop“ für einen stimulierenden Likör, der bei okkulten Zelebrierenden als Stimulanz getrunken wurde (LÜNSCH, 1991, S. 12; HAUG, 2006, S. 27). Es gelangte in den Sprachgebrauch der niederländischen Buren und ist so aus dem Afrikaans nach Europa gelangt. HAUG (2006, S. 27) vermutet, dass das niederländische Wort „Doop“ für „Taufe“ auch eine Substanz der Zulu bezeichnete, in die etwas eingetaucht wurde (gedoppt). Über die niederländische Kolonie Nieuw Amsterdam, die später zu New York wurde, gelang der Begriff in den anglo-amerikanischen Sprachgebrauch (FIGURA, 2009, S. 11). Dort benutzten die Arbeiter die Substanz der Zulu, um ihre Leistung zu steigern. Später wurde der Begriff synonym für stimulierende Getränke gebraucht und gelang dann vom Pferde- und Hundedoping in den allgemeinen Sprachgebrauch (LÜNSCH, 1991, S. 12). Zum ersten Mal lässt sich „Doping“ 1879 in einem englischen Wörterbuch finden (AUSTRALIAN SPORTS DRUGS AGENCY, 2000, S. 1), 1933 wurde der Begriff auch in deutsche Lexika, wie Beckmanns Sportlexikon, aufgenommen (PROKOP, 1970, S. 126; HAUG, 2006, S. 27). Der Deutsche Sportbund (DSB) definiert Doping im Jahre 1952 so:

„Die Einnahme eines jeden Medikamentes - ob es wirksam ist oder nicht mit der Absicht der Leistungssteigerung während des Wettkampfs ist als Doping zu bezeichnen“ (LÜNSCH, 1991, S. 13).

Mittel, die ein Sportler aufgrund von Erkrankungen einnimmt, werden nicht als Doping bezeichnet und lassen hier Ärzten erhebliche Freiräume, ihren Sportlern ein „leistungssteigerndes Rezept“ auszustellen.

Nach der Definition des DSB versucht das „Komitee für außerschulische Erziehung“ des Europarates 1963 exakter zu formulieren:

„Doping ist die Verabreichung oder der Gebrauch körperfremder Substanzen in jeder Form und physiologische Substanzen in abnormaler Form oder auf abnormalem Wege an gesunden Personen mit dem einzigen Ziel der künstlichen und unfairen Steigerung der Leistung für den Wettkampf. Außerdem müssen verschiedene psychologische Maßnahmen zur Leistungssteigerung des Sportlers als Doping angesehen werden“ (DONIKE & RAUTH, 1996, S. 1; PROKOP, 1970, S. 129).

Dieser Versuch ist als Definition unzureichend, da sich in ihm zu viele Wörter befinden (z.B. körperfremd, physiologisch, abnormal), die Interpretationsspielräume und somit normative Probleme schaffen.

Trainingsdoping war 1963 noch keine weit verbreitete Betrugsmöglichkeit, weshalb in dieser Definition nicht direkt darauf eingegangen wird, sondern nur indirekt durch die Worte „für den Wettkampf“, was Training implizieren könnte. Die „psychologischen Maßnahmen“ beziehen sich auf Hypnose, die im Schwimmsport angewandt wurde, was die allgemeine Definition aber nicht präziser macht. Zwar ist die Doping-Definition des Europarates hochethisch, aber auch unpraktisch und deshalb für den Praxisgebrauch ungeeignet (DONIKE, 1986, S. 1).

Erste Anti-Doping Kontrollen wurden vom IOC 1964 eingeführt und seien, laut dem Generaldirektor des IOC, zumindest ein Versuch gewesen, um zu zeigen, dass das IOC sich des Problems bewusst sei. Mit Gründung der „Medical Commission“ 1967, die für den Kampf gegen Doping innerhalb der Olympischen Spiele zuständig ist, sei das IOC die erste Organisation gewesen, die auf das Problem öffentlich aufmerksam gemacht habe.2

Die Medical Commission des IOC hat 1970 Doping als Anwendungen von Wirkstoffgruppen und verwandter Substanzen definiert, wofür eigens eine Liste verbotener Substanzen verfasst wurde.

„ A. Psychomotorische Stimulantien
B. Sympathomimetische Amine
C. Verschiedene Stimulantien des Zentralen Nervensystems
D. Narkotika und Analgetika
E. Anabole Steroide
F. Beta-Blocker“ (DONIKE, 1986, S. 2)

Der Vorteil einer solchen Dopingdefinition ist die schnelle Anpassungsfähigkeit an neue Methoden und Substanzen. So konnte die Liste 1976 um Anabolika (DONIKE, 1986, S. 2; HACKFORT, 1989, S. 20) und 1985 um Beta-Blocker, Blutdoping und andere Methoden bzw. Wirkstoffgruppen erweitert werden.3 Das IOC veröffentlichte diese Definition 1971 für die Olympischen Spiele ’72 in München (HACKFORT, 1989, S. 19).

Heute bestimmt die WADA was Doping ist und was nicht. Sie hat den World Anti-Doping Code (WADC) verfasst, der den Anspruch hat, allumfassend zu sein. Im WADC wird Doping nicht in ein paar Sätzen definiert, die Missverständnisse auslösen könnten, vielmehr werden Anti-Doping Bestimmungen mit einer Liste verbotener Substanzen, in Tradition des IOC, zusammengefasst. Die WADA (2009b, S. 18ff.; 2009e, S. 11ff.)4 erklärt zu Doping „das Vorliegen eines oder mehrerer der nachfolgend in Artikel 2.1 bis Artikel 2.8 festgelegten Verstöße gegen Anti- Doping-Bestimmungen.“

Innerhalb dieser Bestimmungen geht die WADA auf die verbotenen Substanzen, den Umgang mit ihnen und deren Einnahme ein. Schwellenwerte im Blut, die überschritten werden, führen zu einem Verstoß gegen die Anti-Doping Bestimmungen.5 Darüber hinaus wird im WADC auf Trainingskontrollen6, den Besitz von7 oder Handel mit8 verbotenen Substanzen und die Einflussnahme auf Dopingkontrollen9 eingegangen. Folgen einer Verweigerung der Probenahme sind hier ebenso festgehalten.10 Irrelevant ist, ob eine Leistungssteigerung erfolgt ist, oder nicht.11 Der Versuch gegen die Bestimmungen zu verstoßen, ist ausreichend, um den Doping-Tatbestand zu erfüllen. Die WADA schafft es, sich durch ihre umfangreiche Dopingdefinition abzusichern und die meisten Möglichkeiten und Facetten des Dopings abzudecken. Einfacher ist die Dopingdefinition hierdurch aber nicht geworden. Detaillierter wird der WADC im Kapitel 5.7 dieser Arbeit dargestellt.

3. Die beteiligten Organisationen

3.1 Die Olympische Bewegung

Die Olympische Bewegung basiert auf dem Olympischen Ideal, das von Pierre de Coubertin formuliert wurde und „auf Körper, Willen und Geist beruht, indem sie Sport, Kultur und Erziehung miteinander vereint“ (DAS OLYMPISCHE MUSEUM, 2007, S. 2). Dieses Olympische Ideal bzw. der Olympische Geist wird heute durch die Olympische Bewegung verbreitet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Organisationsstruktur der Olympischen Bewegung.

Oberstes Gremium ist das IOC, darunter sind die International Federations (IFs), National Olympic Committees (NOCs), National Federations (NFs), Funktionäre und Trainer, sowie Athleten angegliedert (ebd.).

3.1.1 Das IOC

Das Internationale Olympische Komitee legt als oberste Instanz die Regeln der Olympischen Charta fest, an die sich alle Mitglieder der Olympischen Bewegung zu halten haben. Außerdem hat es allein die Macht, Organisationen zu akkreditieren, die sich zu den Werten des Olympismus bekennen. Rechtlich ist das IOC eine Non-Profit-Organisation (NGO), wird aber nicht mit öffentlichen Mitteln subventioniert. Da das IOC alle Rechte an den Olympischen Spielen und den olympischen Symbolen besitzt, nimmt es durch deren kommerzielle Vermarktung Geld ein. Auf sogenannten „Sessions“ trifft sich das IOC mindestens einmal jährlich, um wichtige Beschlüsse zu fassen, aber auch, um von jeder Kommission Berichte zu erhalten, die kommentiert und diskutiert werden.

Die Kommissionen beschäftigen sich unter anderem mit Anliegen der Bereiche Medizin (s. Kap. 3.1.1.1), Jura (s. Kap. 3.1.1.3 & Kap. 3.1.3), der Athleten (s. Kap. 3.1.1.2) oder der Organisation und Vergabe der Olympischen Spiele. Momentan beträgt die aktive Mitgliederzahl 115, wobei jedes Mitglied von der Organisation angeworben wird und „als Vertreter des IOC in seinem jeweiligen Land, nicht etwa umgekehrt“ (ebd., S. 3) gilt.

3.1.1.1 Die Medical Commission

Steigende Dopingmissbräuche veranlassten das IOC auf der Session 1961 zur Gründung der Medical Commission:

„Sanctions should be applied, but on the first instance, the IOC should be informed as to what constitutes a doping, and that we need medical advise.”12

Ihre Aufgabe war zunächst das Erstellen einer Verbotsliste, die auf der 65. Session in Teheran 1967 vorgestellt wurde, damit für die 1968 stattfindenden Olympischen Spiele von Mexico City und Grenoble Anti-Dopingstrukturen bestanden.13 Ein weiterer Auftrag der Medical Commission ist die weltweite Einrichtung von Dopingkontrollzentren, um die Sportler und das Image des Sports zu schützen.14 Prinz Alexandre de Mérode wurde 1967 Vorsitzender der Kommission und löste damit Sir Arthur Porritt ab.15

Waren die drei Hauptaufgabenbereiche der Medical Commission 1981 noch Doping (auf wissenschaftlicher, technischer und erzieherischer Ebene), die Erstellung und der Gebrauch von biomechanischen Filmen, sowie die Einrichtung einer internationalen olympischen Stiftung zur Erforschung der Sportmedizin.16 Diese änderten sich über die Jahre hin zum Schutz der Gesundheit des Athleten, der Wahrung der Grundsätze der sportlichen Ethik und der Harmonisierung der Wettkampfbedingungen für Athleten. Doping wurde zu einem großen Problem, dass sich die Medical Commission mit fast nichts anderem mehr beschäftigen konnte. Seit der Erstellung des „Medical Codes“17 1995 ist die Medical Commission für dessen Bearbeitung und Überwachung zuständig. Ferner obliegt ihr die Akkreditierung der Anti-Doping Labors.

3.1.1.2 Die Athletes’ Commission

Zum ersten Mal durften 1981 in Baden-Baden Vertreter der Athleten in der neu gegründeten „Athletes’ Commission“ an einer IOC Session teilnehmen.18 Athleten thematisieren hier unter anderem mögliche Vorgehensweisen bzw. Regeländerungen, um den Umgang mit Doping zu harmonisieren. Als Reaktion auf die rege Beteiligung der Athletes’ Commission bei der Session von Baden- Baden, schlugen sie selbst vor, dass ein oder zwei Personen aus ihren Reihen permanente Mitglieder der Medical Commission werden sollten.19

3.1.1.3 Die Juridical Commission

Die Juridical Commission beschäftigt sich seit ihrer Gründung 1974, mit allen juristischen Themen innerhalb des IOC. Ihre Rolle ist sowohl beratend, als auch operativ. In Rechtsfragen unterstützt sie den IOC-Präsidenten, den IOC-Vorstand und steht bei Bedarf auf IOC Sessions beratend zur Verfügung. Es gehörte auch zu ihrem Aufgabenbereich, das IOC zu schützen oder Vorentscheidungen bzgl. der Olympischen Charta zu treffen (INTERNATIONAL OLYMPIC COMMITTEE, 2012).

3.1.2 Die NOCs

Das National Olympic Committee (NOC) ist für die Verbreitung des Olympischen Geistes auf nationaler Ebene zuständig. Es entsendet die Athleten- Delegation zu Olympischen Spielen (DAS OLYMPISCHE MUSEUM, 2007, S. 4), ist für die eigenen Olympiabewerbungen zuständig und für die Planung und Durchführung der eigenen Olympischen Spiele. Außerdem sind die NOCs aktive Teilnehmer auf olympischen Kongressen (KERN, 2007, S. 32). Allgemein sorgen die NOCs dafür, dass „alle nationalen Sportprogramme den Prinzipien der Olympischen Charta entsprechen“20. In der Olympischen Charta ist festgelegt, welche Rolle die NOCs im Kampf gegen Doping haben:

„(The NOCs) shall fight against the use of substances and procedures prohibited by the IOC or the IFs, in particular by approaching the competent authorities of their country so that all medical controls may be performed in optimum conditions.“ (VIEWEG & SIEKMANN, 2007, S. 51)

Wie die NOCs gegen Doping vorgehen, ist innerhalb der Länder verschieden; manche haben eigene Anti-Doping Regeln erstellt, die von den nationalen Verbänden akzeptiert werden müssen, andere haben die Regeln des IOC ganz übernommen. Sie können aber auch in Kooperation mit den Behörden ein eigenes Anti-Doping Komitee gründen, oder die Verantwortung auf die nationalen Verbände übertragen (ebd.).

3.1.3 Der CAS

Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) wurde 1983 ratifiziert und trat 1984 in Kraft. Offiziell anerkannt wurde der CAS vom Schweizer Bundesgericht erst 1993. Die Urteile des CAS waren zivil- und strafrechtlich nicht wirksam und konnten durch ordentliche Gerichte angefochten werden. Der CAS war zu diesem Zeitpunkt nicht unabhängig, da er zunächst vom IOC finanziert wurde (vgl. HUNT, 2011, S. 89).

In der Zeit vom 13.-14. September 1993 wurde auf der Internationalen Recht-, und Sportkonferenz von den IFs eine Änderung ihrer Statuten vorgestellt, in denen sie, nachdem zuvor die internen Möglichkeiten ausgeschöpft worden waren, den CAS als Berufungsinstanz gegen Entscheidungen innerhalb der Verbände festsetzten.21 Über die Gründung des CAS seien die Athleten sehr glücklich, so Tallberg, denn sie hätten seit den 1980er Jahren einheitliche Dopingregeln von den IFs gefordert und hofften nun, dass diese entstehen werden.22

Ein „International Council of Arbitration for Sport“23 (ICAS) wurde 1994 als Stiftung gegründet, um neutral und unabhängig die Entscheidungen des CAS zu leiten und zu finanzieren.24 Diese Stiftung nach schweizerischem Recht ist seitdem die oberste Verwaltungs- und Finanzierungsbehörde des CAS. Das ICAS gibt allen Organisationen der Olympischen Bewegung die gleiche Entscheidungsmacht, denn von ihren 20 Juristen werden jeweils vier von IOC, NOCs und IFs ernannt, vier vertreten die Interessen der Athleten und vier weitere werden von Organisationen entsandt, die nicht zur Olympischen Bewegung gehören. Unterteilt wird das CAS vom ICAS in zwei Bereiche: Zum einen in ein gewöhnliches Schiedsgericht, zum anderen in ein Berufungsgericht, das sich mit Dopingfällen und Entscheidungen anderer Sportorganisationen, wie den IFs, befasst.25

Seit 1994 mischten sich immer mehr Behörden in die Belange des Sports ein, vor allem in die Entscheidungen der IFs in Bezug auf Doping, weshalb die Stärkung des CAS durch den ICAS nötig geworden war.26 Nun konnte der Sport von der Gesellschaft abgeschirmt und eine Parallelwelt geschaffen werden, die ihren eigenen Gesetzen untersteht.

MARKOWETZ (2003, S. 173) sieht allein mit dem CAS als einziger Berufungsinstanz die Chance, dass „Doping nachhaltig bekämpft werden kann.“ Eine einzige Behörde war von Nöten, die „einigermaßen beständige und vor allem vorhersehbare Rechtsprechung [...] gewährleisten“ kann (ebd.).

3.1.4 Die IFs

Das IOC bestimmt, welche internationalen nichtstaatlichen Organisationen, die eine oder mehrere Sportarten auf internationaler Ebene verwalten, zu Internationalen Verbänden (IFs) werden. Dabei müssen die Statuten, Gepflogenheiten und Aktivitäten der IFs innerhalb der Olympischen Bewegung in Übereinstimmung mit der Olympischen Charta stehen. Besonders die Annahme und Umsetzung des World Anti-Doping Codes der IFs sind dem IOC wichtig. Jede IF ist unabhängig und ihre Autonomie in der Verwaltung ihrer Sportart wird durch den Vorsitzenden bewahrt (FRITZWEILER, 2007, S. 766). Die IFs stehen in der Hierarchie der Sportorganisationen an höchster Stelle.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Organisationsstruktur des Sports (vgl. VIEWEG & SIEKMANN, 2007, S. 49).

Das IOC ist durch seine Anerkennung der IFs hauptsächlich für den Oberbau der Pyramide zuständig. Mit den nationalen Verbänden kooperiert das IOC selbst nur zum Teil. Die NOCs, die ihrerseits die Verbände auf nationaler Ebene durch die Konformität mit der Olympischen Charta anerkennen, sind für den gesamten Unterbau verantwortlich (VIEWEG & SIEKMANN, 2007, S. 49f.).

Die Aufgaben der IFs sind nach der Olympischen Charta27:

- Schaffung einheitlicher Sportregeln
- Organisation von Weltmeisterschaften
- Regelung des internationalen Sportverkehrs (KERN, 2007, S. 100).

Mit dem letzten Punkt sind sie auch für die Dopingbekämpfung zuständig, weshalb fast alle IFs Dopingbestimmungen in ihr Regelwerk impliziert haben (SUMMERER, 2007, S. 192). Der Zuständigkeitsbereich für Trainingskontrollen wird häufig an die NFs weitergegeben, die diese Kontrollen oft gar nicht durchführen. Hier besteht ein Problem der Zuständigkeitsvielfalt, bei der sich die eine Seite darauf verlässt, dass die andere die Kontrollen schon durchführen wird. Am Ende geschieht oft gar nichts (vgl. KERN, 2007, S. 140f.).

Die IFs können ferner die Zulassungskriterien für die Olympischen Spiele festsetzen, dem IOC zur Genehmigung vorlegen und bei Olympischen Spielen die Verantwortung für die technische Kontrolle und die Leitung ihrer Sportart übernehmen. Außerdem dürfen sie das IOC bei Vorschlägen bzgl. der Olympischen Charta, der Olympischen Bewegung und bei der Vorbereitung Olympischer Kongresse unterstützen. Auf Bitten des IOC ist es für die IFs möglich, an der Arbeit der Kommissionen des IOC mitzuarbeiten (FRITZWEILER, 2007, S. 767).

3.2 Die UNESCO

Als Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, hat sich die UNESCO zum Auftrag gemacht, Doping aus dem Sport zu verbannen. Sie ist in der Vergangenheit oftmals aus Anlass Olympischer Spiele Schirmherrin über sportwissenschaftliche Kongresse gewesen und steht schon alleine deshalb mit dem IOC in Kontakt (KIRSCH, 1990, S. 330). Vertreter der UNESCO sind aber auch regelmäßige Teilnehmer der Anti-Doping Sitzungen des IOC. Am 28. Januar 1994 wurde vom IOC und der UNESCO eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, die gemäß der „IOC/UNESCO Joint Declaration“ (s. Kap. 4.2.8) sicherstellen soll, dass das IOC und die UNESCO intensiver zusammenarbeiten.28 Seit Gründung der WADA arbeitet die UNESCO sehr eng mit ihr zusammen und versucht sie bestmöglich zu unterstützen. So hat die UNESCO z.B. maßgeblich zur Stärkung des WADC von staatlicher Seite (s. Kap. 5.7) durch die „UNESCO Convention“ beigetragen. Die WADA nennt in ihrem Strategic Plan explizit die Zusammenarbeit mit der UNESCO. Beide sind bestrebt jedes Land zur Ratifizierung der UNESCO Convention zu bewegen.29

3.3 Der Europarat

Gegründet wurde der Europarat 1949 und ist nicht zu verwechseln mit der EU, oder dem Europäischen Rat.

Dies sind die wichtigsten Ziele des Europarates (COUNCIL OF EUROPE, 2012, S. 2):

- Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit fördern.
- Förderung der kulturellen Identität und Vielfalt Europas.
- Das Erreichen einer demokratischen Stabilität durch eine politische, rechtliche und verfassungsrechtliche Reform.

Die angesprochenen Werte sind als „Grundlage jeder toleranten und zivilisierten Gesellschaft [...] unerlässlich“ (COUNCIL OF EUROPE, 2012, S. 2). Der Europarat sieht die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen im Sinne eines vielfältigen Europas als seine Hauptaufgabe an. Da Sport nicht nur die Gesundheit der Menschen fördert, sondern sich besonders positiv auf Integrationsprozesse und zwischenmenschliche Beziehungen auswirkt, ist der Sport dem „Komitee für außerschulische Erziehung“ untergeordnet.

Nachdem das Komitee des Europarates 1963 eine eigene Dopingdefinition erstellt hatte, wurde 1983 eine Europäische Anti-Doping Charta gegründet. Hierzu wurde eine Arbeitsgruppe mit Mitgliedern aus IOC, GAISF und anderen westlichen Staaten eingerichtet, um gemeinsam an diesem Text zu arbeiten, der eine Basis für eine weltweite Einigung sein könnte.30 Seit 1985 hat eine Arbeitsgruppe der Europäischen Sportkonferenz diese Aufgaben übernommen (DONIKE & RAUTH, 1996, S. 22). Am 3. Dezember 1990 hat der Rat und die im Rat vereinigten Vertreter der Regierungen der Mitgliedsstaaten einen Anti-Doping Verhaltenskodex beschlossen. Hauptsächlich sollte dieser Initiativen der Ausbildung, Aufklärung und Erziehung gegen Doping stärken. In Punkt 7 wird die Olympische Bewegung mit einbezogen, denn jede Organisation, die sich an Sportveranstaltungen beteiligt, soll noch größeren Wert auf Fairness legen. Verbände auf nationaler und internationaler Ebene sollen „in Fragen der Dopingbewertung und Dopingkontrolle zusammenarbeiten“ (EUROPÄISCHE KOMMISSION, 1992). Laboratorien sollen exakt und zuverlässig arbeiten, sowie nach neuen Dopingmitteln forschen (DONIKE & RAUTH, 1996, S. 22). Neue Forderungen werden im Verhaltenskodex nicht gestellt, allerdings die Kooperation von Mitgliedern der Olympischen Bewegung gefordert.

Aufgrund der Vorkommnisse bei der Tour de France 1998 (s. Kap. 4.5.1), wurden die Mitgliedsstaaten und die Europäische Kommission für Bildung und Kultur vom Europarat im Dezember 1998 eingeladen, gemeinsam mit den Sportorganisationen nach Problemlösungen zu suchen. Die Kommission für Bildung und Kultur erstellte daraufhin im Dezember 1999 einen Plan, in dem das weitere Vorgehen des Europarates festgehalten wurde. Besonders die Beteiligung des Europarats an der Gründung der WADA gehörte dazu (EUROPÄISCHE KOMMISSION, 2004, S. 16). Nach dem Skandal der Tour de France war den Behörden bewusst geworden, dass sie stärker mit den internationalen Sportorganisationen zusammenarbeiten müssen.

4. Die Harmonisierungsbestrebungen des IOC vor Gründung der WADA

4.1 Der Hintergrund

Mit stichprobenartigen Dopingkontrollen hat das IOC in den 1960ern begonnen, das aufkommende Problem des Dopings zu bekämpfen. Bei den Olympischen Spielen in Mexico Stadt 1968, wurden sie zum ersten Mal ausnahmslos durchgeführt. Das IOC veröffentlicht seit 1970 die Liste, die definiert, was unter Doping fällt und was nicht. Allerdings hat es nicht die alleinige Macht, diese Liste durchzusetzen, da das IOC nur alle vier Jahre, bei den Olympischen Spielen, die Sportler auf Doping überprüfen kann. In der Zeit zwischen den Spielen gibt das IOC den Verbänden lediglich Hinweise zur Handhabung des Dopingproblems, die mehr oder weniger beachtet werden. Somit ist das IOC auf die Verbände angewiesen, um eine erfolgreiche Anti-Doping Politik betreiben zu können. Durch die große Anzahl an Verbänden, existieren viele Meinungen zum Thema Doping, bzw. einer geeigneten Anti-Doping Politik. Die unterschiedliche Vorgehensweise im Bezug auf Kontrollen, Regeln und Strafen von IOC und IFs führt zu einem Dilemma, da Kommunikationsprobleme, Disharmonien und immer neue Dopingtechniken das Dopingproblem rasant wachsen lassen. KERN (2007, S. 140) sieht hier das Hauptproblem: Solange die „Sportorganisationen an ihrer Regelungskompetenz [...] festhalten“, kann eine „vollständige Kongruenz von Regelungsinhalten nicht erreicht“ werden. Als Vorreiter, ja sogar Vorbild der Anti-Doping-Bewegung, wie sich das IOC gerne selbst betitelt, will es die Missstände beseitigen und den Sport „sauber“ machen.31

Nachfolgend werden die Harmonisierungsbestrebungen des IOC bis zur Gründung der WADA beschrieben und die Prozesse unter der Fragestellung analysiert.

4.2 Die Anti-Doping Politik des IOC der 1980er Jahre

4.2.1 Boykott und Doping - Das Ende der Olympischen Spiele?

Nachdem es bei den Sommerspielen von Moskau 1980, wegen des Einmarsches der Sowjetunion in Afghanistan, zu einem Boykott der USA und 65 weiterer Staaten gekommen war, wurden die Spiele von Los Angeles 1984 von der Sowjetunion und anderen Ostblock-Staaten boykottiert. Aus diesem Grund befürchtete das IOC in Zukunft häufiger Teilnahmeabsagen verfeindeter Staaten, bzw. eine Ausbreitung des Kalten Krieges in die Partizipation an Olympischen Spielen. Deshalb wurde Folgendes beim Kongress 1984 in Sarajevo beschlossen: Alle Länder, die ein NOK besitzen, werden zu den Olympischen Spielen vom jeweiligen Organisationskomitee der Spiele a priori eingeladen und kein NOK darf von ihm ausgeschlossen werden. Keine private oder politische Organisation, NOKs und Regierungen eingeschlossen, darf die Teilnahme von Athleten oder Mannschaften an den Spielen verhindern.32

Mit dieser Festsetzung sollte zumindest seitens des IOC die mögliche Teilnahme von Athleten und Mannschaften garantiert werden. Athleten, die Olympianormen erfüllen, dürfen nicht an der Teilnahme gehindert werden, wenn sie teilnehmen möchten. Dies ist der Versuch des IOC weitere Boykottierungen von Olympischen Spielen, die einen großen Imageschaden zur Folge hätten, zu verhindern.

Probleme der Olympischen Spiele sah Matts Carlgren in Zukunft nicht bei der Teilnahme der Staaten, sondern im Doping und schlug dem IOC vor, mehr Forschungsfinanzierung in diesem Bereich zu leisten.33

Der Präsident des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 1980, Ignati T. Novikov, wollte die Anti-Doping Kontrollen in Moskau durch den Einsatz von hochklassigen Spezialisten aus verschiedenen Ländern internationalisieren und dadurch verbessern.34 Dies kann als erster Schritt in Richtung internationalem Anti-Doping Netzwerk gewertet werden. HUNT (2011, S. 86) erklärt den Einsatz der UdSSR zur Dopingbekämpfung damit, dass die USA den Ostblock-Staaten medizinisch uneinholbar voraus gewesen sein sollten. Ein Grund könnte aber auch die Verschleierung der eigenen Dopingaktivitäten durch starken Aktionismus gewesen sein.

Während die Sowjetunion eine Art „staatsgefördertes Doping“ seiner Athleten betrieb, war auch auf Seiten der US-Amerikaner eine Kultur vorhanden, in der sportlicher Erfolg gleichzeitig auch ein Zeichen (inter)nationaler Vormachtstellung war (HUNT, 2011, S. 69f.). Inoffiziell standen demnach nicht alle Staaten hinter der Anti-Doping Politik des IOC, weshalb die IOC Mitglieder bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles befürchteten, dass amerikanische Gerichte im Falle eines positiven Dopingtests bei US-Athleten eingreifen würden. Der italienische Delegierte Franco Carraro forderte auf dem Kongress im Juli deshalb, dass die Tests unter strengsten Bedingungen ablaufen sollen und jeder positive Test ohne Eingreifen der US-Justiz bestraft werden könne. Prinz de Mérode versicherte Carraro, das Vorgehen des IOC würde sich nicht durch die Möglichkeit eines Prozesses mit US-Justiz ändern. Jeder Dopingfall würde in Übereinstimmung mit den Regeln des IOC behandelt werden.35 Ganz so, wie sich de Mérode die Dopingkontrollen vorgestellt hat, sind sie nicht abgelaufen. Angeblich war kein einziger getesteter US-Amerikaner positiv getestet worden und insgesamt gab es nur zwölf Dopingsünder. Deutlich zeigt sich die Handlungsunfähigkeit des IOC, denn gemessen an der Zahl, der des Dopings überführten Sportler zu Beginn des Dopingkampfes der Medical Commission in den 60er Jahren, ist ein Zuwachs nicht eingetreten (ebd., S. 75). Ursache dafür mag auch der „Verlust“ von positiven Proben sein, der die Beweislage für mögliche Sanktionen zunichte machte. Prinz de Mérode war aufgrund von 14 überführten Dopingsündern36 während der Spiele 1984 mit der Aufdeckungsrate zufrieden und äußerte sich zu dem Ereignis später so: „[...] it was not necessary to make a scandal out of the matter“37. Er sehe die ganze Angelegenheit höchstens in seinen Memoiren erwähnenswert. Das IOC hätte aus den Vorkommnissen gelernt. Das Organisationskomitee hätte nur versehentlich die Codes von besagten Proben zerstört.38 Dass das Organisationskomitee überhaupt in die Nähe von Dopingproben gelangen und diese, wenn auch vielleicht nur zufällig, zerstören konnte, bringt das Komitee zweifelsfrei in die Lage manipulierend eingreifen zu können. Im Kalten Krieg wurde eine solche Möglichkeit zur Verbesserung des Medaillenspiegels noch eher genutzt. Prof. Arnold Beckett, Mitglied des Organisationskomitees der Spiele von Los Angeles, hatte anscheinend ein Interesse daran, einen Skandal zu verhindern, wie er vier Jahre später in Seoul stattfand:

„It would have done quite a lot of damage if five or six [...] of the positives [...] had led to the medal winners, as undoubtedly it would have done. Some of the federations are happy to show that they’re doing something in getting some positives, but they don’t want too many because that would damage the image of the Games“ (zit. nach HOBERMAN, 2001, S. 244)

Es sollte nicht zu effektiv mit allen verfügbaren Mitteln gegen Doping vorgegangen werden, aber nach ausreichender Kontrolle aussehen. Dabei sollte das Image der Spiele nicht darunter leiden.

4.2.2 Disqualifikation oder eine lebenslange Sperre von Dopingsündern?

Bereits Anfang der 1980er Jahre wurde vom IOC das Problem unterschiedlicher Regeln und Sanktionen bei Dopingverstößen diskutiert. Seit 1981 fordert die Athletes’ Commission härtere Strafen bei Verstößen gegen die Dopingbestimmungen und unangemeldete zufällige Tests während der Trainingsphasen.39 Die existierenden Dopingstrafen sollten strenger durchgesetzt und durch Geldstrafen ergänzt werden.40 Die Spanne der Strafen ist sehr groß und reicht von Disqualifikation des Sportlers bis hin zu einer lebenslangen Sperre. So unterschiedlich wie die Strafen sind auch die Meinungen über ein angemessenes Strafmaß:

[...]


1 Rede von Brundtland, s. „Candidate Cities for the Organization of the XVIIth Olympic Winter Games in 1994“, (Prot. 94, IOC Session, S. 24).

2 Generaldirektor des IOC zum Bericht der Medical Commission von de Mérode, (Prot. 99, IOC Session, S. 22f.).

3 de Mérode zu seinem Bericht der Medical Commission, (Prot. 90, IOC Session, S. 21).

4 Die WADA hat in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bundesregierung den World Anti Doping Code ins deutsche übersetzt. Aus diesem Grund wurde die englische Originalfassung nicht paraphrasiert, sondern die Fassung der WADA und Deutschen Bundesregierung zitiert. Siehe dazu: Annex 2; (WADA, 2009e, S. 11ff.).

5 vgl. Artikel 2.1.2 des WADC (WADA, 2009b, S. 20; WADA, 2009e, S. 12).

6 vgl. Artikel 2.4 des WADC (WADA, 2009b, S. 23; WADA, 2009e, S. 14).

7 vgl. Artikel 2.6 des WADC (WADA, 2009b, S. 24; WADA, 2009e, S. 15).

8 vgl. Artikel 2.7 des WADC (WADA, 2009b, S. 25; WADA, 2009e, S. 15).

9 vgl. Artikel 2.5 des WADC (WADA, 2009b, S. 23; WADA, 2009e, S. 15).

10 vgl. Artikel 2.3 des WADC (WADA, 2009b, S. 22; WADA, 2009e, S. 14).

11 vgl. Artikel 2.2 & 2.2.1 des WADC (WADA, 2009b, S. 21; WADA, 2009e, S. 13).

12 IOC Präsident Brundage zum Thema Doping, (Prot. 58, IOC Session, S. 3).

13 siehe Bemerkung von Sir Arthur Porritt, (Prot. 65, IOC Session, S. 13).

14 „Report of the IOC Medical Commission to the 90th Session of the IOC“, Sub-Commission „Doping and Biochemistry of Sport“. Annex 11, (Prot. 90, IOC Session, S. 84).

15 Beschluss, (Prot. 65, IOC Session, S. 13).

16 vgl. Bericht der Medical Commission von de Mérode, (Prot. 84, IOC Session, S. 28).

17 siehe Kap. 4.3.4

18 „Report by Mr. Peter Tallberg, Chairman of the IOC Athletes’ Commission to the 94th IOC Session, Seoul, September 1988“. Annex 3, (Prot. 94, IOC Session, S. 54).

19 siehe „Recommendations from the Athletes’ Commission Meeting in Rome on 24th May 1982“. Annex 9, (Prot. 85, IOC Session, S. 50).

20 ebd.

21 „Report by the Chairman of the Juridical Commission to the 101st IOC Session“. Annex 6, (Prot. 101, IOC Session, S. 99.).

22 Bericht der Athletes’ Commission von Tallberg, (Prot. 101, IOC Session, S. 8).

23 „Report on the Court of Arbitration for Sport (CAS)“. Annex 16, (Prot. 102, IOC Session, S. 115f.).

24 „Report by the Chairman of the Juridical Commission to the 101st IOC Session“. Annex 6, (Prot. 101, IOC Session, S. 98f.).

25 „Report on the Court of Arbitration (CAS), by H.E. Judge Kéba Mbaye, CAS President“. Annex 16, (Prot. 102, IOC Session, S. 115f.).

26 Hodler zum Bericht der Juridical Commission von Mbaye, (Prot. 107, IOC Session, S. 6f.).

27 siehe auch FRITZWEILER, 2007, S. 741-790.

28 Bericht des Generaldirektors, (Prot. 102, IOC Session, S. 2).

29 Strategic Objectives, (WADA, 2007b, S. 10).

30 siehe „Report of the Medical Commission presented by Prince Alexandre de Mérode, Chairman“. Annex 22, (Prot. 87, IOC Session, S. 92).

31 vgl. Pound zum Bericht der Medical Commission von de Mérode, (Prot. 99, IOC Session, S. 21).

32 siehe Comité International Olympique, „Press Release“, Lausanne 21. November 1983, Ref. No. PR/48/83, Annex 1, von Annex 19 „Report of the Athletes’ Commission presented by Mr. Peter Tallberg, Chairman“, (Prot. 87, IOC Session, S. 69).

33 Carlgren über die Zukunft der Olympischen Spiele, (Prot. 89, IOC Session, S. 13).

34 siehe „Report by Mr. Ignati T. Novikov, President of the organising committee for the games of the XXIInd Olympiad in Moscow“. Annex 5, (Prot. 84, IOC Session, S. 66).

35 Debatte von Carraro und de Mérode zum Bericht der Medical Commission von de Mérode, (Prot. 88, IOC Session, S. 23).

36 Im Jahre 1994 wurde noch von 14 überführten Dopingsündern ausgegangen. HUNT (2011, S. 75) zufolge sind es aber nur zwölf gewesen.

37 de Mérode zur Nachfrage Carraros zum Vorfall in Los Angeles 1984, (Prot. 103, IOC Session, S. 17).

38 de Mérode zur Nachfrage Carraros zum Vorfall in Los Angeles 1984, (Prot. 103, IOC Session, S. 17).

39 „Report by Mr. Peter Tallberg, Chairman of the IOC Athletes’ Commission to the 94th IOC Session, Seoul, September 1988“. Annex 3, (Prot. 94, IOC Session, S. 55).

40 siehe „Final Declaration of the XIth Olympic Congress in Baden-Baden, 29. September - 2. Oktober 1981“. Annex 3, (Prot. 84, IOC Session, S. 58).

Details

Seiten
94
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668316256
ISBN (Buch)
9783668316263
Dateigröße
727 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341625
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Sportwissenschaft
Note
2,7
Schlagworte
IOC Doping WADA Olympia Olympische Spiele

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Titel: Die Gründung der Welt Anti-Doping Agentur (WADA) im Kontext internationaler Harmonisierungsbestrebungen des IOC