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Kontrastive Untersuchung linguistischer Besonderheiten in der Jugendsprache

Examensarbeit 2003 165 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Auszeichnungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Abgrenzung von Begriffen, Einflussfaktoren und Genese
2.1. Begriffsbestimmungen
2.1.1. Die Begriffe „Jugend“ - „Jugendkultur“
2.1.2. Der Begriff „Jugendsprache“
2.1.3. Zusammenfassung
2.2. Funktionen des jugendspezifischen Sprachgebrauchs
2.2.1. Zusammenfassung
2.3. Geschichte des jugendspezifischen Sprachgebrauchs
2.3.1. Die Studentensprache
2.3.2. Die Pennälersprache
2.3.3. Die Wandervogelbewegung
2.3.4. Zusammenfassung
2.4. Einflüsse des jugendspezifischen Sprachgebrauchs
2.4.1. Medien
2.4.2. Fach- und Sondersprachen
2.4.3. Dialekte
2.4.4. Fremdsprachen
2.4.5. Vulgärer Wortschatz
2.4.6. Zusammenfassung
2.5. Forschungsübersicht
2.5.1. Sprachsystematische Untersuchungen
2.5.1.1. Hennes Modell des jugendspezifischen Sprachgebrauchs
2.5.1.2. Ehmanns Untersuchungen zu jugendspezifischem Sprachgebrauch und Dialekt
2.5.2. Sprachpragmatische Untersuchungen
2.5.2.1. Schlobinskis Paradigmenwechsel der Jugendsprachforschung
2.5.2.2. Androutsopoulos Untersuchungen

3. Linguistische Untersuchung/ Exemplarische Analyse
3.1. Ausgangsproblematik
3.1.1. Erhebungsziel
3.2. Korpus
3.2.1. Eigene methodische Vorgehensweise
3.2.1.1. Auswahl des Befragungsortes
3.2.1.2. Auswahl der Probanden
3.2.1.3. Auswahl und Problematik der methodischen Vorgehensweise
3.2.1.4. Konzipierung des Fragebogens
3.2.1.5. Vorbereitung der Fragebogenaktion
3.2.1.6. Durchführung der Fragebogenaktion
3.2.1.7. Auswertung der Fragebögen
3.2.1.8. Problematik der Fragebogenaktion
3.2.1.9. Vorgehensweise bei der Darstellung und Analyse des gewonnenen
Sprachmaterials
3.3. Beschreibung des Sprachraums der Befragungsorte Alzey und Landau
3.3.1. Die Sprachräume Rheinhessen und Pfalz
3.3.2. Der Sprachraum Pfalz
3.3.2.2. Der pfälzische Dialekt
3.3.2.3. Die Stadt Landau
3.3.2.4. Die KARS
3.3.3. Der Sprachraum Rheinhessen
3.3.3.2. Der rheinhessische Dialekt
3.3.3.3. Die Stadt Alzey
3.3.3.4. Die Realschule des Gustav- Heinemann- Schulzentrums
3.4. Analyse und Darstellung der Ergebnisse
3.4.1. „Ortsvokabular“
3.4.1.1. Bezeichnungen für ‚Diskothek’
3.4.1.2. Bezeichnungen für ‚Kino’
3.4.1.3. Bezeichnungen für ‚Schule’
3.4.1.4. Zusammenfassung
3.4.2. „Partnervokabular“
3.4.2.1. Bezeichnungen für einen attraktiven Geschlechtspartner
3.4.2.1.1. Jungenliste
3.4.2.1.2. Mädchenliste
3.4.2.2. Bezeichnungen für einen unsympathische Altersgenossen
3.4.2.2.1. Mädchenliste
3.4.2.2.2. Jungenliste
3.4.2.2.3. Bezeichnungen für ‚FreundInnen’
3.4.2.2.4. Zusammenfassung
3.4.3. „Autoritätenvokabular“
3.4.3.1. Bezeichnungen für ‚LehrerInnen’
3.4.3.2. Bezeichnungen für ‚Eltern’
3.4.4. „Bewertungsvokabular“
3.4.4.1. Positives Bewertungsvokabular
3.4.4.2. Negatives Bewertungsvokabular
3.4.4.3. Zusammenfassung
3.4.5. „Beziehungsvokabular“
3.4.5.1. Bezeichnungen für ‚verliebt sein’
3.4.5.2. Zusammenfassung
3.4.6. „Randgruppenvokabular“
3.4.6.1. Bezeichnungen für ‚Obdachlose/ Bettler’
3.4.6.2. Bezeichnungen für ‚Homosexuelle/ Lesben’
3.4.6.3. Bezeichnungen für ‚Straffällige’
3.4.6.4. Bezeichnungen für ‚Behinderte’
3.4.6.5. Zusammenfassung
3.4.7. „Tabuvokabular“
3.4.7.1. Bezeichnungen für ‚sterben’
3.4.7.2. Zusammenfassung
3.4.8. „Begrüßungsvokabular“
3.4.8.1. Begrüßung von Freunden
3.4.8.2. Begrüßung von Erwachsenen/ LehrerInnen
3.4.8.3. Zusammenfassung

4. Resümee

Literaturverzeichnis

Anhang A: Darstellung der Untersuchungsergebnisse

Anhang B: Darstellung des Fragebogens

Anhang C: Genehmigungsschreiben des ADD

Auszeichnungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1) Kontextbedingungen für die Entfaltung kreativer Sprechstile

Abbildung 2) Der pfälzische Sprachraum

Abbildung 3) Binnendifferenzierung des pfälzischen Dialekts

Abbildung 4) Die Sprachtrennungslinien des Rheinhessischen

Abbildung 5) Die nördliche und südliche Binnenstrukturierung

des Rheinhessischen

Abbildung 6) Die westliche und östliche Binnenstrukturierung

Des Rheinhessischen

Abbildung 7) Weitere Sprachtrennungslinien des Rheinhessischen

Einleitung

Das ist total megahip! Hey Alter, was geht ab? Diese Ausdrücke würden viele Erwachsene als eindeutig „jugendsprachlich“ identifizieren. Was ist eigentlich Jugendsprache? Handelt es sich dabei um eine Sprache, die alle Jugendlichen sprechen? Und, wenn ja, zeichnet sie sich dann durch bestimmte Merkmale und regionale Unterschiede aus? Inwieweit besteht ein Zusammenhang zur Standardsprache? Auf welche kulturellen Ressourcen greifen Jugendliche bei der Bildung ihres Sprachgebrauchs zurück?

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen „Jugendsprache“ und seinen regionalen Besonderheiten. Dem Umgang mit diesem Thema liegen verschiedene Motive zugrunde. Einerseits ist der Forschungsstand zu den regionalen Aspekten der Jugendsprache sehr gering. Aus diesem Grund kann man nur schwer auf wissenschaftlich fundiertes Material zurückgreifen. Andererseits geht es darum, festzustellen, ob alle Jugendlichen sich sprachlich anders ausdrücken. Dabei ist mein eigentliches Ziel, dem „Mythos von der Jugendsprache“ (Schlobinski u.a. 1993: 7) auf den Grund zu gehen.

Untersuchungen zum Thema „Jugendsprache“ stimmen darin überein, „dass sich der Sprachgebrauch im sozialen Alter der Jugend von dem Sprachgebrauch anderer Altersgruppen“ (Androutsopoulos 1998: 1) und der Standardsprache unterscheidet. Die Anfänge der Erforschung des Phänomens „Jugendsprache“ liegen in den achtziger Jahren. Aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung, längerer Ausbildungszeiten und einer damit verbundenen längeren Jugendphase weitet sich der Gebrauch der Jugendsprache hinsichtlich des Alters seiner Benutzer zunehmend aus. Des Weiteren hat das Thema „Jugend“ und „Jugendsprache“ in den letzten zehn Jahren eine zunehmende Popularisierung erfahren. Eine große Rolle spielen dabei auch die Medien, da sie einerseits Jugendsprache überregional vermitteln und andererseits in der Jugendsprache verbal aufgegriffen werden. Im Rahmen unserer „Spaß- und Freizeitgesellschaft“ orientieren sich zunehmend Erwachsene am jugendlichen Ideal. Dies äußert sich u.a. auch darin, dass sie in bestimmten Kommunikationssituationen Jugendsprache imitieren. Durch die Medien entwickelte sich in den letzten fünfzig Jahren eine Jugendkultur nach amerikanischem Vorbild, die sich auf drei Ebenen abspielt. Darüber hinaus manifestiert sie sich in Kleidung, Musik und sprachlichem Ausdruck. Mit der Verbreitung des Phänomens Jugendsprache durch die Medien geht die Kritik am zunehmenden Sprachverfall einher. Dabei wird den Jugendlichen vorgeworfen, ihr sprachliches Ausdrucksvermögen sei fehlerhaft.

Im Sinne Davids hoffe ich, mit dieser Arbeit einen Beitrag dazu leisten zu können, dass Jugendsprache vorurteilsfreier bewertet wird. Bei meiner Untersuchung zum Thema der regionalen Besonderheiten des jugendspezifischen Sprachgebrauchs werde ich in zwei Schritten vorgehen. Es handelt sich dabei um eine Kombination aus theoretischer und praktischer Untersuchung, in der die Strukturen heutiger Jugendsprache dargestellt werden.

Im Rahmen des ersten Teils stelle ich die theoretischen Grundlagen der Jugendsprache dar. Dabei gehe ich im Sinne einer Einführung auf die Begriffsbestimmungen von „Jugend“ und „Jugendsprache“ ein, untersuche deren Funktionen und Genese. Darüber hinaus stelle ich die externen und internen Einflussfaktoren dar und erläutere die verschiedenen Strömungen der Jugendsprachforschung. Im zweiten Teil dieser Arbeit führe ich schwerpunktmäßig eine praktische Untersuchung der Jugendsprache durch. Dabei beschreibe ich die Ausgangsproblematik, mein Erhebungsziel sowie das methodische Vorgehen. Als weitere theoretische Grundlage stelle ich darüber hinaus die beiden Sprachräume, in denen die Befragungsorte liegen, sowie deren Historie, dar. Bei meiner Analyse der Ergebnisse, die ich aus dem gewonnenen Sprachmaterial erhalten habe, werde ich die Ergebnisse mit der größten Häufigkeit von beiden Befragungsorten kontrastiv gegenüberstellen und vergleichen, indem ich auf deren Form, Bedeutung und Funktion eingehe. Im Vordergrund steht dabei, die strukturellen Merkmale und regionale Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten des jugendspezifischen Sprachgebrauchs der Probanden herauszustellen und zu analysieren. Um dies feststellen zu können, führte ich meine Umfrageaktion in Alzey und Landau durch, die ca. 100 Kilometer voneinander getrennt sind. Die Probanden sind die Schülerschaft zweier Realschulen der Befragungsorte.

Als Grundlage zum weiterführenden Lesen kläre ich an dieser Stelle die Begriffe „Umgangssprache“, „Standardsprache“, „Mundart“ und „Dialekt“, die im Folgenden mehrfach auftreten.

Nach Fleischer u.a. (2001) unterscheidet man die Standardsprache von Dialekten, Mundarten und Umgangssprachen (vgl. Fleischer u.a. 2001: 90). Sie ist überlandschaftlich, sozial unbegrenzt und polyfunktional (vgl. ebd.). Mundarten dagegen existieren in zwei Formen: als dörfliche bzw. kleinräumige Mundarten und als Stadtmundarten (vgl. a.a.O.: 91). Ein Zusammenhang zwischen Mundart und Standardsprache besteht dahingehend, dass die Mundarten standardsprachliches Material aufnehmen und es „phonologisch/ phonetisch“ (ebd.) integrieren. Als Umgangssprachen bezeichnen Fleischer, Helbig und Lerchner die Stadtsprachen, welche heute als regionale Varianten der Standardsprache gelten. Sie sind stilistisch als „Alltagsrede markiert“ (Fleischer u.a. 2001: 91). Nach Schippan werden sie durch die Mundarten beeinflusst (vgl. Schippan 1992: 12). „Das Verhältnis der Mundarten und Umgangssprachen“ zur Standardsprache „unterscheidet sich regional, sozial und funktional“ (ebd.). Aufgrund der aktuellen Mobilität und Kommunikationsbedürfnisse dringen immer mehr standardsprachliche Lexeme in die Umgangssprachen und Mundarten ein. Dieser Prozess vollzieht sich, indem das standardsprachliche Lexem der Mundart oder Umgangssprache lautlich angeglichen wird. Eine andere Form, in der sich regionale Unterschiede niederschlagen, sind die Dialekte. Löffler fasst es folgendermaßen zusammen: „Dialekte sind areal auf bestimmte Geltungszonen und personal auf bestimmte Personengruppen festgelegt und haben somit durch die geographische und soziale Verteilung einen unterschiedlichen Gebrauchswert in Abhängigkeit von den kommunikativen Bedürfnissen und Gepflogenheiten der Sprecher“ (Löffler 1985: 161). Auf weitere Aspekte und Funktionen der Dialekte, besonders hinsichtlich der Befragungsorte, wird unten eingegangen.

2. Abgrenzung von Begriffen, Einflussfaktoren, Genese

In diesem Kapitel werden theoretischen Gegebenheiten, die für das Thema Jugendsprache ausschlaggebend sind, wie z.B. Begriffsdefinitionen und verschiedene Forschungsströmungen, erläutert. Ziel ist hierbei, eine komplexe Vorstellung und theoretische Grundlage vom Begriff „Jugendsprache“ zu liefern. Aufgrund dessen beginne ich mit der Klärung der, für meine Arbeit, wichtigsten Termini „Jugend“ und „Jugendsprache“.

Der Begriff „Jugend“ ist wie der Begriff „Jugendsprache“, ein Phänomen, dessen Definition dem Wandel der Gesellschaft und des Zeitgeists unterliegt. Es folgt eine Eingrenzung der beiden Termini.

2.1. Begriffsbestimmungen

2.1.1. Die Begriffe „Jugend“ – „Jugendkultur“

Der Begriff „Jugend“ kann nach verschiedenen Kriterien definiert werden. Biologisch gesehen ist damit der Lebensabschnitt vom Beginn der Geschlechtsreife bis zu ihrem Abschluss gemeint. Der Zeitpunkt der einsetzenden Geschlechtsreife findet nach Ergebnissen der Shell- Studie von 2002 ( Deutsche Shell 2002: 31) immer früher statt. Er beginnt bei Mädchen durchschnittlich mit 11, 5 Jahren, bei Jungen mit 12, 5 Jahren. Diese Phase im Leben eines Menschen muss nicht nur in biologischer, sondern auch in soziologischer Hinsicht erörtert werden. Das Jugendalter ist im Rahmen des Lebenszyklus eine Phase, die durch starke Veränderungen in biologischer, intellektueller und sozialer Hinsicht geprägt ist (vgl. Oerter/ Montada 1998: 258). Eine umfassende Definition des Begriffes „Jugend“ liegt nach Hollingshead (1949) vor: „Soziologisch gesehen ist die Jugend [...] die Periode im Leben eines Menschen, in welcher die Gesellschaft, in der er lebt, ihn [...] nicht mehr als Kind ansieht, ihm aber den vollen Status, die Rollen und Funktionen des Erwachsenen noch nicht zuerkennt. [...] Sie ist nicht durch einen besonderen Zeitpunkt bestimmt, etwa durch die körperliche Pubertät, sondern nach Form, Inhalt, Dauer und Abschnitt im Lebenslauf von verschiedenen Kulturen und Gesellschaften eingegrenzt“ (Reinke 1994: 295). Ziel dieser Entwicklungsperiode ist die Überwindung von „Verhaltensformen und Privilegien der Kindheit“ (ebd.). Darüber hinaus findet ein Erwerb von „Merkmalen und Kompetenzen“ (ebd.) statt, welche die „Aufgaben, Rollen und“ (ebd.) den „Status des Erwachsenen [...] begründen“ (ebd.). Dabei besteht die zentrale Aufgabe des Jugendlichen darin, eine eigene Persönlichkeit, auch Ich- Identität genannt, zu entwickeln. Die Dauer der Jugendphase ist außer an die biologische Entwicklung auch an soziokulturelle Aspekte, wie berufliche Ausbildung und ökonomische Abhängigkeit von den Eltern, gebunden.

Der Jugendliche gilt erst ab dem Zeitpunkt als erwachsenes Gesellschaftsmitglied, ab dem er eine „selbständige Erwerbstätigkeit“ (vgl. Deutsche Shell 2002: 32) übernimmt und damit „wirtschaftlich und finanziell“ (ebd.) selbständig ist. Im Hinblick auf längere Ausbildungszeiten in Schule, Betrieb und Hochschule kann sich dieser Zeitpunkt bis in die sogenannte Postadoleszenz, die etwa ab dem Alter von 20 Jahren beginnt, hinauszögern. Das Phänomen „Jugend“ lässt sich auf drei Ebenen beschreiben.

Die erste Ebene stellt die Peer- Group dar. Die zweite Ebene lässt sich als die der „jugendlichen Subkulturen oder Jugendkulturen“ (Androutsopoulos 1998: 4) beschreiben. Die übergeordnete Ebene definiere ich in Anlehnung an Nowottnick als „virtuelle Großgruppe Jugend“ (Nowottnick 1989: 25). Jeder einzelnen Ebene kommt bei der Identitätsfindung des Einzelnen eine tragende Rolle zu. Die wichtigste Funktion übernimmt jedoch die Peer- Group. Augenstein beschreibt diese als „jugendliche Eigen- und Erlebniswelt“ (Augenstein 1998: 85). Sie stellt ganz bestimmte Herausforderungen an die Jugendlichen, da sie den größten Einfluss auf sie ausübt und „Regeln und Konventionen des Miteinanders“ (ebd.) fördert. Innerhalb der Peer- Group herrscht eine Rollenoffenheit. Daher muss die Rolle des Einzelnen erkämpft werden. David schreibt der Peer- Group nicht nur die bereits erwähnte Sozialisationsfunktion, sondern darüber hinaus eine „Schutz- und Ausgleichsfunktion“ (ebd.) zu. Sie begründet dies mit der Orientierung des Einzelnen an den anderen Mitgliedern der Kleingruppe. Diese vorherrschende Gemeinsamkeit bietet allen Mitgliedern der Peer- Group einen Rückhalt gegenüber den Faktoren, wie Schule, Familie oder Medien, die auf sie einwirken. Dabei unterstützt die Peer- Group die Jugendlichen bei der Bildung von „Werten und Normen“ (David 1987: 9). Henne beschreibt dies folgendermaßen: „Der einzelne setzt sich emotional mit anderen gleich und übernimmt deren Werte und Motive in das eigene Ich; er grenzt sich gegen andere ab“ (Henne 1986: 204). Daraus entwickelt sich die Ich- Identität. Spezifische Verhaltensmuster, Kleidung, Gestik und Sprache sind Mittel zur Selbstdarstellung und unterstützen den Prozess der Identitätsfindung. Dies geschieht durch jede Form der Abgrenzung zur Norm und damit zur Erwachsenenwelt. An dieser Stelle erhält die Funktion der Jugendsprache eine zentrale Position.

Sie übernimmt Teile der „kollektiven Sozialisation“ (David 1987: 9) und fängt Spannungen auf, die im Generationskonflikt entstehen. Jugendliche können in und mit der Peer- Group gemeinsame Probleme lösen, die in Pubertät oder Post- Adoleszenz aus gesellschaftlichen Konflikten resultieren, und gemeinsame Interessen realisieren (vgl. a.a.O.: 9).

Im Hinblick auf die gesellschaftliche Wertung erfuhren „Jugend“ und „Jugendlichkeit“ in den letzten vierzig Jahren eine starke Bedeutungsaufwertung. Auch Erwachsene orientieren sich am jugendlichen Ideal, dessen Vermittlung durch die Medien gewährleistet wird. Im Zuge dessen hat sich eine Jugendkultur herausgebildet, deren Verbreitung v.a. durch die Medien erfolgt. Jugendkultur umfasst einerseits den Bereich, der vom medialen Einfluss geprägt ist und sich in Mode und Musik niederschlägt. Andererseits umfasst sie nach Nowottnick auch „selbstinitiierte Aktivitäten“ (Nowottnick 1989: 26), die in einem Wechselverhältnis zueinander stehen.

2.1.2. Der Begriff „Jugendsprache“

Die gesellschaftliche Bewertung von „Jugendsprache“ folgt zwei Tendenzen. Einerseits ist sie kennzeichnend für den hohen Stellenwert, den Jugendlichkeit heutzutage besitzt. Andererseits wird der zunehmende Sprachverfall im Hinblick auf die Standardsprache kritisiert. Spricht die Jugend eine andere Sprache? Diese Frage wurde bereits 1982 an der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Heidelberg gestellt (vgl. Pörksen/ Weber 1984).

Spricht man von Jugendsprache, so scheint deren Definition auf der Hand zu liegen. Jugendsprache ist eine eigene Sprache, die von allen Jugendlichen gesprochen wird, vergleichbar mit allen anderen Sondersprachen. Hier wird die Problematik der Definition deutlich, denn diese Interpretation ist nicht zutreffend. Der Terminus „Jugendsprache“ ist umstritten, da er zu Fehlannahmen führt. Aufgrund dessen bezeichnet Schlobinski Jugendsprache als Fiktion (vgl. Schlobinski u.a. 1993). Er konstatiert, dass es nicht „die (eine) Jugendsprache“ (a.a.O.: 37) geben kann, da es die Jugend als homogene Gruppe nicht gibt. Wie bereits in der vorangehenden Definition von „Jugend“ erläutert, existieren vielmehr verschiedene einzelne Gruppierungen nebeneinander.

Deren Jugendsprache ist von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst und unterscheidet sich somit in ihren Einzelheiten. Demzufolge gibt es nicht die Jugendsprache als solche, sondern das Sprechen von Jugendlichen (vgl. Schlobinski u.a. 1993: 37).

Beneke hebt beispielsweise 1985 hervor, dass Jugendsprache ein „Soziolekt“ (Androutsopoulos 1998: 33) darstellt. Dieser wird durch verschiedene Gruppen Jugendlicher getragen und ist daher im Bereich der Varietät von Umgangssprache anzusiedeln (vgl. a.a.O.: 34). Androutsopoulos vertritt die Auffassung, dass Jugendsprache als „Oberbegriff“ zu verstehen ist, „hinter welchem sich eine Vielzahl von gruppen-, regional-, sozial- und geschlechtsspezifischen Differenzierungen“ (ebd.) verbirgt. Schlobinski u.a. (1993) verwenden dagegen die Bezeichnung „jugendlicher Sprechstil“ (Schlobinski u.a. 1993: 208) und Henne den Terminus „Jugendton“ (Henne 1986: 205). Dieser besitzt einen „Grundton“, der mit gepflegten „Gesprächskonventionen“ (a.a.O.: 210) kontrastiert. Henne definiert „Jugendsprache“ als „ein spielerisches Sekundärgefüge“ (a.a.O.: 208). Dessen kennzeichnende sprachliche Formen sind bestimmt durch „eigenwillige Grüße, Anreden und Partnerbezeichnungen“, „griffige Namen- und Spruchwelten“, „flotte Redensarten und stereotype Floskeln“, „metaphorische [...], zumeist hyperbolische [...] Sprachweisen“ (a.a.O.: 208/ 209). Außerdem durch „Repliken mit Entzückungs- und Verdammungswörtern“, „Lautwörterkommunikation“ sowie „prosodische Sprachspielereien“ (a.a.O.: 209). Ob diese Vermutung auch auf die aktuelle Jugendsprache zutrifft, soll in der Auswertung meiner durchgeführten Untersuchung fokussiert werden. Weiterhin ordnet Henne „Jugendsprache“ innerhalb einer Gruppe drei Eigenschaften zu (vgl. a.a.O.: 210). Sie ist experimentell, da vorhandene Wortbedeutungen umgeändert werden und neue Wortbildungen entstehen. Sie ist antikonventionell, weil sie „eingespielte sprachliche Konventionen“ (ebd.) wie Grüße oder Anreden „negiert und neue einführt“ (ebd.). Zudem ist sie tendenziell situationalisierend, da die Bedeutung vieler Lexeme im situationsspezifischen Zusammenhang gesehen werden muss. Pörksen vertritt ebenfalls diese Sichtweise, denn er bezeichnet Jugendsprache als „soziales und Stilphänomen“ (Pörksen 1984: 46). Er weist darauf hin, dass eine Betrachtung der Jugendsprache sogenannte „Akzidentien“ wie Kleidung miteinbeziehen muss (vgl. ebd.).

Wäre Jugendsprache eine selbständige Sprache, die in keinem Zusammenhang zur Standardsprache steht, würde sie eine eigene Grammatik, einen differenzierten Wortschatz sowie normative Geltung hinsichtlich lautlicher, graphischer und grammatikalischer Eigenschaften besitzen(vgl. Henne 1986: 208).

Da dies nicht der Fall ist, kann im Sinne Hennes festgehalten werden, dass Jugendsprache die Standardsprache voraussetzt und sie zu ihrem Zweck abwandelt. Was genau damit gemeint ist, soll im Kapitel 2.3. erläutert werden. Henne konstatiert, dass im Rahmen der Jugendsprache „jugendliches Lebensgefühl und Bewusstsein [...] gegen die vorgegebene und von Erwachsenen geprägte Standardsprache“ (ebd.) aufgenommen wird.

David betont, dass auf der inhaltlichen Ebene von Jugendsprache „Bedürfnisse, [...] Interessen“ und „Konflikte“ (David 1987: 83), die Jugendliche beschäftigen, ihren Niederschlag finden und sprachlich verarbeitet werden. Nach Neuland lässt sich das Verhältnis von Standardsprache zu Jugendsprache durch die „kontrastiven Teilprozesse der Stilbildung und Stilverbreitung“ (Neuland 1998: 74) beschreiben. Im „Prozess der Stilbildung“ (ebd.) findet die Abgrenzung von der Standardsprache aufgrund von Neubildungen und Umdeutungen statt. Im Prozess der Stilverbreitung wird die Integration „jugendsprachlicher Elemente in die Standardsprache“ (ebd.) realisiert.

Wie bereits im vorhergehenden Kapitel erwähnt, kommt der Jugendsprache bei der Identitätsbildung eine zentrale Bedeutung zu. Einerseits signalisiert sie Zugehörigkeit und Gemeinschaft innerhalb der Peer- Group. Andererseits findet die Abgrenzung der Jugendlichen gegenüber der Erwachsenenwelt auch sprachlich statt. Dies geschieht in Form der Jugendsprache. Man spricht dabei vom sogenannten „Intergenerationsdialog“ (Augenstein 1998: 6). Ausschlaggebend sind dabei die Kommunikationsräume, welche den Jugendlichen zur Verfügung stehen (vgl. a.a.O.: 24). Diese sind Bereiche, die „Jugendlichen offen stehen, um ihren identitätsbildenden Sprechstil herauszubilden und zu pflegen“ (ebd.).

Augenstein unterscheidet drei Definitionen von Jugendsprache. Deren Zuordnung ist abhängig vom Kommunikationsraum, in dem sie verwendet wird. Die Termini, die sie dabei verwendet differieren von denen, die ich in Kapitel 2.1.1. gebrauchte. Sie bezeichnen jedoch dasselbe.

Auf der untersten Ebene siedelt Augenstein ebenfalls die Peer- Group an. In diesem Bereich schreibt Augenstein Jugendsprache die Bedeutung einer „singulären Gruppensprache“ (Augenstein 1998: 25) zu, die von einer Gruppe entsprechend ihren Bedürfnissen zusammengestellt wird. Dieser Ebene ist der Begriff „Ingroup- Ton“ zuzuschreiben, der sich in der Ingroup- Kommunikation niederschlägt.

Die zweite Ebene bezeichnet Augenstein als subkulturelle Szene. Hier funktioniert Jugendsprache im Sinne einer „Standortbestimmung und Binnenstrukturierung innerhalb der Szenenlandschaft“ (ebd.). Resultierend daraus stellt sie nach Augenstein im Rahmen dieser Ebene eine „Szenensprache“ dar.

Auf der dritten und übergeordneten Ebene bezeichnet sie in Anlehnung an Hess- Lüttich (1989) Jugendsprache als „Generationssoziolekt“ (ebd.). Dieser stellt einen „altersdeterminierten Sprechstil“ (ebd.) von Jugendlichen dar. Dabei kommt Jugendlichen an dieser Stelle die Bedeutung einer spezifischen „Gruppe im Rahmen der Gesamtgesellschaft“ (ebd.) zu.

Ein wichtiges sprachliches Merkmal der Jugendsprache ist das „Bricolage- Prinzip“, auch Stilbastelei genannt. Den Begriff „Bricolage“ prägte Eva Neuland (1987). Dabei handelt es sich um eine Dekontextualisierung von Standardsprache mit anschließender Rekontextualisierung, d.h., es werden verschiedene Sprechweisen, z.B. aus den Medien oder anderen kulturellen Ressourcen, zitiert und in das laufende Gespräch auf identifizierende oder verfremdende Weise eingebaut.

Henne unterscheidet sieben Bereiche, die jugendsprachlich geprägt sind (vgl. Henne 1986: 212). Die „kommunikative Beziehung in der Gruppe“, welche Schule, Beruf, Freizeit, Mitmenschen im engeren und weiteren Sinne mit einschließt. Der Bereich der „Befindlichkeit“, welche sämtliche Gefühlsregungen beschreibt und der „Verbindlichkeit“, mit den Ebenen des Verstehens und Begreifens, der Drohung, Aufforderung, Zurückweisung, des Spotts und der Bewertung beinhaltet. Auch „Musik“ stellt einen Bereich dar, in dessen Rahmen Musikinstrumente und technische Geräte, Musikstile und Musikinterpreten verbalisiert werden. Der fünfte Bereich beinhaltet „Reizobjekte“. Darunter sind Ausdrücke aus den Bereichen der Disco, Kleidung, Frisur, Kneipe, Medien, Finanzen, Sport, Fahrzeuge und Genussmittel zusammengefasst.

„Schule“ ist der sechste Bereich und „Weltanschauung“ bzw. „Politik“ der siebte Bereich. Daraus leitet Henne die Dimensionen des von ihm entworfenen Modells ab, die in Kapitel 2.5.1.1. vorgestellt werden.

2.1.3. Zusammenfassung

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es „Jugendsprache“ als solche nicht gibt, da es sich dabei um keine eigenständige Sprache handelt, die von allen Jugendlichen gesprochen wird. Der Begriff „Jugendsprache“ ist daher als solcher hinfällig, denn er vermittelt diesen Eindruck. Da sie jedoch keine eigene Grammatik, keinen eigenen Wortschatz und keine eigene Syntax besitzt und Jugend eine heterogene Gruppe darstellt, ist dies nicht der Fall.

Um diesem Missverständnis vorzubeugen, muss eine andere Bezeichnung für dieses Phänomen verwendet werden. Deshalb erscheint mir der Begriff „jugendspezifischer Sprachgebrauch“ am Passendsten, da er den Sachverhalt exakt bezeichnet. Der jugendspezifische Sprachgebrauch ist so differenziert wie die verschiedenen Jugendgruppen, die ihn benutzen. Er orientiert sich an der Standardsprache, zeichnet sich aber dadurch aus, dass er v.a. in lexikalischer und wortbildungsspezifischer Hinsicht seine eigenen Regeln entwickelt hat. Ich schließe mich Androutsopoulos an. Er betont, dass Jugendsprache „als altersspezifische Teilmenge von Umgangssprache“ (Androutsopoulos 1998: 3) angesehen werden muss. Aufgrund meiner Begriffszuordnung werde ich im weiteren Verlauf dieser Arbeit vom jugendspezifischem Sprachgebrauch statt von Jugendsprache sprechen.

Dem jugendspezifischen Sprachgebrauch kommt hinsichtlich der Entwicklung seiner Sprecher eine wichtige Sozialisationsfunktion hinsichtlich der Identitätsfindung zu. Er ist stark situationsgebunden und unterliegt einem schnellen temporären Wechsel. Darüber hinaus spiegelt er die gesellschaftlichen Verhältnisse wider und ist Ausdruck des jugendlichen Zeitgeistes, an dem sich auch viele Erwachsene orientieren. An dieser Stelle möchte ich auf Neuland hinweisen. Sie greift in ihrem Aufsatz über „Vergleichende Beobachtungen zum Sprachgebrauch Jugendlicher regionaler Herkunft“ (Neuland 1998: 73) die Zweidimensionalität des jugendspezifischen Sprachgebrauchs auf.

Ausschlaggebend ist dabei primär der Darstellungscharakter vom jugendspezifischer Sprachgebrauch, welcher die „Entwicklungstendenzen der jeweiligen Gegenwartssprache“ (Neuland 1998: 73) zum Inhalt hat. Dieser ist gekennzeichnet von einem Wechselverhältnis, welches sowohl affirmativ als auch oppositionell sein kann. Darüber hinaus hebt sie das Verständnis vom jugendspezifischen Sprachgebrauch als Entwicklungstendenz der jeweiligen „Lebensgeschichten bzw. Sprachbiographien“ (ebd.) hervor. Diese dient der Abgrenzung nach außen gegenüber der Sprache der Erwachsenen als auch der Abgrenzung innerhalb der Gruppe gegenüber den anderen subkulturellen Sprachstilen Jugendlicher (vgl. ebd.). Gemäß der biologischen Sichtweise von Jugend findet sie ihren Gebrauch etwa ab dem Alter von zwölf Jahren.

2.2. Funktionen des jugendspezifischen Sprachgebrauchs

Im Kapitel 2.1. wurde auf die soziale Funktion des jugendspezifischen Sprachgebrauchs hingewiesen. Diese beinhaltet sowohl Sprachprofilierung und Gruppenzugehörigkeit als auch die Abgrenzung gegenüber den Erwachsenen, anderen Jugendgruppen und der gesellschaftssprachlichen Norm. An dieser Stelle werden diese und weitere Funktionen anhand von Forschungsergebnissen kontrastierend gegenübergestellt und verglichen. Dabei handelt es sich um die Ergebnisse sprachtheoretischer und sprachpraktischer Untersuchungen.

Ausgehend von Bühlers Organon- Modell und Watzlawick differenziert Augenstein anhand einer sprachtheoretischen Untersuchung zwei Hauptfunktionen des jugendspezifischen Sprachgebrauchs. Diese sind kommunikativ und sozial und werden weiterhin in vier Gruppen unterteilt (vgl. Augenstein 1998: 99).

Der jugendspezifische Sprachgebrauch besitzt eine Darstellungsfunktion, die zum einen „Dinge und Sachverhalte der außersprachlichen Welt durch Fremdreferenz“ (a.a.O.: 54) und zum anderen die „innere Welt in Selbstreferenz“ (ebd.) darstellt. Letzteres bezieht sich auf die sprachlichen Darstellungsformen, die Jugendliche entwickeln, um ihre spezifischen Interessen auszudrücken bzw. die „ihre innere Welt referieren“ (a.a.O.: 49).

Darüber hinaus ordnet Augenstein ihm eine metasprachliche Funktion zu, die diskursorganisatorische Aufgaben hat (vgl. a.a.O.: 54- 69).

Anhand einer Untersuchung spricht Augenstein der metasprachlichen Funktion des jugendspezifischen Sprachgebrauchs folgende Aufgabenbereiche zu. Wie in der Standardsprache gliedert und strukturiert sie das Gespräch, indem sie den Sprecherwechsel organisiert. Sie betont den „Grad der Gewichtung von Redebeiträgen durch Steigerung, Abtönung oder Verstärkung einzelner Teile des Gesagten [...] oder Intensivierungen“ (Augenstein 1998: 67). Dabei steuert sie die Aufmerksamkeit und ermöglicht die Sicherung der Verständigung (vgl. ebd.). Dies geschieht u.a. durch den Einsatz sogenannter „Attention Getter“ wie „`ey Mann`“ (ebd.). Die Ausdrucksfunktion, welche Augenstein beim jugendspezifischen Sprachgebrauch konstatiert, zielt auf die Zugehörigkeit der Jugendlichen zu den drei Kommunikationsräumen oder –ebenen Peer- Group, Jugendszene und Großgruppe Jugendliche ab (vgl. a.a.O.: 100). Darüber hinaus besitzt der jugendspezifische Sprachgebrauch nach Augenstein eine Appellfunktion.

Deren Bedeutung für ihn differenziert sie im Hinblick auf Ingroup- und Outgroup- Dialoge. Der Ingroup- Dialog bezieht sich auf die sprachliche Kommunikation innerhalb einer der drei Ebenen, an der nur Mitglieder des jeweiligen Kommunikationsraums teilhaben. Der Outgroup- Dialog dagegen bezeichnet die Kommunikation von Jugendlichen mit Erwachsenen oder Mitgliedern anderer Jugendgruppen, die nicht zur jeweiligen Ingroup gehören. Im Rahmen des Ingroup- Dialoges signalisiert sie das „Streben nach Aufmerksamkeit und Anerkennung im Kampf um die Gruppenhierarchie“ (a.a.O.: 98). Außerdem stellt sie die bereits erläuterte Gruppengemeinschaft her und entschärft durch Rituale. Hinsichtlich des Outgroup- Dialogs übernimmt sie u.a. die Funktion der Abgrenzung. Dabei betont der Jugendliche aufgrund seines abweichenden Sprachgebrauchs die „sozialsymbolische Ausdrucksfunktion von Jugendsprache als einer Ingroup- Sprache“ (a.a.O.: 99).

Der theoretischen Untersuchung Augensteins stehen die praktischen Untersuchungen von Wachau und Ehmann gegenüber, denen Äußerungen von Jugendlichen zugrunde liegen. Damit weisen sie einen authentischen Charakter auf. Vorsicht ist jedoch bei der Pauschalisierung dieser Ergebnisse geboten, da nicht alle Jugendlichen ihren jugendspezifischen Sprachgebrauch wie die Teilnehmer der Untersuchungen bewerten. Ich baue daher die Ergebnisse kontrastiv ein, um auf die Unterschiede zwischen sprachwissenschaftlicher und jugendlich- laienhafter Bewertung hinzuweisen.

Wachau befragte Jugendliche zu ihrer Einstellung gegenüber jugendspezifischem Sprachgebrauch und wie sie diesen bewerten (vgl. Wachau 1989: 69 ff.). Die Merkmale die sie aus Äußerungen der Jugendlichen sammelte, fasste sie in vier Kategorien zusammen (vgl. a.a.O.: 81).

Das erste Merkmal ist das des Sprachwitzes. Es macht Jugendlichen Spaß, anders zu sprechen, neue Wörter zu erfinden und Ausdrücken neue Bedeutungen zu geben (vgl. ebd.). Dazu kommt der Aspekt der Direktheit, der sich damit begründen lässt, dass sich Jugendliche mit jugendspezifischem Sprachgebrauch im Rahmen der „Gruppenkommunikation klarer, direkter und deutlicher“ (ebd.) ausdrücken können. In der dritten Kategorie erfasst Wachau die Aspekte Spontaneität und Kreativität zusammen, die mit dem Entstehen von Sprüchen in Verbindung stehen. Diese entstehen meist im spontanen Gesprächszusammenhang. Bei der vierten Kategorie handelt es sich um den Aspekt der „Freiheit und Ungezwungenheit oder Sprachnormen innerhalb der Gruppe“ (a.a.O.: 84). Diese Kategorie zielt auf den Ausdruck des jugendlichen Lebensgefühls ab. In diese Kategorie fällt auch der bereits erläuterte Abgrenzungsaspekt, denn die Jugendlichen wollen sich gegen die „Normen der Erwachsenensprache“ (a.a.O.: 85) abgrenzen.

Im Anschluss kritisiert Wachau diese Einschätzung, denn im Ingroup- Dialog existieren ebenso Normen. Auch wenn diese sich dahingehend auszeichnen, dass innerhalb der Gruppenkommunikation keine Erwachsenensprache benutzt wird (vgl. ebd.).

Wachaus Argumentationen kann ich nicht zustimmen, denn Jugendliche setzen sich nicht gegen die „Normen der Erwachsenensprache“ (ebd.) ab, da es keine „Erwachsenensprache“ als solche gibt. Der Begriff „Erwachsenensprache“ ist genauso wie der Begriff „Jugendsprache“ falsch, weil er ein falsches Bild vermittelt. Die Jugendlichen grenzen sich mit ihrem jugendspezifischen Sprachgebrauch gegen die Erwachsenen ab. Dabei greifen sie auf die Standardsprache zurück, wie es oben erläutert wurde. Der Begriff „Erwachsenensprache“ vermittelt das Bild, dass es sich dabei um eine Sprache mit eigenständiger Syntax, Semantik und Grammatik handelt. Stattdessen meint Wachau damit die Standardsprache. Aufgrund dessen wird Wachaus anschließende fehlerhafte Behauptung darüber, dass in Gesprächen Jugendlicher keine „Erwachsenensprache“ (ebd.) benutzt wird, offensichtlich.

Denn wie bereits erläutert benutzen die Jugendlichen die „Erwachsenensprache“ in ihren Gesprächen, da die Standardsprache als Grundlage für jugendspezifischen Sprachgebrauch dient.

Ehmann relativiert die Bedeutung dieses Gruppendrucks. Des Weiteren manifestiert er sechs Motive, die der Verwendung des jugendspezifischen Sprachgebrauchs zugrunde liegen. Diese überschneiden sich zum Teil mit den bisher erläuterten Ergebnissen von Wachau. Es sind der „Protestaspekt, [...] Abgrenzungsaspekt, [...] Aspekt der Credibility, [...] Spiel- und Innovationsaspekt, [...] affektiv- emotionale Aspekt, [...] der kommunikativ- ökonomische Aspekt“ (Ehmann 1992: 20ff.).

Im Sinne des Protestaspekts wird der jugendspezifische Sprachgebrauch aus Protest gegen bestehende Konventionen und als Provokation verwendet (vgl. a.a.O.: 70). Der Abgrenzungsaspekt wurde bereits oben erläutert und soll deshalb an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber Erwähnung finden.

Auch der Spiel- und Innovationsaspekt wurde bereits bei der Untersuchung Wachaus beschrieben. Damit ist die „Freude an Witz, Bildlichkeit, Expressivität und Kreativität“ (a.a.O.: 73) gemeint. Des Weiteren repräsentiert er den Wunsch der Jugendlichen, „etwas Eigenes und Persönliches [...] zu schaffen“ (Ehmann 1996: 21). Jugendliche entwickeln dabei Freude am spielerischen Umgang mit der Sprache. Der Aspekt der Credibility bezieht sich darauf, dass Sprache aus der Sicht von Jugendlichen authentisch klingen soll, um Originalität auszudrücken und um Glaubwürdigkeit zu vermitteln (vgl. ebd.). Dabei soll die Sprache zur Person bzw. ihrer Einstellung passen. Der affektiv- emotionale und der kommunikativ- ökonomische Aspekt beziehen sich auf die Möglichkeit, die der jugendspezifische Sprachgebrauch seinen Sprechern bietet, bestimmte Empfindungen oder Ausdrucks- bzw. Bezeichnungsnotwendigkeiten besser sprachlich zu realisieren, als es die Standardsprache vermag. Dem emotional- affektiven Aspekt wird die Funktion der „kanalisierten Emotionsabfuhr“ (Ehmann 1992: 73) zugeschrieben. In erster Linie bietet er den Jugendlichen die Möglichkeit, die Konflikte, die in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft entstehen und die damit verbundenen Affekte und Emotionen in die Sprache zu transferieren.

Der kommunikativ- ökonomische Aspekt thematisiert die kommunikativen Vorteile, die der jugendspezifische Sprachgebrauch gegenüber der Standardsprache besitzt.

Dabei handelt es sich einerseits um die Flexibilität des jugendspezifischen Sprachgebrauchs aufgrund seiner scheinbaren Regellosigkeit im Gegensatz zur Standardsprache. Andererseits lockert er die Gesprächsatmosphäre auf (vgl. Ehmann 1996: 22). Dies wird besonders beim Gebrauch von Anglizismen deutlich. Deren Ursprung liegt im Einfluss der amerikanischen Musikszene, aus der fremdsprachliche Wörter übernommen werden. Da die deutschen Übersetzungen die jeweiligen Lexeme z.T. falsch oder aber nur unzureichend bezeichnen. Eine genauere Ausführung dieses Aspekts findet sich im Kapitel 2.4.1.

Darüber hinaus stellt Ehmann einen weiteren Aspekt fest: Der jugendspezifische Sprachgebrauch bietet seinen Sprechern durch das „improvisierte Ausweichen auf neue Ausdrucksmöglichkeiten“ (Ehmann 1992: 72) außerdem eine „Kompensationsmöglichkeit sprachlicher Unsicherheit“ (ebd.). Diese äußert sich im „systematischen Überschreiten der traditionellen“ (a.a.O.: 67) Norm und schlägt sich folgendermaßen nieder: In Gesprächen Jugendlicher tauchen oft vollständige Satzabbrüche mit anschließendem Neuanfang sowie Anakoluthe auf. Darüber hinaus werden oft Modalpartikel, die Ehmann als charakteristische Unsicherheitswörter (vgl. a.a.O.: 68) bezeichnet, wie „so`ne, unheimlich, wahnsinnig“ (ebd.), sowie „Entzückungswörter (echt ätzend, geil)“ (ebd.) und „Dehnungsphrasen (und so, oder was)“ (ebd.) verwendet. Abtönungen kennzeichnen hier die Unsicherheit der jugendlichen Sprecher. Diese Sichtweise wird auch von Weber vertreten (vgl. Weber 1984: 80). Diese und weitere linguistische Merkmale werden unten genauer untersucht und beschrieben.

2.2.1. Zusammenfassung

Im Verlauf dieses Kapitels habe ich deutlich gemacht, dass der jugendspezifische Sprachgebrauch von seinen Sprechern eingesetzt wird, um sich gegen die Gesellschaft mit ihren Normen und Wertvorstellungen abzugrenzen. Er ist Ausdruck von Intimität in zwischenmenschlichen Beziehungen und symbolisiert Gruppensolidarität nach außen. Des Weiteren drückt er Freiheit und Ungezwungenheit aus und hat diese auch zum Ziel. Deren Realisierung findet durch ein hohes Maß an Kreativität und Spontaneität statt. Wobei jedoch immer die Standardsprache vorausgesetzt wird.

Ihrem sprachlichen Ausdruck liegen, meiner Meinung nach, Bedürfnisse nach Direktheit, Unkompliziertheit und emotionaler Expressivität zugrunde.

Zudem bietet er seinen Sprechern die Möglichkeit, den Kommunikationszielen entsprechend, Bedeutungen und Ausdrücke aus ihrem Umfeld anders zu realisieren, als die Standardsprache dazu in der Lage ist. Darüber hinaus demonstriert der jugendspezifische Sprachgebrauch nach Ehmann eine Unsicherheit seiner Sprecher im Umgang mit der Standardsprache (vgl. Ehmann 1992: 72). Bei der Zuordnung der Funktionen des jugendspezifischen Sprachgebrauchs unterscheidet man zwischen dem Ingroup- und dem Outgroup- Dialog (vgl. Augenstein 1998: 98ff.).

2.3. Geschichte des jugendspezifischen Sprachgebrauchs

Nach der Definition des jugendspezifischen Sprachgebrauchs stellt sich die Frage, seit wann er auftritt. Ist er ein Produkt des modernen 20. und 21. Jahrhunderts? Oder ist jugendspezifischer Sprachgebrauch nur eine kurzfristige aktuelle Erscheinung?

Fragen dieser Art kann man mit eindeutig negieren, da der jugendspezifische Sprachgebrauch schon seit vielen Jahrhunderten existiert. Er spiegelt den jeweiligen soziokulturellen Wandel der Gesellschaft wider und passt sich ihm in seinen Veränderungen an. Neuland bezeichnet ihn daher treffend als „historische Phänomene“ (Neuland 2003: 91).

Die Anfänge des jugendspezifischen Sprachgebrauchs können auf die Gründungszeit der ersten deutschen Universitäten zurückgeführt werden. Dies wurde bereits im 16. Jahrhundert, damals in Form der Studentensprache, festgestellt (vgl. Ehmann 1992: 32/ 33). Die Ursache dafür stellt die Verdrängung des Lateinischen als „Gelehrtensprache und wissenschaftliche Verkehrssprache“ (a.a.O.: 33) dar. Dessen Ablösung durch das Deutsche fand 1687 statt und wurde durch den Juristen Christian Thomasius initiiert (vgl. ebd.). Henne sieht einen Zusammenhang in der Ursache der Entstehung der Studentensprache zum aktuellen jugendspezifischen Sprachgebrauch. Denn damals wie heute herrschte ein Bedürfnis der Jugendlichen nach einer Bindung untereinander und der Abgrenzung nach außen (vgl. Henne 1986: 6). Neuland bezeichnet den historischen jugendspezifischen Sprachgebrauch daher als „zeit- und sozialgeschichtliche Vorläufer in der Entwicklung von heutigen Jugendkulturen und Jugendsprachen“ (Neuland 2003: 94). Im Verlauf dieses Kapitels werden drei Jugendbewegungen besonders hervorgehoben, da sie die Wegbereiter für den späteren jugendspezifischen Sprachgebrauch darstellen.

Hinsichtlich der Multiplizierung der jugendlichen Gruppierungen und ihres jugendspezifischen Sprachgebrauchs seit den achtziger Jahren, wird darauf verzichtet einen umfassenden chronologischen Abriss bis ins Heute darzustellen. Vielfache Jugendbewegungen waren und sind mit z.B. den jeweiligen Musiktrends eng verknüpft und orientieren sich daran.

2.3.1. Die Studentensprache

Die Studentensprache ist auch für den heutige jugendspezifischen Sprachgebrauch in ihrer Bedeutung ausschlaggebend, deshalb soll sie im Folgenden ausführlich behandelt werden, um ihrer zentralen Stellung innerhalb dieser Arbeit Ausdruck zu verleihen.

Wie bereits betont wurde, existierte die Studentensprache bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Begründet wurde sie, nach Neuland, mit der „durch die Reformation gewonnenen größeren Selbständigkeit“ und der „freieren Ordnung des Studentenlebens“ (Neuland 2003: 92). Auch hier bestand der Wille nach Abgrenzung. Dieses Bedürfnis ist nach Bredehöft und Singmann jedoch in seiner Tragweite nicht zu vergleichen mit dem Abgrenzungsbedürfnis der heutigen Jugend (vgl. Bredehöft/ Singmann 1989: 98). Vielmehr handelte es sich dabei um eine Abgrenzung „gegenüber kleinbürgerlichem und bäuerlichem Leben“ (ebd.). Damit gingen die Studenten konform mit der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung, die besonders im Bürgertum stattfand.

Auch in der Studentensprache lassen sich Einflüsse konstatieren, die prägenden Charakter hatten. So rekonstruiert Ehmann bestimmte Herkunftsbereiche, die der Studentensprache als sprachliche Ressource dienten (vgl. Ehmann 1992: 36ff.). So z.B. die antiken Sprachen, wobei hier dem Lateinischen als Gelehrtensprache besondere Bedeutung zukommt. Weiterhin der biblisch- theologische Bereich, dessen Ausdrücke parodiert und karikiert wurden (vgl. a.a.O.: 37). Auch der „Sprachgebrauch der Gauner“ (a.a.O.: 38) schlug sich in Form von Rotwelsch in der Studentensprache nieder. Rotwelsch ist seit dem vierzehnten Jahrhundert das „Kommunikationsmittel der Unsesshaften“ (ebd.). Daraus bildete sich eine „Art Geheimlexik“, welche auch den Studenten bekannt war.

Der letzte Bereich beinhaltet „zoologische Elemente“, die ihren Niederschlag in der Bezeichnung für fast alle Personen fanden, die mit den Studenten in Kontakt standen. In den Wörterbüchern, die zu dieser Zeit veröffentlicht wurden, konstatierte bereits Wallis 1813 regionale Unterschiede im Sprachgebrauch der Universitäten (vgl. Ehmann 1992: 40). Daraus leitet Ehmann die Feststellung ab, dass zu dieser Zeit „-ähnlich wie heute- Jugendliche die wichtigsten Träger der Dialekte waren“ (a.a.O.: 41).

Bezüglich seiner Aussage über die aktuelle Bedeutung des Dialekts für jugendspezifischen Sprachgebrauch, kann ich Ehmann nicht zustimmen. Bei der Richtigstellung dieser Aussage muss man sowohl die Diachronie als auch die Funktion der Dialekte miteinbeziehen. Bezüglich der Diachronie lässt sich sagen, dass sich der Gebrauch des Dialekts und das Alter des Dialektgebrauchs mit zunehmender Industrialisierung und Urbanisierung stark verändert hat. Als Ursache für die Verbreitung und Veränderung der Sprachbenutzer von Dialekten sieht Mattheier zwei Tendenzen: Einerseits argumentiert er mit der Zunahme „kommunikativer Kontakte in modernen Industriegesellschaften“ (Mattheier 1980: 143). Andererseits sieht er als Ursache die zunehmende Urbanisierung und die „intensiven Kontakte der Städte mit ihrem unmittelbaren Umland“ (ebd.).

Mattheier stellte in seiner Untersuchung fest, dass 1980 der Anteil der dialektsprechenden Altersgruppe ab der Altersgruppe 25 bis 29 Jahre mit 55, 9% hinsichtlich jüngerer Altersgruppen am höchsten war. Diese Tendenz stieg mit zunehmenden Alter. Dementsprechend war der Anteil der dialektsprechenden Altersgruppe mit 66, 4% bei den 40 bis 44- jährigen und bei den 60 bis 64- jährigen am höchsten (vgl. Mattheier 1980: 43).

Anhand dieser Darstellung wird deutlich, dass Ehmanns These nicht zutrifft. Mattheier betont darüber hinaus weitere Teilprozesse der Modernisierung, die im Zusammenhang mit der Verbreitung und Entwicklung des Dialekts zusammenhängen. Dabei greift er auf den Sozialhistoriker Wehler zurück. So galten als wichtige Einflussfaktoren das wirtschaftliche Wachstum mit einhergehender industriell- technischer Expansion und die steigende räumliche und gesellschaftliche Mobilität.

Des Weiteren die Ausgestaltung eines allgemeinen Kommunikations- und Bildungssystems sowie die Ausbildung eines großräumig akzeptierten gesellschaftlichen Werte- und Normensystems (vgl. Mattheier 1980: 146/ 147). Auf den genauen Bedeutungsumfang gehe ich nicht ein, nachzulesen bei Mattheier 1980, S.142ff.

Aufgrund der dargelegten Faktoren, die ihre Gültigkeit immer noch bewahren, kann man davon ausgehen, dass heute, nach expandierter Industrialisierung und Urbanisierung diese Tendenz immer noch zutrifft. Weiterhin besteht ein Zusammenhang dahingehend, dass die Standardsprache zunehmend aus den Bereichen der Fach- und Sondersprachen beeinflusst wird. Auch dies ist ein Beweis für Ehmanns fehlerhafte Darstellung. Integriert man hinzukommend die kommunikativen Funktionen des Dialekts, wird deutlich, dass er schwerpunktmäßig im Bereich der Familie verwendet wird (vgl. a.a.O.: 93).

Schippan fasst dies folgendermaßen zusammen: „Oft soll die Verwendung regional gebundenen Wortguts Vertrautheit, familiäre Nähe signalisieren“ (Schippan 1992: 14). Aufgrund dessen spricht man beim Gebrauch der Dialekte auch von einer sozialen Funktion. Stellmacher verdeutlicht die soziale Verwendung des Dialekts anhand eines Schaubilds. Dabei kommt der Dialekt am häufigsten im kommunikativen Kontakt mit den Eltern, Geschwistern, Ehepartnern und Freunden zum Einsatz (vgl. Stellmacher 1980: 199). David dagegen integriert in ihre Betrachtung über die Einflüsse auf die Studentensprache weitere Gruppensprachen.

Diese sind die Soldatensprache, Jägersprache, Seemannssprache, Kaufmannsprache, die Klostersprache sowie die Kindersprache (vgl. David 1987: 53). Außerdem unterstreicht sie den Einfluss von Fremdsprachen wie dem Französischen und dem Englischen. Die Ursache für diese Tendenz begründet sie mit der bereits angesprochenen Verdrängung des Griechischen und Lateinischen als Gelehrtensprache an den Universitäten und Schulen. Betrachtet man das studentische Vokabular, stößt man auf Begriffe, die auch in der heutigen Standardsprache geläufig sind, wie „Pfennigfuchser“ (David 1987: 14) als Bezeichnung für einen geizigen Menschen. Oder “Moos“ (Ehmann 1992: 38) als Bezeichnung für Geld. Die heutige Alltäglichkeit dieser und anderer Ausdrücke täuscht über den Umstand hinweg, dass sie im 16.- 18. Jahrhundert genauso wenig umgangssprachlich waren, wie es die Ausdrücke des aktuellen jugendspezifischen Sprachgebrauch sind.

2.3.2. Die Pennälersprache

Gemäß Henne ist pennal ein veralteter Begriff für ‚Federbüchse’ (Henne 1986: 6) und stammt vom lateinischen Penna, was soviel heißt wie ‚Feder’ (ebd.). Im 17. Jahrhundert wurden Erstsemester spottend als Pennal (ebd.) bezeichnet. 1875 fand eine Neudeutung des Begriffs statt, bei der Pennal das Gymnasium bezeichnete. Folglich war ein Schüler, der das Gymnasium besuchte, ein Pennäler(vgl. ebd.). Die Pennälersprache hängt eng mit der Studentensprache zusammen. Erste Untersuchungen zu deren Besonderheiten publizierte Kurt Schladebach erst 1904 unter dem Titel „Die Dresdener Pennälersprache“ (vgl. a.a.O.: 8). Dabei konstatierte er den bereits erwähnten Zusammenhang zur Studentensprache dahingehend, dass die Pennälersprache das vorhandene Sprachmaterial der Studenten benutzt und zweckmäßig umdeutet. Henne leitet daraus ab, dass anhand der Pennälersprache sich die „Gruppe der Schüler in der Institution ‚Schule’“ (a.a.O.: 10) selbst darstellt. Daraus resultieren folgende zentrale Erfahrungsbereiche, die in der Pennälersprache aufgegriffen werden. Der „Bereich des erlaubten und unerlaubten „Gebens und Nehmens, [...] der Bereich schulischer Arbeit, [...] akzeptierter und nicht akzeptierter Verhaltensweisen“ (ebd.). Der Bereich der „feindlichen und zu verachtenden Umwelt“ (a.a.O.: 10/11) und der „Bereich jugendlichen Übermuts und [...] Spottlust“ (ebd.). Weiterhin stellt Henne anhand einer Untersuchung fest, dass die Pennälersprache in einem strukturellen Merkmal mit dem heutigen jugendspezifischen Sprachgebrauch übereinstimmt. So benutzt sie Präfixe zur Neuschaffung von Verbbedeutungen, wie z.B. „abkratzen, abpumpen“ (Henne 1986: 10/11). Im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen Studenten- und Pennälersprache überschneiden sich die Einflüsse, welche auf deren Entstehung einwirken (vgl. Ehmann 1992: 43). Darauf werde ich hier nicht eingehen, vergleiche dazu ausführlich Ehmann 1992.

2.3.3. Die Wandervogelbewegung

Die Wandervogelbewegung entstand um die vorletzte Jahrhundertwende und kann somit als Phänomen des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet werden. Ferchhoff bezeichnet sie als erstmalige Jugendkultur, die „in bezug auf Geist und Lebensgefühl“ (Ferchhoff 1991: 126) autonom vorgelebt wurde. Sie wurde 1901 gegründet und hatte ihre „Hochblüte vor dem Ersten Weltkrieg“ (Henne 1986: 17).

Diese Jugendbewegung entstand aus dem „Drang nach Selbständigkeit, Abenteuerlust, Anlage zur Romantik, Wille zur Gesundheit und Natürlichkeit“ (Henne 1986: 18) sowie der „Lust, sich auszutoben“ (ebd.). Damit wendete sie sich gegen die damalige Folgen der Industrialisierung und Urbanisierung und gegen falsche Erziehung (vgl. ebd.). Wandervögel gingen in ihrer Freizeit in die Natur. Sie führten ein, wie Henne es beschreibt, „Doppelleben“ (a.a.O.: 19). Dieses spielte sich einerseits im Elternhaus und der Schule ab. Andererseits ging man, wann immer es die freie Zeit erlaubte, „auf Fahrt“ (ebd.) oder traf sich im „Nest“ (ebd.). Dementsprechend bildete sich eine Lexik, welche die „jugendliche Wanderwelt“ (ebd.) in ihren Einzelheiten erfasste.

2.3.4. Zusammenfassung

Jugendspezifischer Sprachgebrauch existiert in verschiedenen Formen seit über vierhundert Jahren. Seine Entstehung und Verbreitung wurde durch Institutionen wie Universität und Schule, in denen Jugendliche zusammenkamen, ermöglicht und gefördert. So bildete sich eine Sprechweise, die von der Standardsprache variierte und sich zunehmend ausbreitete. Dabei betrachte ich die Studentensprache als Vorreiter des aktuellen jugendspezifischen Sprachgebrauchs. Dies trifft insofern zu, als dass sich aus ihr weitere eigene Teilkulturen und jugendsprachliche Gruppierungen bis heute herausbildeten. Dabei besteht bis heute ein Zusammenhang zwischen gegenwärtigen jugendsprachlichen Ausdrücken und sich historisch entwickelnder Standardsprache.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau entstand die Jugendbewegung der „Halbstarken“ (David 1987: 6), deren Sprache auch als „Halbstarken- Chinesisch“ (Schlobinski/ Heins 1998: 9) bezeichnet wurde. Darauf folgte in den sechziger Jahren die 68er- Generation, deren Sprache die „Teenager- oder Twensprache“ (David 1987: 6) darstellte. In den siebziger Jahren herrschte die „APO- Sprache“ (a.a.O.: 9) vor und seit den achtziger Jahren multipliziert sich die Anzahl der jugendlichen Sprecher gemäß der Vielzahl an Jugendgruppen. So vielfältig wie die Anzahl der Jugendlichen, so vielfältig sind die verschiedenen Jugendbewegungen und ihre Eigenschaften. Diese Tendenz hält bis heute an und lässt sich meiner Auffassung nach zusammenfassend durch Neuland beschreiben.

Sie konstatiert, dass jugendspezifische Sprachgebräuche nicht „autonom in einem gesellschaftlichen Vakuum“ (Neuland 2003: 94) entstehen und funktionieren. Stattdessen werden in ihnen die jeweiligen sprach- und kulturgeschichtlichen Verhältnisse gespiegelt und gegengespiegelt (vgl. ebd.).

2.4. Einflüsse des jugendspezifischen Sprachgebrauchs

Ebenso wie der historische jugendspezifische Sprachgebrauch wird auch der aktuelle von verschiedenen gesellschaftlichen Tendenzen beeinflusst und spiegelt diese wider. Ehmann klassifiziert hinsichtlich des Einflusses auf jugendspezifischen Sprachgebrauch vier Richtungen, die sich sprachverändernd auswirken (vgl. Ehmann 1992: 16ff.). Diese sollen nun detailliert erläutert und im analytischen Teil zur Fundierung der Untersuchungsergebnisse herangezogen werden.

2.4.1. Medien

Ich habe bereits die zentrale der Medien beim jugendspezifischen Sprachgebrauch angedeutet. Ferchhoff verdeutlicht dies, wenn er sagt, dass die „heutigen Jugendkulturen [...] medien- und konsumbezogen“ (Ferchhoff 1991: 135) sind. Ehmann betont, dass der mediale Einfluss auf „die Jugendsprache [...] gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann“ (Ehmann 1992: 18). Dabei würde eine umfassende Erarbeitung und Darstellung aller Mechanismen der Medienindustrie und ihre Wirkung auf die Jugend und ihre Sprache über den Umfang dieser Arbeit hinausgehen. Deshalb sollen im Folgenden nur einige relevanten Aspekte herausgegriffen und erläutert werden.

Die Anfänge jugendlicher Mediatisierung liegen in den fünfziger und sechziger Jahren und folgen amerikanischem Vorbild (vgl. Volkmer 1991: 145f.). Damals wie heute unterstützen sie das Phänomen Jugendkultur und verbreiteten es überregional. Ab diesem Zeitpunkt werden die Jugendlichen als Zielgruppe und „überaus lukratives Marktpotential“ (Ehmann 1992: 16) entdeckt. Der mediale Einfluss manifestiert sich im Konsum von Musik, Fernsehen, Zeitschriften, Radio und Computer, die einen hohen Stellenwert im Leben eines Jugendlichen einnehmen. Nach Ehmann sind Medien aufgrund ihrer „Allgegenwärtigkeit besonders geeignet, Sprachmoden zu vermitteln bzw. zu intensivieren“ (ebd.).

Eine Untersuchung des Medienpädagogischen Forschungsverbands Südwest in Rheinland- Pfalz von 1998 kam zu dem Ergebnis, dass für Jugendliche der Umgang mit Medien nicht nur zum Alltag gehört (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest 1998), er schlägt sich auch in deren Gesprächsthemen nieder. 60% der Gesprächsthemen beinhalteten demzufolge die Bereiche Fernsehen und Programme, 42% den Bereich Zeitschriften, 33% den Bereich des Computers (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest 1998: 49). Demgegenüber beinhalteten nur 12% der Gesprächsthemen den Bereich der Bücher. Als Ursache und Begründung dafür nannten die Jugendlichen das „Bedürfnis nach Spaß und Unterhaltung“ (ebd.).

Diese Argumentation ist bis heute im Rahmen unserer „Spaß- und Freizeitgesellschaft“ haltbar. Um diesem Bedürfnis nachzukommen sahen 1998 95% aller Jugendlichen in Rheinland- Pfalz täglich oder mehrmals pro Woche fern. 94% von ihnen hörten täglich oder mehrmals pro Woche CD`s oder Musikkassetten und 85% hörten Radio. 59% aller Befragten lasen täglich oder mehrmals pro Woche die Zeitung und 49% lasen Zeitschriften und Magazine (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest 1998: 49). Der Zusammenhang, der zwischen Medien und Jugendsprache besteht, lässt sich folgendermaßen beschreiben. Die Trends, die von den Medien gesetzt werden, übernehmen Jugendliche mit dem Ziel „in“ zu sein und imponieren zu können (vgl. Ehmann 1992: 75).

Die Ursache für den hohen Stellenwert, den Musik- v.a. englischsprachige- besitzt, begründet Ehmann dahingehend, dass sie aktuelle Themen beschreibt. Diese berühren die „noch nicht vollständig sozialisierten Jugendlichen affektiv stark“ (ebd.). Jugendliche identifizieren sich mit ihren Idolen, die für sie eine Vorbildbedeutung haben. Medien besitzen demzufolge eine wichtige Sozialisationsfunktion im Prozess der Identitätsbildung. Baacke geht mit seinen Überlegungen einen Schritt weiter, indem er betont, dass durch den medialen Konsum „infantile Bestrebungen, [...] regressive und narzisstische Handlungen [...] partiell ausgelebt werden“ (Baacke 1989: 107) können. Er begründet diese These damit, dass der Medienkonsum teilweise das jugendliche „Bedürfnis nach Körperempfinden, ganzheitlichen Erfahrungen, intensiven Gefühlen, (Größen-)Phantasien, Geborgenheitserlebnissen usw.“ (a.a.O.: 110) zufrieden stellt. Auch Nowottnick erachtet den medialen Bereich der Musik als besonders wichtig.

Er hat die jugendliche Erlebniswelt zum Inhalt und bietet ihnen sowohl Freiraum als auch eine Identifikationsmöglichkeit (vgl. Nowottnick 1989: 62). Die verschiedenen Musikstile dienen im Rahmen der Peer- Group der Manifestation von Gemeinsamkeiten. Aufgrund dessen definieren sich die Jugendlichen über ihren Musikstil (vgl. Schlobinski/ Heins 1998: 64). Dabei kommt diesem im Sinne des Abgrenzungsaspekts eine wichtige Ausdrucksfunktion sowohl innerhalb der Ingroup, als auch gegenüber der Outgroup- im Sinne des Abgrenzungsaspekts- zu (vgl. a.a.O.: 64).

Eine besondere Wechselwirkung besteht zwischen Werbung und jugendspezifischem Sprachgebrauch. Werbestrategien wie Einprägsamkeit werden von der Jugendsprache insofern aufgegriffen, als dass sie im jugendspezifischen Sprachgebrauch Erwähnung finden. Im Gegenzug werden die jeweiligen Produkte durch Vertreter oder Idole der jeweiligen Zielgruppe repräsentiert. Nowottnick fasst das sich gegenseitig beeinflussende Verhältnis des jugendspezifischen Sprachgebrauchs und Medien anhand zweier Grundpositionen folgendermaßen zusammen: Einerseits wird der jugendspezifische Sprachgebrauch von den Medien aufgegriffen. Dabei kommt den Medien die Rolle der „Sprachverwender“ (Nowottnick 1989: 4) zu. Andererseits schöpft der jugendspezifische Sprachgebrauch aus der medialen Sprache, womit die Medien in diesem Fall die Rolle des „Sprachspenders“ (ebd.) übernehmen. Insgesamt findet eine „Funktionalisierung der Jugendsprache“ (Ehmann 1992: 94) statt, die psychologisch und verkaufsstrategisch gezielt eingesetzt wird. Dabei wird nach Ehmann „gezielt mit [...] Effekten und Ausdrücken gearbeitet, von denen sich die Produzenten eine hohe Ansprech- und somit Erfolgsquote bei den im emotionalen Bereich leicht beeinflussbaren und beeindruckbaren Jugendlichen versprechen“ (a.a.O.: 102). Er vermutet daher, dass die Medien „zum Teil sondersprachliche Ausdrücke regelrecht diktieren“ (ebd.). Demgegenüber steht ein vielfältiges Angebot in allen medialen Bereichen, welches exakt auf die Bedürfnisse der Jugendlichen zugeschnitten ist und aus dem sie in ihrer Freizeit auswählen können.

Eine weitere Erscheinungsform der Medien, die sich sprachbeeinflussend auf jugendspezifischen Sprachgebrauch auswirkt, sind Comics. Diese zeichnen sich grundsätzlich durch eine „relativ niedrige und anspruchslose Sprache“ (a.a.O.: 107) aus.

Dabei erhebt sich der Vorwurf, dass sie bezüglich der lexikalischen Ausdrucksfähigkeit zu einer „radikalen Verarmung des sprachlichen Ausdrucks“ (Ehmann 1992: 108) beitragen. Die Ursache dafür liegt in der geringen „Wortschatzquantität“ (a.a.O.: 109), welche die Comic- Sprache aufzeigt.

Ich distanziere mich hier von Ehmanns Aussage, da diese den zu beschreibenden Sachverhalt meiner Meinung nach nicht richtig darstellt. So handelt es sich bei der Sprache die in den Comics verwendet wird, nicht aufgrund der „geringen Wortschatzquantität“ (ebd.) um eine anspruchslose Sprache. Denn hinsichtlich der kommunikativen Funktion von Comics erfüllen diese in ihrem Sprachgebrauch die kommunikative Funktion aus der Sicht der Leser. Dem gemäß kann man auch bei Comics von keiner „Verarmung des sprachlichen Ausdrucks“ (a.a.O.: 108) sprechen. Deren kommunikative Funktion realisieren sie darüber hinaus durch sprachliche Besonderheiten. Diese sind „Lautwörter“ (a.a.O.: 110) und „Wurzelwörter“ (Schlobinski u.a. 1993: 32).

Lautwörter lassen sich nach Henne in zwei Kategorien unterscheiden. Sie stellen sowohl „lautnachahmende“ (Henne 1986: 75) Ausdrücke, wie „knacks“ und „peng“ (ebd.), als auch „lautcharakterisierende“ (ebd.) Ausdrücke, wie „ächz“ und „würg“ (ebd.), dar. Wurzelwörter werden dagegen nur aus dem Verbstamm gebildet. Sie sind nach Schlobinski „Erfindung der Redakteure“ (Schlobinski u.a. 1993: 39) und geben „Handlungen und Kommentare“ (ebd.) durch Ausdrücke, wie „meditier, kicher, japs“ (ebd.), wider. Auch die Sprache der Comics fließt in den jugendspezifischen Sprachgebrauch ein und wird von den Jugendlichen imitiert. Dadurch wird deutlich, dass sowohl Comic- Sprache als auch ihre Figuren eine Vorbildfunktion für Jugendliche besitzen. Schlobinski unterscheidet zwischen zwei Formen des Umgangs von Jugendlichen mit ihrem Medienwissen. Die erste bezeichnet er als „Spoteinblendung“ (ebd.). Dabei bauen die Jugendlichen Zitate aus dem Bereich der Medien spontan in die Kommunikation ein (vgl. ebd.). Die zweite Form ist die der spielerischen Variation (vgl. ebd.), wobei es sich um einen „Rückgriff auf kulturelle Ressourcen“ (ebd.), die abgewandelt und verfremdet werden (vgl. ebd.), handelt. Aufgrund der vorangegangenen Überlegungen lässt sich Schlobinskis Annahme, dass das „Medienwissen [...] bei Jugendlichen so präsent“ ist, dass es „jederzeit abgerufen und in die Kommunikation“ (Schlobinski/ Heins 1998: 14) eingebaut werden kann, nur bestätigen. Des Weiteren weist Schlobinski darauf hin, dass der aktuelle jugendspezifische Sprachgebrauch nicht den Protestaspekt intentionalisiert. Dabei handelt es sich vielmehr um den „Teil einer durch Medien geprägten Kultur des Spaßes und der Zerstreuung“ (Schlobinski/ Heins 1998: 15), in der es um Vergnügen geht. Diese Aussagen sind Ergebnis seiner Untersuchung, welche im Kapitel 2.5.2.1. vorgestellt wird. Entsprechend dem hohen Stellenwert, den Jugend und ihr jugendspezifischer Sprachgebrauch besitzt, versuchen die Medien auf vielen Wegen das Thema zu kommerzialisieren. Nowottnick beschreibt die Kommerzialisierung der Jugendkultur als „dynamischen Prozeß“ (Nowottnick 1989: 27), bei dem die „Industrie [..] Bedürfnisse, Trends und Stile der Jugendlichen“ (ebd.) aufgreift. Diese werden durch die „Medien kanalisiert“ (ebd.) und überregional verbreitet, so dass auch Erwachsene daran teilhaben können. Sie differenziert zwei Ebenen der Thematisierung des jugendspezifischen Sprachgebrauchs durch die Medien. Diese findet in erster Linie direkt statt, wobei den Medien, die bereits erläuterte Rolle der Sprachverwender zukommt. Auf der zweiten Ebene ist sie „indirekt metakommunikativ beschreibend und kommentierend“ (ebd.).

Einige Linguisten kritisieren zunehmend die Instrumentalisierung und Kommerzialisierung des jugendspezifischen Sprachgebrauchs durch die Medien. So bezeichnet z.B. Schlobinski Jugendsprache als „Medienprodukt“ (Schlobinski u.a. 1993: 11) mit „Unterhaltungswert“ (ebd.). Aufgrund dessen entstehen immer mehr Wörterbücher oder Sprüchesammlungen zum jugendspezifischen Sprachgebrauch. Beispiele dafür sind Müller- Thuraus „Laß uns mal `ne Schnecke angraben“ (1983), „Oberaffengeil“ (1996) oder Ehmanns „Voll konkret“ (2003), deren Funktion im Unterhaltungswert liegt. Schlobinski kritisiert die sprachwissenschaftliche Fundierung der dargestellten Ergebnisse, die er als „fragwürdig“ (ebd.) und „ grob pauschalisierend“ (ebd.) bezeichnet. Gabi Willenberg betont in einer Rezension zu Müller- Thurau, dass dessen „empirische Basis [...] äußerst zweifelhaft“ (ebd.) erscheint. Dabei wird Büchern dieser Art vor allem vorgeworfen, dass sie ihren Lesern das Bild „einer uniformen Jugend, die eine einheitliche und relativ beständige Sprache spricht“ (Schlobinski/ Heins 1998: 10) vermitteln. Eine Vorstellung, welche in dieser Arbeit bereits zu Beginn widerlegt wurde.

2.4.2. Fach- und Sondersprachen

Auch der Einfluss der Fach- und Sondersprachen spielt, wie man es bereits bei der Studentensprache gesehen hat, eine große Rolle. Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Anwendungsbereich des Computers zu (vgl. Ehmann 1993: 18). Die Untersuchung des Medienpädagogischen Forschungsverbands Südwest hat ergeben, dass 1998 48% aller befragten Jugendlichen täglich oder mehrmals pro Woche den PC benutzen (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest 1998: 49). Dabei spielt der Computer besonders im Leben von Jungen eine zentrale Rolle. 63% aller befragten männlichen Untersuchungsteilnehmer benutzen täglich bzw. mehrmals pro Woche einen PC. Dem steht mit nur 33% ein sehr geringer Anteil der befragten weiblichen Untersuchungsteilnehmer gegenüber. Dieses Ergebnis wird dadurch gestützt, dass bei der Frage, auf welches Medium am wenigsten verzichtet werden kann, der Computer an dritter Stelle steht. Für 19% aller befragten Jugendlichen ist er unverzichtbar (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest 1998: 46). Aufgrund des zunehmenden Stellenwerts, den der Computer in den letzten fünf Jahren erfahren hat, kann man davon ausgehen, dass bei einer aktuellen Umfrage die Ergebnisse entsprechend höher wären, denn fast jeder Jugendliche besitzt mittlerweile einen eigenen Computer.

Weitere Fach- und Sondersprachen, die den jugendspezifischen Sprachgebrauch beeinflussen, sind Rotwelsch, „Sport-, Soldaten-, Drogen-“ und „Knastjargons“ (Ehmann 1993: 18). Einige dieser Einflüsse werden im Folgenden aufgegriffen und erläutert. David betont, dass die Fach- und Sondersprachen, welche jugendspezifischen Sprachgebrauch beeinflussen, „eng mit den Erfahrungen der Jugendlichen“ (David 1987: 83) zusammenhängen. Daraus erklärt sich wiederum die Konstanz des Einflusses.

Die Einwirkung aus dem Bereich des Sports erklärt sich aus dessen zentraler Stellung im Freizeitverhalten Jugendlicher und findet sich in Ausdrücken wie „timen, [...] durchdrehen, [...] abseilen, [...] düsen“ (Ehmann 1992: 122). Auch das Rotwelsch übt auf die Jugendlichen einen hohen Reiz aus. Dieser resultiert nach Ehmann aus einer „emotionalen Verbundenheit vieler Jugendlicher mit gesellschaftlichen Rand- und Außenseitergruppen“ (a.a.O.: 123), welche er als „Underdog- Mentalität“ (ebd.) bezeichnet.

Die Ursache dafür sieht er darin, dass beide Gruppen in die bestehenden standardsprachlichen Normen „Nicht-Integriert- Werden- Wollen“ (Ehmann 1992: 123). Auch die Soldatensprache, deren Einfluss bereits auf die Studentensprache verzeichnet wurde, wirkt sich auf den heutigen jugendspezifischen Sprachgebrauch aus. Sie spiegelt sich in Ausdrücken wie „Fluppe (= Zigarette), [...] Granate (= eindrucksvolles Mädchen), [...] Kohle(= Geld)“ (a.a.O.: 125) wider.

2.4.3. Dialekte

Der Einfluss der Dialekte auf den jugendspezifischen Sprachgebrauch ist für meine Arbeit von besonderer Bedeutung. Ehmann stellt in einer Untersuchung, die im Kapitel 2.5.1.2. detailliert dargelegt wird, fest, dass der Dialekt den jugendspezifischen Sprachgebrauch ebenfalls beeinflusst. Demzufolge weist dieser regionale Unterschiede auf (vgl. Ehmann 1993: 19). Ob und inwieweit diese Aussage zutrifft, ist eines der erklärten Ziele dieser Arbeit und wird im analytischen Teil des dritten Kapitels untersucht. Bisher wurde diese Thematik nicht intensiv erforscht, daher existiert nur wenig wissenschaftliches Material diesbezüglich.

Nach Goossens ist Dialekt „der als Ausdrucksweise der Sprachgemeinschaft eines Ortes zu betrachtende, auf lokale Verwendung zielende Komplex von Sprechweisen“ (Christen 1998: 37). Durch die „areale Determination“ (Löffler 1985: 162) besitzt er keine überregionale Reichweite. Er ist daher regional begrenzt. Die regionalen Unterschiede im jugendspezifischen Sprachgebrauch manifestieren sich v.a. im Bereich der Wortkenntnis und des Wortgebrauchs (vgl. Neuland 1998: 81/ 82). So hat z.B. ein Vergleich Neulands gezeigt, dass Jugendliche aus dem ehemaligen Ostdeutschland hinsichtlich der Bedeutungszuschreibung beim Ausdruck „Braut“ (a.a.O.: 84/ 85) eher auf die Kategorie der traditionellen Bedeutung: „Frau kurz vor der Hochzeit“ (ebd.) zurückgreifen als ehemalige westdeutsche Jugendliche. Die Ursachen für diese Unterschiede könnten die unterschiedlichen Sozialisations- und Lebensbedingungen sein unter denen die Jugendlichen aufwachsen. Diese variieren in jeder Region hinsichtlich der Lebenswelt und des Erfahrungsraums (vgl. a.a.O.: 91). Dementsprechend variabel sind auch Gruppenstrukturen, Probleme und Gruppenmechanismen, die Einfluss auf die Entwicklung der Jugendlichen nehmen (vgl. ebd.).

Besonders in „mundartloyalen“ (Ehmann 1992: 17) Regionen wie in Bayern ist der Einfluss des Dialekts auf den jugendspezifischen Sprachgebrauch hoch.

Der Gebrauch von Dialekt wird dadurch begünstigt, dass er im Bereich der mündlichen Kommunikation Vorteile gegenüber der Standardsprache aufweist. Diese sind z.B. „Direktheit, Konkretheit, Realitätsnähe und Unkompliziertheit“ (a.a.O.: 18). Jugendspezifischer Sprachgebrauch zeichnet sich aus der Sicht seiner Sprachbenutzer durch ähnliche Vorteile aus (vgl. Kapitel 2.2.). Hinzu kommt, dass Jugendliche heutzutage u.a. die „Hauptträger der Dialekte“ (a.a.O.: 19) sind. Diese Tendenz trifft jedoch nur für Jugendliche aus ländlichen Gebieten zu.

Ehmann konstatiert, dass Jugendliche aus ländlichen Gegenden ihren Dialekt „nicht nur ganz bewusst, sondern mit einigem Stolz“ (Ehmann 1992: 21) im Sinne des Protestaspekts einsetzen. Dabei wenden sie sich gegen die „standardisierten Sprachnormen“ (ebd.), welche ihnen von Schule und Beruf „aufgezwungen“ (ebd.) werden. Dialekte sind auch an „Wortbildung, Wortschatz, Grammatik und Syntax“ (a.a.O.: 23) in „struktureller Hinsicht beteiligt“ (ebd.). Die Verwendung von dialektalen Ausdrücken bleibt jedoch nicht nur auf das jeweilige Dialektgebiet beschränkt, sondern fließt aufgrund der „hohen Mobilität [...] Jugendlicher“ (Ehmann 1992: 131) auch in andere Dialektgebiete ein. Demzufolge spielen Dialekte im jugendspezifischen Sprachgebrauch auch überregional eine große Rolle. Die Bedeutung der Dialekte für den jugendspezifischen Sprachgebrauch wird darüber hinaus dahingehend betont, dass der Gebrauch des Dialekts verschiedene kommunikative Funktionen beinhaltet die mit der Standardsprache nicht zu realisieren sind. Mattheier unterscheidet drei Typen bei denen Dialekt hinsichtlich der Standardsprache unterschiedliche Rollen spielt (vgl. Mattheier 1980: 166ff.). In bestimmten Sprachgemeinschaften wird der Dialekt von der Standardsprache stark beeinflusst und nur noch von den alten Leuten gesprochen. Man ordnet diesem Typ die Funktion des Dialekt als „Reliktsprache“ zu (vgl. Braun 1987: 22). Beim zweiten Typ spricht man vom Dialekt als Sozialsymbol. Diesen Typus gliedert Mattheier in Typ 2a und 2b. Typ 2a zeichnet sich dadurch aus, dass er in der Alltagssprache positiv bewertet und „sozial und situativ gesteuert verwendet wird“ (a.a.O.: 167). Bei Typ 2b wird der Dialekt zwar verwendet, dessen Gebrauch ist allerdings negativ belegt. Beim dritten Typ nimmt der Dialekt die Funktion der Hauptvarietät ein.

Dabei stellt der Dialekt die Alltagssprache der gesamten Sprachgemeinschaft dar und er wird sehr positiv bewertet. „Nichtdialektsprecher haben Schwierigkeiten, sich gesellschaftlich zu integrieren“( Mattheier 1980: 167). Die soziale Funktionen des Dialektgebrauchs habe ich bereits angesprochen. „Dialekt stellt [...] eine spontane und engere Beziehung“ (Löffler 1985: 162) zwischen den Kommunikationspartnern her. Er kann bestimmte Sachverhalte den Kommunikationszielen entsprechend besser darstellen und ermöglicht es, den Kommunikationspartner „unmittelbar an Gefühlen, Eindrücken oder ‚momentanen’ Affektlagen teilhaben zu lassen“(ebd.). Damit hat Dialekt eine distanzmindernde und gruppenfestigende Wirkung (vgl. ebd.). Er findet seinen Gebrauch v.a. im familiären und freundschaftlichen Bereich. Chloupek beschreibt ihn daher als „Ausdruck gesellschaftlicher Solidarität mit der Familie, Freunden, Bekannten“ (Chloupek 1980: 167).

2.4.4. Fremdsprachen

Der zunehmende Stellenwert, den Internationalität und Globalität in unserer Gesellschaft besitzt, schlägt sich auch im jugendspezifischen Sprachgebrauch nieder. Die größte Bedeutung kommt dabei der zunehmenden Amerikanisierung unserer Gesellschaft zu, welche sich auch im jugendspezifischen Sprachgebrauch verfolgen lässt. Untergeordnete Rollen spielen dagegen Fremdsprachen wie Italienisch, Griechisch, Lateinisch oder Französisch (vgl. David 1987: 117). Im Folgenden soll der Einfluss des Englischen auf den jugendspezifischen Sprachgebrauch genauer untersucht werden. Die gesellschaftspolitische und soziokulturelle Amerikanisierung Europas hat zur Folge, dass nahezu alle Lebensbereiche von englischsprachigen Ausdrücken bestimmt sind. Englisch ist das „führende internationale Verständigungsmedium geworden“ (a.a.O.: 119). Der Einfluss amerikanischer Mediatisierung auf deutsche Jugendliche in den fünfziger Jahren wurde bereits angesprochen. Diese Tendenz hält bis heute an. Man kann daher sagen, dass die „entscheidenden neuen Impulse, die Jugendkulturen hierzulande erhalten“ (Baacke 1987: 45) aus den USA kommen. Eine weitere Ursache für die wachsende Verwendung von Anglizismen liegt in der Popularität englischsprachiger Musik begründet. Ehmann sieht auch „sprachdynamische Gründe“ (Ehmann 1992: 120) als Ursache.

Er begründet dies dahingehend, dass bei „Inkongruenz eines englischen Wortes und seiner deutschen“ (Ehmann 1992: 120) Übersetzung, der englische Ausdruck vorgezogen wird, da er den jeweiligen Sachverhalt präziser erfasst. Andererseits tritt an dieser Stelle auch der kommunikativ- ökonomische Aspekt in Kraft. Denn oft suchen Jugendliche nach „bequemen Wortmustern, um schwer zu beschreibende Sachverhalte und Emotionslagen verbalisieren zu können“ (ebd.). Dabei greifen sie auf fremdsprachliche, meist englische Ausdrücke zurück, die sie allerdings „unkorrekt“ (ebd.) gebrauchen. Ehmann definiert darüber hinaus psychologische Gründe für den Gebrauch von fremdsprachlichen Ausdrücken. So besitzen fremdsprachliche Ausdrücke einen gewisse Wirkung, die „Weltoffenheit, [...] Bereitschaft zu Internationalität und eine gewisse Bildung“ (Ehmann 1992: 120) signalisieren.

2.4.5. Vulgärer Wortschatz

Schimpfwörter, Flüche und vulgäres Wortgut existieren bereits seit Jahrhunderten (vgl. Glück/ Sauer 1997: 36). Aufgrund zunehmender gesellschaftlicher Liberalisierung und damit einhergehender Enttabuisierung der Sexualität werden Ausdrücke, die dem vulgären Wortschatz entstammen, zunehmend im jugendspezifischen Sprachgebrauch verbalisiert (vgl. Kluge 1996: 38). Damit greifen die Jugendlichen auf traditionellen Sprachgebrauch zurück. Dessen Bezeichnungen haben sich im Laufe der Zeit nicht deutlich verändert. Verändert hat sich jedoch die Geltung der einzelnen Lexeme. Benennungen, die früher als „vulgär“ galten, besitzen heute lediglich eine „derbe“ Konnotation. Ein Beispiel dafür sind Schwanz, Möse und Titten.

Während diese Bezeichnungen früher als „vulgär“ galten, besitzen sie heute eine „derbe“ Konnotation (vgl. Glück/ Sauer 1997: 38). Ein Beispiel für ein „vulgäres“ Lexem ist nach wie vor Fotze (vgl. ebd.).

Eine weitere Ursache für den Einfluss von Vulgarismen auf den jugendspezifischen Sprachgebrauch besteht im hohen Stellenwert, den Sexualität während der Pubertät besitzt. Darüber hinaus grenzen sich die Jugendlichen mit obszönem Wortgut gegen die konventionelle Standardsprache und ihre wertneutralen Bezeichnungen ab.

Kluge hat in seiner Untersuchung 1996 festgestellt, dass Jugendliche und junge Erwachsene insbesondere in Kommunikationssituationen mit Freunden oder Bekannten, aber auch in der Öffentlichkeit und der Familie verstärkt vulgärsprachliche Ausdrücke benutzen (Kluge 1996: 54ff.). Dies zeigt, dass vulgärsprachliche Bezeichnungen ein Kommunikationsmittel für Jugendliche unter ihresgleichen darstellt, deren Funktion darin besteht, sich gegen die Erwachsenen und die Standardsprache abzugrenzen. Diese Abgrenzung findet durch den Gebrauch eigener Ausdrücke statt.

Der Gebrauch vulgärer bzw. derb- umgangssprachlicher Bezeichnungen wird von Jugendlichen meist zu „Ironie, Sarkasmus oder derber Provokation“ realisiert (Osthoff 1996: 190). Dadurch versuchen die Jugendlichen Tabus zu brechen (vgl. ebd.). Vulgäre bzw. derb- umgangssprachliche Benennungen können Bedeutungen aus dem Bereich der Sexualität, des Politisch- Sozialen, der Körperteile sowie der Körperfunktionen thematisieren (vgl. Glück/ Sauer 1997: 37). Dabei wird nicht die Sexualität an sich thematisiert, sondern vielmehr als Erlebnis, „als biologisch gegebener und auf Befriedigung gerichteter Grundtrieb“ (Müller 1996: 137). In der Pubertät setzen sich Jugendliche mit diesem Thema sehr intensiv auseinander und sammeln erste Erfahrungen. Um diese entsprechend ihren Kommunikationsabsichten inhaltlich adäquat und gefühlsauthentisch verbalisieren zu können, greifen sie auf vulgärsprachliche Benennungen zurück, da die Standardsprache ihren Anforderungen nicht Genüge leistet. Die Jugendlichen intendieren während der Pubertät eine ehrliche und offene Kommunikation, der gegenseitiges Verstehen zugrunde liegt. Trotz der Tradition des obszönen Wortguts und der Liberalisierung der Gesellschaft wird dem jugendspezifischen Sprachgebrauch u.a. der Vorwurf gemacht, dass er sprachlich verroht und zum Verfall der Sprache beiträgt. Dem kann ich nicht zustimmen.

Denn die Ursachen dafür liegen im Rahmen der Bewältigungsaufgaben, die Jugendliche während der Pubertät zu erfüllen haben, um eine eigene Identität zu finden. Jugendliche versuchen im jugendspezifischen Sprachgebrauch „adäquate Ausdrucksformen für die eigene Welt“ zu finden (vgl. Müller 1996: 189). „Sich ständig der eigenen Befindlichkeit und der eigenen Körperlichkeit zu versichern und sich darüber zu artikulieren, stellt einen hohen Wert innerhalb jugendlicher Kommunikationsformen dar“ (Osthoff 1996: 189).

Weiterhin argumentiere ich im Sinne der Brüder Grimm, die feststellten, dass vulgäre bzw. derb- umgangssprachliche Bezeichnungen nichts Unnatürliches thematisieren, sondern etwas, das jeder Mensch verrichtet, besitzt oder tut (vgl. Grimm 1854: 32). Daher kann man diese Bereiche in der Öffentlichkeit thematisieren (vgl. a.a.O.: 33). Die Verbalisierung von Sexualität erfolgt in der Standardsprache durch eine gewisse Unanschaulichkeit, durch Euphemismen. Häufig werden sexuelle Bedeutungen hinter fremdsprachlichen oder fachsprachlichen und damit wertneutralen Bezeichnungen versteckt (vgl. Osthoff 1996: 141). Diese sind weitgehend frei von Nebenvorstellungen und Assoziationen (vgl. a.a.O: 143). Während die Benennungen der Standardsprache sexuelle Direktheit und Konkretheit umgehen, hat der jugendspezifische Sprachgebrauch diese gerade zum Ziel. Denn Wörter aus dem derb- umgangssprachlichen oder vulgärsprachlichen Bereich sind im Unterschied zu standardsprachlichen oder fachsprachlichen Bezeichnungen „anschaulich, konkret, spontan, lustvoll“ (Müller 1996: 147). Außerdem besitzen sie eine „Anschauungs- und Verständlichkeitsfunktion“ (a.a.O.: 148), da sie Sachverhalte klar bezeichnen. Darüber hinaus werden Bezeichnungen wie geil nicht nur in ursprünglicher Bedeutung verwendet, sondern metaphorisierend auf andere Kommunikationszusammenhänge übertragen. Dabei erfahren sexualsprachliche Bezeichnungen sowohl in der Standardsprache als auch im jugendspezifischen Sprachgebrauch immer neue Bedeutungsauf- und Bedeutungsabwertungen.

2.4.6. Zusammenfassung

Anhand dieser Darstellung wird ersichtlich, dass die externen Einflussfaktoren des jugendspezifischen Sprachgebrauch nicht zu unterschätzen sind. Die Bedeutung, die dabei den einzelnen Faktoren zukommt, variiert regional. Dabei besitzt, meiner Auffassung nach, der mediale Bereich und der Bereich der Fremdsprachen den größten Einfluss. Dies zeigt sich insbesondere zwischen der aktiven Wechselwirkung, die zwischen den Medien und dem jugendspezifischen Sprachgebrauch besteht. Denn einerseits greifen die Medien jugendspezifischen Sprachgebrauch auf und verwenden ihn in strategischer Absicht. Während auf der anderen Seite der jugendspezifische Sprachgebrauch auf die Medien zurückgreift und sich daran orientiert.

Aufgrund des steigenden Stellenwerts der Fremdsprachen, der mit zunehmender Internationalisierung einhergeht, steigt auch die Verwendung der fremdsprachlichen Ausdrücke im jugendspezifischen Sprachgebrauch. An dieser stelle überschneiden sich die Einflüsse aus dem medialen und dem fremdsprachlichen Bereich, denn auch beim medialen Konsum spielen Fremdsprachen, besonders Englisch, eine sehr große Rolle. Dies lässt sich zusätzlich durch die zentrale Bedeutung und Sozialisationsfunktion des medialen Bereichs hinsichtlich der Identitätsbildung betonen.

Der Einfluss aus dem Bereich des vulgären bzw. derb- umgangssprachlichen Wortschatzes ordne ich ebenfalls eine sehr hohe Bedeutung zu. Denn dieser spiegelt sich in sehr vielen Ausdrücken wider. Darüber hinaus besitzt Sexualität während der Pubertät einen hohen Stellenwert, den die Jugendlichen im jugendspezifischen Sprachgebrauch verarbeiten.

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Details

Seiten
165
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638344647
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34160
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,3
Schlagworte
Kontrastive Untersuchung Besonderheiten Jugendsprache Thema Jugendsprache

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Titel: Kontrastive Untersuchung linguistischer Besonderheiten in der Jugendsprache