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Genus verbi. Kategorien des Verbs in der deutschen Grammatik

Protokoll einer Stunde zum Seminar "Das Verb im Deutschen" (SS 2013)

Vorlesungsmitschrift 2014 5 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Diathese

II. Genus verbi

III. Medium

Der zu behandelnde Inhalt der heutigen Sitzung des Seminars Das Verb im Deutschen am Dienstag, den 28.05.2013, ist die Verbkategorie des Genus verbi.

Die Sitzung lässt sich in drei Themenschwerpunkte gliedern. Zunächst wird der Begriff der Diathese erläutert und inhaltlich gefüllt, dann der eigentliche Begriff des Genus verbi mit der Schwerpunktsetzung auf das Passiv mit seinen semantischen und morphologischen Charakteristika und schließlich wird das Medium (middle voice) besprochen.

I. Diathese

Der erste Punkt auf der Tagesordnung des Seminars ist die Klärung und Einführung der Begrifflichkeit der Diathese. Diese sei in der Sekundärliteratur nicht konsequent definiert. Während manche Quellen von einer Deckungsgleichheit mit dem Begriff des Genus verbi ausgehen, vertreten andere Quellen, dass die Diathese eine breitere Erscheinung umfasst, unter deren Überbegriff das Genus verbi fällt. Wir folgen zunächst der Definition von Bußmann: “Diathese [Griech. d iáthesis >das Auseinanderstellen<, engl. voice ]. Aus dem Griech. übernommene Bezeichnung für → Genus verbi (→ Aktiv, → Passiv, →Medium) und für andere reguläre Valenzrahmenwechsel wie → Akkusativierung, → Antipassiv, → Applikativ, → Dativierung, → Kausativum u.a.“[1]

Es wird also zwischen dem eigentlichen Genus verbi und verschiedenen Varianten von Valenzrahmenwechseln unterschieden.

Ein einfaches Beispiel für Valenzrahmenwechsel ist die Akkusativierung. Diese ist eine in vielen Nominativsprachen realisierte Variationsmöglichkeit des Valenz-Rahmens.

„Ich antworte auf eine Frage.“ → „Ich beantworte eine Frage.“ Hier wird aus dem Präpositionalobjekt ein Akkusativobjekt. Dieser Wechsel, der auch mit Dativ- und Genitivobjekten möglich ist, wird als „relation change“ (valency change, argument shifting) bezeichnet.[2]

Untersucht man folgende Beispielsätze, so wird deutlich, dass trotz verschiedener Methoden der Realisierung die Sätze doch semantisch sehr ähnlich sind. Die Aussage des Sachverhalts bleibt gleich, es sind nur Unterschiede in der Betonung der Personen ersichtlich. Man spreche hier von verschiedenen Ausprägungen von Diathesen:

Sie schenkt ihm einen Esel.

Ihm wird (von ihr) ein Esel geschenkt.

Ein Esel schenkt sich leicht.

Sie beschenkt ihn (mit einem Esel).

Er wird (von ihr) (mit einem Esel) beschenkt.

Er kriegt (von ihr) einen Esel geschenkt.

Es lässt sich also sagen, dass bei nahezu gleicher Bedeutung des Verbes die syntaktischen Argument-Positionen verändert werden oder sich diese in verschiedenen phrasalen Rahmen spiegeln.

Ferner manifestieren sich die Diathesen morphologisch-syntaktisch oder analytisch.

II. Genus verbi

Zunächst bezieht sich die Dozentin auf den Text von Hentschel und Weydt.[3]

Demnach gebe es im Deutschen zwei Genera: das Aktiv und das Passiv. Semantisch betrachtet gehe die Handlung im Aktiv vom Subjekt des Satzes aus und beziehe sich auf das Objekt. Die Nennung des Objektes sei jedoch fakultativ. Bei transitiven Verben sei die Nennung des Objekts jedoch notwendig.

„Unter dem Genus verbi (…) versteht man eine Kategorie, die das Verhältnis des Verbs zum Subjekt des Satzes, die Richtung der in ihm ausgedrückten Handlung ausdrückt.“[4]

Es gibt den Agens und den Patiens. Der Agens bezeichnet diejenige Person, die handelt; der Patiens ist derjenige, dem die Handlung wiederfährt. Diese Annahme beruht auf der Thetatheorie.

Es folgt die Besprechung der Verbkategorie des Passivs. Das Objekt im Aktivsatz wird zum Subjekt im Passivsatz. (Er liefert ein Buch. → Ein Buch wird geliefert.)

Es lässt sich also sagen, dass das Subjekt die behandelte Instanz wird.

Es ist jedoch auch möglich, dass der Agens wegfällt. Dies ist davon abhängig, ob es der Bedeutung des Satzes zuträglich ist oder nicht.

Morphologisch gesehen ist das Passiv im Deutschen eine analytische Formbildung, das heißt, die Bedeutung ist nicht an einem einzigen Verb kodiert. Das ist jedoch nicht in allen Sprachen der Fall. Im Lateinischen wird das Passiv synthetisch gebildet.

Formal gesehen gibt es zwei verschiedene Passivkonstruktionen: das Vorgangs- und das Zustandspassiv.

Das Vorgangspassiv (werden-Passiv) wird mittels des Hilfsverbs „werden“ und dem Partizip II des Vollverbs gebildet. Semantisch betrachtet liegt hier die Betonung auf dem Vorgang der Handlung und nicht auf deren Ergebnis.

Zur Verdeutlichung der Bildung dieser Passivvariante wird der Aktivsatz: „Ich schreibe einen Brief.“ in das Vorgangspassiv in die sechs gängigen Tempora gesetzt:

Präsens: Ein Brief wird geschrieben.

Präteritum: Ein Brief wurde geschrieben.

Perfekt: Ein Brief ist geschrieben worden.

Plusquamperfekt: Ein Brief war geschrieben worden.

Futur I: Ein Brief wird geschrieben werden.

Futur II: Ein Brief wird geschrieben worden sein.

Die zweite deutsche Passivform ist das Zustandspassiv (sein-Passiv). Es wird mit der finiten Form des Hilfsverbs „sein“ und dem Partizip II des Vollverbs gebildet. Es ähnelt in seiner Formgebung einer Adjektivkonstruktion („ich bin geimpft“ → „ich bin krank“). Beim Zustandspassiv liegt die Betonung im Gegensatz zum Vorgangspassiv auf dem Ergebnis einer Handlung. Zur erneuten Verdeutlichung wird im Seminar wieder der Matrixsatz (einfache syntaktische Konstruktion zur Veranschaulichung): „Ich schreibe einen Brief.“ ins Zustandspassiv in die sechs Tempora gesetzt:

Präsens: Ein Brief ist geschrieben.

Präteritum: Ein Brief war geschrieben.

Perfekt: Ein Brief ist geschrieben gewesen.

Plusquamperfekt: Ein Brief war geschrieben gewesen.

Futur I: Ein Brief wird geschrieben sein.

Futur II: Ein Brief wird geschrieben gewesen sein.

Es sei jedoch darauf zu achten, dass das Zustandspassiv nicht mit dem sogenannten Zustandsreflexiv verwechselt werde. Vergleiche man die zwei Sätze: a) „Die Blume ist gegossen.“ mit b) „Der Patient ist erholt.“, so sei evident, dass bei a) eine Person die Blume gegossen hat, während sich bei b) der Patient selbst erholt hat; es liege also eine Reflexivkonstruktion vor.[5] Sei man sich nicht sicher, ob ein Zustandspassiv, ein Zustandsreflexiv oder ein Perfekt Aktiv („Ein Flugzeug ist gelandet.“) vorliege, da jeder Satz mit einer Form von „sein“ und dem Partiziep II gebildet wird, so könne man versuchen den Satz morphologisch und semantisch umzuwandeln. Das Zustandspassiv sei demnach ins Vorgangspassiv umwandelbar.

III. Medium

Das Medium wird auch middle-voice oder Medio-Passiv genannt. Streng genommen gibt es im Deutschen diese Form nicht. Dies ist unter anderem der Fall, da es kein eigenes, vollständiges Verbparadigma gibt. Wir folgen der Definition von Bußmann:

„Medium [lat. medium >Mitte<, engl. middle voice. Auch: Medio-Passiv]. Neben → Aktiv und → Passiv ein → Genus Verbi z.B. im → Sanskrit und Alt-Griechischen. Das M. ist in semantischer Hinsicht Reflexivkonstruktionen ähnlich, insofern es eine Tätigkeit bezeichnet, die von der durch das Subjekt bezeichneten Größe für sich selbst oder in seinem Interesse durchgeführt wird.“[6]

Mit dem Beispiel „Das Buch verkauft sich gut.“ wird ersichtlich, dass grammatisch gesehen eine Kongruenz zum Passiv vorliegt. Semantisch gesehen ist es jedoch eindeutig, dass das Buch sich nicht selbst verkauft. Es lasse sich eine Ähnlichkeit zu Reflexivkonstruktionen feststellen.

Schließlich kommen in der Sitzung einige Anwendungsbereiche des Mediums zur Sprache. Laut Kemmer in Kaufmann gebe es vier Überkategorien von reflexiven Verben, die im Medium gebraucht werden[7]:

I. Reflexives Medium: Ein Paritizipant übernimmt zwei Partizipantenrollen

Beispiel: „Ich setze mich.“ → Hier fordert das reflexive Verb ein Akkusativobjekt.

II. Emotions- und Kognitionsmedium: Die Partizipantenrollen sind nicht unterscheidbar:

1. Beispiel: „Ich erschrecke mich.“ → Hier ist nicht klar, wer wen erschreckt. Grammatisch gesehen, erschreckt sich der Agens selbst. Semantisch betrachtet gibt es einen fremden Agens, der den Patiens („ich“) erschreckt.
2. Beispiel: „ Ich überlege mir...“ → Hier fordert das Verb ein Dativobjekt.

III. Reziprokes Medium: Identifizierung von Teilereignissen und Partizipantenrollen

IV. Spontane und passivische Situationstypen: Nicht-Realisierung eines Partizipanten:

Beispiel: „Das Buch verkauft sich gut.“ → Erklärung siehe oben.

Letztendlich bleibt zu sagen, dass die Dozentin darauf verweist, dass die semantische Erklärung dafür, inwieweit die behandelten Verben zur Bildung des Mediums heranzuziehen seien, doch erheblich vom Sprachgefühl abhänge.

[...]


[1] Bußmann, Hadumod [Hrsg.]: Lexikon der Sprachwissenschaft. 4., durchges. und bibliogr. erg. Aufl., Stuttgart 2008, S.135.

[2] Wunderlich, Dieter (1993): Diathesen. In: Jacobs, Joachim/von Stechow, Arnim/Sternefeld, Wolfgang/Vennemann, Theo (Hrsg.): Syntax. HKS 9.1, S. 730.

[3] Hentschel, Elke; Weydt, Harald: Handbuch der deutschen Grammatik. 3., völlig neu bearb. Aufl., Berlin [u.a.] 2003, S. 127-135.

[4] Hentschel/ Weydt, S. 127-128.

[5] Helbig,Gerhard; Buscha, Joachim: Deutsche Grammatik. [Neubearb.], [Nachdr.]. - Berlin [u.a.] 2002, S. 177.

[6].Bußmann, S. 427f.

[7] Kaufmann, Ingrid: Medium und Reflexiv. Tübingen 2004, S. 8.

Details

Seiten
5
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668312463
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341482
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Philosophische Fakultät/ Germanistik
Note
Schlagworte
Grammatik Verb Genus verbi Linguistik

Autor

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