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Die Zukunft der angewandten Psychoanalyse unter besonderer Berücksichtigung der Humanwissenschaften

Essay 2016 24 Seiten

Psychologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Humanwissenschaften

Geschichtswissenschaft

Literaturwissenschaft

Psychobiographie

Ethnopsychiatrie-Ethnospsychoanalyse

Psychosoziologie

Schlußbetrachtung

Anmerkungen

Einleitung

Deutschland spielt in der Psychoanalyse insofern eine besondere Rolle, als die ganze psychoanalytische Bewegung von Deutschland ausging und über sehr lange Zeit von deutschen Psychoanalytikern beherrscht wurde. Da ich mich in der Schweiz befinde, erscheint es mir nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, daß ich mich nicht dem Bismarck-Hitler-Bild von Deutschland anschließen kann, sondern im Goetheschen und Jasperschen Sinne Deutschland als eine rein kulturell-historische Spracheinheit ansehe.

Weil die Psychoanalyse als jüdische Wissenschaft galt und die meisten Psychoanalytiker Juden waren, wurde zu Beginn der Na- zizeit fast die ganze Psychoanalyse in die Emigration gezwungen. Es blieben nur verschwindend kleine Reste zurück. Die Nacht des Holocaust legte sich über Deutschland, dem auch noch einzelne in Deutschland verbliebene Psychiater und Psychoanalytiker zum Op- fer fielen (z.B. Karl Landauer). 1945 waren weder die in Deutschland gebliebenen Reste in der Lage, die Psychoanalyse hinreichend wie- derzubeleben, noch zeigten die meisten Emigranten eine Neigung, in die zerstörte Heimat zurückzukehren (z.B. war Köln zu 98% zerstört; die Bevölkerung war von 1.000.000 auf 20.000 Einwohner gefallen). Das deutsche Judentum schien überhaupt keine Zukunft mehr zu haben. Auch schien die nazihafte Haltung großer Teile der Bevölke- rung mit dem Kriegsende noch keineswegs beseitigt.

War Deutschland in früherer Zeit eine Kulturmacht gewesen (mit welcher sich die deutschen Juden identifizieren konnten) ohne große politische Kraft, wurde es mit Preußen und Hitler eine Mili- tärmacht. Nach 1945 war es beides nicht mehr, sondern wurde eine Wirtschaftsmacht. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg, der erst zehn Jahre nach dem Kriege so richtig begann, stieg auch die Psychoanaly- se in neuer und wirtschaftlich mächtiger Form auf. Heute nimmt die Psychoanalyse in Deutschland organisatorisch und wirtschaftlich eine beherrschende Stellung ein.

Die Deutschland ist das einzige Land der Welt, in welchem an den Universitäten die Psychosomatik und Psychoanalyse neben der Psychiatrie ein selbständiges Lehr- und Prüfungsfach darstellt. So kommt es, daß es in der Deutschland etwa 30 Lehrstühle für Psy- chosomatik gibt, die praktisch ausnahmslos mit Psychoanalytikern besetzt sind. Außerhalb der Bundesrepublik gibt es nur noch einen weiteren solchen Lehrstuhl, nämlich in London. Auch der gesam- te Nachwuchs für die Neubesetzung solcher Lehrstühle wird daher psychoanalytisch ausgebildet. Nicht-Analytiker haben kaum eine Chance, bei Berufungen berücksichtigt zu werden, weil außer der Psychoanalyse nur noch Verhaltenstherapie als anerkannte Psycho- therapie gilt.

Ferner ist die Deutschland eines der wenigen Länder der Welt, in welchem die Krankenkassen, Sozialkassen und Privatkassen, die Kosten für Psychoanalyse übernehmen. Die Übernahme der Kosten erfolgt zwar nur nach einem Prüfungsverfahren. Aber als anerkann- te Prüfer der Krankenkassen sind wiederum vor allem Psychoana- lytiker tätig. Sie haben damit auch in diesem Bereich eine außerge- wöhnliche Machtstellung eingenommen und gebrauchen sie meist in dem Sinne, daß von der Kostenübernahme für nicht-freudianische Psychoanalyseformen abgeraten wird, so daß sich schon die Anträge möglichst den von den Psychoanalytikern vorgegebenen Bedingun- gen anpassen müssen.

Einer für die Psychoanalyse so ungewöhnlichen Machtpositi- on entspricht der Zulauf zur psychoanalytischen Ausbildung. Wenn ein neuer Ausbildungskursus beginnt, melden sich im Durchschnitt etwa 100 Bewerber, von denen nach einem langen und peinlichen Auswahlverfahren etwa 10 Kandidaten ausgewählt werden. Zum Vergleich: das renommierte New Yorker psychoanalytische Insti- tut hatte in einem Jahr keinen einzigen neuen Kandidaten, das als liberaler geltende Columbia-Institut hatte drei Kandidaten. Es läßt sich leicht verstehen, daß bei einem so rigorosen Auswahlverfahren wie in Deutschland alle, die nicht in der Lage sind, die Normen der Freudschen Analyse zu übernehmen, ausscheiden müssen. Die Zahl der Psychoanalytiker in Deutschland ist ständig gewachsen. Derzeit wird die Zahl der an einem anerkannten Institut der DGPPT ausgebildeten Analytiker auf 1.500 geschätzt, die Zahl der Kandidaten, die größtenteils ebenfalls bereits analytisch tätig sind, auf 4.000. Diese Schätzungen sind allerdings unsicher.

Wie in den USA in der 50er Jahren sind sich die Analytiker auch in Deutschland nicht ihrer einzigartigen und nach aller his- torischen Erfahrung doch nur vorübergehenden Machtposition be- wußt. Sie fühlen sich vielmehr weiter als eine von außen bedrohte Minorität. Wenn ich über solche Verhältnisse im Rundfunk oder in Vorträgen gesprochen habe oder wenn ich dabei auch nur in einem Nebensatz eine Bemerkung darüber eingeflochten habe, ist es zu- meist zu lebhaftesten Reaktionen gekommen. Mir wurde unterstellt, ich sei psychoanalysefeindlich, ich behauptete etwas, ohne einen Be- weis zu erbringen und, vor allem, ich sei offensichtlich nicht oder nicht genügend analysiert und hätte ungelöste Konflikte usw. Trotz einer von Marianne von Eckardt, einer deutschen Psychoanalytiker in New York, einmal ausgegangenen Warnung wenden die Psycho- analytiker in der Auseinandersetzung als Mittel ihrer Aggression die psychoanalytische Interpretation an, so als sei ihr Diskussionspart- ner ihr Patient.1

Die besondere Machtposition der Psychoanalytiker ist wohl auch deshalb nicht so bekannt, nicht einmal in Deutschland, weil ihr eine gleiche Bedeutung in der wissenschaftlichen Erneuerung nicht zukommt. Wohl gibt es einzelne bedeutende psychoanalytische Schriftsteller, wie z.B. Marianne Krüll2, aber irgendwelche grund- legenden Neuerungen haben sich dennoch nicht gezeigt oder gar durchgesetzt. Vielmehr wird die Lehre Freuds so bewahrt, wie sie auf uns gekommen ist. Freud hat allerdings ein komplettes System geschaffen, in dem alle Einzelteile aufeinander bezogen sind. Freud ist in viele Sprachen übersetzt worden, wird aber wohl meistens auf Englisch gelesen. Demgegenüber genießen die deutschen Analyti- ker immer noch den besonderen Vorteil, Freud im Original lesen zu können und auch noch einigermaßen den gleichen kulturellen Hin- tergrund zu besitzen. Dies kann allerding nur noch mit Einschrän- kungen gesagt werden, weil die humanistische Bildung, von welcher Freud noch ganz getragen war, nach dem Zweiten Weltkrieg in der Deutschland fast ganz aufgehört hat und auch die Psychoanalytiker die klassische griechische und lateinische Literatur daher nicht mehr kennen. Freuds häufige Anspielungen auf alt-klassische Texte und Mythen werden daher ohne Kommentar oft nicht mehr verstanden.

Schließlich sei noch eine andere, historisch leicht zu erklären- de, aber dennoch eigentümliche Besonderheit Deutschlands hinge- wiesen. Während die aus Deutschland emigrierten Psychoanaly- tiker in aller Welt eine bedeutende Rolle gespielt haben und noch spielen und ich mir die Erforschung dieser Wege zu einem beson- deren Arbeitsgebiet gemacht habe, lebt die deutsche Psychoanaly- se in Deutschland fast ganz ohne Emigranten-Remigranten. Da die Emigration deutscher Psychiater und Psychoanalytiker in der Nazi- zeit zu meinen langjährigen Arbeits- und Forschungsthemen gehört, neige ich vielleicht dazu, diesen Bereich hervorzuheben. Aber es han- delte sich um eine bedeutende Bewegung mit nachhaltiger Wirkung. Die Deutschen Psychiater haben bisher zu wenig Interesse an der Wirkungsgeschichte ihrer deutsch-jüdischer Kollegen in aller Welt gezeigt.

Freud selbst hatte die Zukunft der Psychoanalyse vor allem in der sog. angewandten Psychoanalyse gesehen und machte gleich selbst den Anfang mit «Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci». Im allerersten Absatz dieser Arbeit stellt Freud vor, was die Absicht ist.

Wenn die seelenärztliche Forschung, die sich sonst mit schwächlichem Menschenmaterial begnügt, an einen der Großen des Menschenge- schlechts herantritt, so folgt sie dabei nicht den Motiven, die ihr von den Laien so häufig zugeschoben werden. Sie strebt nicht danach, »das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen«; es bereitet ihr keine Befriedigung, den Abstand zwischen jener Vollkom- menheit und der Unzulänglichkeit ihrer gewöhnlichen Objekte zu ver- ringern. Sondern sie kann nicht anders, als alles des Verständnisses wert finden, was sich an jenen Vorbildern erkennen läßt, und sie meint, es sei niemand so groß, daß es für ihn eine Schande wäre, den Gesetzen zu unterliegen, die normales und krankhaftes Tun mit gleicher Strenge beherrschen.3

Also die Anwendung psychoanalytischer Teorien auf historische Persönlichkeiten. Sándor Ferenczi, dem Freud die Arbeit geschikt hatte, äußerte zunächst Bedenken.

Über den Eindruck, den das Buch machen wird, täuschen Sie sich ge- wiß nicht. Seit dem «Kleinen Hans» ist nichts Anstößigeres erschienen - anstößig diesmal nicht so sehr in moralischer als in logischer Hinsicht. Die Leute ahnen nicht, daß es im Seelenleben auch andere als logische Gesetzlichkeiten gibt, werden Sie wieder einmal für einen Phantasten erklären und den ungstünstigsten Rückschluß auf Ihre anderen Werke ziehen.4

Bei solchen Anwendungen auf Pathographien blieb es aber nicht. Angewandte Psychoanalyse heute ist die Anwendung psy- choanalytischer Teorien außerhalb des ärztlichen Sprechzimmers ohne Rücksicht auf Behandlung von Patienten. Sie bezieht sich auf Psychologie, Kunst, Geschichte, Archäologie, die Philologien, Litera- tur, Literaturwissenschaft, Philosophie, Biologie, Ethnologie, Sozio- logie, Pädagogik, Sexologie u.a. Dazu werden nachfolgend Beispiele gegeben.

Humanwissenschaften

Im Gegensatz zum immensen Einfluß des Mesmerismus auf die Literatur am Anfang des 19. Jahrhunderts war der Einfluß der Psychoanalyse in den Humanwissenschaften lange Zeit sehr be- grenzt. Ein Einfluß der nicht-psychoanalytischen Richtungen der dynamischen Psychiatrie ist überhaupt kaum auszumachen. So weit in dieser Epoche in den Humanwissenschaften überhaupt psycho- analytische Teorien angewendet wurden, waren es zumeist Psycho- analytiker, die in anderen Disziplinen tätig wurden und sich um die psychoanalytische Interpretation von auf anderem Wege erarbeite- ten Fakten bemühten, was oftmals zu eigentümlichen Verzerrungen führte.

Diese Situation hat sich in den letzten Jahrzehnten grundle- gend gewandelt, insofern manche Humanwissenschaftler selbst sich die psychoanalytische Teorie angeeignet und sich auf die psycho- analytische Lehrcouch gelegt haben und nun Fakten ihrer eigenen Fachdisziplinen psychoanalytisch interpretieren. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß die Humanwissenschaften Freud in den letzten Jahrzehnten ein weiteres Mal entdeckt haben. Auch dies hat oft mit Emigration zu tun, obwohl die Zusammenhänge nicht immer sofort erkennbar sind. Es sind oft die Mitglieder einer Zwischenge- neration der Emigration aus Deutschland, die ich hier nach einem prominenten Repräsentanten die »Kissinger-Generation« nennen möchte. Der 1923 in Fürth geborene Heinz Alfred Kissinger ging im alter von 15 Jahren zusammen mit seinen Eltern in die Emigration und wurde als Henry Kissinger amerikanischer Außenminister und eine weltbekannte Persönlichkeit.

Es handelt sich bei der »Kissinger-Generation« also um Per- sönlichkeiten, die Deutschland als Kinder und vor allem als Jugendli- che verlassen mußten. Auf Grund hervorragender Leistungen konn- ten sie oftmals in den Aufnahmeländern herausragende Positionen einnehmen und ihrer neuen Heimat in hervorragender Weise die- nen. Gleichzeitig - und beim Älterwerden in zunehmendem Maße - haben sich die Angehörigen dieser Generation der deutschen Kul- tur und Geschichte trotz aller damit verbundenen unangenehmen Gefühle in vermehrtem Maße zugewandt. Henry (bis 1943 Heinz) Kissinger selbst schrieb eine Dissertation darüber, wie es Metternich in Deutschland und Castlereagh in England im Anfang des 19. Jahr- hunderts gelang, in Europa eine lange Epoche des Friedens einzulei- ten.5

Aber auch die Kindergeneration und selbst noch die En- kelgeneration der Emigranten haben sich an solchen historischen Forschungen beteiligt. Man hat in Deutschland noch nicht wahrge- nommen, daß es noch nie zuvor eine so umfassende und so kenntnis- reiche Literatur über deutsche Kultur in fremden Sprachen gegeben hat wie gerade jetzt. Einen Überblick über diese weit verzweigten Entwicklungen gibt es bisher nicht. An ein paar Beispielen läßt sich das Gesagte verdeutlichen.

Geschichtswissenschaft

Peter Gay, Professor für Geschichte an der Yale-University, einer der bekanntesten Historiker, ist ein typischer Repräsentant der »Kissin- ger-Generation«. Gay hat sein vierbändiges Werk über das Bürgertum im 19. Jahrhundert ganz unter den Gesichtspunkt der Psychoanalyse gestellt. Ferner hat Peter Gay 1985 ein Werk mit dem Titel «Freud für Historiker» veröffentlicht, welches die Bedingungen der Anwendung psychoanalytischer Teorien in der Geschichtswissenschaft erklärt.7

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Details

Seiten
24
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668310711
ISBN (Buch)
9783668310728
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341420
Note
entfällt
Schlagworte
zukunft psychoanalyse berücksichtigung humanwissenschaften

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