Lade Inhalt...

Zur Bedeutung des Selbst bei der Beurteilung der Medienwirkung auf Dritte

Hausarbeit 2015 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Ebene 1 – Identität und Selbst

3. Ebene 2 – Common Ground und Anchoring

4. Ebene 3 – Von der Presumed Media Influence zum Third Person Effect

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Menschen sind psychologisch dazu veranlagt, die Effekte der Kommunikation auf andere zu überschätzen“

(Perloff, 1993, p. 168, übersetzt d. Verf.)

Mit dieser Schlussfolgerung betonte Perloff schon vor mehr als 20 Jahren, dass auch bei der Medienwirkungsforschung die Psychologie des Menschen nicht außen vor gelassen werden sollte. Darüber hinaus gab er den Anstoß für zukünftige Forscher_innen, sich mehr mit den kognitiven Prozessen zu beschäftigen, die grundlegend für die eingeschätzte Medienwirkung zu sein scheinen (Perloff, 1993, p. 180). Doch wo genau sollte angesetzt werden? Welche Mechanismen spielen wirklich eine Rolle, wenn es um Wirkungseinschätzungen geht? Wie verhalten sich zu diesen Prozessen die Psychologie und die Identität des Menschen?

Dass Medien wirken und diese Wirkung einen großen Einfluss auf die Menschen hat, ist spätestens seit Anbeginn der Medienforschung bekannt. Die Presumed Media Influence verpasst dieser grundsätzlichen Wirkungsannahme auf Andere einen Namen (Gunther &Storey, 2003, p. 201). Doch ein neueres Phänomen und inzwischen robuster Ansatz ist der Third-Person Effekt, der sich mit der überschätzten Medienwirkung auf Andere, also auf Dritte, beschäftigt (Davison, 1983, p. 3). Hierbei werden die angenommenen Wirkungen bestimmter Medienbotschaften – also nicht die tatsächliche Wirkung – auf Dritte überschätzt und auf sich selbst unterschätzt. Diese beiden Einschätzungen sind dabei miteinander verflochten (Perloff, 1993, p. 178). Die Wahrnehmungsdifferenz kann sogar ein verändertes Verhalten oder veränderte Einstellungen (z.B. Zensurforderung) auslösen (Davidson, 1983, p. 3).

In den nun mehr als 30 Jahren Forschung um den Third-Person Effekt wird deutlich, dass sich dieser nicht mit einem einfachen Stimulus-Response-Modell erklären lässt und dass einfache Variablen wie Alter und Geschlecht nicht der Schlüssel zu den Grundprozessen sein können. Um die Verbindung zwischen der grundlegenden Presumed Media Influence und dem Third-Person Effekt zu erklären und kognitiv nachvollziehen zu können, müssen sich Forscher_innen viel mehr mit dem Selbst an sich beschäftigen. Doch um dieses Selbst erfassen zu können, genügt es nicht, nur im Rahmen der Medien zu suchen. Die Plattform, auf der das Selbst konstruiert und von jedem einzelnen Menschen Inhalt verliehen bekommt, befindet sich auf einer abstrakteren und entfernteren Ebene und das Konstrukt „Medien“ ist nur ein Teil davon.

Doch wenn sowohl der Third-Person Effekt als auch die Presumed Media Influence als abhängige Variablen angesehen werden, müssen die unterschiedlichen Rollen des Selbst und die kognitiven Abläufe verstanden werden. Ist etwa das Selbst immer die Referenz für die Einschätzung der Medienwirkung auf Andere oder gibt es hierbei Unterschiede? Wie sehr beeinflusst die Medienwirkung auf das Selbst die eingeschätzte Medienwirkung auf Andere? Wird diese Selbsteinschätzung ausgeblendet oder sind beide Einschätzungen miteinander verknüpft? Welche grundlegende Rolle spielt das Selbst bei allen dargelegten Prozessen?

Diese Fragen sollen in der nachfolgenden Argumentationslinie erörtert und aufgeschlüsselt werden. Zunächst werden die grundlegenden Prozesse der Identitäts-bildung und des Selbst dargelegt. Im Anschluss soll ein Schritt weiter in die soziale Interaktion zwischen Menschen gegangen werden, um zwei Prozesse zu erläutern, die auch beim Third-Person Effekt eine große Rolle spielen. Abschließend wird der letzte Schritt in die Medien gegangen, um der Verbindung zwischen der Presumed Media Influence und dem Third-Person Effekt auf den Grund zu gehen. In einem Fazit und einer Darstellung der Argumentationslinie werden die erarbeiteten Ergebnisse nochmals aufbereitet, um dann eine zusammenfassende Schlussfolgerung ziehen zu können.

2. Ebene 1 – Identität und Selbst

Um sich über die Rolle des Selbst bei der eingeschätzten Medienwirkung auf Andere klar zu werden, sollte zunächst der Begriff des Selbst und auch der Identität definiert und verstanden werden. Warum braucht der Mensch eine Identität und warum kann er ohne diese in einer Gesellschaft nicht existieren?Im folgenden Unterkapitel sollen diese Fragen beantwortet und erläutert werden, um einen Grundstein für die Ebene des Menschen in der Medienwelt und ihren eingeschätzten Wirkungen zu legen.

In den letzten Jahrhunderten hat sich das Bild der Identitätsentwicklung des Menschen stark verändert. Während früher ein einheitlicher und idealer Lebenslauf ohne Lücken, eine feste Identität und die vollkommene Unterwerfung angestrebt wurde, wird die Identität heute als Wechselspiel zwischen dem Selbst und der Gesellschaft angesehen (Aufenanger, 2011, S. 32). Diese Identität ist jedoch nicht unveränderlich und entwickelt sich im Laufe des Lebens immer weiter. Bereits in der Kindheit orientiert sich der Mensch an gesellschaftlichen Leitbildern, formt auf diese Weise seine eigene Sicht auf die Welt und bildet somit seine Identität (Lohauß, 1995, S. 30).

Da die moderne Welt schnelllebig und der Mensch in vielen Bereichen der Gesellschaft gleichzeitig involviert ist, baut er sich mehrere Identitäten auf und bildet somit eine Meta-Identität oder auch Patchwork-Identität, die als Ursprung seines Handelns gilt. Die Grenzen der verschiedenen Identitäten verschwimmen hierbei und passen sich ständig neu an, um den neuen Ansprüchen der Umwelt und den verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten gerecht zu werden (Aufenanger, 2011, S. 32). Die „Selbstinterpretation [der Identität] des Menschen erfolgt demnach in der Auseinandersetzung mit den Wahrnehmungen, Einschätzungen und Reaktionen der Umwelt“ (Aufenanger, 2011, S. 31). Aus diesem Grund zeichnet sie sich auch besonders durch Veränderung und Vielfalt aus und gleicht einem Balanceakt, da normierte Vorstellungen der Gesellschaft mit der eigenen Identität und der eigenen Weltanschauung vereinbart werden müssen. Ziel dieser Entwicklung ist die Zusammenstellung einer Identität, die das eigene Weltbild definiert und eine Erklärung für die eigene Wirklichkeit gibt.

Neben der Identität besteht noch der Begriff des Selbst. Dieses „ist ein reflexives Phänomen, das sich durch soziale Interaktion entfaltet und auf dem sozialen Charakter der menschlichen Sprache basiert“ (Gecas, 1982, p. 3, übersetzt d. Verf.). Das Selbst ist somit besonders wichtig, um als soziales Wesen in der Gesellschaft bestehen und mit anderen Menschen sozial interagieren zu können. Dabei gilt das Selbst zudem als Maßstab, um soziale Wirklichkeit zu beurteilen und einzuschätzen.

Doch nicht nur die eigene Identität und das Selbst werden in einem lebenslangen Prozess des Lernens und der ständigen Anpassung an die Umstände und Kontexte gebildet. Auch ein Bild über die „verallgemeinerten anderen“ (Lohauß, 1995, S. 16) wird konzipiert, das gerade beim Third-Person Effekt eine große Rolle spielt. Wie dieses Bild und diese (Alltags-)Theorien konzipiert werden und in welchem Bezug sie zum Selbst und der Identität stehen, ist ein Kernpunkt dieser Arbeit und soll in den nächsten Kapiteln näher diskutiert werden.

Zusammenfassend wird deutlich, dass hinter dem Konzept des Selbst und der Identitätsentwicklung komplexe kognitive Prozesse stehen, die nicht einfacher werden, je tiefer man in die Materie des Third-Person Effekts vordringt, sondern eher noch schwerer zu erklären und empirisch zu belegen sind. Somit wird abermals deutlich, dass einfache Variablen wie beispielsweise Geschlecht oder Alter keine angemessenen Erklärungen für den Third-Person Effekt darstellen (Naab, 2013, S. 70). Diese Variablen dienen eher als Indikatoren, denen kognitive Prozesse zugrunde liegen.

Während das Verständnis des Selbst die Grundlage dieser Argumentationslinie bildet, soll im nächsten Unterkapitel ein Schritt weiter in die grundlegenden Gesellschaftsstrukturen und deren Mechanismen gegangen werden, um der Grenze zwischen dem Selbst und den Anderen näher zu kommen. Welche Rolle spielt die Identitätsfindung und –entwicklung in dem Prozess der Definition der Anderen beziehungsweise der Dritten?

3. Ebene 2 – Common Ground und Anchoring

Um nun eine Ebene weiter in Richtung Medien und dem Third-Person Effekt zu gehen, genügt jedoch nicht nur das Konzept des Selbst und die Identitätsentwicklung. Diese Prozesse dienen vielmehr als Grundstein, auf dem gesellschaftliche Kognitionen aufbauen. Als wichtige gesellschaftliche Komponenten sollen die Konzepte des Common Ground und des Anchoring näher erläutert werden.

Wenn die eigene Identität mehr oder weniger stabil aufgebaut ist und der Mensch sich selbst in einer Gesellschaft verorten kann, kann er mit anderen Menschen sozialisieren und mit ihnen einen sogenannten Common Ground aufbauen. Grundsätzlich wird dieser als Voraussetzungen definiert, die Menschen in eine Konversation mitbringen (Clark, 1996, p. 38). Somit beinhaltet er gemeinsame Kategorien über Phänomene und ein gemeinsames soziales Wissen. Spezifischer besteht er aus Voraussetzungen, Vorer-fahrungen und gemeinsamen Erinnerungen, die Menschen miteinander teilen. Auf diesem Common Ground baut die ganze Beziehung und soziale Interaktion zwischen Menschen auf. Doch auch der Common Ground ist wie die Identitätsentwicklung nicht unveränderlich und wird lebenslang genährt, um sich weiter zu entwickeln (Clark, 1996, p. 92).

Doch warum ist der Common Ground so wichtig für das Verständnis des Selbst?Wie schon im vorherigen Kapitel erläutert bilden Menschen ihre Identität auf vielfältige Weise und durch komplizierte kognitive Prozesse. Ein Teil davon kann beispielsweise auch basierend „auf der Grundlage von in der Sozialisation internalisiertem, gesellschaftlich bewährtem Wissen, das einen Bestandteil der Lebenswelt des Individuums bildet“ (Dreher, 2007, S. 17) konzipiert werden. Wie beschrieben orientiert sich der Mensch bei seiner Identitätsentwicklung schon früh an gesellschaftlichen Leitbildern, die somit auch als Common Ground angesehen werden können. In diesen Leitbildern und dem weiter-gegebenen Wissen ist auch sogenanntes Alltagswissen enthalten, das sich mit der Frage „was halte ich selbst für wirklich?“ beschäftigt und als naiv angesehen werden kann. Neben diesen grundlegenden Fragen enthält das Alltagswissen auch „Typisierungen [...], die als gesichert und gesellschaftlich bewährt gelten“ (Dreher, 2007, S. 17). Also entwickelt sich die Identität der Menschen zusätzlich durch den Common Ground, der sowohl aus individuellen Voraussetzungen als auch aus gesellschaftlichem Wissen besteht, das beispielsweise auch Stereotype enthalten kann.

Würde man nun den nächsten Schritt in die Medienwelt gehen, die im Leben der meisten modernen Menschen eine Rolle spielt, so gilt, wie oben beschrieben, die grundlegende Annahme der Presumed Media Influence. Sie kann hierbei auch als Common Ground in der Gesellschaft angesehen werden, da sie sozusagen auch als Alltagswissen verstanden werden kann und meist stereotype Vorstellungen enthält. Auch „Grundannahmen über massenkommunikative Prozesse“, die grundsätzliches Wissen über Andere und das Mit-Publikum enthalten, zählen hier dazu (Dohle & Hartmann, 2005, S. 291), obwohl diese eher als naiv angesehen werden können. Doch wie bereits beschrieben geht es bei dem Third-Person Effekt nicht um die tatsächlichen, sondern nur um die eingeschätzten Wirkungen. Aus diesem Grund ist es wichtig zu verstehen, woher diese stereotypen Vorstellungen über die Dritten und auch über die Medien stammen.

Eng verbunden mit dem Konzept des Common Ground ist das Anchoring. Bereits 1974 definieren Tversky und Kahnemann den Prozess des Anchoring wie folgt: „Unter-schiedliche Startpunkte bringen unterschiedliche Einschätzungen hervor, die in Richtung der anfänglichen Werte tendieren“ (Tversky&Kahnemann, 1974, p. 1128, übersetzt d. Verf.).Somit ist es ein Prozess, der beispielsweise in einer Fragebogen-Situation auftreten kann, in der eingeschätzte Medienwirkungen auf Andere erfragt werden. Unterbewusst wird hier ein Anchor gesetzt, auf den sich der/die Teilnehmer_inin der Studie bezieht und der als Referenz dient. Er gilt, wie es Tversky und Kahnemann beschreiben, als Startpunkt der kognitiven Überlegungen. Je nach Fragestellung kann dieser zwischen dem Selbst, den Dritten oder vielleicht sogar der Gesellschaft oder dem Common Groundan sich variieren (Andsager& White, 2007, p. 101). Doch er fungiert stets als Grundstein, auf dem die nachfolgenden kognitiven Prozesse aufbauen, um die Medienwirkung auf Andere einschätzen zu können.David und Johnson (1998, p. 52) haben bei ihrer Studie zum Konzept desAnchoring ein einfaches Muster herausgefunden: Da die Medienwirkung auf Andere generell als höher eingeschätzt wird, setzt der/die Teilnehmer_in seinen/ihren Anchor sehr hoch an, wenn zuerst nach der Vergleichsgruppe gefragt wird. Dementsprechend fällt die darauf folgende eingeschätzte Medienwirkung auf das Selbst geringer aus. Wenn jedoch zuerst nach dem Selbst gefragt wird, setzt der/die Teilnehmer_in seinen/ihren Anchor relativ weit unten an und geht nun von diesem tiefen Anchor aus, wenn er/sie nachfolgend nach der Vergleichsgruppe gefragt wird.

Zusammenfassend sind sowohl Common Groundals auch Anchoring Prozesse, die eine kognitive Grundlage für die Interaktion zwischen dem Selbst und den Anderen liefern können. Während jedoch der Common Ground mehr die Grundlage für beispielsweise eine Konversation bildet und somit den direkten Kontakt mit den Anderen unterstützt, geschieht das Anchoring im eigenen Kopf und meist unterbewusst. Hier steht nicht der direkte Kontakt mit den Anderen im Mittelpunkt, sondern eher die kognitive Einschätzung, wie das Selbst die Anderen überhaupt greifen kann. Dennoch kann auch der Common Ground als Anchor dienen, an dem sich die Menschen orientieren, um Medienwirkung einschätzen zu können. Somit wird deutlich, dass die kognitiven Prozesse nicht immer trennscharf sind und ineinander verschwimmen und übergehen. Doch fest steht, dass die Anderen ohne irgendeinen (kognitiven) Kontakt zum Selbst nicht eingeschätzt werden können. Welche Prozesse hinter diesem Kontakt stehen, soll im nächsten Kapitel der Medien-Ebene erläutert werden.

4. Ebene 3 – Von der Presumed Media Influence zum Third Person Effect

Bis zu diesem Punkt wurden die Grundlagen der sozialen Interaktion von der Identitätsfindung und dem Selbst-Begriff bis hin zu grundlegenden Interaktions- und Denkprozessen gelegt. Doch sobald es um Einschätzungen der Medienwirkung auf Dritte geht, muss der Mensch unweigerlich kognitive Vergleiche anstellen, die er aus seinen eigenen Erfahrungen und Vorstellungen zieht. Hier fängt das Selbst also an, eine zunehmend große Rolle zu spielen, da der Mensch das Selbst auch als Anker ansehen kann, wenn er nach Medienwirkungen auf Andere gefragt wird.

Der Prozess des Self-Enhancement (Brown, 1986, p. 354)bezieht sich auf den grund-legenden Versuch des Menschen, stets ein positives Selbstbild zu wahren und somit die eigene Persönlichkeitsstruktur und Identität zu stärken. Dieser Prozess wird vor allem auch dann wirksam, wenn es um Vergleiche mit Dritten geht und unerwünschte Medienbotschaften eine Rolle spielen (Gunther & Mundy, 1993, p. 60; Perloff, 1993, p. 178; Andsager& White, 2007, p. 3). Hier steht somit die Motivation im Fokus, sich selbst als klüger und besser anzusehen und auch resistenter gegenüber negativen Botschaften (bspw. Einfluss von Pornografie, Falschinformationen in der Werbung) einzuschätzen (Gunther & Mundy, 1993, p. 60). Das Konzept des Self-Enhancement ist somit motivational und nicht kognitiv, da die eigene Identität gestärkt wird (Perloff, 1993, p. 177), und steht in Beziehung mit dem eigenen Selbst.

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668310117
ISBN (Buch)
9783668310124
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341354
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Schlagworte
Selbst Identität Medienwirkung Andere Dritte Presumed Media Influence Third Person Effekt Common Ground Anchoring Self-Enhancement Social Distance Self-Other Categorization
Zurück

Titel: Zur Bedeutung des Selbst bei der Beurteilung  der Medienwirkung auf Dritte