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Das Erbe des Verlegers J.H.W. Dietz. Der Karl Dietz Verlag und sein Nachfolgeanspruch

Hausarbeit 2015 17 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2
2.1. Johann Heinrich Wilhelm Dietz-"Verleger der Sozialdemokratie"
2.2. Ist der Name gleich Programm? Der Karl Dietz Verlag als Nachfolger des J.H.W. Dietz Verlages

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit je her gilt die Frankfurter Buchmesse als eines der bedeutendsten jährlichen Ereignisse im Bereich des Buchhandels. Selbst in wirtschaftlich schwachen Jahren, wie es 1967 der Fall war, galt sie als Rekordmesse[1]. Im Jahre 1967 sorgten jedoch andere Ereignisse im Vorfeld der Messe für nationales und internationales Aufsehen. Nach einer Verständigung mit westdeutschen Verlagen entschlossen sich die Messeverantwortlichen zu einem Zulassungsverbot für elf sogenannte "Parallelverlage"[2] aus der DDR. Ein Ereignis, welches das Kräftemessen zwischen den beiden deutschen Börsenvereinen aus Ost und West, dem Leipziger und dem Frankfurter Börsenverein, zum Ausdruck bringt. Nach vielem Hin und Her kam es im Juli 1967 letzten Endes zu einem Kompromiss. Der Leipziger Börsenverein sowie der Kulturminister der DDR, Klaus Gysi, mussten die Ablehnung der "Parallelverlage" hinnehmen. Ein Verlag, dem zuvor ebenfalls ein Messeverbot ausgesprochen wurde, überstand die Einigung und musste unter dem Zähneknirschen der Veranstalter zugelassen werden. Der Dietz Verlag konnte sich nach einem Rechtsstreit aus dem Jahre 1946 de jure als eigenständiger Verlag behaupten und so über die Klausel der "Parallelverlage" hinwegsetzten[3]. Ihm wurde die Teilnahme an der Sonderausstellung "Schönste Bücher" zugesagt. Somit war der in der Presse als "Kalter Krieg mit Büchern"[4] bezeichnete Konflikt vorerst überwunden.

Bestand vom juristischen Standpunkt her keine Verknüpfung des Karl Dietz Verlages mit dem J.H.W. Dietz Verlag der wilhelminischen Kaiserzeit, so war es den Verantwortlichen des Zentralkomitees der SED wichtig, ihn trotzdem de facto als dessen Nachfolger zu präsentieren.

Eine Vielzahl von Publikationen und Lexikoneinträgen über die geradezu legendäre Gestalt Johann Heinrich Wilhelm Dietz belegen dessen Bedeutung als sozialistischer Verleger. Die wohl aufschlussreichste Publikation über das Leben und Wirken des Sozialdemokraten stellt ein Almanach mit dem Titel: "Ein Leben für das politische Buch" zu seinem 120. Geburtstag dar. Diese und eine weitere Publikation von Angela Graf mit dem Titel "J.H.W. Dietz, Verleger der Sozialdemokratie"[5] unterstützen den Anspruch einer Schlüsselfigur des sozialistischen Buchdrucks.

Auch dem Karl Dietz Verlag der DDR wurde eine wichtige Rolle in seiner Wirkungszeit nachgesagt. In seiner Funktion als der "Parteiverlag der SED"[6] bezeichnet, hatte er eine Schlüsselrolle im ostdeutschen Verlagswesen inne. In vielerlei Aufsätzen, beispielweise von Siegfried Lokatis, erhielt er so den Status eines privilegierten Verlags in der DDR.

Ein Vergleich zwischen diesen zwei Schwergewichten der Verlagsgeschichte erscheint auf den ersten Blick hin nicht leicht. Dennoch wird in der folgenden Arbeit versucht, Parallelen in der Verlagspolitik und -tätigkeit beider Verlage sowie deren Rolle auf den damaligen Buchmarkt zu ziehen. Nach einem kurzen Überblick über das Verlagswesen im jeweiligen historisch-politischen Kontext sowie die Vorstellung beider Verlage in ihrem Werdegang, erfolgt die Bewertung ihrer Bedeutung. Letzten Endes wird versucht, anhand der Erkenntnisse die Frage zu beantworten, wie der faktische Nachfolgeanspruch des Karl Dietz Verlag beurteilt werden kann.

2.

2.1. Johann Heinrich Wilhelm Dietz-"Verleger der Sozialdemokratie".

"Schöpfer und Organisator des sozialistischen Verlagsgeschäfts"[7] und "Verleger der Sozialdemokratie": Auf der Suche nach Informationen über den Verleger Johann Heinrich Wilhelm Dietz stößt man unweigerlich auf Bezeichnungen, die ihn als Legende im sozialistischen Verlagswesen kennzeichnen. Bezeichnungen, mit denen Dietz, einem "sozialistischen Cotta" gleich, gefeiert wird. Sie hinterlassen beim Betrachter einen ersten Vorgeschmack auf die Bedeutung des Verlegers auf den sozialistisch geprägten Buchmarkt des 19. und 20. Jahrhunderts. Kaum einem anderen Verlag wurde in der Verbreitung der marxistischen Weltanschauung in der nationalen als auch internationalen Arbeiterbewegung so viel Bedeutung beigemessen, wie dem J.H.W. Dietz Verlag[8].

Die Rahmenbedingungen für das allgemeine Verlagswesen und den Buchhandel in der wilhelminischen Kaiserzeit erschienen auf den ersten Blick als günstig. Das als Reichsgesetz eingeführte Urheberrechtsgesetzt etablierte die damit verbundene privatrechtliche Sicherheit bei der Herstellung und Verbreitung geisteswissenschaftlicher Literatur[9]. Weil dem Buch als ideologisch geprägtem Medium mehr Bedeutung als Botschafter sozialer, sittlicher sowie auch politischer Werte zugesprochen wurde, rief dies die Zensur verstärkt auf den Plan[10]. Verlage und Autoren des linken Spektrums sahen sich jedoch nicht nur von staatlicher Seite einem grundlegenden Gegenwind ausgesetzt. Buchhändler des bürgerlichen Milieus verweigerten von Grund auf den Vertrieb sozialistischer Publikationen[11]. Erschwerend kam 1878 das "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" hinzu. Dieses "Sozialistengesetz" wurde von Reichskanzler Otto von Bismark mit der Intention initiiert, sozialdemokratisches Gedankengut, welches der monarchischen Organisationsform des Deutschen Kaiserreiches von der ideologischen Grundsubstanz entgegenstand, zu unterbinden. Die Vorwände zum Verbot einschlägiger Publikationen erwiesen sich als vorgeschoben. Alte Schemata, wie Gotteslästerung, Aufreizung von Unzucht und Majestätsbeleidigung fanden in den Verfahren ihre Renaissance[12]. Politisch verfolgt und gesellschaftlich geächtet erscheint die Lage der sozialistischen Verleger zum Ende des 19. Jahrhunderts prekär.

Dieser Druck von außen hatte eine gegenteilige Wirkung innerhalb der sozialistischen Bewegung. Die Gemeinschaft rückte nur noch näher zusammen. Sie organisierte sich mittels Versammlungen, Presse und Flugschriften zum Widerstand gegen das neue Gesetz[13]. Sozialdemokratische Verbände betrieben eigene "Lesehallen" und Bibliotheken, die von parteieigenen Druckereien und Verlagen mit Lesestoff versorgt wurden[14]. Diese Einrichtungen waren nicht nur der Förderung des Individuums zuträglich. Überdies waren sie ein Austauschplatz für sozialistische Ideen. Unter dem Druck der wilhelminischen Kaiserzeit formierte sich somit eine sozialistische Parallelgesellschaft des Buches. Die Kulturpolitik Kaiser Wilhelm II. folgte dem Credo "Eine Kunst, die sich über die von mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr"[15]. Mit ihr verschärfte sich die Spannung zwischen Staat und sozialistischer Gemeinschaft. Die Folge war, dass sich das Netzwerk der Sozialisten umso enger knüpfte. Der gegenläufige Grundgedanke der Volks- und Arbeiterbildung wurde 1872 durch Wilhelm Liebknecht in einer Rede vor dem Arbeiterbildungsverein begründet. Sein Ausspruch "Wissen ist Macht -Macht ist Wissen"[16] wurde Hauptmotivation der sozialistischen und kommunistischen Verleger und Autoren, die ihr Potential nur noch umso effizienter ausschöpften. Das Buch wurde Botschafter, Träger und Statussymbol der sozialistischen Revolution.

Unter diesen Rahmenbedingungen gründete sich 1881 in Stuttgart unter der Leitung des Abgeordneten Johann Heinrich Wilhelm Dietz dessen gleichnamiger Verlag.

Der am 3.10.1843 in Lübeck geborene Buchdrucker Dietz kam erstmals auf einer Reise durch St. Petersburg mit der russischen Arbeiterbewegung unter Cernysevsky in Kontakt[17]. Unter den Eindrücken dieser Erfahrung und beflügelt von den Ideen des Sozialismus, schloss er sich nach seiner Rückkehr in Hamburg der deutschen Arbeiterbewegung an und wurde als erster Sozialdemokrat Hamburger Abgeordneter im Reichstag[18]. Nach dem Erlass der Sozialistengesetze, war er als Verleger des sozialistisch geprägten "Hamburg-Altonaer Volksblattes" vorerst gezwungen, seine verlegerischen Tätigkeiten in den norddeutschen Gefilden ruhen zu lassen. 1880/81 emigrierte er nach Stuttgart und richtete sich eine neue Parteidruckerei ein[19].

Die Rahmenbedingungen der damaligen Zeit und die damit verbundene Stärkung des sozialistischen Netzwerkes führten dazu, das Dietz Verbindungen zu bedeutenden Sozialdemokraten und Kommunisten aufbaute. Zu seinem Bekanntenkreis gehörten Persönlichkeiten wie Friedrichs Engels, August Bebel und Karl Kautsky, mit denen er brieflich in Kontakt stand.

Insbesondere der Verbindung zu Engels, die sich mit Hilfe von Briefen aus seinem britischen Exil rekonstruieren lässt, kann eine besondere Bedeutung beigemessen werden. Dieser arbeitete mit Dietz an der Neuauflage und Publikation der Schriften von ihm und Marx und vertraute dem Verlegerdes Weiteren die Korrektur und Durchsicht der Werke an[20].

Eines der bedeutsamsten Projekte ihrer Zusammenarbeit ist die Neuauflage von Engels' Schrift "Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft". Nach der Lockerung der Sozialistengesetze verfolgte der Vorstand der SPD eine Klärung der sozialdemokratischen Strömungen mittels der forcierten Publikation bestimmter Marx- und Engelswerke[21]. Nachdem sich Engels und Bebel auf die Neuauflage geeinigt hatten, wurde 1894 der Druckauftrag an Dietz erteilt, der die Werke im Juli desselben Jahres in seine Reihe "Internationale Bibliothek" aufnahm.

Dem Einsatz Dietz' und Bebels wiederum ist es zu verdanken, dass sich Engels nach einer Absprache zwischen Dietz und dem Verleger Otto Wiegand, der die Rechte dafür inne hatte, zu einer deutschen Neuauflage seines ursprünglich 1844 erschienenen Werkes "Preface of the English edition of the condition of the Working Class in England" entschloss. Nach der Absprache zwischen Dietz und Engels enthielt die Neuauflage einen erweiterten Teil für das deutsche Publikum. Engels hatte hierfür ein neues Vorwort verfasst sowie einige Notizen hinzugefügt. Die Veränderungen im Vorwort betreffen größtenteils die ausführliche Erklärung der immer noch währenden Aktualität der von Engels beschriebenen Erkenntnisse in diesem Werk. Innerhalb des Textes wiederum passte sich Engels an seine deutsche Leserschaft an und bezog sich so auf die nationalen Verhältnisse der deutschen Arbeiterschaft. Weiterhin erfolgte eine Interpretation der zu diesem Zeitpunkt stattfindenden britischen Parlamentswahlen. Die Überarbeitung erschien im August broschiert und als gebundenes Werk mit einer Auflage von 5000 Exemplaren als der 14. Band der "Internationale Bibliothek". Die Bedeutung der Neuauflage wird auch durch die Werbetrommel deutlich, die nach Erscheinen des Werkes kräftig von einschlägigen Zeitschriften sowie Publizisten wie Paul Fischer, Werner Sombart und Rudolf Meyer, gerührt wurde. Diese verwiesen auf das Vorwort und trugen somit zur Verbreitung auf nationaler und internationaler Ebene bei[22]. So empfahl die Zeitschrift "Vorwärts" die Schrift nach einem Abdruck im September als Weihnachtsgeschenk[23]. Bebel, der von Engels ein Exemplar mit Widmung zugestellt bekam, empfahl die von Dietz mit initiierte Neuauflage in einem Aufsatz, welchen er in der Zeitschrift "Neue Zeit" veröffentlichte. Die neuerfasste Vorrede sei für die Skizzierung der historischen Entwicklung der Verhältnisse sowohl der deutschen als auch der englischen Arbeiterbewegung von Bedeutung[24].

Neben einer Vielzahl Engel'scher Schriften wird auch erstmals das von Marx verfasste "Elend der Philosophie" 1891 in Deutschland vom J.H.W. Dietz Verlag publiziert und so der nationalen Arbeiterschaft angeboten.

[...]


[1] Füssel, Stephan. Die Politisierung des Buchmarkts: 1968 als Branchenereignis. in: Mainzer Studien zur Buchwissenschaft, Ban 15. Otto Harrassowitz Verlag, 2007. S.176.

[2] Diese waren durch doppelte Lizenzanträge zur Neugründung von Verlagen in mehreren Zonen entstanden. Bei einer doppelten Annahme entstanden so zwei Institutionen vom gleichen Namen in Ost und West.

[3] Vgl. Ebd. S.179.

[4] Vgl. Ebd. S.180.

[5] Vgl. Graf, Angela. J. H. W. Dietz 1843-1922 - Verleger der Sozialdemokratie. Dietz, 1998.

[6] Vgl. Lokatis, Siegfried. Dietz-Probleme der Ideologiewirtschaft im zentralen Parteiverlag der SED. In: Christian Jansen, Lutz Niethammer, Bernd Weißbrod (Hg.). Von der Aufgabe der Freiheit, Politische Verantwortung und bürgerliche Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Hans Mommsen, 1995. S.533-548.

[7] Schöpflin, Georg. Johann Heinrich Wilhelm Dietz. Der Schöpfer und Organisator des sozialistischen Verlagsgeschäfts. Der Mann, sein Werk, seine Zeit. Dietz Verlag, 1947.

[8] Vgl. Frey, Christopher. Die Bibliothek der deutschen Sozialisten Cleveland, Ohio. Band 10. Inlibris, 2001. S.8.

[9] Vgl. Wittmann, Reinhard. Geschichte des deutschen Buchhandels. C.H.Beck, 2011. S.299.

[10] Vgl. Ebd. S. 299.

[11] Vgl. Jäger, Georg (Hg.). Geschichte des Deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert: Band 1: Das Kaiserreich 1871-1918. Walter de Gruyter, 2012. S.358.

[12] Vgl. Ebd. S.358.

[13] Vgl. Wittmann S.299.

[14] Vgl. Jäger S.187.

[15] Vgl. Wittmann S.299.

[16] Vgl. Jäger S.190.

[17] Vgl. Würffel , Reinhard . Lexikon deutscher Verlage von A-Z: 1071 Verlage und 2800 Verlagssignete vom Anfang der Buchdruckerkunst bis 1945: Adressen, Daten, Fakten, Namen. Verlag Grotesk, 2000. S.177.

[18] Vgl. Kopitzsch, Franklin. Brietzke, Dirk. Hamburgische Biografie-Personenlexikon, Band 2. Wallenstein Verlag, 2006. S.103.

[19] Vgl. Kopitzsch, Hamburgische Biografie-Personenlexikon. S.103

[20] VglKösling, Peer. Karl Marx / Friedrich Engels Gesamtausgabe (MEGA): Friedrich Engels: Werke, Artikel, Entwürfe, März 1891 bis August 1895. Akademie Verlag Berlin, 2010. (Brief an Kautsky März 1890) und S.872.

[21] Vgl. Engels: Werke, S.1114.

[22] Vgl. Engels: Werke, S. 874.

[23] Vgl. Engels: Werke, S. 873.

[24] Vgl. Engels: Werke, S. 874.

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668308213
ISBN (Buch)
9783668308220
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341269
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Schlagworte
J.H.W.Dietz Verlagsgeschichte Karl Dietz Dietzverlag Medienkulturgschichte Marx Engels MEGA Verleger Dietz Frankfurter Buchmesse 1967

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