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"Die Judenbuche" von Annette von Droste-Hülshoff aus dem Jahr 1842 in einer literarischen Filmerzählung

Hausarbeit 2013 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Autorin Annette von Droste-Hülshoff

3. Die Judenbuche als Novelle oder Kriminalgeschichte?

4. Zur narratologischen Analyse

5. Die Literarische Filmerzählung der „Judenbuche“
5.1. Der Plot
5.2. Die Charaktere und deren Entwicklung
5.3. Die Musik

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff von 1842 ist eine Novelle, die nach einer wahren Begebenheit die Geschichte eines Judenmörders erzählt, der nach dem Mord eine langjährige Flucht und ein Leben in Gefangenschaft auf sich nimmt, um letztendlich unter falscher Identität doch in seine Heimat zurück- zukehren.

Zu Beginn der Novelle wird ein Dorf B. beschrieben, das schlecht gebaut und rau- chig ist und doch alle Reisenden fesselt. In diesem Dorf wächst ein Junge, namens Friedrich Mergel unter ärmlichen Verhältnissen auf. Er verliert früh seinen Vater, der während eines Sturms im betrunkenen Zustand von einem Baum erschlagen wird. Friedrich wird daraufhin von seinem Onkel Simon Semmler in gewisser Weise adoptiert, der ihm sehr ähnelt. Trotz Skepsis der Mutter Margreth Semmler, entwickelt sich Friedrich von einem schüchternen Jungen zu einem aufbrausen- den, stolzen jungen Mann, dessen Arroganz und Überheblichkeit ihn einen Juden töten lässt, der ihm eine Taschenuhr auf Kredit gibt, die er nicht zurückzahlen will. Bevor er aber von den Gesetzeshütern gefasst werden kann, flüchtet Fried- rich zusammen mit dem Schweinehirten von Simon, Johannes Niemand, der ihm zum Verwechseln ähnlich ist. Nach langer Zeit kehrt Friedrich zurück ins Dorf B. und gibt sich als Johannes Niemand aus. Er arbeitet eine Zeit lang für den Guts- herrn bis er erhängt an der Buche gefunden wird, an der er selbst den Juden Aaron ermordet hat.

Diese Novelle wurde bereits mehrmals überarbeitet, neu gestaltet und veröffent- licht. Deshalb ist es auch keine Ungewöhnlichkeit, dass die Novelle 1980 von Rainer Horbelt verfilmt wurde. Da diese Novelle viele Fragen offen lässt und vie- le Tatsachen im Buch im Dunkeln bleiben, soll in Anbetracht dieser Arbeit ein Vergleich zu der literarischen Verfilmung gemacht werden, der eventuell offene Fragen klärt oder je nachdem noch mehr Deutungsmöglichkeiten eröffnet.

Nach der Vorstellung der Autorin Annette von Droste-Hülshoff und deren Leben soll ein Vergleich zwischen Novelle und Kriminalgeschichte gezogen und die Fra- ge nach der Gattungszugehörigkeit „der Judenbuche“ geklärt werden. Bevor es zur Filmanalyse geht, wird eine narratologische Analyse durchgeführt, um die Vorgehensweise mit dem Film zu vergleichen und eventuell Gemeinsamkeiten zu finden. Im Film sollen der Plot, die Charaktere und die Musik analysiert werden, sowie die wichtigsten inhaltlichen Aspekte, wie der Grund für Friedrichs Krimina- lität, ob der Selbstmord als endgültiges Zeichen für die Schuld Friedrichs angese- hen werden kann, wie das Verhältnis zwischen Natur und Mensch dargestellt wird, wie das Judenbild im Film verkörpert wird und welche Bedeutung die Buche im Film hat.

Zum Abschluss soll ein Fazit die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Medien für die Darstellung der Novelle aufzeigen.

2. Die Autorin Annette von Droste-Hülshoff

Anna Elisabeth (Annette) von Droste-Hülshoff, geborene von Haxthausen, wurde am 12. Januar 1797 als Tochter des Freiherrn Clemens August von Droste-Hüls- hoff und seiner Frau Therese Luise auf dem Wasserschloß Hülshoff bei Münster in Westfallen geboren. Sie hat in ihrem Leben vor allem durch das Reisen viele Be- gegnungen mit Menschen. Im Sommer 1812 trifft sie auf Wilhelm Grimm, an des- sen Sammeln von Volksliedern und Märchen sie teilnimmt. Die Dichterin, die auch viele geistliche Lieder schreibt, kommt 1825 mit Bonner Professoren am Rhein in Verbindung. Nach dem Tod ihres Vaters 1826 zieht Annette mit ihrer Mutter ins Rüschhaus bei Münster. 1837 beginnt Annette den Stoff zur „Judenbu- che“ zu erwähnen, das 1841 zum Abschluss gelangt und 1842 schließlich veröf- fentlicht wird. Es werden auch Balladen und Gedichte von Annette verfasst und veröffentlicht. Durch eine starke Erkrankung stirbt sie auf ihrer dritten Reise nach Meersburg am 24. Mai 18481. Das einzige vollendete Werk von Frau Droste-Hüls- hoff ist die Novelle „Die Judenbuche“, die gleichsam auch ihr eigentliches Le- benswerk darstellt. Die Novelle wird von ihr nach einer wahren Begebenheit ver- fasst, den ihr Onkel August 1818 in einer Göttinger Zeitung veröffentlichen lässt: Es geht um einen wirklichen Vorfall in der Nähe der ostwestfällischen Güter der Familie von Haxthausen. Ein Mann aus „B(ellersen)“ ist nach einem Mord an ei- nem Juden nach Algerien geflohen, wo er in Gefangenschaft leben muss. Nach vielen Jahren kehrt der Mörder wieder in seine Heimat zurück, wo er sich 1806 erhängt hat. „Die Judenbuche“ selbst wurde in sechzehn Fortsetzungen im Cottaschen „Morgenblatt für gebildete Leser“ veröffentlicht2.

Nicht zu vergessen darf man die Zeit, in der Annette von Droste-Hülshoff gelebt und die Novelle geschrieben hat. Sie wurde nämlich in der napoleanischen Zeit geboren, wo nach der französischen Revolution, die durch die Aufklärung ausge- löst wurde, Napoleon Eroberungskriege in Europa führte. Dadurch wurden Preu- ßische Reformen nach dem Vorbild Frankreichs eingeführt, die kurze Zeit darauf in die Zeit der Restauration(1815-1838) übergegangen sind. Charakteristisch für diese Zeit waren Repression, Pressezensur und der Rückzug des Bürgertums ins Private, was durch die Karlsbader Beschlüsse eingeführt wurde. Diese Epoche geht über in den Vormärz (1832-1848), was die Epoche vor der Revolution be- schreibt, wobei sich die Gesellschaft und die Regierung eine Veränderung der alt- hergebrachten Umstände wünschten. Diese Tatsache der Epochenzugehörigkeit sollte bei einer Analyse der Novelle nicht außer Acht gelassen werden.

3. Die Judenbuche als Novelle oder Kriminalgeschichte?

Die Novellendefinition nach Goethe, der diese als „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“ formuliert, ist auf den Handlungsgang der „Judenbuche“ kaum anzuwenden, da die Novelle mit dem Leben Friedrichs anfängt und sich durch das ganze Buch zieht, wobei zwei Handlungsstränge erkennbar werden, zum einen der Förster - und zum anderen der Judenmord.

J. Klein verwendet bei der Benennung der Begebenheit noch einen modifizierten Begriff: „Vergleicht man die kanonischen älteren Formen, so zeigt sich die Wand- lung. Die Grundformen bleiben auch jetzt noch dieselben, aber der gesamte Ge- staltungs-Typ hat mit dem eines Boccaccio, Cervantes und noch Goethes nichts mehr gemeinsam. - Der Begriff der Begebenheit hatte eine nicht mehr zu überse- hende Verfeinerung durchgemacht3.“

Nach Tieck ist für eine Novelle ein Wendepunkt charakteristisch: „diese Wendung der Geschichte, dieser Punkt, von welchem aus sie sich unerwartet völlig umkehrt“ und einen „Vorfall ins hellste Licht stellt“ (Tieck). Diesen Wendepunkt erkennen viele unterschiedlich in der Novelle.

W.H. Mc. Clain sieht den Wendepunkt im Auszug Friedrichs zu seinem Onkel Si- mon. Margreth Mare sieht ihn im verhinderten Beichtgang. F. Lockemann erkennt einen Wendepunkt bei der Hochzeit, als Johannes Niemand erniedrigt wird. Bei

W. Silz ist der Wendepunkt die Ermordung des Juden Aaron und H. Himmel sieht eine „wendepunktlose Zweiteiligkeit: Friedrichs Verbrechen und Flucht, seine Rückkehr und Sühne.“

Eine weitere annähernde Definition und Einordnung in die Gattung der Novelle bietet Storm mit der Aussage, dass die Novelle die Schwester des Dramas darstel- le und die „tiefsten Probleme eines Menschenlebens und wie jenes einen im Mit- telpunkt stehenden Konflikt behandle, von welchem aus das Ganze sich organisie- re und demzufolge die geschlossenste Form und die Ausscheidung alles Unwe- sentlichen verlange.“ Die Problematik in der Novelle ist deutlich an der Person von Friedrich Mergel zu erkennen, dessen Leben nach dem Tod des Vaters und der Adoption vom Onkel Simon Semmler in eine völlig falsche Bahn gelenkt wird und mit den Morden am Förster Brandis und dem Juden Aaron endet, woraufhin Friedrich fliehen muss und sich nach der Rückkehr erhängt. Diese Handlung stellt eine geschlossene Form dar4.

Typisch für die Strukturierung eines Werks ist das Leitmotiv, in der Novelle das Dingsymbol (oder der Falke), was in der Erzählung eindeutig die „Judenbuche“ ist. Außerdem kann das Holzfällen der Blaukittel im Brederholz als Dingsymbol angesehen werden. Diese Symbole ziehen sich durch die ganze Geschichte hindurch. Paul Ernst schrieb 1904:

„Eine Novelle muß in ihrem Hauptpunkt etwas Unvernünftiges erhalten, etwas, wodurch, sich das Erzählte als ein Besonders und Überraschendes ausweist, wodurch es eben wür- dig wird, behandelt zu werden; am besten knüpft sich das an einen scharf bezeichneten Gegenstand, etwa in Boccaccios Meisternovelle an den Falken, den der verarmte Ritter seiner Dame als Speise vorsetzt. Diese Rolle spielt hier die Buche. Durch das Unvernünf- tige der Beziehung, die doppelt wirksam wird durch das völlige Schweigen über den See- lenzustand des Mörders, bekommt die Novelle erst ihre besonders novellistische Bedeutung; ohne die wäre sie nur eine Erzählung5.“

Laut B.V. Wiese müsse sich der Baum zwangsläufig abheben, da die aufeinanderfolgenden Dialoge und die zugespitzten, dynamischen, unaufhaltsamen Situationen so erzählt wurden, dass die Symbolkraft der Buche und deren magisches Zeichen am Ende mit der Judeninschrift den Baum so darstellt.

Für H. Pongs stellt die Buche eine gegenwärtige mythische Gestalt dar, die von Anfang an in die Umwelt eingefügt worden wäre und sich auf das Schicksal Friedrichs beziehe, wobei sie tragische Stimmung verbreite. Er deutet die „Juden- buche“ als Schicksalsnovelle, ebenso wie F. Gundolf mit der Begründung, dass die Menschen „bis zu ihren Taten bloß Opfer von Mächten sind, nicht deren Mit- schöpfer, nicht Begeher ihres Schicksals, sondern nur Erleider eines vormenschli- schen Vergängnisses6 “.

W. Silz sieht die Erzählung als Entwicklungsnovelle, da die Entwicklung der Hauptperson stark von Erbanlagen, Familienverhältnis und sozialem Milieu ab- hänge.

Welche Art von Novelle es nun ist, soll im nächsten Schritt untersucht werden.

Da der Stoff der Novelle auf tatsächlichen Ereignissen beruht und sogar der Entwurf der Novelle, der den Titel trägt „Friedrich Mergel, eine Kriminalgeschichte des 18. Jahrhunderts“, lässt sich nicht vermeiden diesen Begriff zu präzisieren. Frau Droste-Hülshoff betont sogar zweimal, dass sich alles so „wirklich zugetragen“ hat, um durch die Bindung an die Wirklichkeit das Interesse des Lesers zu wecken. Das Eingangsgedicht zeigt aber das Verständnis von Droste-Hülshoff im Bezug auf die Schuld des Verbrechers. Sie warnt im neutestamentlichen Sinn die Leser vor einer vorschnellen Verurteilung7:

Du Glücklicher, geboren und gehegt

Im lichten Raum, von frommer Hand gepflegt,

Leg hin die Waagschal', nimmer dir erlaubt !

Laß ruhn den Stein - er trifft dein eignes Haupt! -8

Im Bezug auf das Kriminalgenre sind Schauer oder Grauen typische Mittel zur Untermalung und Einstimmung (Gothic novels)9. In der „Judenbuche“ sind tat- sächlich Schauermotive zu erkennen. Beispielsweise wird der Tod des alten Mer- gels in einer stürmischen Mitternacht verkündet, der durch einen furchtbaren Don- nerschlag, dem „ein furchbares Geschrei die Treppe heran“ folgt, untermalt wird. Der Wald und das nächtliche Dunkel dienen dem Schauerbild, sowie die Gespens- tergestalt des alten Mergels, zu der ihn die Gesellschaft gemacht hat. Vor allem die Tatsache, dass viele der entscheidenden Szenen in der Nacht oder im Zwielicht des Abends und Morgengrauens spielen, begünstigen und treiben zu einer schauri- gen Umgebung, die geschaffen wird. Zwar ist diese Atmosphäre nicht aufdring- lich, da es durch die Erzählperspektive relativiert und durch den Aberglauben ab- getan wird, aber eine Betonung der Atmosphäre durch Schauermotive ist deutlich zu sehen in der Novelle. Solch eine Wettersymbolik ist charakteristisch für Krimi- nalgeschichten. Beispielsweise stirbt Hermann Mergel während einer „stürmi- schen Winternacht“, ein „furchtbarer Sturm“ kündet die Entdeckung des erschla- gegen Juden an und an einem „ungewöhnlich heißen Tag“ wird der erhängte Friedrich gefunden10. Da es bei der „Judenbuche“ um die Geschichte eines Verbre- chens und nicht um die Aufdeckung eines Verbrechens geht (Richard Alewyns) spricht man eher von Kriminalroman als von Detektivroman11. Aber man darf nicht außer Acht lassen, dass die Kennzeichen der Detektivgeschichte auch in der „Judenbuche“ im Ansatz sichtbar sind, da die Spannung des Ratens nach dem Tä- ter, die Frage nach dem „Wer“ und „Wie“ dem Leser überlassen wird und dieser in die Rolle eines Detektivs schlüpft. Dabei ist der Leser nicht nur beim Mord des Juden Aaron auf seine Vorstellungskraft gestellt, sondern auch beim Mord des Försters Brandis, da der Leser von beiden Morden den Tathergang nicht erfährt.

„,So wißt Ihr nicht, was ihm begegnet ist?‛ - ,Was denn?‛ fragte Margreth gespannt, - ,Er ist tot !‛ … ,von den Blaukitteln erschlagen. Vor einer Viertelstunde wurde die Leiche ins Dorf gebrachtʽ.“12

Der Förster wurde mit einer Axt erschlagen im Wald aufgefunden nach einem Streit mit Friedrich. Sicher ist nur, dass es ein Mord war und die Tatwaffe eine Axt

[...]


1 Vgl. Winfried Freund, Annette von Droste-Hülshoff, 1998, S.152 f.

2 Vgl. Winfried Freund, Annette von Droste-Hülshoff, 1998, S.111

3 Franz Keinemann, Unruhen und Krisen im Fürstentum, 1978, S.98

4 Karl Philipp Moritz, Annette von Droste-Hülshoff. Die Judenbuche. Ein Sittengemälde und Kriminalnovelle, 1980, S.90

5 Karl Philipp Moritz, Annette von Droste-Hülshoff. Die Judenbuche. Ein Sittengemälde und Kriminalnovelle, 1980

6 Ebd. S.92

7 Vlg. Ebd. S.97

8 Annette von Droste-Hülshoff, Die Judenbuche, 2001, S.3

9 Vgl. Karl Philipp Moritz, Annette von Droste-Hülshoff. Die Judenbuche. Ein Sittengemälde und Kriminalnovelle, 1980, S.97

10 Ebd. S.48

11 Ebd. S.101

12 Annette von Droste-Hülshoff, Die Judenbuche, 2001, S.28

Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668308510
ISBN (Buch)
9783668308527
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341242
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Universität
Note
2,3
Schlagworte
Judenbuche als literarische Filmerzählung Die Judenbuche im Film Novelle Narratalogische Analyse Literatur in Biedermeier und Vormärz

Autor

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Titel: "Die Judenbuche" von Annette von Droste-Hülshoff aus dem Jahr 1842 in einer literarischen Filmerzählung