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Jugendkulturen. Räume neuhumanistischer Bildungsprozesse und Vorbildsysteme anzustrebender Vergesellschaftung?

Essay 2015 16 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Essay Jugendkulturen - Räume neuhumanistischer Bildungsprozesse und Vorbildsysteme anzustrebender Vergesellschaftung?

Nico Schloß

„[...][D]as bis in die letzten Verästelungen nach dem Äquivalenzprinzip gemodelte Leben erschöpft sich in der Reproduktion seiner selbst, der Wiederholung des Getriebes, und seine Forderungen ergehen an den Einzelnen so hart und gewalttätig, daß er weder dagegen als sein Leben aus sich heraus Führender sich behaupten, noch sie als eins mit seiner menschlichen Bestimmung erfahren kann.“[1]

„Man kann von der Klaustrophobie der Menschheit in der verwalteten Welt reden, einem Gefühl des Eingesperrtseins in einem durch und durch vergesellschafteten, netzhaft dicht gesponnenen Zusammenhang. Je dichter das Netz, desto mehr will man heraus, während gerade seine Dichte verwehrt, daß man heraus kann.“[2]

„Es bedürfte der lebendigen Menschen, um die verhärteten Zustände zu verändern, aber diese haben sich so tief in die lebendigen Menschen hinein, auf Kosten ihres Lebens und ihrer Individuation, fortgesetzt, daß sie jener Spontaneität kaum mehr fähig scheinen, von der alles abhinge.“[3]

In diesen aufgeführten Zitaten wird ein zentraler Kerngedanke aufgezeigt, beispielgebend für eine grundlegende Denkweise Adornos, welche sein Schaffen und Werk durchzieht sowie die beinhaltet, dass dielebensunwerte, dem menschlichen Wesen bzw. seines Selbst entfremdete, von Kälte, Ausbeutung, gewaltvollen Übergriffen und Missgunst geprägteLebenswirklichkeit bzw. kapitalistische Gesellschaftsforminzwischen in sich selbst, z.B. durch die menschlichen Beziehungsgeflechte und Manipulationsmechanismen,so resistent geworden ist, dass sie vom Menschen kaum mehr überführt werden kann in ein Lebensumfeld, welches eine persönliche Selbstverwirklichung im Individuumgepaart mit einem verantwortungsbewussten Streben nach einem ethisch-humanen-liebevollen Umgang im Zusammenleben miteinander emporbringt. Adorno negiert nahezu komplett, dass der Mensch in gegenwärtiger Entwicklung imstande ist, seinepersönliche und sozial-gesellschaftliche Bestimmung zu entdecken sowie zu bilden, und misst dem Umfeld bei, es sei diesbezüglich aufgrund eigener Systemerhaltung abwehrend-eingrenzend und im Ganzen für das Individuum unerträglich; einzig allein geblieben istseiner Ansicht nach eine vielschichtige Reflexionsfähigkeit auf die problematisch eingerichtete Lebenswelt und sich selber, welche es als letztehoffnungsvolle Denkstrukturvor allem in Bildungsprozessen unbedingt aufrecht zu erhalten und es in kulturellem Schaffen künstlerisch-artikulierend in einem Kunstwerk, irritierend und anstoßend, umzusetzen gilt, auch wenn Adorno hier ebenfalls betont, dass die Rezipienten gar nicht in der Lage dazu sind, das Erlebte, Gesehene, Gehörte oder Erfahrene umdenkend auf ihr eigenes Leben anzuwenden.

Aufgrund der These Hitzlers, dass „Jugendkulturen unsichtbare Bildungsprogramme sind“[4], widmet sich dieser Essay kontrovers zumpessimistisch entworfenen Lebensweltszenario Adornos der Herausforderung zu skizzieren, ob in Jugendkulturen in unserem Gesellschaftssystem doch noch ein lebenswerter Möglichkeitsraum vorgefunden werden kann, so wie es Adorno dem Lebensumfeld eigentlich abspricht, der neuhumanistische Bildungsprozesse erlaubt und demzufolge mehr möglich ist als nur eine kritische Reflexion der von Adorno als misslich eingestuften Lebenswelt, ja in Jugendkulturen gar schon Subsystememenschlicher Vergesellschaftung zu finden sind, die als Vorbilder einer als Idealbild zukünftig anzuvisierenden Gesellschaftsform dienen, in der Selbstentfaltung im Kontext sittlich-humanen Miteinanders erreicht wird, und demzufolge die Lebenswirklichkeit doch nicht so unwirtlich ist.

Eine Annäherung an die Fragestellung erfolgt durch das Abwägen von Argumentationsweisen bezüglich der Bedeutung von Jugendkulturen überwiegend aus den Publikationen zweier Forschungskreise, die sich im wissenschaftlichen Diskurs schwerpunktmäßig dem Jugendkultur-Komplex annähern, nämlich den Mitarbeitern des Archivs der Jugendkulturen aus Berlin wie z.B. Christian Schmidt und den Herausgebern der Internetplattform „Jugendszenen.com“ der TU Dortmund um den Soziologen Ronald Hitzler, abgleichend in Hinblick auf die Idealvorstellung neuhumanistischer Bildungsidee.

Um eine Verständigungsgrundlage herzustellen, beginnt der Kern des Essays mit einem Definitionsversuch einiger zentraler Aspekte des Bildungs-, so wie ihn Adorno versteht, und des Jugendkulturbegriffs, wie er im Sinne der oben benannten Forscherkreise bezüglich jugendkultureller Ausprägungen aufgefasst wird. Daran anschließend werden bezugnehmend auf die Begriffsdefinitionen wesentliche Argumente diskutiert, die schließlich in einem vorsichtigen Resümee münden, ob Jugendkulturen Räume neuhumanistischer Bildungsprozesse und Vorbildsysteme anzustrebender Vergesellschaftung sein können. Abschließend wird der Versuch eines Ausblicks hinsichtlich der Erkenntnisse auf die gegenwärtige gesellschaftliche Relevanz gegeben.

Im Sinne Adornos beinhaltet der Bildungsbegriff ein unlösbares Spannungsfeld zwischen der Zielvorstellung, welche den Lernenden zu einem autonomen, wahrhaften, lebendigen Selbstbezug zur Welt verhelfen soll, in kritisch-differenzierter, selbstgesteuerter Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Gesamtumfeld und seines eigenen Selbst bei gleichzeitiger Findung seiner persönlichen und gesellschaftlichen Bestimmung ohne sich hierbei einer mitunter durch Beeinflussung hervorgerufenen Zweckbestimmung von außen unterwerfen zu lassen, und dem Bildungsgegenstand, eben dass der Bildungsprozess gerade nur dadurch angestoßen werden kann, dass das Individuum eine Lebenswelt außer sich braucht, an der es sich entwickeln kann und daher doch auch von den Lebensweltverhältnissen geprägt wird und damit Bildung eigentlich nicht realisierbar ist. Wer kann schon mit Gewissheit feststellen, ob sein Denken und Handeln wirklich aus einer freien Selbstentscheidung heraus entstanden ist oder doch nur eine abgeleitete Verhaltensweise gesellschaftlicher, ideologischer oder medialer Konformität ist?

Eine zweite Antinomie, die dem Bildungsbegriff innewohnt, folgert sich aus der Zielvorstellung des normativen Begriffs selbst, der Selbstbestimmung. Zum einen soll ein Mensch dazu befähigt werden, sich aus seinem eigenen, auch natürlichem Selbst heraus entfalten zu können; zum anderen soll dies in ethisch-moralisch verantwortungsvoller, streng genommen selbstloser Weise gegenüber seinen Mitmenschen und dem Lebensraum geschehen, was eigentlich nicht nur bedeutet, dass nicht alle eigenen Trieb- und Denkmomente verwirklicht werden können, weil sie mit dem Lebensumfeld divergieren, sondern auch aussagt, dass es ein Widerspruchsfeld zwischen der persönlichen Formung des natürlich Umgebenden, um sein Selbst vielfältiger sowie rentabler entfalten zu können, und der achtsamen Bewahrung gerade eben jener Lebensumgebung gibt.

Adorno formuliert in „Tabus über dem Lehrberuf“ und „Erziehung nach Auschwitz“ vorsichtig[5], hier sinngemäß übertragen, dass, um erfolgreiche Bildung anzubahnen,

- ein aussichtsreicher Bildungsprozess möglichst nicht „pädagogisiert“ bzw. nicht selbstzweckorientiert, d.h. an den wirklichen Realitäten in seinem wahrhaftigen Kontext, also nicht künstlich zugeschnitten auf die Zielgruppe sein sollte,
- im empfehlenswerten Lehr-Lern-Prozess der Lehrende authentisch in seiner Person agieren und seine Rolle transparent vor den Lernenden reflektieren sollte,
- im günstigenBildungsprozess der Lehrende eigene Wege, Vorstellungen, Andersartigkeiten und Kritik des Lernenden gleichwertig und warmherzig zu den eigenen Betrachtungsweisen anerkennen sollte,
- im chancenreichen Lehr-Lern-Prozess der Lernende sein Selbst und auch seine Emotionen wie Ängste entfalten können und möglichst keinen gesellschaftlich-konformen Entfremdungen oder disziplinarisch-autoritären Gängelungen unterworfen werden sollte,
- bereits in frühkindlichen Lebensphasen anzusetzen ist und sich der Bildungsprozess über das gesamte Leben eines Menschen erstrecken sollte,
- der Lernende erkennt, dass er sich trotz all seiner Bedingtheiten verändern kann,
- der Lehrende seine Lebendigkeit, Ideale und Leidenschaften bewahren und einbringen können sollte.

In Bezug auf das gesellschaftliche Miteinander ist es für Adornovon äußerster Wichtigkeit, die von der Gesellschaft durchaus alsTabuthemen empfundenen, diversen, von Menschenhand begangenen Gräueltaten wie z.B. Unterdrückungen, Völkermorde und Gewaltakte sowie die kapitalistisch-technische Verdinglichung, mitunter tiefenpsychologisch,im Bildungsprozess aufzugreifen und durch Bildung, auch aufgrund der hierbei hervorzurufenden Befähigung zum Nicht-Mitmachen, gar zu bewältigen.

Bildung in seiner Gesamtheit so umrissen, wirft für Adorno die Problematik auf, dass sie an einem Menschen nicht objektiv feststellbar ist, die Behauptung, jemand sei gebildet, daher nicht nachgewiesen werden kann und somit erschwert wird, herauszufinden, welche Faktoren eine wirksame Bildung bewirken bzw. eine als erfolgreich wahrgenommene Bildung auch eine subjektiv eingebildete sein kann.

[...]


[1] Adorno, 1959, S. 107.

[2] Ders., 1966, S. 90.

[3] Ders., 1965a, S. 18.

[4] Hitzler/ Pfadenhauer, 2004, S. 5.

[5] Adorno verweist in diesem Zusammenhang immer wieder darauf, dass er seine Überlegungen nur auf Basis rudimentär ausgeprägter, eigener bzw. nicht vorhandener pädagogischer Praxis tätige.

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668307315
ISBN (Buch)
9783668307322
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341235
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg) – Institut für Gesellschaftswissenschaften und Theologie
Note
1,0
Schlagworte
vorbildsysteme vergesellschaftung Humboldt Adorno Jugendszenen Bildungsbegriff Jugendkulturen Räume Bildung Halbbildung Unbildung Bildungsprozesse Soziologie

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Titel: Jugendkulturen. Räume neuhumanistischer Bildungsprozesse  und Vorbildsysteme anzustrebender Vergesellschaftung?