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Anarchie im Netz? Eine Netiquette-Analyse in webbasierten Forensystemen

Seminararbeit 2004 35 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhalt

Teil 1: Einführung
1.1 Fragestellung
1.2 Gegenstand: Webbasierte Forensysteme
1.3 Forschungsstand
1.3.1 Kommunikationsverhalten und Umgangsformen: Kultur der WWW-Foren
1.3.2 Normen und Regeln in Diskussionsforen

Teil 2: Netiquette-Analyse
2.1 Methodische Vorbemerkungen
2.1.1 Auswahlverfahren
2.1.2 Definition der Grundgesamtheit
2.1.3 Stichprobe
2.2 Strukturen der Regelwerke
2.2.1 Anmeldeformalia
2.2.2 Urheberrechtliche Vereinbarungen
2.2.3 Verantwortlichkeit für Inhalte
2.2.4 Rechte
2.2.5 Pflichten
2.2.6 Empfehlungen und Ratschläge
2.2.7 Gebote
2.2.8 Verbote
2.2.9 Sanktionen
2.2.10 Besonderheiten
2.3 Entstehungszusammenhänge
2.4 Zusammenfassung der Ergebnisse

Literatur

Teil 1: Einführung

1.1 Fragestellung

In den Städten der Antike, besonders im alten Rom, waren es die Markt- und Versammlungsplätze, auf denen öffentliche Diskussionen und Aussprachen stattfanden. Man bezeichnete sie schon damals als Foren. Auch heute versteht man unter einem Forum einen geeigneten Personenkreis, der eine sachverständige Erörterung von Problemen oder Fragen garantiert; eine Forumsdiskussion ist eine öffentliche Diskussion, bei der ein anstehendes Problem von Sachverständigen und Betroffenen erörtert wird.[1] Es handelt sich dabei also um einen Kommunikationsprozess, an dem eine größere Anzahl von Akteuren beteiligt sind. Dies erfordert spezielle Kommunikationsformen, die sich im Laufe der Zeit wandeln können. Solche Wandlungen waren und sind inbesondere immer dann beobachtbar, wenn technische Innovationen stattfanden bzw. -finden. In einigen dieser Fälle kam es auch zu einer Ausweitung der möglichen Kommunikationsformen. Beispiele dafür sind etwa die Erfindung des Buchdrucks mit Hilfe der beweglichen Lettern oder die Datenübertragung durch Radiowellen; auch die Verbreitung von Mobiltelefonen samt der daraus erwachsenden SMS-Sprach-Kultur sei hier genannt. Solche neu entstandenen technisch vermittelten Kommunikationsformen sind auch oft nur Varianten althergebrachter. Man denke an E-Mails, die von Briefen abgeleitet sind oder an statische Webseiten, deren ‚Vorfahren‘ die Printmedien sind (Online-Zeitschriften – gedruckte Zeitschriften, Online-Kataloge – gedruckte Kataloge). Zentrale Gemeinsamkeiten der jeweils älteren mit der neuen computervermittelten Kommunikationsform sind in wesentlichen Eigenschaften erkennbar. Dazu zählen die Anzahl der Empfänger (disperses Publikum / Kleingruppe / Einzelperson), die Anzahl und Kombination der Kommunikationskanäle (Text / Bild / Ton / Bewegung) sowie der Zeitpunkt der Kommunikation (synchron / asynchron). Man könnte in dieser Art fast alle neuen Möglichkeiten der computervermittelten Kommunikation älteren Kommunikationsarten zuordnen. Es wird jedoch gerade hierbei deutlich, dass webbasierte Forensysteme die wenigsten Gemeinsamkeiten mit den bekannten Kommunikationsformen aufweisen. Sie sind gewissermaßen „am weitesten entfernt“[2] von den älteren Formen und stellen damit ein wichtiges und lohnenswertes Forschungsobjekt dar.

Es gibt im Bereich der klassischen Medien kein Vorbild für webbasierte Foren, was die Frage aufwirft, ob sich auch neuartige Spielregeln für die Kommunikation in den Foren entwickelt haben, oder ob eine völlige Offenheit bis hin zur Regellosigkeit herrscht. Es ist zu vermuten, dass für eine erfolgreiche Kommunikation in Foren, für die die Beteiligung vieler Diskussionsteilnehmer typisch ist, solche Spielregeln unerlässlich sind.

Das Hauptgewicht dieser Arbeit liegt deshalb in der qualitativen Analyse der formalen Verhaltensregeln in webbasierten Forensystemen. Der Grundgedanke dabei ist, dass sich im Laufe der Zeit, in der ein Forum betrieben wird, bestimmte Umgangsformen einspielen (informale Regeln), die anfangs möglicherweise regelmäßig verletzt wurden, woraufhin die Betreiber und/oder Nutzer Regelungsbedarf feststellten. Dieser mündete schließlich in ein geschriebenes Regelwerk (formale Regeln), das aus den gesammelten Erfahrungen des Umgangs im Forum entstand und damit die Kultur desselben umreißt. In Abschnitt 1.3.2, in dem ich das Coleman-Modell der Entstehung sozialer Normen[3] heranziehen werde, wird diese theoretische Grundlage meiner Arbeit präzisiert.

Der Forschungsgegenstand ist nun umgrenzt. Die zentralen Fragestellungen dieser Arbeit lauten:

1. Sind Regelwerke hinsichtlich des Verhaltens in webbasierten Forensystemen typisch?
2. Wie sind diese Regelwerke inhaltlich strukturiert und weisen die verschiedenen Foren Ge-meinsamkeiten und/oder Unterschiede hinsichtlich dieser Strukturen auf?
3. Wie bilden sich Normen und Regeln im Rahmen computervermittelter Kommunikation in webbasierten Foren heraus und wie gelangen sie schließlich in geschriebene Regelwerke (d.h. wie werden sie zu formalen Regeln)?

Die angedachte Analyse soll einen Beitrag leisten, ein strukturelles Fundament für weitergehende Forschungen über die Kommunikation in webbasierten Forensystemen zu liefern.

1.2 Gegenstand: Webbasierte Forensysteme

Im Gegensatz zu E-Mail stellen Foren ein Medium dar, das eher an Massenmedien erinnert. Die Anwendung ist relativ einfach: Nach dem Aufruf der Webseite, die das Forum beherbergt, können die unterschiedlichen thematischen Untergruppen ausgewählt werden. "Betritt" man nun eine dieser Groups, so werden meist die Betreffzeilen der einzelnen Artikel aufgelistet, nach denen man sich den oder die gewünschten Artikel ansehen kann. Wird ein Artikel „gepostet“, d.h. in ein Forum eingestellt, ist er für jeden Anwender lesbar. Man könnte diese Möglichkeit der Kommunikation mit einer weltweiten Zeitung vergleichen, die in unterschiedliche Sparten unterteilt ist. Der grundlegende Unterschied zu den herkömmlichen Massenmedien besteht in der Interaktivität dieses Mediums. Denn nicht nur das Lesen der Artikel, Fragen oder Beiträge ist möglich, sondern es kann direkt auf jedes „Posting“ reagiert werden.[4]

Es gibt meist zwei verschiedene Kommunikationskanäle: Ihre Verwendung durch den Nutzer richtet sich danach, ob der Beitrag an den Verfasser allein oder an sämtliche interessierte Groupleser gerichtet ist. Der E-Mail-ähnliche interpersonale Kanal ermöglicht es, die Mitteilung direkt an den Verfasser des Postings zu leiten. In einer solchen Mitteilung wird meist der Bezug zum geposteten Artikel hergestellt, indem Teile des originalen Beitrags in die Antwort eingefügt werden. Außerdem können Postings auch an andere Anwender weitergeleitet werden („forward“-Befehl). Die andere Möglichkeit ist der multipersonelle Kanal. Mittels des followup-Befehls wird der Betreff („subject“) der Antwort mit einem "Re:" versehen. Die Antwort ist wie das ursprüngliche Posting wiederum für alle Anwender lesbar. Auch hier werden meistens Teile des ursprünglichen Postings editiert, um neuen Lesern einen Bezug zur diskutierten Thematik zu geben bzw. einzelne Diskussionsstichpunkte hervorzuheben.[5]

Festzuhalten ist, dass unser Medium zwei verschiedene Kommunikationsarten bietet. Sowohl das Posten, als auch das Verschicken von Antworten oder anderen Beiträgen bedient sich formal nahezu der gleichen Struktur wie E-Mail; die Unterschiede sind sehr gering. Foren sind also weit mehr als ein herkömmliches Massenmedium (one to many). Da eine sofortige Reaktion auf einen Artikel mit Hilfe eines multipersonellen Kanals erfolgen kann, erlangen Foren den Status eines interaktiven Massenmediums (many to many). Auf der Zeitebene sind diese computervermittelten Kommunikationsmedien als asynchron zu bezeichnen, d.h. die Zeitpunkte der Aktivität des Lesens bzw. Schreibens eines Beitrags und der tatsächlichen Einstellung desselben müssen nicht identisch sein.

Was ist nun das Besondere an webbasierten Forensystemen? Ein beachtenswerter Aspekt ist die Langzeitarchivierung der Fragen, Anworten und Diskussionsbeiträge (sog. „threads“). Jede Kommunikationskette kann von ihrem Ursprung bis zum gegenwärtigen Stand nachvollzogen werden. Theoretisch erübrigt sich dadurch jegliche Wiederholung, denn thematisch ähnliche Beiträge könnten fortlaufend aufeinander aufbauen. In der Praxis kann man jedoch beobachten, dass oft und immer wieder dieselben Fragen gestellt werden.[6]

Ebenfalls bemerkenswert ist die Rolle und die Form von Zitaten. Gelegentlich bestehen Antworten nur aus einem Link, der auf ein Internetdokument verweist, welches die gestellte Frage möglicherweise beantwortet. Andere Zitate bestehen in „konventionellem Stil“ aus Textpassagen, wobei die Quelle des Originaltextes ebenfalls in Form einer Webadresse angegeben wird. Dadurch wird der sofortige Zugriff auf den Kontext des Zitates möglich.

Vergleicht man – um bei dem oben benutzten Beispiel zu bleiben – webbasierte Forensysteme mit einer (weltweiten, in unterschiedliche Sparten unterteilten) Zeitung, die nichts anderes als Leserbriefe und Reaktionen darauf enthält, so muss man trotz der zunächst augenfälligen Gemeinsamkeiten einen entscheidenden Unterschied einräumen. Während beim Zeitungsbeispiel trotz allem die Rollenverteilung von Lesern und Redaktion klar bestehen bleibt[7], ist in Forensystemen die Trennung von Kommunikator und Rezipient prinzipiell und konstruktionsbedingt aufgehoben. In der Praxis ist jedoch auch hier ein hoher Anteil von Nutzern vorhanden, die nur rezipieren, ohne sich aktiv zu beteiligen.[8] Stegbauer und Rausch weisen in einer Studie[9] jedoch darauf hin, dass diese sogenannten „Lurker“ weitaus mehr Funktionen erfüllen, als es das verbreitete Trittbrettfahrer-Vorurteil erkennen lässt.

1.3 Forschungsstand

1.3.1 Kommunikationsverhalten und Umgangsformen: Kultur der WWW-Foren

Zunächst erscheint es notwendig, eine analytische Trennlinie zwischen Webforen auf der einen, sowie Usenet und Mailinglisten auf der anderen Seite zu ziehen[10]. Ralf Stockmann etwa sieht zwischen den Systemen „große Unterschiede in Bezug auf: technische Umsetzung, Zugangshürden, Zugangsmöglichkeiten, Bedienung, Zielgruppe, Special Interest, Strukturierung“[11]. In Usenet-Foren seien die Zugangshürden relativ hoch, da man eine spezielle Software installieren und einrichten müsse. Er stellt in diesem Zusammenhang die These auf, Usenet und Mailinglisten würden in der Hauptsache von technisch versierten und interessierten Nutzern genutzt, die keinen repräsentativen Querschnitt der eigentlichen Internetnutzer bildeten, die in ihrer Gesamtheit auch nicht dispers seien, sondern sich aufgrund von speziellen Interessen zusammenfänden. Webforen hingegen eröffneten völlig neue Rezipienten und Kommunikatorengruppen, die anders als die technik-affinen Gruppen handelten.[12]

Während für die Usenet-Foren eine recht gute Forschungslage zu verzeichnen ist, findet man im Bereich der WWW-Foren nur wenige Studien. Zu nennen ist die Monographie von Robert Mayer-Uellner „Das Schweigen der Lurker“, in der er der Frage nach der Anwendbarkeit der Theorie der Schweigespirale[13] auf Foren nachgeht. Christian Stegbauer untersucht in seiner quantitativ ausgerichteten Studie „Grenzen virtueller Gemeinschaft – Strukturen internetbasierter Kommunikationsforen“[14] Mailinglisten. Die Ergebnisse sind jedoch nur bedingt auf webbasierte Forensysteme übertragbar, da sich Mailinglisten hinsichtlich Hand-habung und Verbreitung noch wesentlich weiter von WWW-Foren entfernen als die schon erwähnten Newsgroups des Usenet.

In einem Zeitschriftenaufsatz[15] thematisieren Christian Stegbauer und Alexander Rausch das Phänomen der „Lurker“, jene passive Mehrheit der Teilnehmner in Dikussionsforen, die mit einem Anteil zwischen 56% bis 81% die Mehrheit stellen. Mittels einer quantitativ angelegten Verlaufsanalyse des Verhaltens der Forennutzer in einem bestimmten Zeitintervall widerlegen sie nicht nur die These, Lurker seien Trittbrettfahrer, die lediglich Wissen abschöpften ohne einen eigenen Beirag zu leisten. Stegbauer und Rausch arbeiten einige wichtige Funktionen heraus. So könnten Lurker etwa als Publikum betrachetet werden, welches für die Popularität eines Sozialraumes bedeutsam sei. Entscheidend aber seien die Konsequenzen der Mehrfachmitgliedschaften: Lurker entfalteten, so die Autoren, nur in leicht geringerem Maß als die Aktiven in einem anderen Sozialraum Aktivitäten. Da sie aber in allen Kommunikationsräumen die Mehrheit bildeteten, besäßen sie das größte Potential für die Verbreitung von Informationen über die Grenzen des Forums hinaus.[16]

Ein umfassendes Standardwerk zu Kommunikationsverhalten, Umgangsformen oder Kultur von und in wirklichen WWW-Foren (d.h. nicht auf Mailinglisten oder Usenet beschränkt) – sei es in qualitativem und/oder quantitativem Untersuchungsdesign angelegt – liegt noch nicht vor.

1.3.2 Normen und Regeln in Diskussionsforen

Je mehr Menschen miteinander kommunizieren, desto schwieriger ist es, den Kommunikationsprozess so zu organisieren, dass er Aussicht auf Erfolg hat. Dies scheint gesichertes Alltagswissen zu sein. Man braucht Spielregeln, die zumindest minimale Beschränkungen auferlegen, damit man nicht vollständig aneinander vorbeiredet. Parlamente beispielsweise geben sich zu diesem Zwecke eine Geschäftsordnung. Die Vermutung, dass auch Foren einen Minimalkonsens – einen Rahmen, innerhalb dessen die Kommunikation stattfindet – benötigen, bildet die Motivation für diese Untersuchung. Wie aber bilden sich solche Normen und Regeln im Rahmen computervermittelter Kommunikation heraus?

Im Folgenden soll das sogenannte Coleman-Modell der Entstehung sozialer Normen[17] als theoretisches Fundament für die weitergehenden Analysen dienen.

Eingangs ist der Begriff der sozialen Norm zu definieren. Eine soziale Norm sei, so Coleman, eine Regel, die eine bestimmte Handlung in einer Gruppe vorschreibt oder verbietet. Sie (die Norm) existiere in dem Ausmaß, in dem es einen Konsens in der Gruppe gebe, dass bestimmte Handlungsrechte nicht mehr in der Verfügungsgewalt des Individuums, sondern bei der Gruppe liegen.[18] Ein Beispiel soll dies veranschaulichen: Es könnte in einem bestimmten Forum die Regel geben, dass kompetente Teilnehmer innerhalb einer Diskussion Mitgliedern, die um Hilfe bitten, Unterstützung geben, ohne etwa mit erhobenem Zeigefinger darauf hinzuweisen, dass sich der Hilfesuchende zunächst intensiv mit dem Thema befassen solle. Als ich letzteres bei einer Diskussion beobachten konnte, gab es innerhalb kurzer Zeit Zurechtweisungen seitens anderer Mitglieder, die darauf bestanden, dass man sich dem Problem hilfsbereit annehmen solle. Die kompetente Person befolgte dies und änderte den „Ton“, stellte hilfreiche Rückfragen zur Eingrenzung des Problems etc. Benutzt man also den Begriff einer sozialen Norm, so geht es nicht um die Internalisierung bestimmter Werte durch Individuen.[19] Es ist das Merkmal einer Gruppe, ob eine Norm Geltung besitzt, nicht das eines Individuums.

Unter welchen Bedingungen entwickelt eine Gruppe einen Normbedarf? Wie wird ein so entwickelter Normbedarf realisiert?

Coleman gibt zwei Bedingungen an, die für die Entstehung des Bedürfnisses nach einer Norm, die eine spezifische Handlung reguliert, wichtig seien. Die Handlung eines Gruppenmitgliedes muss erstens die Interessen der anderen Mitglieder positiv oder negativ berühren. Diese Bedingung garantiert, dass die Gruppenmitglieder ein Interesse an der Regulierung der spezifischen Handlung des Mitgliedes haben. Es darf zweitens keine Möglichkeiten für den bi- oder multilateralen Austausch von Handlungsrechten zwischen den Mitgliedern geben. Dies hat den Effekt, dass das Regulierungsinteresse nicht durch individuelle Tauschhandlungen der Mitglieder befriedigt werden kann. Sind beide Bedingungen gegeben, so Coleman, entwickelten die Gruppenmitglieder ein Bedürfnis nach einer informellen Regel. Eine solche schriebe beispielsweise im Falle positiver externer Effekte das spezifische Handeln vor.[20]

Zur zweiten Frage, wie ein so entwickelter Normbedarf realisiert wird, erklärt Coleman: Eine soziale Norm werde realisiert, wenn die Mitglieder bereit sind, auf die Ausübung ihrer individuellen Handlungsrechte zu verzichten. Solch ein Verzicht liege meist nicht im Eigeninteresse des einzelnen Mitglieds. Deshalb seien hierfür Sanktionen erforderlich. Hinzu komme, dass die Ausübung von Sanktionen für ein Mitglied mit Kosten verbunden ist. Von den Wirkungen aber, so Coleman, profitiere jedes Mitglied unabhängig von seinem Einsatz für die Verwirklichung der jeweiligen Norm. Das Ausüben von Sanktionen kommt damit einem öffentlichen Gut gleich.[21] Für öffentliche Güter sind die Eigenschaften der Nicht-Anwendbarkeit des Ausschlussprinzips sowie die Nichtrivalität der Nutzung der Vorteile (in ökonomischen Kontexten: des Konsums) kennzeichnend.[22]

Ist das Netzwerk der Beziehungen zwischen den Gruppenmitgliedern hinreichend dicht, so Coleman weiter, könne das Problem der Ausübung von Sanktionen gelöst werden. Die Gruppenmitglieder seien in diesem Fall motiviert, die Kosten der Sanktionierung auf sich zu nehmen. Sanktionierung sei so wahrscheinlicher, weil eine hohe Beziehungsdichte etwa die Ausübung von Sanktionen durch organisiertes gemeinsames Handeln vereinfache.[23]

Das Posten hilfreicher Foren-Diskussionsbeiträge ist eine Form individuellen Handelns, die positive Effekte für die anderen Diskussionsteilnehmer hat. Folgt man Colemans Argumentation, so ist eine hohe Dichte des Netzwerkes der informellen Beziehungen zwischen den Forenteilnehmern eine wichtige soziale Bedingung, die die Etablierung einer Norm, die diese Handlung reguliert, fördert.[24]

In welcher Weise solche Normen schließlich ihren Weg in geschriebene Regelwerke finden um damit zu formalen Regeln zu werden, ist neben der Analyse ihrer Strukturen ein Teilaspekt der Untersuchungen im zweiten Teil dieser Arbeit.

[...]


[1] Vgl. Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion 1990, S. 261.

[2] Stockmann 2004, S. 2.

[3] Vgl. Coleman 1990.

[4] Vgl. Kneer 1994, S. 20.

[5] Vgl. Kneer 1994, S. 21f.

[6] Vgl. Stockmann 2004, S. 4.

[7] Eine Redaktion wählt schon aus Kapazitätsgründen z.B. die Leserbriefe und Antworten sorgfältig aus, ver-meidet Dopplungen und strukturiert das Material inhaltlich.

[8] Vgl. Stockmann 2004, S. 4.

[9] Vgl. Stegbauer / Rausch 2001, S. 1, mehr dazu in Abschnitt 1.3 (Forschungsstand).

[10] 1976 etwickelte Mike Lesk in den Bell Laboratories von AT&T ein Programm namens UUCP (UNIX-to-UNIX-copy), das es ermöglichte über eine Telefonleitung Daten zwischen zwei UNIX-Maschinen auszu-tauschen. Es war dann in der neuen Version des UNIX-Betriebssystems von 1978 enthalten. Kurz darauf schrieben zwei Studenten der Duke University ein Unix-Shellskript, das mit Hilfe von UUCP Nachrichten zwischen zwei Universitäten austauschen konnte. Dieses Programm wuchs zu einem weltweiten elektronischen schwarzen Brett, dem USENET, heran, das Diskussionsgruppen zu allen möglichen Themen enthielt. Für die Teilnahme am USENET waren ein unter dem Betriebssystem UNIX laufender Computer und ein Telefonanschluss nötig. Das USENET bot ein Verfahren, mehrere öffentliche Gesprächsrunden zu bestimmten Themen zu verwalten, die nicht in einer zentralen Einrichtung gesteuert wurden. Das zugrundeliegende Prinzip besteht darin, jedes Schreiben eines Teilnehmers allen anderen Teilnehmern zugänglich zu machen.

[11] Stockmann 2004, S. 5.

[12] Vgl. Stockmann 2004, S. 5. Ralf Stockmann arbeitet an einer Studie, die sich mit der Forenkommunikation im Bereich des universitären eLearning befasst. Als zu untersuchendes Forensystem wählte er das in die Plattform „Stud.IP“ integrierte Forensystem der Universität Göttingen. Es liegen jedoch bisher nur quantitative Ergebnisse vor.

[13] Noelle-Neumann 1996.

[14] Vgl. Stegbauer 2001.

[15] Vgl. Stegbauer / Rausch 2001.

[16] Vgl. Stegbauer / Rausch 2001, S. 62.

[17] Vgl. Coleman 1990.

[18] Vgl. Coleman 1990, S. 243.

[19] Vgl. Hechter / Opp 2001.

[20] Vgl. Coleman 1990, S. 251.

[21] Vgl. Coleman 1990, S. 249f.

[22] Vgl. Bätzel 2003, S. 35f.

[23] Vgl. Coleman 1990, S. 266ff.

[24] Vgl. Coleman 1990, S. 269ff.

Details

Seiten
35
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638344319
Dateigröße
955 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34121
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
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