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Einwandererkinder im deutschen Bildungswesen. Wie kommt es zu Unterschieden in der Bildungsbeteiligung?

Hausarbeit 2008 15 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Situationsbeschreibung: Kinder mit Migrationshintergrund

2. Die Lage im Bildungssystem
2.1 Bildungsbeteiligung von Schüler/innen mit Migrationshintergrund
2.2 Bildungsabschlüsse ausländischer Schüler/innen
2.3 Unterschiede nach Nationalität
2.4 Ergebnisse der PISA-Studie

3. Wie kommt es zu Unterschieden in der Bildungsbeteiligung?
3.1 Migrationsbiografie
3.2 Möglichkeiten der Familie zur Unterstützung des Schulerfolgs
3.3 Ethnische Segregation im Grundschulbereich

4. Folgerungen für die schulische Praxis

Literaturverzeichnis

Einleitung

Eine erfolgreiche schulische und berufliche Ausbildung von Kindern und Jugendlichen ist in der Bundesrepublik Deutschland eine unerlässliche Voraussetzung für den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Bildung erhält für die Lebensperspektiven junger Menschen eine herausragende Bedeutung und gewinnt mit Blick auf die besondere Situation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die eine große Gruppe im Bildungswesen der Bundesrepublik Deutschland darstellen, noch zusätzlich an Gewicht. Der Erwerb schulischer und beruflicher Bildungsqualifikationen spielt für Migrantenkinder eine Schlüsselrolle im sozialen Integrationsprozess. In Deutschland ergeben sich je nach Herkunft und Lebensperspektive unterschiedliche Probleme. Vor allem die mangelnden Kenntnisse der deutschen Sprache erweisen sich als eine der größten Hürden in der Schullaufbahn.[1]

Ziel dieser Arbeit ist es, sich intensiv mit dem Thema: „Einwandererkinder im deutschen Bildungswesen“ auseinanderzusetzen. Zu Beginn wird auf die besondere Situation von Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland eingegangen. Anschließend folgt eine Analyse des deutschen Bildungssystems mit besonderer Berücksichtigung der Bildungsbeteiligung von Migrantenkindern. Ferner wird geklärt, welche Bildungsabschlüsse, die die „entscheidenden biografischen Weichen“[2] für das Leben stellen, mehrheitlich von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund erworben werden. Schließlich folgt eine detaillierte Beschreibung, die sich mit den ethnischen Unterschieden befasst. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Zusammenfassung der wichtigsten PISA-Ergebnisse. Sie verdeutlichen, dass das deutsche Bildungswesen im internationalen Vergleich noch weit „hinterhinkt“ und es trotz großer Bemühungen immer noch nicht schafft, „Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache schulisch optimal zu fördern“.[3] Im Vergleich zu gleichaltrigen Deutschen schneiden sie insgesamt schlechter im Bildungssystem ab. Die Forderung nach besonderer sprachlicher Förderung und Aufmerksamkeit ist deshalb unabdingbar. Auch wird der Frage nachgegangen, wie es zu einer Benachteiligung im deutschen Schulsystem kommen kann. Dabei wird explizit auf die Themen: „Migrationsbiografie“, „Möglichkeiten der Familie zur Unterstützung des Schulerfolgs“ und „ethnische Segregation im Grundschulbereich“ eingegangen. Am Ende der Arbeit werden sowohl Perspektiven für die schulische Praxis aufgezeigt als auch weitergehende Überlegungen in Bezug auf die zukünftige Entwicklung von Migration und Gesellschaft angestellt.

1. Situationsbeschreibung: Kinder mit Migrationshintergrund

Ende 2007 umfasste die ausländische Bevölkerung in Deutschland 7,3 Millionen Menschen, „was einem Anteil von 8,9% an der Gesamtbevölkerung entspricht“[4]. Während für die Statistik das bedeutsame Kriterium in der Staatsangehörigkeit liegt, bezieht sich der Begriff 'Ausländer' „im alltäglichen Sprachgebrauch relativ undifferenziert auf eine heterogene Bevölkerungsgruppe“[5]. Damit sind Menschen gemeint, die aus mannigfachen Gründen nach Deutschland zugewandert sind, rechtlich einen gesonderten Status haben sowie sich in verschiedenen Lebenssituationen befinden und arbeiten. Hierzu gehören die Arbeitsmigranten sowie deren Kinder und Enkel, Asylberechtigte und ihre Familienangehörigen, De-facto-Flüchtlinge, Asylsuchende, Bürgerkriegsflüchtlinge, Konventions- und Kontigentflüchtlinge, Personen aus EU-Mitgliedsländern und schließlich heimatlose Ausländer.[6]

Die Bundesrepublik ist damit ein Einwanderungsland, für das Migration zu einem wichtigen Stabilitätsfaktor geworden. Vergleicht man die ausländische und deutsche Bevölkerung miteinander, so wird deutlich, dass es einen entscheidenden Unterschied in der demographischen Struktur gibt. Während die Altersstruktur der Deutschen durch einen stetig wachsenden Anteil älterer Menschen und einem geringen Anteil von Kindern und Jugendlichen gekennzeichnet ist, verhält es sich bei der ausländischen Bevölkerung gegensätzlich. Dies führt dazu, dass durch die ausländische Altersstruktur „die Schieflage der Sozialsysteme“[7] reduziert wird.

Wie bereits anfangs erwähnt, stellen Kinder mit Migrationshintergrund im Schulalltag keine Minderheit dar, sondern eine bedeutende Gruppe. Die Mehrheit der ausländischen Schüler/innen (bzw. ihre Eltern oder Großeltern) stammt aus der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien, Italien, Polen, Griechenland und der Russischen Förderation. Seit Anfang der 1990er Jahre stieg die Zahl der Kinder, die als 'Seiteneinsteiger' in das deutsche Bildungswesen kamen, durch den verstärkten Zuzug von Aussiedlern, Asylsuchenden und Bürgerkriegsflüchtlingen drastisch an. In diesem Zusammenhang ist es enorm wichtig darauf hinzuweisen, dass sich ihre Lebenslage sowie ihre Anpassungsschwierigkeiten an die deutsche Schule qualitativ von denen in der Bundesrepublik aufgewachsenen Migrantenkinder unterscheiden.[8]

Innerhalb des Zeitraums von 1970 bis 1997 erfolgte an den allgemein bildenden Schulen und an den beruflichen Schulen bis 1994 ein stetiger Zuwachs an ausländischen Schüler/innen. In einem Auszug aus dem Kapitel „Einwandererkinder im deutschen Bildungswesen“ heißt es dazu: „Gingen in Westdeutschland 1960 lediglich 55.000 Kinder und Jugendliche ausländischer Staatsangehörigkeit auf eine allgemein bildende oder berufliche Schule, so erreichte die entsprechende Zahl im Jahre 1989 vor der Vereinigung beider deutschen Staaten bereits fast die Millionengrenze.“[9] Auch heute besuchen noch eine Vielzahl von ausländischen Schüler/innen die deutschen Schulen. Im Schuljahr 2006/07 waren beispielsweise rund 897.740 ausländische Schüler/innen an allgemein bildenden Schulen registriert. Für die beruflichen Schulen betrug die Zahl 186.827. [10]

Diese Zahlen, die auf den Ergebnissen der amtlichen Statistik beruhen, sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Nicht der Migrationshintergrund wird in diesem Zusammenhang berücksichtigt, sondern lediglich die Staatsangehörigkeit der Befragten. Dies ist laut Leonie Herwartz-Emden „eine unzureichende Kategorisierung“[11]. Unter anderem nennt sie den Grund, dass die Gruppe der Kinder mit Aussiedlungshintergrund in der Gesamtzahl der ausländischen Kinder nicht enthalten ist, da sie in der Regel die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Demnach werden in der amtlichen Schulstatistik diese Schüler/innen nicht gesondert ausgewiesen, „sondern sind in der Gruppe der deutschen Schüler/innen enthalten“[12]. Ihr Migrationshintergrund ist somit nicht mehr erkennbar. „Es kann also davon ausgegangen werden, dass die Zahl der Schüler/innen mit Migrationshintergrund deutlich höher ist, als die Zahl der ausländischen Schüler/innen.“[13] Die Konsequenzen, die sich angesichts der mangelnden Kategorisierung ergeben, sind schwerwiegend. Neben der Unterschätzung der Integrationsprobleme, werden Integrationsleistungen und Bildungserfolge missachtet. Für eine zukünftige Bildungspolitik wäre demnach eine Erweiterung der statistischen Basis des Schulsystems oder die Einführung von Kategorien, die den Migrationshintergrund der Schüler/innen zuverlässig in der Schülerstatistik abbilden, zu fordern.

2. Die Lage im Bildungssystem

Erst spät traten die Schwierigkeiten, „die dem Bildungssystem aus der Anwerbung von Arbeitskräften erwuchsen“[14], ins öffentliche Bewusstsein. Entgegen vieler Annahmen handelt es sich bei der Integration von Migrantenkindern in der deutschen Schulgeschichte nicht um ein neues Problem. Warum also wurde die Bildungsfrage im Zusammenhang mit der Einwanderung erst so spät anerkannt? Die Frage ist relativ simpel zu beantworten. Die Migration wurde anfangs von vielen schlichtweg als „vorübergehende Phase“[15] betrachtet. Es war vorgesehen, dass die 'Gastarbeiter' nach einiger Zeit in ihre Heimatländer zurückkehren sollten. In der Regel wollten diese das auch mehrheitlich tun. Deshalb war es umso erstaunlicher, als sich im Laufe der Jahre abzeichnete, dass sie mit ihren Familien in Deutschland blieben. Die Integration ihrer Kinder wurde somit zu einer wichtigen, dauerhaften Aufgabe der hiesigen Schule. Vor allem die Kirche war es, die in diesem Zusammenhang früh auf das bestehende Integrationsproblem hinwies. Nachdem sich die Kultusministeriumskonferenz erstmals im Jahre 1963 dem Problem annahm, beschloss sie bereits ein Jahr später, die Schulpflicht in allen Ländern auch auf ausländische Kinder auszuweiten. Um ihnen den Eintritt in die deutsche Schule zu erleichtern und die baldige Teilnahme am Regelunterricht zu gewährleisten, sollte – so wurde es empfohlen – zusätzlicher Deutschunterricht erteilt werden. Aber auch die Muttersprache sollte gefördert werden. Der Gedanke einer schnellen und unkomplizierten Aufnahme ausländischer Kinder in deutsche Schulen war dabei primär.[16]

Im Unterschied zu diesen Vorstellungen findet gegenwärtig ein Perspektivenwechsel in der Migrationsforschung statt. Im Vordergrund steht nun das „Phänomen der 'transnationalen' Migration, womit ausgedrückt wird, dass Individuen (oder Familien) zugleich in verschiedenen kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten leben“[17]. Demgemäß geht es nun also nicht mehr nur um Integration, sondern auch um das Offenhalten einer Perspektive für eine Rückkehr oder eine Weiterwanderung. Dies ist für die Bildungspolitik von großer Bedeutung, da ein neuer Blick auf die Eingliederungsbedingungen von Migrantenkindern gerichtet werden muss.[18]

[...]


[1] vgl. KRISTEN, C. 2003. Ethnische Unterschiede im deutschen Schulsystem. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 21-22, S. 26.

[2] KRISTEN, C. 2003. Ethnische Unterschiede im deutschen Schulsystem. S. 26.

[3] HERWARTZ-EMDEN, L. 2003. Einwandererkinder im deutschen Bildungswesen. In: CORTINA, K. S.; BAUMERT, J.; LESCHINSKY A.; MAYER, K.U. (Hrsg.). Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Strukturen und Entwicklungen im Überblick. Reinbek bei Hamburg: Verlag Julius Klinkhardt. S. 661.

[4] HERWARTZ-EMDEN, L. 2003. Einwandererkinder im deutschen Bildungswesen. S. 665.

[5] Ebd., S. 661.

[6] vgl. Ebd., S. 661 f.

[7] HERWARTZ-EMDEN, L. 2003. Einwandererkinder im deutschen Bildungswesen. S. 670.

[8] vgl. HERWARTZ-EMDEN, L. 2005. Migrant/innen im deutschen Bildungssystem. In: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.): Bildungsreform Band 14, Migrationshintergrund von Kindern und Jugendlichen. Arbeitsstelle Interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration (AKI) WZB Berlin, BMBF (Hrsg.) Bonn/Berlin. S. 8

[9] HERWARTZ-EMDEN, L. 2003. Einwandererkinder im deutschen Bildungswesen. S. 680.

[10] http://www.destatis.de/, Stand: 17.05.2008

[11] HERWARTZ-EMDEN, L. 2005. Migrant/innen im deutschen Bildungssystem. S. 9.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] HERWARTZ-EMDEN, L. 2005. Migrant/innen im deutschen Bildungssystem. S. 12.

[15] Ebd.

[16] vgl. Ebd.

[17] HERWARTZ-EMDEN, L. 2003. Einwandererkinder im deutschen Bildungswesen. S. 697 f.

[18] vgl. HERWARTZ-EMDEN, L. 2005. Migrant/innen im deutschen Bildungssystem. S. 12.

Details

Seiten
15
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783668307353
ISBN (Buch)
9783668307360
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341188
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Institut für deutsche Sprache und Literatur Marienburger Platz 22
Note
1,3
Schlagworte
einwandererkinder deutschen bildungswesen unterschieden bildungsbeteiligung

Autor

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Titel: Einwandererkinder im deutschen Bildungswesen. Wie kommt es zu Unterschieden in der Bildungsbeteiligung?