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"Excellences & Perfections". Das erste Instagram-Kunstwerk zwischen inszenierter Fotografie und Performance

Seminararbeit 2016 9 Seiten

Kunst - Fotografie und Film

Leseprobe

Gliederung

1. Excellences & Perfections von Amalia Ulman

2. Inszenierte Fotografie
2.1. Bilder als Selbstporträts, Instagram als Ausstellungsfläche
2.2. Dokumentarischer, serienhafter Charakter
2.3. Betrachterin und Produzentin
2.4. Produzentin und Darstellerin, Fiktionalisierung
2.5. Bilder zweiten Grades

3. Performative Kunst
3.1. Performativität der Bilder
3.2. Regiemodus in der fotografischen Aktivität

4. Excellences & Perfections im poststrukturalistischen Spannungsverhältnis

5. Bibliographie

„I like drama as in performing, but not drama as in dramatic. My life is peaceful“1, erklärte die argentinische Künstlerin Amalia Ulman in einem Interview mit artnet. Diese Worte beschreiben perfekt ihre dramatische fotografische Inszenierung Excellences & Perfections auf der Fotoplattform Instagram, die sie von April bis Juli 2014 mit insgesamt 186 Fotos sowie zugehöriger Hashtags realisierte2 und die später unter anderem in der Tate Gallery in London ausgestellt wurde. Sie zeigt darin die fiktive Geschichte einer jungen Frau (von ihr selbst dargestellt), die nach Los Angeles kommt. Im ersten Teil lebt sie ein „braves“ Leben, ist lesend und in rosa Kleidung zu sehen, im zweiten Teil geht sie auf Parties, nimmt Drogen, arbeitet als Escort und bekommt eine Brustvergrößerung bezahlt, im dritten Teil schließlich wendet sie sich einem gesunden Lifestyle und Meditation zu. Als „Instagram-Tragödie“3 betitelt, führte Ulman ihre mehr als 75.000 Follower auf Instagram in die Irre und erhielt während der gesamten Performance unzählige Kommentare, Fragen und Komplimente zu ihren Bildern. Erst nach vier Monaten löste sie die Performance auf und erklärte alle Bilder für sorgfältig geplant und inszeniert, was Empörung, Fassungslosigkeit und Aufmerksamkeit für ihre Arbeit auslöste. Kunsthistorisch gesehen bewegt sich Ulmans Arbeit im Feld zwischen inszenierter Fotografie und Performance-Art, wobei der partizipatorischen Charakter des Kunstwerks betont wird, wie ich im Folgenden argumentieren werde. Zudem stellt die Künstlerin interessante Fragen zum Subjekt und Autorenschaft im poststrukturalistischen Diskurs in Verknüpfung mit sozialen Medien und dem Internet 2.0, bei dem mir besonders die Kunsthistorikerin und Kuratorin Martina Weinhart in ihrem Buch „Selbstbild ohne Selbst“4 erleuchtende Ergebnisse im Bereich der bildenden Kunst liefert.

Bilder als Selbstporträts, Instagram als Ausstellungsfläche Als erstes zerlege ich Excellences & Perfections in seine zwei Bestandteile künstlerischer Praxis: Inszenierte Fotografie und performative Kunst. Im Bereich der inszenierten Fotografie liegt mein Fokus besonders auf dem Selbstporträt, da die meisten Bilder die Künstlerin selbst zeigen - wobei natürlich hier die Frage zu stellen ist, ob ein Bild ihres gesunden Avocado-Snacks nicht ebenso als Selbstporträt zu sehen ist. Die Bildplattform Instagram kann im Grunde als Ausstellungsfläche eines Selbstbildnisses im Sinne einer Lebensgeschichte gesehen werden, als Online-Galerie voller Selbstporträts. NutzerInnen besitzen Profilbilder, unter denen sie alle Bilder posten - virtuelle Charaktere, die die hochgeladenen Fotos referentiell und direkt mit den NutzerInnen verknüpfen. Hashtags verdeutlichen diese Beziehung zusätzlich und wirken als Fotounterschriften, als kleine zusätzliche Kommentare - hier ist also auch die „Stimme“ der NutzerInnen zu lesen. Deshalb sind alle Bilder, die gezeigt werden, als indirekte Selbstporträts zu verstehen - dieser Diskurs führt auf einen viel früheren zurück, nämlich die Frage nach Referenzsystemen in erzeugten Bildern. Sind nicht alle hergestellten Bilder in gewisser Weise Porträts unserer Selbst? Diese Frage wird in der bildenden Kunst, vor allem nach dem Aufkommen der Fotografie, seit Jahren diskutiert. Auf der Plattform Instagram wird diese Frage sofort mit Ja beantwortet, denn alle Bilder werden anhand dieses Referenzrahmens durch die NutzerInnen diesen direkt zugeordnet. Dieser dadurch entstehende Seriencharakter, der einerseits geschlossen wirkende Narrative ermöglicht und andererseits kontinuierlich Glaubwürdigkeit fortschreibt, lässt sich mit seinem Authentizitätsanspruch schon früher in der Fotografie-Geschichte finden.

Dokumentarischer, serienhafter Charakter

Die amerikanische Fotografin Nan Goldin beschreibt ihre Fotos mit dem Satz: „Ich habe mein Leben dokumentiert“5, was dem dokumentarischen Charakter auf Instagram ziemlich nahe kommt, auch wenn Goldin selbst diese Verbindung zwischen ihrer fotografischen Ästhetik und der fotografischen Inszenierung auf sozialen Netzwerken in Interviews als furchtbar bezeichnet6. Auch Martina Weinhart betont den narrativen Aspekt in Goldins Werk und forscht zur Behauptung der Künstlerin, ihre Bilder seien wahrhaftig und authentisch7. Gleichzeitig enden Goldins Fotos nicht bei der Künstlerin, sondern erlangen durch die Darstellung von Subkulturen oder sozialen Randgruppen politischen Wert, wie auch die Künstlerin selbst im Interview hervorhebt8 - die Erforschung von verschiedenen Milieus gewissermaßen, in denen sich die Künstlerin persönlich aufhält. Diese Parallele ist zu Amalia Ulmans Werk zu ziehen. Auch sie ist an der Bildsprache eines Milieus interessiert. Im Vergleich zu Goldin erforschte Ulman einen Monat lang bildliche Ausdrucksformen, visuelle und kulturelle Codes sowie Kommentare und Hashtags, die eine bestimmte soziale Schicht (sie nennt es in Interviews oft „middlebrow“9, also die Normalverbraucher) online benutzt, um diese in einem zweiten Schritt zu verwenden und schließlich zu persiflieren.

Betrachterin und Produzentin

Ulman etabliert sich also zuerst als Betrachterin, um danach zu produzieren - eine Strategie, die in der Kunstgeschichte z.B. durch die amerikanische Fotografin und Konzeptkünstlerin Sherrie Levine als Appropriation Art bekannt wurde. In ihrer Arbeit After Egon Schiele (Selfportrait after Egon Schiele) 1982 hängte Levine in drei Reihen jeweils sechs Bilder in Passepartout-Format von Egon Schiele auf. Sie bestimmt damit ihre Position als Betrachterin und ihr Selbstporträt kann hier im Sinne von Roland Barthes „Tod des Autors“10 nur als Zitat der Arbeit anderer Künstler gelten. Inwieweit sich Ulmans Arbeit mit dem künstlerischen Subjekt und der Autorschaft beschäftigt, werde ich später erläutern; Ulman greift zwar nicht wie Levine auf bekannte Künstler zurück, sondern auf andere NutzerInnen der Plattform, die Aneignung deren optischer Zeichen passiert jedoch genauso. Zitathaft sind auf ihren Fotos typische Selfie-Posen zu sehen, Latte-Art, hübsch angerichtetes Essen und die Künstlerin selbst „meditierend“ im Lotussitz.

Produzentin und Darstellerin, Fiktionalisierung

Oft wird Amalia Ulmans Arbeit in eine Reihe gestellt mit den Fotoarbeiten der amerikanischen Künstlerin Cindy Sherman11, da beide im Bereich der Inszenierten Fotografie arbeiten. Weinhart beschreibt Shermans künstlerischen Prozess als eine Art Spaltung in zwei Instanzen: „in die Künstlerin, die das Bild entwirft und produziert und in ihre Darstellerin. (…) Der Bruch, den Sherman hier organisiert, liegt allein in der offenen Fiktionalisierung der eigenen Person“12. Amalia Ulman arbeitet ebenso als Arrangeurin und Darstellerin in ihren Bildern, zieht besagten Bruch jedoch noch weiter, indem sie die Fiktionalisierung zuerst versteckt und erst nach Abschluss der Performance, vier Monate später, offenlegt.

Bilder zweiten Grades

Dies gelingt ihr unter anderem durch ein in sich geschlossenes bzw. altbekanntes Narrativ, das sie erst am Ende entschieden auflöst („I was acting: it wasn't me.“13 ). Hier ist eine Parallele zum französischen Künstler Jean Le Gac zu ziehen, der in den 1970ern anhand von Foto-Text-Collagen ein fiktives Ich immer wieder neu konzipierte. In seinen Arbeiten sind Kombinationen aus Fotos, die ihn selbst bspw. beim Malen in der Natur zeigen, verbunden mit Texten, die darüber reflektieren. Da diese Bilder sehr nahe an seiner Tätigkeit als Künstler sind (oder vielleicht mit dieser übereinstimmen?), kann er mit dieser „Fiktion“ spielen. Genauso arbeitet Ulman: sie lud die Bilder auf ihrem Instagram-Profil hoch, auf dem sie bereits zuvor „echte“ Bilder von sich gezeigt hatte. Sie inszenierte eine Trennung von einem Exfreund, woraufhin sich die Geschichte entwickeln konnte - und mit hier als Hauptperson im selben Medium wie vor der Performance wurden die Bilder nicht hinterfragt. Auch hier ist, wie bei Le Gacs Fotos, von „Bilder zweiten Grades, d.h. Bilder über Bilder und Bildermachen“14 zu sprechen, wie es die Kunstwissenschaftlerin Susanne Düchting nennt, die mit der eigenen Biographie und Position spielen.

Performativität der Bilder

Genau dort wird auch der performative Aspekt von Ulmans Arbeit sichtbar: Ohne das Eingebunden- sein in einen spezifischen Kontext (ihre steigende Bekanntheit als Künstlerin, bevor die Performance aufgelöst wurde) und die Partizipation der Instagram-NutzerInnen, die ihre Arbeit kommentierten, würde sie jegliche Relevanz verlieren. Ulmans Fotos wirken - im Vergleich zu Shermans - in keinster Weise „inszeniert“ (da sie eben in diesen per se inszenierten Kontext eingebettet wurden) und besitzen kein künstlerisches Alleinstellungsmerkmal (im Gegenteil!), außer eben, dass sie inszeniert, vom virtuellen Publikum aber als „echt“ aufgefasst wurden. Der amerikanische Kulturwissenschaftler Philip Auslander thematisiert in seinem Essay „The Performativity of Performance Documentation“15 den Zusammenhang zwischen Performances und deren fotografische Dokumentation. Als theatrale Dokumentationsweise zählt Auslander Arbeiten im Bereich Inszenierte Fotografie: „The image we see thus records an event that never took place except in the photograph itself“16. Die Dokumentation von Performance anhand von Fotografien selbst ist für Auslander als Performance zu sehen und wir agieren, indem wir die Bilder betrachten und auf uns wirken lassen, als Publikum („second audience“17 ). Auch die Fotos von Excellences & Perfections funktionieren performativ: Sie spiegeln uns Handlungen vor, die nur für das Foto passiert sind - und performen damit eine fiktive Realität. Der Zeitraum der Performance verdeutlicht zusätzlich das Prozesshafte der Arbeit, die Reaktionen des Publikums, das hier als „first audience“ zu sehen ist (oder gleich als Mitakteur, bevor die Arbeit in die herkömmlichen Kulturräume wie Galerien etc. gelangt), zeigen sich an Likes und Kommentaren, fast wie während einer Live-Performance, bei der Mitwirkende Spuren hinterlassen. Diese Spuren werden nicht mehr direkt am Körper der Künstlerin hinterlassen - hier sei an die berühmte Performance von Marina Abramovic, Rhythm 0 (1974), erinnert, bei der die BesucherInnen die Künstlerin mit 72 verschiedenen Objekten „berühren“ konnten. Sie existieren jedoch virtuell in ihrer Kraft und Präsenz, wie auch Ulman selbst erzählt: „people started hating me“18.

[...]


1 Civre, „Instagram Sensation Amalia Ulman on the Difference between Fact and Fiction“.

2 Für die Fotos auf Amalia Ulmans Instagram-Account siehe: https://www.instagram.com/amaliaulman/.

3 Laux, „Vom Supergirl zur Trash-Bitch—Künstlerin-inszeniert-eine-Instagram-Tragödie“.

4 Weinhart, Selbstbild ohne Selbst.

5 Hoberman, „Das Medium meines Lebens“, S.136.

6 Vgl. Stoeber, „Nan Goldin“, S.154.

7 Vgl. Weinhart, Selbstbild ohne Selbst, S.163 - 167.

8 Vgl. Stoeber, „Nan Goldin“, S.157.

9 Friedlander, „Social Anxiety: Why Artist Amalia Ulman's Fake ,Middlebrow' Instagram Is No Different From Yours“.

10 Vgl. Weinhart, Selbstbild ohne Selbst, S.100.

11 Vgl. z.B. Taylor, „amalia ulman: meme come true“.

12 Weinhart, Selbstbild ohne Selbst, S.79.

13 Sooke, „Is this the first Instagram masterpiece?“.

14 Düchting, Konzeptuelle Selbstbildnisse, S.179.

15 Auslander, „The Performativity of Performance Documentation“.

16 Auslander, „The Performativity of Performance Documentation“, S.49.

17 Ebd., S.54.

18 Sooke, „Is this the first Instagram masterpiece?“.

Details

Seiten
9
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668315211
ISBN (Buch)
9783668315228
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341164
Institution / Hochschule
Universität Wien – Theater-, Film-und Medienwissenschaft
Note
1,4
Schlagworte
Amalia Ulman Instagram Excellences & Perfections Nan Goldin Jean Le Gac Inszenierte Fotografie Cindy Sherman Performance Fotografie Fotografie 2.0 Internet Poststrukturalismus

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