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Bedeutung der lateinischen Sprache für die Gegenwart. Diskussion anhand ausgewählter Texte

Non scholae sed vitae discimus?

Bachelorarbeit 2014 58 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Mittel- und Neulatein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Humanismus
2.1 Eine Definition
2.2 Das Bildungskonzept

3.De studiis et litteris liber
3.1 Leonardo Bruni Aretino
3.2 Analyse des Briefsde studiis et litteris liber

4. Der Kernlehrplan Latein NRW

5. Vergleich der Texte

6.FabulaPhaedri
6.1 Leben und Werk des Phaedrus
6.2 Die Fabel
6.3 Übersetzung der Fabelcicada et noctua
6.4 Analyse der Fabelcicada et noctua

7. Die Bedeutung der lateinischen Sprache für die Gegenwart

8. Schlussbemerkung

9. Literaturverzeichnis
9.1 Quellen
9.2 Philologische Hilfsmittel
9.2.1 Lexika
9.3 Sekundärliteratur

10. Anhang
10.1 Graphik

1. Einleitung

Aktuell prüft die Regierung in NRW, ob das Latinum als Voraussetzung für diverse Studiengänge an den Universitäten des Landes abgeschafft werden sollte. Auslöser dafür ist eine Online-Petition des Bochumer Asta, welche derzeitig mehr als 9000 Unterstützer vorweisen kann.1Doch warum muss die Bedeutung des Lateins, der Sprache der antiken Redner, Geschichtsschreiber, Dichter und Philosophen, auf deren Wissen unsere Kultur aufbaut, überhaupt begründet werden, wenn dies hingegen für die modernen Fremdsprachen nicht von der Gesellschaft gefordert wird? Wenn dies diskutiert werden soll, stellt sich folgende Frage:Non scholae sed vitae discimus? Geht das Lateinlernen über das reine Auswendiglernen von Vokabeln und Grammatik in der Schule hinaus oder kann und darf es genau darauf reduziert werden? All denjenigen, die behaupten, dass Latein eine tote Sprache sei und deshalb keine Relevanz für das heutige Leben habe, sei die Lektüre dieser Thesis ans Herz gelegt. Lektüre? - Ein gebräuchliches Wort in der deutschen Standardsprache, das auf das lateinische Wort für lesen, nämlichlegerezurückgeht. An dieser Stelle könnten ganze Listen von Entlehnungen aufgeführt werden, wovon jedoch im Hinblick auf den begrenzten Umfang dieser Arbeit abzusehen ist.2

Diesen Kritikern soll die Bedeutung der lateinischen Sprache für die Gegenwart, welche in dieser Arbeit erörtert wird, entgegengesetzt werden. Als Grundlage dafür dient das Bildungskonzept des Humanismus, da dieser der Antike eine große Bedeutung zuschrieb. Dieses wird an dem Briefde studiis et litteris liber, welcher von Eugenio Garin verfasst worden ist, exemplifiziert, an dem die Begründung für die Auseinandersetzung mit der Antike, und somit mit der lateinischen Sprache, herausgearbeitet wird. Zur Verknüpfung der Thematik mit der Gegenwart wird der Kernlehrplan Latein NRW untersucht. Beide Texte sollen dann verglichen werden, wobei Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufgezeigt werden. Als konkretes Beispiel für die Bedeutung der lateinischen Sprache wird eine Fabel des Phaedrus analysiert. Daraus ergibt sich eine Argumentation, welche untersucht, warum Latein heute nicht mehr die gleiche Wertschätzung erfährt, wie zur Zeit des Humanismus und dabei die Analyse voncicada et noctuamit den Resultaten der einhergehenden Kapitel miteinander in Beziehung setzt. Abschließend werden die Ergebnisse dieser Schrift in der Schlussbemerkung zusammengefasst und ein Fazit gezogen. Darüber hinaus wird ein Ausblick auf sich aus dieser Arbeit ergebende Forschungsgebiete gegeben.

2. Der Humanismus

2.1 Eine Definition

Der Humanismus ist eine europäische Bildungsbewegung, welche ihren Ursprung im 14. Jahrhundert in Italien hat, wo Florenz3dessen Zentrum darstellt4. Von dort aus weitet sich die Bewegung dann bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts über ganz Europa aus. Der gesellschaftliche Ausgangspunkt für den Humanismus war zum einen das „Städtewesen, an dessen wirtschaftlicher Blüte Adel und Bürgertum gleichermaßen Anteil hatten“5und damit einhergehend der Wohlstand, durch den „breite Kreise Wissen nicht mehr um der bloßen Daseinsbewältigung willen, sondern auch als Selbstzweck erstrebten“6, da sie ihrer Individualität Ausdruck verleihen wollten.7 Zum anderen hielten die Bürger Italiens „die Geschichte Roms, deren steinerne Zeugen überall sichtbar waren, als der eigenen Vergangenheit zugehörig“8. Daher fungierte die Antike mit ihrer Kultur und Literatur als Bezugspunkt für den Humanismus.

Im Zentrum der humanistischen Ideologie steht die menschliche Existenz in der Gegenwart, weshalb nach einem „humanen“ Maßstab für sittengemäßes Handeln des Menschen als Individuum gefragt wird.9 Eben daraus ergibt sich die Bezeichnung der Bewegung als Humanismus. Dessen Anhänger setzen sich mit „Sprache, Geschichte, Moral, Politik und […] Erziehung“10auseinander. Durch den Bezug zur Antike standen die Sprachen Griechisch und Latein im Fokus der Humanisten. Dabei wurde der Stil antiker Autoren wie Cicero dem der scholastischen Sprache, welche seit der Spätantike kursierte, entgegengesetzt und präferiert.11Denn sie wich von dem Stil des klassischen Lateins ab und wurde deshalb von den Humanisten als barbarisch bezeichnet. Festgehalten wurden diese Differenzen zwischen den Humanisten und den Kirchenvätern, welche sich auf dem Zusammenbruch von Kaiser- und Papsttum in Rom begründen12, in Lorenzo VallasElegantiarum linguae Latinae libri.13Mit ihren selbst verfassten Schriften schafften die Humanisten eine neulateinische Literatur, welche das letzte gesamteuropäische Werk bildet, da es nicht von den einzelnen Nationalsprachen geprägt ist. Darüber hinaus weckte auch die Politik das Interesse der Humanisten, wie die Kanzlerschaften von Coluccio Salutati, Leonardo Bruni und Poggio Bracciolini in Florenz illustrieren.14

Francesco Petrarca15erkannte den Wert der antiken Schriften als Exempla in ihrer Funktion als „Stilmuster und als Vermittler eines auf die Lebenspraxis bezogenen Wissens“16und verbreitete durch seine Werke die Freude an der antiken Welt, wie auch sein Freund Boccaccio17. Petrarca, der Cicero als Vorbild deklarierte, bekam sogar am 8. April 1341 für sein literarisches Schaffen die Dichterkrönung in Rom verliehen.18Schließlich war es Enea Silvio de‘ Piccolomini, der spätere Papst Pius II., der den Humanismus bis nach Mitteleuropa trug. Kaiser Friedrich III. holte ihn vom Basler Konzil an seine Kanzlei in Wien, wo dieser dann seine humanistischen Ideen auch außerhalb Italiens propagieren konnte.19

Macht erlangten die Menschen zur Zeit des Humanismus durch Sprache und zwar vor allem die Lateinische. Denn sie ist die Sprache der Vorbilder der Humanisten, mit ihr lässt es sich zu den Denkweisen der antiken Dichter und Denker vordringen und somit zum ideellen Attribut der Humanisten, dereruditio. Dieses Konzept wird als Meritokratie verstanden, da es für jeden möglich war, das Machtmittel Latein durch Fleiß, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen zu erlernen. Daher waren die Texte der Humanisten eben nicht nur für die obere Bürgerschicht bestimmt, sondern sollten allen zugänglich sein, damit sich der „Geistesadel, der über dem Geburtsadel steht und kostbarer ist als materieller Besitz“20 in der Masse verbreitet.

Die Zentren der Macht lokalisierten sich wegen ihrer Universitäten, Akademien und, einhergehend mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg um 1450, Druckereien in Städten. Jede Stadt entwickelte ein eigenes „geistiges Profil“21, dessen Schwerpunkt entweder mathematisch-naturwissenschaftlich oder literarisch-künstlerisch war. Man setzte sich mit Grammatik und Rhetorik auf textueller Ebene beispielhaft mit Reden von Cicero, Dichtung von Vergil, Geschichtsschreibung von Tacitus und philosophischen Werken von Seneca auseinander.

Durch den Buchdruck und die Umstellung auf Papier als Schreibmaterial im 14. und 15. Jahrhundert, war es den Humanisten möglich, ihre eigenen literarischen Werke und ihre Übersetzungen vom Griechischen ins Lateinische, welche sowohl die Dichtung als auch die Geschichtsschreibung und Rhetorik komplett umfassten22, und ihre Editionen antiker Lektüre kostengünstig und in großer Zahl zu vermarkten und damit ihre Ideologie zu verbreiten.23Diese waren von guter Qualität, da Abschreibfehler, wie sie vor Erfindung des Buchdrucks auftraten, vermieden werden konnten. Aus diesem literarischen Interesse heraus beschäftigten sich die Humanisten nicht nur mit lateinischer Grammatik, Syntax, Rhetorik und Geschichte, sondern betrieben auch Textkritik und fertigten Editionen antiker Werke an. Daraus entstand schließlich die Wissenschaft der Philologie.

2.2 Das Bildungskonzept

Als Vertreter dieser Bildungsbewegung war es die Hauptaufgabe der Humanisten, ihre Nachkommen im Hinblick auf ihre Ideale angemessen zu erziehen. Oberstes Ziel war dabei, die Humanität der Zöglinge zu fördern. Sie ist nicht von Natur aus veranlagt und wird nicht ohne Selbsttätigkeit des Menschen im Laufe seiner Entwicklung hervorgebracht.24Auf dem Verständnis des Humanismus als eine „umfassende geistige, literarische und künstlerische Strömung“ basiert das erzieherische Ziel der Allgemeinbildung. Das Bildungskonzept kann als „rhetorisch und enzyklopädisch“25 beschrieben werden, da es „den Menschen durch Beispiele, Bilder, Erfahrungen gelebten Lebens und durch den argumentativen Dialog zu vernünftigem Wählen und freiem Handeln“ leitet. Vorbilder gab es „in den lebendig gebliebenen oder wiederentdeckten materiellen und geistigen sowie künstlerischen Zeugnissen des Altertums“26. Ziel der Erziehung war der „kraftvolle, allseitig entwickelte Mensch […], literarisch und künstlerisch gestaltet und in der Lebenshaltung der Führungsschicht verwirklicht“27.

Der Anthropozentrismus wird im Humanismus dem Theozentrismus entgegengesetzt, da eben ὁ ἄνθρωπος in seiner Individualität und nicht mehr ὁ θεός im Mittelpunkt des Denkens steht.28Das humanistische Bildungskonzept konnte sich schließlich gegen das scholastische durchsetzen.29 Doch humanistische Bildung zieht die christliche Bildung mit sich, da die Vollkommenheit des Menschen sich aus der „antike[n] Lebensweisheit und [dem] religöse[n] Lebensgefühl“30zusammensetzt. Die Humanisten grenzten sich zwar von den Theologen ab, jedoch nicht von dem Christentum. Es war eben ihr Bestreben, auch dieses anhand ihrer Ideologie zu erneuern.31

Als Lehrer der humanistischen Studien fungiert derhumanista, dessen Ideal die „sapiens atque eloquens pietas“32ist. Im Gegensatz zu Gelehrten der Theologie ist dieser „eher noch universeller“33gebildet. Die Auseinandersetzung mit der Antike wurde alsstudia humaniora, einer neuen Art von Studien nämlich die klassische Altertumswissenschaft, bezeichnet.34 Diese beschreibt Coluccio Salutati, ein Kanzler von Florenz, in einem Brief an Ludovico degli Aldosi, des Herrn von Imola, als erster seiner Zeit einheitlich und programmatisch.35In Opposition dazu stehen die studia divinitatis.36 Auch diese Abgrenzung der verschiedenen studia geht auf die bereits erwähnten Differenzen zwischen Theologen und Humanisten zurück.

Der Mensch erhält im Humanismus eine höhere Wertschätzung, da die Bewegung auf der weltlichen Ebene ansetzt, wo dieser sich mit der Moralität, dem Charakter, der Lebensführung und dem angemessenen Stil auseinandersetzen soll.37Dabei wird auch Wert auf „Poesie und Rhetorik“38gelegt, welche seit dem Altertum an Bedeutung verloren hatten. Im Bildungskonzept des Humanismus stehen demnach „Bildung und öffentliches Leben“39immer in Korrelation zueinander. Und eben dies wird in Texten lateinischer Autoren wie Cicero und Quintilian thematisiert. Letzterer beschreibt in seinerinstitutio oratoria, welche von dem päpstlichen Sekretär Poggio Bracciolini 1415 in St. Gallen wieder gefunden wurde, sein Bildungskonzept mit dem Ziel, einen „tugendhafte[n] Redner“40auszubilden. An dessen Ideen orientierten sich die Erzieher des Humanismus wie z.B. Vittorino von Feltre.41Ebenfalls bedeutend war die Übersetzung der pseudoplutarchischen SchriftΠερίπαίδωναγωγής da sich diese ausführlich mit der Kindererziehung beschäftigt, wobei auf auch für den Humanismus bedeutende Themen wie Rhetorik und Moralität eingegangen wird.42

Die septem artes liberales des Bildungskanons im Mittelalter blieben im Humanismus als Basis erhalten, das Trivium und das Quadrivium wurden um philologische und naturphilosophische Inhalte erweitert.43 Zwar wurden auch Realien unterrichtet, jedoch lag das Hauptaugenmerk auf der Erweiterung literarischer Kenntnisse und Fertigkeiten.44 Außerdem bemühten sich die Pädagogen auch um die körperliche Erziehung ihrer Schüler, damit sich diese durch ihre Beweglichkeit im Militär beweisen konnten.45Allen Schülern sollte individuelle Förderung zu Gute kommen, weshalb einige Erzieher Einzelunterricht hielten.46Dies zeigt die hohe Wertschätzung, welche die Bildung während der Bewegung des Humanismus erfuhr, da in sie viel Geld und Zeit investiert wurde.

3. De studiis et litteris liber

3.1 Leonardo Bruni Aretino

Leonardo Bruni wurde 1369 in Arezzo geboren und starb am 9. März 1444 in Florenz.47Nach seinem Geburtsort wurde ihm der Beiname Aretino gegeben. Obwohl er aus armen Verhältnissen stammte, studierte er und kam im Zuge dessen nach Florenz. Dort lernte er bei einem Schüler Petrarcas, Johannes Malaghini aus Ravenna, die Rhetorik am Studio.48Außerdem übte er sich, mit der Hilfe seines Lehrers Manuel Chrysoloras, der als Diplomat und eben auch als Vermittler der griechischen Sprache und Kultur von dem byzantistischen Kaiser Manuel II. Palaiologos nach Westeuropa geschickt worden war, in der griechischen Sprache. Durch seine überaus sichere Sprachbeherrschung wirkte Bruni als Übersetzer der klassischen griechischen Werke ins Lateinische, wie z.B. einige Dialoge Platons und Aristoteles, und wurde damit zu einem der bedeutendsten Literaten des Humanismus.49Sein literarisches Schaffen wurde, durch seine Lehrer Malaghini und Chrysoloras, sowie Coluccio Salutati, der Bruni in seine humanistische Gesellschaft eingegliedert hatte, beeinflusst.50Über den Humanismus sagte Bruni: „Humanitatis studia nuncupantur, quod hominem perficiant et exornent“51, womit er diesem eine besondere Bedeutung zuspricht, da der Mensch seiner Auffassung nach erst durch das Betreiben humanistischer Studien zur Sittsamkeit erzogen wurde.

In die Politik trat er 1405 aktiv als päpstlicher Sekretär ein und wurde nach einer Pause, die er für literarische Aktivitäten nutzte, 1427 als Nachfolger Salutatis Kanzler von Florenz.52Während einer politischen Pause wirkte Bruni vor allem als Historiker, wobei er der Stadt Florenz mit seinem Werk Historia del popolo fiorentino,in lateinischer FassungHistoriarum Fiorentinarum libri XII, besondere Aufmerksamkeit schenkte.53

3.2 Analyse des Briefs de studiis et litteris liber

An dieser Stelle wird der Brief, den Bruni vermutlich zwischen 1422 und 1429 an Donna Baptista di Malatesta, die Tochter von Federicos da Montefeltre und die Gattin von Galeazzo Malatesta, des Herrn von Pesaro54, verfasst hat, analysiert. Zu dieser Zeit hatte sich Bruni durch seine Arbeit als anerkannter Schriftsteller und Politiker bereits in der Gesellschaft etabliert. Es handelt sich bei diesem Brief um eine Abhandlung über das wissenschaftliche Studium, wobei besonders auf eruditioals Synthese vonscientiarerumundperitia litterarumeingegangen wird.

Zu Beginn des Briefes beschreibt Bruni seine Intention, nämlich dass er Baptista zu ihrem vortrefflicheningeniumbeglückwünschen und sie dazu anregen möchte, dieses noch weiter zu entfalten. Gleichsam des Stils antiker Autoren wie z.B. Cicero55, verwendet er mit seinem Lob eine captatio benevolentae, um die Sympathie der Adressatin zu erlangen und dadurch seine Ideen eingängiger propagieren zu können. Grundsätzlich war eine solche Widmung eines Textes an Personen aus dem Fürstentum, wie hier an Baptista, zur Zeit des Humanismus üblich, da diese als „Prorektoren der neuen Studien“56fungierten. Durch ihre Zustimmung war es den Autoren möglich, noch größere Anerkennung in der Gesellschaft zu gewinnen. Die Besonderheit dieser Widmung liegt darin, dass sie an eine Frau gerichtet wurde. Anhand dieses Briefes möchte Bruni Vätern aufzeigen, dass es wichtig ist, dass auch ihre Töchter Bildung erfahren.57

Dass er vom Ruhm ihrer „admirabiles virtutes“58spricht, ist insofern auffällig, als dass er nicht auf ihre adelige Herkunft eingeht. Dies ist ein Kennzeichen der humanistischen Ordnung der Meritokratie, bei der jeder zu Höherem aufsteigen kann, wenn er nur mit Fleiß, Sorgfalt und Ehrgeiz dafür arbeitet. Dies gilt eben auch für Frauen, obwohlvirtusschon von der etymologischen Seite her Männern zugesprochen wird:vir-tus. Dafür, dass auch Frauen durch ihre Bildung glänzen können, gibt Bruni einige Beispiele anhand von bedeutenden Frauen aus der Antike wie Cornelia, Sappho oder Aspasia, die sich durch ihre rhetorischen Fähigkeiten und ihr Wissen auszeichnen (vgl. S.169). Der Hinweis, dass von letzterer sogar der gebildete Philosoph Sokrates noch etwas gelernt habe, unterstreicht nicht nur die Gelehrtheit Aspasias, welche sie wohl durch den Einfluss ihres Mannes Perikles, ein Staatsmann Athens, intensivieren konnte,59 sondern zeigt auch, dass Männer etwas von Frauen lernen können und schreibt ihnen damit eine Gleichberechtigung zu (vgl. S.169). Bruni erklärt, dass er anhand dieser Aufzählung Baptista zur „excellentia“ (S.169) im Hinblick auflitterae,studia undeloquentiaauffordern will. Damit definiert er Disziplinen des Humanismus, deren erfolgreiche Studien einen vollkommenen Humanisten hervorbringen. Hier zeigt sich, dass der Titelde studiis et litteris liberfür diesen Brief programmatisch ist, da er bereits die zentralen Aspekte des Werkes impliziert (vgl. S.168). Außerdem wendet Bruni mit der beispielhaften Aufzählung die Methode an, anhand derer die Humanisten die Antike erfahren sollen, nämlich durch die Vergegenwärtigung vonexempla.60

Die Anwendung dieser Methode legt er auch Baptista ans Herz, damit sie ihre Fähigkeiten weiter ausbaut: „Tantam enim intelligentiam ac tam singulare ingenium nec frustra tibi datum nec mediocribus contentum esse decet, sed ad summa spectare atque adniti“ (S.169). So fordert er nicht nur erneut die Orientierung an antiken Vorbildern, sondern auch den Willen, sich immer weiter zu entwickeln. Dies lässt sich wiederum als Postulat des Humanismus verstehen, dessen Anhänger nach „omnino […] praestantia(S.190) streben. Im Zuge dieser Forderungen kritisiert Bruni die Gesellschaft, da sie sich eben nicht um ihre Bildung bemühe und setzt diese dem bildungswilligen Volk der Antike entgegen (vgl. S.169). Damit wird er dem humanistischen Verständnis der Antike als vollkommene Zeit, der nachgeifert werden soll, gerecht.

[...]


1Vgl. https://www.openpetition.de/petition/online/abschaffung-der-latinumspflicht-fuer- lehramtstudierende (06.12.2014).

2Da dieses Thema an dieser Stelle nicht erschöpfend behandelt werden kann, vergleiche zur Bedeutung des Lateinischen im Gegenwartsdeutschen: Karl-Wilhelm Weeber:Rom-Deutsch. Warum wir alle Lateinisch reden, ohne es zu wissen. Frankfurt am Main 2006.

3Da dieses Thema an dieser Stelle nicht erschöpfend behandelt werden kann, vergleiche im Hinblick auf die Bedeutung der Stadt Florenz: Günther Böhme:Bildungsgeschichte des frühen Humanismus. Darmstadt 1984. S.21ff.

4Vgl. ebd.

5Manfred Fuhrmann:Latein und Europa. Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland von Karl dem Großen bis Wilhelm II. Köln 2001. S.29.

6Ebd.

7Ebd. S.30.

8Ebd. S.29.

9Winfried Böhm:Geschichte der Pädagogik.Von Platon bis zur Gegenwart. München 2004. S.47.

10Ebd.

11Da dieses Thema an dieser Stelle nicht erschöpfend behandelt werden kann, vergleiche im

Hinblick auf die Differenzen zwischen Humanismus und Scholastik: Manfred Fuhrmann: Latein und Europa. Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland von Karl dem Großen bis Wilhelm II. Köln 2001. S.40ff.

12Vgl. Günther Böhme:Bildungsgeschichte des frühen Humanismus. Darmstadt 1984. S.36.

13Vgl. Manfred Fuhrmann:Latein und Europa. Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland von Karl dem Großen bis Wilhelm II.Köln 2001. S.31.

14Günther Böhme:Bildungsgeschichte des frühen Humanismus. Darmstadt 1984. S.26.

15Vergleiche zu Petrarcas Wirken: Günther Böhme:Bildungsgeschichte des frühen Humanismus. Darmstadt 1984. S.59ff.

16Wolfgang Reinhard:Humanismus im Bildungswesen des 15. und 16. Jahrhunderts. Weinheim 1984. S.12.

17Juliane Jacobi, Hermann Weimer:Geschichte der Pädagogik. Berlin 1992. S.43.

18Manfred Fuhrmann:Latein und Europa. Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland von Karl dem Großen bis Wilhelm II.Köln 2001. S.29.

19Vgl. ebd. S.66.

20Wolfgang Reinhard:Humanismus im Bildungswesen des 15. und 16. Jahrhunderts. Weinheim 1984. S.13.

21Karl-Heinz Günther:Geschichte der Erziehung. Berlin 151987. S.94.

22Paul Oskar Kristeller:Humanismus und Renaissance I. Die antiken und mittelalterlichen Quellen. München 1974. S.23.

23Vgl. ebd. S.21.

24Vgl. Walter Hammel:Wege Der Bildung. Geschichte des Bildungsverständnisses. In:Schriftenreihe Erziehung-Unterricht-Bildung.Bd. 49. Hamburg 1996. S.1.

25Hans Scheuerl:Geschichte der Erziehung. Ein Grundriß.Stuttgart 1985. S.60.

26Winfried Böhm:Geschichte der Pädagogik.Von Platon bis zur Gegenwart. München 2004. S.47.

27Hans Scheuerl:Geschichte der Erziehung. Ein Grundriß.Stuttgart 1985. S.60.

28Vgl. ebd.

29Vgl. ebd.

30Günther Böhme:Bildungsgeschichte des frühen Humanismus. Darmstadt 1984. S.108.

31Ebd. S.108f.

32Hans Scheuerl:Geschichte der Erziehung. Ein Grundriß.Stuttgart 1985. S.60.

33Ebd.

34Ebd. S.58f.

35Vgl. Günther Böhme:Bildungsgeschichte des frühen Humanismus. Darmstadt 1984. S.106.

36Hans Scheuerl:Geschichte der Erziehung. Ein Grundriß.Stuttgart 1985. S.59.

37Ebd.

38Ebd.

39Benno Schmoldt:Zur Geschichte des Gymnasiums. EinÜberblick. Baltmannsweiler 1989. S.205.

40Juliane Jacobi, Hermann Weimer:Geschichte der Pädagogik. Berlin 1992. S.45.

41Ebd.

42Manfred Fuhrmann:Latein und Europa. Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland von Karl dem Großen bis Wilhelm II.Köln 2001. S.32.

43Vgl. Karl-Heinz Günther:Geschichte der Erziehung. Berlin 151987. S.92.

44Ebd.

45Ebd.

46Vgl. ebd.

47Vgl. Eugenio Garin:Geschichte und Dokumente der abendländischen Pädagogik II. Humanismus. Reinbek bei Hamburg 1966. S.161.

48Vgl. ebd.

49Vgl. Georg Voigt:Die Wiederbelebung des classischen Altertums oder das erste Jahrhundert des Humanismus. Bd. 2. Berlin 41960. S.163f.

50Vgl. Eugenio Garin:Geschichte und Dokumente der abendländischen Pädagogik II. Humanismus. Reinbek bei Hamburg 1966. S.161.

51Leonardo Bruni:Epistolarum.VI, 6.

52Vgl. Eugenio Garin:Geschichte und Dokumente der abendländischen Pädagogik II. Humanismus. Reinbek bei Hamburg 1966. S.161.

53Vgl. ebd.

54Vgl. Wolfgang Reinhard:Humanismus im Bildungswesen des 15. und 16. Jahrhunderts. Weinheim 1984. S.13.

55Vgl. Cicero:In Catillinam. III, 1.

56Wolfgang Reinhard:Humanismus im Bildungswesen des 15. und 16. Jahrhunderts. Weinheim 1984. S.13.

57Dieser Aspekt wird lediglich der Vollständigkeit halber erwähnt und wird nicht weiter behandelt, da er nicht substanziell für die hier vorliegende Arbeit ist.

58Vgl. Leonardo Bruni Aretino:De studiis et litteris liber.In: Eugenio Garin (Hg.):Geschichte und Dokumente der abendländischen Pädagogik II. Humanismus. Reinbek bei Hamburg 1966. S.168. Im Folgenden wird nach dieser Ausgabe unter der Angabe der Seitenzahl im fortlaufenden Text zitiert.

59Vgl. Bernhard Kytzler:Frauen der Antike. Von Aspasia bis Zenobia. Zürich 1994. S.34.

60Vgl. 2.1.

Details

Seiten
58
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668306257
ISBN (Buch)
9783668306264
Dateigröße
817 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341102
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,7
Schlagworte
Latein Bedeutung Gegenwart Sprache Humanismus Bildung
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