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Gewaltlegitimation durch Rhetorik? Analyse der medienpolitischen Darstellung der RAF anhand exemplarischer Bekennerschreiben

Hausarbeit 2012 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Propagandadefinition

3. Analyse von exemplarischen Bekennerschreiben unter besonderer Berücksichtigung der rhetorischen Mittel zur Propagandaführung
3.1 Die erste Generation
3.1.1 Geschichtliche Einordnung
3.1.2 Analyse der Erklärung zu den Anschlägen von Augsburg und München
3.2 Die zweite Generation
3.2.1 Geschichtliche Einordnung
3.2.2 Analyse der Erklärung zu dem Bombenanschlag auf das Hauptquartier der US Air Force in Europa in Ramstein
3.3 Die dritte Generation
3.3.1 Geschichtliche Einordnung
3.3.2 Analyse der Erklärung zu dem Anschlag auf die Rhein-Main-Air Base

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

"Die RAF hat in drei Generationen bis 1993 allein 35 Menschen ermordet und mehr als 100 Personen als Geiseln genommen oder gefangen gehalten. Sie war als bundesweit und darüber hinaus operierende terroristische Vereinigung fast drei Jahrzehnte lang eine erhebliche Gefahr für die innere Sicherung und Ordnung in unserem Staat.“[1]Wie gelang es der Rote Armee Fraktion[2]die hier beschriebene Gewalt innerhalb eines großen Teils der Gesellschaft zu legitimieren? "'New Stammheim. Leve de RAF Solidair' (Neu Stammheim. Es lebe die RAF Solidarisch)."[3]So steht es an einer Mauer der Strafanstalt "Bijlmer-Knast" in den Niederlanden.[4]Mit welchen Mitteln gewann die RAF über die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland hinaus, trotz der von ihnen begangenen Gewalttaten, Sympathisanten mit ihrer Ideologie? Diese Fragen der Gewaltlegitimation durch Rhetorik werden im Folgenden anhand einer literaturwissenschaftlichen Analyse von exemplarischen Bekennerschreiben der RAF behandelt. Dafür bietet sich eine chronologische Vorgehensweise an, da sich die RAF in drei Generationen gliedern lässt. Um eine fachliche Grundlage für diese Arbeit zu schaffen, wird vor der Analyse eine Definition zu Propaganda getroffen. Darauf folgt eine geschichtliche Einordnung der einzelnen Generationen, welche einen allgemeinen Wissensstand um die RAF gewährleisten soll. Auf Grundlage der Propagandadefinition schließt sich daran die Analyse an. Die verwendeten rhetorischen Mittel stehen unter besonderer Berücksichtigung, weil durch diese die Propaganda besonders bekräftigt wird. Die Ergebnisse werden in der Schlussbemerkung zusammengefasst und ein Fazit gezogen. Darüber hinaus werden sowohl die Schwierigkeiten als auch offen gebliebene Fragen, welche beim Verfassen dieser Arbeit aufgekommen sind, aufgezeigt, um Anregungen zu weiterer Forschung zu geben.

2. Propagandadefinition

Für die folgenden Analysen wird eine Propagandadefinition des Thymian Bender zugrunde gelegt. In dessen Buch "Propaganda. Konzepte und Theorien." beschreibt er Propaganda als eine Kommunikation, welche die "subjektive Realitätskonstruktion der Menschen"[5]verändert, wobei sie sich nach "dafür spezifischen Strategien" richtet. Dabei zeichnet sich Propaganda dadurch aus, dass sie objektiv erscheint. Die von ihr aufgezeigten Handlungsoptionen werden so als logische Schlussfolgerungen wahrgenommen. Zweck dieser Manipulation ist die Verwirklichung von "vorher definierten politischen Zielen"[6], zu denen "Gewinn oder Erhalt von Macht"[7]zählen. Damit geht der historische Aspekt der Propaganda einher, da die Öffentlichkeit die Entscheidungen auf der Ebene der Politik tangiert. Um diese von ihrem Vorhaben zu überzeugen, greift die Propaganda auf "sozialwissenschaftliche[n] Erkenntnisse[n] über den Verlauf von Persuasionsprozessen"[8]zurück. Dafür ist Wahrheit lediglich von Bedeutung, wenn sie sich mit ihrer Ideologie überschneidet oder "die Gefahr einer Aufdeckung von Lügen besteht".[9]Deren geringe Bedeutung spiegelt sich darin, dass bei der Verwendung von Sprache oder Bildern häufig eine Manipulation stattfindet, damit diese die Ideologie der Propagandisten widerspiegeln. Als Basis für Propaganda sind die Medien unabdingbar, da sie eines der Hauptmittel der Nachrichtenvermittlung darstellen und somit den größten Teil der Gesellschaft erreichen.[10]Über die Definition hinaus muss beachtet werden, dass sich Propaganda in verschiedenen Theoriekontexten verwenden lässt.[11]Von Bedeutung für diese Arbeit ist der Propagandabegriff als "Kampagnenverständnis von Propaganda".[12]Dabei wird sie als ein Instrument, um "ein klar definiertes Ziel"[13]zu erreichen, verstanden. Dieser Begriff von Propaganda wird in dem Bereich der Politik vor allem für den Wahlkampf als "Manifestation"[14]verwendet.

3. Analyse von exemplarischen Bekennerschreiben unter besonderer Berücksichtigung der rhetorischen Mittel zur Propagandaführung

3.1 Die erste Generation

3.1.1 Geschichtliche Einordnung

Die linksextremistische Rote Armee Fraktion, welche sich 1968 gründete, machte es sich zum Ziel gegen die politischen Gegebenheiten ihrer Zeit anzukämpfen. In ihrem Selbstverständnis als "politisch-militärische Organisation"[15]machte sie auch von Gewalt gebrauch, um den Fokus der Massen auf ihre Ideologie zu lenken. Kritisiert wurde nicht nur die Bundesrepublik Deutschland[16], sondern auch die Nordatlantische Verteidigungsgemeinschaft. Nach der Vorphase von 1968 bis zum Mai 1970 trat die erste Generation von Juni 1970 bis Juni 1972 in Aktion.[17]Zu den im Juni 1970 etwa zwanzig, überwiegend intellektuellen Mitgliedern gehörten unter anderen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Horst Mahler.

3.1.2 Analyse der Erklärung zu den Anschlägen von Augsburg und München

Die hier vorliegende Erklärung, welche von Ulrike Meinhof verfasst wurde, gilt den Anschlägen auf die Polizeidirektion in Augsburg und auf das Landeskriminalamt in München am 12.05.1972, welche die RAF als ‚Kommando Weisbecker‘ verübt hatte (Z.1-3).[18]Dieser Tatbestand wird im ersten Abschnitt (Z.1-3) kurz und sachlich geschildert. Die Wahrheit ist dabei für die Propaganda von Bedeutung, da sonst „die Gefahr einer Aufdeckung von Lügen besteht“.[19]Der folgende Abschnitt (Z.4-8) gilt der Kritik an der Polizei im Hinblick auf die Ermordung von Thomas Weisbecker. Dieser sei „im Zuge einer lange vorbereiteten Überraschungsaktion“ (Z.4-5) „ohne noch irgendwie reagieren zu können ermordet worden“ (Z.6). Die Verwendung der zitierten adverbialen Umstände dient der Verdeutlichung der Brutalität der Polizei und somit zur Legitimation ihrer Tat, indem auf propagandistische Weise „die subjektive Realitätskonstruktion der Menschen“[20]verändert wird. Der Mord sei von der Münchener Kripo und der Augsburger Polizei ausgegangen. Daher erklären sich die Angriffsziele der RAF: die Polizeidirektion Augsburg und der Parkplatz von der Landungsbesoldungsstelle und dem Landeskriminalamt München (Z.2). Die Selbstbenennung der RAF als ‚Kommando Thomas Weisbecker‘ (Z.30) fundiert auf diesem Mord. Sie zeigen Solidarität für den Ermordeten, was insofern ein Mittel der Propaganda ist, als dass sie sich als Rächer für den wehrlos getöteten Weisbecker darstellen und ein brutales Bild der Polizei erstellen.[21]Die RAF wendet sich direkt an die polizeilichen Behörden (Z. 9-17). Als Reaktion einer eventuell angestrebten Beseitigung der RAF „haben [sie] nunmehr zur Kenntnis zu nehmen“ (Z.9), dass sie „zurückschlagen werden“ (Z.10-11). Dieser bestimmende Ton, welcher durch den Imperativ (Z.9) bedingt wird, unterstreicht die Willensstärke der RAF. Die asyndetische Aufzählung „die Schutzpolizei, die Bereitschaftspolizei, die Kripo, der Bundesgrenzschutz“ (Z.11) verdeutlicht die starke Präsenz der Polizei, welche wie eine unausweichliche Belagerung wirkt. Der Bruch der asyndetischen Aufzählung durch die Konjunktion 'und' (Z.12) dient der Verdeutlichung der polizeilichen Korruption, da sie nicht nur „behördliche[n]“ (Z.12), sondern auch „politische Auftraggeber“ (Z.12) habe. Meinhof greift die Verbalphrase „haben zur Kenntnis zu nehmen“ (Z.9) erneut auf (Z.12), um die Dringlichkeit der Kenntnisnahme der Reaktion nicht nur auf eine Liquidation der RAF, sondern auch auf die faschistische Lösung sozialer Probleme zu betonen (Z.13). Der Faschismusvorwurf gründet auf den gewaltsamen Instrumenten der Problemlösung seitens der Behörden, welche als Parenthese asyndetisch aufgezählt werden (Z.14-15). Die Adjektive „rücksichtslos und hinterhältig“ (Z.15), in Bezug auf den Schusswaffengebrauch, werten das Bild der Polizei nochmals ab. Um Propaganda zu betreiben findet hier folglich eine „Manipulation semiotischer Kopplungen“[22]statt. Durch die asyndetische Aufzählung ihrer Einsätze wird diese Manipulation bestärkt (Z.16-17). Dabei weckt die Erwähnung des Polizeieinsatzes gegen ausländische Arbeiter beim Rezipienten Assoziationen an den Nationalsozialismus und rückt die Polizei in die rechte Szene (Z.17). Durch diese Häufung von semiotischen Kopplungen wird eine Propaganda betrieben, welche auf eine dichotomische Ideologie hinausläuft.[23]Die RAF wehre sich lediglich gegen die gewaltsam und unbedacht handelnde Polizei. Zuletzt widmet sich Meinhof dem Guerilla-Kampf, dessen sich die RAF bemächtigt (Z.18-28). Mittels der Anapher „die Taktik und die Mittel“ (Z.18) spricht sie ihm eine große Bedeutung zu. Eben diesen scheinen „die Innenminister und die Bundesanwaltschaft“ zu unterschätzen (Z.19-21), da es die Charakteristik der Guerilla sei, dass sie durch das Militär nicht liquidiert werden kann, „weil sie für die Interessen des Volkes kämpft“ (Z.22). Von welcher Bedeutsamkeit die Identifikation mit dem Volk für die Guerilla ist, beschreibt Mao Tse-Tung, auf den sich die RAF des Öfteren bezieht, in der Studie ‚Strategie des chinesischen revolutionären Krieges‘: "Die erste Bedingung, die aktive Unterstützung seitens der Bevölkerung, ist für die Rote Armee am wichtigsten.[24]Die RAF versteht sich als Vertreter des Volkes und verknüpft ihre Aktionen so mit einer positiven Konnotation, welches als ein Mittel der Propaganda gilt.[25]Auch die beständige Handlungsfreiheit sei bezeichnend für den Guerilla-Kampf (Z.23-24). Die „brutale[n] Selbstherrlichkeit“(Z.24) der Behörden, welche Meinhof zunächst indirekt charakterisierte, wird nun direkt benannt, um den beschriebenen Gegner der RAF möglichst negativ zu charakterisieren. Doch die RAF sieht sich außerdem von der Aktion eines anderen bedroht: „dem ‚kurzen Prozess‘ der Faschisten“ (Z.24-25). Dem „langen und langwierigen Prozess des Befreiungskampfes vom Faschismus, von kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung des Volkes“ (Z.26-27) will die RAF mit dem Aufbau des zuvor charakterisierten und durch das adjektivische Attribut „revolutionär[en]“ (Z.25) in seiner Bedeutung besonders hervorgehobenen Guerilla-Kampfes entgegentreten. Durch die Wortwahl „Befreiungskampf[es]“ (Z.26), „Ausbeutung“ (Z.27) und „Unterdrückung“ (Z.27) in Bezug auf die Bevölkerung der BRD vermittelt Meinhof ein Bild von Missständen, welche von der Polizei verursacht worden sind. In Folge dessen gerät jene immer mehr in die Kritik, was Meinhof für sich nutzt, indem sie die RAF auf die Seite des Volkes positioniert, um dessen Sympathie zu gewinnen. Dieses soll durch die Imperative „Kampf den Exekutionskommandos der Polizei!“ und die durch kursiven Druck optisch abgesonderten Parolen „Kampf der SS-Praxis der Polizei! Kampf allen Ausbeutern und Feinden des Volkes!“ (Z.28-29) aufgefordert werden den Befreiungskampf zu unterstützen. Die Polizei wird erneut mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht, indem sie der Verwendung von einer „SS-Praxis“ (Z.28, 29) bezichtigt wird. Diese propagandistischen Parolen werden als logische Schlussfolgerung und deren Aufforderungen als einzige Handlungsoptionen beschrieben, um die bestehenden politischen Verhältnisse zu verändern.[26]Aus dieser Analyse geht hervor, dass die RAF sich verschiedener distinktiver Merkmale der Propaganda bemächtigt,[27]um ihre Ideologie der Dichotomie der guten RAF, welche sich für das Volk einsetzt, und der bösen Polizei zu vermitteln.[28]Dadurch konnte es ihr gelingen neue Mitglieder für sich zu gewinnen.

[...]


[1]Prof. Dr. Kurt Rebmann: "Vorwort", in:Die Rote Armee Fraktion-RAF-,hg. v. Klaus Pflieger, Baden-Baden ²2007. S.11.

[2]Im Folgenden wird die Rote Armee Fraktion im fortlaufenden Text als RAF abgekürzt.

[3]Nicole Colin, Beatrice de Graaf, Jacco Pekelder, Joachim Umlauf: Der "Deutsche Herbst" und die RAF in Politik, Medien und Kunst. Nationale und Internationale Perspektiven, Bielefeld 2008. S.7.

[4]Vgl. ebd.

[5]Tyhmian Bussemer:Propaganda. Konzepte und Theorien.Wiesbaden 2005. S.30.

[6]Ebd.

[7]Ebd.

[8]Ebd.

[9]Ebd.

[10]Vgl. ebd. S.31.

[11]Vgl. ebd. S.32 ff.

[12]Ebd. S.34.

[13]Ebd.

[14]Ebd.

[15]Ebd.

[16]Im Folgenden wird die Bundesrepublik Deutschland im fortlaufenden Text als BRD abgekürzt.

[17]Vgl. Bernhard Rabert:Links-und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute.Bonn 1995. S.115.

[18]http://www.rafinfo.de/archiv/raf/raf-12-5-72.php Im Folgenden wird nach dieser Ausgabe unter der Angabe der Zeilenzahl im fortlaufenden Text zitiert.

[19]Tyhmian Bussemer:Propaganda. Konzepte und Theorien.Wiesbaden 2005. S.31.

[20]Ebd. S.30.

[21]Vgl. ebd.

[22]Ebd.

[23]Vgl. Ebd. S.30f.

[24]Iring Fetscher, Günter Rohrmoser:Ideologien und Strategien. Opladen 1981. S.104.

[25]Vgl. Tyhmian Bussemer:Propaganda. Konzepte und Theorien.Wiesbaden 2005. S.30.

[26]Vgl. ebd. S.31.

[27]Vgl. ebd. S.30f.

[28]Vgl. ebd. S.31.

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668307711
ISBN (Buch)
9783668307728
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341100
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,0
Schlagworte
RAF Terror Gewalt Legitimation Rhetorik Medien Bekennerschreiben
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